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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



Exkursions-Bericht: »Kopenhagener« und »Hamburger« Exkursion nach Kopenhagen

Vom 17. bis zum 20. Juni 1999 fuhren sechs Studierende des Instituts für Volkskunde - Hamburg im Rahmen des von Klaus Schriewer geleiteten Mittelseminars »Strukturelle Lebensformanalyse«1 nach Kopenhagen. Dieser Besuch erwiderte die Exkursion der dänischen Studierenden des »Institut for Etnologi og Arkæologi« im Februar 1999 zum Hamburger Institut für Volkskunde. So waren die Hamburger Studentinnen und Studenten denn auch privat bei ihren bereits vom Februar bekannten Gastgebern untergebracht.

Die Strukturelle Lebensformanalyse bildet eine Art Pflichtfach im durchstrukturierten Studium der europäischen Ethnologie am Kopenhagener Institut. Und nachdem seit dem Wintersemester 1998/99 auch in Hamburg ein dreisemestriges Seminar zur Strukturellen Lebensformanalyse angeboten wird, sollten diese gegenseitigen Besuche vor allem den Hamburger Studenten die Möglichkeit zum Austausch und zur Diskussion über diese für hiesige volkskundliche Verhältnisse recht exotische Theorie bieten.
Das dänische Organisationsteam hatte ein umfassendes Programm für die vier Exkursionstage vorbereitet. Dabei sollte zum einen die inhaltliche Arbeit am Kopenhagener Volkskunde-Institut vorgestellt werden, zum anderen aber auch die Stadt Kopenhagen - historisch und gegenwärtig - erkundet werden. Den Anfang des Programms bildete am Freitagvormittag ein Vortrag von Ole Bernild über Kopenhagen als Festungsstadt. Der Vortrag beleuchtete den Zeitraum von 1397 bis zur Gegenwart. Im Mittelpunkt stand hierbei Kopenhagens geographische Lage am Øresund und seine damit eng verbundene handelspolitische Bedeutung. Am Nachmittag führte uns die Studentin Helle Ålsbøl, die am Kopenhagener »Bymuseet« (Stadtmuseum) tätig ist, durch die Stadt. Ihre historische Führung leitete uns durch die Innenstadt und orientierte sich an den Spuren deutschen Kulturkontakts mit Dänemark. Allerdings wurde ihr Vortrag immer wieder durch eine bestimmte Form dänischen Brauchtums erschwert! Denn nach erfolgreichen Abschlußprüfungen ziehen die dänischen Abiturienten alljährlich feuchtfröhlich und lautstark unter freudiger Anteilnahme der Bevölkerung durch die Stadt. Mit gemieteten LKWs, deren Ladefläche zur Partyzone avanciert, werden nacheinander die einzelnen Erziehungsberechtigten der Schüler heimgesucht, die die Prüflinge ausgiebig mit alkoholischen Getränken bewirten. Das Finale dieses Umzugswesens bildet ein Tanz um eine altehrwürdige Statue auf dem »Kongens Nytorv«, was immer wieder zu mehr oder weniger ernstgemeinten Zwischenfällen mit der Polizei führt. Abends fanden sich die dänischen und deutschen Studenten zum Grillen in einem typischen Kopenhagener Hinterhof zusammen. Zu späterer Stunde erkundete man wiederum die dänischen Festbräuche auf einer Party des anthropologischen Instituts.
Am Sonnabend erhielten die ExkursionsteilnehmerInnen Einblick in unterschiedliche empirische Projekte der Forschung am Kopenhagener Institut. Nils Jul Nielsen stellte sein Forschungsprojekt in der Bierbrauerei »Tuborg« vor. In seiner Untersuchung analysierte er Unterschiede und Gegensätze zwischen den unterschiedlich spezialisierten Gruppen von den Brauereiarbeitern, um mit diesen Ergebnissen letztendlich das Ende der Arbeiterkultur zu hinterfragen. Im Anschluß berichtete Kirsten Monrad Madsen über ihre Ausarbeitung der karrieregebundenen Lebensform, die als Bestandteil in die Konzeption der Strukturellen Lebensformanalyse eingegangen ist. An dieser Stelle entstand eine hitzige Diskussion über die theoretische Wurzeln der Lebensformanalyse, wobei ein Hamburger Student sich über die Art und Weise der Rezeption von Marx ereiferte. Um die Gemüter abzukühlen wurde darauf die typisch dänische Frokost, ein kaltes Mittagessen bzw. zweites Frühstück mit pikant belegten Broten, angesetzt. Den Abschluß der Vortragsreihe bildete wiederum Ole Bernild mit einen historischen Beitrag über die Entstehung des Staatsdienertums im absolutistischen Dänemark. Der späte Nachmittag stand zur freien Verfügung. Bei herrlichstem Sommerwetter unternahmen die Studenten wahlweise eine Bootsrundfahrt, einen Kurztrip zum Charlottenlund zum Baden oder erkundeten die dunklen Ecken von Christiania. Zum gemeinsamen Abendessen traf man sich in einem kleinen indischen Restaurant am Christianshavn, um den Abend in Christiania zu verbringen.

Den Abschluß des Besuchs bildete am Sonntagvormittag eine Führung über den historischen sozialen Wohnungsbau in Kopenhagen von Johannes Møllegaard. Das älteste Beispiel seiner Führung war »Nyboder«, eine Siedlung für Staatsbedienstete der Flotte, deren erste Gebäude bereits aus dem 17. Jahrhunderts stammen. Heute dienen diese Häuser als Museum. Im 19. Jahrhundert entstanden »Brumleby« und die »Kartoffelreihen«, die die nächsten Stationen der Führung waren. »Brumleby« ist eine von der Ärztevereinigung finanzierte Wohnanlage aus den 1860er Jahren, die in sozialhygienischer Sicht Vorbildcharakter für den sozialen Wohnungsbau haben sollte. Die Anlage ist erst seit einigen Jahren grundlegend renoviert und bis heute eine beliebte Wohngegend. Die »Kartoffelreihen«, einige Straßenzeilen einnehmende Reihenhäuser mit kleinem Vorgarten, entstanden nach dem englischen Vorbild der Back-to-Back Houses. Verkehrsberuhigt und mit viel Grün wirken diese Straßenzüge heute sehr ansprechend und fast gemütlich mitten in der Großstadt. Ende des letzten Jahrhunderts wurden sie vom Arbeiterwohnverein des Maschinen- und Werftunternehmens »Burmeister & Wayn« für ihre Arbeiter gebaut. Während die einzelnen Häuser ursprünglich für mehrere Familien gedacht waren, könnte man sie heute eher als kleine Einfamilienhäuser bezeichnen, die sich mit modernen, baumarktlichen Möglichkeiten ihre individuelle Hausfront erkämpft haben. Den Schluß der Führung bildete die Besichtigung einer Wohnanlage im Stadtteil Nørrebro, die als Vorbild des sozialdemokratischen Wohnungsbau der zwanziger Jahre gilt. Die Wohnblocks sind sehr großzügig im Kreis um eine Art Parkanlage angeordnet, in deren Zentrum sich ein Sportplatz befindet. Die zentrale Stellung, die hier der körperlichen Ertüchtigung beigemessen wurde, betont ebenso eine demonstrative Bronzeplastik eines jungen Paares am Eingang der Anlage.

Kopenhagen und die Arbeitsweise am Institut haben die Hamburger Studierenden mehr als gespannt gemacht auf die Gastprofessur von Thomas Højrup im WS 1999.

Anneke Wolf / Janina Kriszio


1

Siehe letzten Bericht »Frischer Wind von Norden«. In: Vokus 9 (1999) H.1.


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