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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)
Ilse
LangeAlter im Kloster - Erfahrungen
einer Feldforschung
»Alltag und Frömmigkeit im Frauenkloster«, unter diesem Titel fand im Sommersemester 1998 eine Exkursion in ein Frauenkloster statt. Mein spontaner Entschluss, daran teilzunehmen, hatte nicht allein den Grund, eine Pflichtexkursion mitzumachen, sondern war auch mit der persönlichen Erwartung verbunden, unklare Vorstellungen über das heutige Klosterleben zu überprüfen und - wie zu vermuten war - zu revidieren. Zum Einzelthema »Alter im Kloster«, das mich für die Dauer unseres Aufenthaltes beschäftigen sollte, stellte sich mir als zentrale Frage, ob Frauen heute nur aus religiösen Gründen ins Kloster eintreten oder ob etwa der Gedanke an die Versorgung im Alter eine Rolle bei der Entscheidung spielt, wie es im historischen Kontext häufig der Fall war.
Jugendlichkeit - nicht nur biologisch, sondern im Sinne von Weltoffenheit und Bereitschaft zum Wandel - im Kloster vorzufinden, gehörte nicht zu meinen Vorstellungen. Was ich erwartete, war, eine Gruppe von Frauen anzutreffen, die im Kloster als einem religiösen Rückzugsort lebt, an dem die Anzahl der Jahre, das Altern, keine Rolle spielt, an dem das Alter nur eine Phase vor dem Tod nach einem meditativ orientierten und »behüteten« Leben ist. Die Erfahrung vor Ort machte es jedoch notwendig, auch in diesem Umfeld Alter und Altern differenzierter zu sehen und das Kloster als »sicheren Ort« in Frage zu stellen; denn ich erkannte, dass der Begriff der Generation, den ich lediglich im Zusammenhang mit dem Nachwuchsmangel im Kloster als relevant angesehen hatte, zu kurz gefasst war. So trat bei der Auswertung des Feldforschungsmaterials als neuer Schwerpunkt der Generationenkonflikt und seine Auswirkungen auf die Klostergemeinschaft in den Blick, wie ich später ausführen werde.
Zunächst aber musste die Exkursion vorbereitet werden.
Feldforschung als Erfahrung - Theorie und Praxis
Qualitative Feldforschungumzusetzen, war das Ziel der Exkursion unter der Leitung von Brigitta Schmidt-Lauber, die uns für sieben Tage nach Speyer in das Institut St. Dominikus, ein Dominikanerinnen-Kloster, führte.1 Die Arbeit in der Planungsphase zu unterschiedlichen Einzelthemen konzentrierte sich auf die Erarbeitung klarer Fragestellungen und die Auswahl angemessener Methoden für die Forschung vor Ort. Nach der Feldforschung folgte die Nachbereitung und Auswertung der Ergebnisse. Die Fragen, die mein »Mitforscher«2 und ich uns zum Thema »Alter im Kloster« stellten, konzentrierten sich auf die Bereiche der institutionellen, ökonomischen und sozialen Bedingungen des Alterns bzw. Alters im Kloster und den Umgang mit dem Alter. Das bedeutete, dass neben alltagskulturellen Sachfragen wie Unterbringung, Verpflegung, medizinische Versorgung und - nicht zuletzt - die finanzielle Altersversorgung, auch individuelle persönliche Fragen, wie Gründe für den Eintritt ins Kloster, rückblickende biographische Reflexion, Einstellung zu Veränderungen im Kloster und Gedanken zu Alter und Tod gestellt werden sollten. Wir erwarteten, eine Gruppe von älteren Frauen anzutreffen, die durch ihre religiöse Motivation und das gemeinsame, im gleichen Rahmen verlaufende klösterliche Leben, relativ homogen sein würde. Dass wir uns trotzdem die Fragen stellten, ob es eine Altersstruktur, d.h. bestimmte Gruppierungen, gäbe, wie sich diese ausprägten, und ob eine Jugendlichkeit im Kloster zu finden sei und welche Rolle sie spielte, erwies sich als berechtigt.
