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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



Ein Austauschsemester in der Schweiz

Jana Drewes


Kürzlich habe ich mir den Schreibtisch in meiner WG vorgenommen. Schreibtische haben gelegentlich den Nachteil, dass deren Arbeitsfläche langsam aber sicher zum Ablageplatz für allerlei Schreib- und Zettelkram mutieren kann. So ist es jedenfalls bei mir.
Irgendwann ist es dann Zeit, den Entschluss zu fassen, Ordnung in all das Chaos zu bringen. Das Schönste bei der Umsetzung dieses Entschlusses ist, zwischen all den Vorlesungsunterlagen, Mitschriften, Briefen, Kontoauszügen, Notizzetteln, Ordnern und Heftern, etwas zu finden, das einen zurück versetzt in eine vergangene Zeit. Mir ist dabei zum Beispiel neulich eine gelbe Mappe, mit der Aufschrift »Schweiz« wieder begegnet.
Die Schweiz - das heißt: mein erstes Semester im Ausland. Eine gute Zeit. Eine Zeit, an die ich mich unheimlich gern zurück erinnere. Im Wintersemester 2001/2002 habe ich, mit Hilfe des europäischen Austauschprogrammes für Studierende (Sokrates/Erasmus) an der Universität in Zürich studiert.

Der JEMAND, der die Antworten kennt
Bevor ich ein wenig über meine Eindrücke und Erlebnisse in Zürich schreiben möchte, vielleicht ein paar Tipps und gut gemeinte Ratschläge für all jene, die eventuell auch gerade ein ähnliches Vorhaben im Hinterkopf haben: Denn, wer beschließt, im Ausland zu studieren, sollte viel Zeit einplanen für die Vorbereitungen eines solchen Auslandssemesters.
Besonders die Informationsbeschaffung, die natürlich vor der Realisierung eines solchen Vorhabens unabdingbar ist, kann unter Umständen ganz schön am Kräfte- und Nervenpotenzial zehren.

Die Antworten auf diese Fragen hängen ganz entscheidend von drei Faktoren ab: Von der Informationspolitik innerhalb der Heimatuniversität. Wenn diese gut strukturiert ist und demzufolge auch gut funktioniert, ist das schon die halbe Miete. Vom jeweiligen Zielland, in dem sich die ausländische Universität befindet. Und nicht zuletzt vom eigenen Engagement und Durchhaltevermögen.
Ich jedenfalls wühlte mich durch diverse Broschüren mit allerlei Richtlinien und Paragraphen, mit Infos über Bewerbungsverfahren und Bewerbungsfristen, besuchte den DAAD und kontaktierte diverse AnsprechpartnerInnen von Sokrates-Erasmus - zum Teil mehrmals - telephonisch.
Meine Odyssee durch die gesamte Heimuniversität schien ein wirres Unterfangen zu sein. Und ob ich Aussicht auf wirklich verbindliche Hilfe bekommen sollte, war mir dabei zugegebenermaßen oftmals nicht klar. Das Dranbleiben hat sich dennoch gelohnt. Ich weiß heute schon nicht mehr, wer mir dann letztlich erklärte, dass es sich bei der Schweiz um einen Sonderfall handelte. Ich recherchierte im Internet und kam so an die richtige Kontaktperson an der Universität Zürich.
Also für alle, die es wagen wollen: fragen, nochmal fragen, weiterfragen, nicht beirren lassen und vor allem niemals aufgeben. Irgendwo gibt es immer jemanden, der die richtigen Antworten kennt. Die Kunst an der Universität besteht darin, diesen JEMAND zu finden.

