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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



Technik-Utopien als Zeitspiegel

Gerrit Herlyn


Zeitenwenden - wie die kommende Jahrtausendwende - scheinen besonders anregend für die Beschäftigung mit Zukunftsvorstellungen zu sein. Ausblicke in das kommende Jahrtausend füllen gegenwärtig die Organe der Mediengesellschaft, aber auch Rückblicke auf das vorangegangene Jahrtausend haben Konjunktur. Wie steht es jedoch um den Rückblick auf die Ausblicke?
Das Museum für Kommunikation in Bern wird im kommenden Frühjahr eine Sonderausstellung zum Thema technische Utopien eröffnen und bot bzw. bietet dem Institut für Volkskunde der Universität Hamburg die Gelegenheit, an der erscheinenden Begleitpublikation mitzuwirken.
»Technik-Utopien als Zeitspiegel« hieß das Hauptseminar im vergangenen Sommersemester 1999, in dem die TeilnehmerInnen zunächst inhaltliche und begriffliche Grundlagen erarbeiten sollten. Anschließend galt es, verschiedene Bild- und Textquellen, vorwiegend aus dem Zeitraum ab 1850 bis zur Gegenwart, auszuwählen und mit knappen Texten zu kommentieren. Ferner sollten Überlegungen zur Umsetzung der konzeptuellen Vorgabe eines haptischen Hyperbuches gemacht werden: Zwar in gedruckter Buchform, aber im Sinne des aus der Computerbenutzung bekannten Hypertextes sollten multiperspektivische Links und Querverweise erarbeitet werden, die verschiedene - und doch stets sinnhafte - Lesarten des Textes ermöglichen.
Der hier vorliegende knappe Zwischenbericht soll einen Einblick sowohl in unseren Arbeitsprozeß geben als auch Gelegenheit sein, bereits jetzt einige Ergebnisse und Quellen, die die StudentInnen erarbeitet haben, vorzustellen, auf deren Erkenntnissen auch der vorliegende Text beruht.
»Tatsächlich ist die Vorhersage niemals neutral oder passiv. Immer entspricht sie einer Absicht, einem Wunsch oder einer Befürchtung [...]. Die Vorhersage klärt uns nicht über die Zukunft auf, sondern spiegelt die Gegenwart wider. Insofern gibt sie Aufschluß über Mentalitäten, die Kultur einer Gesellschaft und einer Zivilisation«1. Was Georges Minois mit diesem Worten in seiner umfangreichen Kulturgeschichte der Zukunftsvorstellungen als Gemeinsamkeit von zukunftsbezogenem Denken herausstellt, gilt auch im folgenden als Grundannahme: Letztlich ist die jeweilige (gesellschaftliche) Gegenwart der Fokus auch noch so abwegiger Zukunftsentwürfe.
In Bezug auf technische Visionen heißt dies häufig: Eine Innovation in einer jeweiligen Zeit führt zu in die Zukunft gedachten Reaktionen und Entwicklungen. Der zunächst also wenig konkret wirkende Bezugspunkt Zukunftsvorstellungen führt so gewendet dazu, zeittypische (Technik-)Bewertungen beschreibbar zu machen.