In der theoretischen Vorbereitung hatten wir folgendes Herangehen geplant: teilnehmende Beobachtung, halbstandardisierte Interviews für die Sachfragen und narrative biographische Interviews, durch die wir uns den gewünschten empirischen Zugang zu den persönlichen Fragen, v.a. auch zum Alter, erhofften. Da diese Fragen Nähe und Vertrauen erfordern, scheuten wir vor dem Einsatz eines Aufnahmegerätes zurück.
Praktisch war die Felderfahrung eine andere Sache. Das von den Klosterschwestern für die Tage unserer Anwesenheit für uns vorgesehene Rahmenprogramm gab uns eine ungefähre Vorstellung von dem, was uns inhaltlich erwartete und welchen zeitlichen Rahmen dieses Programm einnehmen würde. Das erschien hilfreich, erwies sich aber auch als Problem; denn die für die eigenen Erhebungen verbleibende Zeit war dadurch sehr knapp bemessen. Konkret: Die ergiebigsten Gespräche fanden während der mit den Schwestern gemeinsam eingenommenen Mahlzeiten statt oder während der uns zugeteilten Haus-, Putz- und Aufräumarbeiten oder Gartenarbeit, sofern sie denn gemeinsam mit den Schwestern verrichtet wurden. Es waren somit Zufallsgespräche in wünschenswerten Alltagssituationen, aber es fehlte dann an der Zeit, sie anschließend ausführlich zu protokollieren. Das Feldtagebuch konnte meist erst vor dem Zubettgehen geführt werden. Das erforderte Disziplin und ein gutes Gedächtnis.
Das größere Problem war jedoch, dass wir auch die von uns geplanten Zugänge zum Thema »Alter im Kloster« revidieren mussten. Wir waren davon ausgegangen, dass wir unser Hauptaugenmerk auf den Alten- und Krankenkonvent des Klosters richten könnten, wo wir aufgrund der zu erwartenden Homogenität von Alter (nach Jahren) und Lebenssituation in idealer Weise vergleichende Gespräche und eigene Beobachtungen durchführen zu können glaubten. Doch dies erwies sich als unmöglich. Wir hatten lediglich zum Lebensbereich der Gemeinschaft Osma3, unseren Gastgeberinnen, Zugang, nicht aber zu den Klausuren der übrigen Konvente. Damit waren wir allein auf die teilnehmende Beobachtung im Allgemeinen und die Informationen »aus zweiter Hand«, nämlich die Tisch- oder Zufallsgespräche im Garten und mit der Schwester an der Pforte, angewiesen. Die ursprüngliche »Angst des Forschers vor dem Feld« (Rolf Lindner) wandelte sich für mich sukzessive in Mutlosigkeit, überhaupt etwas herausfinden zu können. Allerdings hatte die beginnende Resignation den Vorteil, dass ich mich viel entspannter und gelassener auf mögliche Gespräche einlassen konnte. Auch wenn diese, wie mir schien, eher mit dem Thema Biographieforschung als mit dem Thema Alter im
Kloster zu tun hatten, enthielten sie relevante Informationen, ohne dass die vorher angedachten Fragen überhaupt gestellt werden konnten.
Die Ergebnisse planten wir in einem Vergleich zwischen der Einstellung zum Alter und dem Umgang mit ihm in der weltlichen und in der klösterlichen Gesellschaft auszuwerten.
Altwerden und Altsein in der weltlichen Gesellschaft
Die Vorstellungen von Altern und Alter als Teil der gesellschaftlichen Struktur sind aus soziologischer Sicht einem ständigen Wandel unterworfen und müssen immer wieder neu definiert werden. So konzentrieren sich neuere Ansätze auf die Frage nach der Lebensqualität im Alter und postulieren die selbständige Lebensführung und den Erhalt der Unabhängigkeit als ein Stück Lebensqualität4. In einer von Andreas Kruse als »psychologisch-anthropologisch« bezeichneten Sicht ist Alter eine Phase der Biographie. Konfliktsituationen und deren individuelle Erfahrung und Bewältigung, z.B. der Umgang mit materiellen oder Rollenverlusten, sind für das Alter von Bedeutung5. Von dieser psychologisch-anthropolo-gischen Sicht soll hier ausgegangen werden.
