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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



Populäre Filme in volkskundlicher
Perspektive. Schauplatz Berlin: zu
Berlin-Filmen aus acht Jahrzehnten

Helga Stachow

Populäre Filme sind bisher als volkskundliches Thema nicht beachtet worden. Während die Produktion ethnographischer Filme auf eine lange Tradition zurückblickt und sich unterdessen eine weite Forschungslandschaft um sie herum etabliert hat, gibt es für den populären Kinofilm nichts Vergleichbares. Im Gegensatz auch zu einem anderen »neuen« Medium, der Fotografie, und dem allerneuesten Kommunikationsmedium, dem Internet, die sich als volkskundliche Untersuchungsgegenstände seit einigen Jahren zunehmender Beachtung erfreuen, sind die »bewegten Bilder« und die Geschichten der Kinofilme bisher kein Thema gewesen. Filme sind jedoch, wie jeder aus eigenen Gesprächen weiß, nicht nur ein wichtiger Unterhaltungsstoff unter Freunden und Kollegen oder in der Familie (»Wie fandest Du denn den »Tatort« gestern ?«), sondern ebenso ein Zeitspiegel und selbst in hohem Maße geschmacks- und bewußtseinsprägend.
Um eine volkskundlich akzentuierte Filmforschung zu initiieren und zu etablieren, gibt es seit Beginn des Jahres innerhalb der Hamburger Gesellschaft für Volkskunde einen Filmclub
1. Statt mit theoretischen Überlegungen zu beginnen (oder mit einer Aufarbeitung filmkundlicher Literatur), haben wir uns für ein anderes Vorgehen entschieden. Wir haben anhand konkreter »Fallbeispiele« begonnen, Kriterien, Methoden und Arbeitsweisen einer volkskundlichen Filmanalyse zu entwickeln. Präziser: Wir haben diesen neuen Zugang am Beispiel von vier Filmen, die »Berlin« zum Thema haben bzw. die in Berlin spielen, erprobt. Wir beschränken uns dabei vorläufig auf Filme aus deutschsprachiger Produktion.
Auf dem Programm werden auch weiterhin Semesterreihen zu einem Schwerpunktthema stehen. Jeder Filmabend beginnt mit einer Einführung, in der kurz die Entstehungszeit, die Künstler, die wichtigsten Themen etc. umrissen werden. Daran schließt sich der Film an. Nach einer kurzen Pause werden dann, unter volkskundlich-kulturwissenschaftlicher Perspektive, ein oder zwei Themen des Films vertieft. Bisher haben wir vier Filme gezeigt, und der gute Besuch der Veranstaltungen wie die anschließenden, lebhaften Diskussionen (die sich noch in Kneipen verlagerten und bis spät abends hinzogen) ermunterten uns, die Reihe im Wintersemester fortzusetzen. Dann wird es um Jugendkulturen von den 1950er bis in die 1990er Jahre gehen.
Bei den folgenden Texten handelt es sich um die geringfügig überarbeiteten Fassungen meiner Einführungen und Vorträge der ersten »Staffel« - also der Reihe von Berlin-Filmen, die wir im Sommersemester gezeigt haben.


1. Zielsetzung der Filmabende
Der heutige Filmabend ist der erste einer Reihe, in der die Hamburger Gesellschaft für Volkskunde (hgv) nicht ethnographische Filme zeigen möchte, sondern vor allem populäre Kino-Filme. Wenn die hgv Filme zeigt, so selbstverständlich, um unter FreundInnen und KollegInnen einen (hoffentlich) unterhaltsamen Abend zu verbringen. Es gibt da allerdings ebenso ein ernsthaft-akademisches Ziel: unter volkskundlich-kulturwissen schaftlicher Perspektive ausgewählte Filme anzuschauen und zu diskutieren. Damit ist nun weniger die Würdigung eines Films als Kunstwerk gemeint, obwohl gerade der heute abend gezeigte Film dazu viel Stoff böte. Gemeint ist vielmehr der Film als volkskundliche Quelle.
Filmen als anschaulichen und bewegten Medien und als Zeitdokumenten kommt für die Volkskunde ein ebenso großer Quellenwert zu wie archivalischen Überlieferungen oder empirisch zu erhebenden Quellengruppen. Und so soll die Analyse der filmischen Beschreibung von Lebensformen und Lebensgefühlen, von Alltagserfahrungen und Verhaltensmustern in unterschiedlichen Milieus im Mittelpunkt unserer Filmreihe stehen. Gefragt werden kann z.B. nach den historischen Erfahrungen der Stadt - oder Filme können befragt werden nach der Entstehung und Wandlung von kulturellen Bildern von Orten und ihren Bewohnern (so wie heute abend). Die dabei verwendeten Analyseverfahren werden sich, wie in der Volkskunde allgemein, zwischen stärker mentalitätsgeschichtlich (und sozialhistorisch) argumentierenden und eher diskursiv orientierten Arbeitsweisen bewegen. Die Hauptfrage aber sollte sein: Was erzählt ein Film seinen Zuschauern über Menschen einer bestimmten Zeit - sei es im Modus des Krimis oder des Dokumentarfilms, des Heimat- oder Katastrophenfilms.


I. Urbane Erfahrungen in Walter Ruttmanns Film »Berlin - Die Sinfonie der Großstadt« aus dem Jahr 1927

1. Äußere und innere Urbanisierung
Den Auftakt soll ein historischer Streifen bilden, Walter Ruttmanns Stummfilm »Berlin - Die Sinfonie der Großstadt« aus dem Jahr 1927. In meiner Einführung möchte ich einige Überlegungen zu urbanen Erfahrungen präsentieren, die hier filmisch dargestellt und verarbeitet sind. Wichtige Begriffe sollen dabei »äußere« und »innere Urbanisierung« sein. Berlin war in den 1920ern eine Stadt mit knapp vier Millionen Einwohnern, deren rasanter Prozeß der äußeren Urbanisierung gerade zum Halt gekommen war. Seine Ergebnisse lassen sich in wenigen Stichwörtern umreißen: Verdichtung und Segregation, Industrialisierung und Rationalisierung, Erschließung der Stadt durch neue Verkehrs- und Kommunikationsmittel, neue Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Doch keine äußere ohne innere Urbanisierung, und mit innerer Urbanisierung ist ein mentalitätsgeschichtlicher Aspekt gemeint: die Herausbildung eines neuen, urbanen Lebenstils. So wurde von Zeitgenossen Berlin übereinstimmend als das dynamische Zentrum der Modernität erlebt und beschrieben, die Berliner als Prototypen der Großstädter.
In der »Sinfonie der Großstadt« gibt es keine Spielhandlung und keine Schauspieler. Stattdessen werden unverbundene Szenen geboten, die eine Art Dokumentarfilm entstehen lassen. Dramaturgischer Bogen ist ein Tag vom Morgengrauen bis Mitternacht. Wir sehen in unzähligen Kurz- und Kürzesteinstellungen Menschen auf dem Weg zur Arbeit, Menschen bei der Arbeit, beim Essen, in Mußestunden und während ihrer Freizeit. Berliner Leben - das spielt sich in Ruttmanns Film nicht nur, aber vor allem im öffentlichen Raum des Zentrums ab: besonders an seinen Knotenpunkten wie dem Anhalter Bahnhof und Straßenkreuzungen wie dem Potsdamer Platz. Ruttmann zeigt die Stadt als Erlebnis einer geradezu erdrückenden Vielfalt. Hast, Anonymität und diese Vielfalt sind filmisch in Montagetechnik und mit schnellen bis hektischen Schnitten umgesetzt.
Einige Anknüpfungspunkte für eine mentalitätsgeschichtliche Analyse also, die unter dem Leitmotiv der Mobilität stehen soll. Damit meine ich geographische Mobilität und soziale, aber auch die Mobilisierung der Sinne, schnelles Erfassen und Reagieren. Ich möchte an dieser Stelle nur zwei Leitthemen des Films skizzieren, die beide konstitutiv für die »innere Urbanisierung« der 20er Jahre sind, besonders deutlich aber in Berlin wurden: Verkehr und Konsum. Oder: Zum ersten: die Berliner als Verkehrsteilnehmer, und, zum zweiten: die Berliner als Konsumenten. Denn die neuen, urbanen Verkehrs- und Versorgungssysteme prägten auch neue Wahrnehmungs-, Erlebnis- und Verhaltensweisen. Ruttmanns Film bietet dafür einiges Anschauungsmaterial.

