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Ethnos, Rasse, Volk.
Zur gesellschaftlichen Konstruktion von (Welt-)Anschauungen


Im Alltag, aber auch in den Wissenschaften wird und wurde die Menschheit in unterschiedlicher Weise kategorisiert und klassifiziert. Die Kategorisierungen unterschieden sich im Laufe der Zeit erheblich, entsprechend verschieden sind auch die Methoden und Schlüsselbegriffe zu ihrer Untersuchung. »Ethnos«, »Rasse« und »Volk« sind hierzu zentrale Kategorien, mittels derer Volkskundler gesellschaftliche Realität beschrieben haben. Die Begriffe haben gerade in der jüngsten Vergangenheit eine erneute gesellschaftliche Relevanz in Deutschland erhalten, und auch die Volkskunde rückt sie aktuell verstärkt ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

»Ethnos, Rasse, Volk. Zur gesellschaftlichen Konstruktion von (Welt-)Anschauungen« - zu diesem Thema fand im vergangenen Semester am Institut für Volkskunde ein Mittelseminar statt. Das Seminar verfolgte zwei Themenstränge: Es thematisierte sowohl theoretische als auch empirische Fragen. Dabei beschäftigte uns auch die Frage der Verwendung und Bedeutung von Begriffen im Alltag, ihre historische Dimension und ihre gegenwärtige gesellschaftliche Brisanz. Die fortwährende Relevanz und die vielschichtigen Foren klassifikatorischer Begriffe wie Ethnos, Rasse und Volk motivierten sieben Studierende, die Ergebnisse ihrer Arbeit einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Sie schrieben fünf Essays, die auf ein nicht wissenschaftliches Publikum ausgerichtet sind. In den nachfolgend abgedruckten Versionen ist den üblichen akademischen Gepflogenheiten durch Fußnoten Genüge getan. Sie sollen im Sinne eines Metakommentars und als wissenschaftliche Untermauerung des Haupttextes gelesen werden.

Bei den fünf Essays handelt es sich um folgende Beiträge. Die ersten beiden Essays behandeln die Relevanz kultureller Symbole und Zuordnungen:

* Sabine Heinlein stellt Hip-Hop als kulturelles Medium und Forum für Bikulturalität und Interaktion verschiedener Kulturen dar.

* Die Autorinnen Zuzanna Niedenthal und Anneke Wolf setzen sich mit der gesellschaftlichen Brisanz wissenschaftlicher Begriffe und ihrer Erklärungskraft am Beispiel der Kategorie »Ethnos/Ethnizität« auseinander. Dies geschieht anhand von Menschen unterschiedlicher Herkunft.

Drei Beiträge setzen sich am Beispiel der Fußball-WM mit der Wirkungsweise von Nationalismus und Rassismus auseinander:

* Tosca Friedrich und Claudia Zorn zeigen, daß auch heute noch und immer wieder so überkommene Begriffe wie »Rasse« genutzt werden, wenn in den Medien kulturelle Vielfalt dargestellt werden soll. Dies illustrieren sie am Beispiel der Fußball WM-Eröffnungsfeier, die auch heute noch ihrer Breitenwirksamkeit und symbolischen Bedeutung wegen unsere Aufmerksamkeit erfordert.

* In Ole Wiedenmanns Essay geht es darum, wie latent vorhandener Nationalismus während internationaler Fußballturniere manifest werden kann. Welche Formen, Ausdrucksweisen, Symbole und Ursachen läßt dieses Zurückgreifen auf Nationalismus erkennen?

* Ein dritter Beitrag zu diesem Themenfeld von Sabine Forschner thematisiert den Umgang mit den genannten Kategorien am Beispiel von Kommentatoren zur Fußball-WM.

Brigitta Schmidt-Lauber


»Ich denk klar Babylon ist wo ich wohn«. Interkulturelle Hip-Hop-Bands in Deutschland
Sabine Heinlein

»An all meine Niggas Kanaken Malagas Polaken/Meine Mullahs Mafiosis und Franzaken/An meine Paellas PKK`s Schlitzaugen Hakennasen/Kameltreiber Ziegenhirten Knoblauchfresser Paprikas/Meine Terroristen Kriminelle Drogendealer/Parasiten Asylbetrüger Hütchenspieler/Blutsauger Taugenichtse Tagelöhner Rumstreuner/Meine Zulukaffa und meine Zigeuner/Lasst mich nicht allein.« (Freundeskreis, Lasst mich nicht allein, 1997)

Und wäre die letzte Zeile des ungewöhnlichen Hip-Hop-Textes ausgeblieben, könnte man meinen, es handle sich um das Spruchband eines NPD-Aufmarsches. Beruhigend, daß es sich statt dessen um die interkulturelle Hip-Hop-Band Freundeskreis handelt, die den gern verhandelten Diskurs um die fraglichen zwei Buchstaben PC (Political Correctness) links liegen läßt.1

Interkulturelle Hip-Hop-Bands in Deutschland gibt es einige. Unter ihnen: Freundeskreis, Fresh Familee, Advanced Chemistry, Aziza A. und Cartel, um nur die wichtigsten zu nennen. Ihre Mitglieder, bzw. deren Eltern, kommen aus aller Herren Länder und leben in Deutschland - dennoch zwischen den Stühlen der verschiedenen Kulturen.

Allen gemeinsam ist nicht die nationale oder ethnische Identität, sondern deren Infragestellung, und der rappende Impetus, dies zu benennen.

Das bikulturelle Selbstverständnis mag im schlimmsten Falle die Persönlichkeit der Migranten in unversöhnliche Teile spalten, deren Anzahl ebenso variabel wie ihre Ausformungen entgegengesetzt ist.

