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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)
Hans Joachim
SchröderTechnik als biographische Erfahrung.
Ansätze und Methoden eines Forschungsprojekts
Am Institut für Volkskunde gibt es seit April 1999 einen neuen Forschungsschwerpunkt, in dem es, summarisch oder stichwortartig ausgedrückt, um die Bearbeitung des Themas »Technik als biographische Erfahrung« geht.1 Das genaue Thema des von der DFG geförderten Projekts lautet: »Kultur, Alltag und Wandel der Technik im Spiegel biographischer Erfahrungen der Gegenwart«. Den Leitern des Vorhabens, Thomas Hengartner und Hans Joachim Schröder, stehen als wissenschaftlicher Mitarbeiter Gerrit Herlyn sowie als studentische Mitarbeiterinnen Sandra Ruschmann und Gülna von Wichert zur Seite. Ziel der empirischen Erhebungen ist es, in biographischen Intensivbefragungen, die als »offene« und zugleich thematisch strukturierte Interviews durchgeführt werden, etwa fünfzig Frauen und fünfzig Männer aus dem Dienstleistungssektor im Hamburger Großstadtumfeld von ihren Erfahrungen und ihrem Umgang mit der Technik erzählen zu lassen.
Im folgenden geht es darum, zunächst die allgemeine Bedeutung des Themas zu kennzeichnen und die spezifischen Zugänge zu beschreiben, die es ermöglichen sollen, über die kulturelle Verwobenheit von Mensch und Technik auf der Basis empirischer Erhebungen neuartige Aufschlüsse zu gewinnen.2 Mit einer Charakterisierung des bisherigen Forschungsstandes soll dabei zugleich verdeutlicht werden, von welchen Voraussetzungen im vorliegenden Projekt ausgegangen wird und welche Schwerpunktsetzungen damit verbunden sind. Ausführlich wird abschließend erörtert, in welcher Hinsicht sich, abgeleitet aus den mittlerweile gewonnenen Erfahrungen während der Erhebungsarbeit, für die methodologische Reflexion im Umgang mit qualitativen Interviews neue Perspektiven ergeben. Die Überlegungen zur Strukturierung des Samples der Befragten, zur Stellung des Interviewers in der Befragungssituation, zur Analyse von Subjektivität und zum Stellenwert von Interviews im Forschungsprozess können nicht nur der Volkskunde, sondern auch zahlreichen Nachbarfächern - der Soziologie, Psychologie, Ethnologie, Geschichtsforschung usw. - als Anregung für weiterführende Diskussionen dienen.
Kultur der Technik
Betrachtet man Kontinente und Länder wie Europa, Nordamerika oder Japan, aber auch zahlreiche weitere, letztlich alle Länder der Erde, so kann es keinen Zweifel daran geben, dass die Technik, ihre Entwicklung und Verbreitung immer nachhaltiger, immer tief greifender auf das Leben nahezu jedes einzelnen Menschen und fast aller Gesellschaften einwirkt. »Die Technik umgibt und beeinflusst uns nicht nur, sondern wir integrieren sie verstärkt in unser Selbst und brechen wiederum durch Technik in neue gedankliche Welten auf.«3 Insbesondere mit der explosionsartig vorangeschrittenen Technisierung während der letzten zweihundert oder zweihundertfünfzig Jahre hat eine »Technikdurchdringung« des Menschen, d.h. zugleich eine »Vertechnisierung« der Kultur stattgefunden, die, da sie allgegenwärtig ist, sich auf allgemeine Weise letztlich nur in blassen Umschreibungen kennzeichnen lässt. Fast ebenso vielfältig wie die technischen Innovationen sind mittlerweile auch die Technikdiskurse, die der Technisierung in der »Praxis« des Planens, Herstellens und Benutzens von Geräten den Weg bereiten oder die die Auswirkungen von Technik im Bewusstsein des Menschen, in intellektuellen Debatten, in Prognosen oder literarischen Verarbeitungen reflektieren. Technik und Technikdiskurse sind inzwischen, vor allem in den stark industrialisierten Ländern, zu einem integralen Bestandteil der Kultur geworden. Entsprechend unüberschaubar ist die Menge der Beschreibungen und Analysen, die es zum Thema Technik gibt. Man könnte meinen, im Blick auf das riesige Feld der Technik sei alles Wesentliche bereits gesagt, oder es sei zumindest in der ständigen Diskussion.
Um so überraschender ist es, dass sich von der Wechselbeziehung zwischen Mensch und Technik ein ganz anderes Bild ergibt, sobald nicht die letztere mit ihrer förmlich erschlagenden Dominanz zum Ausgangspunkt der Betrachtung gemacht wird, sondern ersteres, der Mensch. Unter den Forschungsdisziplinen, die traditionellerweise das Bewusstsein und das Verhalten der Menschen und in Verbindung damit das Funktionieren von Gesellschaften untersuchen - die also eine prinzipiell andere Blickrichtung entwickeln als z.B. die »Natur«-Wissenschaften, die zu entscheidenden Teilen längst zu Technik-Wissenschaften mutiert sind -, hat ungefähr seit einem Vierteljahrhundert die Biographieforschung als Möglichkeit, den Menschen in seinem »Selbstsein« - in seinem Sozialver-halten, seiner Psyche, seiner Geschichte, seiner Kultur - zu erkunden, eine wachsende Bedeutung gewonnen. Gewiss kann die Biographieforschung nicht als »Stein der Weisen« angesehen werden, um in der »Wissenschaft vom Menschen« zu den entscheidenden Erkenntnissen vorzustoßen; sie ist aber eine offensichtlich besonders viel versprechende Betrachtungsweise bei der Analyse menschlicher Wirklichkeit und menschlicher Selbsterfahrung, was sich einmal in ihrer gewaltigen Expansion etwa seit 1975 zeigt, was zum anderen auch in ihrer Interdisziplinarität zum Ausdruck kommt. Die Biographieforschung hält in der Forschungslandschaft ein immer größeres Feld besetzt.
Aus der Perspektive der Biographieforschung fällt auf, dass es bisher nur sehr wenige Versuche gibt, Phänomene wie den Umgang mit Technik, Technikerfahrung oder Technikbewusstsein mit Hilfe derjenigen Mittel zu untersuchen, die sich bei der Analyse zahlreicher anderer »biographiehaltiger« Themen vielfach bewährt haben. Kurz gesagt, es sind bisher nur sehr wenige Anstrengungen unternommen worden, um die Technikbedingtheit des Menschen bzw. die »Technizität« der Kultur (in Deutschland) mit dem Instrument des qualitativen Interviews zu erforschen. Um deutlich zu machen, dass die Biographieforschung in der historisch-volkskundlich-sozial ausgerichteten Technikforschung bisher sozusagen noch nicht angekommen ist, soll nachfolgend die Forschungslage näher gekennzeichnet werden. Dabei kann von den zahlreichen Bemühungen, die außerhalb der Biographieforschung existieren, um etwa die Soziologie, die Psychologie oder die Kultur der Technik zu analysieren, nur im Blick auf die Volkskunde ein halbwegs detailliertes Bild entworfen werden. Der Übersichtlichkeit halber werden die bereits vorliegenden Forschungsarbeiten getrennt betrachtet. Zuerst wird der Stand der Technik(kultur)forschung, danach der Stand der Biographieforschung referiert.
Technikforschung
Mit der 1997 erschienenen Studie »Umgang mit Technik« von Stefan Beck4 liegt eine Überblicksdarstellung vor, die für das Fach Volkskunde im Mittelpunkt sowie für die angrenzenden Fächer der Soziologie, Philosophie und Ethnologie auf theoretisch hohem Niveau einen detaillierten Einblick in den aktuellen Stand der Forschungen zum »kulturellen« Verhältnis von Mensch und Technik gewährt. Im weiten Feld verschiedenartigster Technikforschungen schafft diese Arbeit einen ersten Haltepunkt. Auch wenn sich das Projekt »Technik als biographische Erfahrung« in vieler Hinsicht von den Intentionen unterscheidet, die Beck mit einer zukünftigen Technikforschung der Volkskunde verbindet, kann seine Analyse, die zugleich Resümee des Forschungsstandes ist, als Ausgangspunkt für die Diskussion der volkskundlichen Technikforschung dienen.
Ausführlich und zu Recht macht Beck darauf aufmerksam, dass die Untersuchung der Beziehung von Mensch und Technik einerseits als »genuines« Forschungsgebiet in das Fach Volkskunde gehört, dass die Forschungen zu diesem Fragenkomplex andererseits aber bis heute über Anfänge kaum hinausgekommen sind. Das bedeutet, für eine Volkskunde, die sich explizit das Ziel gesetzt hat, »die historische und gegenwärtige Alltagskultur der Moderne zu analysieren«, existiert »ein bedeutendes Forschungsdesiderat«.5 Mit den Arbeiten von Ulrich Bentzien (1961), Hermann Bausinger (1961), Wilhelm Brepohl (1957) und Rudolf Braun (1965)6 liegen zwar Studien vor, die den Blick auf die Technik in ihrer Bedeutung für die Alltagskultur lenken und die damit in der volkskundlichen Technikforschung Vorbildcharakter gewonnen haben,7 doch ist der zeitliche Abstand zu diesen Arbeiten mittlerweile groß. An der Schwelle zum dritten Jahrtausend muss innerhalb einer volkskundlich-inter-diszi-plinär ausgerichteten Forschung zum Verhältnis von Mensch und Technik von veränderten Voraussetzungen ausgegangen werden.8
Die Technikforschung, wie Beck sie intendiert, wird von ihm sehr direkt als Fortsetzung und Weiterentwicklung der volkskundlichen Sachkulturforschung verstanden. Damit wird eine Anbindung vorgenommen, die einerseits sinnvoll ist, die andererseits aber - von einem biographischen Forschungsansatz her - als Einengung angesehen werden muss. Ob in der Sachkulturforschung die Tendenz, sozusagen stärker vom Ding als vom Menschen her zu denken, völlig überwunden werden kann, sei dahingestellt. Immerhin verbinden sich mit dem Phänomen der Technik vielfältige, kulturprägende Erfahrungen, die sich nicht allein in Wechselbeziehungen erschöpfen, wie sie sich aus dem »Umgang« des Benutzers mit technischen Artefakten ergeben. Soll die Erforschung der Mensch-Technik-Be ziehung aus einer umfassenden »akteurszentrierten« Sicht9 erfolgen, so geht es darum, auf möglichst breitangelegte Weise herauszuarbeiten, in welchen vielgestaltigen Formen sich die Technik zu einem grundlegenden Faktor der Alltagspraxis des einzelnen entwickelt hat. Die empirisch zu beantwortenden Fragen beispielsweise, wie Individuen die Technik erleben, wie sie sich ihrer erinnern, wie sie durch technische Ein-flüsse über längere Zeiträume hinweg Veränderungen erfahren haben, wie sie diese Veränderungen einschätzen, lassen sich nicht einschränken auf die Untersuchung des Problems, wie bestimmte Geräte im Alltag benutzt werden. Der sachkulturelle Aspekt kann im Rahmen einer biographisch orientierten Technikforschung nur ein Gesichtspunkt neben anderen sein.
In gewisser Weise hat Beck mit der Konzentration auf die vier oben genannten »Gründerväter« die Basis volkskundlicher Technikforschung unnötig verkleinert. Erstaunlicherweise setzt er sich nur mit dem 23. Volkskunde-Kongress 1981 auseinander, wo es unter dem Titel »Umgang mit Sachen - Zur Kulturgeschichte des Dinggebrauchs« um eine Neuorientierung der Sachkulturforschung ging,10 nicht aber mit dem 28. Volkskunde-Kongress, der das Thema »Der industrialisierte Mensch« in den Mittelpunkt rückte. Zahlreiche Beiträge des letztgenannten Kongresses verweisen auf einen »Umgang mit Technik« innerhalb der Volkskunde, der freier und phantasievoller ist als der manchmal zu sehr nur-theoretische Umgang, den Beck zu untersuchen befürwortet. Bei allem Bemühen, die Perspektive im Blick auf das Verhältnis von Mensch und Technik zu öffnen, bleibt er, nicht zuletzt durch die extensive Rezeption theoretischer Entwürfe verschiedener Nachbardisziplinen, auf ein von ihm so bezeichnetes praxistheoretisches Konzept festgelegt,11 das die Möglichkeiten einer »offenen« empirischen Erforschung der Mensch-Technik-Beziehung willkürlich einschränkt. Gerade innerhalb der Volkskunde mit ihrer spezifischen Aufgeschlossenheit und Kompetenz gegenüber verschiedenartigsten Kulturphänomenen bestehen optimale Voraussetzungen zur Anwendung »freierer« empirischer Untersuchungsmethoden - was keineswegs zu einem Defizit an Methoden- und Theoriebewusstheit führen muss.
Beck macht außerdem deutlich, dass das Problem der technischen Erfahrung nur sinnvoll unter Einbeziehung von Forschungsergebnissen verschiedener Nachbarfächer untersucht werden kann. Er würdigt eine Reihe von Theoriekonzepten der Soziologie, Philosophie und Ethnologie. Zusätzlich müssen Arbeiten der Psychologie berücksichtigt werden, etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, die Studie von Christel Schachtner zum Computer.12 Für die Volkskunde, deren Beiträge zur Technikforschung in den Nachbarfächern bisher kaum wahrgenommen werden,13 geht es hierbei nicht darum, an diese Fächer »Anschluss« zu gewinnen; vielmehr können die meistens auch in den Nachbardisziplinen noch jungen Forschungen14 durch volkskundliche Betrachtungsweisen gefördert und erweitert werden.
Als unbefriedigend erweist es sich, dass Beck die volkskundliche Technikforschung in einem sehr strikten Sinn festlegt auf eine Erforschung der Technik im Alltag. Dabei kommt es in doppelter Hinsicht zu einer Verkürzung der Perspektiven. Einerseits wird der Begriff des Alltags nicht wirklich problematisiert, andererseits bleibt das Erfahrungsfeld der Technik willkürlich begrenzt auf die privaten Nahbereiche Haushalt, Freizeit und (Auto-)Verkehr. Insbesondere die trennende Gegenüberstellung von Arbeits- und Alltagserfahrung ist wenig überzeugend, indem damit suggeriert wird, es gebe im Arbeitsleben, etwa in der Fabrik, keinen Alltag.15 Der Schematismus, der sich bei Beck in der Verwendung des Alltagsbegriffs bemerkbar macht, soll hier nicht im einzelnen kritisiert werden. Welche vielfältigen Aspekte bei der Erforschung von Alltag zu berücksichtigen sind, hat der Verfasser unter Einbeziehung zahlreicher vorhandener Analyseansätze in verschiedenen Arbeiten detailliert dargelegt.16
Der Alltag am Arbeitsplatz darf in der volkskundlich-kulturwissenschaftlichen Technikforschung nicht nur nicht ausgeblendet werden, er muss im Gegenteil, insbesondere im Blick auf technisches Lernen und eine technikdurchwirkte Praxis, einen Schwerpunkt des Fragens bilden. Mit den »klassischen« Arbeiten »Das Gesellschaftsbild des Arbeiters« von Popitz/Bahrdt/Jüres/Kesting sowie mit »Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein« von Kern/Schumann17 liegen beispielsweise empirische, aus umfangreichen persönlichen Befragungen hervorgegangene Analysen vor, die, wenn auch aus der Soziologie stammend, innerhalb der Volkskunde Bedeutung erlangt haben.18 Die in den fünfziger Jahren entstandenen Studien von Popitz u.a. und die Untersuchungen von Kern/Schumann aus den sechziger Jahren repräsentieren eine Form industriesoziologischer Forschung, die nicht zuletzt wegen ihrer Erhebungsmethoden in der volkskundlichen Technikforschung Beachtung verdient. Zwar sind die Sozialstudien nicht direkt das Ergebnis von qualitativen Intensivinterviews, doch die Befragungen können mit dem differenzierten Eingehen auf das jeweilige Selbstverständnis der Informanten19 als Vorformen heutiger Erhebungsverfahren gelten. In Abschnitt II der fünfteiligen Arbeit von Popitz u.a. geht es um »Stellungnahmen zum eigenen Arbeitsvollzug, zu technischen Neuerungen und zum technischen Fortschritt«;20 die Stu-die von Kern/Schumann verweist bereits im Untertitel auf ihren direkten Bezug zur »technischen Entwicklung«. In beiden Arbeiten wird nach dem »Bewusstsein«, das bedeutet nicht zuletzt: nach der biographischen Erfahrung von Industriearbeitern gefragt, wie sie sich aus dem Berufsalltag im Umgang mit einer komplizierten, hoch entwickelten Technik ergibt.
Zum biographischen Erzählen von Industriearbeitern, deren Lebensgeschichten 1978 im Hamburger Institut für Volkskunde erhoben worden sind, erklärt Albrecht Lehmann, »die Erfahrungen an der Arbeitsstelle stehen, was die Breite des Materials und die subjektive Gewichtung der Aussagen angeht, nach dem Thema 'Krieg und Gefangenschaft' an zweiter Stelle«.21 Auch wenn in den Interviews nicht näher nach dem Umgang mit Technik gefragt worden ist, erweist doch der Abschnitt »Arbeit und Beruf« in Lehmanns Studie »Erzählstruktur und Lebenslauf« deutlich genug,22 welchen hohen Stellenwert die Technik im Leben der um 1920 geborenen Informanten besaß. An wichtige Ergebnisse, die Lehmanns Untersuchung etwa zum Problem der wachsenden Arbeitsbelastung bei älteren Arbeitnehmern oder zur Frage der Auswirkungen von technischen Neuerungen liefert, kann im vorliegenden Projekt unmittelbar angeknüpft werden.
Da es herauszufinden gilt, welches je persönliche Verständnis, welche Eigenperspektive Frauen und Männer verschiedener Altersstufen innerhalb des repräsentativen Berufsfelds der Dienstleistungen hinsichtlich ihrer Erfahrungen mit der Technik entwickeln, ist es erforderlich, Forschungen verschiedenartigster Ausrichtung und Provenienz zu berücksichtigen. Es wäre kurzschlüssig, ausschließlich allerneueste Untersuchungen zum Problem der Technik zu rezipieren. Selbstverständlich muss stets auf diese Untersuchungen zurückgegriffen werden, doch gleichermaßen können z.B. die Erkenntnisse »älterer« Technikphilosophen wie Arnold Gehlen oder Ortega y Gasset23 aufschlussreich sein in bezug auf die Etablierung, Wirkung und nicht zuletzt auch Popularisierung von Leitbildern und Bedeutungszuschreibungen. Zur biographischen Erfahrung der Technik gehört nicht nur die Praxis im Umgang mit technischen Artefakten, sei es am Arbeitsplatz, im Haushalt, während der Freizeit oder im Verkehr (wobei die wechselseitigen Bedingungen und Bedingtheiten zwischen den verschiedenen Erfahrungsfeldern von besonderer Bedeutung sind). Ein weiterer Aspekt sind die »Ansichten«, die Bilder, die jeder sich sowohl von der Technik in seinem nächsten Umfeld als auch von der Technik »in der Ferne« zurechtlegt. Diese im Grad ihrer Reflektiertheit sicher sehr unterschiedlichen Ansichten sind mitgeprägt durch die Medien, in einem weiteren, meist stärker vermittelten Sinn auch durch philosophische und literarische Erklärungsentwürfe. Es ist daher notwendig und nahe liegend, z.B. Forschungen in die Betrachtung einzubeziehen, die seit langem in Hamburg und Bremen auf literaturwissenschaftlichem Gebiet betrieben werden. Der Hamburger Literaturwissenschaftler Harro Segeberg beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Bedeutung der Technik in der Literatur.24 In Zusammenarbeit mit Wolfgang Emmerich forscht der Bremer Literaturwissenschaftler Carl Wege zum Thema »Der literarische Technikdiskurs in den deutschsprachigen Ländern (1914/18 - 1970)«.25 Es versteht sich, dass die literaturwissenschaftliche Technikforschung für das vorliegende Projekt nicht von zentraler Bedeutung ist; andererseits ist sie auch nicht von marginaler Bedeutung. Eine möglichst genaue Kenntnis unterschiedlichster Technikdeutungen bildet sowohl für die Erhebung als auch für die Auswertung der Interviews zum Thema »Technik als biographische Erfahrung« eine wichtige Voraussetzung.
In bezug auf bestimmte Einzelaspekte der Technik, etwa den Umgang mit bestimmten technischen Geräten (z.B. Nähmaschine, Waschmaschine, Telephon, Auto), gibt es mittlerweile zahlreiche Monographien und Aufsätze. Auf diese Untersuchungen, ferner auf Studien etwa zu dem Themenbereich »Technik in der Familie«26 kann hier nicht im einzelnen eingegangen werden. Lediglich auf die 1994 erschienene Arbeit »Die Technisierung des Alltags« von Reinhold Sackmann und Ansgar Weymann sei noch hingewiesen,27 weil sie einen Aspekt in den Mittelpunkt rückt, der auch für das vorliegende Projekt Bedeutung hat. Die beiden Autoren legen ihren Forschungen - ein Novum innerhalb der Techniksoziologie28 - ein Generationenkonzept zugrunde, wonach sie zwischen vier verschiedenen Generationstypen unterscheiden.29 Der Ansatz, das jeweilige Lebensalter der Informanten grundsätzlich zu beachten und zu fragen, wieweit es ein »technisches 'Generationsbewusstsein'«30 gibt, ist für eine biographisch ausgerichtete Technikforschung sinnvoll und viel versprechend. Allerdings werden die Generationsunterschiede von Sackmann/Weymann allzu strikt und schematisch herausgestellt. Viele ihrer Zuordnungen wirken holzschnitthaft. Bei der nahe liegenden Annahme,
dass sich die Einstellungen zur Technik in Abhängigkeit vom Lebensalter ändern, sollte die Generationsgebundenheit eher als Möglichkeit, als »Gesichtspunkt« in Betracht gezogen werden, nicht als etwas statisch Vorgegebenes. Im vorliegenden Projekt soll mit der Befragung unterschiedlicher Geburtsjahrgänge dem Gedanken eventueller »Generationenlagerungen« Rechnung getragen werden, ohne dass damit eine feste Generationentypologie konstruiert wird. In diesem Zusammenhang sollen auch zum Erfahrungs- und Lernumfeld, in dem der Umgang mit Technik sich entwickelt, Aufschlüsse gewonnen werden.
Von unmittelbarer Bedeutung für die Forschungen des Hamburger Instituts für Volkskunde ist der von Thomas Hengartner und Johanna Rolshoven 1998 herausgegebene Sammelband »Technik - Kultur. Formen der Veralltäglichung von Technik - Technisches im Alltag«.31 Bereits Anfang 1993 hatte Hengartner die Analyse der Technisierung des Alltags zu einem Schwerpunkt seiner Forschungen gemacht. Dabei können Arbeiten zur theoretischen Grundlegung der Mensch-Technik-For-schung unterschieden werden von Studien, in denen zum einen die kulturelle, alltägliche Bedeutung von Technik am Beispiel einzelner Geräte in ihrer historischen Entwicklung detailliert aufgezeigt wird,32 in denen zum anderen Technikvorstellungen einzelner Epochen analysiert werden.33 Im Einführungsaufsatz von »Technik - Kultur« liefern Hengartner und Rolshoven vollständiger als Stefan Beck einen systematisierten, auf das Grundsätzliche zielenden Überblick über die volkskundliche Forschung zum Verhältnis von Kultur und Technik. Erstmals werden dabei auch die französischen Theorieansätze, die es auf diesem Sektor gibt, innerhalb des deutschsprachigen Gebiets für die Volkskunde rezipiert.
Besondere Beachtung verdient in »Technik - Kultur« außerdem der einführende Aufsatz »Technik und Geschlecht« von Jutta Buchner-Fuhs.34 Nachdem die Autorin zunächst darauf verweist, dass nur ein »weiter Technikbegriff« zu einem angemessenen Verständnis von der Technikdurchsetztheit des modernen Alltags führt,35 macht sie, an Karl H. Hörning anknüpfend, deutlich, wie sehr die Technik nicht nur eine äußerliche Einwirkung ist, wie sehr sie vielmehr weithin »in uns« steckt, als Wahrnehmungs- und Erfahrungsgeschichte seit der Kindheit.36 Mit dem Verweis auf die prägende Bedeutung der Kindheit wird unmittelbar ein »biographischer Ansatz« in die Überlegungen hineingebracht. Darüber hinaus geht Buchner-Fuhs ausführlich darauf ein, wie sehr die Entwicklung der Technik von männerdominanten Vorstellungen geprägt und beherrscht ist. Besonders aufdringlich offenbart sich in der Miltärtechnik ein männlicher Imperialismus, eine Haltung und Entwicklung, die der Kernphysiker Brian Easlea als »männliche[n] Wahnzustand« beschreibt.37 Buchner-Fuhs plädiert für eine empirische Geschlechterforschung, die nicht bei einer Polarisierung der Geschlechter stehen bleibt, sondern die »auf die Analyse der Verflechtung von Frauen und Männern bei der Erstellung und Nutzung von Technik« hinzielt.38 Im Projekt »Technik als biographische Erfahrung« wird von vornherein davon ausgegangen, dass die Erforschung des Verhältnisses von Mensch und Technik nur sinnvoll ist, wenn Frauen und Männer gleichermaßen und gleichrangig in die Untersuchung einbezogen sind.
Biographieforschung
Auf detaillierte Erläuterungen zum Stand der Biographieforschung soll verzichtet werden, da der Verfasser 1992 und zuletzt 1995 hierzu ausführlich Stellung bezogen hat.39 Nach einigen allgemeinen Bemerkungen und einem Hinweis auf die 1999 erschienene, methodologisch interessante Studie »Erinnerungsmuster« von Ulrike Jureit soll auf die Arbeit »Jugendliche Computer-Fans« etwas näher eingegangen werden, weil sich mit der Betrachtung dieser Untersuchung die für das Technik-Projekt leitende »volkskundliche Methode« in Abhebung von gängigen Methoden der qualitativen Sozialforschung akzentuierend beschreiben lässt.
Zusammenfassend kann man festhalten, dass es in der Biographieforschung angesichts der Vielschichtigkeit des Gegenstands »Lebensge-schichte« immer wieder um die Erörterung von »Grundfragen« geht, und zwar einmal in erkenntnistheoretischer, zum anderen in methodologischer Hinsicht. Während der Gegenstand der Technikforschung eine deutliche Spezifität besitzt - die sich freilich bei näherer Betrachtung als sehr komplex erweist -, sind die Konturen des Gegenstands »Biographie« offen(er): Schon allein eine einzelne Lebensgeschichte ist ein außerordentlich vieldeutiges, bewegliches Gebilde, ein Interpretationsstoff, dessen Hauptmerkmal vielleicht in seiner Unauslotbarkeit liegt. Letztlich gibt es unbegrenzt viele Möglichkeiten, sich mit den Inhalten einer Biographie auseinander zu setzen. Das Spektrum dieser Möglichkeiten vervielfältigt sich gleichsam, wenn man mehrere oder viele Lebensgeschichten vergleichend analysiert. Weiterhin ergeben sich zusätzliche Forschungsperspektiven, wenn Lebensgeschichten unter bestimmten Hauptaspekten erforscht werden, beispielsweise »Biographien in den östlichen Bundesländern«, »Frauenbiographien«, »Biographien und Krieg« - oder eben: »Technik als biographische Erfahrung«.
Um zumindest in Umrissen zu verdeutlichen, von welchen erkenntnistheoretischen und methodologischen Prämissen im vorliegenden Projekt ausgegangen wird, sei zunächst verwiesen auf die Arbeiten »Erzählstruktur und Lebenslauf« von Albrecht Lehmann und »Die gestohlenen Jahre« von H.J. Schröder.40 Diese Studien sollen hier nicht näher charakterisiert werden. Fest gehalten sei lediglich, dass sowohl von Lehmann als auch von mir in bezug auf den epistemologischen Stellenwert biographischer Aussagen immer wieder vielfältige Überlegungen angestellt worden sind, unter Berücksichtigung älterer oder auch neuerer Erklärungsansätze (einerseits z.B. Dilthey, Jaspers oder Allport, andererseits z.B. der Radikale Konstruktivismus).41 Als eine ebenso einfache wie wichtige Grunderfahrung bei der Bewertung der »Glaubwürdigkeit« biographischer Aussagen kann gelten, dass es wenig hilfreich ist, als Forscher im voraus zu »wissen«, was man von der »Glaubwürdigkeit« zu halten habe. Selbstverständlich ist jede biographische Aussage - wie jede sprachliche Aussage überhaupt - »Konstruktion«. Man kann auch von einer autopoietischen Selbstreferentialität aller Konstruktionen ausgehen. Innerhalb einer am Historischen oder auch am »Technisch-Faktischen« orientierten Forschung wird damit aber die Frage nach der empirischen Zuverlässigkeit von Quellen nicht obsolet. Die Aussagekraft biographischer Äußerungen, die durch vielerlei Erzählerintentionen geprägt ist, muss folglich in jedem Einzelfall stets neu geprüft werden.42
Mit der sorgfältigen Prüfung von Interviewaussagen, die aus biographischen Erzählungen von KZ-Überlebenden gewonnen worden sind, führt die Historikerin Ulrike Jureit in ihrer Studie »Erinnerungsmuster«43 an konkreten Beispielen vor, wie es sich im einzelnen mit der Validität jeweiliger Erinnerungen verhält. Wichtiger als die Validitätsprüfung ist jedoch der Versuch Jureits, Interdisziplinarität nicht nur in der theoretischen Überschau, sondern auch in der praktischen Anwendung, also in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit biographischen Erzählstoffen zu verwirklichen. In fünf theoretischen Kapiteln werden zunächst nacheinander wesentliche Ansätze und Methoden der Oral History, Psychoanalyse, Soziologie, Kulturwissenschaft und Literaturwissenschaft/Lingui-stik vorgeführt. Anschließend wird in sechs Abschnitten das Leben dreier weiblicher und dreier männlicher KZ-Überlebender minutiös rekonstruiert, wobei in jedem Einzelfall unterschiedliche Analyseverfahren aus den zuvor im Überblick charakterisierten Fächern zur Plausibilisierung und Vertiefung der Rekonstruktionen herangezogen werden. Im Fall des Überlebenden Karl Himmel wird beispielsweise auf psychoanalytische Einsichten in Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene zurückgegriffen, während etwa der Fall des Überlebenden Pierre Claude der Erprobung sequenzanalytischer Auswertungsverfahren dient.44 Da Jureit über ein hohes Maß an Sensibilität, Reflektiertheit und Differenzierungsfähigkeit verfügt, da sie folglich ihre Untersuchungen ebenso scharfsinnig wie behutsam durchführt, gerät ihre methodenvielfältige Biographieanalyse nirgends zu einem leeren Schematismus oder zu einem angestrengt wirkenden Eklektizismus. So weit es menschenmöglich ist, den Intentionen sehr verschiedener Fächer von einer Einzeldisziplin - Geschichtsforschung - ausgehend »umfassend« oder »adäquat« gerecht zu werden, gelingt Jureit so etwas wie die Quadratur des Kreises. Für die Methodenreflexion bieten ihre weitgefächerten, sowohl theoretischen wie in der Anwendung erprobten Überlegungen wertvolle Aufschlüsse - auch für das Technik-Vorhaben.
Was nun zum einen das Verfahren zur Erhebung biographischer Erzählungen, zum anderen die interpretatorische Auswertung solcher Erzählungen angeht, so lässt sich der Weg, der im Technik-Projekt beschritten werden soll, vielleicht am anschaulichsten durch die Beschreibung methodischer Vorgehensweisen verdeutlichen, die nicht zur Anwendung kommen sollen. Der ausgewiesene Biographieforscher und Soziologe Werner Fuchs-Heinritz hat zusammen mit Harald Baerenreiter und Rolf Kirchner 1990 die Studie »Jugendliche Computer-Fans: Stubenhocker oder Pioniere?« veröffentlicht.45 Diese Arbeit ist aufschlussreich, weil sie gezielt das Instrumentarium der Biographieforschung einsetzt, um Erkenntnisse zu gewinnen zum spezifischen Problem der »Sozialverträglichkeit der 'Computerisierung'«.46 Im Endergebnis zeigt die Studie auf, »dass der Computer sehr Unterschiedliches für die Jugendbiographie bedeuten kann«,47 wobei verschiedene Typen des Verhaltens die Unterschiedlichkeit sinnfällig machen. Die Ergebnisse der Analyse sollen nicht in Frage gestellt werden - auffällig ist jedoch der große Aufwand, den es erfordert, um zu den Resultaten zu gelangen. Umständlichkeit in der Vorgehensweise und ein gewisser Schematismus kennzeichnen innerhalb dieser Spielart soziologischer Biographieforschung ein in den Erhebungen an Fritz Schütze und in den Auswertungen an der Objektiven Hermeneutik Ulrich Oevermanns ausgerichtetes Methodenverständnis, das nach wie vor große Reputation besitzt, auch wenn es inzwischen wiederholt gründlich kritisiert worden ist.48 Das Verfahren, einen Informanten zu Beginn des Interviews durch eine einzige Frage (»Erzählstimulus«) zum Erzählen aufzufordern, um ihn anschließend nicht zu unterbrechen, auch die Überbewertung der auf solche Weise gewonnenen »Ersterzählung« ist aus verschiedenen Gründen wenig überzeugend.49 Es wird z.B. nicht bedacht, dass gerade zu Anfang eines Interviews Kommunikationsschwierigkeiten auftreten können, weil der Befragte erst einmal zurückhaltend reagiert. Die Erzählung, die ihm in einer ausgesprochen künstlichen Interviewsituation abverlangt wird, kann kaum in zwingender Form als ein sprachliches Zeugnis angesehen werden, das eine »strukturelle Homologie« zur »Aufschichtung der Erfahrungen im Lebenslauf« aufweist.50 Die Sequenzanalyse, die im Sinne Oevermanns mit der Ersterzählung durchgeführt wird, enthält fast immer eine Unmenge Ballast, einen marginalen Interpretationsstoff, der den Weg zum Endergebnis sehr beschwerlich macht. Insgesamt erweist sich das Schütze/Oevermannsche Verfahren als eine Methode, bei der man sich als »außenstehender« Wissenschaftler verwundert fragt, wie es möglich ist, dass sie in der qualitativen Sozialforschung eine so dauerhafte Bedeutung bewahrt. Offenbar ist es das Regelwerk, das sie so attraktiv macht, die »eindeutige Vorgehensweise«, die den Forscher ein gutes Stück weit von der Notwendigkeit befreit, in der Interpretation frei und selbständig zupackend zu urteilen.51
Im Unterschied zu Fuchs-Heinritz u.a. soll im vorliegenden Projekt ein Erhebungsverfahren angewendet werden, das es erlaubt, eine annäherungsweise »natürliche« Gesprächssituation zustande zu bringen. Die Merkmale dieses Verfahrens sind von Lehmann und Schröder oft beschrieben worden.52 Im Blick auf die Erfahrungen mit der Technik kann es notwendig sein, viele »stimulierende« Fragen zu stellen. Je konkreter und zugleich flexibler sie gestellt werden, desto mehr Perspektiven werden sich für die spätere Analyse bieten. Bei der Durchführung von narrativ-biogra phischen Interviews ist es wenig sinnvoll, den Ablauf des Ge-sprächs im voraus durch einengende Vorgaben festzulegen. Die Erfahrung zeigt im Gegenteil, dass beispielsweise die Bereitschaft, zunächst auf vermeintlich Nebensächliches einzugehen oder »Anlaufschwierigkeiten« in Kauf zu nehmen, viel sicherer dazu führt, den Befragten zu einem ungezwungenen Sprechen zu bewegen. Entscheidend ist es, das Gegenüber dazu anzuregen, dass es ausführlich von Erfahrungen und Erlebnissen erzählt; neben dem Erschließen von individuellen Deutungen, von Einstellungen und Bewertungen geht es gleichermaßen um die Erhebung von »Erzählgeschichten«.53
Samplebildung
Das Untersuchungsfeld »Biographische Erfahrung im Umgang mit Technik« ist von einer unbegrenzten Weite, einer letztlich uferlosen Offenheit. Wer sich selber prüft und darüber nachdenkt, auf welche Weise er im Lauf seines Lebens intensiv oder auch von ferne mit Technik in ihren vielfältigen Erscheinungsformen - von einfachen Geräten bis zu komplizierten Maschinen, von der Haus- bis zur Verkehrstechnik usw. - in Berührung gekommen ist, der wird schnell erkennen, dass bereits die Biographie eines einzelnen eine schier unendliche Fülle an Technikerfahrung enthält. Diese Fülle potenziert sich, wie gesagt, gewissermaßen, wenn man darangeht, eine größere Menge von Einzelbiographien zu sammeln. Beim Sampling muss infolgedessen von vornherein davon ausgegangen werden, dass die Erforschung biographischer Technikerfahrung nur annäherungsweise und ausschnitthaft erfolgen kann. Die Vorstellung, über die Mensch-Technik-Beziehung so etwas wie einen »vollständigen« oder »systematischen« Überblick gewinnen zu wollen, ist verfehlt.54 Es dürfte nicht ganz abwegig sein, die Untersuchung der Kultur der Technik mit der Expedition in einen Urwald zu vergleichen. Letztlich können auch im Rahmen eines Großprojekts nur einzelne Vorstöße unternommen werden, um in einen Erfahrungsraum einzutreten, der von unüberschaubarer Komplexität ist - einer Komplexität, die sich mit der rapiden Entwicklung der Technik fortwährend steigert.
Vielleicht ist es die Vielfalt und Komplexität der Technikerfahrung, die es bisher - von wenigen Ausnahmen abgesehen - an Versuchen hat fehlen lassen, Grundmerkmale modernen Wirklichkeitsverständnisses zu erfassen, indem man nach den Spuren der Technik in den Lebensgeschichten einzelner Menschen sucht. Jedermanns Biographie ist heutzutage mehr denn je »technikdurchsetzt«.55 Entscheidende Dimensionen der menschlichen Existenz in der Gegenwart erschließen sich, wenn man danach fragt, wie jemand mit der Technik lebt. Die »Omnipräsenz« oder »Ubiquität« von Technik, ihre »Ineffabilität« (Unauslotbarkeit) oder auch Spurlosigkeit56 darf kein Grund sein, sich dem Problem der Mensch-Technik-Beziehung erst gar nicht zu nähern. Vielmehr müssen Wege gesucht werden, um auf einem unübersichtlichen, wenn nicht undurchdringlichen Forschungsfeld zumindest in ersten Annäherungen die Voraussetzungen für die Analyse dieses Felds zu schaffen.
Nachdem bis Ende Februar 2000 einundzwanzig Interviews mit Frauen, achtzehn Interviews mit Männern sowie ein Gruppeninterview auf Tonkassetten fest gehalten worden sind, können die Erhebungsvoraussetzungen über abstrakte Planungen hinausgehend auf der Grundlage von Einsichten aus der Erhebungspraxis näher beschrieben werden. Im vorliegenden Aufsatz muss dabei aus Platzgründen auf die Darstellung erster konkreter Ergebnisse zum Umgang mit Technik oder zur Einschätzung von Technik verzichtet werden. Der Beitrag beschränkt sich auf die Erläuterung wichtiger Ansätze und Vorgehensweisen, die für die Interviewerhebung bestimmend sind. Die Akzentsetzungen und Gewichtungen, die sich aus der Spezifität des Themas ergeben, scheinen die allgemeine Erkenntnis zu bestätigen, dass es im Rahmen qualitativer Erhebungen nicht möglich ist, allgemeine Durchführungsanleitungen und Regeln zu benennen, die in allen denkbaren Projekten Anwendung finden könnten.57
Um sich im letztlich unbegrenzt offenen Untersuchungsfeld nicht zu verlieren, ist bei der Samplebildung nach Anhaltspunkten gesucht worden, die es erlauben, dem Feld eine Art »durchlässiger Struktur« zu verleihen. Gewisse Grenzen werden gesetzt, Einschränkungen werden gemacht, aber diese Grenzen und Einschränkungen sind beweglich, sie können gegebenenfalls überschritten oder suspendiert werden. Auf der einen Seite ist klar, dass aus dem riesigen Arsenal möglicher Erfahrungen im Umgang mit Technik eine Auswahl getroffen werden muss, die es einer Gruppe von fünf Forschern ermöglicht, das gewonnene Material sinnvoll auszuwerten. Auf der anderen Seite sollen Eingrenzungen vermieden werden, die das Blickfeld von vornherein einengen, es willkürlich beschränken. Im Samp ling wird also, wenn man will, nach einem para-doxen Modus gesucht: Es wird so viel Offenheit wie möglich, so viel Begrenzung wie nötig angestrebt.
Im wesentlichen sind es acht Anhaltspunkte, mit deren Hilfe das »paradoxe« Konzept in ein konkretes Sample und eine reale Erhebungspraxis überführt wird:
· Ungefähr hundert Personen sollen befragt werden.
· Der Erhebungszeitraum ist schwerpunktmäßig auf die Jahre 1999 und 2000 eingegrenzt.
· Interviewt werden nahezu ausschließlich Personen, die im Großraum Hamburg leben.
· Die meisten der Interviewpartner arbeiten im Dienstleistungssektor.
· Es werden zu gleichen Teilen Frauen und Männer befragt.
· Angestrebt ist eine breite Streuung im Lebensalter der Informanten.
· Wünschenswert ist eine breite Fächerung innerhalb des sozialen Spektrums.
· In Entsprechung zu den gefächerten Alters- und Sozialgruppen sollen viele, aber nicht übermäßig viele verschiedene Berufe vertreten sein.
Für die Samplebildung werden damit teils »verbindliche«, teils nicht in einem strikten Sinn verbindliche Auswahlkriterien zugrunde gelegt. In bewusster Abkehr von engen Setzungen, wie sie vielfach in der Soziologie zur Sicherung der Vergleichbarkeit und Verallgemeinerbarkeit von Ergebnissen nach wie vor für unverzichtbar gehalten werden, sind die Rahmenfestlegungen bei der Gestaltung des Samples weit oder »weich« gefasst. Fragt man nach der »Biographizität« von Technikerfahrung, so erweisen sich viele der gängigen Vorab-Festlegungen als wenig praxis-bezogen, da sich die Lebenswege eines Menschen in ihrer Verschlungenheit oft genug nicht einem festen Kategorienschema unterordnen lassen. Sowohl die Bedingung »Großstadt Hamburg« als auch die Bedingung »Dienstleistung« muss in vielen Fällen gewissermaßen wieder zurückgenommen werden, weil die Informanten beispielsweise auf dem Land aufgewachsen und erst später nach Hamburg gekommen sind, oder weil Interviewte einige Zeit ihres Lebens im Dienstleistungssektor, andere Zeiten aber z.B. »in der Produktion« gearbeitet haben. Da es für uns auch von grundsätzlicher Bedeutung ist, Technikerfahrung unter Ehepartnern bzw. innerhalb einer Familie zu studieren, kommt es vor, dass beispielsweise die Frau im Dienstleistungsbereich arbeitet, während der Mann im Baugewerbe tätig ist.
Die Mehrzahl der oben genannten Anhaltspunkte werden als »offene Rahmenvorgaben« aufgefasst, als flexible Markierungen, die hauptsächlich dem Zweck dienen, nicht von vornherein in Einseitigkeitsfallen hineinzugeraten. Insgesamt soll gewährleistet sein, dass in den Interviews die Erfahrungen eines möglichst breiten Bevölkerungsanteils greifbar werden. Im Blick auf die Vielzahl der Befragten, also von der Größenordnung her nähert sich das Technik-Projekt den Prämissen älterer Großerhebungen in der Volkskunde58 und in der Oral History-Forschung.59 Damit geht es nicht zuletzt um einen Beitrag zur Erforschung der Erfahrungsgeschichte der »Vielen«.60
Während die Merkmale »Hamburg« und »Dienstleistung« den Stellenwert von Richtgrößen haben, soll an der Vorgabe, insgesamt ungefähr fünfzig Frauen und fünfzig Männer zu befragen, in einem strikten Sinn fest gehalten werden. Ausgehend von den Erfahrungen in anderen groß angelegten qualitativen Erhebungen kann angenommen werden, dass mit etwa hundert Interviews - jedes einzelne von ihnen dauert im Technik-Projekt bisher durchschnittlich gut zwei Stunden61 - eine Materialmenge gewonnen wird, die zum einen für ein kleines Wissenschaftlerteam noch überschaubar (handhabbar) bleibt, die zum anderen eine Reichhaltigkeit aufweist, deren Disparität und Homogenität dem Kriterium der »Sättigung« gerecht wird. Dieses wichtige, von Niethammer in die Methodendiskussion eingeführte Kriterium ist eine relative Größe, mit der im groben Umriss bezeichnet wird, dass ein großes, aber nicht uferlos großes Erfahrungsfeld - etwa die Zeit des Nationalsozialismus, die Zeit des Zweiten Weltkriegs oder »Technik im Spiegel biographischer Erfahrungen der Gegenwart« - durch umfangreiches Material aus subjektiven Erinnerungen in einer »hinreichenden Vollständigkeit« dokumentiert ist.62 Dabei sei, anknüpfend an oben bereits Gesagtes, noch einmal betont, dass es im Bereich der subjektiven Erfahrungsrekapitulation »Vollständigkeit« nicht gibt. Nicht nur jede einzelne Lebensgeschichte ist letztlich immer »offen«, kann nicht zu Ende erzählt werden; erst recht ist eine Vielzahl von Lebensgeschichten eine nach allen Seiten hin offene, stets ergänzungsfähige Erfahrungsagglomeration. Die »Offenheit« ließe sich auch durch 200 oder 500 Interviews nicht »schließen« - abgesehen davon, dass eine Erhebung mit mehreren hundert qualitativen Interviews nicht zu finanzieren und auch kaum mehr angemessen auszuwerten wäre.
Die Frage, ob es um Umgang mit Technik zwischen Frauen und Männern Unterschiede gibt, ob sich erweist, dass es sie in entscheidenden Erfahrungsbereichen nicht gibt, kann nur befriedigend beantwortet werden, wenn Vertreter beider Geschlechter gleichwertig und gleichgewichtig zu Wort kommen. Bedenkt man, dass fünfzig Intensivinterviews allein mit Frauen bereits für sich ein »großes Projekt« ergeben, das Zugang zu einem breiten Spektrum unterschiedlichster Erfahrungen verschafft, so ist schon jetzt deutlich zu erkennen, dass mit der Verkopplung und Parallelschaltung einer ebenso umfangreichen Männer-Befragung ein überaus reichhaltiger Materialfundus gewonnen wird. Die Frage nach der möglichen Geschlechtsspezifik von Technikerfahrung ist im übrigen möglicherweise nicht besonders entscheidend. Als wichtiger kann es sich erweisen zu zeigen - vgl. den Hinweis von Jutta Buchner-Fuhs63 -, welche »Verflechtun-gen«, welche Interdependenzen sich zwischen Männern und Frauen im Leben mit der Technik ergeben.
Weiterhin ist beabsichtigt, in den Befragungen dafür zu sorgen, dass Personen aller »erwachsenen«64 Altersgruppen über ihre Technikerfahrung sprechen. Ob es freilich gelingen wird, eine annähernd »gleichmäßige« Staffelung der Lebensalter etwa zwischen 18 und 75 Jahren zu erreichen, muss abgewartet werden. Die Frage nach generationsspezifischen Umgangsweisen mit Technik oder nach generationstypischen Bewertungsformen lässt sich (wiederum) nur überzeugend beantworten, wenn Erklärungen aus allen Altersstufen in hinreichend großer Zahl vorhanden sind. Derzeit liegen Interviews mit Frauen der Geburtsjahrgänge zwischen 1937 und 1980 sowie mit Männern der Jahrgänge zwischen 1930 und 1978 vor. Mit dem bisher gesammelten Material können zwar punktuell bereits Aussagen über einzelne, möglicherweise generationsgebundene Erfahrungen gemacht werden, doch verallgemeinernde Resümees sind vorerst nicht möglich.
Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob es im Blick auf das aus den Erhebungen gewonnene »subjektive« Erzähl- und Erklärungsmaterial überhaupt angemessen ist, bei der Auswertung zuallererst nach »soziologischen« Antworten im Sinne möglichst plausibler Verallgemeinerungen und Typisierungen zu suchen. Geht man davon aus, dass die Lebenswirklichkeit zumal in hoch industrialisierten Ländern auf eine immer umfassendere Weise durch eine Kultur der Technik geprägt ist, dass andererseits diese Kultur in der Vielfalt ihrer subjektiv-biographischen Aneignungen bisher so gut wie gar nicht auf einer breiteren Grundlage empirisch transparent gemacht worden ist, so steht vor der Aufgabe, die Menge der subjektiven Erfahrungen in verallgemeinernde und typisierende Abstraktionen zu transformieren, womöglich die wichtigere und »adäquatere«, d.h. materialgerechtere Aufgabe, die Subjektivität erst einmal für sich selbst sprechen zu lassen. Das bedeutet ein Sich-Einlassen auf die Unterschiedlichkeit disparater Erfahrungen, ohne dass der Forscher in der Subjektivität dieser Erfahrungen untergehen muss. Wie auf »sinnvolle« Weise mit einem reichen Fundus aus subjektiven Technik-Erfahrungen umgegangen werden soll, wie die Analyse sich in der Schwebe zwischen einer abstrahierenden Distanz und einer beweglichen, dem Subjektiven zugewandten Aufgeschlossenheit halten kann, braucht an dieser Stelle nicht erläutert zu werden. Ohne mit Verallgemeinerungen und Typisierungen ständig ins Große greifen zu wollen, wäre bereits viel gewonnen, wenn es gelingt, das Interviewmaterial in einer Synthese aus interpretierender Analyse und Dokumentation zum Sprechen zu bringen.
Die acht Bestimmungsmerkmale »100 Informanten«, »Erhebungszeitraum 1999/2000«, »Großstadt Hamburg«, »Dienstleistungssektor«, »Frauen-Männer-Parität«, »breite Altersstreuung«, »verschiedene soziale Gruppen« und »relativ viele unterschiedliche Berufe« dienen der Konstruktion eines Samples, das keine starr begrenzenden Festlegungen aufweist, dessen Beteiligte vielmehr in ein Netz eingebunden sind, das mit seinen acht »Richtgrößen« nur an der Oberfläche zureichend gekennzeichnet ist. Bedeutsamer als die aus den »Richtgrößen« sich ergebenden Querverbindungen sind interne Verknüpfungen, die auf sehr vielfältige Weise zustande kommen. Die Verknüpfungen »Ehefrau - Ehemann« oder »Vater - Mutter - Kind(er)« wurden bereits erwähnt. Weiterhin sind zwei Schülerinnen und ein Schüler ein und derselben Abiturklasse interviewt worden. Verbindungen ergeben sich ferner beispielsweise zum einen zwischen Angestellten einer Sparkasse, zum anderen zwischen Angestellten einer modernen Großdruckerei. Querverbindungen entstehen bei der Betrachtung der Biographien allein stehender, berufstätiger Frauen ungefähr gleichen Alters. Mehrere der befragten Männer erzählen von ihren Erlebnissen bei der Bundeswehr. Andere Querverbindungen bilden sich im Blick auf externe Erfahrungsbereiche: verschiedene Informanten haben als Kinder den technischen Krieg der Luftangriffe auf Hamburg miterlebt, oder sie haben außerhalb von Hamburg die technische Entwicklung in der Landwirtschaft kennen gelernt. Parallelerfahrungen gibt es bei Vertretern jeweiliger Berufe, etwa unter Ärzten, Geologen, Lehrern&ldots;
Durch die internen Verknüpfungen entsteht im Sample eine Binnenstruktur aus lauter kleinen »Inseln« (Kleingruppen), die untereinander auf vielfältige Weise vernetzt sind. Ein Arzt gehört z.B. in die Berufsgruppe der Ärzte; von seiner Ausbildung her lässt er sich den Akademikern und dem »Bürgertum« zuordnen; vom Alter her kann er als kleines Kind die Luftangriffe auf Hamburg miterlebt haben; mittlerweile ist er seit dreißig Jahren verheiratet und Vater dreier Kinder. In seiner technikbiographischen Erzählung konzentriert er sich auf Berufserfahrungen; damit nimmt er eine Gewichtung vor, die für viele Männer, die voll im Berufsleben stehen, typisch zu sein scheint. Innerhalb seiner Familie gilt er, gerade was die Handhabung von Geräten, das »praktische Geschick« angeht, als Vorbild. Mit all diesen Eigenschaften gehört er, recht betrachtet, innerhalb des Samples nicht nur zu einer, sondern zu vielen Inseln. Die Inseln sind nicht bloß »äußere« Merkmale, die unter verschiedenen Informanten für Übereinstimmungen sorgen, sie sind auch Erzähl- und Erfahrungschwerpunkte, die beispielsweise die technikbiographische Prägung »Vorliebe für das Fahrrad«, »starke Erinnerung an eine Kindheit auf dem Lande«, »Leben (nur noch) mit dem Computer«oder »zehn Jahre Seefahrt auf Frachtschiffen« erzeugen. Im Grunde ist das Bild der Inseln ungenügend; treffender ist es, sich Knoten im Raum vorzustellen, die in Haupt- und Unterknoten geteilt und auf vielfältige Weise mit anderen Knoten verbunden sind.
Bei alldem versteht es sich, dass (mindestens) zwei Parameter im Technik-Projekt sozusagen a priori feste Vergleichsgrundlagen schaffen: Einmal der biographische Parameter der Lebensalter, der es ermöglicht, beispielsweise verschiedene Kindheiten zu betrachten, etwa im Blick auf die Frage, welcher Technik die Kinder im Elternhaus begegneten oder mit welchem Spielzeug sie spielten. Zum anderen der »technische« Artefakt-Parameter, der es erlaubt, z.B. Erfahrungen mit dem Auto oder mit dem Computer vergleichend zu untersuchen. Diesen beiden Parametern kommt bei der Endauswertung zentrale Bedeutung zu. Prinzipiell sind sie in ihrer Ergiebigkeit für die Analyse gleichwertig. Ob man einen »biographischen« Zugang wählt und z.B. verschiedene Kindheiten nebeneinanderstellt oder auch die Entwicklung einer Gesamtbiographie im Vergleich mit anderen Gesamtbiographien betrachtet, oder ob man im »artefaktgeleiteten« Zugriff den Umgang verschiedener Menschen mit einem bestimmten Gerät analysiert, führt in beiden Fällen zu gleichermaßen wertvollen Aufschlüssen.
Interviewsituation
In dem Projekt »Technik als biographische Erfahrung« geht es darum, ein »Wissen« zu erkunden, über das prinzipiell jeder verfügt, ob er sich nun näher mit Technik befasst oder nicht, ob er Technik schätzt oder ablehnt, ob er über Technik nachgedacht hat oder nicht. Allemal ist Technik im Leben von Großstädtern überall dauernd präsent. Mit der Konstruktion des Samples wird zwar ein bestimmter, nicht völlig beliebiger Personenkreis ins Auge gefasst, doch dieser Kreis ist so weit und offen gehalten, dass wohl ungefähr die Hälfte der Hamburger Bevölkerung als Interviewpartner in Frage kommt.
Innerhalb der Streuung, die für das Sample angestrebt wird, können und müssen auch Dienstleister der Universität vertreten sein. Beispielsweise ist eine Frau interviewt worden, die einige Jahre Afrikanistik studierte, danach elf Jahre beim Rundfunk arbeitete und jetzt ihr Studium erneut aufnimmt, um es zum Abschluss zu bringen. Eine andere Frau lebt heute in Rente, nachdem sie viele Jahre an der Universität als Bibliotheksangestellte beschäftigt war. Bemerkenswerter für die vorliegenden Untersuchungen dürfte es sein, dass die Forschergruppe im Technik-Projekt sich selbst zugleich als Interviewer und Interviewpartner auffasst; sie betrachtet sich als eine Personengruppe, die ohne Einschränkung in das Sample der zu Befragenden mit hineingehört. In ihrer Technik-Erfahrung sind die Forscher von denen, deren Technik-Erfahrung sie kennen lernen und analysieren wollen, nicht unterschieden. Gegenüber anderen Berufen im Dienstleistungssektor besitzen Volkskundlerinnen und Volkskundler, so weit es den Umgang mit Technik betrifft, keine Sonderstellung; jedenfalls ist kein triftiger Grund zu erkennen, der es den Forschern verbieten würde, sich gegenseitig selbst zu befragen. Im Gegenteil, ein volkskundlich geprägter Blick auf die je eigene Erfahrung mit Technik kann als »Fundus zusätzlicher Aspekte« in die Materialerhebung einbezogen werden.
Wenn die Wissenschaftler des Technik-Projekts davon ausgehen, dass sie in ihrer Technik-Erfahrung und Technik-Kompetenz von ihren Mitmenschen grundsätzlich nicht unterschieden sind, so liegt dem die Einsicht zugrunde, dass jedes Individuum von sich selbst und seinem Leben seine je eigenen Bilder und Konstruktionen entwickelt. Diese Bilder, Muster oder Konstruktionen sind immer zugleich einzigartig und kulturell vermittelt. Die Befragung der Forscher untereinander dient, genau wie die Befragung aller anderen Interviewpartner, dem Zweck, die jeweiligen Selbstbilder in ihrer biographisch-kulturellen Prägung im Detail kennen zu lernen. Indem die Forscher sich selbst dazu anhalten, ihre persönlichen Erfahrungen mit der Technik im Interview erzählend, berichtend, reflektierend oder wie immer zur Sprache zu bringen, indem sie sich also einem Interview stellen, lernen sie zugleich auch die Situation aller anderen Interviewten gewissermaßen von innen her kennen.
Die Erforschung des »Lebens mit Technik« wird dabei als ein offener, unabschließbarer Entdeckungs- und Erkenntnisprozess aufgefasst. Bekanntlich ist Erfahrung nicht etwas Feststehendes, das bei Bedarf »abgerufen« werden kann. Sie ist Ulrike Jureit zufolge eine Wissensform, »durch die der Mensch sich orientiert, mit der er experimentiert und die gleichzeitig die Grundlage für seine Urteilsbildung und Sinnproduktion darstellt.« Erfahrungen setzen sich aus Komponenten zusammen, »die in ihrem Zusammenspiel die Bildung eines Reservoirs konstituieren. Dieses Reservoir kann aber nicht als starres, unwandelbares Archiv gedacht werden, in dem der Mensch alles das, was er wahrnimmt und erlebt, ansammelt, sondern dieser Fundus ist immer als ein dynamischer aufzufassen, der anhaltenden Wandlungsprozessen unterliegt.«65
Wiederholt ist in der Biographieforschung ausführlich dargelegt worden, dass lebensgeschichtliche Erfahrung sich im Erzählen jeweils neu konstituiert, dass Erinnerung etwas Konstruiertes ist. Im Nachdenken und Sprechen über Technikerfahrung erweist sich auf besonders sinnfällige Weise, wie das eigene Leben im Erinnern entdeckt und konstruiert wird. Wer seine Biographie in der »üblichen« Form zu erzählen beabsichtigt, denkt nicht zuallererst an die Erlebnisse, die er mit der Technik gehabt hat. Bei der ersten Kontaktaufnahme mit einem möglichen Interviewpartner muss der Angesprochene häufig einen Augenblick überlegen, bis ihm der Zusammenhang zwischen Biographie und Technikerfahrung einsichtig wird. Die Verknüpfung des eigenen Lebens mit der Technik muss erst hergestellt - konstruiert - werden. Sobald die Verknüpfung einmal erkannt ist, fällt das Sprechen darüber den meisten nicht mehr schwer. Erlebnisse mit der Technik sind etwas so Nahes, Nahe liegendes, sie sind so vielfältig und direkt greifbar, dass es den Gesprächspartnern keine Mühe bereitet, sie spontan zu erinnern, zu (re-)konstruieren und zu einer »Hauptleitlinie«66 des Erzählens zusammenzufügen.
Gleichwohl bildet sich die biographische (Haupt-)Leitlinie der Technik, indem ihre Konstruktion sozusagen nicht in der natürlichen Logik lebensgeschichtlichen Erzählens liegt, für viele Gesprächspartner nicht von selbst. Gewiss gibt es Informanten, denen sofort eine Fülle von Erlebnissen mit der Technik einfällt, denen also die Technik-Leitlinie ein gewissermaßen »natürliches« Assoziationsfeld öffnet,67 andere Informanten aber brauchen Anstöße, um ihre Erinnerungen an den Umgang mit Technik zu rekapitulieren. Da mit der Ausrichtung auf Technikerfahrung eine Fokussierung vorgenommen wird,68 die ein spezifisches biographisches Wissen betrifft, war es unerläßlich, vor Beginn der Erhebungen einen Fragenkatalog auszuarbeiten. Der Katalog dient nicht dem Zweck, eine bestimmte Reihenfolge der Fragen festzulegen oder irgendwelche Standardisierungen zur besseren Vergleichbarkeit der Antworten zu fixieren, sondern er liefert zuerst einmal den Interviewern selbst Anhaltspunkte zur Orientierung in einem sehr weiten Untersuchungsfeld. Heuristisch kann zwischen einer »Technik im Nahbereich« und einer »Technik im Fernbereich« des Individuums unterschieden werden.69 Bezogen auf die Technik im Nahbereich, also auf eine Technik, mit der der einzelne in seinem persönlichen Leben unmittelbar zu tun hat, ist zu fragen, welche Erfahrungen er/sie mit den Prozessen der Veralltäglichung70 einzelner Geräte gemacht hat. Wie wurde die »erste Bekanntschaft« mit bestimmten Geräten erlebt (Aneignung)? Was ergab sich mit der Gewöhnung an Geräte (Umgang)? Wie wird das Leben mit den jeweiligen Geräten bewertet? Bei der Erkundung des Erfahrungsfelds »Technik im Nahbereich« kann dabei (wiederum) zwischen zwei großen Fragerichtungen unterschieden werden:
· einer biographischen Orientierung am Lebenslauf (Kindheit, Schulzeit, Berufsausbildung, beruflicher Werdegang usw.), d.h. Erschließung der wichtigsten Lebensabschnitte eines Informanten; damit unmittelbar verknüpft ist die Erschließung von Aufenthaltsorten oder Ortswechseln; wenn möglich, gilt es auch die im Lauf des Lebens wechselnden Familienverhältnisse kennen zu lernen.
· einer technikgeleiteten Orientierung an wichtigen Artefakten oder Artefaktgruppen, wobei unter anderem folgende Sektoren besonders wichtig sind:
a. Bereich der Kommunikation (Telephon, Radio, Fernsehen, Computer usw.)
b. Bereich der Mobilität (Fahrrad, Auto, Schiff, Flugzeug usw.)
c. Technik am Arbeitsplatz
d. Haushaltstechnik
e. Technik der Freizeit (Photographieren, Filmen, Skateboard, Angeln usw.)
f. Energietechnik.
Bei der »Technik im Fernbereich« handelt es sich um Techniken, mit denen der einzelne nicht selbst zu tun hat, von denen er aber ständig über die Medien erfährt und von denen er annehmen kann, dass sie prägend auf die Gesellschaft und damit auf ihn selbst einwirken. Zur Technik im Fernbereich bildet sich der einzelne Meinungen und Anschauungen. Zu fragen ist, welche Bedeutung er/sie der Technik im Fernbereich (z.B. Großtechnologien, Weltraum- oder Militärtechnik, Biotechnologie, »allgemeine« Entwicklung einzelner Technologien) im Blick auf die eigene Biographie und Lebensperspektive beimisst. Wieweit gibt es Technikeuphorie oder Technikfeindlichkeit? Welche (ideologie-)kritischen Positionen werden gegenüber einzelnen Technikphänomenen bezogen?
Mit diesen kurzen Hinweisen wird das im Fragenkatalog zusammengefasste Spektrum der Fragen nur im groben Umriss erfasst; selbstverständlich werden mit den Hinweisen noch nicht die Gesichtspunkte und Perspektiven deutlich, die für die Auswertung des Interviewmaterials von Bedeutung sind. Wie schon erwähnt, kann und soll es in diesem Aufsatz nicht um die Beschreibung von »konkreten Auswertungsergebnissen« gehen. Es muss genügen, wenn der Leser zunächst nur eine ungefähre Vorstellung von den Interviewfragen gewinnt. Wichtig ist es bei alldem fest zu halten, dass es sich während der bisherigen Erhebungen in den meisten Fällen als überflüssig erwies, auf den Fragenkatalog zurückzugreifen. Zwar wird er bei den Interviews »sicherheitshalber« bereitgehalten und gegebenenfalls herangezogen, wenn der Interviewpartner sich durchgehend auf knappe Antworten beschränkt, doch im Regelfall braucht er nicht benutzt zu werden. Die meisten Informanten begannen nach einer ersten Frage sofort ausführlich zu erzählen; die weiteren Fragen, die der Interviewer danach stellte, waren nicht mehr dem Fragenkatalog entnom-men, sondern wurden unmittelbar aus dem Gegenstand entwickelt und auf den Gegenstand bezogen, den das Gegenüber zur Sprache brachte.
Für eine große Zahl von Interviews ist es charakteristisch, dass sich bei der Rekonstruktion von Technikerfahrung thematische Schwerpunkte bildeten. Die Beschäftigung mit Erinnerungskomplexen, die eine besondere biographische Bedeutung haben, führt zwangsläufig zu einer größeren Ausführlichkeit im Erzählen. Dabei zeigt sich, dass es in der Erfahrungsrekapitulation offenbar einen - vielleicht nahe liegenden, dennoch bemerkenswerten - generationsspezifischen Unterschied gibt: Die älteren Interviewpartner der Jahrgänge ungefähr zwischen 1928 und 1942 geraten insbesondere im Blick auf ihre Kindheit, Jugend und frühe Erwachsenenzeit spontan in ein ausgeprägt »biographisches« Erzählen hinein, in einen Erzählmodus, bei dem innerhalb der Verflechtung von Biographie und Technik erstere sozusagen dominiert. Wenn beispielsweise von Luftangriffen oder Tieffliegerangriffen am Ende des Zweiten Weltkriegs erzählt wird, dann ist, pointiert formuliert, die Waffentechnik in den Erzählungen präsent, ohne dass sie thematisiert wird. Demgegenüber gibt es bei Erzählern jüngerer Geburtsjahrgänge neben dem ausgeprägt »biographischen« Erzählen immer wieder auch ein ganz auf das Technische ausgerichtetes Erzählen, eine Konzentration auf Technisches, die nicht selten im Modus der Fachsimpelei erscheint. Das fachsimpelnde Erzählen gewann beispielsweise bei einer Frau und einem Mann der Jahrgänge 1971 und 1972 großes Gewicht im Blick auf das Fahrrad und das Fahrradfahren. Zumal dort, wo der intensive Umgang mit einem Artefakt ein mehr oder weniger umfangreiches Expertenwissen erzeugt, kann sich das biographiegeleitete Erzählen phasenweise zu einem artefaktgeleiteten Erzählen wandeln. Freilich ist immer wieder zu fragen, ob eine dichotomisierende Betrachtungsweise dem im Grunde unauflösbaren Verflechtungszusammenhang von Biographie und Technik auf überzeugende Weise gerecht wird. Wahrscheinlich kann die Dichotomienbildung nur heuristische Geltung beanspruchen.
Mit der Konzentration des Biographen auf Schwerpunkte seiner Technikerfahrung ergibt es sich, dass andere Erfahrungsbereiche des Umgangs mit Technik nur am Rande oder auch gar nicht Erwähnung finden. Es fällt z.B. auf, dass viele Informanten von sich aus nicht über das Telephon sprechen. Dieses Nicht-Sprechen kann als Indiz für die Veralltäglichung des Telephonierens gedeutet werden. Überhaupt erweist es sich, dass viele Artefakte den Befragten nicht selbstverständlich in den Blick geraten, eben weil sie selbstverständlich geworden sind. Oft bedarf es einer Bewusstmachung, um Techniken des Alltags thematisieren zu können. Hier kann der Fragenkatalog, den der Interviewer »im Hinterkopf hat«, wiederum hilfreich sein. Andererseits bestätigt sich mit jedem Interview, dass es »Vollständigkeit« in der Erhebung biographischer Technikerfahrungen nicht gibt.71 Ähnlich wie die Bildung des Samples günstigenfalls zu einer Sättigung, einem gesättigten Bild von unterschiedlichen Technikbiographien führt, ähnlich ist auch im Einzelinterview immer nur eine Sättigung im Erfragen individueller Technikerfahrung zu erreichen. Dass die Rekapitulation stets fragmentarisch bleibt, hat neben erkenntnistheoretischen auch ganz praktische Gründe: Die Zeit der Informanten für das Interview ist oft begrenzt, oder es machen sich nach einem langen Gespräch Abgespanntheit und Ermüdung bemerkbar. Grundsätzlich ist geplant, einem Erstinterview zu gegebener Zeit ein Zweitinterview folgen zu lassen. Ergänzungs- und Vertiefungsinterviews müssen dabei in jedem einzelnen Fall sorgfältig vorbereitet werden. Sie müssen aufbauen auf dem, was im Erstinterview bereits zur Sprache kam; zudem sind sie erst sinnvoll, wenn mit der konkreten Auswertungsarbeit begonnen worden ist. Im Verlauf einer fortgeschrittenen Auswertung wird deutlich, wo sich in den Erstinterviews Lücken offenbaren, die jeweils durch ein Zweitinterview geschlossen werden müssen.
Die Bedeutung der Subjektivität
Der Umstand, dass sich im Technik-Projekt die Wissenschaftler als ein Teil des Untersuchungsfeldes betrachten, die Tatsache also, dass die Forscher nicht nur mit fremden Informanten sprechen, sondern sich auch ge-genseitig interviewen, mag als Erweiterung des Regelkanons gelten, der für die Erhebung qualitativer Interviews ausgesprochen oder unausgesprochen gültig ist.72 Noch in einer anderen Hinsicht wird dieser Regelkanon erweitert: Das wichtige »Prinzip der Zurückhaltung durch den Forscher«73 wird nicht grundsätzlich, aber doch dann, »wenn die Gesprächssituation es ergibt«, suspendiert. In gewisser Hinsicht steht das Gebot der Zurückhaltung durch den Forscher im Widerspruch zu zwei anderen Kriterien, denen Siegfried Lamnek zufolge qualitative Interviews genügen sollen: einmal der Intention, »das Prinzip des Alltagsgesprächs zu realisieren«, zum anderen dem »Prinzip der Offenheit«.74 In offenen Alltagsgesprächen ist keiner der Beteiligten aufgefordert, sich absichtsvoll zurückzuhalten. In einem Forschungsinterview kann freilich auf das - besonders wichtige - Gebot der Zurückhaltung nicht einfach verzichtet werden. Zuerst und zunächst einmal gilt die ganze Erhebungsarbeit dem Zweck, den Interviewten in seinem je spezifischen Selbstsein näher kennen zu lernen. Gerade um dieses näheren Kennen lernens willen kann es aber in bestimmten Situationen sinnvoll und sogar notwendig sein, sich auf ein »echtes« Gespräch im zurückhaltend geführten Interview einzulassen. Wenn der Forscher mit seiner Technikerfahrung dem Befragten in keiner Weise voraus ist, wenn er in gewisser Weise ähnlich, vielleicht auch genauso wie der Befragte auf der Suche nach dem »Essentiellen« bestimmter Technikerfahrungen ist, kann er »aus der Situation heraus« nicht nur fragend, sondern (probeweise) erklärend in das Gespräch eingreifen. Der Forscher bringt sich mit eigenen Beschreibungen oder Erklärungsversuchen in das Gespräch ein, und dieses Engagement kann wiederum den Interviewten dazu anspornen, seinerseits neue, zusätzliche Eigenschaften an seinen eigenen Erfahrungen zu entdecken. Wenn sich auf diese Weise das Interview an manchen Stellen in einen Gedankenaustausch oder in eine Diskussion verwandelt, so kann das für die Erkenntnis und das Verständnis von Technikerfahrung sehr förderlich sein.
Mit dem Zulassen von aktiven Gesprächsbeiträgen durch den Forscher wird eine größere Offenheit und wohl auch Alltäglichkeit in den Interviewgesprächen erreicht. Der gelegentliche Verzicht auf Zurückhaltung beim Interviewer darf allerdings nicht in einem schematischen, unsensiblen Sinn als »neue Regel« missverstanden werden. »Natürlichkeit« in Interviewgesprächen, wenn es sie denn gibt,75 kann gerade nicht durch die Anwendung bestimmter Regeln zustande kommen. Das »Einfühlen in die Situation der Betroffenen, das Schaffen eines Vertrauensverhältnisses in der Kommunikationssituation«, das Lamnek als »wesentliche Voraussetzungen für verläßliche und gültige Befunde« beschreibt,76 lässt sich ebenso wenig durch Regeln in die Wirklichkeit umsetzen wie der aus den Gesprächsumständen ad hoc und spontan sich ergebende zeitweilige Verzicht auf Zurückhaltung beim Forscher. Das Prinzip der Reziprozität77 in Interviews gewinnt nur dann einen Sinn, wenn es nicht schematisch oder angestrengt-beflissen, sondern spontan, »aus der Situation heraus« zur Anwendung gelangt. Wahrscheinlich ist eine Mischung aus grundsätzlicher Zurückhaltung und gelegentlicher spontaner Bereitschaft, die Zurückhaltung aufzugeben, die beste Voraussetzung für den Interviewer, um ein ergiebiges Gespräch zustande zu bringen.
Beim Erheben qualitativer Interviews stellt sich immer von neuem die wichtige Frage, welche Stellung der Forscher zur Subjektivität der Kommunikation und zur Subjektivität der Erfahrung einnimmt, die sich in den Gesprächen entfaltet. Das Technik-Projekt wird in der Volkskunde, nicht in der Soziologie durchgeführt; das bedeutet nicht zuletzt, es herrscht größere Freiheit im Umgang mit »soziologischen« Regeln, es gibt weniger Angst vor Regelverletzungen. Die Sorge, man verliere sich im Subjektiven, verlasse den Boden wissenschaftlichen Arbeitens, begebe sich der Möglichkeiten objektivierenden, typisierenden Verallgemeinerns, erweist sich als weitgehend unbegründet, wenn die »Fallen«, die sich mit der flexibleren Handhabung der Regeln öffnen, gesehen und reflektiert werden. Es ist falsches dichotomisches Denken zu meinen, flexible Handhabung bedeute Kontrollverlust oder gar »Auflösung«. Wenn stärkere Beweglichkeit in den Erhebungsarbeiten angestrebt und zugelassen wird - wenn beispielsweise auch verstanden wird, dass es »missglückte« Interviews nicht gibt, solange ein ausführliches Gespräch stattgefunden hat -, so geht es immer darum, ein möglichst gründliches, möglichst umfassendes Verständnis von den Eigenheiten und Besonderheiten eines Einzelmenschen zu gewinnen, um damit zu einer gründlicheren, umfassenderen Einsicht in kulturelle Wirkungszusammenhänge oder gesellschaftliche Mechanismen zu gelangen.
Im Technik-Projekt wird davon ausgegangen, dass es über die Art und Weise, wie die große Mehrheit der Bevölkerung in den Industrieländern mit der Technik lebt, wie sie durch Technik geprägt ist, zwar eine Unmenge von Anschauungen und allgemein gehaltenen Deutungen in den Medien und in einer überreichlich vorhandenen Literatur gibt, dass aber empirisch fundierte Kenntnisse zur konkret gelebten Mensch-Technik-Beziehung bisher nur in geringem Umfang gesammelt, dokumentiert und ausgewertet worden sind. Um zu einer näheren Kenntnis des konkreten Lebens mit der Technik zu gelangen, um eine klarere Vorstellung von der Kultürlichkeit der Technik in ihrer ganzen Komplexität zu gewinnen,78 ist es in einem ersten, wesentlichen Schritt notwendig, sich gewissermaßen so rückhaltlos wie möglich den Individuen zuzuwenden, die das Leben mit der Technik praktizieren. Die Individuen müssen in ihrer Subjektivität ernst genommen werden. Die Interviews sind so durchzuführen, dass sich die subjektive Erfahrung möglichst offen und unverstellt mitteilt. Die Notwendigkeit der Offen-heit oder der Wunsch nach Offenheit ist eine Leitvorstellung der Forschung, solange qualitative Interviews geführt werden. Andererseits gibt es in der Wissenschaft nach wie vor starke Berührungsängste, wenn es gilt, sich der Subjektivität »offen« zu stellen. Das weite Areal der Subjektivität scheint »vermintes Gelände« zu sein, in dem die Zerstörung wissenschaftlicher Grundprinzipien droht.
Im Technik-Projekt wird eine verstärkte, dabei aber letztlich maßvolle, dosierte oder auch kontrollierte Öffnung zum Subjektiven hin angestrebt. Die Forderung beispielsweise, der Forscher müsse sich während seiner Arbeit im Feld dezidiert um eine »introspektive Selbstbetrachtung« bemühen,79 wird nicht zu einer Maxime erhoben, wohl aber gilt das Prinzip einer fortgesetzten Selbstreflexivität im gesamten Forschungsprozess. Ebenso sind alle subjektiven Äußerungen und Zeugnisse, die in der Beschäftigung mit dem Gegenstand - der Mensch-Technik-Beziehung - zustande kommen, als Forschungsmaterialien nicht nur zugelassen, sondern erwünscht und willkommen. Die Notwendigkeit, Interviewprotokolle anzufertigen, ist zweifellos eher eine Selbstverständlichkeit als eine methodische Neuerung. Das Schreiben dieser Protokolle wird ernst genommen; die zusätzlichen Aufschlüsse, die sie zu jedem einzelnen Interview liefern, sind (fast) genauso unverzichtbar wie das Interviewmaterial selbst. Im Grunde braucht die Bedeutung von Protokollen nicht näher begründet zu werden; unlängst hat Jureit wieder betont, wie wichtig sie sind.80 Beispielsweise bat eine Interviewte während des Gesprächs über den Umgang mit Technik den Verfasser, den Kassettenrecorder für einen Augenblick abzuschalten. In der »Pause«, die damit entstand, erzählte sie entscheidende »persönliche« Umstände ihrer Familiensituation. Wenn solche Umstände im Protokoll nicht fest gehalten werden, fehlen grundlegende Voraussetzungen für das Verständnis des Interviews.
Über Interviews und die sie begleitenden Protokolle hinausgehend können aber auch weitere »subjektive Materialien« wertvolle Aufschlüsse über den Umgang mit Technik liefern. Wer erst einmal angefangen hat, darauf zu achten, wo und wann in seinem persönlichen Umfeld über Technik gesprochen wird, könnte wohl jeden Tag viele Beobachtungs- und Gesprächsprotokolle anfertigen, um das Erfahrene fest zu halten. Der Verfasser dieses Beitrags schreibt seit 1964 in wechselnder Intensität an Aufzeichnungen und Tagebüchern, die bis zum Ende des Jahres 1999 einen erheblichen Umfang angenommen haben. Seit Ende April '99 treffe ich, angeregt durch Thomas Hengartner, aus diesen Texten eine Auswahl, in denen es um »Technik als biographische Erfahrung« geht. Die Auswahl könnte in der Tat aufschlussreich sein, da sie »Leben mit Technik und Technik im Leben« widerspiegelt, ohne dass ich - zumindest bis zum April 1999 - die Absicht hatte, Technikerfahrung gesondert oder gezielt fest zu halten. In Aufzeichnungen der letzten Jahrzehnte, die sich autobiographisch mit allen möglichen Themen, sozusagen mit Gott und der Welt beschäftigen, wobei der Blick oft auf das Nahe liegende gerichtet ist, wird zwangsläufig, geradezu unausweichlich immer wieder auch vom Umgang mit Technik berichtet.
Darüber hinaus gibt es selbstverständlich zahlreiche weitere Materialien, die Einblick gewähren in das Leben und den Umgang mit Technik, seien es Zeitungsartikel oder Versandkataloge, Photos oder Video-Kassetten, Reportagen oder Romane.81 Im Technik-Projekt wird einerseits davon ausgegangen, dass Interviews keine grundsätzlich privilegierte Stellung gegenüber vielfältigsten anderen Materialien der subjektiven Zeugenschaft auf der einen Seite oder der »alltäglichen Dokumentation« (z.B. Zeitungen, Kataloge) auf der anderen Seite besitzen; es wird folglich von einer weiten Materialbasis ausgegangen. Andererseits muss aus praktischen, arbeitstechnischen Gründen darauf geachtet werden, dass die Forscher nicht im Material ertrinken. Um in der Fülle des Materials nicht unterzugehen, behalten die Interviews - die für sich allein schon einen riesigen Materialfundus bilden - eine Vorrangstellung.
Was im besonderen Interviews und literarische Zeugnisse zur Erkundung von subjektiver Erfahrung angeht, so sei zum einen auf die Überlegungen und die Forschungspraxis verwiesen, die sich in der Studie »Die gestohlenen Jahre« findet. Bei der Auswertung von Interviews wird hier grundsätzlich davon ausgegangen, dass der »Erfahrungs- und Erlebnis-stoff, um dessen Erschließung es geht, [&ldots;] in Interviews ebenso präsent [ist] wie [z.B.] in Tagebüchern, Romanen oder historischen Darstel-lungen. Prinzipiell sind alle Gattungen gleichermaßen geeignet, um Zu-gang zum Phänomen« der subjektiven Erfahrung zu gewinnen.82 Zum anderen wird angeknüpft an die »Writing Culture«-Debatte, die in der Reflexion des ethnographischen Be-Schreibens eine »entschiedene Horizonterweiterung der Literaturinterpretation« fordert. »Durch kulturanthropologische Sichtweisen lassen sich auch literarische Texte unter dem Aspekt von kulturellen Texten sowie als Träger von Fremdheitserfahrungen behandeln.«83 Die Sorge von Literaturwissenschaftlern, literarische Texte würden damit »instrumentalisiert«, also quasi zweckentfremdet und nicht mehr angemessen interpretiert werden, ist wenig begründet. Selbstverständlich können auch Nicht-Literaturwissenschaftler die »eigenge-setzliche Organisationsform aller literarischen Texte« (an-)erkennen und auf sinnvolle Weise damit in ihren je eigenen Forschungskonzepten umgehen.84
Insgesamt gilt es, die Dimensionen subjektiver Erfahrung im Umgang mit Technik möglichst umfassend und differenziert zu erschließen, um damit tieferen Einblick in die kulturellen Bedingtheiten moderner groß-städtischer Lebenswelten und eine genauere Kenntnis vom Selbstverständ-nis der in diesen Welten lebenden Menschen zu gewinnen. In regel-mäßigen wöchentlichen Gruppenbesprechungen, oft auch in erweiterten Gruppensitzungen mit Examenskandidatinnen und -kandidaten, die an eigenen Technik-Analysen arbeiten, wird der Aussagegehalt der mittler-weile erhobenen Interviews, dem »Prinzip der fortgesetzten Selbstreflexi-vität« folgend,85 eingehend geprüft und diskutiert, wobei fortlaufend An-sätze aus bereits vorhandenen Forschungen zum Umgang mit Technik in die Betrachtungen einbezogen werden. Abschließend sei angemerkt, dass bei alldem gerade die Technik entscheidende Hilfe leistet, indem nicht nur wie eh und je Kassettenrecorder zur Anwendung kommen, sondern indem z.B. durch Datenbanken und Register im Computer die Materialerschließung wesentlich erleichtert wird. Auch große Textmengen können bekanntlich inzwischen mühelos gespeichert und durch vielerlei Suchverfahren in wichtigen Schritten transparent gemacht werden.
1 Siehe dazu die erste zusammenfassende Kurzbeschreibung von Gerrit Herlyn: Technik - Kultur. In: VOKUS - Volkskundlich-kulturwissenschaftliche Schriften 9, 1999, H.1, S.76.
2 Zum Kultur-Verständnis, das den vorliegenden Untersuchungen zugrunde liegt, siehe die differenzierte Definition von Kultur bei Carola Lipp: Der industrialisierte Mensch. Zum Wandel historischer Erfahrung und wissenschaftlicher Deutungsmuster. In: Der industrialisierte Mensch. Vorträge des 28. Deutschen Volkskunde-Kongresses in Hagen vom 7. bis 11. Oktober 1991. Hg. v. Michael Dauskardt und Helge Gerndt. Münster 1993, S.17-43, hier S.37. Zitiert auch in: Thomas Hengartner: Telephon und Alltag. Strategien der Aneignung und des Umgangs mit der Telephonie. In: Thomas Hengartner / Johanna Rolshoven (Hg.): Technik - Kultur. Formen der Veralltäglichung von Technik - Technisches als Alltag. Zürich 1998, S.245-262, hier S.260.
3 Beatrice Tobler, in: Marius Risi, Andi Sommerau, Daniel Suter, Beatrice Tobler: Das Hirn in der Kiste. Zum Verhältnis von Technik und Subjekt in der virtuellen Welt der Computerspiele. In: Hengartner/Rolshoven (Hg.), Technik - Kultur (wie Anm.2), S.263-290, hier S.266.
4 Stefan Beck: Umgang mit Technik. Kulturelle Praxen und kulturwissenschaftliche Forschungskonzepte. Berlin 1997.
5 Ebd., S.11. Vgl. auch Wolfgang Kaschuba: Einführung in die Europäische Ethnologie. München 1999, S.234: »Forschungen zur Eßkultur, zu Kleidungsstilen, zu Körper- und Wandschmuck werden inzwischen häufiger unternommen, während der große gesellschaftliche Bereich des 'Umgangs mit Technik' etwa, der die Sphären der Arbeit, der Kommunikation, der Mobilität einschließt, ein Stiefkind geblieben ist.«
6 Ulrich Bentzien: Das Eindringen der Technik in die Lebenswelt der mecklenburgischen Landbevölkerung. Eine volkskundliche Untersuchung. Mschr. vervielf. Diss. Berlin 1961. – Hermann Bausinger: Volkskultur in der technischen Welt. Frankfurt a.M., New York 1986 (zuerst 1961). – Wilhelm Brepohl: Industrievolk im Wandel von der agraren zur industriellen Daseinsform dargestellt am Ruhrgebiet. Tübingen 1957. – Rudolf Braun: Sozialer und kultureller Wandel in einem ländlichen Industriegebiet (Zürcher Oberland) unter Einwirkung des Maschinen- und Fabrikwesens im 19. und 20. Jahrhundert. Erlenbach-Zürich 1965.
7 Vgl. Beck (wie Anm. 4), S.31.
8 Vgl. dazu die Perspektiven, die Martin Scharfe in zwei Aufsätzen entwickelt: Volkskunde in den Neunzigern. In: Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung 28, 1992, S.65-75. – Ders.: Utopie und Physik. Zum Lebensstil der Moderne. In: Der industrialisierte Mensch (wie Anm. 2), S.73-90.
9 Vgl. etwa Beck (wie Anm. 4), S.362.
10 Ebd., S.61ff.
11 Vgl. etwa ebd., S.361.
12 Christel Schachtner: Geistmaschine. Faszination und Provokation am Computer. Frankfurt a.M. 1993.
13 Vgl. Beck (wie Anm. 4), S.168.
14 In diesem Zusammenhang ist es aufschlussreich, dass sich z.B. in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) die Techniksoziologie bisher nicht als eigene Sektion etablieren konnte (Beck, ebd., S.181). Demgegenüber gibt es seit Oktober 1986 eine Sektion Biographieforschung in der DGS.
15 Die falsche Dichotomie, die sich hier herausgebildet hat, ist das Ergebnis der bis heute unglücklich verlaufenden Entwicklung der Technikforschung in der Soziologie. In Absetzung von den Einseitigkeiten der Industriesoziologie, die das Feld der (Industrie-)Arbeit besetzt hält, ist eine soziologische Forschung zur »Technik im Alltag« entstanden, die wiederum nicht frei von Einseitigkeiten ist.
16 Siehe Hans Joachim Schröder: Die gestohlenen Jahre. Erzählgeschichten und Geschichtserzählung im Interview: Der Zweite Weltkrieg aus der Sicht ehemaliger Mannschaftssoldaten. Tübingen 1992, S.318-327. – Ders.: Alltagsleben im Rußlandkrieg 1941-1945. Eine deutsche Perspektive. In: Deutsch-russische Zeitenwende. Krieg und Frieden 1941-1995. Hg. v. Hans-Adolf Jacobsen / Jochen Löser / Daniel Proektor / Sergej Slutsch. Baden-Baden 1995, S.388-409, hier bes. S.388ff.
17 Heinrich Popitz / Hans Paul Bahrdt / Ernst August Jüres / Hanno Kesting: Das Gesellschaftsbild des Arbeiters. Soziologische Untersuchungen in der Hüttenindustrie. Tübingen, 4. Aufl. 1972 (zuerst 1957). – Horst Kern / Michael Schumann: Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein. Eine empirische Untersuchung über den Einfluß der aktuellen technischen Entwicklung auf die industrielle Arbeit und das Arbeiterbewußtsein. Studienausgabe. Frankfurt a.M. 1977 (zuerst 1970).
18 Siehe etwa Albrecht Lehmann: Erzählstruktur und Lebenslauf. Autobiographische Untersuchungen. Frankfurt a.M. / New York 1983.
19 Vgl. Popitz u.a. (wie Anm. 17), S.10f.
20 Ebd., S.30-88.
21 Lehmann (wie Anm. 18), S.190.
22 Ebd., S.185-191.
23 Arnold Gehlen: Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen Gesellschaft. Hamburg, 14. Aufl. 1975 (zuerst 1957). – José Ortega y Gasset: Betrachtungen über die Technik. Der Intellektuelle und der Andere. Stuttgart 1949. Vgl. dazu die Ortega y Gasset-Rezeption bei Scharfe (wie Anm. 8).
24 Vgl. dazu etwa Harro Segeberg: Literatur im technischen Zeitalter. Von der Frühzeit der deutschen Aufklärung bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs. Darmstadt 1997. – Ders. (Hg.): Technik in der Literatur. Ein Forschungsüberblick und zwölf Aufsätze. Frankfurt a.M. 1987.
25 Siehe dazu die Habilitationsschrift von Carl Wege: Buchstabe und Maschine. Beschreibung einer Allianz. Frankfurt a.M. 2000. Außerdem: Wolfgang Emmerich / Carl Wege (Hg.): Der Technikdiskurs in der Hitler-Stalin-Ära. Stuttgart / Weimar 1995.
26 Vgl. etwa Sibylle Meyer / Eva Schulze (Hg.): Technisiertes Familienleben. Blick zurück und nach vorn. Berlin 1993.
27 Reinhold Sackmann / Ansgar Weymann: Die Technisierung des Alltags. Generationen und technische Innovationen. Frankfurt a.M. / New York 1994.
28 Siehe ebd., S.21.
29 Ebd., S.41f.
30 Ebd., S.41.
31 Hengartner/Rolshoven (Hg.) (wie Anm. 2).
32 Siehe dazu Kurt Stadelmann / Thomas Hengartner: Ganz Ohr Telefonische Kommunikation. Bern 1994. – Ein visuelles Kommunikationsmedium, mit dem Hengartner sich beschäftigt hat, sind sog. Weltpanoramen, großformatige Bilder, die als Sensationsmedien Ende des letzten Jahrhunderts - und noch bis in die fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts hinein - auf Jahrmärkten gezeigt wurden. Kurt Stadelmann (Hg.), Florian Dering, Urs Hangartner, Thomas Hengartner [u.a.]: Sensationen Welt-Schau auf Wanderschaft. 14 »Weltpanoramen« im Blickpunkt. Bern 1996. – In den Jahren 1995/96 schloss Hengartner im Rahmen eines vom Regierungsrat des Kantons Bern in Auftrag gegebenen Projekts die Studie »Wohnen und Wohnkultur im ländlichen Raum« ab. Bei den Befragungen und Dokumentationsarbeiten kommt dem Problem der Technisierung und Modernisierung in ländlichen Haushalten besondere Bedeutung zu. Die Untersuchungen werden als Bestandteil eines umfangreichen Bandes, für den andere Projekte noch in Arbeit sind, im Jahr 2000 veröffentlicht.
33 Siehe Thomas Hengartner: Vom Fern-Sprechen zum Fern-Sehen. Die Technik als Wille und Vorstellung im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. In: Museum für Kommunikation (Hg.): Wunschwelten. Zürich 2000.
34 Jutta Buchner-Fuhs: Technik und Geschlecht. In: Hengartner/Rolshoven (Hg.)(wie Anm. 2), S.51-80. – Zum Thema »Technik und Geschlecht« vgl. auch Judy Wajcman: Technik und Geschlecht. Die feministische Technikdebatte. Frankfurt a.M./ New York 1994.
35 Buchner-Fuhs (wie Anm. 34), S.55.
36 Ebd., S.57.
Ebd., S.71.
Ebd., S.72f.
39 Siehe Schröder 1992 (wie Anm. 16), S.5f., 11ff., 63-79, 97-156. – Ders.: Interviewliteratur zum Leben in der DDR. Das narrative Interview als biographisch-soziales Zeugnis zwischen Wissenschaft und Literatur. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 20, 1995, H.1, S.67-115, hier S.67-73.
40 Lehmann (wie Anm. 18). – Schröder 1992 (wie Anm. 16).
41 Siehe Lehmann (wie Anm. 18), S.27ff.; Schröder 1992 (wie Anm. 16), S.218ff.
42 Vgl. dazu Schröder 1992 (wie Anm. 16), S.202-226, im besonderen S.209.
43 Ulrike Jureit: Erinnerungsmuster. Zur Methodik lebensgeschichtlicher Interviews mit Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager. Hamburg 1999.
44 Ebd., S.194-233, 300-332.
45 Harald Baerenreiter / Werner Fuchs-Heinritz / Rolf Kirchner: Jugendliche Computer-Fans: Stubenhocker oder Pioniere? Biographieverläufe und Interaktionsformen. Opladen 1990.
46 Ebd., S.10.
47 Ebd., S.217.
48 Vgl. dazu Jureit (wie Anm. 43), S.61ff. Im Unterschied zu Jureit, die trotz der Kritik annimmt, das Verfahren der Sequenzanalyse scheint »sich in der Forschungspraxis bewährt zu haben« (ebd., S.67), werden im Technik-Projekt alternative Ansätze in der Erhebung und Auswertung gesucht.
49 So wird - dies sei als zusätzliche Kritik angemerkt - die Wirkung der Schützeschen »Zugzwänge des Erzählens« immer wieder stark überschätzt. Vgl. Schröder 1992 (wie Anm. 16), S.70f., 869ff. Um die hier geäußerte Kritik am Verfahren Fritz Schützes, die notwendigerweise knapp ausfallen muss, nicht dem Vorwurf auszusetzen, sie verkürze allzustark, sei darauf hingewiesen, dass es nach der Erhebung der Ersterzählung eine zweite Interviewphase mit »immanenten Nachfragen« und u.U. eine dritte Phase mit sachgerichteten Fragen des Forschers gibt.
50 Baerenreiter/Fuchs-Heinritz/Kirchner (wie Anm. 45), S.25.
51 Vgl. Jureit (wie Anm. 43), S.71.
52 Vgl. etwa Lehmann (wie Anm. 18), S.53ff.; Schröder 1992 (wie Anm. 16), S.15f., 52f., passim.
53 Zum Begriff »Erzählgeschichte« siehe Schröder 1992 (wie Anm. 16), S.183f., passim. Zur Bedeutung, die das »Erzählen von Geschichten« insbesondere »für eine Psychologie historischer Sinnbildung« gewinnt, siehe Jürgen Straub: Geschichten erzählen, Geschichte bilden. Grundzüge einer narrativen Psychologie historischer Sinnbildung. In: Jürgen Straub (Hg.): Erzählung, Identität und historisches Bewußtsein. Die psychologische Konstruktion von Zeit und Geschichte. Erinnerung, Geschichte, Identität I. Frankfurt a.M. 1998, S.81-169.
54 Baudrillard, der bei der Beschreibung jener »Vorgänge, die zwischen Menschen und Gegenständen Beziehungen stiften«, die »dadurch sich ergebende Systematik der menschlichen Verhaltensweisen und Verhältnisse« analysieren will, legt seinen Intentionen ein offensichtlich spekulatives, nicht aus empirischen Befragungen abgeleitetes Konzept zugrunde. Siehe Jean Baudrillard: Das System der Dinge. Über unser Verhältnis zu den alltäglichen Gegenständen. Frankfurt a.M. / New York 1991 (zuerst 1968), S.11.
55 Vgl. Thomas Hengartner / Johanna Rolshoven: Technik – Kultur – Alltag. In: Dies. (Hg.) (wie Anm. 2), S.17-49, hier S.37f.: »Auch das Lokale oder besser: das Hier und Jetzt ist technisch durchsetzt und (mit)geprägt - und diese 'Symbiose' zwischen Mensch und Technik, ihre scheinbare 'Normalität' gilt es für eine Kulturwissenschaft der Technik besonders mitzureflektieren.«
56 Siehe Scharfe 1993 (wie Anm. 8), S.80f.
57 So sind beispielsweise die weit reichenden Erklärungen, die Jureit in »Erinnerungsmuster« (wie Anm. 43) zur »Methodik wissenschaftlicher Analyse von lebensgeschichtlichen Erinnerungsinterviews« liefert, oftmals stärker an die besonderen Erhebungsvoraussetzungen gebunden, als die Verfasserin in ihrem Bestreben, einen allgemeinen Überblick zu skizzieren, annimmt. In der Beschäftigung mit den Biographien von Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager ergeben sich mancherlei spezifische Probleme, die bei der Befragung von anderen Personengruppen anders beschaffen sein oder auch marginal werden können.
58 Zum »Lehmann-Projekt« siehe grundlegend Lehmann (wie Anm. 18), ferner Schröder 1992 (wie Anm. 16).
59 Zum »LUSIR-Projekt« siehe Lutz Niethammer (Hg.): »Die Jahre weiß man nicht, wo man die heute hinsetzen soll«. Faschismuserfahrungen im Ruhrgebiet. Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930 bis 1960, Bd. 1. Berlin, Bonn 1983. Dazu die Folgebände »Hinterher merkt man, daß es richtig war, daß es schiefgegangen ist« (1983) und »Wir kriegen jetzt andere Zeiten« (1985). Ferner: Lutz Niethammer / Alexander von Plato / Dorothee Wierling: Die volkseigene Erfahrung. Eine Archäologie des Lebens in der Industrieprovinz der DDR. 30 biographische Eröffnungen. Berlin 1991. – Daneben: Margarete Dörr: »Wer die Zeit nicht miterlebt hat&ldots;« Frauenerfahrungen im Zweiten Weltkrieg und in den Jahren danach. 3 Bde. Frankfurt a.M. / New York 1998.
60 Vgl. Lutz Niethammer: Das kritische Potential der Alltagsgeschichte. In: Geschichtsdidaktik 10, 1985, S.245-247, hier S.245. – Alf Lüdtke: Mythen Erfahrungen Alltagsgeschichte. Perspektiven historischer Aufklärung. In: Kommune. Forum für Politik, Ökonomie und Kultur 6, 1988, (März), S.60-66, hier S.60.
61 Das kürzeste Interview hat bisher 45 Minuten, das längste vier Stunden gedauert. Der Durchschnittswert liegt bisher bei zwei Stunden und zehn Minuten.
62 Lutz Niethammer: Fragen - Antworten - Fragen. Methodische Erfahrungen und Erwägungen zur Oral History. In: Ders./Alexander von Plato (Hg.): » Wir kriegen jetzt andere Zeiten « . Auf der Suche nach der Erfahrung des Volkes in nachfaschistischen Ländern. Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930 bis 1960, Band 3. Berlin / Bonn 1985, S.392-445, hier S.399f. Dazu Alexander von Plato: Geschichte und Psychologie - Oral History und Psychoanalyse. Problemaufriß und Literaturüberblick. In: BIOS 11, 1998, H.2, S.171-200, hier S.185f. – Hans Joachim Schröder: Literaturbesprechung [zu Margarete Dörr, » Wer die Zeit nicht miterlebt hat&ldots; « ]. In: BIOS 12, 1999, H.1, S.129-136, hier S.131.
63 Siehe oben S.53.
64 Obwohl es besonders aufschlussreich wäre herauszufinden, auf welche Weise Kinder mit der Technik umgehen, gehen wir von der Annahme aus, dass dieser Problemkomplex nur in einer gesonderten Studie angemessen bearbeitet werden könnte. Bei Kindern scheint das biographische Bewusstsein - analog zum Geschichtsbewusstsein - noch anders beschaffen zu sein als bei Erwachsenen. Daraus ergeben sich Konsequenzen für die empirischen Erhebungen. » Die besondere Kommunikationsform des narrativen Interviews kann Vor- und Grundschulkindern kaum vermittelt und kaum durchgehalten werden. « Siehe Elfriede Billmann-Mahecha: Empirisch-psychologische Zugänge zum Geschichtsbewußtsein von Kindern. In: Jürgen Straub (Hg.)(wie Anm. 53), S.266-297, hier S.270, Anm. 11.
65 Jureit (wie Anm. 43), S.26f.
66 Zu dem für das biographische Erzählen grundlegenden Begriff der Leitlinie siehe Lehmann (wie Anm. 18), S.19; ders.: Leitlinien des lebensgeschichtlichen Erzählens. In: Lebenslauf und Lebenszusammenhang. Autobiographische Materialien in der volkskundlichen Forschung. Hg. v. Rolf Wilhelm Brednich u.a., Freiburg i. Br. 1982 (Abteilung Volkskunde des Deutschen Seminars der Universität Freiburg i. Br.), S.71-87, hier S.80. Dazu ausführlich, insbesondere zum Begriff der Hauptleitlinie, Schröder 1992 (wie Anm. 16), S.71-79.
67 Zur » Natürlichkeit des Technischen « siehe ausführlich Hengartner / Rolshoven (wie Anm. 55), S.25ff.
68 Wieweit es angemessen ist, die im Technik-Projekt geführten Interviews im soziologischen Sinn als »fokussierte Interviews« zu bezeichnen, kann hier nicht erörtert werden. Vgl. dazu etwa Siegfried Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Band 2. Methoden und Techniken. München 1989, S.78ff.
69 Vgl. oben S.50.
70 Vgl. ebd., S.26. Zum » Prozess der Veralltäglichung des Telephons « (Hengartner / Rolshoven (Hg.), wie Anm. 2, S.12) siehe Hengartner, Telephon und Alltag (wie Anm. 2). Dazu Stadelmann / Hengartner (wie Anm. 32).
71 Vgl. oben S.63.
72 Wieweit es sich dabei um einen methodologischen Neuansatz handelt, muß offenbleiben. Für die teilnehmende Beobachtung innerhalb eines Projekts beispielsweise, in dem es um die Analyse von Computerspielen ging, erklärt Tobler: » Als SelbstbeobachterInnen registrierten und interpretierten wir unsere eigenen körperlichen Reaktionen beim Spielen. « Risi / Sommerau / Suter / Tobler (wie Anm. 2), S.264, Anm. 4.
73 Lamnek (wie Anm. 68), Bd. 2, S.64. Vgl. Jureit (wie Anm. 43), S.65.
74 Lamnek, ebd.
75 Dazu ausführlich Schröder 1992 (wie Anm. 16), S.144-150. Im Unterschied zu Schröder betont Jureit (wie Anm. 43), S.95, die Asymmetrie und damit die Nicht-Natürlichkeit von (qualitativen) Interviews.
76 Lamnek (wie Anm. 68), Bd. 2, S.58.
77 Vgl. z.B. Lehmann (wie Anm. 18), S.56.
78 Siehe Hengartner/Rolshoven (wie Anm. 55), S.36.
79 Vgl. Schröder 1992 (wie Anm. 16), S.129.
80 Jureit (wie Anm. 43), S.30f., 84.
81 Vgl. dazu, auf das Thema Zweiter Weltkrieg bezogen, Schröder 1992 (wie Anm. 16), S.158ff. Ebd., S.159f. werden dokumentarische Texte der subjektiven Erfahrung - im Unterschied zu wissenschaftlichen Texten - als »Erlebnisliteratur« bezeichnet. Zur »Interviewliteratur« im besonderen, zur Dokumentarliteratur im allgemeinen und zum Problem des Verhältnissses von Faktizität und Fiktion siehe ausführlich Hans Joachim Schröder: Interviewliteratur zum Leben in der DDR. Zur literarischen, biographischen und sozialgeschichtlichen Bedeutung einer dokumentarischen Gattung. (Manuskript abgeschlossen, erscheint voraussichtlich 2000).
82 Schröder 1992 (wie Anm. 16), S.159.
83 Doris Bachmann-Medick: »Writing Culture« - ein Diskurs zwischen Ethnologie und Literaturwissenschaft. In: kea, Ausgabe 4, Sept. 1992, S.1-20, hier S.3.
84 Vgl. Oliver Sill: Zerbrochene Spiegel. Studien zur Theorie und Praxis modernen autobiographischen Erzählens. Berlin / New York 1991, S.28.
85 Siehe oben S.76.
Impressum Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster