Sehr geehrter Herr Präsident,
sehr geehrte Frau Präsidentin der DGV,
lieber Herr Bauche, lieber Herr Wiese,
liebe Angehörige von Herrn Wiese und Bauche,
liebe Freunde der Volkskunde
Im Namen des Instituts für Volkskunde und der Hamburger Gesellschaft
für Volkskunde heiße ich Sie zu unserem Festakt ganz
herzlich willkommen. Der Anlass, der uns heute Abend zusammenführt,
bietet buchstäblich Grund zu doppelter Freude: Innerhalb
eines knappen Jahres sind mit Ulrich Bauche und Rolf Wiese gleich
zwei Kollegen vom Präsidenten unserer Universität für
ihre »hervorragenden Leistungen« (so hoch hängt
das Hamburgische Hochschulgesetz den Rahmen) mit der Verleihung
der akademischen Bezeichnung »Professor« geehrt worden.
Das Institut für Volkskunde möchte sich mit diesem Festakt
nicht im Abglanz der neuen Würde der beiden Kollegen sonnen,
sondern mit ihnen die Freude über die Anerkennung der langjährigen
Arbeit, die sie an »ihren« Museen und in »unserem«
Institut zugunsten der Wissenschaft geleistet haben, teilen. Wir
schätzen uns dabei besonders glücklich, dass beide sich
spontan - und ich versichere Ihnen, ohne jedwelchen Druck
frei nach dem Motto »Würde bringt Bürde«
-, dass sich also beide spontan bereit erklärt haben, uns
in ihre aktuellen Forschungen Einblick zu geben.
Rituale in jeglicher Form gehören zum Kernbestand volkskundlichen
Forschens. Und gerade die Festforschung nimmt in diesem Zusammenhang
eine prominente Stellung ein. Keine Angst: Volkskundler sind zwar
immer auf der Pirsch - heute Abend befinden Sie sich aber auf
der sicheren Seite: keine teilnehmende Beobachtung, keine Situationsanalyse,
keine wissenschaftliche Dokumentation, keine nachträglichen
Interviews, auch keine archivalische Recherche. Allerdings kann
ich es mir nicht ganz verkneifen, die »Festfrage«
nicht nur mit der Veranstalter-, sondern auch mit der Wissenschaftlerbrille
zu betrachten.
Damit allerdings vergebe ich mir schon einmal die Möglichkeit,
mich mit einem der beliebtesten Bestandteile einer festlichen
Rede, mit einem Goethe-Zitat zu schmücken. Wie mancher argloser
Festredner hat sich nicht auf ein geflügelt gewordenes Wort
aus der Ballade »Der Schatzgräber« berufen:
»Tages Arbeit, abends Gäste!
Saure Wochen, frohe Feste!
Sei dein künftig Zauberwort.«
und damit den Anlass eigentlich konterkariert: Fest - hier wirkt
im Hintergrund das reformatorische Bestreben um Nüchternheit
nach - bezeichnet in diesem Zusammenhang weniger den feierlichen
Anlass, den wir heute begehen wollen, sondern unnützen Lärm
um Kleinigkeiten, viel Wesens und Aufhebens ohne triftigen Grund.
Will ich mich dennoch mit einem geflügelten Wort schmücken,
bietet mir höchstens eine Redensart studentischer Herkunft
Zuflucht - zwar ohne das Gütesiegel der Gelehrsamkeit, dafür
um so herzlicher: »Das ist mir ein Fest«, so verzeichnet
das einschlägige volkskundliche Wörterbuch sprichwörtlicher
Redensarten - steht für »das ist eine große Freude
für mich«. Sollten Sie verehrte Anwesende, und sollten
vor allem Sie, Herr Bauche und Herr Wiese, den heutigen Abend
unter diesem Diktum erinnern, dann wiederum wäre das für
uns ein Fest.
Um bei den Standardwerken zu bleiben: Die »Enzyklopädie
des Märchens, ein volkskundliches Nachschlagewerk erster
Güte - allerdings mit einem leicht irreführenden Namen
- umschreibt »Fest« folgendermaßen:
»Ein Fest ist eine Zeit des Feierns, ein Ereignis von besonderer
Bedeutung für die Gruppe oder Gemeinschaft, in der es stattfindet,
ein komplexer Vorgang mit erzieherischen, gesellschaftlichen,
religiösen und symbolischen Aspekten, bei dem verschiedene
psychologische Bedürfnisse befriedigt werden: Es bietet Erholung
von den Mühen des Alltags und Abwechslung im Einerlei, fördert
Zusammenhalt und Einigkeit in Familie und Gemeinschaft, gibt Gelegenheit
zu gesellschaftlich sanktionierten Exzessen und hat damit Ventilwirkung;
es verleiht den Schlüsselereignissen des Lebenslaufs (...)
besondere Würde und hebt ihre Einmaligkeit hervor [...].
Der Mensch als symbolschaffendes Wesen errichtet Bedeutungssysteme,
in deren Rahmen die menschliche Existenz erlebt wird. Das Fest
ist ein von mehreren geteilter Akt, der ein auf gemeinsamen Werten
beruhendes Streben zum Ausdruck bringt [...].«
Ich erspare mir in Anbetracht unserer jetzigen Situation als »Stehgesellschaft«
einen langen Kommentar - im Wissen, dass heute Abend einzelne
der genannten Facetten von höherer Bedeutsamkeit sind als
andere. Uns als Veranstaltern lag namentlich an den Aspekten der
besonderen Würde und der Einmaligkeit. Beiden hoffen wir,
wenigstens ansatzweise gerecht werden zu können: Es ist uns
eine besondere Freude, dass der Präsident unserer Universität
und nach der Pause der Dekan des Fachbereichs Kulturgeschichte
und Kulturkunde, sich die Zeit genommen haben zu uns, vor allem
aber zu Ihnen, Herr Bauche und Herr Wiese, zu sprechen. Es ist
uns aber auch ein besonderes Anliegen, Ihre Verdienste zur Sprache
zu bringen - eine Aufgabe, die mein Kollege Albrecht Lehmann übernommen
hat. Er wird Ihrer beider Verdienste in einer kurzen Laudatio
würdigen. Nicht zuletzt freuen wir uns, dass Sie, verehrte
Anwesende mit Ihrer Teilnahme am heutigen Abend Ihre Verbundenheit
mit den beiden Geehrten zum Ausdruck bringen.
Erlauben Sie mir eine kleine Bemerkung zum Schluss:
Manche von Ihnen haben sich vielleicht über das Motiv auf
der Vorderseite unserer Einladungskarte gewundert: Eine Baustelle
als Sinnbild von Wissenschaft und Lehre? Es ließen sich
bestimmt viele schöne Worte finden, um dies metaphernreich
und einleuchtend zu begründen. Die wahre Ursache ist indessen
um einiges banaler: Eine Verwechslung in der Druckerei - sie hat
die Kehrseite des vorgesehenen Motivs verwendet - hat dazu geführt,
dass statt des zehnten Bildes des Freskenzyklus` im Treppenhaus
der Hamburger Bürgerschaft die neunte Station des idealtypischen
Lebenslaufs eines Hamburger Bürgers mit dem Motiv »Bauen«
zur Darstellung kam. Eine Verwechslung, die allerdings mit Blick
auf die beiden heute Abend Geehrten nicht ganz ohne sinnfälligen
Bezug ist, haben sich doch beide im Verlaufe ihrer wissenschaftlichen
Tätigkeit immer wieder der Handwerksforschung angenommen.
So oder so: Der Motivzyklus im Treppenhaus der Hamburger Bürgerschaft
sieht neun Lebensstationen vor derjenigen von Wissenschaft und
Lehre vor: Kindheit, Jugendjahre, Gesellen- und Wanderjahre, Militärdienst,
Hochzeit, Bürgereid, Familienleben und Handel und eben Bauen.
Der zehnten haben Sie, Herr Bauche und Herr Wiese, sich seit langem
verschrieben und ich freue mich mit allen, dass Sie dafür
Ihren wohlverdienten Dank in Empfang nehmen konnten.