Studieren in der Schweiz über SOKRATES/ERASMUS
Die Sonderstellung der Schweiz im Zusammenhang mit dem europäischen Austauschprogramm lässt sich folgendermaßen erklären: Normalerweise ist es so, dass die Heimatuniversitäten alle Outgoing Students aus dem eigenen - von Brüsseler Töpfen gespeisten - Finanzkontingent bezahlen müssen.
Die Schweiz ist ja aber bekanntermaßen kein Mitgliedsstaat der EU und kann somit theoretisch auch nicht an dem europäischen studentischen Austauschprogramm (Sokrates bzw. Socrates-Erasmus-Programm) teilnehmen. Da das Land (lobenswerterweise) trotzdem sehr stark daran interessiert ist, den interkulturellen Austausch von Studierenden zu fördern, bezahlen die Schweizer Hochschulen das Studium aller Incoming Students. Ein Telephonat mit der Sokrates-Beauftragten der Universität Zürich genügte, um die vollständigen Bewerbungsunterlagen zugeschickt zu bekommen.


Im Oktober des Jahres 2001 machte ich mich dann wirklich auf die Reise nach Zürich. Gewohnt und gelebt habe ich während des halben Jahres bei einer befreundeten Familie in Pfäffikon - einem Dorf im Zürcher Oberland.
Wer nicht von privaten Kontakten profitieren kann, dem sei an dieser Stelle gesagt: Kein Problem. Die Universität verfügt, wie wahrscheinlich jede Uni sonst auch, über genügend Schwarze Bretter, an denen man sich informieren kann über WG-willige, Wohnungs-bietende, Zimmer-vermietende Mitmenschen. Das Sokrates/Erasmus-Büro händigt zudem einen Wohnbulletin aus, in dem Adressen von Studentenhäusern und günstigen Unterkünften zu finden sind. Das Leben in Zürich selbst ist allerdings nicht gerade günstig. Für Wohnungs- und Lebenshaltungskosten sollte man auf jeden Fall mehr als in Deutschland einplanen.
Normalerweise zahlen die Studierenden in der Schweiz zudem Studiengebühren, ca. 640 Sfr. für ein Semester. Das ist im Vergleich zu Deutschland bzw. den Hamburger Semestergebühren viel Geld. Dadurch, dass ich über das Sokrates-Programm dort studiert habe, hat - wie vorhin kurz erwähnt - jedoch die Uni Zürich (also der Bund) diese Studiengebühr übernommen. Jeden Monat gab es erfreulicherweise zusätzlich ein Stipendium von ca. Sfr. 200, -.
Was mir persönlich in sehr guter Erinnerung geblieben ist, ist die Betreuung durch die Sokrates-Erasmus-Beauftragten vor Ort. Sie hielten
Informationsbroschüren über die Schweiz und über die Stadt Zürich bereit, verteilten Hinweise zu Themen wie Anmeldung an der Universität,
Anmeldung bei den zuständigen Behörden, Wohnen, Krankenkasse etc.
Speziell für Sokrates-Erasmus-Studierende existiert an der Uni in Zürich ein MentorInnen-System von Zürcher StudentInnen, welche den Gast-studierenden in jeder Hinsicht behilflich sind. Außerdem organisiert das »esn« (Erasmus-Student-Network) regelmäßige Ausflüge (nach Bern, Luzern, auch in diverse Ski-Gebiete), kulturelle Veranstaltungen und unterschiedlichste Treffen (Kneipenabende, Partys). Aber, ich war ja nicht nur für Ausflüge hergekommen...

Von der Volkskunde in Zürich und von den kleinen feinen Unterschieden
An das Studium im Institut für Volkskunde erinnere ich mich, wie eingangs schon angesprochen, deshalb so gern, weil ich mich dort von Anfang an schon irgendwie »Zuhause« gefühlt habe. Das Institut, nicht in der Rämistraße, sondern im Zeltweg 67 - und somit auch ein wenig abseits vom eigentlichen Campus gelegen, ähnelte meinem Empfinden nach stark dem Hamburger Volkskunde-Institut. Aber es gab schon auch kleine, aber feine Unterschiede.

