Logo der Universität Hamburg Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie 
  UHH  ›  FB Kulturgeschichte und Kulturkunde  ›  Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie   Suche  

(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



GENUSSmittelKULTUR und was davon übrig blieb. Einblick in das Besucherbuch

Lydia Struck


Von »GENUSSmittelKULTUR« war am Morgen des 11. Februar 1999 im vierten Stock des Speicherstadtmuseums im Hamburger Freihafen noch nicht viel zu spüren. Aber an diesem Tag begann meine Aufgabe als eine der zwei Bauleiterinnen für das geplante Ausstellungprojekt über die Geschichte und aktuelle und alltägliche Nutzung von insgesamt zwölf Genussmitteln wie Kakao, Gewürze oder Tabak und Kaffee.

Ich traf mich also mit der Ausstellungsdesignerin Sabine Jank auf dem vierten Boden des Speicherstadtmuseums, um mit ihr den architektonischen Grundriss der Ausstellung mittels Zollstock, Schlagschnur und Klebeband auf dem Fußboden des alten Speicherbodens zu markieren, und mir von ihr alle architektonischen Pläne erklären zu lassen, sodass die unterschiedlichen Arbeitsgruppen der am folgenden Tag anrückenden »Baucrew« aus unserem studentischen Projekt genaue Anweisungen erhalten konnten.

»Heute war ich 5 Stunden da. Es ist so kalt auf dem Speicherboden, daß mein Hauch noch eine Weile im Raum stehen bleibt und ich das Klebeband mit Handschuhen aufgeklebt habe.« So steht es in meinen damaligen Tagebuchaufzeichnungen geschrieben. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnte, war, dass ich in den darauf folgenden drei Wochen bis zur Ausstellungseröffnung noch über 200 Stunden mit den Vorbereitungen beschäftigt sein würde ebenso wie die anderen 29 Studierenden, die an dem Projekt mitarbeiteten.

Die Ausstellung »GENUSSmittelKULTUR« war das kann man wohl im Nachhinein sagen ein Erfolg. Das gilt nicht nur für die mediale Rezeption, sondern allein über 20.000 Besucher wurden gezählt. Im folgenden Bericht soll es um das gehen, was von der Ausstellung als dauerhaft fassbares Zeugnis übrig geblieben ist. Es soll um etwas Kleines, eher Unscheinbares gehen, das jedoch für die Bewertung und die eventuelle Verbesserung einer Ausstellung von großer Bedeutung sein kann: das Besucherbuch.

Besucherbücher verschwinden mit dem Ende einer Ausstellung letztlich meist in irgendeinem Bücherregal oder Keller, ihnen wird nicht mehr viel Beachtung geschenkt. Zwar wird in Kultureinrichtungen immer mehr in Markforschung und Besuchererhebungen durch außenstehende Firmen investiert, aber dabei oft übersehen, dass die Meinungen der Besucher bereits gebunden und auswertbar im Besucherbuch in den Händen der Einrichtungsleitung liegen. »Auch die Rückkopplung vom Besucher lässt sich mit einfachen Mitteln auswerten: wenn Besucherbücher ernster genommen und ausgewertet würden...« 1 , heißt es in einem Bericht von Bernd Günter. Besucherbücher werden jedoch oft übersehen oder schlicht vergessen.

Im Allgemeinen dient das Besucherbuch, welches sich meist im Eingangsbereich einer Ausstellung befindet, als Ersatz für eine Person, die Lob und Tadel an der Ausstellung entgegen nimmt und wird damit zu einer Art »Lob- und Meckerecke«. Zudem hat es die Funktion, den Besuchern einer Ausstellung die memoriale Möglichkeit zu geben, den eigenen Besuch der Ausstellung zu verewigen (z.B. »Ich war da.«). Den Ausstellungsmachern ist es über die Meinungsäußerungen möglich, bereits während der Laufzeit der Ausstellung festzustellen, ob es irgendwelche Mängel gibt, an denen die Besucher sich stören und sie ggf. direkt zu beseitigen. Sie können die Ausstellung dadurch fachgerecht betreuen ebenso wie Lob sich für ein weiteres Marketing auszuwerten anbietet.

Bei Besucherbüchern fällt zunächst auf, dass eine gelungene Ausstellungseröffnung ausschlaggebend für den weiteren Verlauf der Kommentare ist. Die am ersten Tag als erste Meinungen in das Besucherbuch geschrieben Sätze haben tendenz-weisenden Charakter. Denn es ist wohl so, dass sich Besucher, die in das Besucherbuch schreiben, oftmals an den Kommentaren vorheriger Besucher orientieren.