2. Die Berliner als Verkehrsteilnehmer
Als erstes also: die Berliner als Verkehrsteilnehmer. Die enorme Ausdehnung der Stadt hatte den Ausbau des Verkehrssystems und die Ausdifferenzierung von Transportmitteln zur Folge. Zwischen 1918 und 1929 wurde beispielsweise das Berliner Schnellbahnnetz nahezu verdoppelt, und am Ende der 20er Jahre nutzten zwei Millionen Menschen täglich das gesamte öffentliche Verkehrsnetz. Um eine Vorstellung von der Größenordnung zu geben, nur wenige Zahlen, die ich Anthony McElligotts Vortrag an unserem Hamburger Institut aus dem letzten Jahr entnehme: 1928 waren fast 85.000 Kraftfahrzeuge in Berlin zugelassen, aber: ihre Zahl hatte sich zwischen 1923 und 1925 verdoppelt und verdoppelte sich noch einmal zwischen 1925 und 1929. Filmisch umgesetzt hat Ruttmann dies in hastige Bilder, in denen es von Fußgängern, Pferdefuhrwerken, Straßenbahnen, PKWs, Kraftdroschken etc. nur so wimmelt. Nur höchste Aufmerksamkeit und schnelles Reaktionsvermögen brachten einen heil durch die Stadt. Freilich lag hier ein Problem, denn mit der Zunahme des Verkehrs ging eine ebenfalls rasante Zunahme der Verkehrsunfälle einher. Die örtlichen Polizeibehörden wußten rasch, woran dies lag: an der mangelnden Straßenkompetenz sämtlicher Verkehrsteilnehmer. So bestanden die Hauptprobleme der Fußgänger in ihrer mangelhaften Fähigkeit, eine Straße zu überqueren, die Fahrzeugführer ließen dagegen das Fehlen von Abbiegsignalen und die Mißachtung der Vorfahrtsregeln erkennen. Hier setzten staatliche Maßnahmen der Regulierung und Disziplinierung an - ein neuer Sozialtyp erschien vermehrt auf den Straßen: der Verkehrspolizist. Er ordnete, stoppte, lenkte mittels Trillerpfeife und einer speziell entwickelten Gestensprache. Die Berliner wiederum hatten das Entziffern seiner Codes ebenso zu lernen wie die Bedeutung der Verkehrszeichen einzuüben. Hier waren also neue Verhaltensmuster, vor allem Selbstkontrolle, zu lernen.
Wie bereits gesagt, ist »Berlin - die Sinfonie der Großstadt« ein Stummfilm, doch zur stummen Originalfassung komponierte Edmund Meisel eine Partitur, die erst vor kurzem wieder aufgefunden wurde. Sie sieht vor, die Instrumentalisten (u.a. mit Hupen - obwohl ein Lernziel der oben erwähnten Polizeikampagne doch gewesen war, seltener die Hupe zu gebrauchen!, Rasseln und einem speziell entwickelten Geräuschinstrument) über den gesamten Kinosaal zu verteilen - um die urbanen Geräuscherfahrungen möglichst nah an die Zuschauer zu bringen. Auch die zeitliche, neben der räumlichen, Abstimmung der Menschen aufeinander, z.B. durch Fahrpläne und große Uhren, kommt immer mal wieder ins Bild. Nicht alle, so Ruttmann, sind dem hektischen Stadt- und Straßenleben gewachsen: filmische Belege sind Momentaufnahmen von aggressiven Hunden, die Szene einer sich entwickelnden Schlägerei und ein Selbstmordversuch.

3. Die Berliner als Konsumenten
Das zweite wichtige Thema des Films ist der Berliner als Konsument. Denn den neuen, rationalisierten Arbeitsabläufen entsprachen eine neue Zeitökonomie und neue Konsumgewohnheiten - neue Konsumgewohnheiten ihrerseits breiteten sich unter den Berlinern aus, die wiederum den städtischen Lebensstil nachhaltig prägten. Die Großstadt als Ort der Waren, der Güter- und Frachtströme bedurfte einer neuen Organisation der Beschaffung und Verteilung von Konsumgütern. Zwar gibt es auch im Zentrum noch die Bäckerburschen, Marktbeschicker und die fliegenden Händler. Doch der Handel hat sich ausdifferenziert von Einzelhandelsgeschäften bis hin zu großen Warenhäusern mit Begleiterscheinungen wie großen Schaufenstern und Werbung. Z.B. Hermann Tietz' Haus (geläufig als Hertie) mit seiner Lichtreklame und jede Menge heute eher komisch wirkender Werbeträger. Höchst modern wirkt, und ist heute deswegen besonders erwähnenswert, daß Ruttmann an zwei Stellen auch das Gegenteil der Versorgung eingearbeitet hat: die Abfuhr des Mülls.
Beispiel eins soll der Lebensmittelkonsum sein. Daß die Selbstversorgung der Berliner buchstäblich marginalisiert ist, nämlich in die Schrebergärten am äußersten Stadtrand abgedrängt, wird bereits zu Filmbeginn deutlich. Eindringlicher sind dagegen die Schlaglichter auf die technisierte Versorgung: Kälber sind auf dem Weg zum Schlachthaus, Milch wird in voll rationalisierten Arbeitsgängen abgefüllt. Tatsächlich stieg in der 2. Hälfte der 20er Jahre der Verbrauch von hochwertigen Lebens- und Genußmitteln wie Butter und Fleisch auch in Arbeiter- und Angestelltenhaushalten stark an. Wir gewinnen zudem einen Eindruck von den neuen, sich durchsetzenden Eßgewohnheiten. Z.B. Szenen von mittäglichem Restaurantbesuch oder dem schnellen Konsum eines belegten Brötchens plus Bier im Stehimbiß, von speziell entwickelten Gerichten wie Löffelerbsen mit Speck oder von Sülzkoteletts (keine Speisen, auf die wir heute noch Appetit hätten).
Doch Beschleunigung und Standardisierung hatte nicht nur den Lebensmittelkonsum ergriffen. Ein zweites Beispiel ist die Standardisierung der Kleidung durch Konfektionskleidung, die wir in den Schaufenstern der Warenhäuser erkennen können oder in ihrer Präsentation auf, Inbegriff der Mondänität, Modeschauen. Als drittes Beispiel muß man die neuen, großstädtischen Freizeitangebote nennen. Zur inneren Urbanisierung und zu einem neuen Lebensstil gehörten für breitere Schichten das »Ausgehen« nach Einbruch der Dunkelheit. Die deutliche Trennung von Arbeit und Freizeit in den neuen Angestelltenmilieus, das nun etwas größere Finanzbudget machten »Ausgehen« erst möglich. Ruttmann zeigt hier sowohl die »alten« Feierabende mit Kneipenbesuch als auch die neuen Freizeitangebote Kino und Konzert und die temporeichen Sportveranstaltungen, Revuen und Varietés. Die Nachtclubszenen am Ende des Films schließlich sind sicherlich auch als Geschäfts- und Konsumbeziehungen besonderer Art zu deuten: Geld gegen Fleisch im System der Prostitution.

4. Mythos Berlin
Ruttmanns Film zeigt also die wichtigen Großstadterfahrungen des hohen Tempos und der sich gleichsam überschlagenden Eindrücke, Aspekte der inneren Urbanisierung wie die neuen Verhaltensmuster im öffentlichen Raum und gewandelte Konsumgewohnheiten. Berlin scheint eine zwar anstrengende, insgesamt jedoch erfreuliche Heimat zu sein - kein Mietskasernen-Elend, keine Arbeitslosigkeit, keine politische Polarisierung stören das Bild - die negativen Seiten des rasanten sozialen, ökonomischen und politischen Wandels der 20er Jahre werden kaum gezeigt.
Ruttmann nimmt auf diese Weise auch Motive der zeitgenössischen Berlindeutung auf und verfestigt sie. Vieles davon war bereits am Ende der 20er Jahre auf dem Wege zum Stereotyp, oder: zum Mythos Berlin. Orte wie der Potsdamer Platz (noch heute ist der Topos vom »verkehrsreichsten Punkt Europas« im Umlauf) und die Friedrichstraße werden zu Identifikationsorten, deren Wirkung bis heute anhält. In besonderem Maße trifft dies auf den Alexanderplatz zu, ein Ort, der nicht ohne Grund zum Namensgeber für Alfred Döblins Buch »Berlin Alexanderplatz« und einen gleichnamigen Film wurde. Am Alexanderplatz waren 1927 buchstäblich wichtige Themen des Films zusammengezogen und »materialisiert«, dort lagen nämlich nahe beieinander Hermann Tietz' Warenhaus, das Polizeipräsidium, ein Fernbahnhof und ein unter der Erde liegender, zweistöckiger U-Bahnhof. Spätestens jetzt erhielten diese Orte eine Markierung auf den mental maps jedes modernen Zeitgenossen. Und zum zweiten ist es der Mythos der schnellen Stadt mit mobilen, ja fixen und pfiffigen Bewohnern. Das Sechstagerennen ist nur ein Beispiel. Bis heute geläufig ist das Bild der rasant in die Kurve gehenden, hell erleuchteten Stadtbahn, das in kaum einem Berlinfilm fehlt. Schlagfertigkeit und »Schnauze« sind weitere Stereotype über die Berliner. »Berlin - die Sinfonie der Großstadt« ist auch als Bestandteil dieses Tradierungsprozesses zu werten, Berlin im kulturellen Gedächtnis einzuordnen und ihm einen Platz zu sichern.


II. Desorientierung und Reorientierung in Wolfgang Staudtes Film »Die Mörder sind unter uns« aus dem Jahr 1946

1. Ein »Trümmerfilm«
Heute abend gibt es den zweiten Streifen einer Reihe von Filmen, die alle in Berlin spielen. Filme, und ich möchte hier noch einmal wenige programmatische Sätze wiederholen, Filme sind ebenso Kunstwerke wie Zeitdokumente und - volkskundliche Quellen. Im Mittelpunkt unserer Veranstaltungsreihe steht die Analyse der filmischen Beschreibung von Lebensformen und Lebensgefühlen, von Alltagserfahrungen und Verhaltensmustern zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Milieus. Auf unserem ersten Filmabend waren, am Beispiel von Walter Ruttmanns »Berlin - die Sinfonie der Großstadt« von 1927, Prozesse der inneren Urbanisierung thematisiert worden ebenso wie die kulturellen Bilder von Berlin und den Berlinern.
Wolfgang Staudtes Spielfilm »Die Mörder sind unter uns« ist genau zwanzig Jahre später entstanden, er wurde 1946 gedreht. Sein Thema ist die Auseinandersetzung mit dem eben zu Ende gegangenen Krieg und den nationalsozialistischen Verbrechen. Er spielt zwischen dem Sommer 1945 und Heiligabend 1945. Berlin im Jahre 1945 - das heißt stichworthaft: die Schlacht um Berlin, der deutschen Hauptstadt, die bedingungslose Kapitulation des Nationalsozialismus, ein sowjetischer Stadtkommandant, der im Sommer durch die Alliierten abgelöst wurde. Eine durch Kriegsdienst, Evakuierung, Deportation und Bombardements auf gut zwei Millionen halbierte Bewohnerzahl, eine durch Luftangriffe und eigene Sprengungen zu erheblichen Teilen verwüstete Stadt. Und was das Überleben anbetrifft: Für die Berliner gab es spärliche Rationen auf Lebensmittelkarten; die Versorgung mit Brennmaterialien und Wasser, oder auch mit Medizin lag danieder. Zugleich aber, und das wird häufig übersehen, setzten intensive politische Debatten wieder ein, gab es eine Wiedergründungswelle politisch korrekter Vereinigungen und förderten die Alliierten nachhaltig ein neues Kulturleben. Und: die Stadt füllte sich rasch wieder, allein zwischen Juni und Oktober strömten weit über eine Million Menschen nach Berlin.
Gedreht wurden die »Mörder« von März bis Juli 1946 in den Studios von Babelsberg, die Außenaufnahmen an Originalschauplätzen wie z.B. dem Stettiner Bahnhof. Der Film wurde im Oktober 1946 uraufgeführt und gehört damit zu den zwei, allenfalls drei ersten deutschen Nachkriegsproduktionen. Mehr noch, er zählt zu den ganz wenigen deutschen Filmklassikern seit 1933; nicht nur wegen seiner ästhetischen Qualitäten, sondern auch wegen seiner deutlichen politischen Stellungnahme. Die Interpretation dieses Film, die nicht nur in der Filmliteratur vorherrscht, ist daher um das Thema der Vergangenheitsbewältigung zentriert: der Umgang mit Verbrechen und Schuld. Ebenfalls nach üblicher Lesart gehört »Die Mörder sind unter uns« ins Genre der »Trümmerfilme«, denn Staudte schildert die Schicksale seiner Protagonisten inmitten von Ruinen, Schuttbergen und von Provisorien.
Heute abend möchte ich dagegen die Perspektive etwas verschieben. Denn Trümmerfilm heißt auch, daß seine Heldinnen und Helden in ihrer Lebensführung, in ihren Lebensformen und Lebensgefühlen, in ihrem Alltag und in ihren Verhaltensmustern den Halt verloren haben, aus den Fugen geraten, angeschlagen - kurzum desorientiert sind. Für die volkskundliche Analyse dieses Films möchte ich daher als Leitbegriff »Desorientierung« verwenden. Desorientierung verstehe ich dabei in einem sowohl räumlichen wie auch biographischen und sozialen Sinne. Dem Begriff der Desorientierung ist allerdings unverzüglich ein Komplementärbegriff zur Seite zu stellen - die »Reorientierung«. Reorientierung heißt Fortführung gewohnter Muster bzw. die Entwicklung neuer. Auf drei dieser Reorientierungsmuster, die der Film den Zuschauern anbietet, möchte ich im Anschluß an den Film kurz eingehen.
Doch zuvor noch eine Bemerkung zur Deutung und Bezeichnung der hier geschilderten Erfahrungseinheit der Nachkriegszeit, die je nach Perspektive durch unterschiedliche Ereignisse begrenzt wird. Im Alltagsbewußtsein und in der Alltagssprache haben sich im Laufe der Jahrzehnte mehrere Deutungsmuster durchgesetzt, darunter Umbruchs- und Übergangszeit, gar Zeiten- und Epochenwende oder Epochenschwelle. Erst Studien der verschiedensten Disziplinen haben in den letzten Jahren den Schwellencharakter, die Vorstellungen von Bruch und Zäsur in vielen Bereichen widerlegt und betonen stattdessen die strukturgeschichtlichen Kontinuitäten zwischen Weimarer Republik, Nationalsozialismus und den 1950er Jahren. Zweifellos aber war das Gegenwartsbewußtsein der Mehrheit der Zeitgenossen geprägt von Begriffen und Gefühlen wie »Zusammenbruch« und »Neuanfang«. Und zwischen den »Zusammenbruch« und den »Neuanfang« wurde, als Signum der Epoche, die »Stunde Null« geschaltet. Die »Geschichte der Stunde Null« wartet noch auf ihre Aufarbeitung; wahrscheinlich kam erst in den 50er Jahren die Rede von der »Stunde Null« vermehrt in Gebrauch und verfestigte sich rasch zum Topos (dieses Thema wäre im übrigen einer volkskundlichen Studie wert!). Selbst wenn dem Regisseur Staudte und seinen Protagonisten die Formel der »Stunde Null« noch nicht zur Verfügung stand - um Erfahrungen und Erwartungen dieses Zeitraums geht es im heute gezeigten Film.

2. Desorientierung: Biographische Brüche, soziale und räumliche Desorientierung
Staudte schildert, wie Kriegserfahrungen Brüche in den Lebensläufen bewirken. So ist einer der beiden Hauptfiguren, der frühere Arzt Paul Mertens aufgrund traumatischer Kriegserlebnisse nicht mehr in der Lage, im Krankenhaus zu arbeiten. Dagegen zeigt er Syptome des aus der Bahn Geworfenen: Er trinkt, macht die Nächte durch, hält zynische Reden und stößt mit seiner schroffen Art Leute vor den Kopf. Ästhetisch hilft hier eine verkantete Kamerahaltung (»Dutch tilt«) nach, die offenbar eine Idee von Staudte und seinem Kameramann war, das aus dem Lot Gebrachte filmisch darzustellen. Weiter hat der Krieg die Familien getrennt: So hat der Uhrmacher Mondschein keine Nachricht von seinem Sohn und wartet vergeblich auf ihn.
Die Orientierungslosigkeit ist kein Einzelfall, sondern hat weite Bevölkerungsteile ergriffen; der Hellseher Timm meint an einer Stelle, er habe zur Zeit »Hochkonjunktur« und fährt fort: »Die Menschen sind in ihrer Lebensführung unsicher geworden, viele Fragen tauchen auf.«
Wer einen Bruch in der Biographie erlebt, ist zunächst auch sozial desorientiert, unter Nachbarn, unter Kollegen - Mertens ist auch dafür das Beispiel. Sein Gegenmodell ist der Jungunternehmer Brückner, der die Umarbeitung von Stahlhelmen zu Kochtöpfen praktiziert. So stehen Kriegsgewinnler und Geschäftemacher neben dem traumatisierten, in die Zivilgesellschaft zurückgekehrten Soldaten. Andere charakteristische Sozialtypen der Nachkriegszeit, der Schwarzhändler, die Hamsterfahrer, die Flüchtlinge und displaced persons, die Trümmerfrauen kommen dagegen, wenn überhaupt, nur am äußersten Rande vor.
Auch das äußere Berlin kommt immer wieder ins Bild. Eine sichere räumliche Orientierung ist zunächst kaum möglich, denn die Stadt war, so schildert es der Film, bis zur Unkenntlichkeit zerstört: die Straßen unbefahrbar, die Straßenzüge nicht wiederzuerkennen, Berlin eine unheimliche Ruinen- und Trümmerlandschaft. Von den Straßen und Schienen, von den neuen Verkehrs- und Kommunikationssystemen, die Ruttmann so eindrucksvoll in Szene gesetzt hatte, ist so gut wie nichts übriggeblieben. In der Tat waren 1945 fast 40% der Berliner obdachlos. Daher waren die Wohnungen mit Fremden zu teilen - wir haben zu Filmbeginn eine Auseinandersetzung zwischen Mertens und der weiblichen Hauptfigur Susanne Wallner um Bleiberecht, Auszug und Mietvertrag verfolgt.

3. Reorientierung
Bei allen Problemen der Protagonisten wird im Laufe des Films doch immer deutlicher, wie sie festere Streben in ihre Leben einziehen. Durch Plänemachen, persönliche Entscheidungen und durch konkrete Tätigkeiten. Zunächst wird das Pathos des Neuanfangs beschworen. Es geht einher mit einer Inventur, einer Sichtung des Vorhandenen. Uhrmacher Mondschein bezeichnet seine aus den Trümmern geborgenen Werkzeuge als den »Anfang zu einem neuen Leben«. Susanne Wallner benennt mehrfach zwei Ziele: Arbeiten und »endlich Leben«. Unternehmer Brückner verkündet: »Aufbau heißt die Devise«. Sodann werden wir Zeugen, wie langsam und über mehrere Monate hinweg so etwas wie private »Normalität« entsteht: Die Wohnung wird gesäubert und aufgeräumt, eine Abendessenroutine zieht ein, ein Liebespaar entsteht, Erwerbsarbeit wird wieder möglich.

Die Orientierung in der Zeitstruktur der Alltagswelt wird auch durch einen Alltags-Gegenstand betont. Ihn sehen wir nicht nur mehrfach, sondern mit ihm befaßt sich eine Filmfigur sogar beruflich: die Uhr, die die Gegenwart in gleichlange Einheiten zerlegt. Auffällig ist z.B. das Stilleben von Regal mit Uhr in Susanne Wallners Zimmer - dieselbe vernehmlich tickende und präzise arbeitende Uhr kommt ins Bild, wenn sie auf Mertens wartet. Von der Uhr wird der Alltag nicht nur in chronologisch meßbare Einheiten zerlegt, die Uhr dient auch als Mittel der Standardisierung und der sozialen Koordination. Ein Blick in die Zukunft, wie er von der Astrologie versprochen wird, also eine magische Verhaltensweise, wird dagegen als Betrug kritisiert. Diese Art der Zukunftsdeutung war allerdings, wie regelmäßig in Zeiten sehr raschen Wandels, ein weit verbreitetes Phänomen der Nachkriegsjahre.
Welche wichtigen Muster und Möglichkeiten, die eine Chance auf Zukunft versprechen, werden im Film nun angeboten bzw. vorgeführt? Drei Muster bietet Staudte an; es sind dies, in der Reihenfolge ihres Auftretens: die Liebe einer Frau, Arbeit und Weihnachten.
Die Liebe einer Frau: Susanne Wallner, vor ihrer Inhaftierung immerhin selbständig erwerbstätig und mit eigenem Studio, führt ihre Arbeit zwar weiter. Vor allem aber widmet sie sich der Stabilisierung und psychosozialen Versorgung ihres Untermieters Mertens. Sie richtet die Wohnung her, sorgt für geregelte Mahlzeiten mit bürgerlicher Tischkultur und ihr bleiben, selbst gerade aus dem KZ entlassen, unerschöpfliche Vorräte an Energie, Zuversicht und Liebe, an Einfühlungsvermögen wie an Geduld. Allein eine Analyse der Zitate zum Motiv des Wartens und des Weggehens wäre hier aufschlußreich. Diese idealisierte Frauengestalt bürgerlichen Zuschnitts deutet bereits das wichtigste weibliche Rollenbild der 50er Jahre an, ebenso wie sich hier die Kleinfamilie der 50er Jahre mit ihrer starken Binnenorientierung abzeichnet.

Arbeit: Dies ist das Angebot eher für die Männer. Doch Arbeit ist zunächst nur im Stadium der Improvisationen möglich: der Umwandlung von Stahlhelmen in Kochtöpfe, dem Einsatz von Küchenmesser und Gasschlauch bei einer Notoperation. Die Operation zeigt aber auch die Wendung zum Besseren in Mertens Leben an, bald wird er wieder imstande sein, Dienst zu tun. Die zweite Variante ist die Arbeit der Kriegsgewinnler, die die Gunst der Stunde nutzen. Hier sieht man die Berliner bei den Vorbereitungen zum Wirtschaftswunder. Ob man den sogenannten Wiederaufbau in Deutschland als Betäubung, Kompensation oder Verdrängungshandlung deutet oder nicht - Fakt ist, daß das deutsche Wirtschaftswunder auf diese Arbeit gründete.
Weihnachten: Es ist sicherlich kein Zufall, daß Weihnachten, das deutsche Fest, in »Die Mörder sind unter uns« gleich zweimal gefeiert wird. Als Frontweihnacht 1942 in Polen und als Nachkriegsweihnacht 1945. Wer weiß, wie knapp die Bäume in Berlin waren, vor allem, weil sie als Brennmaterial verfeuert wurden, wer vor allem die gezeigten Weihnachtsbäume einmal nachzählt (insgesamt bekommen wir fünf verschiedene Weihnachtsbäume zu sehen!) - der ahnt, welche überragende Bedeutung Staudte dem Weihnachtsfest im Stabilisierungsprozeß der Nachkriegszeit zugemessen hat. Feste vermitteln allein durch ihre regelmäßige Wiederkehr, einmal abgesehen von ihren jeweiligen Inhalten, Dauerhaftigkeit und Zuverlässigkeit. Sie sind nicht nur für die Gegenwart, sondern sie sind immer auch »Rituale der Erinnerung«, die an die Vergangenheit anknüpfen; so sagt Susanne Wallner zu diesem Thema: »Es sind so glückliche Erinnerungen damit verbunden«. Wichtiger noch für den Kontinuierungsprozeß ist allerdings, daß Feste die Gewißheit auf eine Zukunft vermitteln: Auch nächstes Jahr wird es wieder ein Weihnachtsfest geben - seien die Umstände auch noch so widrig. Die Tradition des Weihnachtenfeierns erweist sich als völlig situationsresistent.

Die Liebe einer Frau, Arbeit und Weihnachten sind also die wichtigsten Eckpunkte eines »neuen« Orientierungsrahmens, der sich bei näherer Betrachtung als so neu gar nicht erweist. An dieser Stelle möchte ich den Gedanken des Gegenwartsbewußtseins (»Stunde Null«) noch einmal aufnehmen. Stunde Null heißt Anfang, aber die Filmfiguren zeigen, wie sie sich bemühen, ihren Alltag zu großen Teilen in gewohnten Bahnen, nach bewährten Mustern und Vorbildern verlaufen zu lassen. Warum ist dann die »Stunde Null« trotzdem jahrzehntelang Etikett der unmittelbaren Nachkriegszeit gewesen? Aus mehreren Gründen. Zur Stunde Null gehört eine Zukunft, mag sie auch noch so ungewiß sein. Wichtiger noch: Im Vergleich mit einem kontinuierlichen Zeitbewußtsein hat das Denkschema des Nullpunkts den Vorteil, sich nicht mit der Vergangenheit befassen zu müssen. An der Figur des Brückner wird dies gezeigt. Auch für viele andere Zeitgenossen hat das Schema des Neubeginns, des Wiederbeginns und des »Stunde Null«-Denkens ohne Zweifel eine große Orientierungskraft besessen; ob es angemessen war, steht auf einem ganz anderen Blatt. Das »Nullpunktdenken« jedenfalls entsprach dem großen Bedürfnis nach einem möglichst voraussetzungslosen Neustart. Die Zäsurideologie, der Topos der Stunde Null war eine bequeme Konstruktion, aber auch eine Art Überlebenstaktik.

4. Mythos Berlin
Welchen Beitrag leistet »Die Mörder sind unter uns« zum Mythos Berlin? Am Beispiel von Ruttmanns Film hatten wir gesehen, wie das Stereotyp eines bestimmten, nämlich temporeichen und modernen Berlingefühls verfestigt wurde und Berlin als zwar anstrengende, aber insgesamt doch erfreuliche Heimat erschien. Dieses Bild, das immer auch an bekannte, identitätsstiftende Schauplätze geknüpft war, hat sich nun in sein Gegenteil verkehrt. Berlin ist ein weithin menschenleeres Ruinengebirge und eine stille Trümmerlandschaft ohne wiedererkennbare Orte. Gerade dies war aber nur die halbe Wahrheit. Es trifft zwar für viele Stadtteile zu und vor allem für wichtige, das Berlinbild prägende Orte wie den Alexanderplatz, den Anhalter Bahnhof, den Potsdamer Platz und vor allem für die Regierungsgebäude. Die Mehrzahl der Viertel vor allem im Westen blieb jedoch mehr oder weniger intakt. Im kommunikativen Gedächtnis, also dem Gespräch zwischen den Generationen, wie im kulturellen Gedächtnis der Westdeutschen wurde jedoch vor allem das auch von Staudte vermittelte Bild des Berlins in Trümmern tradiert. Die Teilung der Stadt und der Mauerbau vertieften dieses Bild, das unverkennbar in der Tradition der unheimlichen Orte steht, grauenerregend und bedrohlich - aber auch faszinierend.

»Die Mörder sind unter uns« ist der vorerst letzte »große« Berlin-Film. Obwohl es Dutzende von Filmen gibt, die dort spielen, ist Berlin seitdem nicht mehr Schauplatz wichtiger oder gar »großer« Filme gewesen. Die geteilte Stadt eignete sich nicht mehr für die Geschichten der Westdeutschen; allerdings auch keine andere deutsche Großstadt. Die Berlin-Filme aus der DDR-Produktion sollen hier nicht übergangen werden, sie sind aber eine gesonderte Betrachtung wert.


III. Verführtes Mädchen und unheimlicher Ort: Ulrich Edels »Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« aus dem Jahr 1981

1. Christiane F. als erstes Multimediamädchen
Nachdem wir in der Filmreihe »Schauplatz Berlin« bisher Filme aus den Jahren 1927 und 1946 gesehen haben, folgt heute ein Streifen aus dem Jahr 1981, Ulrich Edels »Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo«. Es ist die in der Art von »Dokufiktion« erzählte Geschichte einer jungen Westberlinerin, der vierzehnjährigen Christiane F. und ihrer Heroinabhängigkeit. Der Film ist nur eine, wenn auch die wichtigste Station der Medialisierung der Biographie von Christiane F. Bereits im Herbst 1978 waren ihm eine mehrteilige, üppig illustrierte Reportage im Magazin Stern vorausgegangen, die zwei Journalisten nach Tonbandprotokollen erarbeitet hatten. Kurz darauf folgten das Buch »Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« sowie die Umarbeitung in ein Theaterstück desselben Titels. Mit dem heute abend gezeigten Film war das letzte Stadium der Kommerzialisierung im Medienverbund erreicht. Das Buch wie das Theaterstück, vor allem aber der Film gehören bis heute für ganze Schülergenerationen zum Pflichtpensum, wenn die Themen harte Drogen, Abhängigkeit und alle Stadien des Verfalls bis hin zum »goldenen Schuß« behandelt werden. Daß Christiane F. ihre Abhängigkeit überwunden hat, macht dabei viel von der Faszination ihrer Figur aus. Ja, Christiane F. hat ihre Heroinabhängigkeit und das damit verbundene Prostituiertenleben nicht nur überlebt, sondern ist durch ihre Veröffentlichung berühmt und reich geworden; sie ist das erste kommerziell erfolgreiche »Multimediamädchen« Deutschlands gewesen.
Wie an den Filmabenden zuvor möchte ich zunächst fragen, was West-Berlin um 1980 kennzeichnete. Berlin war eine Enklave ohne Hinterland, die nur erhebliche Fördergelder und Berlinhilfen am Leben erhielten. Durch die Teilung der Stadt - symbolisch wie konkret sichtbar gemacht durch die 1961 errichtete Mauer - hatte sich das Zentrum West-Berlins weit in den alten Westen verschoben. Zum Zentrum gehörten nun der Bahnhof Zoologischer Garten, der angrenzende Einkaufsboulevard Kurfürstendamm mit dem KaDeWe (dem »Kaufhaus des Westens«), der Kaiser-Wilhelm-Gedächtsniskirche und dem nördlich davon gelegenden Europacenter mit dem Mercedesstern auf der Dachterrasse. Der Bahnhof Zoo war um 1980 ein kombinierter U- und S-Bahnhof und ein Fernbahnhof mit je einem Gleis pro Richtung für die »Interzonenzüge«. Er sah damals ganz anders aus als heute, denn er war allein auf eine Bahnfahrt ausgerichtet mit Fahrkartenschaltern und Gepäckaufbewahrung, mit Treppenhäusern, Toiletten und Wartehäuschen. Von anderen deutschen Großstadtbahnhöfen unterschied sich der Zoo sowohl von seiner Ausstattung wie von seiner Atmosphäre klar durch seine Unterdurchschnittlichkeit. Dieser Umstand lag weniger an der zeitgenössischen, rein funktionalen Bahnhofskonzeption, sondern vor allem an dem komplizierten rechtlichen Status des Bahnhofs, den sich die westdeutsche Bundesbahn und die DDR-eigene Reichsbahn teilten. Wenn Bahnhöfe seit geraumer Zeit als »Focus des urbanen Lebens« aufgefaßt werden, so war das städtische Leben Berlins bis in die Mitte der 80er Jahre ausschließlich Durchgangsort für Reisende und Treffpunkt von Sozialtypen wie jugendlichen Strichern, Freiern, Alkohol- und Drogenabhängigen und unbehausten Menschen aller Art - kurz: sozial Randständigen.
Eine weitere städtebauliche Tatsache spielt für unseren Film eine wichtige Rolle: die neuen Großsiedlungen am Stadtrand, u.a. die Gropiusstadt und das Märkische Viertel, beide sind rasch berüchtigt gewordene Hochhausstädte, wie sie in vielen deutschen Städten in den 60er und 70er Jahren entstanden. Steilshoop oder der Osdorfer Born sind Hamburger Beispiele. Christiane F., das läßt sich aus Hinweisen im Film erschließen, wohnt in einem Hochhaus des Märkischen Viertels.
Wiederum lassen sich anhand des Films mehrere Themen vertiefen, beispielsweise rezeptionshistorische Aspekte. So gingen in den 1980er Jahren westdeutsche Schulklassen auf ihrer obligatorischen Berlinfahrt nicht nur auf Mauertour, sondern auch auf Christiane F.-Tour, die einen Besuch ihres Wohnviertels, ihrer Diskothek und des Bahnhofs Zoo einschloß. Auch daß in der Folge Softpornos mit Titeln wie »Die Schulmädchen vom Bahnhof Zoo« entstanden, ist nicht ganz unerheblich für die kulturprägende Wirkung dieses Films.
Für die volkskundliche Analyse möchte ich dagegen etwas anders vorgehen, nämlich vor allem auf zwei Motive eingehen, die leitend für den Film sind: Das erste Motiv ist Christiane F. als verführtes Mädchen und das zweite ist Berlin als unheimlicher Ort. Beide Motive, der unheimliche Ort und das verführte (oder »gefallene«, was in der Vergangenheit oftmals euphemistisch für vergewaltigt gebraucht wurde) Mädchen blicken auf eine lange Tradition in den populären Unterhaltungsstoffen Westeuropas zurück. Wichtig scheint mir dabei zu sein, daß es nicht nur die Textmedien waren, wie die Kolportageromane oder Geschichtenheftchen, die man seit dem 18. Jahrhundert bei fahrenden Händlern kaufen konnte, die dieses Motiv verbreiteten. Noch wichtiger ist im Zusammenhang mit der Filmanalyse, daß sie von Bildmedien wie Holzschnitten und gemalten Tafeln gestützt und ergänzt wurden, möglicherweise sogar den größeren Teil ihrer Attraktion aus den begleitenden bildlichen Darstellungen bezogen. Ihre Liedbegleitung machte sie, Text, Bild und Ton zusammengenommen, zu audiovisuellen Medien.
Daß beide Motive wieder aufgenommen werden und eine zeitgenössische filmische und narrative Wendung erhielten, macht u.a. den Streifen des heutigen Abends sehenswert.

2. Christiane F. als verführtes Mädchen
Verfolgt man Christianes Weg, so ist es der Weg vom unschuldigen Kind zu einer sich prostituierenden Drogensüchtigen. Auf zwei Arten wird ihr Weg als Abstieg vermittelt, ikonographisch durch ihr sich wandelndes Aussehen und konkret räumlich als Abstieg durch verschiedene, zumeist düstere und unheimliche Innenräume.
Bevor ich jedoch auf diese Punkte eingehe, möchte ich in einem Exkurs noch einmal zurückkommen auf die zu Beginn erwähnten populären Unterhaltungsstoffe und ihre Medien, vor allem zum historischen Bänkelsang. Seit dem 18. Jahrhundert und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein stellten auf Jahrmärkten und Messen fahrende Schausteller mittels Wort, Bild und Ton Geschichten dar. Zusammen mit dem Vortrag eines Bänkellieds wurden große, farbige Tafeln gezeigt, die die Geschichte in fünf bis acht, manchmal mehr, Bilder und Episoden aufteilte. Ihre Stoffe waren zumeist Naturereignisse, Familientragödien oder Mord und Raub. Kindsmord war dabei ein außerordentlich wichtiger Stoff, und ihm voran ging oft genug der »Fall« der jugendlichen Mutter. Ich möchte den Vergleich zwischen dem historischen Bänkellied und dem gezeigten Film nicht überstrapazieren, dennoch sind die Parallelen unverkennbar.
Christianes Abstieg nämlich entspricht dem populären Entwicklungsschema des »gefallenen Mädchens«. In der modernen Wendung gibt es keine Verführung durch das traditionelle Personal von Dienstherren oder Schustergesellen, sondern durch »die Droge«. Ikonographisch kann man ihren langsamen Abstieg am besten an dem Aussehen Christianes verfolgen. Wir lernen sie kennen mit ihrem mädchenhaften Aussehen mit langen Haaren, hoher Stirn und weißer Bluse. Masken- und Kostümbildner haben hier an das prägende Schema der Unschuld von Madonnenbildern angeknüpft. Es folgen mehrere Wandlungsstationen zum Schlimmeren, die ikonographisch angezeigt werden durch das Rotfärben der Haare und eine Hand-Tätowierung. Als soziale Informationen deuten beide Außenseitertum an, zeigen Devianz durch Selbstverletzung und Selbststigmatisierung. Im dritten Stadium dann sind die roten Haare deutlich sichtbar ausgewachsen, werden nicht mehr nachgefärbt, zeigen vernachlässigtes Aussehen an. Das Kleidungs-Weiß des Beginns bzw. das Grün der Mitte wird abgelöst durch komplett schwarze Kleidung. Die Farbe Schwarz deutet weniger auf Trauer oder Verlust hin, eher auf die Konnotationen von »sündigem Schwarz«. Schließlich die letzte Einstellung: ein leichenhaftes Gesicht mit bleicher und ausgedörrter Haut, tiefen und dunklen Augenringen und mit geschlossenen Augen. Auch hohle Augen und bleiche Wangen gehörten seit Ende des 18. Jahrhunderts zum stereotypen Inventar der populären Zeichen für Kummer und Not.
Die Funktion der historischen Bänkelproduktionen lag kaum in der aktuellen Nachrichtenübermittlung, sondern in der unterhaltenden wie belehrenden Schilderung und Ausdeutung von Ereignissen. Bänkellieder waren, und das unterscheidet sie grundsätzlich vom Film Christiane F., neuerungsfeindlich und konservativ. Ulrich Edel legt es dagegen ja gerade auf die kritische Kontextualisierung seiner Figuren an: Er hat einen sozialkritischen Anspruch gepaart mit Aufklärungswillen und schildert seine Geschichte recht unsentimental. Zudem ist der Film zu einem Warn-, Lehr- und Abschreckungsfilm mit deutlichem Zeigefinger geworden. Der Preis der Sucht wird in aller Ausführlichkeit demonstriert, vor allem auf der Körperebene, dort, wo sich die Abhängigkeit am deutlichsten mit Übelkeit, Nasenbluten, zerstochenen Armen und Hinfälligkeit manifestiert. Auch die Qualen des »cold turkey«, des Entzugs werden detailliert geschildert - in der Tat ist diese Szene wohl die eindrücklichste des gesamten Films.

3. Unheimliche Orte
Sehr deutlich bettet der Film das Elend seiner Protagonisten ein in die baulichen und sozialen Stadtverhältnisse. Der Weg Christianes ist deshalb nicht nur der Abstieg vom Schulmädchen zur tiefsten Stufe der Prostituierten, der Drogenprostituierten, sondern auch ein räumlicher Abstieg, ein Weg vom 12. Stock des Hochhauses in die Autos und Wohnungen der Freier und in die Schächte der U-Bahnhöfe, vom Jungmädchenzimmer in die Toiletten von Diskothek und Bahnhof.
Sehen wir uns diese Orte noch etwas genauer an. Bereits in der Hochhauswohnung liegen die Dinge keineswegs erfreulich, im Gegenteil, die Beziehungen lösen sich auf, der Vater ist ausgezogen, die Schwester zieht aus, die Mutter hat keine Zeit für die Protagonistin weil sie einen neuen Freund hat - aber in dieser Wohnung gibt es immerhin eine Küche, in der von Mutter und Tochter ein Topfkuchen (Inbegriff deutscher Kaffee-und-Kuchen-Gemütlichkeit) mit Schokoladenguß überzogen wird. Das düstere Umfeld der Wohnung in der Hochhausanlage jedoch, dem nicht zufällig die ersten Worte des Film gewidmet sind, nämlich »Pisse und Kacke überall« verheißt nichts Gutes. Kurzfristige Aufschwünge während des Abstiegs bilden nur der Ausflug auf die Dachterrasse des Europacenters, ein David Bowie-Konzert und eine übermütige Tollerei durch eine Laden-Passage.
Den fahrenden S- und U-Bahnzügen, unabdingbaren Zutaten jedes Berlin-Films, kommt hier die Funktion der Filmgliederung zu. Zugleich erzeugen sie Bilder der Anonymität und Gleichgültigkeit, besonders durch die Tunnel- und Brückenfahrten. Ja, sogar Bildes des Todes stellen sich ein, wenn auf mehreren Einstellungen aus der Vogelperspektive der Bahnhof Zoo wie ein gigantischer, bleierner Grabhügel aussieht. In einer Topographie der symbolischen Orte war der Bahnhof Zoo zu Beginn der 80er Jahre ein Streßort und stiller Alptraum. In Ruttmanns Film von 1927 zeigten die fahrenden Züge dagegen den Stolz auf Tempo und Mobilität der Großstadt.
Der Bahnhof Zoo ist in der Topographie der unheimlichen Orte nicht einmal der dunkelste Punkt. Die »Endstation« gehört vielmehr zu einem ganz eigenen Raumkomplex: den unzähligen gefliesten Bädern und Toiletten, die man im Laufe des Films zu sehen bekommt. So sind die Fliesen weiß zuhause, hellblau in der Diskothek, gelblich im Bahnhof Zoo. Diese gekachelten Innenräume sind allesamt feindliche Räume, an deren Wänden nicht nur der Blick abrutscht, sondern auch die Heroinsüchtigen im ersten Schock. Ja, zwischenzeitlich hat man den Eindruck, an einer kleinen »Berliner Kachelkunde« teilzunehmen, daß Ölanstriche, Fliesen, Kacheln und Sanitäreinrichtungen (neben dem »Stoff«) die wichtigsten Materialien seien, aus denen Berlin besteht.

Auch an dieser Stelle noch eine kurze Bemerkung zu den unheimlichen Orten in den populären Unterhaltungsmedien des 19. Jahrhunderts. Dort waren die »schaurigen Orte«, die Orte der Gewalt und des Verbrechens oft dunkle Wälder oder einsam gelegene Wirtshäuser. Beides kann man in Berlin in den 1980er Jahren freilich nicht erwarten. Doch die Ästhetik des Film mit seinen vielen Nachtaufnahmen und dunklen Innenräumen ruft ähnliche Assoziationen hervor. Ähnlich wie die Trümmer- und Ruinenlandschaft in Staudtes »Die Mörder sind unter uns« sind auch dies Bilder des »unheimlichen Ortes«.

4. Mythos Berlin
Zum Abschluß noch einige Worte zum Beitrag des Films »Christiane F.« zum Mythos Berlin. Die letzte Einstellung zeigt panoramaartig ein Dorf im Winter. Dort ist Christiane von ihrer Großmutter aufgenommen worden, hat entzogen, sich erholt - mit einem Wort: hat überlebt. Diese Dorfansicht ist ein stilles, holländischen Landschaftsbildern nachempfundenes Bild im Schnee. Diese Ansicht ist vor allem das Gegenbild zum gezeigten Berlin. In Berlin erlauben keine bekannten Orte oder freundlichen Bildassoziationen mehr eine positive Identifizierung. Dort herrscht vielmehr die massive Rhetorik des Elends, der Lieblosigkeit, Vernachlässigung und Unbehaustheit. Mehr noch: Berlin ist zu verkommenen Innenräumen geschrumpft, die mit Bahn oder Bus verbunden werden. Berlin ist allenfalls eine vorübergehende, transitorische Heimat.
Die Figur des »gefallenen« Mädchens und der unheimliche Ort - beide sind tragende Motive der populären Literatur wie der Gattung von Kolportage- und Jahrmarktsunterhaltung seit dem 18. Jahrhundert. Ulrich Edel hat einen Film gedreht, der an diese Muster anknüpft und sie mit beträchtlichem Erfolg modernisiert hat. So wurde »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« zum kommerziell erfolgreichsten Berlinfilm seit Jahrzehnten, eventuell sogar überhaupt. Dieser Umstand hat sicherlich mit den vielen Schulklassen zu tun, für die er Pflichtfilm war und ist. Von der professionellen Filmkritik wurde er ähnlich naserümpfend besprochen wie es die populären Lese- und Bildstoffe seit über 150 Jahren werden. Als filmisches Kunstwerk gehört »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« gewiß nicht zu den Höhepunkten deutschen Filmschaffens, als populärer, bildprägender Film (gemeinsam mit Buch und Theaterstück) ist er einer der wichtigsten deutschen Filme seit den frühen 1930er Jahren. Und seine Hauptperson, Christiane F., gehört meiner Meinung nach zum Bestand der wichtigsten deutschen Figuren des 20. Jahrhunderts. Und eine weitere Wirkung hatte der heute Abend gezeigte Film in jedem Falle: Mit ihm stieg zu Beginn der 80er Jahre der Bahnhof Zoo in der deutschen Öffentlichkeit zum wichtigsten Symbol für städtischen Niedergang und urbane Vernachlässigung auf. Eine gründliche Sanierung wurde deshalb beschlossen. Und so erhielt ab 1985 der Zoo das heutige Gesicht. Mit dem Einbau vielfältiger Einkaufs- und Gastronomiemöglichkeiten begann der Ausbau zum »Erlebnisort Bahnhof«.


IV. Übergänge. Zu Michael Kliers Film »Ostkreuz« aus dem Jahr 1991

1. Ein »Wendefilm«
Der letzte Film in unserer Reihe zum Thema »Schauplatz Berlin« heißt »Ostkreuz« und ist ein Film von Michael Klier aus dem Jahr 1991. Obwohl »Ostkreuz« seit dem Frühjahr diesen Jahres auch auf Videokassette erhältlich ist, war ihm zuvor wenig Kinoerfolg beschieden. Er lief auf Festivals, und die professionelle Filmkritik besprach ihn z.T. sehr wohlwollend, doch einen Verleih fand er nicht: Zu wenig spektakulär seine Geschichte, zu kühl die Bilder, zu sperrig die Hauptperson. »Ostkreuz« schildert einige Tage, vielleicht sind es auch Wochen, aus dem Leben der vierzehnjährigen Elfi. Elfi ist zusammen mit ihrer Mutter aus der DDR ausgereist und lebt nun, nach der Öffnung der Mauer, in einem Containerlager im Niemandsland zwischen Ost- und Westberlin. Wie die drei zuvor gezeigten Filme habe ich »Ostkreuz« nicht wegen seiner künstlerischen Qualitäten ausgewählt, sondern als ein Zeitdokument und als volkskundliche Quelle. Im Mittelpunkt unserer Veranstaltungsreihe steht ja die Analyse der filmischen Beschreibung von Lebensformen und Lebensgefühlen, von Alltagserfahrungen und Verhaltensmustern in verschiedenen Milieus und zu unterschiedlichen Zeiten.
Die Zeit, von der »Ostkreuz« erzählt, ist die Zeit um 1989/90, besser bekannt als »Die Wende«. » Die Wende« - das ist das alltagsprachliche Kürzel für jene kurze und höchst komplexe Umbruchsphase, in dessen Verlauf sich nicht nur Deutschland tiefgreifend verändert hat. Für die Zeithistoriker umfaßt »die Wende« zunächst und unmittelbar nur den Zeitraum zwischen den ersten Massendemonstrationen in der DDR im September 1989 und der formalen Vereinigung beider deutscher Staaten am 3. Oktober 1990. Und selbstverständlich gibt es ganz unterschiedliche Bewertungen der Wende; für den Strukturhistoriker Jürgen Kocka beispielsweise markiert sie das »Ende des großen Systemkonflikts«. Für Sozialwissenschaftler bedeutet »die Wende« die Wende von der sozialistischen Planwirtschaft zu einer sozialen, von staatlichen Interventionen gerahmten Marktwirtschaft mit all ihren sozialen Folgeerscheinungen. Für die Menschen in der DDR bedeutete »die Wende« vor allem die Erfahrung einer Fülle von individuell erlebten Umbrüchen. Die Wende bot ihnen einerseits neue Lebensperspektiven; sie war aber zugleich mit starker Verunsicherung und der Auflösung des Selbstverständlichen und Gewohnten verbunden. Fremde, bislang unbekannte Institutionen des Alltags und der Umgang mit ihnen waren kennenzulernen, darunter der freie Arbeitsmarkt und der freie Wohnungsmarkt. Viele alte Muster verloren an Gültigkeit. Ob in den Westen migriert (wie Elfi und ihre Mutter) oder im Osten geblieben: Die Situation zwang alle DDR-Bürger (mit Ausnahme der ganz jungen und der ganz alten), sich umzustellen und neue Bewältigungsmuster in vielen Lebensbereichen zu entwickeln.
Als einen »Wendefilm« wird möglicherweise eines Tages die Filmgeschichte »Ostkreuz« klassifizieren. Doch nicht nur seine erzählte Zeit fällt in die »Wende«. Michael Klier fügt noch zweierlei hinzu: Die Protagonistin Elfi ist eine Jugendliche von 14 Jahren, und ihr Wohnort ist ein Containerlager. Alle drei Umstände zusammengenommen (1989/90, Jugend, Lager) deuten darauf hin, daß dies ein Film der Provisorien und Umbrüche ist, in dem der »Übergang« eine heimliche Hauptrolle spielt. Zur Untersuchung des Komplexes der Wendezeit und des Übergangs hat sich übrigens sowohl in der Politikwissenschaft als auch in den Sozialwissenschaften ein neuer Forschungsbereich etabliert, der sich Transformationsforschung nennt und der die komplizierten ökonomischen, politischen und sozialen Übergangsprozesse während und seit 1989 untersucht.
Bevor wir uns den Film anschauen, möchte ich noch eine kurze Bemerkung zu dem Begriff des Übergangs machen, sozusagen als volkskundlichen Beitrag zur Transformationsforschung. Übergang, Passage, Schwelle, dazu Anfang und Ende - das sind Stichwörter, mit denen jeder Volkskundler etwas anfangen können sollte, weil sie in seinen verschiedenen Gegenstandsbereichen wichtig sind, z.B. in der Brauch- und Ritualforschung oder in der Lebenslaufforschung. Man denke z.B. an das Konzept des Passageritus, das seit van Genneps Buch »Rites des Passage« ein wichtiges ethnologisch-volkskundliches Konzept nicht nur in der Biographieforschung darstellt. Oder man denke an die Theorie des Ethnologen Victor Turner, der die Begriffe und Abläufe von sozialen Schwellenzuständen und Grenzüberschreitungen erarbeitet hat. Das Konzept des Übergangs trägt dem Umstand Rechnung, daß Individuen wie Kollektive die krisen- und konflikthaften Phasen des sozialen Wandels bewältigen müssen, u.a. um die soziale Einheit und Ordnung zu stabilisieren. Auch im Lebenslauf gibt es verschiedene Ereignisse oder Phasen, in denen ein Individuum seinen Status wechselt und neuen Anforderungen gerecht werden muß. Der klassische Übergang ist die mehr oder weniger lange Jugendzeit als Phase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter.
Michael Klier hat in »Ostkreuz« mehrere Übergänge kunstvoll miteinander verwoben, die historische Übergangszeit mit dem individuellen Übergang des Jugendalters, das politische Durchgangsstadium mit dem räumlichen Durchgangslager. Und diese Verknüpfung macht den Film sehenswert.