Denn zu dem »Eigenen« eines individuellen Charakters, fraglich definiertes Selbst ohnehin, gesellt sich »Fremdheit«2; und vielleicht wichtiger noch: Fremdbestimmung durch die Stigmatisierung, die in den meisten Fällen allein durch die Herkunft der Eltern determiniert ist3. Das Problem beginnt schon bei der Formulierung des Themas: Türkischer Hip-Hop in Deutschland, Hip-Hop deutscher Türken oder Hip-Hop türkischstämmiger Deutscher? Lassen wir die ewigen Diskussionen um Benennungen beiseite und hören Fresh Familee »multilingual«: »Meine Gefühle sind türkisch, meine Gedanken jedoch deutsch....Gemischte Menschen, gemischte Gesellschaft,/ gemischte Gefühle und Gedanken./ Ich füg´ mich dem Misch-Masch!« (Fresh Familee, multilingual, 1993)4

Nun ist Sprache ebenso wie Kleidung oder Speisegewohnheiten Ausdrucksmittel von Kultur, der fremden wie der eigenen5. Es stellt sich nun die Frage nach einem geeigneten Forum für dieses kulturelle Medium. Das So-Sein und die Probleme von Minderheiten im eigenen, fremden Land wollen nach außen transportiert werden. Man kann nicht nur von dem grundsätzlichen Willen und der Notwendigkeit einer Benennung der Probleme ausgehen, sondern auch Eigen- und Fremdverantwortlichkeit der verschiedenen Gesellschaftsgruppen müssen mitgedacht werden. Nicht das Schlucken der kulturellen und individuellen Identität öffnet Türen: »Laßt die Fantasien sprießen jedes Hip-Hop-Pflänzchen gießen / Die Harmonie im Chaos der Ideen genießen / Türen öffnen, Türen öffnen, Türen nicht verschließen« (Fresh Familee, P-Familee, 1993).

Zusammenhalt und die postulierte Differenz zwischen sich und der Außenwelt sind die großgeschriebenen Motive der jungen Bands.

Bis zu diesem Punkt sind die Parallelen zu afroamerikanischem Hip-Hop augenscheinlich. Dennoch: Interkultureller Hip-Hop ist in Deutschland weniger verbreitet als in den USA und geschieht vor einer anderen Folie. Das Selbstverständnis der Jugendlichen beispielsweise, die als Kinder oder Enkel türkischer »Gastarbeiter« in Deutschland rappen, unterscheidet sich von dem der Afroamerikaner. Es ist nicht nur die ungleiche Vergangenheit beider Staaten, die eine andere Umgangsweise mit Fremdheit nach sich zieht. Deutsche Türken oder türkische Deutsche, deutsche Sudanesen oder sudanesische Deutsche stehen vor einem weiteren Konflikt. Sie verfügen über eine erste und/oder zweite Heimat, leben mitunter zwischen zwei Welten, sind zugleich in unterschiedlichen Kontinenten zu Hause oder fremd.

»Fremd im eigenen Land« fühlten sich auch Advanced Chemistry und eroberten schon 1992 mit ihrem gleichnamigen Hit die Charts. Hinter der Titelmelodie des Auslandsjournals ertönt der Anspruch, den deutschen Reisepaß als Beweis für das Deutschsein gelten zu lassen: »Ich habe einen grünen Paß mit einem goldenen Adler drauf« singen AC. Jedoch heimsen sie sich hierdurch den Vorwurf ein, mit diesem Statement Asylbewerber und Touristen ohne grünen Paß zu diskriminieren. Solidarität mit wem? Abgrenzung oder Akkulturation?

Das Aushandeln der eigenen Identität orientiert sich wohl besser nicht an Nationalsymbolen, da es sonst einer ungewünschten Einseitigkeit Gefahr läuft, die man von »echt-deutscher« Seite schon zu Genüge schmerzlich erfahren hat. Gewinnend wirken dagegen Textzeilen wie »Ich denke klar Babylon ist wo ich wohn« (Freundeskreis) und der Appell gegen Blendungen und >gemeinplätzige< Betrachtungsweisen: »Wenn der Vorhang fällt sieh hinter die Kulissen / Die Bösen sind oft gut und die Guten sind gerissen / Geblendet vom Szenario erkennt man nicht / Die wahren Dramen spielen nicht im Rampenlicht.« (Freundeskreis, Enfants terribles international, 1997)

Vielheit statt Einheit heißt das Motto, und Hip-Hop trägt aufgrund seines hohen Wirkungskreises beachtenswert zu dessen Durchsetzung bei. »Der Grad ist schmal zwischen Rap und Realität« (Freundeskreis, Cross the Tracks, 1997), schmaler allemal als zwischen Literatur oder Theater und Realität. Spontaneität und Rasanz, Selbstbewußtsein und Provokation machen Hip-Hop für die junge Zuhörerschaft attraktiver als das ewige Gejammer herkömmlicher Selbsthilfegruppen. Hip-Hop wird gelebt, und anders als Pop schwören seine Interpreten große Formen der Solidarität herauf, machen auch den unsichtbarsten Fan für einige Sekunden zum Sternchen, indem sie Parallelen zwischen beider Herkunft und der sich daraus ableitenden Probleme offenbaren. Die Solidaritätsbekundungen zu größeren und kleineren Helden der politischen Geschichte reichen von Che Guevara über Abu Mumia Jamal und Ulrike Meinhof bis hin zum 15-jährigen Achmet Gündüz aus Düsseldorf. Pate hierfür stehen Parolen wie »Cross the Tracks« (Freundeskreis, 1997) und »Er, Sie, Es, Ihr, Wir, Du und Ich sind Kinder einer Welt« (Fresh Familee, Tabiat, 1993)6.

Eigene und fremde Kultur begegnen sich nicht allein innerhalb der Band oder beschränken sich gar auf einzelne Textzeilen, sondern sie treffen sich auch im und durch das Radio und nicht zuletzt hautnah auf Konzerten. Das Publikum ist bunt gemischt, weder einheitlich mit »blauen Augen, blondem Haar« (Advanced Chemistry, Fremd im eigenen Land, 1992), noch handelt es sich ausschließlich um »Long haired Hippies and Afro blacks« (Freundeskreis, Cross the Tracks, 1997). Hier scheint zumindest das zu funktionieren, wofür Parteien, Organisationen und Feuilleton seit Jahren kämpfen: Integration heißt das Zauberwort. Maßgeblich für dieses immerhin zeitweilige Gelingen ist der Mode- und Spaßfaktor, der in rein politisch und/oder intellektuellen Wirkungskreisen schnell mal zu kurz kommt7. Überkulturelle Gemeinsamkeiten, die die Texte ebenso transportieren, liefern nicht zuletzt Themen wie Liebe, Laster, Lust; am anschaulichsten und populärsten vergegenwärtigt in dem Freundeskreis-Hit A-N-N-A (1997): »Immer wenn es regnet muß ich an dich denken / Wie wir uns begegnet sind und kann mich nicht ablenken / Naß bis auf die Haut so stand sie da / A-N-N-A«. Einmal gehört, nie mehr vergessen. Rap berauscht.

