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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



Der Volkskundler als Freiberufler

Nobert Fischer


Allenthalben ist von der Auflösung bislang vertrauter gesellschaftlicher Perspektiven die Rede - nicht zuletzt im beruflichen Bereich. Es handelt sich also nicht um ein spezielles Problem der Volkskunde, wenn junge Akademikerinnen und Akademiker nur noch in wenigen Fällen auf eine abgesicherte Berufslaufbahn hoffen können. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich zum Ende des 20. Jahrhunderts grundlegend geändert. Sie lassen eine Rückkehr zur früher geläufigen Vorstellung, die einmal erworbenen akademischen Qualifikationen könnten in eine planbare und linear voranschreitende Berufslaufbahn münden, als wenig realistisch erscheinen.
Diese Erkenntnis mag zunächst befremdlich, ja bedrohlich erscheinen. Gleichwohl möchte ich im folgenden erläutern, warum die neue Ausgangssituation auch als potentielle Chance verstanden werden kann. Sie kann dann als Chance verstanden werden, wenn man sich möglichst früh auf die veränderten Rahmenbedingungen einstellt und offensiv damit umgeht. Dies gilt insbesondere für eine sich als Kulturwissenschaft verstehende Volks kunde, weil diese in der Regel ein Tableau an Wissen und Fähigkeiten vermittelt, das ungewöhnlich breit einsetzbar ist - und zwar in den Schnittpunkten von Wissenschaft, Kultur, Bildung und Medien. So können die folgenden Darlegungen als Plädoyer für ein kulturwissenschaftliches Freiberuflertum verstanden werden - für die Akzeptanz jener fragmentierten Lebensperspektive, die statt der linearen Laufbahn ein vielseitig erwei terbares »Patchwork« von Aufgaben und Herausforderungen hervorbringt.

Zu den wichtigsten Voraussetzungen - dies vorab - zählen nach meinen Erfahrungen folgende Fähigkeiten:
· fachliche Kompetenz: für ausgewählte Bereiche müssen besondere inhaltliche Kompetenzen erworben werden,
· Vermittlungskompetenz: die fachlichen Fähigkeiten müssen auf unterschiedlichen Ebenen für unterschiedliche Zielgruppen nach außen vermittelt werden können,
· soziale und kommunikative Kompetenz: den Willen und die Fähigkeit, in einen offenen, kommunikativen Austausch mit potentiellen Auftraggebern, mit Institutionen sowie mit Kolleginnen und Kollegen zu treten,
· arbeitsökonomische Kompetenz: die Fähigkeit, effizient zu arbeiten und sich dabei arbeitstechnische Innovationen anzueignen (Beispiel Online-Recherche),
· betriebswirtschaftliche Kompetenz: Aneignung von Grundkenntnissen in Buchführung, Steuer- und Versicherungsfragen u.ä., um als Selbständiger auftreten zu können.

Sofern diese Voraussetzungen vorliegen, gibt es grundsätzlich die Chance, im Rahmen jener kommunikativen Netzwerke zu agieren, in denen neue Aufträge bekannt, neue Projekte diskutiert und initiiert werden, und in denen ein ständiger Erfahrungsaustausch möglich ist.

Diese zunächst abstrakt klingenden Überlegungen lassen sich vielleicht am besten mit Beispielen aus dem eigenen Lebensweg veranschaulichen, der nach dem Abschluß des Studiums zunächst zum freien Buchautor führte. Er ähnelt prinzipiell den Wegen einiger Freundinnen und Freunde aus dem akademischen Umfeld - auch, weil er immer wieder von Zufall und Glück profitierte oder von Rückschlägen geprägt war. Nicht zuletzt stand hinter allem der stete Druck, den eigenen Lebensunterhalt finanzieren zu müssen.
Zu den eher glücklichen Umständen gehört, daß ich bereits während des Studiums Menschen kannte, die beruflich aktiv waren - in diesem Fall im Verlagswesen. Über diese Kontakte bot sich mir noch während des Studiums die Chance, den Auftrag für ein Buchprojekt zu übernehmen. Zwar bedeutete dies einerseits eine besondere Belastung, andererseits zahlte sich die doppelgleisige Planung insofern aus, als mittelfristig weitere Aufträge folgten. Inhaltlich ging es zunächst um historisch-populärwissenschaftliche Bücher (Recherche, Bilderbeschaffung, Verfassen von Texten, Korrekturen etc.). Parallel zu dieser eigenständig auszuführenden Arbeit bestanden direkte Kontakte zum Verlag und seinen Lektoren, mit denen die eigenen Texte kritisch diskutiert wurden. Ziel war es, die Prägnanz und Anschaulichkeit eines populärwissenschaftlichen Schreibstils mit fachwissenschaftlichen Forschungsergebnissen zu verknüpfen. Insgesamt brachte dieser Einstieg in die freiberufliche Autorenexistenz nicht nur wichtige Schreiberfahrungen, sondern auch grundlegende Einblicke in den Ablauf einer Buchproduktion. Zu letzterem seien unter anderem hervorgehoben die Bebilderung und grafische Gestaltung (Layout) von Büchern.

Zu den positiven Erfahrungen dieser Periode, die etwa vier Jahre dauerte, gehört auch die Zusammenarbeit mit all jenen, die an ähnlichen freiberuflichen Projekten arbeiteten. Glücklicherweise gab es gerade in Hamburg mehrere Kolleginnen und Kollegen, mit denen sich rasch eine regelmäßige und konstruktive Zusammenarbeit einstellte. Diese Zusammenarbeit mündete schließlich darin, daß wir ein gemeinsames Redaktionsbüro in der Form einer Offenen Handelsgesellschaft (OHG) gründeten und eigene Büroräume in Hamburg anmieteten. All dies brachte weitere wichtige Erfahrungen in Steuer- und Versicherungsfragen sowie in Buchführung und auch andere betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse, die für das Selbstverständnis als Freiberufler unerläßlich sind.
Zugleich blieben meine Kontakte ins wissenschaftlich-akademische Umfeld bestehen. Dieser Umstand ermöglichte es mir, mich vorübergehend in die Universität beruflich einzugliedern. Das Angebot einer befristeten wissenschaftlichen Teilzeitstelle bot hier die Chance, die seit längerem vorbereitete Dissertation fertigzustellen, ohne daß ich die bestehenden Kontakte zu Verlagen aufgeben mußte. Letztere Kontakte erlaubten es im übrigen, das Dissertationsthema (hier: Geschichte der Friedhöfe bzw. des Todes) für mehrere populärwissenschaftliche Publikationen zu verwerten bzw. zu erweitern. Abgesehen von dem Effekt, die eigenen Forschungsergebnisse breiteren Kreisen vermitteln zu können, resultierten daraus weitere finanzielle Einnahmen. Umgekehrt bestand nach dem Ende der befristeten Teilzeitstelle die Chance, auch an der Universität weiterhin tätig zu sein - in diesem Fall als Lehrbeauftragter für einzelne Seminare.

Aus diesen Erfahrungen läßt sich ein allgemeines Prinzip freiberuflicher Existenz ableiten. Die einmal erworbene fachliche Kompetenz für bestimmte Themen erlaubt es in der Regel, mehrere Verwertungsebenen zu nutzen. Dies hat sich auch im Rahmen meines derzeit laufenden regionalgeschichtlichen Forschungsprojektes bestätigt, das über einen dreijährigen Honorarvertrag ebenfalls freiberuflich durchgeführt wird. Die aus diesem Projekt entstandenen Kontakte haben inzwischen mehrere, finanziell teilweise lukrative Sonderaufträge nach sich gezogen. Dabei handelt es sich beispielsweise um Vorträge, Ausstellungen und Expertisen zu speziellen Aspekten aus dem Umfeld des Projektes. Auch hier basiert die Existenz als Freiberufler also auf der Verflechtung zwischen wissenschaftlicher Forschung und möglichst breit angelegter Popularisierung.
Die Notwendigkeit, effizient zu arbeiten, gehört zu den wesentlichen Erfahrungen des Freiberuflertums. Recherche, Auswertung und Schreibprozeß müssen auf das jeweils Wesentliche konzentriert werden. Resultiert diese Arbeitsökonomie zumeist aus wachsender Routine und stetigem Erfahrungsaustausch, so bedingt der gezielte Einsatz technischer Hilfsmittel gewisse finanzielle Investitionen. Insbesondere die Kommunikationsmedien spielen hier eine wichtige Rolle.
Den bedeutendsten arbeitstechnischen Fortschritt bildete dabei die Einführung der Online-Medien. Bekanntlich sind Zeitschriften- und Bibliotheksrecherche, die Bestellung von Büchern und Aufsätzen und vieles andere seit einiger Zeit über das World Wide Web (WWW) vom heimischen Arbeitsplatz aus möglich, was eine bedeutende Zeit- und Kostenersparnis mit sich bringt. Mit den Online-Medien verbunden ist auch das Potential von E-mail. Fachspezifische Mailing-Lists sind inzwischen unerläßliche Informationsquellen. Für den sozial- und kulturgeschichtlichen Bereich existiert beispielsweise die von der Humboldt-Universität (Berlin) betriebene, kostenlose Mailing-List »H-SOZ-U-KULT«. Sie bietet unter anderem Rezensionen neuer Bücher, Informationen über neue Projekte sowie Anfragen und Diskussionen zu speziellen Themen. Hier hat sich eine neue Form des Informationsflusses etabliert, die naturgemäß eine viel höhere Aktualität als gedruckte Fachzeitschriften bietet. Nicht zuletzt wird auch die Zusammenarbeit mit Auftraggebern, Kolleginnen und Kollegen durch die neuen Medien effizienter. Knappe Informationen, aber auch vollständige Dateien können per E-mail ausgetauscht und direkt bearbeitet werden. Das umständliche und zeitraubende Versenden auf dem Postweg entfällt, was den Spielraum für die eigentliche Arbeit ebenso verlängert wie die Möglichkeit zu Korrekturen verbessert und damit die arbeitstechnische Effizienz steigert.