2. Übergänge
Wir haben gesehen, wie in »Ostkreuz« das Thema des Umbruchs und des Übergangs in mehrfacher Weise thematisiert wird. Die Stränge bilden die Wendezeit als historische Übergangszeit, die Jugend als biographische Übergangszeit und das Lager als Transitort - alles drei typische Übergangsphänomene. Auf alle drei möchte ich nun kurz eingehen.
»Die Wende« als historische Übergangsphase: Für die Wende 1989 sind große, ja größte Worte reserviert worden: Von Zeitenwende, friedlicher Revolution, vom Ende der Geschichte gar war und ist die Rede. Analytisch betrachtet bestand die Wende aus zwei zu trennenden Abschnitten, dem Zusammenbruch der DDR und der »Wiedervereinigung«. In der Rückschau erscheint unglaublich, was in nur dreizehn Monaten geschah, nämlich zwischen dem Beginn der Demonstrationen und dem Massenexodus Anfang September 1989 und der formalen Vereinigung am 3. Oktober 1990. Das waren u.a. der Sturz Honeckers, die Öffnung der Grenzen, die Stürmung des Stasi-Hauptgebäudes in der Berliner Normannenstraße, Neuwahlen, das Abkommen zur Währungs- und Sozialunion, die Währungsunion. Weil unsere beiden Protagonistinnen zu denen gehören, die die DDR verließen, möchte ich nur zum Punkt Exodus und Flucht eine Zahl nennen. Bis Ende 1989 wanderten knapp 390.000 Menschen aus der DDR nach Westberlin und in die Bundesrepublik ab. Sozialwissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von der Wendegeneration, die sich durch besonders hohe Mobilität auszeichnet. So betrachtet, gehören Elfi und ihr Mutter zur Wendegeneration. Die politischen Ereignisse indes spielen nur ganz am Rande des Films eine Rolle - eines aber wird deutlich: Das größte äußere Problem für Mutter und Tochter stellen nun die Spielregeln des Kapitalismus und der Marktwirtschaft dar: Wie kommt man an Arbeit auf dem Arbeitsmarkt, wie kommt man an eine Wohnung auf dem Wohnungsmarkt und wie beschafft man sich das Geld für eine Mietkaution? Was muß man also tun, um das Lager schnell wieder verlassen zu können? Mutter und Tochter gehen hier unterschiedliche Wege. Die Mutter investiert Zeit und Arbeit in ihren Freund, paßt sich an und ist offenbar auf dem Integrationsweg. Elfi dagegen nimmt den Kampf auf und versucht, auf illegalen Wegen das Geld für eine Mietkaution aufzutreiben; sie nutzt möglicherweise auch die Freiräume, die das provisorische Leben im Lager bietet, z.B. indem sie die Schule schwänzt und stattdessen Gelegenheitsjobs ausführt. Dabei zeigt sie keinerlei Eigenschaften, die Westdeutsche in aller Regel in den Ostdeutschen zu erkennen meinen, jene spezifische Mischung, die die »ostdeutsche Mentalität« kennzeichnen soll und die mit Adjektiven wie unselbständig und verunsichert, dazu schüchtern, hilflos und unerfahren beschrieben wird. Diese Sicht also hat sich Michael Klier nicht zu eigen gemacht. Ganz im Gegenteil: Er, der 1943 im tschechischen Karlsbad geboren wurde und der als 16jähriger Jugendlicher in die Bundesrepublik kam, entwickelt in »Ostkreuz« die Figur eines aktiven jungen Mädchens, das die Dinge selbst in die Hand nimmt.
Das Jugendalter als individuell-biographischer Übergang: Mit 14 Jahren steckt man in einer der »klassischen« Übergangsphasen eines jeden Lebenslaufs, der Jugend. Auch wenn Lebensaltersphasen wie Kindheit und Jugend soziale Konstruktionen sind, so stellen sie doch auch eine Realität dar. Zumeist wird die Jugendzeit als ein problematischer Lebensabschnitt und als labiler Zustand beschrieben, die Entwicklungspsychologie spricht von Adolenszenzkrise oder von psychosozialem Moratorium. Elfi scheint äußerlich von alledem nur wenig betroffen. Mit verblüffender Kraft, mit eigenen Ideen und einiger kleinkrimineller Energie nutzt sie die unstrukturierte Situation und macht sich daran, 3000 Mark aufzutreiben: Sie putzt Schaufenster und versucht, ein Autoradio zweifelhafter Herkunft unter den Lagerbewohnern an den Mann zu bringen. Sie läßt sich in Schwarzmarktgeschäfte verwickeln, bringt Falschgeld in Umlauf - und sie bleibt vor allem hartnäckig darin, von ihrem Geschäftspartner Darius die Hälfte des Gewinns einzufordern. Sie läßt auch nicht locker, als der Deal mit einem Schlachtschwein zu platzen droht, sie zieht das Geschäft auf eigene Faust und endlich auch auf eigene Rechnung durch. Überdies fährt sie als Dolmetscherin nach Polen, um dort ein gestohlenes Auto an Männer zu verkaufen, für die zur Wendezeit das Wort »Russenmafia« erfunden wurde. Ähnlich furcht- und skrupellos, aber, wie immer, im Dienste ihres guten Zwecks geht Elfi an den Verkauf von Meißner Porzellan, das sie ihrem Großvater aus dem Geschirrschrank stiehlt. Daß sie Darius schließlich an die Polizei verrät, ist ihre Lösung, um sich von ihm und seinen ewigen Versprechungen zu trennen. Für Elfis Unternehmungen sind nicht nur die richtige, unsichere Situation und nicht nur physische Kraft nötig, für ihre illegalen Geschäfte oder präziser: für Diebstahl und Betrug sind auch psychische Ressourcen erforderlich, unerschütterliches Selbstvertrauen - und sicherlich eine gehörige Portion Verzweiflung.
Für die »Ostkreuz«-Macher ist klar: Die Zukunft liegt nicht in der Generation der Mutter und ihrem Freund, die sich weiter gen Westen davonmachen. Es deutet sich an dieser Stelle vielmehr ein deutlicher Bruch zwischen den Generationen an. So ist in den voraufgegangenen Szenen mit Mutter und Tochter bereits offenbar geworden, daß zwischen ihnen weder ein Dialog möglich ist noch ihr weiteres Zusammenleben. Von Elfis Vater ist ohnehin nur bekannt, daß er seine Familie verlassen hat. Mütter und Väter verlassen sogar, wie Edmunds Eltern, ihre Kinder und lassen nie mehr von sich hören. Die Zukunft gehört der Generation der jungen Leute, die, auf sich selbst gestellt und sich selbst vertrauend, einen eigenen Weg finden. Die Perspektive, daß Kinder und Jugendliche sich zusammentun müssen, finde ich persönlich allerdings bedrückend.
Das Lager: Als populäre Symbole der Wende haben sich u.a. die Partys auf der Mauer am Brandenburger Tor, die Mauertänzer, Mauerspechte u.ä. Figuren durchgesetzt. Gottfried Korff hat kürzlich in einem Beitrag für die Zeitschrift für Volkskunde Türspione, Hütchenspiel und Bananen als Alltagssymbole der kulturellen Integration erörtert. Michael Klier verweigert sich solchen Zeichen und den großen, symbolhaltigen Berliner Orten. Sein Film kommt ganz privat daher, Elfi gerät nicht einmal in die Nähe von Brandenburger Tor oder Mauer. Und er nennt seinen Film »Ostkreuz« nach einem Berliner S-Bahnhof auf der Strecke zwischen den Bahnhöfen Friedrichstraße im Zentrum und Lichtenberg am östlichen Stadtrand. Gut einen Kilometer von der ehemaligen Grenze zu Westberlin entfernt, besteht die Umgebung des Bahnhofs Ostkreuz aus tristen Straßen, Plattenbauten und Ödlandflächen. Obwohl es im Verlauf des Films nie ganz eindeutig wird, ist doch zu vermuten, daß hier ein anderes, wenig beachtetes Symbol der Wende, das Containerlager, steht, in dem jene transitorischen Existenzen leben, die darauf warten, in eine feste Wohnung ziehen zu können. Darunter sind Aussiedler, Asylbewerber und Flüchtlinge. Das Containerlager wird für alle Gruppen zur wichtigen Lebensstation und zum Symbol des Übergangs. Am Ende des Films haben Mutter und Tochter das Lager verlassen. Elfis Mutter ist mit ihrem Freund weiter in Richtung Westen unterwegs; Elfi und ihr jugendlicher Schützling Edmund richten sich eine provisorische Unterkunft in einem Abbruchhaus her. Für alle ist der Übergang in ein weiteres Stadium getreten.
Auch in anderer Hinsicht bleibt in »Ostkreuz« vieles ambivalent und in der Schwebe - das eben sind die Kennzeichen des Übergangs. Wolfgang Staudte hatte in seinem Film »Die Mörder sind unter uns« aus dem Jahr 1946 (der ja der erste »Wendefilm« unserer Filmreihe war) inmitten eines zertrümmerten und zerstörten Berlin als Reorientierungsstrategien u.a. die Ehe, Erwerbsarbeit und das Weihnachtsfest angeboten. »Ostkreuz« bietet keine solche Lösung; - im Gegenteil, für Elfi ist noch gar nichts entschieden. Ob sie bei der kriminellen Variante mit Diebstahl, Betrug und Hehlerei bleiben wird oder ob dies nur ein vorübergehendes Stadium ist, bleibt offen.

3. Mythos Berlin
Das Berlin in »Ostkreuz« ist als Berlin kaum mehr zu identifizieren. Seine tristen Orte könnten an jeder beliebigen, halbwegs urbanisierten Stelle Deutschlands zu finden sein: die Containerwohnung und das bescheidene Hinterhof-Café, das Abbruchhaus, das Ödland und die Neubaugebiete mit Mietshausblocks und Hochhäusern, gesichtslose Straßen, in denen die öffentliche Infrastruktur zusammengebrochen ist, wie defekte Telefonzellen beweisen. Auch der in einer Szene schemenhaft zu erkennende Ostberliner Fernsehturm kann kaum als stadtbildprägende Landmarke gelten.
Als durchgängiges Motiv in den drei vorangegangenen Berlin-Filmen haben wir Züge und Bahnhöfe entdeckt. In »Ostkreuz«, betitelt nach einem Berliner Bahnhof, sind auch die Bahnhöfe nur noch Zitat. Eindeutig zu lokalisieren ist nur das Innere des Bahnhofs Alexanderplatz, aber auch nur deshalb, weil dies in einer Lautsprecherdurchsage zu hören ist. Sein Inneres, die Architektur mit Kacheln, Rolltreppen und Schließfächern unterscheidet sich kaum von dem, das wir bereits aus dem »Bahnhof Zoo« kennen - freilich ohne etwas von dessen Unheimlichkeit zu haben. »Ostkreuz« ist zudem ein Berlin-Film, in dem der Bahnhof nicht für Bahnfahrten genutzt wird, sondern in dem die Bahnhofs-Schließfächer nur noch zur kurzfristigen Unterbringung von Diebesgut dienen. Das liegt nicht daran, daß Taxi und Privatauto die Bahn abgelöst hätten, sondern an der beabsichtigten Demontage des Berlin-Bilds. So braucht man nicht mehr lange darüber zu spekulieren, warum Berlin in den neuen Filmen nur noch ein trister Un-Ort ist, ein Ort, der nicht einmal mehr das Flair des Unheimlichen besitzt: Auch der Mythos Berlin ist ein weiteres Mal im Übergang. So gesehen, ist »die Wende« noch lange nicht abgeschlossen.

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Berlin, Berlin
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1 Siehe Vokus 9/1999, H.1, S.124-126.
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