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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 2, 2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)
Erlebnisse mit dem Rattenfänger von Hameln
Darijana Hahn
Meine erste Begegnung hatte ich mit ihm in der Schule, 7. Klasse Gymnasium. Wir haben im Chor das Singspiel »Der Rattenfänger von Hameln« aufgeführt. Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, ich weiß nur, wie unsere Chorleiterin davon so sehr begeistert war, dass sie die Teilnehmenden bis zum Abitur regelmäßig darauf ansprach, wie gelungen das damals gewesen sei. Welche Rolle ich inne hatte, ist mir leider entschwunden. Ich kann nur vermuten, dass ich wohl eine Ratte war...
Es folgte eine lange rattenfängerlose Zeit. Bis er an der Hamburger Universität, Institut für Volkskunde, im Sagenseminar von Professor Dr.
Albrecht Lehmann, wieder in Erscheinung trat. Ich sollte ein Referat über die Sage des »Rattenfängers von Hameln« halten. Die Sache schien mir
kinderleicht, hatte ich doch das Gefühl, wie auf einen alten Bekannten zu treffen.
Aber das vermeintlich Bekannte und Vertraute, eine häufige Begleiterscheinung volkskundlicher Forschung, erwies sich naheliegenderweise - als sehr viel komplexer.
Da ist die zentrale Frage, die ich mir bis dahin nie gestellt hatte: Wer ist eigentlich der Rattenfänger? Und: Wohin brachte er die Kinder? Und, um zur volkskundlichen Frage zu kommen: Warum wurde diese Sage verbreitert, warum werden allgemein Sagen erzählt? Die beiden ersten Fragen
gehen miteinander einher.
Zunächst, als die Menschen anfingen, sich mit dem Rattenfänger auseinanderzusetzen, im 17. Jahrhundert, vermutete und fürchtete man, es könnte der leibhaftige Teufel gewesen sein. Das 18. Jahrhundert als das Jahrhundert der Aufklärung wendete sich von dieser Dämonisierung ab und deutete den Rattenfänger als Werber für Kinderkreuzzüge oder Bürgerwehren. Das 19. Jahrhundert wiederum brachte den Veitstanz ins Spiel, einer im Mittelalter tatsächlich grassierenden Tanzwut, der die Kinder zum Opfer gefallen sein könnten. Das 20. Jahrhundert schließlich lieferte Forschungsergebnisse, die zu solch verheißenden Überschriften führen wie: »Das Rätsel um den Rattenfänger von Hameln ist gelöst.«1 Hierbei dient der Rattenfänger wieder als Werber, jedoch nicht für Kriegseinsätze, sondern für die Ostkolonisation. Als Zielorte wurden in den 1930er Jahren Mähren und Siebenbürgen2 genannt und 1998 diskutierte der Göttinger Sprachwissenschaftler Prof. Jürgen Udolph seine Forschungsergebnisse, nach der die Hamelner Kinder in die Uckermark ausgewandert sein sollen. Über diese Erklärungen hinaus, die zum einen den Rattenfänger als Person identifzieren wollen und zum anderen in der Sage einen wirklich historischen Kern sehen, gibt es auch einen psychologischen äußerst denkwürdigen Ansatz. Die Autorin Fanny Rostek-Lühmann3 kommt zu dem Schluss, dass die Sage einen unterdrückten Wunsch von Eltern verarbeitet, nämlich am liebsten das eigene Kind wieder loszuwerden. Dabei geht sie von der häufig gebräuchlichen Anrede von Kindern als Mäuse oder Ratten aus:
»Folgen wir der Gleichsetzung von Kindern und Ratten, wird auch in dieser Version [in der Sage, Anm. der Verf.] ihr Tod artikuliert. Mithin lautet das Phantasma: >die Kinder mögen sterben!<«
Nun werde ich immer besonders hellhörig, wenn Mütter ihre Kinder »kleine Maus« nennen. Meine dreieinhalbjährige Tochter Louise sagte einmal ganz folgerichtig zur Erzieherin im Kindergarten, die sie mit »Guten Morgen, kleine Maus« begrüßte: »Aber ich bin doch gar keine Maus.« Wo ich mich mittlerweile an die Mäuseanreden gewöhnt habe, horchte ich doch erstaunt-entsetzt auf, wie eine Mutter auf dem Spielplatz ihr Kind tröstend in den Arm nahm mit den Worten: »Komm, meine kleine Motte«. Soll es Menschen geben, die sich über Motten freuen?
