(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche
schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde
c/o institut für volkskunde)
Mit einem Bein im Alltag
Timon Bock
Was ist das? Hamburg, Ende September 2001: Jemand kündigt
Wohnung und Handyvertrag, packt in einen Koffer ein paar Klamotten, seine 15
Lieblings-CDs und ein dickes Wörterbuch, vergewissert sich des positiven
Kontostandes seiner Eltern, verabschiedet sich gebührend von seinen Angehörigen,
bezeugt noch schnell die standesamtliche Eheschließung eines besten Freundes,
führt noch ein letztes Telefongespräch nach Bilbao, von dem Telefonanschluss
aus, den bereits sein zukünftiger Ex-Mitbewohner alleine unterhält,
wirft zwei Stunden vor Abflug eine mittelmäßige Hausarbeit in den
Briefkasten des Instituts für Volkskunde der Uni Hamburg und findet sich
kurz darauf im rätselhaften Baskenland wieder, von wo aus er für neun
Monate nicht wieder nach Hamburg zurückkehrt.
Ist es a) die reaktionsschnelle und konsequente Antwort auf einen unerwarteten
Heiratsantrag aus Bilbao? b) die überhastete Reaktion auf einen ebensolchen
aus Hamburg? c) eine halbbewusste Verdrängungsstrategie um den drohenden
Magistertermin weiter hinauszuzögern? d) die pathologische Reaktion eines
passionierten FC St. Pauli Fans, der die Schmach nicht ertragen kann, keine
Dauerkarte für die zunächst wohl einzige Erst-Liga-Saison seines Vereins
bekommen zu haben, und sich aus Verzweiflung mit Jupp Heynckes für Athletico
Bilbao solidarisiert? Oder ist es e) die überstürzte Flucht vor einem
neuen Innensenator?
Nein, es ist nichts von alledem. Es ist schlicht und ergreifend der Versuch,
sich einmal von dem zu entfernen, was man gerne unter dem Begriff »Alltag«
zusammenfasst. Sicher kein bescheidener Wunsch, und der Volkskundler wird anmerken:
»Das ist nicht so leicht wie´s aussieht«, »Vorsicht
Falle«, oder ähnliches. Denn, wie wir wissen ist es oft gerade ein
konstitutives Element des Alltags, eben diesen abzulehnen, und vom Jenseits
des Alltags zu träumen. Im Rekurs auf Ernst Bloch könnte man sagen,
dass der Wunsch »nie wieder Alltag« letzteren als solchen erst hervorbringt.
Wo also bleibt der Alltag (und wo der Wunsch vom Anderswo), wenn man sich mit
Hilfe aller erdenklichen Mittel aus seiner alltäglichen Lebenswelt gelöst
hat?
Ist der Alltag immer dort, wo man selber ist? - Gute Frage, auf die hier nicht
generell geantwortet werden kann. Es sei lediglich ein Beispiel dafür gegeben,
dass der Prozess der Veralltäglichung einen durchaus kreativen Aspekt haben
kann.
Ein halbes Jahr bevor ich nach Bilbao fuhr, hatte ich ein Seminar über
Gemütlichkeit besucht. Obgleich nicht abschließend geklärt werden
konnte, ob diese denn nun tatsächlich ein speziell deutsches Phänomen
sei - wo es doch kein fremdsprachiges Äquivalent zu geben scheint, das
den
eigentümlichen Konnotationen dieses Begriffes wirklich entspräche,
- bestand weitgehend Einigkeit darüber, dass Gemütlichkeit vor allem
eine vermittelte und überindividuell geformte Praxis sei, die als solche
ein strukturierendes Element bestehender Alltagskulturen bilde. Ich selbst hatte
mich unter anderem deshalb für das Seminar entschieden, weil Gemütlichkeit
seit jeher einen konstanten und ausgesprochen wichtigen Faktor meines Alltags
bildete. Mich trieb also auch die Neugierde, etwas mehr über die Konditionen
und Funktionen dieses mir so bekannten Alltagsmoments zu erfahren.
Etwa ein halbes Jahr nachdem ich die gewagte These, Gemütlichkeit als subtile
Protestform am eigenen Alltag zu begreifen, in einer Hausarbeit vertreten hatte,
fand ich mich also in Bilbao wieder, weit weg von allem, was meinen Alltag bis
dahin zumindest äußerlich definiert hatte. Ich musste schnell feststellen,
dass es mit Gemütlichkeit dort unten tatsächlich nicht so weit her
war und ich trotz tiefster Zufriedenheit darüber, Hamburg einmal hinter
mir gelassen zu haben, etwas zu vermissen begann. Was genau es war, das ich
vermisste, wurde mir klar, als ich eines Abends mit meinem amerikanischen Mitbewohner,
Joe, im Wohnzimmer saß, Musik hörte, und wir die Beine auf jene Sofas
legten, in denen sonst der Rest der WG Platz fand. Überraschenderweise
bekundete Joe ein ähnlich bewegtes Gefühl, Zuhause angekommen zu sein,
und wir beschlossen, diese Praxis fortzuführen und im WG-Alltag zu institutionalisieren.
Da es äußerst schwierig ist, etwas zu propagieren und zu vertreten,
ohne eine passende Bergifflichkeit dafür zu haben, kreierten wir in Anlehnung
an das englische Verb »chill«, dass nicht nur im amerikanischen
Sprachgebrauch, sondern längst auch als eingedeutschte Version »chillen«
bekannt ist, das pseudo-spanische Verb »chilar«; und in Übereinstimmung
das Adverb »chilante« und die Verlaufsform »chilando«.
Diese Vokabeln stellten die diskursive Basis für den Einzug praktizierter
Gemütlichkeit in unserem Bilbaoer Alltag sicher.
Der einzige mir begreifliche Grund, warum die Muttersprachler die Vokabeln dennoch
nicht übernommen haben, liegt vermutlich darin, dass das ähnlich klingende
spanische Verb »chillar« (gesprochen »tschijar«) soviel
wie »kreischen« bedeutet und »chilar« daher komplett
ungemütlich klingt.
Dieser Fall von Vereinnahmung des Ausseralltäglichen durch den Alltag hat
mir allerdings noch etwas anderes verdeutlicht: Er demonstriert die heimtückische,
ja paradoxe Eigenschaft dessen, was wir Alltag nennen, gerade dort aufzutauchen,
wo man ihm aus dem Weg zu gehen versucht. Obwohl ich geplant hatte, dem Alltag
zu entwischen, machte sich - im Gewand des »Vermisst-werdens« getarnt
- ein eingespieltes Praxismuster Platz, das trotz seiner ausdrücklich positiven
Konnotationen möglicherweise bereits einen impliziten Protest am neu entstehenden
Alltag in sich trug.