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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



Heike
Roegler
Die Tagebuch-Suiten der
Alma Mahler-Werfel (1898-1902)


»Lese ich im Tagebuch, so kommt's mir vor, als ob man einen Vorhang hebt, und dahinter steht das Wien der Jahrhundert-wende in voller Pracht und zum Greifen nahe.«1

Dies ist die Meinung Antony Beaumonts, einer der Herausgeber der Tagebuch-Suiten Alma Mahler-Werfels. Bei den Tagebuch-Suiten handelt es sich um Tagebücher der etwa 20-jährigen Alma Schindler (später Alma Mahler), die sich über vier Jahre erstrecken. Bei diesem zeitlichen Umfang und insgesamt 754 Druckseiten wird dem Leser nicht nur das Wien der damaligen Zeit vermittelt, sondern er bekommt ein anschauliches Bild der Personen um Alma herum. Und welche Personen sie gekannt hat: Gustav Klimt, Alexander von Zemlinsky, Berta Zuckerkandl, Arthur Schnitzler und viele mehr. Zeit ihres Lebens bewegte sie sich in den Kreisen berühmter Künstler, seien es nun Schriftsteller oder Musiker.
Über Alma Mahler-Werfel ist viel geschrieben worden. Sie war eine außergewöhnliche Frau mit großem Selbstbewusstsein, unumstritten war sie aber nicht. Es wird ihr vorgeworfen, mit Männern gespielt und stets nur sich selbst gesehen zu haben
2.
Trotz der Fülle des Quellenmaterials, wie auch der Forschungsliteratur, ist das Lesen über das Leben Almas überaus spannend! Meine zweite Hauptquelle (neben den Tagebuch-Suiten) war ihre Autobiographie »Mein Leben« , in die sie Tagebuchausschnitte eingefügt hat.
3
Dem hier vorzustellenden Tagebuch liegt eine recht gute Edition zu Grunde, zudem besitzen die beiden Herausgeber ausführliche Hintergrundkenntnisse der damaligen Zeit. Sie haben sich bemüht, kaum Kürzungen vorzunehmen, um ein möglichst komplettes Bild von Alma Mah-

ler-Werfel zu geben, - aber Kürzungen bedeuten immer unkontrollierbare Zensur.

