Logo der Universität Hamburg Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie 
  UHH  ›  FB Kulturgeschichte und Kulturkunde  ›  Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie   Suche  

Tagungs-Bericht
»Kulturwissenschaftliche Sichtweisen auf die Stadt«

Leonie Koch-Schwarzer

>Das Warburg-Haus in Hamburg war als Gehäuse der umfangreichen Bibliothek Aby Warburgs ein »Laboratorium des Geistes« und ein »Denkraum der Besonnenheit«, und es ist heute wieder Ort kulturwissenschaftlicher Forschungen. Der elliptisch geformte und sich in zwei Ebenen erhebende Lesesaal bildete den idealen Raum für das vom Institut für Volkskunde und vom Institut für Ethnologie der Universität Hamburg - in Wiederaufnahme einer bestehenden Tradition gemeinsamer Arbeitstagungen - ausgerichtete dreitägige Symposium »Kulturwissenschaftliche Sichtweisen auf die Stadt« (8.5.-10.5.1998). Stadt als Untersuchungsfeld - kaum verwunderlich in einer Großstadt - stellt an diesen beiden Hamburger Instituten bereits seit mehreren Jahren eine Schwerpunkt der Forschung und Lehre dar. Auch wenn bis in jüngere Zeit hinein die antizivilisatorische und antiindustrialistische Ausrichtung der Volkskunde und das Abonnement der Ethnologie auf autochthone oder doch überschaubare lokale Gruppierungen in beiden Fächern eine kontinuierliche Entwicklung und einen theoretischen wie methodischen Ausbau bereits vorhandener Ansätze behinderte, so trügen diese Fachtraditionen über den momentanen Stand der Forschung. Die sogenannte Globalisierung der Gesellschaften, die sukzessive und heute akzelerierte Auflösung kleinräumiger lokaler Strukturen zugunsten von Städten oder städtischen Agglomerationen, in denen heute 50% und mehr der Weltbevölkerung lebt, - dies sind nicht nur die den Teilnehmern nun wohlbekannten - weil meistzitierten - Voraussetzungen, sondern sie zeigen die quantitative wie auch qualitative Relevanz dieser Lebenswelten und die Notwendigkeit, sich mit diesen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Entsprechend den fachspezifischen Schwerpunkten und differierenden theoretischen und methodischen Herangehensweisen wurden die volkskundlichen Annäherungen unter der Perspektive »Wahrnehmung und Aneignung der städtischen Umwelt«, die ethnologischen unter der Perspektive »Verortung und Begrenzung von Kultur in der Stadt« geordnet.

Der erste Tag begann mit einem kleinen Rundblick über internationale und nachbarwissenschaftliche Forschungen. Nach der Eröffnung und Begrüßung widmete sich Ueli Gyr (Volkskunde, Zürich) der Entmystifizierung der französischen >ethnologie urbaine<. Nachdem er für diesen Forschungszweig auch in Frankreich eine späte forschungsgeschichtliche Entwicklung aufgezeigt hatte, konstatierte er, daß dort nach einem vielversprechenden Anfang seit den 1970er Jahren - in nur oberflächlicher Anlehnung an die Chicago-School - doch erst in den späten 1980ern ein gewisses theoretisches und methodisches Niveau erreicht wurde. Gleichwohl klassifizierte er die bestehende Forschungslandschaft als individualistisch statt institutionell konsolidiert, als deskriptiv statt theoretisch innovativ oder gar interdisziplinär, als nationalfranzösisch orientiert statt in den internationalen Diskurs zum Untersuchungsfeld Stadt integriert. Es fehle, so Gyr im ernüchternden Fazit, an eigenständiger Theorie und Methodologie, ja sogar an einer spezifischen Methodendiskussion.

Der Nachmittag wurde interdisziplinär fortgesetzt. Hermann Hipp (Kunstgeschichte, Hamburg) widmete sich der »Stadt als Kunstwerk«, wobei er über ältere, aus der Stadtplanung erwachsene Ansätze, die Stadt als Ganzheit, als Organismus und Körper zu sehen, sowie über Ansätze, Raum und Architektur auf der Basis eines >Kunstwerk<-Begriffs zu fassen, berichtete und dann v.a. einging auf den in einer zweiten Phase der kunsthistorischen Zuwendung zur Stadt entstehenden Ansatz der >Politischen Ikonographie<. Das Modell der politischen Ikonographie bleibt indessen auf Mittelalter und frühe Neuzeit, respektive vormoderne/vor-industrielle Zeiten begrenzt. Die >civitas< als Schauplatz des Lebens wird hier in ihrer Baugestalt unter dem hermeneutischen Parameter >Herrschaft< analysiert. Architektur und Stadtplanung werden als Medien symbolischer Kommunikation analysiert, Stadt als >Be-deutungs-träger< interpretiert, - wobei - und einzig hier kommen die Nicht-Eliten in den Blick - die Herrschaftsikonographie letztlich nur im Wechselspiel mit den Verstehen der Adressaten entstehen könne.