Bei Ausstellungen, die am Anfang positiv bewertet wurden, fällt auf, dass sich der allgemeine Ton des Besucherbuches nicht wesentlich verändert. Gibt es anfangs Beschwerden, wird der überwiegend negative Ton oftmals beibehalten. Einmal diese Einschränkung bzw. notwendige Quellenkritik beiseite gelassen in jedem Fall lässt sich anhand des Besucherbuches feststellen, wie die Besucher einer Ausstellung diese wahrnehmen.

Nach diesen Vorüberlegungen möchte ich im Folgenden darüber berichten, wie Besucher die Ausstellung GENUSSmittelKULTUR wahrgenommen haben.

Es gibt sehr viel Lob und sehr viel Kritik, die teilweise angebracht ist, manchmal aber auch den flüchtigen Besuch der Ausstellung verdeutlichen. Denn es gab für viele Kritikpunkte in der Ausstellung eine schriftliche Vorab-Erklärung, die scheinbar von einigen Besuchern übersehen wurde. Ihre Kritik ist somit entweder unberechtigt oder aber sie ist als ein Hinweis zu verstehen auf die mangelnde Eindeutigkeit oder Kenntlichkeit der Vorab-Erklärung.

Um den Lesern dieses Berichtes die Ausstellung wieder in Erinnerung zu rufen und den Nichtbesuchern der Ausstellung diese so anschaulich wie möglich zu erklären, beschreibe ich diese kurz. Zudem füge ich einige ausgewählte Kommentare aus dem Besucherbuch ein, um an den entsprechenden Stellen die Kritik und das Lob an der Ausstellung deutlich zu machen. Bei der Beschreibung werde ich mich in der Reihenfolge der anzusprechenden Punkte am Aufbau der Ausstellung orientieren also an der Dramaturgie des von innen nach außen zu lesenden Konzeptes.

»Die Ausstellung ist in fünf konzentrischen Einheiten aufgebaut (Naturkreis, Produktkreis, Informationskreis, Geruchskreis und Genusspunkt), von denen jede eine Dimension von Genuß auf eigenständige Weise umsetzt. Zu diesen »Genuß-Kreisen« treten zusätzlich Seh-Achsen hinzu, die bei jedem (der zwölf präsentierten) Genußmittel den Weg von der Natur zum inszenierten Genuß vor Augen führen.« 2

Den nach dem zentralen Genusspunkt innersten Kreis bildete der Geruchskreis mit den »Geruchsstationen«. Es folgten im zweiten Kreis die mit Dias angestrahlten, auf dem Boden befestigten Projektionsflächen, die als flexible »Informationstafeln« inszeniert waren. Im dritten Kreis fanden sich die mit Produkten gefüllten, zwei Meter hohen und durchsichtigen Doppelstegplatten des »Produktkreises«, und ganz außen waren angesiedelt die grünlich angestrahlten, fast transparenten Papierwände, auf die von hinten der Schatten einer realen Pflanze projiziert wurde. Hinter den Papierwänden wurden diejenigen Herkunftspflanzen, aus der die vorgestellten Endprodukte hergestellt werden, präsentiert mit dem Ziel, zu einer anderen Wahrnehmung von und Bewusstseinsentwicklung über das jeweilige Genussmittel anzuregen. »Fascinating sensuous experience. Exellent displays.« 3


Genusspunkt

Das Zentrum der Ausstellung bildete der Genusspunkt, ein ellipsenförmiges, gepolstertes Podest, das BesucherInnen zum Verweilen einlud. »Das Bett mit den Vorhängen hat mir supergut gefallen! Hätte es am liebsten mitgenommen!« 4 Auf diesem Podest wurden nach Möglichkeit Schokolade oder Espresso von den jeweiligen Betreuern der Ausstellung serviert bzw. angeboten. »Danke für Espresso und Bonbon.« 5 »Lecker!« 6 Der Genusspunkt war eine sehr beliebte Station bei den Besuchern. Ein paar Besucher berichteten noch vor Ort, dass sie sich auf das Podest gelegt und den mechanischen Klängen der Diaprojektoren gelauscht hätten und dabei an die Schokoladenherstellung denken mussten, während sie Schokolade aßen. Andere setzten sich, um den Katalog zu lesen. Und Kinder nutzten ihn für eine kleine Hüpfpartie. Aus dem Korpus des 3,30 m langen und 1,50 m breiten Podestes strahlten Bodenstrahler in genau berechneten Winkeln in die jeweiligen Richtungen der ausgestellten Genussmittel und führten so den Blick des Betrachters von der Genusssituation aus dem von Vorhängen umgebenen Genusspunkt hinaus in den stimmungsvollen Raum.

