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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 2, 2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)
C90 Vom Umgang mit einem technischen Speichermedium.
SeminarberichtGerrit Herlyn und Thomas Overdick
»Wenn du dir von einem Mann eine Kassette aufnehmen läßt, erfährst du mehr über ihn, als wenn du mit ihm schläfst.«
Die Protagonistin Anne Strehlau in Karen Duves 2002 erschienenen Roman »Dies ist kein Liebeslied«
»Erwarte nicht, dass ich mit Dir in Deinen Lieblingsschallplattenladen gehe,
aber Deine Mix-Kassette werde ich immer wieder hören.«
Ausschnitt aus einer Kontaktanzeige in der Rubrik »Frau sucht Mann« in der Stadtzeitschrift »Szene-Hamburg«, 8/20011
Ein Seminar über bespielte Musikkassetten? Was zunächst wie die etwas abseitige und skurrile Idee zweier Dozenten wirkte, war als fast immer! ernstgemeintes Forschungsprojekt gedacht und entwickelte sich in einem hochspannenden Seminarverlauf zu einem Projekt, das im Frühjahr 2003 dank einer Kooperation mit dem Museum für Kommunikation in Hamburg mit einer Ausstellung seinen erfolgreichen Abschluss finden wird.2
Als wir im Wintersemester 2001/02 mit dem Seminar begannen, betraten wir kulturwissenschaftliches Neuland. Diesem bisher noch unerforschten Bereich des Medienumgangs sollte sich mit einem Zugang über Fragen der volkskundlichen Medien- und Technikforschung angenähert werden, der die Rezipienten als kreative Konsumenten in ihrer alltäglichen Mediennutzung berücksichtigt. Als theoretische Rahmung wurden ergänzen Fragen der Sachkulturforschung und der Technikgeschichte der privaten Musikaufnahme diskutiert sowie die biographische Verortung von Medienerfahrungen und das Mixtape im Kontext von Geschenktheorien untersucht. Parallel dazu wurde als empirischer Zugang die Durchführung von Interviews vereinbart. Dabei sollten Menschen befragt werden, die Mixtapes sei es als Aufnehmende oder Empfänger einen wichtigen Stellenwert in ihrem Leben einräumen. Dank des großen Engagements der SeminarteilnehmerInnen wurden schließlich über 80 Interviews geführt, sodass ein Textkorpus von etwa 870 Seiten für die Auswertung zur Verfügung stand. Die dazugehörenden Kassetten wurden als wichtige Objekte für die Ausstellung gesammelt. Für die Interviewten erwies sich das Thema als ein dankbarer »Aufhänger«, um an der Schnittstelle zwischen biographischer Selbstdeutung, Medienumgang und Popmusik bzw. Popkultur zu erzählen. Die Resonanz auf das Thema war sogar so groß, dass gar nicht alle, die gern interviewt werden wollten, interviewt werden konnten. Eine weitere Quelle neben den Interviews stellten rund 120 E-Mails und Briefe (teilweise mitsamt zugeschickter Kassetten) dar, die uns aufgrund eines Schreibaufrufes und der äußerst breiten Berichterstattung über das Projekt in Presse, Radio und Fernsehen erreicht haben.
In der zweiten Seminarhälfte ging es um die Auswertung der Interviews und die Aufbereitung der erhobenen und ausgewerteten Materialien für die Ausstellung. Einem induktiven Vorgehen folgend wurde der Textkorpus von den SeminarteilnehmerInnen gelesen und in gemeinsamer Diskussion mit der Bildung von Themengruppen eine inhaltliche Struktur erarbeitet. Im anschließenden Arbeitsschritt stand das Verfassen von Texten in Arbeitsgruppen im Vordergrund, in denen theoretische bzw. methodische Aspekte mit Belegstellen aus den Interviewtranskripten verknüpft werden sollten. Zweite wichtige Aufgabe war die Aufbereitung von Einzelporträts, mit der in der Ausstellung Mixtape-Erfahrungen plastisch dargestellt werden sollen. Die in den Gruppen entstehenden Texte bilden den Hauptteil der zur Ausstellung erscheinenden Publikation.
Im Folgenden möchten wir einen kleinen Einblick in das spannende Forschungsmaterial geben, der hoffentlich Appetit auf mehr macht.