Helmut Rösing (Musikwissenschaft, Hamburg) ging dem in der Musikwissenschaften noch relativ neuen Thema »Urbanität und Klang« nach. Die Ebenen, auf denen Rösing Bezüge zwischen Stadt und Musik herstellte, reichten von der motivischen Verarbeitung städtischer Elemente in der Musik bis hin zur Auseinandersetzung mit urbanen Soundscapes, die erst spät in der Musik gespiegelt oder in diese aufgenommen wurden, insbesondere erst mit den elektronischen Instrumenten (Synthesizer). Rösing vertrat die These, daß Musik als emotionales Medium Urbanität nicht in der Weise wiedergeben könne wie dies Sprache und Bild als kognitive Medien könnten. Komponenten von Urbanität in die Konstitution von Musik aufzunehmen, sei von daher nach wie vor eine Aufgabe der Zukunft.

Der zweite Tag begann mit einem Überblick über die volkskundlichen Forschungen und Herangehensweisen. Thomas Hengartner (Volkskunde, Hamburg) entwarf zunächst ein Bild der Forschungsgeschichte zum Thema Stadt in der Volkskunde und bot - unter der Leitlinie vom >locus zum focus< - anschließend eine mögliche Systematisierung der älteren und neueren Forschungen unter verschiedenen Kategorien. Zentral aber problematisierte er die Methode des >mental mapping< in ihrer jeweiligen Abhängigkeit von dominanten wissenschaftlichen Stadt-Bildern und in ihrer Nutzung durch Stadtplanung und Soziologie (praxis- bzw. strukturorientiertes Paradigma), um für diese Form der Datengewinnung endlich eine methodenkritische Auswertung zu fordern: Mental maps seien als historisch, sozial, kulturell, und nicht zuletzt als durch wissenschaftliche Modelle (und durch diese Methode selbst) mitbeeinflußte Textualisierungen zu analysieren (kulturwissenschaftliches Paradigma) und auf der Basis eines solchen Verständnisses als ein Bestandteil eines differenzierten methodischen Instrumentariums der Urbanethnologie zu integrieren.

Die Sektion »Wahrnehmung und Aneignung der städtischen Umwelt I« wurde von Kathrin Wildner (Ethnologie, Hamburg) fortgesetzt. Sie stellte ihr Dissertationsprojekt vor, das auf einer eineinhalbjährigen Feldforschung in Mexico-Stadt basiert. Den zentralen Platz (Zocalo) untersucht sie als Teil des urbanen Ganzen, als multifunktionalen und heterogenen Mikrokosmos, in dem verschiedenste Interessengruppen auftreten und agieren. Ihr ging es aber nicht nur um die Aneignungen des Platzes als sozialem Raum und - in Anlehnung an A. Assmann - der Verortung individueller Geschichte. Vielmehr konnte Wildner mit empirischen und historischen Herangehensweisen zeigen, wie dieser Platz als Diskursort zur Konstruktion von (nationaler) Identität fungiert, bzw. funktionalisiert wird.

Johanna Rolshoven (als Volkskundlerin bei der Ethnologie, Fribourg) entführte die Zuhörer in ein begriffliches Feuerwerk. Grundlegend für ihre Forderung, Übergangs- und Zwischenräume als hermeneutisches Konzept zu etablieren, war die Unzufriedenheit an hergebrachten stadtforscherischen Begriffen wie Ort, Privatheit, Öffentlichkeit, Nichtorte, oft holistischer Termini, die eine Konzeptgefangenheit implizieren, welche sie versuchte aufzubrechen. Rolshoven kam es auf die Kategorie der Bewegung im Raum an, die räumliche und zeitliche Dynamik und soziale oder rollenspezifische Variabilität in Zwischen-/Übergangsräumen, - auf der Basis eines philosophischen Verständnisses vom >Gerichtetsein von Räumen<, einem >Imperativ des Gehens< (Bollnow). Zwischenräume - als begriffliches Instrument - böten die Möglichkeit, die implizite Ordnung der Gesellschaft in transitorischen Identitäten zu erkennen.

