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Seminarbericht

Frauenleben im Kloster - (mit Exkursion)


Ende September 1998 fuhren wir, vierzehn Studierende und eine Lehrkraft, BrigittaSchmidt-Lauber, eine Woche in ein Frauenkloster nach Speyer. Ziel war es, mit denmethodischen Mitteln der Volkskunde, vornehmlich der Feldforschung, Zugänge zum Thema»Alltag und Frömmigkeit im Frauenkloster« zu erhalten und empirische Erkenntnisse überdas Klosterleben zu gewinnen. Nach mehreren Anfragen und gescheiterten Versuchen hattesich das Dominikanerinnen-Kloster in Speyer bereiterklärt, uns aufzunehmen und an ihremLeben partizipieren zu lassen. Auch für sie war das Unterfangen ein Experiment, dem siewie wir mit Spannung entgegen sahen.
Im Vorfeld veranstalteten wir Vorbereitungsseminare, in denen Grundkenntnisse desKloster(leben)s sowie methodische und erkenntnistheoretische Grundlagen der Feldforschung,die es im Kloster anzuwenden galt, erarbeitet wurden. Vor allem bereiteten sich dieStudierenden dabei auf jeweils ein Thema und seine methodische Umsetzung vor Ort vor. Imeinzelnen handelte es sich um folgende Themen:

Vor Ort wurden wir von den gastgebenden Schwestern freundlich begrüßt und mit einemdichten Programm für die folgenden Tage konfrontiert. Zwei Frauen hatten sich die Aufgabegestellt, uns in ihre religiöse Lebensform und Fragen der Alltagsorganisationeinzuführen und für die Dauer unseres Aufenthalts zu betreuen. In eigens für unsorganisierten Kursen boten sie uns Einblick in Gebetshaltungen, Schriftbetrachtungen unddie Kontemplation; an einzelnen Veranstaltungen wie dem biblischen Tanz nahmen auchweitere Schwestern teil. Weitestmöglich nahmen wir am üblichen Klosteralltag, von denmorgendlichen Laudes, den Eucharistiefeiern bis zur Komplet teil. Wir wurdenArbeitsbereichen von der Wäscherei über den Garten bis zum Hausputz zugeteilt undlernten darüber sukzessive weitere Teile des Klosters und seiner Bewohnerinnen kennen.
Das Kloster ist Mutterhaus einer 350 Personen umfassenden Kongregation. In ihm lebeninsgesamt ca. 90 Schwestern in vier Konventen. Unser gastgebender Konvent, genauer die»Gemeinschaft Osma«, besteht aus sechs Schwestern. Über seine außergewöhnlich starkeÖffnung nach außen (deutlich unter anderem in einer mit ihnen im Konventzusammenlebenden weltlichen Frau), seine progressive Integration verschiedenerFrömmigkeitsformen sowie seine innovative Lebendigkeit hat er einen Sonderstatus innerhalb des Klosters inne. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich ein ausgesprochen offener,wechselseitig Vorurteile und Klischees abbauender Umgang zwischen »Kloster« und»Universität«, aus dem die Studierenden weit mehr als nur fachliche Kenntnisseentnommen haben.
Mit dem Eintauchen in eine fremde Lebenswelt, ohne Kontakt zum üblichen persönlichenUmfeld zu haben, sahen sich die Studierenden mit der praktischen Umsetzung der zuvortheoretisch erworbenen Kenntnisse und damit mit Grundlagen und Problemen der Feldforschungkonfrontiert. Das persönliche Vertrautwerden mit vorab als »ganz anders« eingeordnetenMenschen sowie die unterschiedlichen Voraussetzungen und Erwartungen an die Begegnungführten zu Fragen der Lauterkeit des eigenen Unterfangens. So offenbarten uns etwa dieSchwestern religiöse Glaubens- und Lebensinhalte, während wir daran interessiert waren,diese zu »studieren«, und anfangs Angst vor Bekehrungsversuchen hatten. Ethische Fragenentstanden, wann und ob die zum Teil sehr persönlichen Gespräche wissenschaftlichanalysierbar und darstellbar sind. Alle sahen sich konfrontiert mit ihrer Doppelrolleeinerseits als WissenschaftlerInnen, in der sie sich neu positionierten, und andererseitsihrem Auftreten als individuelle Personen. So realisierte sich das typische Nebeneinandervon Nähe und Distanz in der Feldforschung.
Für viele wurde der Prozeßcharakter qualitativen Forschens offenkundig: Die vorabausformulierten Wege und Fragen ließen sich nicht durchhalten und hatten neuen,drängenden Aspekten zu weichen; in anderen Fällen konnte ein Vorhaben aus praktischenGründen nicht durchgeführt werden, etwa weil kein Zugang zur Kranken- und Altenstationmöglich war - auch dies gängige Verläufe qualitativen Forschens, die Flexibilität alsmethodisches Postulat verständlich machen.
Schließlich bot der Klosteraufenthalt den Studierenden die Möglichkeit, den eigenenForschungsstil auszuloten und verschiedene methodische Zugänge wie die Beobachtung,Teilnahme, das Interview sowie informelle Gespräche kritisch zu vergleichen. Dabeizeigten sich deutliche Unterschiede in den Vorgehensweisen: Selbstbewußt und forschgingen die einen vor, auf einem Block das »Datenmaterial« mitschreibend, während andereversuchten, das »Feld« nicht zu »stören«, und mit ihrem Gegenüber einen Dialog übergemeinsame Themen anstrebten. Hier kam es mitunter zu Schwierigkeiten, Distanz zurSituation aufzubauen und das Gespräch als Interview (an)zuerkennen. Stürzten sich dieeinen begeistert ins Feld und standen spirituellen Erfahrungen offen, so blieben andereauf Distanz. Vorteile einer solchen Feldforschungsexkursion als Gruppe bestanden nicht nurin derartigen Vergleichen empirischen Arbeitens, sondern vor allem in gemeinsamen undwechselseitigen Reflexionen des Vorgehens.
Alles in allem war die Exkursion in verschiedener Hinsicht sehr erfolgreich: EinerUniversitätsgruppe von dreizehn Frauen und zwei Männern wurde ein selten dichter Zugangzum Alltag und zur Frömmigkeit im Frauenkloster und ganz besonders zu den Frauen derLebensgemeinschaft Osma gewährt. Die Studierenden konnten sich in komprimierter Formpraktisch mit Fragen einer zentralen Methode empirischer Gegenwartsforschung derVolkskunde, der Feldforschung, auseinandersetzen und aus eigener Erfahrung ihrMethodenbewußtsein schärfen, wie es über eine gewöhnliche Lehrveranstaltung nicht zuleisten ist. Und schließlich sind inhaltlich viele Aspekte zutage getreten, die bislangin der Klosterliteratur kaum berücksichtigt werden. Auch von Seiten des Klosters - derGemeinschaft Osma wie des Mutterhauses als ganzem - wurde unser »exotischer« Aufenthaltals außergewöhnlich positiv vermerkt und sogar als »Geschenk« bezeichnet. So kamen wirbei unserer Abreise einvernehmlich zu dem Ergebnis, daß ein solches Experiment unterneuen Fragestellungen und mit neuen Gesichtern wiederholenswert wäre. Für diePfingstferien im Jahr 2000 ist deshalb eine weitere Klosterexkursion ins Auge gefaßt.

Brigitta Schmidt-Lauber

  Impressum Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster Seitenanfang