Generation wird im Allgemeinen mit Blick auf die Familienstruktur und die Abfolge von Kindern, Eltern, Großeltern gesehen. Daran orientiert sich die Alterszugehörigkeit. Die Übergänge sind fließend, vor allem zur Altersphase, die auf der Selbsteinschätzung basiert. Persönliches Empfinden und körperliches Befinden, sozialer Status oder der Übergang vom Arbeitsleben in den Ruhestand spielen hier eine Rolle. Vitalität, Selbständigkeit und Jugendlichkeit sowie agile Selbsterfüllung im Alter sind heute gefragt. Die Altersphase ist planbar, ja unterliegt quasi der Planungspflicht.6 Diese Forderung nach Aktivität im Alter steht jedoch im Widerspruch zu dem normierten oder erzwungenen Ausschluss aus dem Berufsleben.
Die Lebensplanung von Beruf, Familie, Alter hängt von biologischen, sozialen und ökonomischen Bedingungen und von den individuellen Er-wartungen ab und kann jederzeit von konfliktträchtigen Situationen durchkreuzt werden. Beispiele für solche konfliktträchtigen Situationen, die nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftliche Probleme mit sich bringen, sind der Verlust des Partners, der Verlust der Arbeit, häufig verbunden mit dem Verlust von sozialen Kontakten und sozialem Abstieg, oder auch der Übergang ins Rentenalter mit einem eventuell damit empfundenen Rollenverlust. Neben der Freiheit der Selbstbestimmung steht also die geheime Furcht vor der Bedrohung durch nicht planbare Ereignisse und Verlust von Anerkennung. Dazu gehören auch unabwendbar Krankheit und Tod.
Die weltliche Gesellschaft tendiert dazu, Kranke Krankenhäusern und körperlich schwache oder handlungsunfähige alte Menschen entsprechenden Alteninstitutionen zu übergeben und damit aus der Gesellschaft auszugrenzen.
Den Tod definiert der Soziologe Tews als gesellschaftliches Problem, das funktionalistisch durch Ausschluss gelöst wird.7 Für das Individuum bedeutet der Tod entweder das unabwendbare Ende seines Lebenszyklus oder der Gedanke an ihn wird verdrängt, weil bestimmte Lebensziele noch nicht erreicht oder unerreichbar sind. Der nahende Tod und das drohende Sterben führen das Individuum - wie auch im Falle der Krankheit - nicht nur in eine Verlustsituation, sondern grenzen es in vielen Fällen aus der Gesellschaft aus.
Wie stellte sich uns die Sicht auf Alter und Lebensplanung in der klösterlichen Gesellschaft dar? Wie geht man mit Krankheit und Tod um?
Altwerden und Altsein in der klösterlichen Gesellschaft
Unsere Erwartungen an das Kloster in Speyer waren trotz aller vorliegenden Informationen noch immer stark von mittelalterlichen Vorstellungen geprägt. So überraschten uns nicht nur die relativ moderne Klosteranlage, sondern auch die Mitglieder der Gemeinschaft Osma, unsere Gastgeberinnen. Entgegen unserer Vorstellung vom überalterten Kloster begrüßte uns eine zierliche, energiegeladene Nonne Anfang Dreißig. Auch bei den übrigen Mitgliedern der Gemeinschaft, die wir nach gängigen Altersvorstellungen, also den Jahren nach, dem Alter zugerechnet hätten, fiel die frische, zugewandte Art und körperliche Beweglichkeit auf, die wir als jugendlich empfanden. In der Kirche dagegen, während des ersten gemeinsamen Vespergottesdienstes mit allen Klosterbewohnerinnen, bot sich ein anderes Bild, das dem erwarteten vom »alternden« Kloster durchaus entsprach. Die etwa 50 bis 60 in gleichförmigen Habit gekleideten Schwestern bewegten sich langsam bis mühsam. Haltung, Geräusche wie Husten, Atmen, Stimmlage beim Singen und Beten deuteten auf alte Menschen hin. Der Gesamteindruck war der einer Gruppe alter bis sehr alter Schwestern. Und dieser Eindruck von Überalterung täuschte nicht, wie wir in anschließenden Gesprächen erfuhren: Die Altersspanne der rund 100 Schwestern reichte von 33 bis 101 Jahre. Das Durchschnittsalter lag insgesamt bei etwa 70 Jahren, in der Gemeinschaft Osma allerdings bei 50 Jahren.