Kassettengeschichten
Die Einsicht, dass der Umgang mit Medien von kreativen Prozessen begleitet wird, bei denen Um- und Neudeutungen vorgenommen werden, ist vor allem von den Cultural Studies mitunter auch sehr euphorisch thematisiert worden.3 Dabei kann der »Konsum« von Medienprodukten als »andere, lautlose Produktion« verstanden werden, vor dessen Hintergrund immer wieder neue Lesarten und Bedeutungszuschreibungen entstehen.4 Diese Kreativität im Medienumgang, lässt sich über eine kontextualisierende Betrachtung des Medienkonsums besonders gut erschließen.5 Die Personalisierung und Aneignung von Medienprodukten wird in den Mixtapes und den mit ihnen verknüpften Geschichten besonders greifbar und deutlich. Das kreative Potential liegt in der Neuzusammenstellung bzw. in der Verdichtung des je eigenen Musikgeschmacks, aber auch in der Gestaltung des Covers.
Doch bei aller Individualität der Gestaltung und den verbundenen Erinnerungen gibt es auch viele Gemeinsamkeiten im Umgang mit Mixtapes. Vergleicht man die verschiedenen persönlichen Kassettengeschichten miteinander, so bricht sich das betont Individuelle vor dem Hintergrund ähnlicher Erzählmuster und Bedeutungszuschreibungen. Dies zeigt, dass sich das Thema Mixtapes offensichtlich bestens dazu eignet, um persönliche Erinnerungen in der Generation der heute ca. 20- bis 40jährigen zu aktivieren und eigene Erfahrungen und Erlebnisse vor dem Hintergrund der popmusikalischen Sozialisation zu reflektieren. Die eigene Biographie wird anhand der eigenen Schallplatten- oder CD-Sammlung ausgebreitet. Im Interview mit einer 21jährigen Studentin wird besonders deutlich, wie die Kassette zum lebendigen Erinnerungsobjekt wird:
»Neben der Musik auf einem Tape verbinde ich halt auch Situationen oder Gefühle damit. Es ist so, dass auf der einen Seite irgendwie Erinnerungen geweckt werden können, man aber auch immer wieder neue Sachen damit assoziieren kann. Wenn du die Kassette später wieder hörst, ist die Assoziation zwar noch da, aber es kommt auch wieder eine neue dazu. Im Laufe ihres Lebens kriegt die Kassette ja z.B. Macken ab, Aussetzer und so weiter. Das sind für mich auch Zeichen, dass die Kassette mitlebt.«6
Die Bedeutung der Kassetten als Erinnerungsobjekte betont auch ein 44jähriger Ingenieur im Gespräch:
»Ich verbinde damit ja teilweise auch Personen, also wenn ich mir diese Kassette so anschaue, ich kann dann sechs, sieben, acht Leute nennen mit denen ich eine tolle Zeit hatte. Das ersetzt fast Fotos, eigentlich mehr als Fotos. Die Musik, wie sie mir damals gegenwärtig war, so sind mir auch die Leute so nah, obwohl ich sie teilweise auch nie mehr gesehen habe.«7
Ein weiterer Aspekt ist, wie sich Mixtapes selbst als Kommunikations-medien eignen. So beschreibt eine Interviewpartnerin die Kassette als ein »sehr persönliches Geschenk, auch eine persönliche Visitenkarte, etwas Emotionales zu schenken, ohne dass es aufdringlich wirkt«. Nicht immer, aber häufig fungieren die Kassetten dabei als Flirtinstrument, wenn durch die Musik und durch die Covergestaltung verschlüsselte (Liebes-)Botschaften mitgeteilt werden sollen. Mehrfach wurde in Interviews darauf verwiesen, dass die verschenkten Kassetten wie Briefe funktionieren und das gerade für Männer mit dem Sprechen durch und mit der Kassette gewisse Kommunikationshürden leichter zu nehmen waren. In einem Interviewbeispiel wird sowohl der bewusste Einsatz der Kassetten im zwischen geschlechtlichen Miteinander deutlich als auch die Möglichkeit der unverfänglichen Kontaktaufnahme mittels des Mediums Kassette:
»Klar, das übliche Ding halt. Man denkt, man kann die Frau vielleicht rumkriegen mit einem schicken Tape oder irgendwas in der Art. Aber das war echt immer die Überlegung, aus reinem Eigennutz, das Ganze irgendwo. ... Also [der] Text war für mich immer meistens nichts weiteres als ein Instrument sozusagen. Speziell natürlich bei englischen Sachen, weil ich in der Regel selten jemand war, der intensiv auf die Texte geachtet hat. Das kam dann eher ein bisschen später halt. Dann, klar, hat man auch schon mal Stücke aufgenommen, wo man dachte, das ist jetzt so ein Text, den könnte die Person so oder so verstehen. Also klar, ein Stück wie »I love you«, oder irgendwas in der Art, ist ja schon sehr direkt, aber letzten Endes eben auch nur ein Stück Musik, und hat dann auch wieder keine Bedeutung. Das heißt, man konnte sich auch notfalls, wenn es hart auf hart kommt, damit rausreden, dass das nur einfach ein Stück war, das man gut fand.«8
Etwas pointierter wird diese Geschenkfunktion in einer uns zugeschickten E-Mail beschrieben:
»ich habe im laufe der zeit unzählige tapes zusammengestellt und die allermeisten waren natürlich geschenke an mädchen von denen ich glaubte dass sie ein solches geschenk gebührend zu würdigen wüssten. Schließlich gleicht ja kein tape dem anderen und ist immer eine sehr persönliche angelegenheit. Im idealfall sollte die beschenkte person das tape anders (besser) verstehen als ein unabhängiger hörer. Auch gibt es wesentliche unterschiede zwischen dem ersten tape das man jemanden schenkt und eventuellen späteren.«9
Hier wird das Mixtape zu einem sehr persönlichen Geschenk ohne großen materiellen, aber mit einem hohen ideellen Wert, der nicht zuletzt in dem Zeitaufwand steckt, den man in das Aufnehmen einer Kassette investiert. Die Brieffunktion wird im folgenden Beispiel von einem 33jährigen Interviewten präzise formuliert: »Klar, ich hätte auch einen Brief schreiben können, aber der Vorteil bei einem Tape ist einfach, dass du dir dabei Zeit lassen kannst und dass du dich vieler Variationen bedienen kannst. Die Musik drückt vieles aus und auch die Texte, wie das symbolisch gemacht ist.«
In diesem Sinne ist das Mixtape tatsächlich als Kommunikationsmedium zu verstehen, das wie ein Brief funktioniert. Die Auswahl der einzelnen Lieder gleicht dabei der Suche nach den richtigen Worten und Formulierungen. Wie schwierig sich dies gestalten kann, zeigt die Schilderung einer 29jährigen Frau, die versucht, ihrer neuen Freundin eine Kassette aufzunehmen:
»Ich habe zwei Kassetten gebraucht. Als ich die erste Seite aufgenommen hatte und mir die Lieder dann angehört habe, dachte ich, >Du verrätst viel zuviel von dir<, weil ich zu viele deutsche Lieder aufgenommen habe, und zu viele Liebeslieder. Wir kannten uns ja gerade mal zwei Tage. Ich habe ihr die Kassette dann auch nicht gegeben, ich habe ihr eine Neue aufgenommen, wo ich nicht ganz soviel von mir verrate. Ich dachte irgendwie, das muss ich alles versteckter machen. Ich hab mich das nicht getraut. [...] Wenn man damit anfängt, jemandem eine Kassette zu schenken, so ein Mixding zu machen, da denke ich, das ist wie jemandem einen Brief zu schreiben. Du gibst was ganz Intimes preis.«10
Ein weiterer Aspekt, der im Zusammenhang mit den Kassettengeschichten interessierte, ist die Wahrnehmung des technischen Wandels bzw. der Übergang vom analogen zum digitalen Medium. Die 1963 von Philips auf den Markt gebrachte »Kompaktkassette«, die inzwischen im Verschwinden begriffen ist, gewinnt ihren Reiz immer mehr durch einen technik-nostalgischen Effekt: Analoge und digitale Medien stehen sich in dichotomen Vorstellungen von »alt« und »neu«, »kalt« und »warm«, »rational« und »emotional«, »organisch« und »anorganisch« gegenüber. Hier scheint auch der Grund dafür zu liegen, dass die Kassette als Medium gerade wenn es um Gefühle geht immer noch oder bereits wieder funktioniert. Ein Interviewgespräch geführt mit einem 22jährigen verdeutlicht dies. Die von ihm herausgestellte größere Emotionalität wird auch daran gekoppelt, dass der Aufnahmeprozess zeitintensiv ist und die volle Aufmerksamkeit des Aufnehmenden erfordert.
»Kassetten-Überspielen hat auf jeden Fall mehr Magie als eine CD zu brennen, bin ich der Meinung. Weil du hinterher auch noch eingreifen kannst und du später noch in gewisser Weise ein bisschen rummauscheln kannst mit den Liedern bei Kassetten meine ich jetzt. Bei einer CD ist das sehr viel statischer. Und wenn man sich so eine CD zusammenstellt und brennt, dann ist das nicht so vom Herzen meiner Meinung nach wie bei einer Kassette. Eine Kassette ist halt eine Kassette. Man sitzt auch die ganze Zeit irgendwie dabei: in Echtzeit. Man muss es sich wirklich alles anhören und man merkt auch, wenn ein Lied nervt. Dann muss man die Kassette zurückspulen und fängt wieder von vorne an, so ungefähr. Und das kannst du mit der CD nicht machen. Das ist mir schon oft passiert. Außerdem hat Kassette... Kassette rauscht, Kassette hat einen dumpfen Klang, Kassette ist lebendiger als eine CD auf jeden Fall. Kassette stirbt auch irgendwann, die rauscht dann nur und kann nicht mehr abgespielt werden.«11
Popmusik als generationelle VerständigungsgrößeDie große Resonanz auf das Kassettenthema legt nahe, dass die in die Jahre kommenden popkulturellen Milieus offenbar nach einer eigenen Geschichtsschreibung verlangen. So erklärt sich auch der große Erfolg des 2001 erschienenen Buches »Verschwende Deine Jugend«. Das vom Autor und Herausgeber Jürgen Teipel als »Doku-Roman» bezeichnete Buch spürt in zahlreichen Interviews mit den Protagonisten der damaligen Musikszene der Geschichte von Punk und New Wave in Deutschland nach.12 Herausgekommen ist ein nach Authentizität suchendes Werk, das eine vergangene Zeit als fremde Welt exotisiert eine eindrucksvolle Oral History auf der Suche nach einem kollektiven Gedächtnis einer sub- und popkulturellen Gemütlichkeit. Inzwischen ist die Musealisierung und Verklärung des Beginns von Punk und New Wave auch in einer Ausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle (»Zurück zum Beton«) zu bestaunen gewesen, und der Sprung von »Verschwende Deine Jugend« auf die Bestsellerliste bestätigt das Interesse an einer popkulturellen Geschichtsschreibung.
Auch jenseits der subkulturellen Avantgarde scheint es ein Bewusstsein von generationeller Geschichte zu geben. Popkultur im Allgemeinen und Popmusik im Speziellen funktionieren hierbei als Verständigungsgröße und sozial-kommunikativer Kitt im innergenerationellen Erzählen. Ein Diskussionsbeitrag im »Zeit«-Forum verweist darauf, dass Popmusik nicht mehr als jugendkulturelles und somit als Übergangsphänomen zu begreifen ist. Vielmehr ist der Diskutant darüber überrascht, dass bei ihm die gleichen biographischen Muster mit Anfang 30 wie im Teenageralter funktionieren, wenn es um die Mixtapes bzw. die Bedeutung von Popmusik geht:
»Retro, Retro allenthalben! Mixtapes gehörten für mich bislang zu den 1980er Jahren. Aus nostalgischen Gründen tauschte ich mit meinem besten Freund ab und an noch einmal Mixtapes aus, dann thematisch eingegrenzt (außergewöhnliche Coverversionen, außergewöhnliche Peinlichkeiten o. ä.) Das war stets lustig. Ich dachte, das wäre es gewesen, zwischen den Mixtapes und mir. Aber dann, ganz ungeahnt, verliebte ich mich neu, und reflexartig fand ich mich vor meinem Onkyo-Tapedeck wieder, kurz nachdem der erste Kuß getauscht war. Wie in den 1980er Jahren kam das Sendungsbewußtsein auf volle Touren, wurden die alten Alben hastig in den Fingern gewendet. Es endet nie, der Lauf der Dinge bleibt derselbe, egal, ob Mann mit 16 oder mit 33 verliebt ist. Bittere Erkenntnis? PS: Sie besitzt nicht eben viele CDs, aber das Album der Alben ist darunter: ABC/»Lexicon of Love«. Das mußte ein Zeichen sein.«13
Das Mixtape in der PopliteraturDas Thema »Mixtapes« durchzieht auch die sogenannte Popliteratur als wiederkehrendes Motiv. Bekanntestes Beispiel ist hierbei ohne Frage der Roman »High Fidelity« des britischen Schriftstellers Nick Hornby, dessen Held ausführlich die Regeln für das Aufnehmen von Mixtapes darlegt. Aber auch Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre (»Kassettenmädchen«), Christian Gasser (»Mein erster Sanyo«) oder Karen Duve (»Dies ist kein Liebeslied«) widmen sich dem Thema Mixtapes. Damit reihen die »neuen Archivisten«14 das Mixtape in einen Kanon von Zeugnissen der zeitgenössischen Medien- und Markenkultur ein, mittels derer sie das Lebensgefühl ihrer Generation pointiert zusammenfassen. Ihre Beschreibungen und Inszenierungen von popkulturellen Artefakten haben gerade für ihre jüngeren LeserInnen einen hohen Identifikationswert. Mixkassetten sind damit nicht nur ein Archiv für Musik, sie fungieren darüber hinaus auch in einem weiteren Sinne als Erinnerungsspeicher. In dem tragikomischen Roman »Dies ist kein Liebeslied« von Karen Duve, in dem die Lebensgeschichte einer jungen Frau erzählt wird, nehmen die von sechs verschiedenen Männern aufgenommenen Kassetten eine Schlüsselrolle ein. »Wenn du dir von einem Mann eine Kassette aufnehmen läßt, erfährst du mehr über ihn, als wenn du mit ihm schläfst«, lautet das Fazit der Protagonistin, als sie mit den Kassetten, die ihr von ihren Ex-Freunden aufgenommen wurden, nach London fliegt, um ihre hoffnungslosen Liebe ein letztes Mal zu sehen.
In diesem Sinne sind Kassetten somit auch ein Medium, um wie es im folgenden Interviewausschnitt heißt den »Soundtrack zum Leben« zu gestalten und zu archivieren:
»Eine Zeitlang hab ich dann vor allem Autofahrkassetten gemacht und auch Archivtapes. Archivtapes deswegen, weil meine zwei besten Freundinnen und ich die Lieder auf den Tapes zusammen raufgespielt haben. Meistens entstanden die dann zum Beispiel für Festivals, zum Jahresende oder einfach so. Da waren alle Lieder drauf, die für uns gerade wichtig waren, so wie ein Soundtrack zum Leben. Zwischendrin kamen dann immer Ausschnitte von Soundtrack-CDs oder Filmen, die halt zu bestimmten Liedern passten oder mal ein bisschen Ironie einfließen ließen.«15
Doppelte Böden
Mehr als überrascht waren wir vom medialen Interesse an unserem Projekt.16 Ausgehend von einem kurzen Artikel in der Ausgabe der »Szene-Hamburg« vom Dezember 2001 setzten rasch weitere Anfragen von Print-, Hör- und Bildmedien unterschiedlichster Couleur ein. So gab es etwa Printbeiträge in der »Zeit«, im »Stern«, im »Spiegel-online«, in der Schweizer »Sonntagszeitung« und in der wichtigen englischen Musikzeitschrift »Mojo-Magazine«, Fernsehbeiträge im »ARD-Nachtmagazin« und bei »Polylux« sowie Radiosendungen, die ein breites Spektrum zwischen »Neonlicht Das Großstadtmagazin« bei Deutschlandradio Berlin und XXL, dem Jugendprogramm des Hessischen Rundfunks abdeckten. Dabei »lebten« wir durchaus einen Widerspruch: einerseits »mediengerechte Happen« zu liefern und in tendenziell »bunten« Beiträgen verkürzt und verknappt dargestellt zu werden, andererseits aber auch von den Medieneffekten zu profitieren, indem immer wieder interessante Rückmeldungen auf das Seminarthema kamen, und so interessante Geschichten und Objekte gesammelt werden konnten.17 In dieser Hinsicht besonders positiv war etwa der Artikel in der »Zeit«18. Neben dem ausführlichen Bericht ist ein Forum eingerichtet worden, in dem »Zeit«-LeserInnen die Möglichkeit geboten wurde, eigene Geschichten zum Thema beizutragen. Dies wurde intensiv genutzt und bot uns zusätzliches Quellenmaterial.