Der gemeinsame Erfahrungshorizont beschränkt sich eben nicht auf die nationale Identitätskrise und das Enklavenschicksal von Migranten und deren Nachkommen, sondern schließt Mode, Lebensstil, Neugier und ambivalentes Weltbild mit ein.

»Weil Du nur Scheiße frißt, wenn Du nur leise bist« (Freundeskreis, Overseas, 1997), will Freundeskreis laut sein, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, nicht zuletzt um die Reichweite des kulturellen Echos zu intensivieren8. Hierzu gehört auch die Mehrsprachigkeit der Texte, wie sie bei Aziza A. (türkisch/deutsch), Freundeskreis (englisch/deutsch) und Fresh Familee (türkisch/deutsch) vorzufinden sind. Aziza A. liefert über dies hinaus die jeweils fremdsprachliche Übersetzung im Booklet. Cartel singen fast ausschließlich türkisch, die deutschen Übersetzungen kann man bei der Plattenfirma bestellen9.

Angesichts der großen Solidaritätsbeschwörungen bleibt jedoch die Frage: Wo sind die Frauen? Aziza A. hat wohl mit Bedacht ihre eigene Oriental-Hip-Hop-Band gegründet und bildet damit eine Ausnahme im Business. »In den zwei Kulturen, in denen ich aufgewachsen bin, / ziehen meine Schwestern meist den kürzeren« (Aziza A., Es ist Zeit, 1997), singt Aziza A.. Zu schade, bildete dieses Statement die einzige Begegnung zweier Kulturen, die sich auf die männliche Seite beschränkt. Denn wichtig wäre es doch, daß kulturelle Interaktion auch die der Geschlechter berücksichtigte.

Die Zitate finden sich wieder auf folgenden CDs:
Advanced Chemistry: »Fremd im eigenen Land« (Maxi), 1992.
Aziza A.: »Es ist Zeit«, 1997.
Fresh Familee: »alles frisch«, 1993.
Freundeskreis: »Quadratur des Kreises«, 1997.


Das liegt in der Erziehung?
Zur Tragweite des Konzeptes ethnischer Identität.
Anneke Wolf und Zuzanna Niedenthal

Der Begriff Ethnizität hat Konjunktur. Mit der Bosnien-Krise eingeführt, verfestigt er sich durch laufenden Gebrauch innerhalb der Medien zunehmend auch im Alltag. Was dieser Begriff allerdings beinhaltet, darüber besteht, so läßt sich oft feststellen, häufig keine klare Vorstellung10. Die Art und Weise wie der Begriff über die Medien vermittelt wird, läßt Ethnizität als einen natürlichen Zustand einer Gemeinschaft erscheinen, der hauptsächlich auf das Teilen einer vermeintlich einheitlich gewachsenen, gemeinsamen Kultur und Herkunft beruht. Die Inhalte dieser Kultur werden dem einzelnen durch seine Erziehung zu eigen und prägen seine ethnische Identität aus. Dieses Konzept der »Natürlichkeit« von Ethnizität setzt verschiedenes voraus:


1. Es gibt eine vermeintlich einheitliche Kultur, die als Bezugsgröße von Ethnizität dient. Die Inhalte dieser Kultur sind festgelegt und nicht wandelbar, da sie als Garantie für die Echtheit der Gruppe dienen.

2. Ethnizität ist eine situationsunabhängige Größe, die aus sich selbst resultiert und von äußeren Umständen unbeeinflußt bleibt.

Die Aneignung ethnischer Identität ist natürlich und zwangsläufig. Ethnische Identität wird dem einzelnen automatisch zu eigen. Ein, wie auch immer, geartetes Verhalten des einzelnen zu dieser Größe ist nicht möglich. Da er/sie die kulturellen Vorgaben nur wiedergibt, hat er/sie keinerlei Einfluß auf die Definition der Größe und sie ist von ihm auch nicht ablegbar.

Diesem starren Konzept von Ethnizität steht ein überaus flexibler Umgang mit ethnischer Identität im Alltag gegenüber. Wir haben diesen Umgang unter der Fragestellung des Selbstverständnisses11

von Menschen, die mit unterschiedlichen kulturellen Einflüssen aufgewachsen sind, untersucht12. Die Haltungen der von uns interviewten Personen reichten von der völligen Hinwendung zu einer Kultur bis zur vollständigen Betonung der eigenen Persönlichkeit, unabhängig jeglicher kultureller Einflüsse. Diese Variationsbreite steht einem Konzept von Natürlichkeit von Ethnizität entgegen und verweist eher auf ein Konzept, das interessengeleitet und situationsabhängig ist. Bei der Betonung von Ethnizität bezieht man sich zumeist auf relevant erachtete kulturelle Merkmale, die hauptsächlich Sprache und Herkunft sind. Der Einfluß des »Heimatlandes« wird als zwangsläufig dargestellt: »Das liegt in der Erziehung drin. Das kannst Du nicht wegschieben«. Wohingegen der Einfluß des »Einwanderungslandes« herunter gespielt und der eigene Charakter betont wird. Es hieß auf die Frage nach dem Leben hier: »Sicherlich diese Mobilität. Aber das liegt sicherlich auch an mir«. Was in einem Fall als unabwendbarer Einfluß erscheint, wird im anderen Fall als beeinflußbar begriffen. So handelt es sich eher um eine Form des Sein-Wollens als eine Form des Seins.