Für eine volkskundlich-kulturwissenschaftliche Forschungsperspektive, die sich dem Umgang mit Technik nähern will, sind die meist von Ängsten oder Hoffnungen geprägten Zukunftsvorstellungen besonders aussagekräftige Quellen. Häufig sind es gerade Reaktionen auf zeitgenössische Erfindungen und Innovationen, die in karikierend-humorvoller, bedrohlich-pessimistischer oder optimistisch-hoffnungsfroher Weise zeit typische Bedeutungsuniversen offenbaren und so Antworten auf die (technik-)kulturwissenschaftliche Frage nach der »Ambivalenz des Dings an sich zwischen Phobie und Euphorie, Akzeptanz und Ablehnung« geben2. Der Verweis auf die Dimensionen Wahrnehmung und Bewertung, auf die »Kultürlichkeit der Technik«, impliziert auch eine Abkehr von starren Technikdefinitionen, von einem wissenschaftlichen Technikverständnis, das sich in Mensch-Maschine-Antagonismen äußert3.
Die in verschiedenste Richtungen intentionalen und häufig mit starken Übertreibungen funktionierenden Zukunftsvorstellungen zeigen ebenfalls in hohem Maße eine zu befragende Emotionalität und dahinter stehende moralisch-ethische Einstellungen, die sich in der Auseinandersetzung mit Technik widerspiegeln. Gleichzeitig werden - zumindest ausschnitthaft - Prozesse der Veralltäglichung von Technik deutlich. Der Weg von der Innovation zum alltäglichen Gebrauch ist begleitet von Meta-Kommentaren, von Übertreibungen und Abwehrreaktionen, die sich gerade auch in Zukunftsbildern äußern. Der bisweilen rasante technische Wandel geht häufig mit schwierigen Anpassungsprozessen einher und es sind gerade die »Leitfossilien« und technischen Innovationen eines bestimmten Zeitabschnitts, die zu Zukunftsvorstellungen anregen4. Also jene technischen Artefakte, die gleichsam pars pro toto für einen kulturell-gesellschaftlichen (Fortschritts-)Zeitraum zu stehen scheinen und denen sowohl eine besonders prägende Technologie als auch ein hoher Verbreitungsgrad sowie ein dramatisches Entwicklungspotential zugeschrieben wird. So läßt sich etwa feststellen, daß der Computer gegenwärtig als zentrales Leitfossil Kristallisationspunkt einer Vielzahl von Vorstellungen ist und sich Zukunftsängste aber auch Hoffnungen hier widerspiegeln. Etwa die besonders emotional und intensiv geführten Diskussionen um den Y2K-Bug (also dem Jahr-2000-Problem) verweisen auf Ängste, bisweilen sogar auf eine gewisse Angstlust, die im Umgang mit diesem Medium deutlich wird.

Die Zukunftsterminologie, die am stärksten auf das Irreale und nicht zu Verwirklichende zielt, ist der Begriff der Utopie. Von Thomas Morus als Kunstwort geschaffen ist das Wort zusammengesetzt aus den griechischen Vorsilben »ou« für »nicht«, und »eu« für ideal bis perfekt, und »Topos« mit der Bedeutung »Ort«.Es stand sowohl für »Nirgendort« als auch für »idealer, guter Ort«. Morus' Buch »Utopia«, 1516 erschienen, inspirierte eine ganze Reihe weiterer Publikationen, denen zunächst eine ähnliche Struktur zugrunde lag: Die Beschreibung einer ideal funktionierenden Gesellschaft, häufig, wie auch bei Morus, auf einer kleinen, abgelegen Insel angesiedelt, deren intentionale Stoßrichtung jedoch gesellschaftspolitisch auf eine Veränderung der eigenen, feudalen Gesellschaft gerichtet war5.
Mit der voranschreitenden Entdeckung der letzten unbekannten Bereiche der Erde verlagerte sich jedoch das utopische Denken: Statt der Beschreibung eines idealen Raumes tritt ab der Mitte des 18.Jahrhunderts die Zeit als utopische Dimension in den Vordergrund. Das temporal formulierte Ziel tritt nun als anzustrebend und verwirklichbar als neue Dimension der Utopie hinzu. Als Reaktion auf Industrialisierung, Erfindungen und neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse tritt seit dem 19.Jahrhundert auch in utopischen Werken eine Wende zu naturwissenschaftlich-technischen Inhalten ein. Unter dem Eindruck der Industrialisierung also werden Technik und Naturwissenschaft zum Medium einer besseren Zukunft6. Materieller Überfluß und Detailverliebtheit in der Beschreibung technischer Artefakte wird etwa Charakteristikum der Werke Jules Vernes. Mit der Betonung des technischen Fortschritts werden Zukunftsromane mehr und mehr zur Science Fiction, auch wenn dieser Begriff für die literarische Gattung erst ab 1930 benutzt wird7. Seit Beginn des 20.Jahrhunderts finden sich die ersten negativ geprägten Utopien, die nicht mehr einen anzustrebenden Idealzustand illustrieren, sondern - gerade auch durch technische Innovationen denkbare - Entwicklungsmöglichkeiten einer sich modernisierenden Welt als Warnung thematisieren. In den Klassikern George Orwells wird z.B. der Verlust der Individualität und die totale Kontrolle eines mit Hilfe von perfektionierten Kommunikationstechnologien operierenden Staates als Schreckensvision der Moderne aufgezeigt (von der Intention her ist dies durchaus gegensätzlich zu den klassischen Utopien, in denen das Individuum kaum erkennbar ist)8.
Im alltäglichen Gebrauch zielt der Utopie-Begriff allerdings gerdezu entgegen diesen literarischen Modellen auf die »ou«, also die empirische »Nicht«-Dimension dieser Entwürfe und gilt als Metapher für nicht erreichbare Zukunftsvorstellungen.

