(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche
schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde
c/o institut für volkskunde)
Albrecht
Lehmann
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Ausschnitt aus der
Laudatio auf
Rolf Wiese
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Ausschnitt aus der Laudatio auf Dr. Rolf
Wiese aus Anlass eines Verfahrens zur Verleihung der akademischen
Bezeichnung »Professor« durch den Senat der Freien
und Hansestadt Hamburg (gem. § 17.1 HmbHG)
Liebe Gisela Wiese,
lieber Rolf Wiese,
Rolf Wiese wurde 1952 in Heide/Holstein in eine Landwirtsfamilie
geboren. Seine schulische und akademische Ausbildung war zunächst
an einer kauf männischen Tätigkeit orientiert. Dem Abitur
am Wirtschaftsgymnasium Heide (1973) waren der Besuch der Handelsschule
und der Höheren Han delsschule vorausgegangen. Auf die Schulzeit
folgte ein betriebswirtschaftli ches Studium (1974-1979) an der
Universität Hamburg. Wiese studierte 10 Semester. Er beendete
sein erstes Studium 1979 mit dem Abschluss »Diplomkaufmann«.
Bereits während seiner wirtschaftswissenschaftlichen Studien
hatte er Lehrveranstaltungen am Historischen Seminar der Universi
tät Hamburg besucht. Es muss damals beim Studenten Wiese
ein Orientie rungsproblem gegeben haben. Und ob er dabei immer
- wie wir das heute von ihm kennen - an die »Effizienz«
gedacht hat, ist zu bezweifeln. Denn sein neues berufliches Ziel,
die Tätigkeit an einem kulturhistorischen Museum, ließ
sich nur auf dem Wege über einen zweiten qualifizierten Studienabschluss
in einer historischen Wissenschaft erreichen. Deshalb nahm der
Diplomkaufmann Wiese unverzüglich im Jahre 1979 ein Hauptfachstudium
»Volkskunde« auf. Er beendete dieses 1984 - wiederum
nach nur 10 Semestern! - mit der Promotion zum Dr. phil. Seine
Doktorarbeit zum Thema »Die Modellanalyse. Ihre Methodik
und Anwendung am Beispiel der ländlichen Bausubstanz des
19. Jahrhunderts im Landkreis Harburg« wurde vom Fachbereich
Kulturgeschichte und Kulturkunde der Universität Hamburg
mit der Note »sehr gut« angenommen. Der innovative
und eigenständige Charakter des in zwei Bänden publizierten
Werkes steht im Fach Volkskunde außer Zweifel. Er liegt
in der theoretischen Fundierung der Modellanalyse und in deren
gegenstandsadäquater Anwendung in empirische Forschung. Dieses
Werk, daran kann heute kein Zweifel sein, hat - wie Rolf Wilhelm
Brednich hervorhebt - seinen Rang als »eines führenden
volkskundlichen Hausforscher(s) der jüngeren Generation begründet«.
Hervorzuheben ist hier vor allem der interdisziplinäre Charakter
der Wieseschen Untersuchung zur ländlichen Bausubstanz. Es
besteht darin, »Ideen und Methoden der Wirtschaftswissenschaften
und der Geisteswissenschaften aufeinander befruchtend zu beziehen«.
Das zeichnet Rolf Wiese ganz allgemein aus: Er setzt sich in seinem
wissenschaftlichen Denken und praktischen Wirken unkonventionell
und mutig wie er ist über mutmaßlich unüberwindliche
Grenzen hinweg; über Grenzen zwischen Kultur und Politik
und eben auch über die Grenze zwischen »BWL«
und Kulturwissenschaft.
Seit Januar 1985 ist Dr. Rolf Wiese als Museums- und Denkmalpfleger
beim Landkreis Harburg beschäftigt. Zu seinen Aufgaben gehörte
es zunächst, ein wissenschaftliches und administratives Konzept
für das (bis dahin als Außen stelle des Harburger Helms-Museums
geführte) Freilichtmuseum am Kiekeberg - in Erwartung von
dessen bevorstehender Übernahme durch den Landkreis Harburg
- zu entwickeln. Im Jahre 1987 wurde Wiese mit der Leitung dieses
Museums betraut.