Alma Schindler – Tagebuchsuiten
Einen ausdrücklichen Grund des Tagebuchschreibens gibt Alma Schindler nicht an, jedoch beginnen die Suiten mit dem Heft bzw. der Suite 4. Das bedeutet, die ersten Tagebücher sind nicht vorhanden und man muss frei spekulieren, welche Gründe sie hatte, ein Tagebuch zu führen. Sicherlich nutzte sie die Tagebücher auch als Erinnerungsmedium, denn sie sammelte alles, von Postkarten über Eintrittskarten bis zu Briefen, und klebte diese in die Hefte ein. Außerdem fügte sie Zeichnungen über Kleidung, Frisuren und selbst über ihre Halsentzündung hinzu. In den Tagebuch-Suiten schrieb sie, dass beim Tagebuchschreiben »immer eine gewisse Koketterie dabei«
4 sei. Viel später (in den 1960er Jahren) korrigierte und zensierte sie Einträge. Daraus lässt sich schließen, dass sie an eine Veröffentlichung dachte.
Handelte es sich also überhaupt um ein »geheimes« Tagebuch - wenigstens zurzeit seiner (ersten) Niederschrift ? Diese Frage lässt sich schwer beantworten. Es gibt einige Äußerungen im Tagebuch selbst dazu:
»Ich erzählte Schnitzler, daß ich meine alten Tagebücher wieder gelesen hätte, daß sie mir gemäßer seien als die Aufzeichnungen der späten Jahre (...). Schnitzler bog das Thema ab und sagte: `Ja, auch ich habe seit meinem fünfzehnten Lebensjahr bis heute täglich alles Wichtige aufgeschrieben, und ich kann mich nicht entschließen, diese Tagebücher von fremder Hand kopieren zu lassen. Sie sind zu ehrlich, und ich bin kein großer Dichter.' Auf unseren Protest hin [....]«
5.
Aus dem Protest Almas und ihrer Bekannten, den sie Schnitzler, der sein Tagebuch nicht veröffentlichen wollte, entgegen brachten, könnte man schließen, eine Veröffentlichung sei in den Künstlerkreisen durchaus üblich gewesen. Dazu passt ebenso folgende Äußerung: »Man sagte sich auswendig Lillis Tagebuch auf, das voll sehr heikler Stellen ist, die offen besprochen wurden.«
6
Um als Beispiel für die Frage des Geheimbleibens des Tagebuchs ihre spätere Affäre mit Gustav Klimt heranzuziehen: Hier geht es um einen Kuss, von dem Anna Moll (ihre Mutter) im Tagebuch gelesen haben soll, und der diese dazu brachte, Alma aufzufordern, die Beziehung zu beenden - bedeutet dies, dass Alma schon damals um die unzureichende oder gar fehlende Geheimhaltung ihres Tagebuchs wusste? Im Tagebuch erwähnt sie von diesem Einbruch in ihre Intimsphäre wiederum nichts. Warum nicht? Denn in den Tagebuch-Suiten findet sich doch an anderer Stelle ein Eintrag, in dem Alma »Oma Moll« im Verdacht hat, in ihrem Tagebuch gelesen zu haben. Sie spricht in diesem Zusammenhang von einer »Entweihung« ihres Tagebuchs
7. Und noch eine letzte Äußerung zu ihren Tagebüchern und dem Wunsch nach Geheimhaltung:
»Mein Tagebuch ist mir abhanden gekommen. In diesem Buch lag ein schönes Telegramm von Gerhart Hauptmann, [...] Um dieses Telegramm ist es mir leid, und um das Tagebuch, das gefährliche Wahrheiten barg noch mehr.«
8
Ob Alma schon beim Schreiben ihrer Tagebücher an eine Veröffentlichung dachte, ist heute nicht mehr zu rekonstruieren. Später jedoch plante sie auf jeden Fall eine Veröffentlichung und sah nochmals ihre Aufzeichnungen durch, korrigierte sie oder entfernte gar Passagen. So kann man am Ende eines Heftes, einer Suite, den Vermerk »durchgesehen« oder »gelesen« finden. Das bedeutet, dass die Texte der Suiten zum Teil nicht mehr dem entsprechen, wie sie zunächst aufgeschrieben wurden, sondern zum Teil Almas Meinung aus den 1960er Jahren wiedergeben. In diesen korrigierten Teilen konstruiert Alma eine neue Ich-Identität aus lebensgeschichtlich später Sicht.

Alma Mahler-Werfel - Lebensdaten
Alma Schindler wurde am 31.08. 1877 in Wien geboren. Ihr Vater war Jacob Schindler, ein bekannter Maler. Die Mutter Anna Schindler (geborene Berger) übte vor der Ehe den Beruf einer Sängerin aus. Sie hatte ihre Karriere wegen der Heirat mit Jacob aufgegeben. Anna soll »reizend und leichtfertig« gewesen sein
9. Alma hatte auch eine jüngere Schwester, Grete. Mit ihr stritt und versöhnte sie sich wieder; im Tagebuch beschwert sie sich des öfteren über sie. Im Nationalsozialismus wurde Grete als Geisteskranke umgebracht10 .
Die Familie Schindler lebte in luxuriösen Verhältnissen
11, fand Jacob doch genug Förderer seiner Kunst. Als Alma 13 Jahre alt ist, stirbt ihr Vater bei einer Reise auf der Insel Sylt an einem Darmverschluss. Alma ist durch den Tod schwer getroffen12. Ihr Vater als Künstler scheint sehr prägend gewesen zu sein:
»Im Sinne meines Vaters suchte ich mir nun die Helfer meiner Jugend in älteren wissenden Männern unseres Künstlerkreises: Max Burckhard, der mich Lesen lehrte im tiefen Sinne, und später Gustav Klimt, der feine byzantinische Maler, der das von meinem Vater her erlernte `Augen-Sehen' konzentrierte und vertiefte.«
13
Nach der Trauerzeit heiratete Almas Mutter den Schüler Schindlers, Carl Moll, mit dem sie bereits zuvor eine Affäre hatte. Diese Heirat nahm Alma mit Verbitterung wahr
14, in ihren Tagebucheinträgen überlegte sie häufiger, ob Moll sie überhaupt anerkennen würde; öfter fühlte sie sich vernachlässigt. Moll spielte jedoch als Maler in Wiener Künstlerkreisen und in dem Kunsthandel eine große Rolle15 . Somit ging für Alma das luxuriöse Leben weiter.
Schulunterricht hatte Alma bis zu ihrem 17. Lebensjahr keinen bekom-men (abgesehen von wenigen Monaten), und auch ihre religiöse Erziehung fiel nur vage aus. Sie kannte jedoch Wagners Werke auswendig,
übte sich in Bildhauerei und las viel. Ihr Vater hatte ihr bereits zum
8. Geburtstag Werke von Goethe geschenkt
16. Der schon erwähnte Max Burkhard, ein Freund ihres Vaters, nahm sie mit ins Theater und in die