Die Abgrenzungsdiskussionen um den Utopiebegriff sind in unserem Kontext jedoch zweitrangig, sind doch die Grenzen zwischen utopischem Entwurf und Erfindung, zwischen satirischer Zukunftsvision und wissenschaftlicher Prognose häufig fließend, nicht zuletzt deshalb, weil erst die Nachwelt beurteilen kann, wie »realistisch« und zutreffend eine Vorstellung war. Was als ernsthafte Planung gedacht war, erscheint mitunter aus späterer Perspektive vollkommen utopisch und nicht zu verwirklichen, beispielsweise Albert Speers Germania. Anderes - mit wenig ernsthaftem Hintergrund erdacht und kommentiert - wird wenig später verwirklicht: So zeigt etwa eine Karikatur auf die Eisenbahnbegeisterung aus »Punch« 1846 eine Londoner Untergrundbahn. 15 Jahre später ist diese Realität.9
Der Zusammenhang zwischen Utopischem und Technik ist gut beschreibbar, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die technische Ausformung von Zukunftsvorstellungen häufig Medium und Methode sind, konkrete Formen eines zukünftigen Zustands auszudrücken und zugleich den Blick auf die eigene Kultur und Gesellschaftsform zu richten. »Visionen, die sich am Technischen entzünden oder sich an Zivilisation und ihren Fortschritt knüpfen, implizieren immer auch gesellschaftliche Utopie, eine social fiction. Mit solcher Art Vision ist eine Vernunftsposition verbunden, nämlich das Bild einer verbesserten Gesellschaft, eines realen Utopia - als Zukunft bewerkstelligbar«10.

Wie ist nun die Annäherung an eine unüberschaubare Menge von denkbaren Quellen in Gestalt verschiedenartigster Zukunftsvorstellungen zu leisten, ohne den Blick verstellende Einschränkungen vorzugeben? Wie ist eine Systematisierung herzustellen?
Die Vielfalt der zur Diskussion stehenden Quellen zeigte, daß die Verbindung aus Technik und Utopie in sehr verschiedenen Formen zu finden ist. Seien es nun die klassischen (und auch weniger klassischen) literarischen Vorlagen und vor allem auch deren filmische Adaptionen, seien es Karikaturen, in denen »Zukunft« als rhetorisches Mittel genutzt wird, kritische Kommentare zu plazieren, seien es wissenschaftliche und technische Planungen, die aus verschiedenen Gründen scheiterten und so aus heutiger Sicht utopisch wirken, seien es schließlich sogenannte Zukunftspostkarten und Sammelbilder, in denen ein spielerischer Umgang mit der Zukunft mit unterhaltender Absicht sichtbar wird.
Zunächst waren - einem induktiven Vorgehen folgend - die SeminarteilnehmerInnen aufgerufen, erste Quellen selbsttätig zu erschließen und diese im Seminarkontext vorzustellen. Weitere Quellen wurden sukzessiv ausgewählt, so daß einerseits ein breites Spektrum abgedeckt wurde, andererseits aber auch darauf geachtet wurde, daß keine übermäßigen Lücken - weder thematisch noch in der Vielfalt der Quellen - entstehen.
Im folgenden sollen einige Beispiele aus den zukunftsrelevanten Bereichen Kommunikation, Mobilität, Energie und Arbeit, Erschließung neuer Räume und künstlicher Mensch vorgestellt werden.
Zukunftsvorstellungen von Kommunikationstechnologien scheinen sich zwischen den Polen Überwindung von (sprachlichen) Grenzen einerseits und warnenden Stimmen vor einer ideologischen Nutzung von Überwachungstechnologien andererseits zu bewegen. Die Verwendung des Bildtelefons vermag dies zu verdeutlichen: Technisch - wenn auch in schlechter Qualität - möglich lassen sich zwei unterschiedliche Perspektiven aus dem Innovationszeitraum finden. Ein italienisches Sammelbild aus dem Jahre 1930 zeigt zwei junge Frauen, die, im Freien in einem Café sitzend, mit ihren auf einem handspiegelgroßen, ovalen Bildschirm sichtbaren Partnern bildtelefonieren.


Abb. 1: Bildtelefon: Aus: Dorle Weyers / Christoph Köck: Die Eroberung der Welt. Sammelbilder vermitteln Zeitbilder. Detmold 1992, S.34.

Der überall per Telefon erreichbare Freizeitmensch ist hier noch Vision. Ganz anders ist die Perspektive in dem 1927 erstaufgeführten Film Metropolis. Dort gehören düstere, bildtelefonartige Vorrichtungen zum Überwachungsapparat des Herrschers Johann Fredersen. Ein Motiv, das sich in einer Vielzahl utopischer Quellen finden läßt: perfektionierte Überwachungstechnologien, die zur Machtausübung eines totalitären Systems mißbraucht werden.

 


Abb. 2: Metropolis: Standphoto aus: Film-Programm Nr.44.Verlag Uwe Wiedleroither o.O. 1993.


Etwas plastischer - und mit dem Computer im technischen Mittelpunkt der Überlegungen - sieht die Zukunft von Haus und Haushalt aus: Digitalisierte und vernetzte Haushaltsgeräte werden zum »Intelligent Home«, in dem verschiedene Geräte miteinander kommunizieren und mehr oder weniger selbständig ihre Aufgaben erfüllen können. Eine Waage, die den Eßplan für den Tag gleich mitliefert, eine Zahnbürste mit elektronischen Borstensensoren, die eine Diagnose durchführt und den Besuch beim Zahnarzt anordnet, flache Displays mit Bildern an den Wänden, die je nachdem, wer das Zimmer betritt, ausgetauscht werden, da die Lieblingsmaler der Besucher und Bewohner im alles steuernden Computer gespeichert sind, und der Kühlschrank soll erkennen, welche Produkte fehlen und selbständig im Supermarkt Nachschub ordern. Das alles soll den Wohnkomfort steigern und ein ressourcenschonendes Hausmanagement gewährleisten11. Deutlich erkennbar ist hier, daß die gegenwärtige Euphorie bezüglich der Möglichkeiten des Mediums Internet Inspirationsquelle für derartige Konzeptionen sind.

Mobilität und der Wunsch, Grenzen zu überschreiten und in neue Räume vorzudringen, sind ein weiteres wichtiges Motiv in der Gestaltung technischer Utopien. Sei es nun nach unten, wie die Nautilus in dem wohl berühmtesten Roman Jules Vernes, »20.000 Meilen unter dem Meer«, seien es die unzähligen Versuche, den Menschheitstraum vom Fliegen zu verwirklichen wie dies etwa in Flug-Autos deutlich wird.


Abb.3: »Im Jahre 2000«. Aus: Fliegende Blätter, München 1904. In: Kultur & Technik, Zeitschrift des Deutschen Museums München 3 (1998) S.56.

Der satirische Umgang, der Ängste vor der zunehmenden Verkehrsflut zeigt, wird in der abgebildeten Karikatur aus der Illustrierten Fliegende Blätter deutlich. Die negativen Begleiterscheinungen werden in die Zukunft projiziert und dem 1904 nur wenigen zugänglichen Automobil kaum Chancen gegeben, sich als technische Neuerung durchzusetzen. Die Projektion des noch neuen Automobils in das Jahr 2000 ist ein »rhetorischer « Kniff, dem kleinbürgerlichen Lesepublikum der Fliegenden Blätter eine technikkritische Haltung anzubieten.
Eine ganz andere Reaktion auf die bedrohlicher werdende Autoflut ist das CAT-Kabinen-Taximodell, knapp 70 Jahre später entwickelt und vorgestellt, entstammt es einer Zeit, in der städtische Großprojekte und raumgreifende Modernisierungskonzepte noch als realistische Zukunftsmodelle eingeschätzt wurden und für deren Umsetzung vom Ministerium für Planung und Forschung große Geldmengen zu Verfügung gestellt wurden12. Sechs bis acht Meter über dem Boden schwebend, sollte das Kabinentaxi bis zu drei Personen befördern.


