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Lesen im Lebenslauf. Lesesozialisation und Leseverhalten 1930 - 1996 im Spiegel lebensge- schichtlicher Erinnerungen

Susanne Limmroth-Kranz


Am 23. April 1998 erhielt man beim Besuch einer Buchhandlung anläßlich des »Welttages des Buches« einen Sammelband mit Erzählungen als Geschenk. Auch der Welttag des Buches symbolisiert die breitgestreuten Bemühungen, dem Buch, als einem unter vielen Medien, immer wieder seinen festen Platz zu sichern. Gleichzeitig erinnert die Tatsache, daß die Unesco diesen Tag einberufen hat daran, daß Buchbesitz und Lesefähigkeit bzw. Lesegelegenheiten bei weitem nicht für alle Menschen auf der Welt selbstverständlich sind.

Angeregt durch die Schreckensrufe von Autoren wie Marshall McLuhan und Neil Postman über den Verlust der Lese- und Schreibkultur in den westlichen Industrienationen gerieten das Leseverhalten und die Mediennutzung in den letzten beiden Jahrzehnten immer wieder zum Gegenstand heftiger Diskussionen. So wurde jüngst eine Beilage zur Wochenzeitung »Das Parlament« ganz dem Schwerpunkt: Literatur, Leseinteressen und Buchproduktion in den neuen und alten Bundesländern vor allem im »Leseland DDR« gewidmet. Diese und andere Publikationen verweisen auf die Aktualität des Themas.

Auf die Verflechtung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit und die starke Beeinflussung des mündlichen Erzählens durch die neue Medienentwicklungen weist Regina Bendix in der Zeitschrift für Volkskunde 2/96 hin. Über die vielfältigen Kulturleistungen des Lesens ergeben sich vor dem Hintergrund der Medienentwicklung für die volkskundliche Erzähl-, und die Lese(r)forschung neue Perspektiven.

Auch wenn bereits von mehreren Disziplinen eine Zustandsbeschreibung des Leseverhaltens in unserer Gesellschaft versucht wurde, so bemühte man sich eher selten um die Rekonstruktion desselben für einen zusammenhängenden längeren Zeitraum. Nur in geringem Ausmaß wurde nach der Bedeutung des Lesens im Lebenslauf der Menschen, also der Leser gefragt. Sie sind bisher in der Regel nicht zu Worte gebeten worden - auch nicht in der Volkskunde. Es ist die Absicht meiner Untersuchung »Lesen im Lebenslauf« dieses Defizit auszugleichen.

Seit den wegweisenden Studien von Rudolf Schenda »Volk ohne Buch« und Rolf Engelsing »Lesestoffe der kleinen Leute« sind Fragen nach dem Lesen und dem Umgang mit Literatur auch für die volkskundliche Forschung relevant. Eine biographisch orientierte Lese(r)forschung fand allerdings in den letzten Jahrzehnten nicht in der Volkskunde, sondern vielmehr in der Leserpsychologie, der Rezeptionsforschung und den Erziehungswissenschaften statt. Meine Arbeit ist somit ein Beitrag zur Fortführung der volkskundlichen Leserforschung, die im wesentlichen in den frühen siebziger Jahren abbrach.

Die Methode
1. In der Biographie eines Menschen, seiner gesamten Sozialisation und der damit verknüpften Einbindung in die Gesellschaft ist die Lesebiographie ein wesentlicher Teilbereich. Die Erforschung der Lesesozialisation verweist auf Phasen, in denen familiäre und institutionalisierte Einflüsse allein, aber auch miteinander verflochten Wirkung zeigen. Nicht zuletzt durch sie erfährt das Lesen im Lebenslauf je nach Altersphase unterschiedliche Gewichtungen und Bedeutungen. In der Lesebiographie spiegeln sich außerdem bestimmte Lesesozialisationsmuster und Denkweisen wider. Dementsprechend ist Lese(r)forschung auch Bewußtseinsforschung.

2. Ich habe meine Fragestellungen auf das individuelle Leseverhalten und seine Integration in den Lebenslauf konzentriert. Um etwas über den Zusammenhang von Lesen und Lebensweise zu erfahren, habe ich andere Quellen als bisher in der Lese(r)forschung üblich herangezogen.

Hierfür wählte ich den biographischen Zugriff auf das Thema durch fokussierte Interviews, um so die Bedingungen des Lesenlernens, die Lesemöglichkeiten und die Lesepraxis in unterschiedlichen Lebensphasen nachzuzeichnen. Die von mir befragten Leser unterscheiden sich in der formalen Bildung sowie den daraus resultierenden Leseinteressen, Ansprüchen und Vorlieben.

3. Die Interviews ermöglichen es, das Leseverhalten nicht nur auf generationstypische und geschlechtspezifische Besonderheiten hin zu untersuchen. Sie erlauben auch einen Blick darauf, wie Lesen als soziales Handeln in die Lebensgestaltung integriert ist. Die Gesprächspartner erwiesen sich dabei als profunde Kenner ihrer Lesebiographie. Durch sie entstand eine Datenbasis, mit der die Abgrenzung dreier Lesergenerationen voneinander und ein analysierender Vergleich ihrer Lesesozialisationen möglich wurde. So ließ sich zeigen, durch welche Bedürfnisse und Funktionen das Lesen motiviert wird und welche Bedeutungen dem Lesen im Lebenslauf eines Menschen zugeschrieben werden.

Die drei Lesergenerationen
4. Die drei Lesergenerationen repräsentieren unterschiedliche Epochen des 20. Jahrhunderts. Meine Einteilung erfolgte nach den Möglichkeiten und Bedingungen ihrer Lesesozialisation und ihrer Medienerfahrungen in Kindheit und Jugend.

Unter die erste Generation zähle ich die Geburtsjahrgänge 1929 bis 1949. Ihre spezifische Lebenssituation in der Kindheit und Jugend ist durch gravierende Faktoren gekennzeichnet, wie die Zeit des Dritten Reiches, Ausbombung und Flucht. In den meisten Familien wirkten sich die finanziellen Engpässe auch auf den Buchbesitz aus. Die Schulzeit verlief häufig unregelmäßig und für viele der Interviewten erfüllten sich die ursprünglichen Wünsche nach einer formal höheren Bildung nicht. Die heimischen Buchbestände waren oft minimal und wo sich nicht die Gelegenheit der Bibliotheksausleihe bot, las man alles was greifbar war.

Zum Zeitpunkt der Interviews waren diese Befragten zwischen 44 und 64 Jahren alt und zeigen eine deutliche Hinwendung zur sogenannten klassischen Literatur. Mehrfach wurde von ihnen betont, den Anschluß an die »Moderne « verpaßt zu haben. Kennzeichnend für diese Generation ist ein ausgesprochener Bildungs- und Lesehunger, der sich bereits früh entwickelte.

Die zweite Generation wird von den Geburtsjahrgängen 1950 bis 1960 gebildet. Sie wuchsen in den Anfängen der Bundesrepublik auf und waren fast alle bereits als Jugendliche mit der Nutzung diverser Druckmedien sowie mit den audiovisuellen Angeboten vertraut. Auch wenn für die Älteren dieser Generation der Alltag durch die Sparsamkeit der Aufbaujahre geprägt war, so wuchs der Buchbestand doch kontinuierlich. Nicht zuletzt wurde dies durch das expandierende System der Buchklubs gefördert, das eigenen Buchbesitz zunehmend selbstverständlich werden ließ. Auch Möglichkeiten zur Buchausleihe standen ihnen bereits zur Verfügung. Ihr Leseverhalten ist mit Vielseitigkeit, Unterhaltungsbedürfnis und großer Neugierde zu charakterisieren.

Die dritte Lesergeneration wird von den Geburtsjahrgängen 1960 bis 1970 gebildet. Sie hatten neben Lesemedien bereits mit einem umfangreichen Medienangebot Kontakt, das Farbfernsehen, Kassetten- und Videorecorder sowie die ersten Personalcomputer einschließt. Bis auf zwei Ausnahmen wuchsen sie in finanziell stabilen Umfeldern auf und verfügten über ein breites Angebot an Büchern sowohl in der Familie als auch durch öffentliche Büchereien. Sie betonen vor allem einen unterhaltenden Aspekt des Lesens. Ihr Lese- und Mediennutzungsverhalten ist von Pluralität geprägt, da sie die neuen Medien ganz selbstverständlich in ihre Lebenswelten integrieren.

Bei der Verortung des Lesens im Leben ist es wichtig, zu berücksichtigen, daß unterschiedliche Intensitäten des Lesens verschiedenen lebensgeschichtlichen Phasen zuzuordnen sind, die in der Regel von einschneidenden Ereignissen oder Veränderungen abhängen. Beim Sprechen über ihre Lesebiographie orientierte sich die Mehrzahl der Befragten an eben dieser persönlichen Chronologie des Sozialisationsablaufs. Dazu zählen u.a. die Einschulung, das Lesenlernen in der Schule, erste Kontakte mit Literatur in der Familie, in der weiterführenden Schule und während der Berufsausbildung, die Aufnahme der Erwerbstätigkeit, die eigene Familiengründung sowie der Beginn des Rentenalters. Als Leitgerüst bestimmten diese Lebensphasen den Ablauf der Selbststhematisierung der Lesebiographie.

Die Ergebnisse im einzelnen
Das Lesen dient bestimmten Funktionen, die sich im Lebenslauf verändern oder zum Teil sogar ganz verloren gehen. Zu diesen Funktionen zählen vor allem Unterhaltung, Weiterbildung und Information. Sie wurden zwar von allen drei Generationen genannt, allerdings mit unterschiedlichen Gewichtungen.

Generationsübergreifend zeichnet sich ab, daß sich die Hauptfunktion, die Unterhaltung, nur unwesentlich verändert hat. Auch um der reinen Informationsfunktion willen und zur Reisevorbereitung wurde in allen Generationen häufig gelesen.

Unterschiede in den Generationen zeigen sich im Wandel der Funktion der Weiterbildung. So ist vor allem für die erste Generation das Bemühen charakteristisch, tatsächliche oder vermeintliche Bildungsdefizite über das Lesen auszugleichen. Diese Intention ließ sich in der zweiten Generation nur selten und in der dritten gar nicht aufspüren. Diese jüngeren Befragten formulierten entsprechend eher selten Ambitionen, sich vorwiegend über die Lektüre Allgemeinwissen anzueignen, denn Fernsehen und Druckmedien dienen ihnen gleichermaßen als Quellen der Information. Eine vielfältige Mediennutzung - zu der auch das Lesen zählt - ist für sie selbstverständlich.

Die Entfaltung des Lesens ist zunächst von den Sozialisationsinstanzen abhängig. Seine erste Prägung erfährt das Leseverhalten durch die Lesesozialisation in der Familie. Dies wird deutlich anhand konkreter Beispiele und Erlebnissen wie dem Vorlesen, dem Lesenlernen und dem Lesenwollen vor der Einschulung. Gerade das Vorlesen wird in der Rückschau mit Geborgenheit und Wohlergehen in der Kindheit gleichgesetzt. Demgemäß bemühten sich die Befragten, auch ihren eigenen Kindern entsprechende Situationen zu schaffen. Die Erinnerungen an verbotene Lektüren im Bett war ebenfalls ein Bild, das fast alle heraufbeschworen. So ist die Lesezeit der Kindheit und Jugend rückblickend häufig vom Gefühl unbegrenzter Freizeit und Freiheit gekennzeichnet. Das Lesen und der Umgang mit Büchern oder Heften werden zum einen als Zeiten der Idylle und des »eins mit sich selbst sein« geschildert; diente zum anderen aber auch um Langeweile zu überbrücken und - als ein drittes wichtiges Erfahrungselement - um von Problemen abzulenken.

Die familiäre Leseerziehung wird durch das Lesenlernen in der Schule zugleich erweitert und ergänzt. Grundsätzlich ist zwischen dem Lesenlernen der Grundschulzeit und den Jahren des weiterführenden Schulbesuchs zu unterscheiden. Immer wieder wurde sehr deutlich, daß weiterführende literarische Impulse erst in den höheren Schulklassen vermittelt und von den Schülern auch angenommen wurden. Dabei wirkten sich - entgegen den Meinungen in der fachdidaktischen Literatur - nicht so sehr die Unterrichtsinhalte als vielmehr einzelne Lehrerpersönlichkeiten auf die Leseentwicklung aus.

Lesen und Fernsehen zeigen sich als konkurrierende Mediennutzungsmöglichkeiten vor allem bei den Lesern der zweiten Generation. Unter ihnen gab es einzelne, die den Einfluß des Fernsehens im Hinblick auf ihre Kindheit negativ darstellten. Von den Angehörigen der dritten Generation und damit jüngsten Befragten wurde der Konflikt fernsehen kontra lesen nur vereinzelt thematisiert.

Soziale Erfahrungen basieren auf kulturellen Mustern. Dieser Tatsache entsprechend eignen sich Menschen in ihrer Lesesozialisation Erfahrungen mit dem kulturellen Muster Lesen an.