Bei der Ablehnung von Ethnizität als Selbstbeschreibungskategorie erscheint Ethnizität eher als eine Reaktion auf einen Druck von außen, der dem Einzelnen eine Zuschreibung seiner selbst abfordert und extrem situationsgebunden ist, z.B in der folgenden Weise: »Die Lehrer haben mich in der Schule in eine Position gedrückt, die ich so nicht haben wollte. Ich wurde als Ausländerkind dargestellt. Die Position änderte sich als ich die Schule wechselte. Dort gab es viele Ausländer. Es war normal Ausländer zu sein. Etwas Alltägliches«. Dem Versuch, sich selbst als Person eine andere Definition zu geben, steht dieser Einordnungsdruck entgegen, der mit Aufrechterhaltung der Kategorie »Ethnizität« auch in Zukunft gesichert bleibt. Dem einzelnen wird mit dieser Zuschreibung das Recht verweigert, sich auf eine andere, wie auch immer geartete, Weise zu beschreiben. Ob als Frau oder Fußballspieler, Versicherungskaufmann oder Rentner. Ethnische Identität wird hier zur Zwangsidentität, die sämtliche anderen Identitäten überlagert.

Diese Variationsbreite in der Handhabung macht deutlich, daß es sich bei Ethnizität nicht um einen Naturzustand handelt, sondern um ein gedankliches Konstrukt, auf das bezug genommen wird. Durch diesen konstruierten Charakter wird die Größe Ethnizität flexibel, weil ihre Inhalte beliebig festlegbar sind. Die eigentliche Frage wäre deshalb nicht, was beinhaltet Ethnizität, sondern unter welchen Motiven wird bezug auf diese Größe genommen und wer erhält dadurch welche Vorteile. Die Hinwendung zu einer Kultur kann viele Ursachen haben, ob als Strategie der Gemeinschaftsbildung und des Überlebens als Minorität oder lediglich als Bereicherung der eigenen Persönlichkeit. Durch die Abgrenzung gegen andere wird auch immer beschrieben, was man selber ist, indem man festlegt was man nicht ist. Diese Sicherheit stiftende Erkenntnis wird billig erworben. Wo jede andere Form von Identität dem einzelnen etwas abfordert, gilt ethnische Identität als lediglich über Geburt erworben. Diese Bequemlichkeit macht sie so leicht mobilisierbar und hebt den Begriff der Ethnizität auf eine Ebene mit den Begriffen Volk und Rasse.


Mussah, Romeo, Pablo und Hoo. Zur einfältigen Darstellung kultureller Vielfalt
Tosca Friedrich und Claudia Zorn

Die Eröffnungsveranstaltung der Fußball-WM 1998 hatte die Aufgabe, die Weltoffenheit und Multikulturalität, die die diesjährige WM kennzeichnen sollte, zu visualisieren. Ein fröhlicher Umzug war geplant, der die Welt in ihrer Buntheit zeigen sollte, wohl auch die Verschiedenheit der Kulturen der Welt, die am Ende durch Fußball vereint würden. Sehen wir uns einmal an, wie dies umgesetzt wird:

Die »Menschheit« wird dargestellt von vier 20 m hohen Figuren, vom deutschen Sportkommentator als »Repräsentanten der vier Kulturkreise« oder als »Repräsentanten ihrer Völker« vorgestellt. Die vier Riesen stellen also: die Kulturen, Völker und die Kontinente dar. Die vorgenommene Vierteilung geht davon aus, die Menschheit in vier große Gruppen aufteilen zu können. Solche Versuche sind seit dem 17. Jahrhundert wohlbekannt, heute wie auch damals wird die Unterscheidung optisch an der Hautfarbe festgemacht13. Wir haben also, einen weißen, einen schwarzen, einen roten, einen gelben Riesen, die klassische Aufteilung der Menschheit in vier »Großrassen«, wie sie zuerst von François Bernier 1684 vorgenommen wurde. Seit der Rassismus-Diskussion der 1960er Jahre (Unesco-Konferenzen)14ist intendiert, den Begriff »Rasse« aus dem öffentlichen Diskurs zu streichen.15

»Rasse« wird nicht mehr ausgesprochen und dennoch immer wieder ins Spiel gebracht. Die »Rassen-Riesen« sind nicht nur durch ihre Hautfarben gekennzeichnet, sondern weisen auch weitere phänotypische Unterscheidungsmerkmale auf - fast ausschließlich an der klassischen Meßregion, dem Schädel16. Mussah, so heißt der schwarze Riese, wurde mit einem prognaten Kiefer ausgestattet, er hat dicke Lippen, Überaugenwülste, eine sehr hohe Stirn, kleine Augen, streng zurückgekämmte Haare und er ist besonders muskulös. Romeo, der weiße Riese, hat ein großflächiges Gesicht, ein klassisches griechisches Profil mit ausgeprägtem Kinn und Nase, sehr große, helle Augen, lockiges Haar, staunend und offen blickt er in die Welt. Er ist der einzige, der lächelt. Die Mimik der Figuren wird vom Sprecher immer wieder hervorgehoben, wobei hauptsächlich Mussah und Romeo kontrastiert werden.

Die vier Riesen kommen aus den vier Himmelsrichtungen aufeinander zu, sie treffen sich bezeichnenderweise an der Place de la concorde (Platz der Eintracht). Auf ihrem Weg werden sie von Tänzern begleitet, die bestimmte Aspekte der jeweiligen Kulturen illustrieren sollen.


Hoo, der gelbe Riese, kommt von Osten und beschreitet »den Weg der Philosophie«. Er repräsentiert die Phantasie, den Geist, den Traum, Mythologie und Mystik, Yin und Yang und die Harmonie. Er wird begleitet von Fischen und Kopffüßlern in Gelb.


Pablo kommt von Westen und beschreitet den »Weg der Naturerfahrung«. Er repräsentiert die Sinnlichkeit der Natur und wird dabei von Augen und Nasen begleitet, die ihm helfen sollen, die Natur zu überwinden. Die Unterwerfung der Natur ist das Ziel seiner Wanderung.

Romeo, der Weiße, kommt natürlich von Norden und beschreitet den »Weg der Liebe«, denn er repräsentiert die Poesie, das Prinzip der Liebe und des Genusses. Er wird begleitet von stilisierten Locken aus der Zeit Ludwig des XIV.