Gibraltar und die Effekte von >Grenzen< auf Nationalismus bzw. regionale und ethnische Identitäten bildete das Thema von Dieter Haller (Kultur- und Sozialanthropolgie, Frankfurt a.d.O.). Am Beispiel der >Patios< als architektonischer Spezialität in der Militärkolonie versuchte Haller zu zeigen, wie ein durch räumliche Enge erzwungenes Modell der zivilistischen Lebensweise zunächst einen eigenen >Nationalcharakter< bedingt habe, der durch Öffnung der Grenze und folgende räumliche Segregation aufgelöst wurde. In diesem Prozeß wurden die Patios freigestellt, um als Symbol eines >Schmelztiegels< im politischen Diskurs einer >gibraltesischen Nationalität< idealisiert zu werden.

Die Nachmittags-Sektion »Verortung und Begrenzung von Kultur in der Stadt I« wurde von Waltraud Kokot (Ethnologie, Hamburg) eingeleitet. Die Zuwendung der Ethnologie zur »Stadt« erfolgte erst, als mit der methodenkritischen Diskussion um das ethnographische Paradigma der Feldforschung und der zunehmenden Migration die Fixierung auf kleinräumige, lokal gebundene Gemeinschaften grundlegend infragegestellt wurde. Mit der Auflösung der Grenzen und der Bedeutung von Lokalität wurde auch der >Ort< der Kultur problematisch, weswegen die Ethnologie heute neben Feldforschung v.a. durch die Methode des systematischen Vergleichs geprägt sei. Als Exempel erläuterte Kokot das in Hamburg laufende Projekt »Kulturelle Identitäten in der Diaspora«, in dem Fallbeispiele (s.a. unten zum Vortrag von S. Schwalgin) vergleichend erarbeitet werden. Diaspora als Konzept befragt die Elemente der Identität verstreut lebender ethnischer Gemeinschaften, v.a. aber betont und untersucht das Konzept Formen der weltweiten Verflechtung der Gemeinden untereinander. Der hermeneutische Begriff der Diaspora benutzt - was im Kontext dieser Tagung betont werden muß - laut Kokot allerdings Stadt/Urbanität einerseits nur als eine Art Folie, ist aber andererseits nur vor einem urbanen Hintergrund denkbar.

Talcott Parsons These von der Isolation der Kleinfamilie stellte Ulla Johansen (Völkerkunde, Köln) infrage, indem sie städtische Familien-Netzwerke in Estland einer Untersuchung unterzog, der 60 Familiengenealogien zugrundelagen. Am Beispiel städtischer Plattenbauten konnte sie zeigen, daß die sozialistische Bauabsicht der Vereinzelung sowie der Vermischung von Volksgruppen von der Lebensrealität der estnischen Familien >eingeholt< wurde, daß offenbare und verdeckte Faktoren wie z.B. günstige Verkehrsmittelnutzung, die Notwendigkeit der Nahrungsversorgung oder die Angst vor Bespitzelung zu einer intensiven familiären Bindung führte. Die realen familiären Kontakte erhöhen so einerseits die Kenntnisse von Familiengenealogien, zugleich aber betonte Johansen den politischen Kontext dieser Kenntnisse, die in Estland dazu dienen, das interethnische soziale Prestigegefälle zwischen Esten und Russen zu untermauern.

Jens Dangschat (Soziologie, TU Wien) referierte über die soziologischen Ansätze zur Beziehung zwischen Lebensstilen und Raum (Stadt als Bühne von Lebensstilen), und charakterisierte die Soziologie als eine theoretische Wissenschaft, die lange Zeit ohne Raumbezug operierte, bzw. Raum nur als Behälter für Kommunikation sah. Er stellte mehrere Modelle zu Lebensstilen vor, um sich selbst dem Bourdieuschen Konzept, daß Praxis den Lebensstilen entspricht, anzuschließen, verwies aber zudem auf die Bedeutung Georg Simmels.

Konflikte und verschiedene Strategien der Aneignung eines Stadtteils zeichnete Evelin Duerr (Völkerkunde, Freiburg) am Beispiel der Old Town von Albuquerque nach. Die Wahrnehmungen des Raumes, die realen Funktionen und die symbolischen Aneignungsstrategien differieren je nach ethnischer Herkunft (Hispanics, Natives, Anglos), wobei die aktuellen Machtstrukturen durch lokale historisch gewachsene interethnische Konflikte (soziostrukturelle Diskriminierungen) >attackiert< werden. In der Aushandlung der Kontrolle des Raumes zeigt sich zugleich der Kampf zwischen Ansprüchen auf kulturelle Hegemonie gegenüber Heterogenität und dem Recht auf Selbstbestimmung. An dem »Reden« der Gruppierungen, d.h. den Strategien der kulturellen Definition des ethnisch Eigenen bzw. Fremden, ließen sich paradoxe Phänomene der Annexion und des >Stehlens< von Argumenten - bis hin zur strategischen Selbstdiskriminierung - beobachten.

Der dritte Tag begann wieder mit der volkskundlichen Perspektive »Wahrnehmung und Aneignung der städtischen Umwelt II« und hier mit dem Vortrag von Burkhart Lauterbach (Volkskunde, Bayreuth), der sich der (Groß-)Stadt unter dem thematischen Schwerpunkt >Arbeit< näherte. Wie Stadt habe die Kategorie Arbeit in der Volkskunde lange nur eine marginale Rolle gespielt, insbesondere aber gelte dies für die Arbeit der Angestellten, die seit Mitte der 1980er Jahre die Mehrheit der Arbeitnehmer stellen. Lauterbach kennzeichnete Möglichkeiten bzw. Bedingungen, am Beispiel von Arbeit, als einer Basiskategorie des Lebens, die Wahrnehmung und Aneignung von Großstadt zu untersuchen. In fünfzehn Punkten legte er die Elemente zu einer Art Forschungsplan dar, in dem subjektive und objektive Daten, historische und gegenwartsbezogene Herangehensweisen verknüpft sind wie z.B. Arbeitswege, Ausbildung, Arbeitszeiten, Arbeitsplätze (symbolische Architektur, individueller Arbeitsplatz, Automatisierung, Aneignung als >Heimat<) u.s.w.

Elisabeth Katschnig-Fasch (Volkskunde, Graz) befaßte sich mit dem Feld Wohnen und Wohnkultur in Graz. Im Wohnen zeige sich der gesellschaftliche Zustand, seine Ideologie, seine Macht, die soziale Situation, aber auch die Geschlechterspezifik. Vor allem aber, so die anschließend empirisch untermauerte These, zeige sich die kulturelle Kraft des Wohnens darin, daß die Wohnung der erste Erfahrungsraum des Menschen sei. Zeit- und Raumwahrnehmung differenziere sich heute nach Generationen, heute zeige sich ein Wandel der Wohnkultur konform zum Lebenslauf, es gelte die »Fließgeschwindigkeiten« des Wandels zu verfolgen und damit vielleicht seine >Logik< zu erkennen. Das eigene Leben und das Ich/Selbst im Raum darzustellen, sei das Ziel modernen Lebens - gegen verpflichtende Traditionen, und somit, folgerte Katschnig-Fasch, werde das Wohnen in Zukunft wieder an Bedeutung gewinnen als Raum der Identität.

Der >Grüngürtel< von Frankfurt a.M. bildete das empirische Exempel von Kirsten Salein (Kulturanthropologie, Frankfurt a.M.) Das Vorhaben der damals rot-grünen Stadtregierung war, die Bevölkerung in die Planung des Grüngürtels einzubeziehen und die Anlage damit kognitiv und emotional >einzubinden< und >kulturell< abzusichern, d.h. mit dem Bewußtsein ein Wertbewußtsein zu initiieren nach dem Gedanken: »Ein Park entsteht im Kopf«. Den Verlauf dieses Projekts in Theorie und Praxis hat Salein diskursanalytisch als Folie der aktuellen Verfaßtheit der städtischen Gesellschaft Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre untersucht. Die >diskursive Planung< bzw. >Stadtentwicklung als Moderation< (zwischen den Interessengruppen), so zeigte Salein, stand nicht nur zu Beginn gegenüber alten Strukturen und Medien unter Rechtfertigungsdruck, heute wird sie v.a. angesichts ökonomischer Probleme kritisiert - und >eingespart<.

