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Sexuelle Sozialisation von Schülern und Studenten im Vormärz
Renate Müller
Liebe und Sexualität bilden als grundlegender Erfahrungsbereich des Menschen einen wesentlichen Untersuchungsgegenstand der historischen und der volkskundlichen Forschung. Dennoch fallen in den bisherigen Untersuchungen zu diesem Gebiet Lücken auf. Da Geschlechtergeschichte lange Zeit vorwiegend als Frauengeschichte begriffen wurde, sind aktuelle Arbeiten über männliche Alltagserfahrungen in Liebesbeziehungen und in der Ehe nach wie vor selten. Auch vernachlässigt wurde bisher die Geschichte der vorehelichen Liebe und der persönlichen Entwicklung zur Beziehungsfähigkeit. Meine Arbeit über sexuelle Sozialisation von Schülern und Studenten im Biedermeier soll dazu beitragen, diese Lücken zu schließen. Als Quellen dienten mir publizierte Autobiographien, Tagebücher und Briefe. Benimmbücher, die Belletristik des Biedermeier, Erziehungslehren und Polizeiakten der Universität Göttingen wurden als Korrektiv und zur Ergänzung hinzugezogen.
Die Autobiographien enthalten Angaben über den Verlauf erotischer Entwicklung von der Kindheit bis zur Zeit des frühen Erwachsenenalters. Den direkteren Zugang zu vergangener Jugend bieten jedoch Jugendtagebücher und während der Jugend verfaßte Briefe. Daß sich in den Tagebuchaufzeichnungen literarische Schablonen und Stilkopien finden, mindert keineswegs den Quellenwert dieser Dokumente für die historische Sozialisationsforschung. Die Gymnasiasten des Biedermeier kopierten nicht nur den Stil ihres Lieblingsschriftstellers, sondern sie integrierten das Gelesene auch in ihr Phantasieleben und in reale Beziehungen. Die Werke Jean Pauls wirkten vorbildhaft bei der Gestaltung von Freundschaften und bei der Idealisierung der Geliebten zum tugendhaften Engel. Wenn sich der Jugendliche bei der Niederschrift seines Tagebuches Redewendungen beliebter Schriftsteller bediente, so deutet dies also nicht unbedingt auf eine oberflächliche, distanzierte Übernahme literarischer Schablonen hin, sondern auch auf eine starke Verschränkung von Literaturrezeption und Sozialisationsprozeß.
Biedermeier und Vormärz sind geläufige Epochenbezeichnungen für den Zeitraum von 1815-1848. Die Neigung zur Idealisierung, zur leidenschaftlichen Überhöhung von Personen und Handlungszielen wird mit keinem der beiden Begriffe verbunden. Dennoch war die Überhöhung ein typisches Element bildungsbürgerlicher Mentalität im Biedermeier und keineswegs auf die Jugendzeit der Gelehrten beschränkt. Die leidenschaftliche, zuweilen tränenreiche Verehrung galt Freiheitskämpfern ebenso wie Bühnenstars. Die schöngeistige Familie des Biedermeier trieb sogar einen Personenkult mit ihren Familienangehörigen, z.B. mit dem studierenden Sohn, auf dessen Werdegang sich die Hoffnungen der Eltern richteten. Liberal gesinnte Bildungsbürger sahen in Gymnasiasten und Studenten die zukünftigen Staatsreformer und hofften, daß ihre Söhne durch Fleiß und Selbsterziehung in die Rolle des aufgeschlossenen Beamten heineinwachsen würden. Als Folgen einer solchen Erziehung zu Strebsamkeit und Idealismus sei nur der Narzißmus mancher Burschenschafter erwähnt, der sich sowohl in Selbstgefälligkeit als auch in überzogenen Selbstanforderungen zeigte. Im Vergleich zu den Studenten waren die Möglichkeiten der Gymnasiasten, Lebensanschauung umzusetzen und Neigungen auszuleben, sehr eingeschränkt. Im Gegensatz zu den Studenten wohnten die meisten Schüler bei ihren Eltern. Zudem erstreckte sich die Kontrollfunktion der Lehrer auch auf das Privatleben ihrer Schüler.
Eine hohe Bedeutung maßen die Gymnasiasten ihrer ersten Liebe bei, auch wenn Eltern und Lehrer die ersten heftigen Neigungen der Pubertierenden als Kinderei abtaten. Insbesondere isolierte Schüler flohen in eine Phantasiewelt, die sich häufig um ihre erste große Liebe rankte. Bezeichnenderweise nannten die pubertierenden Schüler das geliebte Mädchen ihr Ideal. Ein weniger schablonenhaftes Bild konnten sie von ihr kaum entwickeln, da die erste schwärmerische Liebe des Schülers weitgehend beziehungslos war. Kontrollen von seiten der Eltern verhinderten zwar Intimität zwischen den Jugendlichen, nicht aber eine ausgelassene Geselligkeit zwischen den Geschlechtern. Die Schüler selbst gaben ihrer ersten Liebe den typischen unglücklichen Charakter, indem sie sich in ein reiferes Mädchen verliebten, das ihnen zu Recht unerreichbar erschien.
Angesichts der körperlich-seelischen Reife der Schüler und ihrer Lebenssituation erhält dieses Verhalten durchaus einen Sinn. Die Pubertät setzte vor 150 Jahren deutlich später ein als heutzutage. Der patriotisch gesinnte, idealistische Sekundaner teilte zwar die Interessen der Erwachsenen, sein Erscheinungsbild war aber knabenhaft. Zudem wirkte die gezielte Verheimlichung alles Sexuellen von seiten der Eltern und der Lehrer hemmend auf Jungen und Mädchen. In dieser Situation fungierte die Schülerliebe selten als Möglichkeit, erste Erfahrungen in einer Beziehung zu sammeln. Sie diente häufiger als melancholisch-schöne Gegenwelt zu schulischem Leistungsdruck, zu Pennalismus und Glaubenskrisen. Die eigentlich gelebte, romantische Beziehung der frühen Pubertät war nicht die erste Liebe, sondern das Verhältnis zum besten Freund, das einer Liebesbeziehung, was Eifersucht und Treueanforderungen betrifft, sehr ähnelte. Im Zentrum dieser homoerotischen Zweierbeziehungen standen Aussprachen, Vertrauensbeweise und das gemeinsame Schwärmen von der unerreichbaren Geliebten. Als Gegenstand von geheimen Aussprachen und Geständnissen trug die erste Liebe somit zur Entwicklung und Stabilisierung der schwärmerischen Schülerfreundschaften bei.
Die Art der Freundschaftsbeziehungen und der Liebeserlebnisse veränderte sich im Laufe der Jugendphase. Nach den Vorstellungen im Biedermeier umfaßte die Jugend der Bildungsbürger sowohl die Gymnasialzeit in der Oberstufe als auch die Jahre an der Universität. Ein vermehrtes Sozialprestige und die freieren Lebensbedingungen der Studenten hatten Auswirkungen auf die Beziehungen, die sie eingingen. Die homoerotische Zweierbeziehung der Schüler, die als entwicklungspsychologischer Vorläufer der Liebesbeziehung angesehen werden kann, verlor während der Universitätszeit etwas an Bedeutung. Die Studenten zogen Dreiecks- oder Vierecksverhältnisse der engen Bindung an den besten Freund vor. Diese erweiterten Freundesgruppen, die in den Autobiographien auch Kleeblätter genannt werden, nahmen einen wesentlichen Platz im Studium und in der Selbsterziehung der Jugendlichen ein. Die schwärmerische Liebe zum weiblichen Ideal verlor während der Universitätszeit gegenüber der Galanterie und der Liebschaft etwas an Bedeutung. Die Studentenliebschaft setzte ein intimeres Verhältnis zum jungen Mädchen voraus. Sie war aber nicht mit der Idealisierung des Mädchens und nur selten mit Heiratsabsichten von seiten der Studenten verbunden.
Erste sexuelle Erfahrungen sammelten die angehenden Gelehrten in der Mehrzahl erst während des Studiums. Es ist auffallend, wie unterschiedlich weit die Erfahrungen der Studenten bürgerlicher Herkunft reichten. Neben dem Studienanfänger, der die derben Zoten seiner älteren Kommilitonen kaum verstand, gab es den Corpsstudenten, der sich aushalten ließ, und manchen Burschenschafter, der seinen Vorsatz, bis zur Eheschließung abstinent zu leben, tatsächlich umsetzte. Diese deutlichen individuellen Unterschiede resultieren aus der körperlich-seelischen Reife der einzelnen Studenten, ihren Neigungen und schließlich aus ihrer Anschauung über den Umgang mit Sexualität und Liebe. Burschenschafter und Turner propagierten Askese während die Burschikosen unter den Corpsstudenten und Landsmannschaftern mit erotischen Abenteuern renommierten. Das von Peter Gay entworfene Bild vom Bürger des 19. Jahrhunderts, der sehr darum bemüht war, die zärtlichen und die sinnlichen Strömungen der Liebe miteinander zu verbinden, läßt sich auf die Studentenschaft des deutschsprachigen Gebiets nicht übertragen.1 Gemeinsam ist den traditionellen burschikosen Lebensformen der Corps und dem lebensreformerischen Lebensstil der Burschenschaften ein männlichkeitsbetonter Kollektivismus. Dem Umgang mit dem weiblichen Geschlecht wurde keine allzu hohe Bedeutung beigemessen. Im Mittelpunkt des studentischen Interesses standen Freundschaften, Verbindungsleben und Studium. In der Regel hatten Frauen bürgerlicher Herkunft keinen Zutritt zu den Hörsälen, den Verbindungskneipen und Paukböden der Studenten. Einblick in das Privatleben der Studenten gewannen dagegen die weiblichen Bediensteten, die am meisten unter studentischen Derbheiten zu leiden hatten.
Die geselligen und amourösen Beziehungen zwischen Studenten und jungen Frauen differierten sehr nach Standeszugehörigkeit der Frauen. In der Werteskala der Studenten standen zwischen dem verehrten weiblichen Ideal und der Prostituierten das Bürgermädchen, das vielleicht zu einer platonischen Liebschaft bereit war, und die Dienstmagd, die dem ungeübten Studenten das Tanzen beibrachte und möglicherweise auf Gelegenheitsprostitution angewiesen war.
Obwohl der Student den Eltern heiratsfähiger Töchter als Ehekandidat in der Regel nicht willkommen war, kannten viele Gelehrte ihre späteren Ehefrauen bereits während ihrer Universitätszeit. Trotz der Mobilität der Studenten stammten etliche Gelehrtengattinnen aus dem Heimatort ihrer Männer. Die Examenskandidaten und Berufspraktikanten wählten jedoch nicht die ehemalige erste große Liebe zur Ehefrau, sondern das ehemalige Nachbarskind, die Freundin der Schwester oder die jüngere Schwester eines Schulfreundes. Die gleichaltrige Angebetete der frühen Jugendzeit war zu diesem Zeitpunkt in der Regel schon verlobt oder verheiratet und nur dem erheblich jüngeren Mädchen konnte die lange Wartezeit bis zu materieller Absicherung und Familiengründung zugemutet werden. Die Bevorzung des erheblich jüngeren Mädchens ist aber entgegen der Ansicht, die Anne-Charlott Trepp in ihrer Dissertation »Sanfte Männlichkeit - selbständige Weiblichkeit« vertritt, nicht allein durch den damaligen Heiratsmarkt bedingt.2 Die jungen Gelehrten bevorzugten ein kindlich frisches Aussehen, kindlichen Charme und kindliche Direktheit. Etwa die Hälfte der Autobiographen hatte in ihrer Verlobten das liebe Kind gesehen, das unter ihrer Anleitung in die Aufgabenbereiche der Pastoren-, Arzt- oder Professorengattin hineinwachsen würde. Dieses Frauenbild stellte die jungen Bildungsbürgerinnen vor ein Problem. Das junge Mädchen sollte unverbildet und erziehbar sein, aber gleichzeitig sollte sie den Anforderungen genügen, mit denen eine gebildete Hausfrau im Biedermeier konfrontiert wurde. Diese in sich widersprüchlichen Wünsche erforderten vom jungen Mädchen eine Gratwanderung zwischen unverbildeter Gefühlstiefe und mentaler Souveränität.
Die Schwierigkeiten der Männer bei der Entwicklung zum beziehungsfähigen Bildungsbürger waren gänzlich anderer Art. Das im Bildungsbürgertum vorherrschende Leitbild von der Ehe war eine auf Liebe und gegenseitige Ergänzung beruhende Gemeinschaft, die vom Ehemann auf eine eher verständnisvolle als autoritäre Weise geleitet wurde. Dieses Leitbild setzte eine gewisse Überlegenheit des jungen Mannes gegenüber dem jungen Mädchen voraus. Es ist offensichtlich, daß der Gymnasiast, der sich selbst als dienender Knappe seiner Angebeteten sah, von einem Gefühl der Überlegenheit ihr gegenüber weit entfernt war. Selbstbewußtsein gewann der angehende Gelehrte während seines Studiums als idealistischer Burschenschafter oder trinkfester Corpsstudent. Selbstbewußtsein gewann er nicht zuletzt auch im Umgang mit Frauen von niederem Stand, denen gegenüber er sich größere Freiheiten als gegenüber den Professorentöchtern herausnehmen konnte. Für wenig selbstbewußte Männer war der hohe Altersunterschied zur Verlobten ein Weg, die geforderte Überlegenheit zumindest für eine gewisse Zeit zu wahren. So unterschiedlich die Frauenbilder vergöttertes Ideal und liebes Kind auch waren, sie gehörten häufig derselben Biographie an und stellten gewissermaßen eine Entthronung des engelhaften Ideals zum lieben Kind dar, mit dem man leben konnte, ohne sich unterlegen zu fühlen. Allerdings blieb der Gelehrte nicht immer in der überlegenen Position. Mit wachsendem Selbstbewußtsein der jungen Frau als Mutter, Hausfrau und gebildeter Gastgeberin konnte sich das Verhältnis zwischen den Ehegatten im Laufe des Zusammenlebens wesentlich ändern.
1 Peter Gay: Die zarte Leidenschaft. Liebe im bürgerlichen Zeitalter. München 1987, S.126.
2 Anne-Charlott Trepp: Sanfte Männlichkeit und selbständige Weiblichkeit. Frauen und Männer im Hamburger Bürgertum zwischen 1770 und 1840. Göttingen 1996 (=Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 123), S.145.
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