Das Wiesesche Museumskonzept und seine praktische Anwendung haben
das Freilichtmuseum am Kiekeberg in ungewöhnlich kurzer Zeit
von einem kleinen, am Rande einer Großstadt gelegenen, vom
Ausstellungskonzept her regional eng begrenzten Bauernhausmuseum
zu einem der führenden Freilicht- und Agrartechnikmuseen
in Deutschland aufsteigen lassen. Das dokumentiert sich u.a. durch
die Zuerkennung zweier hoch angesehener Preise an die von Wiese
geleitete Institution: Im Jahre 1992 erhielt das Freilichtmuseum
am Kiekeberg den erstmals vergebenen Niedersächsischen Museumspreis.
1994 wurde es mit dem »Speyer-Preis« der dortigen
Hochschule für Verwaltungswissenschaften ausgezeichnet. Auch
hier wiederum zum ersten Mal wurde dieser hoch angesehene Preis
einer Institution des kulturellen Lebens verliehen. Durch diese
öffentlichen Anerkennungen wurden einerseits die Qualität
der wissenschaftlichen Planung und ihrer praktischen Anwendung,
andererseits die Verdienste um die Modernisierung einer Museumsverwaltung
(vor allem die Einführung moderner Methoden des Museumsmanagements,
neuartige Vermittlungsformen, teamorientierte Personalführung)
gewürdigt.
Während seiner Zeit als Leiter des Freilichtmuseums am Kiekeberg
hat Wiese zahlreiche sehr qualifizierte wissenschaftliche Abhandlungen
zur Hausforschung, zur Museumskunde (speziell zur Konzeption von
Museums außenstellen), zur Landtechnik und zum Museumsmanagement
verfasst. Ver schiedentlich hat er zu international besetzten
Tagungen, speziell zur allge meinen Museumswissenschaft und zum
Museumsmanagement ins Freilicht museum am Kiekeberg, geladen.
Wiese gibt außerdem eine Schriftenreihe des Museums heraus,
in der bisher über 40 Bände zur Museumskunde, Hausfor
schung, Agrar- und Technikgeschichte sowie zum Thema Museumsmanage
ment erschienen sind.
Die Qualität der wissenschaftlichen Forschungsarbeit Wieses
und seiner Mitarbeiter am Freilichtmuseum am Kiekeberg fand außerdem
Anerkennung durch die Vergabe eines Forschungsprojekts (in Kooperation
mit dem Frei lichtmuseum Cloppenburg) der Deutschen Forschungsgemeinschaft
über Untersuchungen zum ländlichen Hausbau im ausgehenden
19. und begin nenden 20. Jahrhundert. Es war das erste DFG–Projekt,
welches in Deutschland an ein Freilichtmuseum vergeben wurde.
Viele Kollegen aus Volkskunde und Geschichte kennen die Schriften
des Freilichtmuseums und das Freilichtmuseum am Kiekeberg aus
eigener Anschauung. Der Kiekeberg ist ein über die Grenzen
Deutschlands hinaus in Europa höchst geachtetes Museum. Es
wirkt infolge seiner wissenschaftlichen Ausrichtung auf die Neuzeit
sowie durch das zum ersten Male im deutschen Museumswesen operationalisierte
Konzept aufeinander bezogener sozialer, ökologischer und
betriebswirtschaftlicher Perspektiven beispielgebend; nicht zuletzt
für die Ausbildung des Museumsnachwuchses.
Professor Dr. Rolf Wiese hat seit dem Sommersemester 1985 mehr
als 25 universitäre Lehrveranstaltungen gehalten, vor allem
am Institut für Volks kunde, zudem am Institut für Sozial-
und Wirtschaftsgeschichte der Universität Hamburg. Außerdem
ist er der Aufforderung nachgekommen, eine Lehr veranstaltung
am Volkskundeseminar in Göttingen zu halten und Lehrver pflichtungen
an der Fernuniversität Hagen zu übernehmen.
Die Lehrveranstaltungen am Hamburger Institut für Volkskunde
bezogen sich zunächst auf sozial- und kulturgeschichtliche
Fragestellungen im Kontext theoretischer Konzepte und praktischer
Arbeit in Bereichen des
traditionellen Museumswesens (es ging also speziell um Hausforschung,
Technisierung der Landwirtschaft, Wohnen und Wirtschaften).
