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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)
Das Vancouver Holocaust Education CentreUlf Wendler
Es gibt vielfältige Möglichkeiten, Exponate auszustellen und komplexe historische und aktuelle Inhalte zu vermitteln. Ich hatte im Jahr 2000 die Gelegenheit, während eines dreimonatigen Praktikums in Kanada das Vancouver Holocaust Education Centre (VHEC) kennen zu lernen. Es unterscheidet sich deutlich von herkömmlichen Museen.
Vancouver ist mit etwa 1,6 Millionen Menschen eine Stadt von der Größe Hamburgs und der bedeutendste Ort British Columbias, der kanadischen Provinz am Pazifik. In Vancouver gibt es wie in anderen kanadischen Großstädten »Community Centres«, also stadtteilbezogene Kulturzentren. Daneben bestehen Einrichtungen, die von ethnischen oder religiösen Gruppen betrieben werden. Ein solches ist das Jewish Community Centre in Vancouver. Es bietet Raum für vielfältige Aktivitäten, u.a. für das Vancouver Holocaust Education Centre (VHEC).
Das VHEC ist keine staatliche oder kommunale Einrichtung, sondern wird von einem Verein (»Vancouver Holocaust Centre Society for Education and Remembrance«) getragen. In Kanada und besonders in Vancouver haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Überlebende des Holocausts (Survivors) eine neue Existenz aufgebaut. So wurde der Verein 1985 von 15 Survivors gegründet. Er soll Intoleranz und Rassismus durch Lehre über und Erinnerung an den Holocaust abbauen. Dazu dient das VHEC, wo sich Survivors bis heute bei der Vermittlung maßgeblich engagieren.
Das Ziel des VHEC ist es, Vorurteile und Rassismus zu bekämpfen, indem den Bürgern von British Columbia (besonders Schülern, Studierenden und Lehrenden) die Ereignisse und Folgen des Holocausts erklärt werden. Dies geschieht durch folgende Maßnahmen:
- die Entwicklung und Verbreitung eines auf den Geschehnissen des Holocausts basierenden Schulungs- und Informationsprogramms sowie die Bereitstellung entsprechender Materialien für Schüler, Studenten, Lehrende und interessierte Gruppen
- die mit einem Schulungsprogramm verbundenen Ausstellungen
- das Sammeln, Bewahren und zugänglich Machen von persönlichen Zeugnissen von Survivors in British Columbia und von anderen Augenzeugen des Holocausts
- das Sammeln, Bewahren und zugänglich Machen einschlägiger Dokumente, Photographien und Gegenstände für die Forschung
- der Aufbau und Unterhalt einer öffentlichen Bibliothek mit Büchern, Zeitschriften und Videofilmen zu den Geschehnissen im und zur Lehre über den Holocaust
Angestellt sind beim VHEC sechs Personen. Neben der Direktorin Roberta Kremer sind dies die Koordinatorin für die Schulungsarbeit Frieda Miller, der Programmassistent Sean Matvenko, die Verwaltungsassistentin Jennifer Fillingham, der Forschungsassistent Daniel Fromowitz und die Koordinatorin für die Freiwilligenarbeit Rome Fox. Dieses Team ist der Kern einer lebendigen Organisation, die zum Zentrum der Survivors und der am Holocaust interessierten Öffentlichkeit in Vancouver geworden ist. Die Räume des VHEC umfassen einen Ausstellungsraum, einige wenige Büros der Mitarbeiter, einen Vortragssaal, die Bibliothek, ein kleines Archiv und einen weiteren Raum für Ausstellungselemente und das Zeitungsarchiv.
Das VHEC veröffentlicht zudem eine vierteljährlich erscheinende Zeitschrift, organisiert jährlich ein großes Kolloquium und verwirklicht Ausstellungen. Die herausgegebene Zeitschrift heißt »Zachor«, ein hebräisches Wort, das zum Gedenken auffordert. Zachor enthält Informationen zu allen öffentlichen Aktivitäten des VHEC, wie Ausstellungen, Lesungen und andere Veranstaltung (Informationsabende, der Survivor Drop In, der Second Generation Treff, usw.), Buchbesprechungen und eine Liste der neu erworbenen oder geschenkten Bücher der Bibliothek bzw. Dokumente des Archivs. Wichtig ist die Erwähnung der Spender, Sponsoren und Freiwilligen sowie die Gratulationen zu besonderen Gelegenheiten in den Rubriken »Thank You«, »Mazel Tov«, »In Sympathy«, »Thinking of You« und »Speedy Recovery«. Dies ist für die Menschen, die mit dem VHEC verbunden sind, von großer Bedeutung, weil sich mehr oder minder alle kennen. Diese Rubriken geben der Zeitschrift einen familiären Touch.
Im VHEC gibt es ausschließlich Sonderausstellungen und keine fest installierte Präsentation, weil die Räumlichkeiten dafür zu klein sind. Die Ausstellungen thematisieren den Holocaust aus ganz verschiedenen Blickwinkeln. Dies zeigt sich schon am Ausstellungsprogramm der letzten Jahre, dessen Themen von Holocaust-Comics über die jüdische Modebranche und Schanghai als letzte Fluchtmöglichkeit bis zu Objekten von Survivors reicht (»Maus: A Memoir of the Holocaust - an Exhibit of the Work of Art Spiegelmann«(1998); »Broken Threads: From Aryanization to Cultural Loss: The Destruction of the Jewish Fashion Industry in Germany and Austria« (1999); »Shanghai: A Refuge During the Holocaust« (1999); »Fragments. Personal Artifacts of Vancouver Holocaust Survivors« (2000)).
Die Ausstellungen sind in erster Linie für Gruppen, nicht für Einzelbesucher gedacht. Die Gruppen werden von Freiwilligen oder Mitarbeitern des VHEC geführt. Vermittelt werden außer den Inhalten der jeweiligen Ausstellung die grundlegenden Fakten über den Holocaust, der in den Lehrplänen kanadischer Schulen und Universitäten keine große Rolle spielt. An die Führung durch die aktuelle Ausstellung schließt sich ein Gespräch mit einem Survivor an. Die Holocaustüberlebenden erzählen von ihrem persönlichen Schicksal und den Zufällen, denen sie ihr Überleben verdanken. Dem Eindruck einer solchen Begegnung kann sich niemand entziehen.
Neben den Survivors, die ihre Erlebnisse mit den Besuchern teilen, gibt es einen festen Stamm von Freiwilligen für viele anfallende Arbeiten, wie z.B. den Aufbau von Ausstellungen. Ohne die Mithilfe dieser ehrenamtlich Mitarbeitenden wäre die Arbeit im VHEC nicht möglich. Die Freiwilligen sind ebenfalls Überlebende des Holocaust oder deren Nachkommen, Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft und sonst am Holocaust Interessierte.
Auf Grund der offenen Struktur (und des engen Finanzrahmens) sind ehrenamtliche Volontäre stets willkommen. So wurde auch ich herzlich empfangen, als ich durch die Vermittlung von Prof. Friedrichs von der University of British Columbia eher zufällig zum VHEC kam. Während meines dreimonatigen Praktikums war ich in den unterschiedlichsten Bereichen dort tätig. Nützlich konnte ich vor allem durch meine deutsche Muttersprache sein. Dokumente aus vielen Ländern und damit in vielen Sprachen Europas gelangen in das Archiv des VHEC, die ohne die Übertragung ins Englische nicht vollständig genutzt werden können. Ich übersetzte z.B. die aufgrund der Nazizensur deutsch geschriebenen Briefe einer französischsprachigen belgischen Familie aus Konzentrationslagern ins Englische. Die Übertragungen wurden für Ausstellungen verwendet und in das hervorragend sortierte Archiv des VHEC eingeordnet. Ich hatte auch Gelegenheit, als interessierter Zuhörer bei der Übertragung eines handgeschriebenen jiddischen Erlebnisberichtes über den Holocaust in der ukrainischen Provinz ins Englische teilzunehmen. Dafür möchte ich mich bei Dr. Shia Moser, David Schaffer und besonders bei Sheila Barkusky bedanken, welche mich geduldig in das hebräische Alphabet einführte und mir damit ein Tor zur jiddischen Literatur öffnete.
Auch bei der Recherche zu bestimmten Gegenständen, die in der Ausstellung »Fragments. Personal Artifacts of Vancouver Holocaust Survivors« gezeigt werden sollten, waren meine Deutschkenntnisse hilfreich. Der Schriftverkehr mit deutschen Museen und Institutionen zur Geschichte des Holocausts ist auf Deutsch einfacher und ergiebiger als in Englisch. Bei der Erarbeitung der Ausstellung »Fragments« war ich auch anderweitig beteiligt. So bearbeitete ich Landkarten, welche die Geschichte der einzelnen Ausstellungsstücke verorteten (seitdem bin ich ein Fan von Adobe Photo shop), und werkelte am aufwändigen Aufbau der Ausstellungselemente mit.
Daneben schrieb ich auch für einen der freiwilligen Helfer, der sich für seine deutschen Vorfahren interessierte, entsprechende Briefe an Archive und Pfarrämter und transkribierte in Sütterlinschrift verfasste private Briefe einer jüdischen Familie im Sudetenland aus den 1930er Jahren für eine weitere Person.
Die offene Atmosphäre des VHEC ermöglicht eine intensive Beschäftigung mit der bedrückenden Vergangenheit. Das Praktikum in dieser Institution hat mir nicht nur fachlich neue Eindrücke verschafft, sondern mich menschlich stark berührt. An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei allen Mitarbeitern des VHEC und bei Bronia Sonnenstein, Michel Mielnicki und Peter Parker bedanken, welche als Survivors ihre Erlebnisse mit mir teilten.
Das VHEC ist ein Zentrum von Aktivitäten, die sich mit der Geschichte des Holocaust beschäftigen, und ein Treffpunkt von Betroffenen wie Interessierten. Wer Kontakt mit dem VHEC aufnehmen möchte, kann sich an folgende Adresse wenden:
Vancouver Holocaust Education Centre
50 - 950 West 41st Avenue
Vancouver, BC
V5Z 2N7
Canada
E-Mail: holedctr@direct.ca
| Impressum | Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster |