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Die neue »Heimat« der Volkskunde

Darijana Hahn

Zu der vielfachen Unkenntnis gegenüber dem Fach Volkskunde gesellt sich in Hamburg zusätzlich die Unwissenheit, wo die Volkskunde überhaupt »wohnt«. Seit 1989 befindet sich das Hamburger Institut für Volkskunde in der Bogenallee 11.

Nicht nur, daß sie sich nicht auf dem Campus oder in dessen unmittelbarer Nähe befindet, nein, sie ist regelrecht versteckt im Hinterhof. In der zweiten Reihe darf sie in einem Schuhkarton-ähnlichen Gebäude residieren.

Obwohl dieses Gebäude ganz unspektakulär erscheint - oder vielleicht gerade deswegen - wollte ich diesen Bau einmal genauer »unter die Lupe nehmen«. Der Usus der volkskundlichen Hausforschung, sich nur mit alten, traditionellen, vermeintlich wertvollen Gebäuden zu beschäftigen, soll mit der Bogenallee 11 nun einmal aufgebrochen werden. Denn nicht nur historische und traditionelle Häuser können Indikatoren »wirtschaftlicher Verhältnisse, sozialer Beziehungen und kultureller Leistungen von Personen« (Konrad Bedal) sein. Jedes Gebäude kann Aufschluß über seine Entstehungszeit und sein Umfeld geben.

Das heutige Universitätsgebäude, in dem außer der Volkskunde auch die Finnougristik, die Phonetik und die Südseesprachen untergebracht sind, wurde 1961 als Geschäfts- und Lagerhaus, mit 1410 qm Nutzfläche, errichtet. Bauherr war das Großhandelshaus für Kältefachartikel »Norddeutsche Technik Behrendt KG«. Das 1928 in Königsberg gegründete Unternehmen errichtete 1951 eine Zweigstelle in Hamburg, die bald zur Zentrale der gesamten Firma werden sollte. Mit dem Erfolg der »Norddeutschen Technik« in Hamburg wuchs auch deren räumlicher Anspruch, der schließlich 1961 mit dem Gebäude in der Bogenallee 11 - einem »den Bedürfnissen und Aufgaben dieser Niederlassung angepaßten Büro- und Lagergebäude« (Geschäftschronik) - befriedigt wurde. In dem zunächst 3-stockigen Gebäude war außer der »Norddeutschen Technik«, deren Name auf der Eingangstür geschrieben stand, im dritten Stock die Hermes-Kredit-Versicherung, die ihr Hauptbüro im Vorderhaus (Grindelberg) untergebracht hatte, zu finden. Im 2. Stock, wo sich heute die Institute der Volkskunde und der Südseesprachen befinden, war der Büro- und Verkaufsbereich. Im Erdgeschoß bzw. Keller schließlich befand sich das Lager. Daß das Unternehmen weiter expandierte, kann aus der Baustruktur des Gebäudes abgelesen werden: 1972 bekam es nämlich einen vierten Stock, von dem man deutlich sieht, daß er erst nachträglich hinzugefügt wurde. Seit diesem Zeitpunkt nannte sich die »Norddeutsche Technik« aufgrund der bundesweiten Ausdehnung »Frigotechnik«. Als das Unternehmen 1984 von der Gründerfamilie verkauft wurde, blieb es noch bis 1988 in der Bogenallee, um dann aber aus Platzgründen in das Industriegebiet Schnackenburgallee zu ziehen. Nachdem die 45 Mitarbeiter die Bogenallee verlassen hatten - die Versicherung war schon länger ausgezogen -, bot der Besitzer das leerstehende Gebäude der Universität zur Nutzung an. Dieser kam das Angebot gelegen, da sie gleich mehrere Institute mit Platznöten dort unterbringen konnte.

Institutsgebäude

Die Universität, der laufend Immobilien vorgeschlagen werden, entschied sich für das Gebäude in der Bogenallee, da es sich ihrer Ansicht nach noch in relativer Nähe zum Campus befindet (darüber läßt sich streiten) und die Räume eine hohe Fußbodenbelastbarkeit aufweisen. Doch bevor die Institute die Bogenallee bezogen, ließ die Universität das Gebäude sowohl von innen als auch von außen renovieren: Von dieser Renovierung stammt die jetzige Raumaufteilung, der geschmackvolle braune Teppichboden, die Isolierfenster und last but not least die Außenfassade. Das beinah orientalisch anmutende Weiß der Außenwände kam erst mit den Isolierungsplatten, die heute das gesamte Gebäude ummanteln. Der ursprüngliche Charakter des Gebäudes wurde damit völlig verändert, um nicht zu sagen verschandelt. Denn unter dem strahlenden Weiß verbergen sich gelbe Klinkersteine, die bestimmt nicht zufällig verwendet wurden. Mit den gelben Klinkersteinen, der klar gegliederten Fassade und den viergliedrigen Fenstern stand das Gebäude nämlich in eindeutiger Korrespondenz zu den gegenüberliegenden Grindelhochhäusern, die zu ihrer Zeit (1945-1950) Architekturgeschichte schrieben und deren weitreichender Einfluß noch bei zahlreichen anderen Gebäuden in der Stadt nachgewiesen werden kann. Vom ursprünglichen Zustand der Bogenallee 11 zeugen lediglich noch das Treppenhaus und der Eingangsbereich. Doch auch vor diesem machen die Veränderungen nicht halt, da erst neulich der ursprüngliche Türgriff durch einen unscheinbaren rechteckigen Knauf ersetzt wurde...

Bevor die Volkskunde in dieses scheinbar geschichts- und gesichtslose Gebäude einzog, war sie im Museum für Hamburgische Geschichte untergebracht. Dort hatte sie ihre Räumlichkeiten in der unter dem Dach liegenden, ehemaligen Dienstwohnung des Museumsdirektors. Diese Allianz zwischen dem Museum und der Volkskunde rührte von finanziellen Ursachen, aber auch aus sachlich-fachlichen Gründen her. Und zwar war der Direktor des Museums gleichzeitig Ordinarius des Institutes, genauso wie der Direktor der Kunsthalle gleichzeitig das Institut für Kunstgeschichte zu leiten hatte (die Ethnologen sind übrigens heute noch im Museum für Völkerkunde untergebracht). Erst als Professor Dr. Gerhard Lutz 1973/75 ans Hamburger Institut berufen wurde, fand eine Teilung dieser Doppelfunktion statt, d.h. Herr Lutz wurde Ordinarius, während der Museumsdirektor von diesem Zeitpunkt an »nur« noch ausschließlich für die Belange des Museums zuständig war. Erst mit Gerhard Lutz fing die Volkskunde an, sich auch inhaltlich von ihrer »musealen« Umgebung zu lösen. Denn vor seiner Zeit bestand das Lehrangebot in der Volkskunde fast ausschließlich aus Sachforschung. Durch die Verbindung Institut und Museum war die Hamburger Volkskunde konkretes Ziel für Studenten, die später die Museumslaufbahn anstrebten. Mit Lutz verlor die Sachforschung ihren gewichtigen Status im Institut, so daß auch für andere Forschungsbereiche Raum geschaffen wurde. Mit der Assistentur von Dr. Albrecht Lehmann seit 1976 bzw. seiner Berufung als Professor 1983 (und seit 1994 als Lehrstuhlinhaber) änderte sich der ehemalige Schwerpunkt des Hamburger Institutes verstärkt hin zur modernen Erzählforschung. Wurde die Trennung des Fachschwerpunktes von seiner Umgebung also schon vollzogen, während das Institut noch im Museum untergebracht war, so ist die inhaltliche Loslösung durch die spätere räumliche Trennung doch offensichtlich geworden. Für den Umzug waren allerdings weniger inhaltliche Fragen verantwortlich, als viel mehr die Tatsache, daß das Institut in der dortigen anheimelnden Dachwohnung aus allen Nähten platzte. Dieser Umstand war es schließlich, der das »Territorium« des Institutes im Jahre 1989 vom denkmalgeschützten Musentempel in das sachliche Ex-Geschäftshaus verlegen ließ.

Da die Volkskunde das letzte Institut war, das in die Bogenallee einzog, konnte sie sich ihre Räumlichkeiten nicht mehr aussuchen und bekam ihren Platz »hinter« den Südseesprachen, am Flurende zugewiesen. Zumal »verteilt« sie sich über zwei Etagen, denn einige Räume der wissenschaftlichen MitarbeiterInnen befinden sich im Kellergeschoß. Aber - schon auf dem Weg zu Bibliothek, Sekretariat und Professorenzimmern jedes Mal vom Nelkenduft indonesischer Zigaretten umlullt zu werden, hat ja auch was für sich ...


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