Abb.4: Das CAT-Kabinentaxi als optimistische Planungsoption für die Lösung von Verkehrsproblemen. Aus: Steinbuch, Karl: Mensch - Technik - Zukunft. Basiswissen für Probleme von morgen. Stuttgart 1971. S.153.

Der von Messerschmidt-Bölkow-Blohm entworfene Plan sah vor, daß die mit Elektroantrieb ausgestatteten Kabinen ein mit Computersteuerung funktionierendes Weichensystem befahren sollten; nach Eingabe des Fahrtziels sollte die Kabinen den gewünschten Ort ohne weitere Eingriffe erreichen.
Vernetzung, Internet und immer schnellere Rechenleistungen sind die Elemente, die den gedanklichen Rahmen für das gegenwärtige Leitfossil Computer prägen. Die Durchdringung zukünftiger Lebenswelten wird etwa von dem Computerwissenschaftler Ray Kurzweil beschrieben: Ausgehend von einer exponentiell wachsenden Leistung von Computer-Rechenleistungen beschreibt er in »Homo S@piens. Leben im 21.Jahrhundert. Was bleibt vom Menschen« für das Jahr 2019, daß für 1000 Dollar ein Computer erhältlich sein wird, der ebenso viele Rechenleistungen wie das menschliche Gehirn bewältigen könne. Zehn Jahre später bestünden Computer sogenannte Turing-Tests, Tests also, in denen Computer Leistungen erbringen, die von menschlichen nicht mehr zu unterscheiden sind. Durch Implantate von Mikrochips in Körpern, die immer stärker fähig seien, »menschliche« Leistungen zu erbringen, verschwänden
die bekannten Grenzen zwischen Mensch und Maschine zunehmend13.


Abb.5: Boris Karloff als das Monster (nicht als Dr. Frankenstein) hat die visuellen Vorstellungen dieser klassichen Cyborg-Figur wohl am stärksten geprägt. So stark, daß die US-Post dies 1997 mit einer Briefmarke würdigte

Die Ambivalenzen in den Cyborg-Figuren sind genutzt worden, grundsätzliche Fragen nach den Qualitäten des Mensch-Seins zu stellen aber auch vor der technischen Manipulation des Menschen und seiner Unterwerfung unter die Maschine zu warnen. Die Cyborg-Idee wurde aber auch genutzt - etwa von der amerikanischen Feministin Donna Haraway in ihrem »Manifest für Cyborgs«, den Gedanken als Chance zu begreifen, starre Rollenmuster im Verhalten der Geschlechter zu überwinden14.
Neben Fragen nach künstlichen Menschen stehen aber auch die technischen Einflußnahmen auf den zukünftigen Menschen zur Diskussion. Heute etwa im Umfeld von Gen- und Biotechnologie zu beobachten, lassen sich aber auch hier ältere Beispiele finden. Pointiert wird dies beispielsweise bereits zu Beginn des Jahrhunderts ausgedrückt - zumal beseelt vom unerschütterlichen Glauben an technisch-medizinische Beeinflußbarkeit des Menschen - durch den Schweizer Psychiater und Gehirnforscher August Forel: »Frei vom Gefühlsdusel des Augenblicks muß die Medizin in diesem Punkte ihre Zukunftsziele erkennen. Aufgabe der Medizin ist die Züchtung eines neuen Menschen«15.