Bisher wurden idealtypische Verläufe geschildert. Die Probleme, Konflikte, Belastungen und Brüche, die sich aus der freiberuflichen Existenz ergeben, blieben ungenannt. Dies sei nun wenigstens im Ansatz ausgeglichen. Zu den Problemfeldern zählt in erster Linie jene finanzielle, aber auch psychische Belastung, die sich durch die relative Ungewißheit über Auftragseingänge ergibt. In der Regel ist eine langfristige Planung nicht möglich, bestenfalls gibt es eine Perspektive für zwei bis drei Jahre. Belastend wirkt zudem, daß man häufig an mehreren Aufträgen gleichzeitig arbeiten oder während des laufenden Projektes bereits Folgeprojekte konzipieren muß - das heißt: auf unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig agiert. Termindruck ist eine stete Begleiterscheinung freiberuflicher Existenz. Daraus resultiert der Zwang zu einer hohen zeitlichen Flexibilität, die Dauer von Arbeitsphasen wie auch einzelner Arbeitstage läßt sich nur selten präzise vorausberechnen. Alltag und Freizeit, Privatleben, Planung von Reisen und ähnliches ordnen sich in der Regel den Abgabefristen für Manuskripte unter - mit allen damit verbundenen Unwägbarkeiten ...
Einen möglichen Ausweg bietet hier das eingangs erwähnte Netzwerk-Prinzip: Einzelne Aufträge werden mit Kolleginnen und Kollegen geteilt bzw. an diese weitergeleitet. So kann die individuelle Belastung gemindert werden, ohne daß Aufträge abgelehnt werden müssen. Im übrigen bietet der Austausch die Chance, im umgekehrten Fall ebenfalls mit (Teil-) Aufträgen berücksichtigt zu werden.

Aus den vorangegangenen Abschnitten ist vielleicht deutlich geworden, daß es oft ein unkalkulierbares, scheinbar zufälliges Zusammenspiel verschiedener Faktoren ist, dem man sich als Freiberufler ausgesetzt sieht. Beispielsweise können plötzlich veränderte finanzielle Rahmenbedingungen bei Auftraggebern oder die Abwanderung bisheriger Kontaktpersonen die eigene Situation unerwartet verschlechtern. Gänzlich ausschalten lassen sich diese und andere Unwägbarkeiten wohl nicht. Um aber deren Einfluß zu minimieren, sollte es Ziel sein, die eigenen Kompetenzen selbstbewußt nach außen zu vertreten - also, um die eingangs aufgezählten Punkte stichwortartig zu wiederholen: 1. die fachliche Kompetenz, 2. die Vermittlungskompetenz, 3. die kommunikative Kompetenz, 4. die arbeitsökonomische Kompetenz und 5. die betriebswirtschaftliche Kompetenz.
Eines immerhin könnte zusätzlich für verbesserte Rahmenbedingungen im Freiberuflertum sorgen und dürfte sich - beispielsweise im Rahmen der entsprechenden Sektion der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde (DGV) - auch kurzfristig verwirklichen lassen: Ein Netzwerk all jener Kulturwissenschaftler/innen, die freiberuflich leben und arbeiten möchten. Eine solche Vereinigung würde nicht nur den Einzelnen bei möglichen Startproblemen unterstützen. Sie würde vor allem helfen, jene kommunikativen Kanäle zu erweitern, die nicht nur bedeutsam für einen florierenden Informationsaustausch sind, sondern auch für Gespräche über die Voraussetzungen und Erfahrungen freiberuflicher Tätigkeit.

  Impressum Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster Seitenanfang