Die nicht erwartete Jugendlichkeit und Aufgeschlossenheit, die offenbar nicht an die Anzahl der Lebensjahre gebunden war, überraschte also, war aber für die Gemeinschaft Osma erklärlich, die sich reformorientierte Zugänge zur Spiritualität als Ziel gesetzt hat. Der freiere Umgang mit den Habitvorschriften zum Beispiel korrespondierte teilweise mit dem Kontakt mit weltlichen Gruppen, denen von den Schwestern der Gemeinschaft Osma ein breites Programm von Meditations- und Kontemplationsübungen im Kloster, aber auch Geselligkeit, meditativer Tanz und Theater angeboten wurden. Die über 70-jährige Schwester R. mit ihren spontanen und witzigen Einfällen beim biblischen Rollenspiel bleibt unvergessen.
Aber entgegen dem Eindruck aus der Klosterkirche zeigte sich Aufgeschlossenheit im alltäglichen, z.B. im technischen Bereich, auch bei Schwestern der anderen Konvente. Die 84-jährige Schwester S. ging an der Pforte souverän mit der modernen Telefonanlage um und war stets gern bereit, sich zu ihrem Klosterleben und ihrer Biographie zu äußern. Schwester Sn. (61 Jahre), die bis zu ihrer vor kurzem erfolgten Pensionierung als Lehrerin in Ghana gearbeitet hatte, nahm an einem Computer-Kurs teil, in der Hoffnung, noch einmal nach Ghana gesandt zu werden, um dort in der Verwaltung zu helfen. Dagegen stießen jedoch die Modernität der Gemeinschaft Osma im Umgang mit dem Habit oder die neuen spirituellen Formen offensichtlich bei den anderen Konventen auf Missbilligung und Kritik.
Überalterung hatten wir also erwartet und vorgefunden, daneben aber auch Jugendlichkeit. Was wir in einem Kloster nicht erwartet hatten, waren Generationen und ein Generationenkonflikt.
Generationen, Arbeitsbegriff und Lebensplanung
Die anthropologische Kohorteneinteilung, die sich strukturell an der Familie (Kinder, Eltern, Großeltern) orientiert, war für die Generationendefinition hier nicht hilfreich. Dagegen setzt nach Karl Mannheim Generation einen einer Gruppe gemeinsamen Erfahrungsbereich und ein signifikantes Ereignis voraus und konstituiert sich somit alters- und milieuspezifisch. In dieser klösterlichen Gesellschaft, deren Mitglieder sich aufgrund eines individuellen religiösen Erlebnisses mit dem Wunsch nach einer spirituellen und räumlichen Gemeinschaft zusammenschließen, erfolgt dieser Zusammenschluss jedoch unabhängig von Alter und Schicht und kann daher nicht unmittelbar als generationsbildend bezeichnet werden. Wenn trotzdem von Generationen - auch altersstrukturiert - gesprochen werden soll, so soll in diesem Zusammenhang das II. Vatikanische Konzil als signifikantes Ereignis angenommen werden.
In den Aussagen der Schwestern bestimmten zwei Aspekte die Definition von Alter. Die übereinstimmende Auskunft lautete, dass Alter eine Lebenseinstellung und Haltung sei und nicht nach Jahren zu bemessen wäre. Dies entspricht der oben dargestellten soziologischen Definition in der weltlichen Gesellschaft. Als zweites wurde indirekt als Beginn von Alter die körperliche Unfähigkeit zu aktiver Mitarbeit in der Klostergemeinschaft gesehen. Die Selbsteinschätzung in Bezug auf Alter war damit eng mit der Selbstdefinition über den Arbeitsbegriff verbunden. Die Definition von Arbeit war jedoch nicht durchgängig gleich und hing mit der Biographie und der Lebensplanung der einzelnen Schwestern zusammen. Sie können nun in drei Altersgruppen unterteilt werden, in drei Generationen sozusagen.
Die Mitglieder der »alten Generation«, zu denen wir die Schwestern ab etwa 70 Jahren rechneten, waren fast alle sehr jung und ohne Berufsausbildung ins Kloster eingetreten. Vielfach war neben den religiösen Gründen auch gerade der Wunsch nach Ausbildung durch das oder im Kloster eine der Motivationen gewesen. Da der Eintritt unter den harten Regeln vor dem II. Vatikanischen Konzil von 1965 erfolgte, bedeuteten die Aufnahme im Kloster die fast völlige Loslösung von der Familie und die Unterwerfung unter die sehr strenge Auslegung des Armuts- und Gehorsamkeitsgelübdes. Die 84-jährige Schwester S. erwähnte, dass jedes persönliche Geschenk, selbst eine Tafel Schokolade oder ein geschenkter Kuchen, der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt werden musste und dass jeder der wenigen erlaubten Briefe von der Äbtissin kontrolliert wurde. Die Einhaltung der Gelübde oder Verstöße gegen sie wurden durch das Kapitel kontrolliert bzw. vor der Gemeinschaft geahndet. Berufswünsche durften zwar geäußert werden, die Entscheidung traf jedoch die Klosterleitung. So war es der Wunsch von Schwester S., Krankenschwester zu werden, die Klosterleitung ließ sie jedoch in der Paramentenstickerei und später zur Handarbeitslehrerin ausbilden. Sie beugte sich der Entscheidung und ging »an jeden Platz, an dem man gebraucht wurde«. Diesen Gehorsam und dieses Pflichtbewusstsein zeichnete die biographischen Berichte aller Schwestern dieser Generation aus. Das bedeutet, dass die Klosterleitung die Lebensplanung übernahm und dabei - so ist zu vermuten - Gehorsamspflicht und Respekt vor der Hierarchie voraussetzte. Die konfliktträchtigen Situationen mussten daher nicht mittels verbaler Auseinandersetzung, sondern im Subjekt durch innere Haltung und Unterwerfung gelöst werden. Für die Durchsetzung der Planung war die Klosterleitung zuständig.
Die »jüngeren« Alten, d.h. die Schwestern zwischen 50 und 70 Jahren und die Gruppe der altersmäßig noch jüngeren Schwestern unterschieden sich dadurch, dass die einen ebenfalls eigene Vorstellung oder Wünsche in Bezug auf den Lebensweg im Kloster hegten und nicht durchsetzen konnten. Sie hatten sich zwar der Entscheidung der Klosterleitung gefügt, vermerkten dies jedoch mit gewissem Bedauern, was im Einzelfall bis zum Widerspruch gegenüber einer hierarchischen Entscheidung führte.
Die anderen, die jüngste Gruppe, machte von dem Recht auf Durchsetzung von Berufswünschen gemäß dem II. Vatikanischen Konzil Gebrauch. Sie konnte also hoffen, eigene Vorstellungen innerhalb des Klosterlebens zu verwirklichen. Begünstigt wird die Durchsetzung eigener Wünsche dadurch, dass der Eintritt ins Kloster oft nicht mehr in so jungen Jahren erfolgt und eine Berufsausbildung bereits vorhanden oder sogar erwünscht ist. Dies traf z.B. für die jüngsten Schwestern der Gemeinschaft Osma zu. Die Reform bietet darüber hinaus auch die Möglichkeit des Klosterwechsels, aber - Zitat - »der Leidensdruck muss schon sehr groß sein«, wenn man die einmal gewählte Klostergemeinschaft verlässt. Für diese Generation hat sich also ein Wandel in Richtung Individualisierung ergeben, wie es die Tendenz in der weltlichen Gesellschaft ist.
Die Möglichkeiten der Lebensplanung haben sich also für die drei Generationsgruppen geändert. Welche Auswirkungen hat das auf den Umgang mit den konfliktträchtigen Situationen Krankheit und Tod ?
Das theologische Thema Tod wird im Kloster nicht tabuisiert. Die Todesstunde ist in den Gebeten gegenwärtig. »Heilige Mutter Gottes bitt' für uns, jetzt und in der Stunde unseres Todes«. Diese Anrufung ist fester Bestandteil der Liturgie. Im Klostergarten gibt es einen Bereich, in dem die Blumen für die Schwestern gezogen werden, die auf dem Stadtfriedhof in einem gesonderten Bereich begraben werden. »Dann haben sie noch etwas aus dem Kloster«, sagte eine Schwester bei einem Gespräch im Garten. Das bedeutet, dass sie symbolisch in der Gemeinschaft verbleiben. Die Todesangst, begründet durch die Furcht, nicht genügend gut gelebt zu haben, ist damit im Kloster nicht ausgeschlossen. Die Mitschwestern sind jedoch, wie Schwester E. sagte, bereit, diese Konfliktsituation mit zu tragen und durch Gebete zu begleiten. In der weltlichen Gesellschaft ist eine solche Begleitung eher die Ausnahme.
Der Umgang mit Krankheit und Hilflosigkeit im Alter unterscheidet sich wohl am weitgehendsten von dem in der weltlichen Gesellschaft: die hilfsbedürftigen oder kranken Schwestern werden nicht fremden Institutionen übergeben. Körperlicher Verfall oder geistiges Nachlassen stellen somit keine Bedrohung oder Ausgrenzung dar. Die Schwestern bleiben im Kloster und werden von ihren Mitschwestern entweder im Altenkonvent betreut oder auf der Krankenstation gepflegt. Diese Betreuung ist nach Aussage der Schwestern herzlich und voll liebevoller Anteilnahme. Doch andererseits tritt hier ganz ausgeprägt der Generationenkonflikt zutage, wie nun gezeigt werden wird.
Der Generationenkonflikt
Den Lebensabend im Kloster zu verbringen, ist Bestandteil der Erwartungen im Leben jeder Schwester, die die ewigen Gelübde abgelegt hat. Eine »Altersplanung« erscheint daher nicht relevant. Und doch trat genau an diesem Punkt ein Konflikt zutage, und zwar im Zusammenhang mit dem Arbeitsbegriff. Arbeit kann in der weltlichen Gesellschaft als Bestandteil der individuellen Identitätsfindung gesehen werden. Die damit verknüpften Erwartungen sind Anerkennung und Erfolg, auch materieller. Dem Arbeitsbegriff wird durch die Termini Lebensarbeitszeit und Rentenbeginn eine strukturierende Funktion gegeben. Im Gegensatz dazu hat der Arbeitsbegriff im Kloster einen grundsätzlich anderen Charakter. Arbeit als fundamentale Kategorie für Identität und Selbstverständnis ist gemeinschaftliche Aufgabe mit religiöser Überhöhung. Der Regel für den Dritten Orden, »ora et labora«, zu folgen, bedeutet nicht nur Einhaltung eines Gelübdes, sondern ist fester Bestandteil der Identität. Leitsätze lauten: Man muss ständig tätig sein. - Keine Arbeit ist herabsetzend oder minderwertig. - Man muss für das, was man bekommt, auch etwas tun. - So etwa äußerte sich Schwester Sn., die als Lehrerin »im Ruhestand« ihren Urlaub im Speyerer Kloster verbrachte, und mit der wir gemeinsam im Garten die Mohrrüben für die Einmietung vorbereiteten. Auch Schwester S. in der Pförtnerloge, war stets mit einer Handarbeit beschäftigt. Sie erklärte uns, dass jede Schwester sich auch im Alter eine Arbeit suche und, wenn diese zu schwer würde, übernähme man eine leichtere, die »man sich noch zutraue«. Arbeit also bis zur gänzlichen Arbeitsunfähigkeit.
Doch auch im Klosterleben gibt es den kalendarisch fixierten Eintritt in den Rentenstand. Er gilt für die Schwestern, die beruflich außerhalb des Klosters tätig sind und die gesetzliche Altersgrenze erreichen. Auch sie suchen sich im Kloster neue Aufgaben. Dann aber gibt es noch eigenständige »Stationen« außerhalb oder innerhalb des Klosters, deren Schwestern in den Altenkonvent des Klosters zurückkehren, ohne dass ein altersmäßiger Zeitpunkt dafür festgelegt ist. Solange sie können, verbleiben sie jedoch auf ihrem »Posten«, wie es hieß.
Diese Arbeitswilligkeit bis ins hohe Alter bei gleichzeitig fehlendem Nachwuchs kann zu Problemen führen. In Speyer ist hierfür die landwirtschaftliche Abteilung ein Beispiel. Sie ist inzwischen völlig unrentabel, hat keinen Schwesternnachwuchs und besteht nur noch aus zwei Schwestern. Die Abteilung soll aber nicht aufgelöst werden, solange diese Schwestern nicht in den Altenkonvent übersiedeln. Einige jüngere Schwestern sehen hierin eine Belastung für die Gemeinschaft und würden eine Begrenzung der Lebensarbeitszeit für richtig halten. Sie streben neue Organisationsformen an, um Unrentabilitität für das Kloster abzuwenden und nähern sich mit dieser Sicht Werten an, die denen der weltlichen Gesellschaft ähnlich sind. Die ältere Generation hat gemäß ihrer Arbeitsauffassung von »solange es geht« hierfür kein Verständnis, zumal im Falle Speyer auch das Lebenswerk der leitenden Schwester vernichtet wird. Der Identitätsverlust, den diese Schwester nach ihrem Verständnis dadurch erleidet, entspricht der Identitätskrise eines Menschen in der weltlichen Gesellschaft, der seine Rolle über seine Arbeit definiert und beim erzwungenen Übergang in den Rentenstand einen Rollenverlust erleidet.
Krankheit und Alter - das zeigt sich - enthalten Konfliktstoff auch für die klösterliche Gesellschaft: Der Generationenvertrag löst sich auf, die jüngeren Schwestern können weder darauf vertrauen, im eigenen Kloster alt zu werden, noch, dass sie von ihren Mitschwestern gepflegt werden, da der Nachwuchs fehlt. Sie müssen eher damit rechnen, selbst einmal von professionellen weltlichen Pflegekräften versorgt zu werden. Schwester E., auf der Krankenstation tätig, sieht darin die Gefahr, der »Armut« anheim zu fallen, d.h. der Liebesarmut. In der weltlichen Gesellschaft mit ähnlicher Alterspyramide könnte diese Aussicht in eine existentielle oder psychologische Krise führen.
Es zeichnet sich also insgesamt keine inhaltliche Auflösung, sondern Veränderung im Sinne von Modernisierungsbestrebungen ab.
Zusammenfassung
Die Möglichkeit der individuellen Planung des Klosterlebens und der Klosterlaufbahn hat nach dem II. Vatikanischen Konzil zugenommen.
Alter ist, wie in der weltlichen Gesellschaft, von der Selbsteinschätzung abhängig, ohne dass diese im Kloster dem Zwang der »Jugendlichkeit« zu unterliegen braucht. Durch die Regelung der Altersversorgung ist im Kloster eine Zweiteilung eingetreten, die sich in der inneren Haltung ausdrückt: Die Gruppe der Schwestern, die wegen ihres hohen Alters oder mangels eigener Berufstätigkeit nicht in die rückwirkende Rentenversicherung aufgenommen werden konnte, sieht ihre Versorgung durch das Kloster, das ihre Lebensplanung übernommen hatte, als selbstverständlich an. Sie verhält sich, wie sie es gelernt hat: Sie setzt ihre Aktivitäten, ohne auf die Jahre zu sehen, je nach Kräften und in Erfüllung ihres Gelübdes bis zum Ende ihres Lebens fort. Dieses gilt zwar auch für die andere Gruppe, die aber aufgrund eigener Berufstätigkeit oder Nachversicherung einen Anspruch auf eine Altersversicherung hat. Beim Eintritt ins gesetzliche Rentenalter beenden diese Schwestern daher ihre berufliche Tätigkeit. Die Aktivitäten, die auch sie danach im Rahmen des Klosters übernehmen, dienen der Erfüllung des Gelübdes und sind nicht Teil der »Selbsterfüllung«, wie es in der weltlichen Gesellschaft propagiert wird. Jedoch hat sich der Arbeitsbegriff gewandelt. Der Effizienzgedanke und damit der Gedanke, dass Aktivitäten auch Belastungen für die Gemeinschaft bedeuten können, ist der älteren Gruppe nicht einsichtig, festigt sich jedoch bei einigen Jüngeren.
Der Sicherheitsrahmen scheint in der klösterlichen Gemeinschaft größer zu sein als in der weltlichen Gesellschaft, in der durchkreuzte Planungen zu schwer wiegenden Problemen und Verlusten führen können.
Körperliches und geistiges Nachlassen der Kräfte im Alter, in der weltlichen Gesellschaft häufig ein soziales Problem, werden, zumindest jetzt noch, in der klösterlichen Gemeinschaft aufgefangen. Hier zeichnet sich jedoch aus Nachwuchsmangel ein Wandel ab, der die Alterssituation der in der weltlichen Gesellschaft angleichen könnte, aber durch eine unterschiedliche geistige Haltung hingenommen wird. Und schließlich ist die Einbindung des Todes in den Lebensablauf und die Gemeinschaft der wohl grundlegendste Unterschied zur weltlichen Gesellschaft.
Drei Resultate stehen damit am Ende meiner ersten Feldforschung:
Erstens: Das Kloster als eigener Lebensrahmen in unserer Gesellschaft spiegelt gleichwohl die Probleme der Gesellschaft wider: Überalterung, Auflösung des Generationenvertrages, Generationenkonflikte. Zweitens: Im homogenen Rahmen der Klostersituation lassen sich unterschiedliche innere Haltungen der Schwestern der einzelnen Generationen gegenüber diesen Veränderungen und die daraus entstandenen Konflikte exemplarisch beobachten. Drittens: Der Sicherheitsrahmen der Altersversorgung wird in der Klostergemeinschaft durch die Solidargemeinschaft der Orden noch gestützt und scheint größere Geborgenheit als der weltliche Rahmen zu bieten, und dies wird auch so gesehen.
Die Interaktion während unseres Klosteraufenthaltes hat schließlich auch die Wahrnehmung für das eigene veränderte Verhalten in dieser Feldsituation geschärft. Es ist sicher, dass auch die Schwestern, die uns so aufgeschlossen empfangen haben, uns durch ihr Verhalten ein bestimmtes Bild der Klostersituation vermitteln wollten.
1 Qualitative Feldforschung ist nach Heiner Legewie »eine mikroskopische« Methode zur Untersuchung überschaubarer soziokultureller Einheiten.« Vgl: Heiner Legewie: Feldforschung und teilnehmende Beobachtung, in: Uwe Flick u.a. (Hg.): Handbuch qualitative Sozialforschung. Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen, München 1991, S.189-193. Sie wird begünstigt bzw. erst ermöglicht, durch Teilnahme am Leben im Lebensraum der zu beforschenden Gruppe.
2 Das Exkursionsprojekt »Alter im Kloster« habe ich gemeinsam mit Jürgen Dürr durchgeführt, der die Arbeit bis zur Auswertung der Ergebnisse kritisch begleitet und unterstützt hat.
3 Um 1195, d.h. vor seiner Ordensgründung, war Dominikus Domkapitular am Domherrenstift in der nordspanischen Stadt Osma bei Valladolid. Vgl. Erhard Gorys: Lexikon der Heiligen. München 1997.
4 Wolf D. Oswald / Ursula Lehr (Hg.): Altern - Veränderung und Bewältigung. Bern/ Stuttgart/Toronto 1991.
5 Andreas Kruse: Zum Verständnis des Alternsprozesses aus psychologisch-anthropolo-gischer Sicht, in: Wolf D. Oswald / Ursula Lehr (Hg.): Altern - Veränderung und Bewältigung. Bern/Stuttgart/Toronto 1991, S.149-170.
6 Vgl. Peter Laslett: Das Dritte Alter. Historische Soziologie des Alterns. Weinheim/ München 1995.
7 »Die Gesellschaft löst alternde Individuen aus ihren Rollen und Positionen und macht sie entbehrlich«, denn ihre Rollen und Funktionen werden nach dem Tod nicht wieder ausgefüllt. Hans Peter Tews: Soziologie des Alterns. 3., neu bearb. u. erw. Aufl., Heidelberg 1979.
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