Die abschließende Sektion »Verortung und Begrenzung von Kultur in der Stadt II« war wegen zwei kurzfristigen Absagen (Christine Avenarius, Völkerkunde, Köln; Eckehard Burchards, Geographie, Hamburg) und einem in Abwesenheit der Autorin verlesenen Vortrag (Barbara Lang, Volkskundlerin bei der Stadtplanung, TU Harburg) recht komprimiert. In ihrer Situationsanalyse exemplifizierte Susanne Schwalgin (Ethnologie, Hamburg) ausgehend von der Diaspora-Gemeinde der Armenier in Athen, die kulturelle Identität in der Diaspora an einem Ritual im öffentlichen Raum, dem Gedenken an den Genozid der Armenier. Schwalgin zeigte nicht nur die verschiedenen Interessengruppen und deren Konflikte um die kulturelle Definitionsmacht innerhalb der armenischen Diaspora, sondern wie die öffentlichen Rituale erlauben, eine Identität im Kontext der Interessen verschiedener sozialer Gruppen medienwirksam zu Inszenieren. Die Konkurrenz um den öffentlichen Raum bzw. die öffentliche Wahrnehmung zeige so den politischen Gehalt der Rituale, d.h. den Diskurs um die Macht in der Diasporagemeinde. Schwalgin konnte aufzeigen, wie die Konstruktion von Identitäten von urbanen Kontexten abhängig ist, d.h. daß und wie Stadt Elemente für die Dynamik der Konstruktion zur Verfügung stellt (Orte, Öffentlichkeit, Medien etc.).

Sämtliche Vorträge (inkl. der ausgefallenen) werden, wie auch die Diskussionen, in einem Tagungsband zusammengefaßt, so daß hier das Resümee nur kurz auszufallen braucht.

Den Nachweis einer aktiven Forschungslandschaft zu führen und zugleich einen interdisziplinären kulturwissenschaftlichen Dialog zu initiieren und - später auch mittels weiterer Tagungen - zu intensivieren, das hatten sich die Organisatoren Thomas Hengartner und Waltraud Kokot als Aufgabe gestellt. Da nicht nur die mit verschiedenen Perspektiven und unterschiedlichen Methoden sich dem Feld nähernden Disziplinen Volkskunde/Europäische Ethnologie und Völkerkunde/Ethnologie Kulturwissenschaften sind, sondern daß ebenso notwendig Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Soziologie, Geographie und Stadtplanung in einen kulturwissenschaftlichen Diskurs über Gegenstand und Begriff »Stadt« einzubeziehen sind, zeigte die umfassende und wirklich fächerübergreifende Intention dieser Zusammenkunft. Das Ziel, sich gegenseitig die verschiedenen »Sichtweisen auf die Stadt« zu vermitteln und kritisch zu befragen, wurde für die hier darzustellende Tagung wirklich erreicht. Wie die zeitlich großzügig einkalkulierten und intensiv genutzten Diskussionsforen (geleitet von Jürgen Jensen, Michi Knecht, Rolf Lindner, Thomas Schweizer) zeigten, gewinnt das lange nur marginale Forschungsfeld »Stadt« zunehmend an Konsistenz, wobei zwischen den Disziplinen z.T. erhebliche Differenzen aufschienen, wo es um die Zuwendung zu resp. Gewichtung von physischen, sozialem und Bedeutungsraum geht. Deutlich werde, wie Rolf Linder betonte, daß Räume wie Nichträume zum Bersten voll mit Bedeutung seien, und daß die zentrale Frage laute, wie die Menschen und wie die Wissenschaft damit umgehen (können). Angemerkt werden muß, daß die vorgestellten Forschungsprojekte und Dissertationen noch oft eine starke Tendenz in Richtung - wie Gyr über Frankreich sagte - >ethnologie dans la ville< hatten. Für eine zukünftige >ethnologie de la ville< wurde deutlich, daß weiterhin eine vertiefte Reflexion des kategorialen Zugriffs (z.B. angesichts der >Totalität des Lokalen< bei gleichzeitiger globaler Horizontauflösung) ebenso stattzufinden hat wie die Auseinandersetzung mit der Frage, welche Methodologie einem Phänomen und Forschungsfeld Stadt bzw. urbanen Praxen sowohl fach- wie themenspezifisch angemessen sein mag. Einigkeit herrschte zwischen allen beteiligten Disziplinen, daß historische Herangehensweisen eine eminent hohe Bedeutung in der Analyse haben, daß aber vor allem die Menschen und ihre sozialen und kulturellen Praxen im Mittelpunkt der urbanen Forschung der Gegenwartswissenschaften Volkskunde und Ethnologie stehen.


  Impressum Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster Seitenanfang