Mussah kommt von Süden und beschreitet den Weg der geordneten Zivilisation, denn er repräsentiert den »Weg der menschlichen Zivilisation«, das Prinzip der Ordnung im Gegensatz zum Chaos, den Teamgedanken im Gegensatz zur Individualität. Anscheinend sollen hier einige Stereotypien aufgebrochen werden, der Kommentator bringt jedoch alles wieder ins vertraute Lot: »Ja, deswegen wundert es mich, daß gerade Mussah hier das Prinzip der Ordnung vertritt, denn die Afrikaner sind ja auf dem Platz in ihrer taktischen Marschrichtung noch nicht so geordnet.«

So kann es nicht verwundern, daß Mussah von Totempfählen, Affenbrotbäumen und Termitenhügeln, die als Illustration der afrikanischen Savanne fungieren, begleitet wird. Er ist der einzige, der nicht von Symbolen für Kulturverhalten umrahmt wird, sondern seine fiktive Umgebung mitbringt: So, wie der Afrikaner dicke Lippen hat, so lebt er in der europäischen Vorstellung auch in der afrikanischen Savanne mit Termitenhügeln und Affenbrotbäumen. Damit wird unterentwickeltes Kulturverhalten suggeriert. Die Natur ist stellvertretend für die Kultur und wird im Gegensatz zu Pablo nicht erfahren und besiegt, sondern nur mitgebracht.

Das Treffen der vier Riesen am Ende der Veranstaltung auf der Place de la concorde wird von Tänzen umrahmt. Die TänzerInnen tragen traditionelle afrikanische Musikinstrumente mit sich (Trommeln). Sie sind schwarz, tragen eine exotische Kriegsbemalung und - Baströckchen. Dies alles entspricht wieder einer europäischen Vorstellung von afrikanischer Folklore (es stellt sich die Frage, ob im weiteren Verlauf der Veranstaltung aus Romeo eine schmackhafte afrikanische Suppe gekocht werden soll).

Die vier Riesen entsprechen den Rassestereotypen und werden von rassistischen Kultursymbolen begleitet (der Rote: Naturbeherrschung durch die Sinne, der Gelbe: die Philosophie und Weisheit, der Weiße: Poesie und Liebe, der Schwarze: die afrikanische Savanne).

Auf diese Weise werden Rassismen transportiert, ohne den Begriff der »Rasse« offen auszusprechen. Ersatz dafür ist der Begriff »Kultur«. Die oft betonte Völkerverständigung findet nicht statt, anstelle dessen werden alte Bilder wiederholt.

Die Idee von der Möglichkeit, die Menschheit in vier »Rassen« aufzuteilen, bleibt so präsent und fördert damit eine rassistische Sozialisation. Dies geschieht ungescholten auch selbst bei einer so massenwirksamen Großveranstaltung wie der Fußball-WM Eröffnungsfeier.


»Steht auf, wenn Ihr Deutsche seid«
Ole Wiedenmann

Im Frühsommer 1998 ließen sich in der BRD häufiger Szenen beobachten, die sonst im alltäglichen Leben nur politisch rechtsstehenden Randgruppen zugerechnet werden: Schwarz-rot-goldene Festbeflaggung von Etagenwohnungen, junge, nicht unbedingt alkoholisierte Menschen, welche derartige Flaggen schwenkend durch die Straßen zogen und dabei auch noch Kleidungsstücke mit deutschen Nationalsymbolen trugen, waren unübersehbar. Teilweise wurden auch patriotische Gesänge angestimmt; als Beispiel ist hier »Steht auf, wenn ihr Deutsche seid«, gesungen zur Melodie des Liedes »Go West« der Pet Shop Boys, zu nennen. Historisch versierten BeobachterInnen drängen sich hier Analogien zu Zeilen wie »Volk steh auf und Sturm brich los« auf. Eine sonst verpönte Identifikation mit »Deutschland«, der »Nation« bei einer gleichzeitig entweder verdeckten oder auch offenen Abgrenzung von »Anderen« schien, anläßlich der Fußballweltmeisterschaft in einer öffentlichen Form möglich, ja durchaus gefordert zu sein. Natürlich können vergleichbare Erscheinungen auch in anderen Ländern (Kroatien ist derzeit ein besonders deutliches Beispiel) beobachtet werden, in diesen Ausführungen soll jedoch nur von der hiesigen Situation die Rede sein.

Derartige Beobachtungen sind nicht neu, anläßlich internationaler Fußballturniere wiederholen sich solche Handlungen in einem zweijährigen Turnus. Unterschiede sind lediglich in der Intensität der nationalen Identifikation zu finden, was m.E. mit verschiedenen Faktoren zusammenhängt. Zum einen ist natürlich das sportliche Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft wichtig, andererseits muß aber auch der jeweilige gesellschaftliche Kontext mit einbezogen werden, was sich bei der Betrachtung der Situation im Sommer 1990 zeigt. Damals war diese Identifikation mit der Nation beziehungsweise Abgrenzung von »Anderen« sehr viel intensiver, hier können Parallelen zu einer allgemeinen nationalistischen Grundstimmung anläßlich des zeitgleichen Prozesses des Anschlusses der DDR an die BRD gezogen werden. So kam es anläßlich des Sieges der deutschen Nationalmannschaft bei dieser WM nicht nur zu den »üblichen«, wie oben beschriebenen schwarz-rot-goldenen Aufläufen und Feiern, vielfach wurden eben aus diesen nationalistischen Manifestation heraus Menschen angegriffen, die nicht in das nationalisierte, fahnenschwingende Kollektiv hineinpaßten: »Nichtdeutsche« wie zum Beispiel Migrantinnen, Behinderte und Linke.

