(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche
schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde
c/o institut für volkskunde)
Zu Gast. Thomas Højrup als Gastprofessor in Hamburg
Das Institut für Volkskunde hat den dänischen Ethnologen
Thomas Højrup eingeladen, im Wintersemester 1999/2000 als
Gastprofessor in Hamburg zu arbeiten. Er wird von Oktober bis
Ende Dezember zwei Veranstaltungen leiten: Eine Vorlesung zum
Thema »Der Subjektbegriff in der Kulturgeschichte«
und ein Seminar mit dem Titel »Erkenntnistheorie und Lebensformen«.
Thomas Højrup ist wesentlich beteiligt an der Entwicklung
der strukturellen Lebensformanalyse, einer kulturwissenschaftlichen
Theorie, die über Dänemark hinaus in ganz Skandinavien
konstruktive und kritische Diskussionen über das Fachverständnis
und die wissenschaftliche Arbeit der Volkskunde ausgelöst
hat. Im deutschsprachigen Raum ist die Lebensformanalyse von Klaus
Schriewer vorgestellt worden. Der Aufenthalt von Thomas Højrup
in Hamburg bietet nun die Möglichkeit, diese Theorie weitergehend
zu erschließen und zu diskutieren. Wir haben unseren dänischen
Gast gebeten, den Hintergrund seiner Forschungsarbeit zu erläutern:
Seit gut zehn Jahren bin ich als Lektor für Europäische
Ethnologie an der Universität Kopenhagen angestellt. Für
das kommende Wintersemester wurde ich eingeladen, die Studierenden
in Hamburg an der kulturwissenschaftlichen Forschungsarbeit zu
beteiligen, die ein Kreis von dänischen Forschern in Kopenhagen
betreibt. Dabei handelt es sich um eine seit zwanzig Jahren währende
Arbeit, die darauf abzielt, unser Verständnis über folgende
kulturwissenschaftlich relevanten Probleme systematisch weiterzuentwickeln:
- die fortwährende Reproduktion wie auch die Veränderung
kultureller Unterschiede in einer Gesellschaft
- die Sozialisationsprozesse
- die Zusammenhänge zwischen kulturellen Lebensformen
und gesellschaftlichen Strukturen
- die Zusammenhänge zwischen den Kulturen in der Gesellschaft
und der Kultur des Staates
- die Zusammenhänge zwischen der Gesellschaftskultur eines
Staates und den gegenseitigen Relationen zwischen den Staaten
in verschiedenen Staatensystemen.
Die skandinavische Volkskunde hat ihre Forschungstraditionen
und ihre fachliche Erfahrung mit kulturellen Variationen in den
letzten Jahrzehnten genutzt, um die kulturwissenschaftliche
Disziplin zu werden, die den Wohlfahrtsstaat in der Diskussion
mit der Sozialforschung, der Politologie, den Wirtschaftswissenschaften,
den Rechtswissenschaften und anderen Disziplinen beharrlich daran
erinnert, daß die Bevölkerung selbst in einer modernen
Gesellschaft nicht ausschließlich eine gemeinsame Kultur
teilt. Sie lebt auch - oder vor allem - in verschiedenen Lebensformen,
die sehr verschiedenartige Ansprüche an Gesellschaft und
Staat stellen. Diese Rolle als ein Fach, das sein Wissen über
und seine Aufmerksamkeit für die kulturellen Differenzen
des Alltagslebens aufrecht erhält, stellt große Forderungen
an die kulturwissenschaftlichen Analyseweisen. Diese Verfahren
müssen geeignet sein, gegenüber Disziplinen und Ideologien,
die eine entgegengesetzte Auffassung vertreten, überzeugend
dafür zu argumentieren, daß nicht alle kulturellen
Unterschiede verwischen, und sie müssen auch erklären
können, weshalb das notwendigerweise so ist.
Die Anforderung, Kulturunterschiede benennen und systematisch
herausarbeiten zu können, hat uns zu einem Experiment veranlaßt.
Auf der Grundlage der volkskundlichen Erfahrung mit dem Studium
der verschiedenen Formen des Alltagslebens versuchen wir, eine
Analyseweise zu entwickeln, die die notwendigen Zusammenhänge
zwischen der strukturellen Einrichtung der Gesellschaft, den verschiedenen
Praxisformen im Alltagsleben und den dazugehörigen Begriffswelten
der Bevölkerung erforschen und nachweisen kann.
Im Seminar »Erkenntnistheorie und Lebensformen« werde
ich diese Aspekte der Analyseweise präsentieren und ihre
erkenntnistheoretischen Voraussetzungen berühren. Letztere
lassen sich eher in der klassischen kontinentalen Philosophie
finden als in der angloamerikanischen Wissenschaftstheorie, die
so viel andere kulturwissenschaftliche Forschung in diesen Jahrzehnten
inspiriert. Ein wesentlicher Unterschied ist hier, ob die Forschung
1. in erster Linie bestrebt ist, eine Übereinstimmung zwischen
Begriff und Objekt zu schaffen, d.h. zwischen dem einzelnen Begriff
und den empirischen Dingen oder Phänomenen, die dieser Begriff
widerspiegeln soll, oder 2. primär darauf abzielt, einen
wissenschaftlichen Lernprozeß zu erzeugen, dessen theoretische
Begriffe widerspiegeln, daß daran gearbeitet wird, bisherige
Irrtümer offenzulegen und zu kritisieren und daß damit
experimentiert wird, neue Zusammenhängen herauszuarbeiten
und begrifflich zu fixieren.
Die Lebensformanalyse ist in erster Linie als ein Versuch gedacht,
einen diskursiven und lernenden Arbeitsprozeß zu ermöglichen,
in dem die Erfahrungen mit der Entwicklung und Anwendung der bisherigen
Begriffszusammenhänge systematisch benutzt werden, um diese
Begriffsstrukturen selbst fortwährend zu korrigieren und
zu überschreiten. Es ist mehr ein Entwicklungsprozeß
als der Versuch, eine fertige Struktur zu konzipieren. Die interessante
Frage ist deshalb: Wie müssen die Begriffe und die Forschungspraxis
eingerichtet sein, damit sie geeignet sind, die Lehre aus den
Erfahrungen anzunehmen, die bei der Anwendung der Begriffe gesammelt
werden - selbst wenn es notwendig werden sollte, die am stärksten
verankerten Begriffe im bisherigen Denken und Forschen zu verändern.
Aus demselben Grund sind die politischen, musealen und anderen
Erfahrungen, die in der Anwendung der Lebensformanalyse gemacht
werden, von entscheidender Bedeutung für die weitere Entwicklung
der Analyseweise und ihrer Begriffe. Es ist eine Analyseweise,
die nicht nur einen kritischen und konstruktiven Beitrag zur Politik
leisten kann, sondern umgekehrt auch aus der politischen Erfahrung
wissenschaftlichen Nutzen zieht. Dieses Zusammenspiel hat dazu
geführt, daß die volkskundliche Lebensformanalyse im
öffentlichen Sektor, in der Politik und Planung in Dänemark
häufig angewendet worden ist und sich eine Wechselwirkung
zwischen Praxis und Theorieentwicklung etablieren konnte, aus
der die Volkskunde großen Nutzen zieht.
Ein wesentliches Beispiel dafür, daß die ständige
Arbeit an der Korrektur der Begriffe den Anlaß geben kann,
sogar die grundlegensten Perspektiven umzuarbeiten und weiter
zu entwickeln, zeigt unsere Arbeit der letzten zehn Jahre damit,
die Rolle des Staates in der Kulturgeschichte zu verstehen. Diese
Idee werde ich in der Vorlesung »Der Subjektbegriff in der
Kulturgeschichte« präsentieren.
Obwohl die Volkskunde bisher - wie es auch unter Fachfremden verbreitet
ist - die kulturellen Lebensformen als unabhängig existierend
und die Gesellschaft, die Technologie und die ökonomischen
Entwicklung als Basis der kulturellen Entwicklung verstanden hat,
kann es gute Gründe geben, diese gesamte Perspektive zu problematisieren.
Sie denkt die Gesellschaft von innen und von unten. Das führt
wiederum dazu, daß die Forschung mit einem »Ein-Gesellschafts-Modell«
arbeitet. Erfahrungen mit diesem Modelltyp zeigen, daß er
erschwert, wesentliche Züge der Kulturentwicklung zu verstehen.
Wenn wir auf die relevanten Forschungstraditionen verweisen, um
die Erfahrungen zu betrachten, die sie mit der Ausformung und
dem Gebrauch von Staatsbegriffen durch die Zeiten hindurch gemacht
haben, dann zeigt sich daß die klassische deutsche Kulturforschung
(Hegel) die entscheidende wissenschaftliche Erfahrung gesammelt
hat: Man kann keine Staatsmacht denken, ohne sie als ein Staatssubjekt
zu verstehen, das dafür kämpft oder friedlich dafür
arbeitet, die Anerkennung seiner Souveränität durch
andere Staaten zu gewinnen oder zu erhalten. Staaten müssen
mit anderen Worten als Plural gedacht werden (ebenso wie Herder
nachwies, daß der Begriff Volk des Plurals bedarf). Der
Staat ist eine entscheidende Voraussetzung für das Leben
einer Gesellschaft. Und das Staatensystem - die Relationen zwischen
den Staaten - bildet die entscheidenden Voraussetzungen für
den Staat. Beide Verhältnisse stellen den Begriff »Anerkennung«
als einen grundlegenden kulturwissenschaftlichen Begriff heraus.
Die gegenseitige Anerkennung des jeweils anderen Willen ist die
Voraussetzung der Subjektivität der Staaten. Und die staatliche
Anerkennung der Bürger, Interessenorganisationen und Betriebe
als juristische, ökonomische oder politische Subjekte mit
eigenen Willen und eigener Praxis ist die Voraussetzung für
die Subjektivitätsformen, die das gesellschaftliche Leben
ermöglichen.
Diese Erfahrung liegt den Versuchen zugrunde, die wir in diesen
Jahren mit dem Studium der Kultur von Staaten machen. Ihre Praxis
ist in höchstem Grade kulturell, weil Staaten in der Mehrzahl
gedacht werden müssen, und weil ihre Praxis auf äußerst
unterschiedliche Weise ausgeformt werden, die nicht einfach verwischen,
wenn sie interagieren. Dies ist ein Grund, warum wir studieren,
wie die Staatsformen durch die Kulturgeschichte hindurch die Arbeit
angegangen sind, sich nach außen internationale Anerkennung
als »souveräne Staaten« zu sichern und wie sie
nach innen ihre eigenen Bürger und andere »abhängige
Subjekte« anerkennen und fördern, um mit der Entwicklung
im internationalen Entwicklungsprozeß Schritt halten zu
können.
Diese Perspektive stellt viele verwurzelte Vorstellungen in der
bisherigen Lebensformanalyse und in der Volkskunde insgesamt auf
den Kopf. Aber sie macht es auch möglich, die Sprachkultur,
die Verwaltungskultur, die politische Kultur und andere unter
neuen kulturwissenschaftlichen Fragestellungen zu behandeln, die
das »Ein-Gesellschafts-Modell« mit seiner von innen
und nach unten ausgerichteten Perspektive ergänzen und diskutieren.
Lebensformen existieren - mit anderen Worten ausgedrückt
- nicht losgelöst und die Dynamik der Gesellschaft ist nicht
der einzige kulturelle Veränderungsprozeß. Ganz im
Gegenteil können wir nun in der eigenen Regie der Volkskunde
diskutieren, welche Veränderungsprozesse - diejenigen, die
durch die Arbeit des Staates bedingt sind, äußere und
innere Souveränität zu schaffen, beizubehalten oder
zu verändern, und diejenigen, die durch die alltägliche
Praxis der Lebensformen in der Gesellschaft bedingt sind - die
wichtigsten sind und wie sie einander in konkreten historischen
Situationen ermöglichen
Wie wir eine diskutierende und lernende Volkskunde betreiben können,
die über die Fähigkeit verfügt, auf die Kompetenzen
ihrer Fachtraditionen zu bauen, und ebenso die Lust besitzt, selbst
die anerkanntesten Vorstellungen vom Wichtigen und Relevanten
neu zu überdenken, hoffe ich während meines Aufenthaltes
in Hamburg mit Kollegen und Studierenden diskutieren zu können.
Thomas Højrup und Klaus Schriewer