Geruchskreis

Der innerste Kreis, der »Geruchskreis«, bestand aus zehn flexiblen Plexiglasrohren mit elektrischem Aromadiffusor. Sobald man diese Rohre zu sich heran zog, strömte der Geruch eines der vorgestellten Genussmittel heraus und nahm den Geruchssinn der Besucher in Anspruch. »I had a great experience in the world of smells. Thanks for waking up my nose.« 7 Diese zudem phosphoreszierenden Plastikrohre sind bei den meisten Besuchern sehr beliebt gewesen.

Denn da sie nicht beschriftet waren, boten sie eine Gelegenheit, den eigenen Geruchssinn zu testen und zugleich einige der Düfte zu genießen. »Ich habe nie ein Museum mit Geruch gesehen.« 8

Informationskreis

Die Informationstexte, die in Form von Textabschnitten mittels Dias auf die Informationsflächen wurden, waren seitens der Besucher der größten Kritik ausgesetzt. Kommentare wie: »Schöne, sinnliche Ausstellung! Die Texte hätten allerdings noch einmal Korrektur gelesen werden sollen!« 9 oder auch: »Tolles Konzept, nur die Texte (Dias) wechseln zu schnell. Ansonsten ein sinnliches Erlebnis.« 10 sind sehr häufig im Besucherbuch zu finden und sie waren berechtigt. Besonders das schnelle Tempo des Dia- und damit Textwechsels wurde vielfach bemängelt. Dieser Mangel war auf ein technisches Problem zurückzuführen, das erst nach drei Wochen behoben werden konnte. Dementsprechend ist das Besucherbuch drei Wochen lang mit Kommentaren über dieses Problem bespickt. Erst dann lässt diese Kritik nach, und gelegentlich wird sogar geschrieben, dass das Tempo nun zu langsam sei, bis die Texte wechseln. »Eine schön gemachte erlebnisreiche Ausstellung. Leider wechseln die Texte für mich zu langsam. Das macht es anstrengend. Trotzdem hat es mir sehr gut gefallen!« 11

Produktkreis

Der Produktkreis hatte eine starke Wirkung auf viele der Besucher. Sie waren fasziniert von der farbigen Vielfalt der in den transparenten, schmalen »Schaukästen« - nämlich den in den Doppelstegplatten eingefüllten - gezeigten Produkte. »Die Darstellung der Rohstoffe in den eckigen Säulen hat mir besonders gut gefallen. Außerdem ist die Beleuchtung der Raums perfekt. Man wird in die richtige Stimmung versetzt, bzw. man bekommt den Eindruck, zu entschleunigen!» 12

Das Einzige, was hierbei gelegentlich vermisst wurde, war eine Beschriftung der Produkte. Eventuell wäre der Lerneffekt größer gewesen, wenn jemand bislang nicht wusste, um welches Produkt es sich gerade handelte. »Lehrreiche Ausstellung, die Glaskästen mit den jeweiligen Produkten müßten beschrieben sein.« 13 Eine häufige Frage war: »Wo sind Natur- und Produktkreis bei Opiaten und Hanf?« 14 Die Antwort war mit dem gesetzlichen Verbot dieser Genussmittel begründet, übrigens eine Information, die gleich am Eingang zu lesen war aber vermutlich nicht wahrgenommen wurde.

Naturkreis

Die Pflanzen der Genussmittel Opium und Hanf wurden auch im Pflanzenkreis vermisst. »Schade, daß Cannabis vernachlässigt wurde. Es wäre mutig gewesen, diese allgemein so gern genutzte Pflanze in ihrer Vielfalt zu präsentieren. Ansonsten finde ich die Ausstellung sehr ästhetisch gestaltet und auch sehr informativ (Pflanzen + Texte). Sehr schön.« 15 Die grüne Beleuchtung der Papierwand und des Pflanzenkreises wurde trotz dieser Kritik am Fehlen eines bestimmten Genussmittels oft gelobt und bewundert.