Wie dem auch sei, die Volkskunde liefert keine passgenaue Interpretation der Sage, sondern analysiert sie vielmehr als Auseinandersetzung des Menschen mit der Umwelt als kulturellem Gedächtnis. Während die einen dem Prinzip der Sage, an einem konkreten Datum und Ort zu geschehen, »auf den Leim gehen« und dahinter nach historischen »Wahrheiten« suchen, sieht die Volkskunde die auch heute noch aktuellen Elemente der Sage, die da sind: das Verhalten gegenüber offensichtlich Fremden in einer überschaubaren Gemeinschaft, die Furcht vor Ratten, das verletzte Gleichgewicht von Geben und Nehmen, das Halten eines Versprechens, die Angst vor dem spurlosen Verschwinden geliebter Menschen, insbesondere Kinder.
Dieses im Kopf wollte ich gerne den Rattenfänger gewinnbringend verarbeiten und einen Artikel über ihn veröffentlichen. Als Aufhänger fand ich das Wochenende 26./27. Juni 1999 ganz passend, den 715. Jahrestag des Ereignisses, das sich am 26. Juni 1284 zugetragen haben soll. Doch statt Interesse erntete ich Spott und Hohn. So sagte der Redakteur bei der »Stuttgarter Zeitung«: »Ach, lassen Sie mich doch mit dieser Rattenfängerei in Ruhe!« Dann versuchte ich es eine Stufe tiefer beim »Schwarzwälder Boten«. Dort empfing man mich auch nicht grade mit offenen Armen, aber wollte sich das nochmal überlegen. Allerdings dauert die Überlegung bis heute noch an... Ich hab schon lange nicht mehr dort angerufen, um den Stand der Dinge zu erfragen, doch wenn ich es tun würde, würde man mir sagen: »Wissen Sie, wir haben so wenig Platz. Wenn es sich mal ergibt, bringen wir es rein.« Aha!
Na gut, ich hatte es eigentlich schon fast verdrängt, als ich einen mir bekannten Redakteur der Geschichtszeitschrift »Damals« im Zug traf. Wir redeten und ich schlug ihm so mir nichts dir nichts eine fundierte Geschichte über den genau vor. Und siehe da nichts mehr erwartend er zeigte aufrichtiges Interesse. Kaum zu Hause haute ich in die Tasten, war Feuer und Flamme, dass es endlich was werden sollte, schickte es ab und bekam eine ernüchternde, fast schon beleidigende Antwort: »Bei dem Text ist wohl die Volkskundlerin mit Dir durchgegangen.«
Wie sollte ich das bitteschön verstehen? Eigentlich wollte ich den guten »Herrn Pfeifer« endgültig ad acta legen, als mich der Ehrgeiz packte und ich eine zweite, »entvolksgekundete« Fassung, präsentierte. Diese nun stieß auf Resonanz und wurde im November 2001 veröffentlicht. Der Text besteht hauptsächlich aus Was, Wo, Wie, Wann, aber das wirklich Interessante, das Warum, ist völlig ausgespart. Nicht nur, dass ich den Text selbst nicht
besonders prickelnd finde, er bereitete mir kurz vor Erscheinen noch aus anderen Gründen schier schlaflose Nächte. Denn gegen Ende des Textes verweise ich auf das Museum in Hameln, in dem natürlich auch die Rattenfänger-Sage dokumentiert wird. Ich beschreibe, was da alles über den Rattenfänger ausgestellt ist, ohne bis zu diesem Zeitpunkt selbst dort gewesen zu sein. »Was, wenn das gar nicht dort zu sehen ist?«, fragte ich mich, beruhigte mich aber wieder mit der Annahme, dass es garantiert selbstverständlich sei, die mannigfachen Dokumente4 am Ort des Geschehens sehen zu können. Schließlich bezeichnet sich Hameln doch auch als Rattenfängerstadt und benutzt den Pfeifer darüber hinaus als Logo. Immer wieder las ich den Museumsführer, in dem unter der Rubrik »Rattenfänger« aufgezählt wird, aus welchen Dokumenten und Zeugnissen die systematische Sammlung zum Rattenfänger besteht: Von frühen handschriftlichen Aufzeichnungen, die Bezug auf die Sage nehmen über literarische und musikalische Bearbeitungen bis zu Belegen für die Übernahme der Rattenfängerfigur durch die politische Karikatur. Und genau diese greife ich in meinem Schlusssatz auf:
»Eindrücklich sind auch Werbeplakate und politische Karikaturen, die demonstrieren, dass sich der Rattenfänger längst verselbständigt hat. Er ist zum zeitlosen Inbegriff des Verführers geworden im Guten wie im Schlechten.«
Doch wie ich zu meinem Entsetzen als ich ein halbes Jahr später dann endlich vor Ort war - feststellen musste, fehlen im Hamelner Museum nicht nur die politischen Karikaturen und Werbeplakate, auch nach den zahlreichen musikalischen Verarbeitungen sucht man vergebens. Als ich auf der obersten, freiräumigen Etage einer großen Struwelpeter-Sonderaus-stellung angesichtig wurde und einen Museumsmitarbeiter fragte, welche Verbindungen denn zwischen dem Struwelpeter und Hameln bestünden, antwortete er lapidar: »Keine. Aber das Museum muss eben sehen, wie es die Besucher anziehen kann.« Die Lockkraft der Flöte scheint nicht mehr ausreichend...
Bei meinem Hamelner Besuch an einem Sonntagmorgen mit wehklagenden Klarinettentönen in der Fußgängerzone bestätigten sich also meine Befürchtungen, dass ich etwas geschrieben hatte, was gar nicht stimmt. Schwarz auf weiß hatte ich dem Museum etwas angedichtet, was es gar nicht zeigt. Empörte Reaktionen in Form von Leserbriefen blieben glücklicherweise aus. Wo wir bei meinem weiteren Rattenfängererlebnis wären: Anfang des Jahres 2001 hatte das Nachrichtenmagazin »Spiegel» eine Titelgeschichte »Verschwundene Kinder«. Mein Mann redete auf mich ein, ich solle einen Leserbrief schreiben, in dem ich die Rattenfängersage ins Spiel bringe. So schrieb ich also folgsam eine E-Mail und erstarrte beinahe, als ich in der darauffolgenden Ausgabe (19.3.2001) meine Zeilen tatsächlich abgedruckt sah, die da lauteten:
»Als Volkskundlerin musste ich bei Ihrem Titelthema »Verschwundene Kinder« spontan an die Sage vom >Rattenfänger von Hameln< denken. Denn diese Sage, bei der am 26. Juni 1284 130 Kinder von einem bunt gekleideten Pfeifer auf Nimmerwiedersehen aus der Stadt Hameln gelockt wurden, ist ein eindrücklicher kulturhistorischer Beleg, wie sehr das Verschwinden von Kindern die Menschen seit jeher beschäftigt. Während zahlreiche Wissenschaftler seit dem 17. Jahrhundert bis heute immer wieder herauszufinden versuchen, was mit den Kindern wirklich geschah, sieht die Volkskunde in dieser Sage vielmehr die Verarbeitung einer kulturellen Grundangst, eben vor dem unerklärbaren Verschwinden von Kindern.«
Kaum hatte ich mich gefreut, dass meine Zeilen Beachtung fanden, quälte mich auch schon wieder das Gefühl, nun etwas geschrieben zu haben, was unveränderbar so in der Öffentlichkeit steht. Nun verfolgte mich der von mir einfach so runtergeschriebene Begriff »kulturelle Grundangst«. Kulturelle Grundangst? Kann man das so sagen? Auch hier blieben kritische Gegenstimmen zunächst aus. Zunächst. Bis nach gut einem Monat ein Brief aus Niedersachsen ins Haus geflattert kam, dessen Briefkopf mich schon stutzig machte, das Rathaus von Breslau:
»Sicherlich werden Sie sich über dieses Schreiben wundern. Aber ich komme gleich zum Punkt. Vor einiger Zeit las ich zufällig Ihren Leserbrief, den Sie zum Thema Kindesentführung im Spiegel geschrieben haben. Sie erwähnen da die rätselhafte Entführung der Kinder von Hameln im 13. Jahrhundert (Rattenfänger von Hameln). Dieses Geschehen ist aber zwischenzeitlich aufgeklärt. Ich habe einen Bekannten, der Ihnen über die Hamelner Sage eingehend Auskunft geben kann. Es gibt darüber auch eine Broschüre.«
Natürlich hab ich die so genannte Broschüre sofort angefordert und bekam ein aufwändig gearbeitetes, im Eigenverlag erschienenes Buch zugeschickt: Manfred H. F. Stiebler: Geschlecht Stiebler. Zeugen des Mittelalters. 1250 1500. 3. Band »Anno Domini 1284«. Bad Essen 1996. Darin schreibt der Autor im Vorwort auf Seite 8:
»Das Mittelalter bringt die deutsch-europäische Geschichte in Verbindung mit einem der ältesten schlesischen Geschlechter, das sich auf ein Jahrtausend erstreckt. Der Versuch wird unternommen aufzuzeigen, was unsere Ahnen in dem Zeitraum durchlebt haben. In vielfacher Form wurde von Historikern über das Mittelalter geschrieben, doch soweit mir bekannt ist, und das möchte ich besonders hervorheben, kann keiner der zahlreichen Autoren in seinen Werken seine Ahnen miteinbeziehen, wie ich es kann.«
Und auf Seite 17 heißt es:
»Nach 9-jähriger Klein- und Kleinstarbeit kann ich beweisen, dass meine Ahnen von jenen 130 Jugendlichen abstammen, die am 26. Juni 1284 zur Ostlandbesiedelung angeworben wurden. Damit wird die Rattenfängersage in Frage gestellt.«
Ob der Ahnenforscher Stiebler nun Recht hat oder nicht, sagt uns nicht das Licht, sondern das kann jede interessierte Person in seinem Buch selbst nachlesen, das ich der Volkskundebibliothek vermachen werde.
Apropos Buch: Neulich fand ich im Internet-Auktionshaus »Ebay« ein Märchenheft, das ich als 5-Jährige las, an dem ich sehr hing, das mir aber schon vor langer Zeit abhanden gekommen war. Als ich es endlich in den Händen hielt, war ich sehr nervös, zu sehen, welche Märchen da überhaupt drin waren. Denn richtig erinnern konnte ich mich nur an vier. Und siehe da: Es pfiff der Rattenfänger und die Ratten wuselten nur so über das Bild. Also muss ich meinen Eingangssatz revidieren: Ich lernte ihn nicht erst mit 13 in der 7. Klasse kennen, nein, mit jungen fünf. Dabei wurde mir einiges klar. Als ich mich im erwähnten Sagenseminar mit dem Rattenfänger beschäftigte und ich wie gesagt ein sehr vertrautes Gefühl hatte, war mir unklar, warum eigentlich. Ich konnte mich nicht wirklich an die Kennenlernphase erinnern, er schien einfach wie schon immer dazuzugehören. Ich wusste nur zu genau, dass niemand mir die Sage erzählt hatte, sie wurde mir also nicht »gesagt«, also in keinster Weise mündlich tradiert. Und das ist bei der Sage vom Rattenfänger von Hameln ja sowieso zu bezweifeln, dass sie mündlich tradiert worden wäre. Von früh an spielen Bilder und deren Vervielfältigung eine ausgesprochen große Rolle. Das würde ich im Zusammenhang mit Sagen sehr interessant finden, inwieweit welche Bücher zu deren Verbreitung beitragen, von kostbaren Büchern für Erwachsene über Schulbücher bis zu den Kinderbüchern.
Kinderbücher über den Rattenfänger haben wir mittlerweile fünf. Louise hört und guckt die Geschichte immer sehr gerne an. Nur am Ende ist sie immer sehr ratlos. Es vergeht kein Mal, wo sie nicht fragen würde: »Wo gehen die Kinder hin?« Die Antwort bleibe ich ihr schuldig.
In weltverbessernden Ausgaben, wie beispielweise der im Nord-Süd-Verlag erschienenen, heißt es: »dahin, wo es bessere Menschen gibt!«
1 Gefunden im Internet unter der Adresse: http://www.unet.univie.ac.at2 Heinrich Spanuth : Der Rattenfänger von Hameln. Vom Werden und Sinn einer alten Sage. 4., unveränderte Auflage. Hameln 1985. Wolfgang Wann: Der Rattenfänger von Hameln. Hamelner Landeskinder zogen aus nach Mähren. München 1984.
3 Fanny Rostek-Lühmann : Der Kinderfänger von Hameln. Untersagte Wünsche und die Funktion des Fremden. Berlin 1995. (= Reihe Historische Anthropologie; Bd. 23).
4 Veröffentlicht in dem äußerst anschaulichen Buch: Norbert Humburg: Der Rattenfänger von Hameln: die berühmte Sagengestalt in Geschichte und Literatur, Malerei und Musik, auf der Bühne und im Film, 2. Aufl., Hameln 1990.
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