Stichwort: Kommunikation.
In der Schweiz ist es so, dass sobald es öffentlich bzw. formal wird - somit also auch an Unis und an Schulen - hochdeutsch gesprochen wird. Die Vorlesungen, Seminare und auch die Diskussion und Kommunikation untereinander erfolgten also generell auf Hochdeutsch.
Ein Glück für mich, denn zumindest am Anfang hatte ich ein wenig Mühe, den Sinn von so manch einem mitgehörten Gespräch, das Schweizer unter sich in schweizerdeutscher Mundart führten, zu entschlüsseln. Zu Beginn meines Semesters in Zürich wäre ich vermutlich kläglich gescheitert, hätte ich einer Vorlesung auf Schweizerdeutsch folgen müssen. Wenn es allerdings darum ging, den Nachbarn um einen Stift zu bitten oder ein nächstes Treffen mit der Referatsgruppe zu vereinbaren, wurde es schon ein wenig komplizierter für mich. »Häsch mer mal en Schriiber?« kam da anstelle »Hast Du mal einen Stift für mich?«. Irgendwann ging ich abends nach Hause und habe meine Gastfamilie gefragt, ob sie nicht einfach mit mir ab heute Schweizerdeutsch sprechen könnten. Was sie dann auch prompt gern und voller Amüsement taten. Somit war mein anfängliches Kommunikationsproblem schnell aus der Welt.

Stichwort: Lehrangebot.
Um hier nur kostprobenartig einige Lehrveranstaltungen aufzuführen:
Interessante Einblicke in die Fachgeschichte, in die Strukturen und Profile speziell der Schweizer Volkskunde wurden mir gewährt durch Prof. Ueli Gyr. Durch ihn erfuhr ich auch durchaus Wissenswertes über die Feste und Bräuche in der Schweiz (u.a. über den Räbelichtli-Umzug, an dem ich - die Kinder meiner Gastfamilie bestanden darauf - selbst teilnehmen durfte). Ich lernte zudem Neues über die zentrale volkskundliche Kategorie »Alltag«. In einem, auf drei Semester angelegten, von (inzwischen Prof.) Dr. Walter Leimgruber geleiteten Seminar zum Thema »Mythos Heidi«, hatte ich die schöne Gelegenheit in einer Arbeitsgruppe mitzuwirken, die im Bereich PR und Merchandising Vorbereitungen für die Heidi-Ausstellung getroffen hat. Diese fand dank der engagierten Arbeit aller Arbeitsgruppen ein halbes Jahr später erfolgreich statt. Prof. Werner Mezger - eigentlich Professor für Volkskunde in Freiburg, aber in dieser Zeit als Gastprofessor in Zürich tätig, - hat ein sehr anregendes Kolloquium veranstaltet, in dem wir uns als SeminarteilnehmerInnen ausführlich mit selbstgewählten, aktuellen Texten und Beiträgen aus volkskundlichen Zeitschriften und Sammelwerken beschäftigten.