Das Besucherbuch bietet neben Lob und Kritik auch einige konkrete Verbesserungsvorschläge, die zum Teil mit Zeichnungen versehen wurden. So wird z.B. von einem Besucher per Skizze der Vorschlag gemacht, dass man die »Geruchsstationen« mit elektrischen Schaltern versehen könne, um das unkontrollierte Ausströmen der Düfte durch den kontinuierlich arbeitenden Diffusor zu verhindern. Eine Besucherin bot ihre Unterstützung an und schrieb sogar ihre Telefonnummer dazu. Mehrmals wird beklagt, dass keine Kostproben vorhanden seien, es nichts zum Anfassen gäbe und der Raum schlecht belüftet sei. Vereinzelt wird stimmungsvolle Musik, also der akustische Genuss vermisst, der Raum als zu dunkel empfunden oder Bilder zwischen den dia-projezierten Textpassagen erwünscht. Wäre die Ausstellung über eine längere Zeit gelaufen, wäre es möglich gewesen, einige solcher Vorschläge in Erwägung ziehen, um die Ausstellung für die Besucher zu optimieren.

Obwohl das Besucherbuch dieser Ausstellung wie die vieler anderer Ausstellungen auch von einigen Jugendlichen ähnlich wie allbekannte Örtlichkeiten als Ort für die schriftlichen Äußerungen ihres momentanen Gefühlszustandes genutzt wurde, wird doch eines klar: Der Gesamteindruck und die Atmosphäre dieser Ausstellung haben auf Besucher aller Altersgruppen und unterschiedlicher nationaler Herkunft eine meist positive Wirkung gehabt. »Bei einem Blick in die Besucherbücher wird deutlich, daß auch die Aufmachung [einer Ausstellung] Bedeutung für das Wohlbefinden der Besucher hat... « 16

Abschließend möchte ich einen der wie ich finde schönsten Kommentare aus dem Besucherbuch der Ausstellung zitieren. Neben all den hier aufgeführten positiven und negativen Bewertungen richtet er sich explizit an alle Mitwirkenden am dem Projekt GENUSSmittelKULTUR-Aus-stellung:

»Ich bin sehr neugierig die vielen Stufen hochgestiegen und wurde reichhaltig belohnt! Eine höchst dekorative Präsentation der Genußmittel, viele Sinne wurden angesprochen! Wieviel Arbeit mag wohl dahinter stecken??!

Das kann man wohl nur erahnen.
Danke an alle Beteiligten, Mitwirkenden dieses beispielhaften Projektes!« 17


1 Bernd Günter: Soll das Theater sich zu Markte tragen? In: Die Deutsche Bühne. Das Theatermagazin Nr. 5., 69 (1998), S.14-20.

2 Thomas Hengartner: GENUSSmittelKULTUR. Ausstellungskonzept. In: Ausstellungskatalog GENUSSmittelKULTUR. Ein Projekt des Instituts für Volkskunde der Universität Hamburg. Hamburg 1999, S.3.

3 Kommentar zur allgemeinen Stimmung aus dem Besucherbuch GENUSSmittelKULTUR, 2.5.1999.

4 Kommentar zum Genusspunkt aus dem Besucherbuch GENUSSmittelKULTUR, 9.3.1999.

5 Kommentar zum Genusspunkt aus dem BesucherbuchGENUSSmittelKULTUR, 21.3.1999.

6 Kommentar zum Genusspunkt aus dem Besucherbuch GENUSSmittelKULTUR, 5.6.1999.

7 Kommentar zum Geruchskreis aus dem Besucherbuch GENUSSmittelKULTUR, 5.3.1999.

8 Kommentar zum Geruchskreis aus dem Besucherbuch GENUSSmittelKULTUR, 24.4.1999.

9 Kommentar zum Infokreis aus dem Besucherbuch GENUSSmittelKULTUR, 5.3.1999.

10 Kommentar zum Infokreis aus dem Besucherbuch GENUSSmittelKULTUR, 5.3.1999.

11 Kommentar zum Infokreis aus dem Besucherbuch GENUSSmittelKULTUR, 25.5.1999.

12 Kommentar zum Produktkreis aus dem Besucherbuch GENUSSmittelKULTUR, 7.3.1999.

13 Kommentar zum Produktkreis aus dem Besucherbuch GENUSSmittelKULTUR, 10.4.1999.

14 Kommentar zum Produktkreis aus dem Besucherbuch GENUSSmittelKULTUR, 21.3.1999.

15 Kommentar zum Pflanzenkreis aus dem Besucherbuch GENUSSmittelKULTUR, 13.3.1999.

16 TU Berlin: Museumskonzepte im Vergleich (Alliierten-Museum und Museum Berlin-Karlshorst). In: Störtebecker. Zentralorgan der Fachschaftsinitiative.

17 Kommentar zur Ausstellung aus dem Besucherbuch GENUSSmittelKULTUR, 21.3.1999.

 

  Impressum Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster Seitenanfang