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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 2, 2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)
Promotion im Graduiertenkolleg »Imaginatio borealis« in Kiel
Esther Leroy
Nach meinem Magisterabschluss im Sommer 1999 hatte ich die Möglichkeit, als Stipendiatin im Rahmen des Graduiertenkollegs »Imaginatio borealis Perzeption, Rezeption und Konstruktion des Nordens« an der Christian-Albrechts-Universität Kiel meine Dissertation zu verfassen. Dieses nahm, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, zum Wintersemester 1999/2000 seine Tätigkeit auf. Mit mir begannen im Oktober 1999 noch 16 weitere Doktorandinnen und Doktoranden mit ihrer Arbeit am Graduiertenkolleg. Die Spanne der vertretenen Fächer reichte zu dieser Zeit von Mittel- und neulateinischer Philologie und Mittlerer und Neuerer Kunstgeschichte über Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Neuere skandinavische Literaturwissenschaft, Romanischer Philologie, Slavischer Philologie, über Geschichte der Frühen Neuzeit und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte bis hin zur Volkskunde / Europäischen Ethnologie. Inzwischen ist das Graduiertenkolleg noch um weitere Fächer (Musikwissenschaft, Osteuropäische Geschichte, Klassische Philologie) erweitert worden.
Die gemeinsame Zielsetzung des Graduiertenkollegs war es, von einer europäischen Perspektive aus mentale Konzepte und diskursive Bilder des Nordens in Historie, Alltagskultur, Sprache, Literatur und Kunst in den Blick zu nehmen. Ein Schwerpunkt lag dabei auf der Bedeutung, die diese für das jeweilige kulturelle Selbst- und Fremdverständnis spielten und spielen.
Es soll jedoch nicht Ziel meines Berichts sein, das Graduiertenkolleg programmatisch und inhaltlich vorzustellen. Für diesen Zweck sind Informationen über die Gesamtkonzeption und die einzelnen Projekte auf der Homepage abrufbar.1 Statt dessen möchte ich mich auf die eigenen Erfahrungen konzentrieren, die ich dort machen konnte, um in die für Volkskundler / Europäische EthnologInnen noch eher selten angebotene Form der Erstellung einer Dissertation im Rahmen eines Graduiertenkollegs
einen Einblick zu geben.Das Veranstaltungsprogramm umfasste die in jedem Semester unter einem anderen Schwerpunkt stehende Ringvorlesung beispielsweise zu »Bilder des fremden Nordens von der Antike bis zur Gegenwart« oder »Der er-fahrene Norden. Reisen, Bilder, Stereotypen« sowie eine wöchentliche Kolloquiumssitzung. Die inhaltlichen Erkenntnisinteressen und -ziele des Graduiertenkollegs waren in einem ausführlichen Konzeptpapier festgelegt worden, das als theoretische Leitlinie immer wieder zum Tragen kam und intensiv diskutiert wurde. Die wöchentlichen Sitzungen im Kolloquium boten zusätzlich den Raum für die gemeinsame Lektüre bestimmter Basis-texte, für Theoriediskussionen und vor allem für die Vorstellung der Dissertationsprojekte, die in regelmäßigen Abständen erfolgte. Hier wurde von den Kollegiatinnen und Kollegiaten der Fortgang ihrer Projekte präsentiert und uns zugleich die Möglichkeit gegeben, die eigenen Thesen in der Diskussion immer wieder zu überprüfen. Gleichzeitig ergab sich so auch eine zeitliche Strukturierung des Forschungsprozesses.
Auf dem Veranstaltungsprogramm standen zusätzlich Tagungen und Exkursionen. Um die verschiedenen Aktivitäten der insgesamt doch recht großen Gruppe von 25 Personen zu koordinieren, bildeten sich verschiedene sogenannte »Kommissionen«, die sich um einzelne Bereiche der organisatorischen Aufgaben kümmerten: sie waren beispielsweise jeweils zuständig für den Internetauftritt des Graduiertenkollegs, die Vorbereitung von Tagungen, die Vorbereitung von Exkursionen, die Herausgabe der Publikationen und die Organisation des Studienprogramms. Neben den regel mäßigen Terminen übernahmen die Kollegiatinnen und Kollegiaten damit zusätzliche Aufgaben. Diese innere Struktur eines Graduiertenkollegs ist keine vorgegebene; dementsprechend sind in der zweiten Förderphase, die zum Wintersemester 2002 begonnen hat, auch andere Veranstaltungs- und Organisationsmöglichkeiten einbezogen.
Entsprechend der beteiligten Fächer und den individuellen Schwerpunkten der Kollegiaten und Kollegiatinnen war und ist auch die Palette der bearbeiteten Themen vielfältig. Dies zeigte sich bereits bei den beiden volkskundlichen Dissertationen.2 Allen gemeinsam war jedoch der Bezug auf einen geographischen oder imaginären Norden. Dieses Spannungsfeld zwischen Vielfalt und Einheit empfand ich als charakteristisch für die Arbeit im Graduiertenkolleg insgesamt.
Die interdisziplinäre Zusammenarbeit innerhalb des Graduiertenkollegs war denn auch ein Thema, das uns in unseren wöchentlichen Sitzungen immer wieder beschäftigte. Dabei wurden die unterschiedlichen Herangehensweisen der verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen deutlich. Mich selber brachte dies jedoch dazu, mich verstärkt mit meinem eigenen wissenschaftlichen Standpunkt und mit denjenigen unseres eigenen Faches zu beschäftigen. Oft ergaben sich in der Arbeit der Kollegiatinnen und Kollegiaten aber auch Überschneidungen, seien sie thematischer oder methodischer Art. Dies führte dazu, dass sich immer wieder kleine Arbeitsgruppen bildeten, die gemeinsam an einer Fragestellung arbeiteten. Zusätzlich bot die interdisziplinäre Zusammensetzung des Graduiertenkollegs die Möglichkeit, sich mit gänzlich fachfremden Themen zu beschäftigen. Sehr positiv war es meiner Ansicht nach auch, dass die Möglichkeit bestand, sich durch Gespräche mit den jeweiligen Fachvertreterinnen und Fachvertretern über die für die eigene Arbeit relevanten Forschungsergebnisse anderer Disziplinen zu informieren.
Im gegebenen Zeitrahmen von drei Jahren Förderungshöchstdauer zu promovieren ist durchaus ein arbeitsintensiver Prozess. Gerade die Einbindung in eine Forschungsgruppe empfand ich aber trotz der geschilderten Problematiken als durchweg förderlich, weil sie ein regelmäßiges und intensives Diskussionsangebot darstellte. Meiner Ansicht nach ist eine Promotion in einem Graduiertenkolleg eine durch und durch empfehlenswerte Möglichkeit.
1 http://www.uni-kiel.de/imaginatio/2 Während sich Thomas Winkelmann mit dem Thema »Populären Mythen vom Norden« im Zeitraum von 1960 bis 1985 auseinandersetzt, beschäftigte ich mich mit »Konstruktion(en) des Germanen in bildungsbürgerlichen Zeitschriften des deutschen Kaiserreichs«.
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