Seit 1992 hat Rolf Wiese sein Arbeitsfeld in der akademischen
Lehre zunehmend beim Thema Museumsmanagement gefunden. Seine Lehrver
anstaltungen in diesem in den Geisteswissenschaften neuartigen
Bereich aka demischer Lehre waren von Anfang an von Studentinnen
und Studenten hi storischer Fächer der Universität Hamburg
ungewöhnlich stark nachgefragt. Seit Frühjahr 1996 wurde
deshalb in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Volkskunde-Institut
der dreijährige Modellversuch eines Schwerpunktstudi enganges
»Museumsmanagement« initiiert. Dieser Tage ist das
Museumsma nagement fest im Lehrangebot des Fachbereichs Kulturgeschichte
und Kul turkunde etabliert worden. Dieses Angebot steht somit
weiterhin allen Stu dierenden dieses Arbeitsbereichs offen.
Es ist das Ziel dieses Lehrangebots, Studierenden museumsrelevanter
F ächer (vornehmlich aus Kunstgeschichte, Volkskunde, Archäologie,
Ethnologie) eine Ausbildung zu ermöglichen, die über
den traditionellen Kanon der Museumskunde (Sammeln, Bewahren,
Forschen, Dokumentieren) hinaus Einblick in Fragen der Organisation,
der Finanzierung, der Datenverarbeitung, des Marketings gibt.
Dieses Studienangebot ist bei Fachkollegen und darüber hinaus
in den Massenmedien (regionale und überregionale Presse,
Rundfunk, Fernsehen) auf ein ungewöhnlich großes, anhaltendes
Interesse gestoßen.
Die innovativen Leistungen Wieses für das neue Arbeitsfeld
»Museums management« im Kontext der universitären
Ausbildung in kulturwissen schaftlichen Disziplinen stehen außer
Zweifel. Inzwischen haben eine Anzahl von auswärtigen Studierenden
historischer und kulturwissenschaftlicher Fächer dieses Angebots
wegen ihr Studium an der Hamburger Universität aufgenommen.
Wir sind stolz darauf, dass es uns gelungen ist, den Studiengang
»Museumsmanagement« im Fachbereich Kulturgeschichte
und Kulturkunde dauerhaft zu etablieren. Gerade wegen dieses Ziels
war die Verleihung des Professorentitels an Herrn Dr. Rolf Wiese
im Interesse der Universität Hamburg höchst wünschenswert,
zumal inzwischen einige junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
an einer museumsbezogenen Doktorarbeit mit dem Schwerpunkt »Museumsmanagement«
forschen. Die erste Dokotorarbeit, die Dissertation von Oliver
Rump - Mitarbeiter von Professor Wiese - bearbeitet das Thema
»Controlling im Museum«. Sie ist am 10. November mit
der mündlichen Prüfung zum Abschluss gekommen. Die Dissertation
von Frau Anja Dauschek über einen Vergleich der betriebswirtschaftlichen
Organisationsformen kulturhistorischer Museen in den USA und in
Deutschland steht unmittelbar vor dem Abschluss.
Zum Schluss ein persönliches Wort über Rolf Wiese: Bei
aller Individualität und Originalität ist Wiese ein
Mann der Teamarbeit. Museumsdirektoren reden gern von »meinem
Museum« sowie sie etwa auch von »meinem Haus«,
»meinem Anzug« usw. reden. Das habe ich von Wiese
noch nie gehört. Der Kiekeberg, eigentlich - bei Licht besehen
seine ganz persönliche Schöpfung - bleibt für ihn
stets »unser Museum«. Der Museumsdirektor Wiese weiß
ganz genau, was er seinen qualifizierten und engagierten Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern - nicht zuletzt seiner Ehefrau Gisela Wiese verdankt.
Seiner Gisela, die selbst eine anspruchsvolle berufliche Tätigkeit
erfolgreich betreibt und zugleich, neben ihrem Beruf, am beständigen
weiteren Ausbau des Kiekebergs engagiert ist. Wie man hört,
verlangt Wiese viel von denen, die für ihn arbeiten. Doch
er ist stets bereit, Leistungen anderer rückhaltlos anzuerkennen,
wenn sie es verdienen. Ich freue mich, ihn inzwischen über
weit über zwanzig Jahren zu meinen Freunden zu zählen,
und ich bin glücklich, dass wir ihn an unserem Institut haben.