Die Erschließung neuer (Lebens-)Räume für den Menschen war und ist immer wieder Thema von Zukunftsvorstellungen. Frappierend sind aus heutiger Sicht mit großer Ernsthaftigkeit und Engagement geplante Großprojekte wie Atlantropa, die Vision deutscher Architekten in den 20er/ 30er Jahren, mit Hilfe verschiedener Staudämme, z.B. in der Meerenge von Gibraltar, das Mittelmeer abzusenken und so neue Landflächen zu schaffen und weite Bereiche Nordafrikas fruchtbar zu machen. Gleichzeitig sollte in der Höhe Siziliens eine Brücke entstehen, die die Eisenbahnverbindung Berlin-Rom-Kapstadt ermöglichen sollte16. Ein realer Hintergrund bzw. ein geglücktes technisches Großprojekt, nämlich die holländische Landgewinnung mit Hilfe des Zuiderdammes war hier Vorbild. Die Eroberung anderer Räume - mit auch weniger gigantischen Gedanken - konnte bisher jedoch nicht verwirklicht werden. So sind die in den 60er und 70er Jahren gemachten Planungen für eine Besiedlung des Meeresraumes Utopie geblieben, ebenso der Gedanke der Wandernden Städte, also der Versuch, der Raumenge der Städte anthropomorph ausschauende »gehende« Städte entgegenzuhalten.
Die gedankliche Eroberung des Weltraums, vielleicht am stärksten mit dem Begriff Science Fiction verbunden, steht für besonders phantastische Vorstellungen17. Gleichzeitig ist die unermeßliche räumliche Distanz des Alls besonders geeignet, parallele Welten zu erdenken. Ein Beispiel, an dem sich die Verquickung von Sensationsgier und zeitbezogener Technikgläubigkeit zeigen läßt, ist ein 1835 in der New Yorker Tageszeitung The Sun veröffentlichte Artikel: Zunächst ist es der reale Hintergrund, nämlich die Mondbetrachtungen gewidmete Forschungsreise des britischen Astronomen John Herrschel nach Südafrika, die Richard Adam Locke dazu inspirierte, Berichte über »zweifüßige, gleich dem Menschen aufrechtgehende Biber, [...] denen der Gebrauch des Feuers bekannt sei«, und über »Thäler von paradiesischer Schönheit und Fruchtbarkeit« zu verfassen, die Herrschel angeblich beobachtet hätte. Die Berichte Lockes stießen auf ein so großes Interesse, daß sie in Buchform erschienen und innerhalb kürzester Zeit in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Sie sind nur eines von vielen Beispielen für die imaginäre Eroberung des Weltalls. Daß parallele Phantasiewelten weiterhin attraktiv sind, läßt sich heute etwa bei einem Besuch der im Hamburger Uni-Viertel ansässigen Science-Fiction- und Fantasy-Läden überprüfen. Eine geradezu unendlich erscheinende Palette von Produkten aus bekannten Filmen und dem Fernsehen suggeriert die Existenz und gibt die Möglichkeit, in Phantasiewelten »einzutauchen«.

Der Wunsch, quasi unerschöpfliche Energie-Ressourcen zu aktivieren, ist zwar von einer gewissen Kontinuität gekennzeichnet, führte jedoch zu gänzlich unterschiedlichen Ergebnissen. So stand etwa in der Barockzeit der naturwissenschaftliche Gegenbeweis noch aus, daß das paradigmatisch für diesen Ideenkomplex stehende perpetuum mobile unmöglich ist. Aber auch im 20. Jahrhundert ließen Menschen sich von der Idee - dann in anderer Gestalt - nahezu unbegrenzter Energieversorgung faszinieren. So gab es in den 50er Jahren eine regelrechte, von verschiedenen Seiten propagierte Atombegeisterung, die die Atomenergie etwa auch in Form von Kleinreaktoren für die Energieversorgung von Haushalten als vorstellbar sah. Wie übergreifend diese Zuversicht war, zeigt folgende Einschätzung von Ernst Bloch: »Wie die Kettenreaktionen auf der Sonne uns Wärme, Licht und Leben bringen, so schafft die Atomenergie, in anderer Maschinerie als der der Bombe, in der blauen Atmosphäre des Friedens, aus Wüste Fruchtland, aus Eis Frühling. Einige hundert Pfund Uranium und Thorium würden ausreichen, die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordamerika, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln«18.