Oper. Er schenkte ihr zu Weihnachten eine Bibliothek mit Büchern, u.a. von Nietzsche und Stendahl
17.
Burkhard war 25 Jahre älter als Alma und in sie verliebt. Sie hatte eine flüchtige Affäre mit ihm. Ihre erste große Liebe erfährt sie jedoch mit Gustav Klimt. Diese Affäre zieht sich über einen längeren Teil des Tagebuchs hinweg. Sie entwickelt sich von einer romantischen Schwärmerei zu ersten sexuellen Erfahrungen hin.
»Gustav Klimt war als die erste große Liebe in mein Leben gekommen, aber ich war ein ahnungsloses Kind gewesen, ertrunken in Musik und weltfern dem Leben. Je mehr ich an dieser Liebe litt, desto mehr versank ich in meiner eigenen Musik, und so wurde mein Unglück zur Quelle meiner größten Seligkeiten.«
18
Klimt verfolgte Alma während einer Urlaubsreise sogar bis nach Italien. Sie trafen sich heimlich und Alma war bereit, ihm ewige Treue zu schwören. Interessant ist die Aussage (u.a. von Almas Biographin
19), dass Mutter Anna in dem Tagebuch ihrer Tochter von der Affäre liest und diese anschließend verbietet. Alma selbst erwähnt davon nichts in ihrem Tagebuch, sondern schreibt erst später, nach der Rückkehr, wie Carl Moll mit ihr ein Gespräch über Klimt führt und sie auffordert, die Affäre zu beenden (er hatte ein Gespräch der beiden mit angehört). Gleichzeitig bat er auch Klimt, die Affäre zu beenden. Aus Freundschaft zu Moll war dieser auch dazu bereit, und Alma fühlte sich gekränkt.
Nach Beendigung ihrer Affäre litt Alma sehr und gab sich »ihrem« Goethe hin. Schon vor der Affäre war sie von Goethes Werken angetan, aber Klimt hatte dies noch verstärkt. Inzwischen lief auch Alma (wie Klimt) stets mit einer Ausgabe von Goethes Faust unter dem Arm herum. So tauchen auch bei Alma (ähnlich wie im Faust) in dem Tagebuch häufig »Naturbeschreibungen« auf. Sie schildert die Natur als erholsam und aufmunternd:
»Char-Freitag 8.IV. Das Wetter ist schön, unsere Obstbäumerln blühen schon - ich sitze am Fenster und trommle mit den Fingern gegen die Scheiben. - Hinaus - hinaus!! Freiheit - Luft!!«
20
Der Affäre mit Klimt folgt eine neue Beziehung mit dem Komponisten und Dirigenten Alexander von Zemlinsky. Alma beschreibt sie folgendermaßen:
»Meine wilde Komponiererei wurde durch Alexander von Zemlinsky, der mein Talent sofort erkannt hatte, in erste Bahnen gelenkt. Ich komponierte von einem Tag zum anderen vielseitige Sonatensätze, lebte nur meiner Arbeit und hatte mich plötzlich von allem gesellschaftlichem Treiben zurückgezogen [...]. Es war fast selbstverständlich, daß ich mich in Zemlinsky, der ein häßlicher Mensch war, verliebte.«
21
Die sexuellen Erfahrungen Almas wurden durch ihre Affäre mit Zemlinsky erweitert. Ihre Freunde und Familie redeten des öfteren auf Alma ein, die Beziehung zu beenden. War doch Zemlinsky nicht nur in ihren Augen hässlich, er war auch noch arm! Alma schwankte zwischen Heiratszusagen und Beenden.
Schließlich beschloss sie, Zemlinsky aufzugeben, hatte sie doch inzwischen Gustav Mahler getroffen.
»Mahler forderte brieflich sofortiges Aufgeben meiner Musik, ich müsse nur der seinen leben ... Ich rannte die ganze Nacht in meinem Zimmer auf und ab. Meine Mutter hörte mich, kam in mein Zimmer und forderte mich allen Ernstes auf, Gustav Mahler zu verlassen. Sie kannte ja mein Dasein und wußte, daß ich seit meinem achzehnten Lebensjahr an nur der Musik gelebt hatte. Die Askese, die man sich selber diktiert, ist richtig; aber die, zu der man befohlen wird, wie das in meiner Ehe mit Gustav Mahler geschah, reizte mich bis an die Grenze des mir Ertragbaren. Übrigens: ich hatte Gustav Mahler niemals eine Note meiner Musik gezeigt.«
22
Die hier angedeutete »Unterwerfung« Almas wird häufig angeführt, wenn es um die nicht-emanzipierte Rolle der Frau um die Jahrhundertwende geht. Alma selbst äußerte in ihrer Biographie ihre Probleme mit den weiblichen Rollenanforderungen, hält jedoch in ihrem Beschreibungen und Reflexionen ihre Rolle als Frau neben einem Künstler aufrecht. Beumont und Rode-Breymann, die beiden Herausgeber der Tagebuch-Suiten sehen die Umstände jedoch anders. Sie meinen Beweise gefunden zu haben, dass Alma auch nach ihrer Ehe komponierte habe und dies eventuell nicht so qualitativ hochwertig, wie es den Selbstaussagen nach den An-