Viele entwickeln sich letztendlich gemäß den Intentionen der Lesesozialisation. Aber es gibt immer wieder Individuen, die sich diesen Einflüssen entziehen. Und nicht immer wurden die Leser bereits früh im Umgang mit Büchern und Lesemedien vertraut, obwohl das Elternhaus durchaus Anregungen bot. Sie fanden häufig erst als Erwachsene mit Unterstützung von Außenstehenden, Partnern oder Lehrern den Weg zum Lesen. Diese Gruppe habe ich späte bzw. unerwartete Leser genannt. In allen drei Generationen gibt es diese Leser, für die sich zunächst ein eher instabiles Leseverhalten abzeichnete. Heute ist lesen für sie eine willkommene und abwechslungsreiche Beschäftigungsmöglichkeit.

Die Lesepraxis stimmt bei weitem nicht immer mit den Lesewünschen und Leseintentionen überein. Es läßt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen der Theorie (dem Wunschdenken) und der Realisation (der Praxis) des Lesens verzeichnen. Sie steht aber dem Verlangen nach ungestörter Lesezeit und damit konnotierter Lebensqualität offensichtlich nicht entgegen. So ist z.B. ein häufig formulierter Wunsch in der ersten Generation, der nach intensivem Lesen im Alter. In der Realität aber ist dieses Vorhaben oft schwer zu konkretisieren, weil die Konzentration auf komplexe Texte lange Zeit nicht geübt wurde. Oder auch, weil das individuelle Zeitmanagement keine Lesezeiten vorsieht.

Lesen ist eine Kommunikationsform, bei der bereits die Planungen und Vorbereitungen, wie Buchkauf, Ausleihe, das Lesen von Buchkatalogen die Leser in gewisser Weise befriedigen bzw. ihre Hauptintention - das möglichst ungestörte Lesen - einleiten. Diese »Rituale« gehören zum Lesen dazu, ebenso wie die permanente Klage Erwachsener, daß eigentlich nie genug Zeit dafür erübrigt werden kann. An die Lesezeit haben die Leser feste Qualitätsansprüche und bei weitem nicht jede Zeitspanne eignet sich für eine ungestörte, konzentrierte Lektüre, wodurch die potentielle Lesezeit im Alltag stark eingeschränkt wird.

Unbegrenzte Lesezeiten sind beschränkt auf Kindheit und Jugend. Gerade die Rückerinnerung daran, im Kontrast zu den späteren zeitlichen Einschränkungen scheint, die Leseintentionen im Erwachsenenalter zu prägen. So wird trotz Hindernissen eine Kontinuität des Leseverhaltens gesichert. Es sei im Zusammenhang damit noch erwähnt, daß die Lektürebedürfnisse von Erwachsenen nicht immer nur von positiven Leseerfahrungen in der Kindheit ausgehen, sondern auch häufig von empfundenen Defiziten.

Zu den negativen Leseerfahrungen zählt in nicht wenigen Fällen auch der unerfüllte Wunsch nach Vorlesen, geringer oder kein Buchbesitz im Elternhaus und die sich daraus entwickelnden Stigmatisierungen in der Schule.

Abschließend möchte ich kurz zusammenfassen. Meine Untersuchung diente dem Erreichen von zwei Zielen:

Erstens soll mit der vorliegenden Studie das Forschungsfeld Lesen transparenter und die Einbindung des Lesens in den gesamten Lebenslauf betont werden. Zweitens werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Lesesozialisation und im Leseverhalten dreier Lesergenerationen untersucht.

Die fokussierten Interviews ermöglichten den Befragten eine Selbstthematisierung ihrer Lesebiographie. Auf diese Weise wurde deutlich, wo sie persönlich den »Sitz des Lesens« in ihrem eigenen Leben verorten.

Zum Schluß wage ich einen Blick in die Zukunft:

Die neuen Lese- und Bilderwelten durch Internetangebote bedingen - besonders für die jüngeren Lesergenerationen - eine langfristige Veränderung der Lesegewohnheiten. Dies macht es sinnvoll, heutzutage von der Integration des Lesens in die Mediennutzung zu sprechen.

Gerade die in den neuen virtuellen Bereichen anstehenden Entwicklungen werden der Kulturwissenschaft Volkskunde in Zukunft noch zahlreiche Untersuchungsgegenstände im Bereich der Lese(r)forschung bieten.

  Impressum Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster Seitenanfang