Abschließend sei ein Blick auf die oft als widersprüchlich beschriebene Situation der Zukunft am Ende des 20.Jahrhunderts geworfen. Parallel zum postmodernen »Ende der Geschichte« konstatiert Georges Minois auch eine Krise der Voraussagen. Zwar gibt es ein Instrumentarium, das in vielen Bereichen in der Lage ist, kurzfristig relativ exakte Prognosen zu erstellen, gleichzeitig fehlen aber allgemein akzeptierte Voraussagen, die Halt vermitteln und gesellschaftlich verbindliche Handlungsmuster suggerieren19. Minois setzt den erkennbaren Hang unserer Zeit, eine Vielfalt sowohl an historisierenden Bildern als auch an Zukunftsbildern zu produzieren, in engen Zusammenhang und führt als Beispiel für seine These an: »Eine solche Gesellschaft, die sowohl in der Vergangenheit wie in der Zukunft leben will, mit Holzfeuerkaminen und falschen Balken aus Polystyrol, einer Ernährung nach alter Art in einer high-tech-Welt, ähnelt stark jenen utopischen Welten, aus denen man die Zeit entfernt hat. Die Gegenwart hat die Vergangenheit und die Zukunft in sich aufgenommen«20. Eine im Frühjahr diesen Jahres erschienene Anzeige für die BASF-Innovationsfonds mag dies verdeutlichen: Zu sehen ist ein Flugmodell, das den Eindruck einer Leonardo da Vinci-Zeichnung erweckt, tatsächlich aber eine für die Anzeige entworfene historisierende Darstellung ist. Der Slogan lautet »Wir fördern Unternehmer mit Visionen. Darin sehen wir Möglichkeiten für den Arbeitsmarkt«. Diese Formulierung vermag Minois' Einschätzung von der gegenwärtig zu beobachtenden (instrumentalisierten) Verschränkung von Zukunft und Vergangenheit zu illustrieren.
Auch für Helga Nowotny ist die rasante Generierung technischer Neuerungen typisches Merkmal unseres Umgangs mit Zukunft, gleichsam ein kulturelles Merkmal unserer Zeit: »Wir leben in einer Zeit, in der Innovation - die soziale Seite der individuellen Kreativität - vom individuell kreativen Akt übergesprungen ist auf ein gesellschaftliches System, das sich historisch ebenso einmalig wie radikal der ständigen Hervorbringung von Neuem verschrieben hat«21. Tatsächlich ist es jene zu beobachtende Dynamisierung technischer Entwicklungen, die zu einer permanenten Generierung technisch motivierter Zukunftsvorstellungen führt und die mitunter den Eindruck entstehen läßt, daß der zeitliche Abstand zwischen Zukunftsvision und Verwirklichung immer kürzer zu werden scheint. Immer kürzer werdende Produktlebenszyklen und immer schneller wechselnde Technologien lassen die Frage auftreten, ob es überhaupt noch Raum und Zeit für Utopien gibt, in denen die angesprochene social fiction ihren Platz findet?

Auch wenn hierfür noch keine abschließende Antwort zu finden ist, so läßt sich doch eines sagen: Gewiß keine Utopie ist das Erscheinen des Hypertext-Buches Technik-Utopien im kommenden Frühjahr...



1 Georges Minois: Geschichte der Zukunft. Orakel Prophezeiungen Utopien Prognosen. Düsseldorf/Zürich 1998, S.19.

2 Thomas Hengartner / Johanna Rolshoven: Technik - Kultur - Alltag. In: Dies (Hrsg.): Technik - Kultur. Formen der Veralltäglichung von Technik - Technisches als Alltag. Zürich 1998, S.17-49, hier S.46.

3 Ebd., S.34.

4 Martin Scharfe: Utopie und Physik. Zum Lebensstil der Moderne. In: Michael Dauskardt / Helge Gerndt (Hrsg.): Der industrialisierte Mensch. Vorträge des 28. Deutschen Volkskunde-Kongresses in Hagen vom 7.-11. Oktober 1991. Hagen 1993, S.73-90, hier S.80.