Rolf Lindner hat auf das komplizierte und nicht mehr auflösbare Verhältnis zwischen Alltags-, Wissenschafts- und Medienkultur hingewiesen.19 Neben dem medialen Interesse an der Mixtapeforschung waren es auch andere Erfahrungen, die diese Einschätzung bestätigten. So wies mich etwa im Laufe des Seminars eine Teilnehmerin darauf hin, dass der Satiriker Max Goldt sich in einer seiner Kolumnen nicht nur mit dem Kassetten-Thema beschäftigt hat, sondern auch und hier wurde es kurios die Beschäftigung damit als wichtige volkskundliche Aufgabe bezeichnet:
»Eine bestimmte Art von Kassetten liebe ich indes sehr, nämlich solche, auf denen Jugendliche vor 20 oder 25 Jahren Poplieder aus dem Radio aufgenommen haben. Oft eiern diese Kassetten stark, zwischen den Stücken sind dicke, dumpfe Knackebrocken, und ab und an finden sich ein paar Moderatorenworte, welche aber jäh abgewürgt wurden. Ich habe noch einige giftgrüne Agfa-Kassetten, auf denen ich den englischen Servie von Radio Luxemburg aufgenommen habe, weil es dort die aktuelleren Liedchen gab. Ich denke, es wäre eine kluge Entscheidung, diese Kassetten auf CD zu veröffentlichen, denn es handelt sich um ein authentisches volkskundliches Zeugnis. Musikrezeptionshistoriker würden sich mir dankend die Finger lecken Alle Leute haben nämlich damals Musik aus dem Radio aufgenommen, aber meine Kassetten waren besonders schlampig, und sind daher besonders authentisch. (...) Heute nehmen nicht mehr so viele Leute Musik aus dem Radio auf. Es ist rezessives Brauchtum.«20
Quasi die umgekehrte wieder am Mixtape-Thema aufgehängte Wendung wird in der folgenden uns zugeschickten E-mail deutlich. Wird doch hier die Alltagswirkung eines auch für die Volkskunde wichtigen modernen Klassikers der Kultursoziologie thematisiert:
»Nun, ich bin ein Ex-Tape-Junkie. Meine halbe Jugend (oder mehr noch) habe ich damit zugebracht, den jeweils angebeteten Frauen per Tape zu zeigen wie cool ich bin. Nur einmal hatte ich damit Erfolg. Diese Beziehung endete jedoch so böse, dass dies mit keinem Tape der Welt in Musik zu fassen ist. Aber natürlich habe ich auch andere Tapes für Menschen in aller Welt aufgenommen. Es war eben mein Hobby. Für mich, wie für fast alle Hobby-Taper, stellt sich leider das Problem, keines der eigenen Kunstwerke zu besitzen. Die Tapes hat man ja nur für andere aufgenommen. Vermutlich kann man das »man« hier wörtlich nehmen, denn ich kenne nur eine einzige Frau, die ebenfalls ein Ex-Tape-Junkie ist. Lustigerweise, ist diese Frau jetzt meine Freundin. Ein Tape haben wir uns noch nie gemacht. Höchstens mal haben wir uns ganz sachlich eine CD aufgenommen oder so. Im Jahr 1994 gab ich mein Hobby (und meinen Wahn) blitzartig auf. Schuld daran war Pierre Bourdieus Buch >Die feinen Unterschiede<. Durch Bourdieu fühlte ich mich irgendwie ertappt: Ich war nichts weiter als kultureller Prahlhans - >schaut mal was ich für coole Musik höre und wie kreativ und sensibel ich bin.< Sehr peinlich! Unpeinlich waren eigentlich nur die schönen Covers, denn die waren ja von mir und mit eigenen Sachen, darf man ruhig angeben. So richtig peinlich ist die Sache aber auch nicht, denn schließlich hat man vielen Leuten ja eine Freude gemacht. Ich bin mal so arrogant zu behaupten, dass viele meiner Tapes noch heute gehört werden und dass, falls die Bänder abgenudelt sind, Sicherheitskopien oder Best-Of's erstellt wurden.«21
Mehr Geschichten, interessante Objekte, Hörbeispiele und weitere Einblicke in die Alltagsgeschichte populärer Musik werden in der Ausstellung »KassettenGeschichten. Von Menschen und ihren Mixtapes« ab dem 21. Mai im Hamburger Museum für Kommunikation zu erleben sein.