Was die Lehr- und Lernkultur angeht, so sind mir jedoch schon einige Unterschiede aufgefallen im Vergleich zur Hamburger Universität.
An der Uni in Zürich wird, so habe ich persönlich es insbesondere in meinen Nebenfächern Germanistik und Psychologie erlebt, zu einem
großen Teil klassischer Frontalunterricht erteilt. Die jeweilige Lehrperson steht vorn, und die Studenten - mich erinnerte das ein wenig an längst vergangene Schulzeiten - sitzen hintereinander an den Tischen. In Germanistik habe ich ein Seminar besucht, das in einem kleineren Vorlesungssaal stattfand. Die Teilnehmenden schauten also auf die Referenten hinunter.
Diese Form der Seminargestaltung animierte natürlich nicht gerade zum Diskutieren und erschwerte - nicht immer, aber zum Teil schon - die Kommunikations- und Interaktionsprozesse der Studierenden untereinander. In der Volkskunde wurden diese Strukturen zum Teil aufgebrochen und aufgelockert, Tische wurden hier auch mal kreis- oder u-förmig platziert - eben »wie Zuhause«.
Insgesamt sind die Seminare an der Zürcher Universität - so habe ich es jedenfalls empfunden und erlebt - schon zu Beginn des Semesters in ihren formalen, aber insbesondere inhaltlichen Abläufen festgezurrt. Referatsgruppen oder Referenten stehen bereits fest, inklusive der Themen. Die Veranstaltungen haben eine reguläre Struktur, die immer wieder gleichen Mustern folgt. Es läuft im Ganzen weniger chaotisch ab, als an deutschen Universitäten. Das hat meiner Ansicht durchaus Vor-, aber auch Nachteile.
Positiv ist mir zudem aufgefallen, dass die Seminare immer in überschaubarer Größe gehalten waren. Konstruktives Arbeiten und fruchtbare Diskussionen waren somit möglich.
Dass das Studieren in Zürich mir in vielerlei Hinsicht »leichter« vorkam, wird mit Sicherheit an der Transparenz der Zürcher Universität gelegen haben, die eine sehr gute Informationspolitik betreibt. Gerade in den großen Fachbereichen, wie zum Beispiel in meinen Nebenfächern Germanistik und Psychologie, war Service für die Studierenden und vor allem die Betreuung derselben erstklassig.
Auch die Ausstattung an Lehrmitteln und Arbeitsmaterialien hat mich sehr beeindruckt. Ein passendes Beispiel hierfür sind die Bibliotheken - oder besser: das bestehende, gut funktionierende Netzwerk aus mehreren Bibliotheken. Einem Studierenden der Universität ist es zum Beispiel, neben der Nutzung der Zentralbibliothek (ZB) und der jeweiligen Fachbereichs-Bibliotheken, gleichzeitig gestattet, in der ein paar hundert Meter entfernten ETH Bücher auszuleihen. Bei mir kam es jedoch nicht ein einziges Mal vor, dass ich nicht an ein Buch kam, das ich dringend zum Arbeiten benötigte. Dort mangelt es nicht an Büchern. Die Räumlichkeiten der Bibliothek sind hell und luftig, und es ist ein Ort gewesen, an den ich gern gegangen bin. Hier in Hamburg ist das etwa bei der SUB nicht so.

Ein entscheidender Faktor bei dieser guten Ausstattung ist natürlich die Hochschulpolitik des Landes. Während hier in Deutschland langsam aber sicher den Hochschulen mit dem Rotstift der Garaus gemacht wird, wird in die Schweizer Hochschulen investiert. Natürlich tragen auch die Studiengebühren dazu bei, dass ausreichend und modern ausgestattete PC-Arbeitsplätze vorhanden sind, dass das Vorlesungssäle modern und praktisch möbliert sind, dass ausreichend Freizeitangebote an der Uni vorhanden sind etc. Aber nicht zuletzt ist es auch eine weitsichtig agierende und gesunde Bildungspolitik, die dahinter steckt. Diese Weitsicht wünsche ich auch den Politikern Deutschland.

Fernweh
Gelohnt hat es sich allemal - dieses halbe Jahr. Es hat meinen Horizont enorm erweitert. Und das nicht nur im Hinblick auf das Fach Volkskunde, sondern auch bezogen auf die Entwicklung meiner eigenen Persönlichkeit. Der Studienaufenthalt in Zürich war von zentraler Bedeutung für mich. Ich habe die Möglichkeit gehabt, das wirklich schöne Zürich kennenzulernen. Ich habe einen authentischen Einblick in das Leben dieser Stadt bekommen, indem ich die Menschen und nicht zuletzt auch ihre Sprache - das Schweizerdeutsch - kennen und lieben lernte.
Ich halte deshalb jegliche Form von Mobilität und Austausch zwischen den Studierenden und Lehrenden der europäischen Universitäten für ausgesprochen fruchtbar. Partnerschaften zwischen den einzelnen Instituten fördern gemeinsame Aktivitäten und verbessern die Kommunikation zwischen den europäischen Universitäten. Wissen und Erfahrungen können auf diesem Wege gewonnen und untereinander weitergegeben werden. So ist es für jedes Institut - unabhängig vom Fachbereich - eine enorme Bereicherung, wenn eine Partnerschaft mit einem ausländischen Institut gepflegt werden kann.
Aus all diesen Gründen kann ich nur jedem Studierenden solch eine Erfahrung wärmstens empfehlen. Bei mir persönlich ist jedenfalls das Fernweh längst wieder entfacht. England ist bestimmt auch schön!

 
 

 

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