schein hat. Sie werfen die Vermutung auf, dass Mahler sie vielleicht nur vor einer Blamage schützen wollte
23 .
Mit diesen Geschehnissen enden auch die Tagebuch-Suiten. Überprüfenswert wäre es, ob Alma bewusst ihre Tagebuch-Suite 25 beendete und ein neues Heft mit Beginn ihrer Ehe anfing, also quasi das »Jungmädchentagebuch« beendet. Doch da mir für meine Analyse weitere edierte Tagebücher und auch nicht die Suiten im Original vorlagen, ist diese Überlegung rein spekulativ. Die nachfolgenden Angaben sind daher aus Biographien über Alma Schindler-Mahler-Gropius-Werfel entnommen
24 .
1902 heiratete sie Gustav Mahler und hatte mit ihm zwei Töchter, Maria und Anna. Maria starb nach nur fünf Lebensjahren. Nach dem Tod Mahlers hatte Alma eine Beziehung zu dem Maler Oskar Kokoschka (der sie sein ganzes Leben zu lieben und zu verfolgen scheint) und schloss eine Ehe mit dem Architekten Walter Gropius (mit dem sie eine Tochter, Manon, hatte; Manon starb im Alter von 20 Jahren an Kinderlähmung). Von ihm ließ sie sich scheiden und heiratete später den Schriftsteller Franz Werfel, mit dem sie schon während ihrer Ehe eine Affäre hatte. Sie bekamen einen Sohn, der im Alter von 10 Monaten starb. Es gab noch weitere Männer in Almas Leben, diese hier seien nur als die wichtigsten aufgezählt.
Alma soll später einmal im Alter gesagt haben: »Ich habe Mahlers Musik nie wirklich geliebt, ich habe mich nie wirklich für das interessiert, was Werfel schrieb, aber Kokoschka, ja Kokoschka hat mich immer beeindruckt.«
25
Mit einer Flucht über die Pyrenäen mit Heinrich, Nelly und Golo Mann, emigrierte Alma 1940 nach New York. Sie lebte schließlich in Los Angeles mit ihrem Mann Franz Werfel
26 . Am 11.12.1964 starb Alma Mahler-Werfel im Alter von 85 Jahren an einer Lungenentzündung in New York. Sie wollte an der Seite ihrer Tochter Manon beerdigt werden27.

Frauen in Wien um die Jahrhundertwende
Im Wien der Zeit der Tagebuch-Suiten galt die Vorstellung von der Ehe als gleichberechtigter Partnerschaft
28. So schrieb Mahler in einem Brief an Alma während ihrer Verlobungszeit:
»Mißversteh' mich nicht und bilde Dir jetzt nicht ein, daß ich an der bourgeoisen Vorstellung von der Ehe festhalte, derzufolge die Ehefrau nur eine Art Spielzeug für den Mann ist und gleichzeitig seine Haushälterin. Nicht wahr, Du glaubst doch nicht, daß ich so denke.«
29
Die Vorstellung von Gleichberechtigung gab es, aber war es tatsächlich so? Dazu noch ein weiteres. `delikates' Zitat aus derselben Zeit in Wien. Es ist von Arthur Schnitzler: »Am liebsten hätte ich einen Harem, und dann möchte ich nicht gestört werden.«
30 Mädchen wurden diesen Phantasiebildern entgegen weiterhin erzogen, ihre Jungfräulichkeit als etwas Heiliges zu bewahren31, und eine ehrbare Frau hatte keinen Körper im erotisch-sexuellen Sinne. Man lebte in der Vorstellung, dass, sei die Sexualität in einer Frau erst einmal geweckt, sie zügellos wäre. Die Frauen sollten daher durch Erziehung vor sich selbst geschützt werden32.
Alma hatte damit große Probleme. Sie wollte gerne ihre sexuellen Erfahrungen machen und war durchaus bereit, relativ weit zu gehen. Aber auch sie war durch das Denken der Zeit beeinflusst, wenn auch in dem von ihr entworfenen Selbstbild auf eine widersprüchliche Weise: »[...] aber meine Phantasie war berauscht. Trotzdem verhinderte meine Feigheit schon das Vorletzte. Ich dumme Gans glaubte an eine jungfräuliche Reinheit, die zu bewahren sei ...! Es lag nicht nur an der Zeit, es lag in mir. Ich war schwer zu erobern.«
33 Hier handelt es sich um Gedanken Almas über ihre Affäre mit Zemlinsky. Sie beschreibt die Zeit und ihren Umgang mit Männern. Wie schon oben kurz erwähnt, wurde ihr nun gerade in Bezug auf Zemlinsky vorgeworfen, mit ihm zu spielen.
Doch noch ein Zitat aus ihrem Tagebuch zu diesem Themenkomplex weiblicher Sexualität und gesellschaftlicher Rollendefinition:
»Das ist eine Liebe, & so einer ist eben nur ein Mädchen fähig. Ihr ganzes Sinnen und Trachten geht da hinaus, den Geliebten zu erfreuen, alles für ihn aufzuopfern. Ein Mann kann gar nicht so lieben, weil er den Kopf mit anderen welt- oder nicht weltbewegenden Gedanken voll hat. Des Mädchen ganzes Sein ist durchdrungen von dem einen Gedanken.«
34
Eine Bekannte Almas aus dem Wien der damaligen Zeit soll in diesem Zusammenhang noch erwähnt werden, es handelt sich um Rosa Mayreder. Sie gründete 1893 den »Allgemeinen österreichischen Frauenverein«
35. Sie wird häufiger im Tagebuch erwähnt und scheint nicht ohne Einfluss auf Almas emanzipatorisches Denken und Handeln gewesen zu sein. So fällt beim Lesen des Tagebuchs öfter auf, dass Alma schreibt, sie sei Fahrrad gefahren. Das verwundert doch ein wenig, da sie sonst eher über Kunst, Mode und das Leben allgemein sinniert. Was hat es also mit dem Fahrradfahren auf sich? Besagte Rosa Mayreder beschwor die Frauen, Fahrrad zu fahren, denn sie war der Meinung, nichts trage mehr zur Emanzipation bei, als das Fahrradfahren36. In diesem Zusammenhang wird verständlich, warum Alma das Fahrradfahren als wichtig und erwähnenswert angesehen hat. Man muss bei ihr das Fahrradfahren als eine Art der bewusst eingesetzten kulturellen Praktik ansehen, als Zeichen der Emanzipation.

Wien um die Jahrhundertwende
Nun zum Wien der Jahrhundertwende mit seinem »Klima der fröhlichen Apokalypse«
37. Um aus Françoise Girouts Biographie über Alma Mahler-Werfel zu zitieren: »Leichtigkeit, Geselligkeit, heitere Selbstironie, Sorglosigkeit, Frohsinn, Unbeschwertheit, Lebenslust, Freude an Festen und gutem Essen, Kultiviertheit ... [...], ein flüchtiges erotisches Funkeln«38 , diese Begriffe sollen Wien umschreiben. Kaffeehäuser, in denen man sich über alles unterhielt und den neusten Tratsch erfuhr39, in denen man sich traf und gesehen wurde.
Wien als Stadt der Kunst, mit einer Gesellschaft von »einem aufs äußerste verfeinerten Sinn für Ästhetik«
40, soll in dieser Zeit einmalig gewesen sein. Hier haben auch die Künstler nicht gegen die bürgerliche Elite revoltiert41. Wie hätten sie auch gesollt? Das Bürgertum war ganz vernarrt in die Kunst, förderte sie und machte sie sich zu Nutzen, indem es sich als Mäzen hervortun konnte. Der Soziologe Carl E. Schorske sieht darin einen Versuch, sich mit dem Adel auf eine Stufe zu stellen42 . Doch nicht nur dies. Françoise Girout teilt der Kunst in Wien um die Jahrhundertwende »weibliche Züge« zu43. Sie meint damit u.a. Salons wie sie schon im Frankreich des 18. Jahrhunderts üblich waren, geführt von Damen der Gesellschaft44. Zu diesen gehörte auch Berta Zuckerkandl, eine Freundin Almas, die im Tagebuch öfter erwähnt wird. In ihrem Salon wurde die Wiener Secession gegründet45.
Nicht nur das Bürgertum benutzte die Kunst, auch die Regierung bediente sich ihrer und kam damit der Haltung des Bürgertums entgegen
46. Ein Problem Österreichs dieser Zeit war es, aus mehreren Nationalitäten zu bestehen. Die Regierung erhoffte sich unter anderem dadurch, ein österreichisches Nationalbewusstsein zu erschaffen.
Die Frau neben dem Künstler
In dieser Welt der Kunst, einer Kunst, die viele Förderer hatte und Anerkennung fand, bewegte sich Alma. Man könnte auch sagen, sie bewegte sich in einer sehr exponierten Welt, und die Tagebuch-Suiten bieten eine gute Möglichkeit, Einblicke in diese exponierte Kunstwelt zu bekommen und zugleich die Rolle der Frauen zu beobachten. Alma sah ihre Rolle - wie bereits oben angezeigt - als die einer Frau neben einem Künstler.
»Ja, gewiß sind Künstler desto größer als Menschen, je größer ihre Kunst ist, aber sie messen mit anderen Maßen [...] ihre Welt ist eine von ihnen empfundene Welt, aus der sie sich (erwachsen zur Realität) schwer umpflanzen können. Darum sind solche Menschen oft so roh oder verständnislos im Verkehr mit Frauen. Sie sehen ja ihr Gegenüber nicht; vom Fühlen gar nicht zu sprechen. Die Frau wird neben einem bedeutenden Künstler immer zu kurz kommen.«
47
Künstler waren für sie männlich. So sagte man ihr auch, dass sie im Hinblick auf ihre Kompositionen, das »Pech« habe, als Mädchen auf die Welt gekommen zu sein. Ihr `Schicksal' wird von ihr selbst immer wieder als exemplarisch für das der schöpferischen Frau angeführt. »Ich möchte eine große That thun. Möchte eine wirklich gute Oper componieren, was bei Frauen wohl nie der Fall war.«
48
Almas Bild von einer Frau neben dem Künstler lässt Rückschlüsse auf das gesellschaftliche Bild der Frau im Wien der Jahrhundertwende zu. Oben wurde erwähnt, daß man die Ehe zwar verbal durchaus als gleichberechtigte Partnerschaft ansah, doch gerade in der Welt der Kunst wird von Alma dieses Bild als nicht existent dargestellt.

Alma Mahler-Werfels Leben wird nicht nur von ihr selbst als das Leben einer Frau um die Jahrhundertwende neben einem Künstler beschrieben. Eine ihrer Biographinnen, Françoise Girout, schreibt Alma (titelgebend
49) die Kunst zu, geliebt zu werden. So hatte sie in ihrem Leben einige Beziehungen zu Männern, und alle kamen sie aus den Künstlerkreisen. Die Vermutung liegt nahe, dass sie auf der Suche nach einem

Künstler nach dem Vorbild ihres Vaters war, zu dem sie ja eine besonders enge Beziehung hatte.
Liest man in ihren Tagebüchern oder in der Autobiographie, gewinnt man tatsächlich die Vorstellung, dass sie eine besondere Frau gewesen sein muss, der die Männer sehr zugetan waren. Aber war sie deswegen glücklich?
Einen weiteren Eindruck, den man gewinnt, ist der, dass sie eher eine unglückliche Frau war. Gerne wäre sie selbst Künstlerin gewesen, hätte z.B. gerne eine gute Oper komponiert. Doch sie war die Frau neben dem Künstler, die ihrer Meinung nach immer zu kurz kommen würde. Trotz aller Emanzipationsgedanken (beispielsweise dem Fahrradfahren) ist sie bereit, ihre Identität als Künstlerin für den Mann als Künstler zu opfern.


1 Alma Mahler-Werfel: Tagebuch- Suiten 1898-1902. Hrsg. Antony Beaumont und Susanne Rode-Breymann. 2.Aufl., Frankfurt a.M. 1997, S.XV (Brief von Antony Beaumont an Susanne Rode-Breymann).

2 Ebd., S.10.

3 Alma Mahler-Werfel: Mein Leben. Frankfurt a.M. 1960.
4 Mahler-Werfel, Tagebuch-Suiten, S.226.

5 Mahler-Werfel, Mein Leben, S.190.

6 Ebd., S.196.

7 Mahler-Werfel, Tagebuch-Suiten, S.348.

8 Mahler-Werfel, Mein Leben, S.213.

9 Françoise Giroud: Alma Mahler oder die Kunst geliebt zu werden. Biographie. Wien / Darmstadt 1989, S.24.

10 Ebd., S.24.

11 Ebd., S.24.

12 Ebd., S.25.

13 Mahler-Werfel, Mein Leben, S.20f.

14 Giroud, Alma Mahler oder die Kunst geliebt zu werden, S.25.

15 Ebd.

16 Ebd.

17 Ebd.

18 Mahler-Werfel, Mein Leben, S.28.

19 Giroud, Alma Mahler oder die Kunst geliebt zu werden, S.27.

20 Mahler-Werfel, Tagebuch- Suiten, S.67, 8.4.1898.

21 Mahler-Werfel, Mein Leben, S.29.

22 Ebd.,S.31.

23 Mahler-Werfel , Tagebuch-Suiten, S.VIIIf und XIIff.

24 Neben Giroud, Alma Mahler oder die Kunst geliebt zu werden, vgl. Gabi Jancke-Leutzsch: Die Lebensgeschichte als Beziehungsarbeit: Weibliche Lebensentwürfe. Untersuchungen an Autobiographien des 20. Jahrhunderts. In: Ursula A. J. Becher und Jörn Rüsen: Weiblichkeit in geschichtlicher Perspektive. Frankfurt 1988. Berndt W. Wessling: Alma. Gefährtin von Gustav Mahler, Oskar Kokoschka, Walter Gropius, Franz Werfel. Düsseldorf 1983.
25 Giroud, Alma Mahler oder die Kunst geliebt zu werden, S.202f.

26 Alma Mahler: Gustav Mahler. Erinnerungen. Amsterdam 1940, Vorwort.

27 Giroud, Alma Mahler oder die Kunst geliebt zu werden, S.203.

28 Ebd., S.22.

29 Ebd., S.22.

30 Ebd., S.22.

31 Ebd., S.20.

32 Ebd., S.21.

33 Mahler-Werfel, Mein Leben, S.29.

34 Mahler-Werfel, Tagebuch-Suiten,S.67, 17.6.1898.

35 Giroud, Alma Mahler oder die Kunst geliebt zu werden, S.22.

36 Ebd., S.22.

37 Ebd., S.20.

38 Ebd., S.13.

39 Ebd., S.14.

40 Ebd., S.15.

41 Ebd., S.17.

42 Ebd., S.16.

43 Ebd., S.20.

44 Ebd.

45 Gründer der Secession waren unter anderem die Maler Gustav Klimt, Carl Moll, und Josef Engelhard. Mit der Secession wollten sie mit dem so genannten akademischen Stil brechen und die bildende Kunst und das Kunsthandwerk revolutionieren. Vgl. Giroud, Alma Mahler oder die Kunst geliebt zu werden, S.26.

46 Ebd., S.20.

47 Ebd., S.68.

48 Mahler-Werfel,Tagebuch-Suiten, S.11, 9.2.1898.

49 Giroud, Alma Mahler oder die Kunst geliebt zu werden.
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