1 Dass sich der Text als erfolgreich erwies, bestätigte die Inserentin im »Zeit«-online-Forum, das zu einem Artikel über unser Seminar eingerichtet wurde: »Ich habe letztes Jahr die Kontaktanzeige auf der Suche nach dem richtigen Mix-Kassetten-Aufnehmer aufgegeben. Ich hatte es schon einmal vor 2 Jahren versucht und mich in den Mann mit der besten Mix Kassette verliebt. Was gibt es charmanteres als eine liebevoll aufgenommene Mix Kassette?« Vgl. http://www.debatte.zeit.de/WebX?128@234.C7toaLuii7M^4@.3001 b230.
2 Ganz herzlich bedanken möchten wir uns an dieser Stelle bei Oliver Rump, der sich von Anfang an für das Thema begeistern konnte und uns die Möglichkeit bietet, die Ergebnisse des Seminars im Museum für Kommunikation zu präsentieren. Die Ausstellung »Kassetten Geschichten. Von Menschen und ihren Mixtapes« wird vom 21. Mai bis 29. Juni im Museum für Kommunikation Hamburg zu sehen sein und im Herbst im Museum für Kommunikation in Frankfurt.
3 Andreas Hepp : Cultural Studies und Medienanalyse. Eine Einführung. Opladen 1999; Paul du Gay u.a.: Doing Cultural Studies: the story of the Sony Walkman. London 1997. Interessant an dieser Einführung in die Cultural Studies ist, dass der Walkman als Beispielthema fungiert, an dem das Kaleidoskop verschiedener Zugänge durchgespielt wird, das Mixtape aber keine weitere Erwähnung findet.
4 Diese kulturwissenschaftlich so relevante Einsicht von den reaktiven, aber auch kreativen alltäglichen Handlungpotentialen wurde von Michel de Certeau wie folgt formuliert: »Das Gegenstück zur rationalisierten, expansiven, aber auch zentralisierten, lautstarken und spektakulären Produktion ist eine andere Produktion, die als >Konsum< bezeichnet wird: diese ist listenreich und verstreut, aber sie breitet sich überall aus, lautlos und fast unsichtbar, denn sie äußert sich nicht durch eigene Produkte, sondern in der Umgangsweise mit den Produkten, die von einer herrschenden ökonomischen Ordnung aufgezwungen werden.« Michel de Certeau: Kunst des Handelns. Berlin 1988, S. 13.
5 Hermann Bausinger: Alltag, Medien, Technik. In: Harry Pross / Claus-Dieter Rath (Hg.): Rituale der Medienkommunikation. Gänge durch den Medienalltag. Berlin 1983, S.24-36. S. 30.
6 Interview geführt und transkribiert von Julia Grösch.
7 Interview geführt und transkribiert von Andrea Krämer.
8 Interview geführt und transkribiert von Caroline Kiekisch.
9 E-mail vom 8.2.2002. Die Rechtschreibung wurde nicht angepasst.
10 Interview geführt und transkribiert von Alexandra Reibenstein.
11 Interview geführt und transkribiert von Timo Schierhorn, verdichtet und bearbeitet von Helle Meister.
12 Jürgen Teipel: Verschwende Deine Jugend. Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave. Frankfurt a.M. 2001.
13 Vgl. Anm. 1.
14 So der prägnante Begriff des Literaturwissenschaftlers Moritz Baßler, mit dem er die AutorInnen der zumeist mit autobiographischen Zügen versehenen Bücher der Popliteratur benennt. Moritz Baßler: Der Deutsche Pop-Roman. Die neuen Archivisten. München 2002.
15 Interview geführt und verdichtet von Andrea Rützel.
16 Viele Journalisten waren am Thema so brennend interessiert, weil sie sich an eigene Erlebnisse erinnert fühlten und teilweise auch von uns interviewt werden wollten.
17 Zu den negativen Erfahrungen zählte etwa, dass ein Artikel im Hamburger Abendblatt erschien, ohne dass die Journalistin mit uns in Kontakt trat. Auch vor Live-Interviews im Radio zu nachtschlafener Zeit mit blitzwachen Gute-Laune-Moderatoren möchte ich warnen!
18 Jan Möller: Erhöre mich! in: Die »Zeit« vom 28.2.2002, S.55.
19 Rolf Lindner: Kulturtransfer. Zum Verhältnis von Alltags-, Medien und Wissenschaftskultur. In: Wolfgang Kaschuba (Hg.): Kulturen Identitäten Diskurse. Perspektiven Europäischer Ethnologie. Berlin 1995, S. 31-44.
20 Max Goldt: »Mind-boggling« Evening Post. München / Zürich 2001, S.12.
21 E-Mail vom 6.1.2002.
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