5 Überblicksdarstellungen zum Utopiebegriff und seiner Geschichte finden sich etwa in: Richard Saage: Vermessungen des Nirgendwo. Begriffe, Wirkungsgeschichte und Lernprozesse der neuzeitlichen Utopien. Darmstadt 1995.

6 Richard Saage: Vermessungen des Nirgendwo. Begriffe, Wirkungsgeschichte und Lernprozesse der neuzeitlichen Utopien. Darmstadt 1995. S.222ff.

7 John Clute: Science Fiction. Die illustrierte Enzyklopädie. München 1996. S.34

8 Jörn Tietgen: Die Idee des ewigen Friedens in den politischen Utopien der Neuzeit. Hamburg 1997 (= unveröffentl. Diplomarbeit. Universität Hamburg)

9 Herbert Butze/ Axel Eggebrecht u.a.: Unsere Welt. Gestern - heute - morgen. 1800-2000. Gütersloh1968. S.474.

10 Herbert Lachmayer: Vom Ikarus zum Airbus. Technik zwischen Mythenabsorbtion und Mythenproduktion. In: Brigitte Felderer (Hg.): Wunschmaschine Welterfindung. Eine Geschichte der Technikvisionen seit dem 18.Jahrhundert. Wien/New York 1996, S.24-39.

11 Gerade bei Geräten wie dem intelligenten Kühlschrank wird deutlich, daß auch eine bedürfnisschaffende Industrie als treibende Kraft dahintersteht, die gezwungen ist, permanent neue Ideen anzubieten und umzusetzen. Eine existentielle Notwendigkeit für viele derartige Produkte ist nicht erkennbar.

12 Barbara Schmucki: Individualisierte kollektive Verkehrssysteme. Die Vision von Neuen Technologien zur Lösung der Verkehrsnot der Städte in den 1970er Jahren. In: Dienel, Hans-Liudger / Trischler, Helmuth (Hg.): Geschichte der Zukunft des Verkehrs. Frankfurt a.M./New York 1997, S.147-169.

13 Ray Kurzweil: Homo S@piens. Leben im 21.Jahrhundert. Köln 1999. Auf dem Sachbuch-Markt finden sich noch weitere Titel, die eine computerzentrierte Lebenswelt der Zukunft ausmalen, z.B. Michio Kaku: Zukunftsvisionen. Wie Wissenschaft und Technik des 21.Jahrhunderts unser Leben revolutionieren. München 1998.

14 Donna Haraway: Ein Manifest für Cyborgs. Feminsmus im Streit mit den Technowissenschaften. In: Carmen Hammer / Immanuel Stiess (Hg.): Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt a.M./New York 1995, S.33-72.

15 Zitiert nach Hans Schadewaldt: Technik und Heilkunst. In: Technik und Industrie in Kunst und Literatur. Opladen 1988, S.44.

16 Dirk van Laak: Weiße Elefanten. Anspruch und Scheitern technischer Großprojekte im 20.Jahrhundert. Stuttgart 1999; Wolfgang Voigt: Atlantropa. Weltbauten am Mittelmeer. Ein Architektentraum der Moderne. Hamburg 1998.

17 Gerd Küveler: Zukunft gestern - wie man sich früher die Zukunft vorstellte. Kommentierter Katalog mit einem Essay zur Ausstellung alter Science- fiction und Zukunftsliteratur im Rahmen der Rüsselsheimer Hochschultage. 1995. Wiesbaden 1995.

18 Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung.Bd.2, Frankfurt a.M. 1973, S.775.

19 Man muß Minois durscheinendem Kulturpessimismus nicht unbedingt folgen, der Gedankengang bleibt aber dennoch interessant. Minois (wie Anm.1), S.752f und 758ff.

20 Ebd., S.759.

21 Helga Nowotny: Die Erfindung der Zwischenwelt. Zwischenräume, Zwischenzeiten, Zwischen Niemand und Jemand. In: Brigitte Felderer (Hg.): Wunschmaschine Welterfindung. Eine Geschichte der Technikvisionen seit dem 18.Jahrhundert. Wien/New York 1996, S.8-24, hier S.17.


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