Internationale Fußballturniere scheinen also auf eine zahlenmäßig nicht unbeträchtliche Gruppe von Fußballfans nationalisierend zu wirken, beziehungsweise die Eigenschaft zu haben, latent vorhandene, in normalen Zeiten nicht an der gesellschaftlichen Oberfläche sichtbare Nationalismen zu stimulieren. Es ist mit einem Mal möglich und gesellschaftlich legitimiert, sich über die Identifikation mit dem deutschen Fußballteam mit einer »deutschen Nation« insgesamt zu identifizieren. Das Absingen von allen drei Strophen des »Deutschland1iedes« durch die Fans nach dem »deutschen Sieg« bei der WM 1954 ist hierfür als ein frühes Beispiel zu sehen. Vor allem seit 1989 schreitet diese Identifikation auch in anderen Bereichen voran und der seit 1954 tabuisierte, aber dennoch immer vorhandene deutsche Nationalismus kehrt auch an anderen Stellen in die Mitte der Gesellschaft zurück. Weiterhin können internationale Fußballturniere von nationalisierten Fans auch als Auseinandersetzungen zwischen Völkern, Nationen auf dem Fußballplatz, das heißt als »Fortsetzung des Krieges mit andern Mitteln« verstanden werden. Bei Spielen gegen bestimmte andere Nationalmannschaften, deren Herkunftsländer im deutschen Nationalismus in der einen oder anderen Weise als Bedrohung oder historischer Gegner verstanden werden (Polen, Türkei), tritt dies besonders deutlich zu Tage. Dieser Sachverhalt läßt sich auch schon bei relativ harmlosen Sprachregelungen von Fußballreportern finden, wenn zum Beispiel von Spielen »Deutschland« gegen »Land XY« und nicht von Spielern zweier »Teams« die Rede ist.

Der in der BRD nach dem Ende des Nationalsozialismus weitgehend verdrängte Nationalismus war zwar nie vollständig verschwunden oder bewältigt, jedoch stellte er keinen sichtbaren Faktor im gesellschaftlichen und politischen Leben dar. Dies änderte sich in den späten achtziger Jahren. Durch den Verlust alter Sicherheiten und aufgrund der voranschreitenden Erosion bisheriger sozialer Milieus setzte bei vielen subjektiv oder objektiv hiervon Betroffenen oder Bedrohten eine Suche nach einem Sicherheit verheißenden Anknüpfungspunkt ein. Konstrukte wie die »Nation« oder das »Volk« als angeblich harmonische Gemeinschaften wirkten hier vor dem Hintergrund des zerfallenden fordistischen Wohlfahrts- und Sicherheitsstaats als eines der attraktivsten Angebote, da hier an tradierte historische Muster angeknüpft werden kann. Zudem haben politische Gegenkonzepte, wie zum Beispiel der Sozialismus, wie auch althergebrachte Gemeinschaftsvorstellungen traditionell-konfessioneller oder politischer Art, derzeit eine weitaus geringere Anziehungskraft. Auch ist in der großen Politik eine verstärkte Verwendung nationalistischer Gemeinschaftsideologie zu beobachten, wenn sich beispielsweise Wolfgang Schäuble positiv auf die Konzeption einer »nationalen Schicksalsgemeinschaft« bezieht. Während internationaler Fußballturniere haben die beteiligten, nationalisierten »Fans« die Möglichkeit, sich der Illusion hinzugeben, sinnlich und unmittelbar schon heute an der Gemeinschaft und ihrer angeblichen Geborgenheit und Sicherheit teilzuhaben. Mit dieser Illusion ist das Bestreben verbunden, dasjenige, was nicht in diese reaktionäre Utopie einer von Widersprüchen freien Volksgemeinschaft gehört, dasjenige was nicht »Deutsch« ist, auch jetzt schon zu erkennen, zu bekämpfen und auszuscheiden. Der Weg von Fahnenschwenken zum Pogrom gegen MigrantInnen, zu Übergriffen auf andere »AbweichlerInnen« kann ein kurzer Weg sein.


Heribert Faßbender, die Argentinos und nationalstaatliche Behaglichkeit.
Sabine Forschner

Seit ich denken kann, gibt es gute und schlechte Sportreporter. So auch bei der diesjährigen Fußball-WM. Die schlechten widmen ihre Aufmerksamkeit allem außerhalb des Spielfelds, sind »objektiv« begründend parteiisch und mit spekulativen, mythisch anmutenden Erklärungen aus dem nicht sportlichen Bereich schnell bei der Hand.17

Was sich hinter dieser Art Kommentar verbirgt, ob gar nationalistische oder rassistische Absichten, scheint mir wenigstens der Frage wert. Ein Spiel immanent18 zu kommentieren: das wäre gut.

Genau bei diesen spekulativen Erläuterungen zu Erfolg bzw. Mißerfolg einer Mannschaft greift ein wesentlicher Mechanismus von Aus- und Abgrenzung. Ein Übergang von Sichtbarem zu nicht Sichtbarem findet statt19, wie z.B. der Rückschluß von der Nationalität auf die Fähigkeit, ein Spiel zu spielen. Dieser Mechanismus unterliegt der gleichen Funktion wie die Vorurteilsbildung gegenüber allem Anderen, Fremden20. Wenn den Briten die Wiege des Fußballs und damit eine mindestens kulturelle Fähigkeit zum Kicken, der deutschen Elf der sprichwörtliche Fleiß der Deutschen zugesprochen oder den Nigerianern zwar nur die fußballerische Cleverness abgesprochen wird, folgt das eben dieser Logik. Das tatsächlich Feststellbare wie Staatsangehörigkeit, Kulturzugehörigkeit, Hautfarbe, Geschlecht und beliebige andere Schubladenzugehörigkeiten stehen dabei nur für eine eigentliche, aber beliebige Bedeutung21: Dem beizumessenden Sinn und Wert.

Bezeichnet Faßbender die Spieler der argentinischen Nationalelf als »die Argentinos«, so bedient er sich damit als Deutscher der muttersprachlichen Selbstbezeichnung der anderen. Er folgt dem spanischen statt dem deutschen Paradigma. Dadurch zeigt sich das Fremde - durch den deutschen Artikel »die« überdeutlich markiert - als Fremdes selbst in der eigenen Sprache. Die Gruppe wird als zusammengehörendes Äußeres konstituiert und zugleich das Subjekt22 dem Merkmal untergeordnet23. Die erfundenen Gruppenspezifika - etwa das Klischee der brasilianischen Überlegenheit, das sie als Gruppe quasi zu Gast-Europäern der Fußballwelt macht - tun dem Subjekt Gewalt an, indem sie es reduzieren auf ein Merkmal und dieses gleichzeitig ins Unendliche ausdehnen24. Die Ähnlichkeit des Effekts mit der Vorgehensweise der neuen Rechten nach dem Motto: »Jedem das seine, aber auch nicht mehr und wir legen fest, was das ist,« ist sicherlich nicht beabsichtigt und doch keineswegs zufällig.

Die Frage, ob durch solche Kommentare nationalistische oder rassistische Ausgrenzungsmechanismen befördert werden, läßt sich nicht so einfach beantworten. Die nationale Perspektive scheint durch die Namen der Mannschaften klar: Nationalmannschaft von ... . Die Erschaffung eines Nationalstaates bedarf der Grenzziehung zwischen Fremden und Dazugehörigen. Wie sieht ein Bürger aus? Welche (Charakter-) Eigenschaften sind unerläßlich? Eine Dialektik der Abgrenzung von Selbst und Außen, fremd und eigen ist kaum zu vermeiden. Sie beinhaltet unter anderem auch die traditionell notwendigen Nationalismen und Rassismen, die sich gegenseitig stützen25. Sie kommen in den üblichsten aller Verallgemeinerungen ganz harmlos daher: die Deutschen, die Briten, die Brasilianer.

Einfache Zusammenhänge werden konstruiert und durch die Wiederholung gängiger Klischees untermauert. Dabei ist die Stigmatisierung des Fremden nur ein Teil. Sie hält sich die Waage mit den Regeln von König Fußball, der alle doch wieder eint. Aber bitte mit dem nötigen Abstand. Das wirklich andere in jedem selbst wird dadurch verborgen.26

Das Paradox, das entsteht, wenn Reporter erst von der Einheitlichkeit der Nationalmannschaften reden um anschließend darüber zu berichten, welcher Spieler bei welchem Verein spielt oder die Staatsangehörigkeit erst kurz vor der Nominierung erhielt, wird verdeckt. Der bereits bestehende Weltmarkt der Spieler, der auch Vereinszugehörigkeit zweitrangig werden läßt, kann so ein klein wenig geleugnet werden. Die Erkenntnis, daß der Nationalstaatlichkeit in Zukunft nurmehr marginale Bedeutung zukommen könnte, wird verschoben, die Angst vor dem Neuen, Anderen27wird beruhigt. Obwohl diese Erkenntnis eigentlich gar keine ist, sondern nur eine Feststellung, wenn Spieler einer Mannschaft aus aller Herren Länder zusammengetrommelt werden und gegen ihre Vereinskameraden spielen.


Obwohl Angst und Mißtrauen der Öffentlichkeit angesichts weltweiter Märkte vielleicht ganz angebracht wären?

Im Unterschied zur neuen Rechten, die die Angst vor Orientierungslosigkeit und Verlust alter Denkgewohnheiten der Macht zuliebe instrumentalisiert, erzeugt die Berichterstattung über internationale Sportwettkämpfe die Illusion, am nationalstaatlichen Denken des letzten Jahrhunderts und des Kalten Kriegs festhalten zu können. Während der Bürger sehnsüchtig in Fernseher und Vergangenheit blickt, haben die Mächtigen sich längst als staatenlose formiert28. Sie machen es sich zunutze, daß viele Menschen allzu gerne den Grad der Internationalisierung vieler Vorgänge leugnen. Es erleichtert ihnen, nationale Regierungen und Volkswirtschaften gegeneinander auszuspielen. Es erschwert, die Errungenschaften nationaler Sozialstaatlichkeit weltweit auszudehnen. Das ist auch ein Phänomen der Globalisierung.






1 Der Diskurs um interkulturelle Hip-Hop-Bands wird vornehmlich im Musikmagazin Spex geführt. In die wissenschaftliche Auseinandersetzung um Interkulturalität hat er meines Wissens bisher keinen Eingang gefunden. Eine Ausnahme bildet jedoch Diedrich Diederichsen (Politische Korrekturen. Köln 1996), der sich in diversen Magazinen (Spex, Die Beute, 17 etc.) mit dieser Fragestellung eingehender beschäftigt hat. Im wissenschaftlich-universitären Bereich ist mir HipHop als Medium kultureller Äußerung nicht begegnet. Dies wundert umso mehr, da gerade Fächer wie die Volkskunde sich mit den verschiedenartigen Ausformungen zeitgenössischer Alltagskultur auseinandersetzen. Der Historiker Klaus Bade beschreibt Kultur als »Art, wie die Menschen die Gesellschaftlichkeit ihres Lebens gestalten«, nicht als »Zustand, sondern [als] gesellschaftlichen Prozeß, in dem jede Zeit ihre eigene Form gewinnt.« Das, so Bade, gelte auch für multikulturelle Entwicklungen. Er betont jedoch: »Die gesellschaftlich prägenden Wirkungen des Wandels multikultureller Konstellationen aber sind oft erst im Rückblick aus der Zukunft zu bestimmen; denn zur Abbildung dieser strukturbildenden Kräfte bedarf es einer Art intergenerativer Belichtungszeit.« Klaus Bade: Einleitung: Grenzerfahrungen - die multikulturelle Herausforderung. In: Ders. (Hrsg.): Grenzerfahrungen - die multikulturelle Herausforderung. Menschen über Grenzen Grenzen über Menschen. München 1996. S.10-26, hier S.11. Dies mag zwar zum Teil richtig sein und es ist immer Vorsicht vor vorschnellen Urteilen geboten; dennoch plädiere ich gerade dafür, zeitgenössische Phänomene zu verstehen, zumindest zu beobachten zu versuchen, da durch die Unmittelbarkeit des Phänomens auch bestimmte Rück- (oder Vor-?)schlüsse auf andere, abstraktere Erscheinungen und Probleme gezogen werden können. In diesem Sinne spricht sich auch Bade zugleich für die »pragmatische Beschäftigung« (mit bestimmten Fragen aus, an Stelle von »hochdifferenzierten Theoriediskussionen und dumpfem Schlagabtausch von politischen Positionssockeln aus«. Ebd., S.13.

2 Vgl. hierzu Martin Fuchs: Universalität der Kulturen. In: Manfred Brockner (Hrsg.): Ethnozentrismus. Darmstadt 1997. S.141-153. Fuchs geht es nicht nur um die Koppelung des Individuums an eine bestimmte Kultur, bzw. seine Distinktion von einer bestimmten Kultur, sondern gerade um das »fraglich definierte Selbst« im Verhältnis zur kollektiven bzw. kulturellen Identität. Daß das Subjekt immerzu mit neuen, fremden kulturellen Äußerungen und Subjekten konfrontiert wird (und einen Umgang hiermit finden muß), ist dem Ansatz von Fuchs inhärent (vgl. auch Anm.4). Er beschreibt diesen Vorgang als eine »Polyvokalität von Individuum und Kultur: Nicht nur in >einer< Kultur, sondern in jedem einzelnen verschränken und überlagern, kommentieren und reflektieren sich verschiedene >Stimmen<, die auf Interaktionspartner (oder -gegner) verweisen. [...] Die Konstitution des Selbst ist die immer zu erneuernde Synthetisierung der Repräsentationen der Erwartungen Anderer an die eigene Person und die Antizipation des Antwortverhaltens anderer auf die eigenen Handlungen. Das bedeutet sowohl ein reflexives Selbstverhältnis wie eine Einbettung des Subjekts in interpretative interaktionale Beziehungen. Der Einzelne nimmt hierüber bezug auf Kontexte und Diskurse.« Ebd., S.146f. Interaktionspartner bilden beim Hip-Hop nicht nur die Bandmitglieder untereinander, sondern ebenso das Publikum in Bezug auf die Band und umgekehrt. Fuchs meint zu Recht, wir (in diesem Falle das Publikum) würden nicht nur von »den anderen« (der Band z.B.) repräsentiert, sondern seien auch Adressaten ihrer Appelle und An-Reden und würden von ihnen einbezogen, als soziale Subjekte, als Mit-Menschen, an die man Botschaften richtet. Die interaktionären Wellen können jedoch beim Hip-Hop eher innerhalb der Jüngerschaft hochschlagen. Hip-Hop vermag aber durch seine körperliche und sprachliche Präsenz, erheblich zu Interaktion und Interkulturalität beizutragen.

3 Die schon für die erste Gastarbeitergeneration ungelösten Problemstellungen verschieben sich in modifizierter Form auf die darauffolgenden Generationen. Bade nennt hierfür folgende Gründe: Migranten würden in Deutschland durch »Ausländerrecht und Ausländerpolitik, durch die prekäre Mischung von >sozialer Integration auf Zeit< und >Pflege der Rückkehrbereitschaft< lange auf Distanz gehalten«. Klaus Bade (wie Anm. 1), S.28. Daß sich deshalb ein Entkommen aus den elterlichen »Strukturen« schwierig gestaltet, zugleich aber auch das »nahtlose« Einfügen in »deutsche« Strukturen unmöglich wird, läßt die Hip-Hop-Texte noch verständlicher werden. Das Hier-Aufgewachsen-Sein allein schafft noch keine Integration, bietet nur verstreut flüchtige Identifikationslinien. Diese Intention kann auch an den zitierten Textbeispielen >abgelesen< werden.

4 Vgl. nochmals die Analogie zu Martin Fuchs: »Kultur steht für Differenz. [...] Differenz kennzeichnet nicht nur unser Außenverhältnis, wir stecken immer bereits in Mitten von Differenzen, tragen Differenzen in uns. Wir kooperieren mit und über Differenzen, praktizieren Transfer, eignen Anderes an, sind nicht abgekapselt in einer Identität.« Martin Fuchs (wie Anm. 2), S.148. Zu Recht spricht Fuchs am Ende über die »interkulturelle Verschränkung von Heim- und Fremdwelt«. Ebd., S.150. Zu fragen bleibt nur noch, ob man tatsächlich diese Begrifflichkeiten wählen sollte (»heim und fremd«), da eben diese wiederum implizieren, es gebe grundsätzlich eine Seite, die mehr Anknüpfungspunkte für das Individuum bietet als die andere. Ich würde daher eher von einer beispielsweise türkisch-deutschen Verschränkung sprechen.

5 Vgl. hierzu auch Els Oksaar: Vom Verstehen und Mißverstehen im Kulturkontakt - Babylon in Europa. In: Klaus Bade (wie Anm. 1), S.206-230, hier S.208: »Sprache als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel hat eine ganz besondere Beziehung zur Kultur insofern, als sie selbst kulturbedingt und Teil der Kultur ist, gleichzeitig aber ein Mittel für die Betrachtung und Beschreibung der Kultur«. Eben diese beiden Ebenen werden beim interkulturellen Hip-Hop miteinander verknüpft.

6 Vgl. hierzu Bade: »Der Rekurs auf gemeinschaftsbildende Charakteristika wie Religion, Sprache, Herkunft und Tradition aber hat enorme suggestive und deterministische Kraft: Aus seiner Kultur kann man, wenn man sich einmal identifiziert hat, nicht so einfach austreten, wie man sich aus einer Gewerkschaft oder einer Bürgerinitiative [...] zurückziehen könnte.« Beim Hip-Hop werden diese sogenannten gemeinschaftsbildenden Charakteristika genutzt; dennoch läßt sich die Jugendkultur nicht auf sie reduzieren. Religion, Sprache, Tradition etc. vermögen, kulturelle Verknüpfungen zu leisten; doch stellt sich für mich die Frage, ob die jüngere »Gastarbeitergeneration« ausschließlich über diese Identifikationsmomente begriffen werden kann. Man muß vielmehr versuchen, Jugendkultur über ihre Produkte (Musik, Kleidung, Ausgehkultur) zu begreifen, anstatt sie schon von vornherein auf die Paradigmen ihrer Eltern zu reduzieren. Diese Produkte sind ebenso wie andere kulturelle Objekte und Abstrakta einem rasanten Wandel unterworfen.

7 Dies halte ich für besonders wichtig. Es ist nämlich nicht nur relevant wie Minoritäten und ihre Vertreter für eine gemeinsame Sache eintreten, sondern es zählen ebenso äußere Faktoren. Der von Oksaar genannte »Situationszusammenhang«, der zusätzlich zum Text, große Wichtigkeit hat, kommt in der Musik besonders zum Tragen. Langweilige Musik von langweiligen Menschen gespielt, möchte niemand hören, wenn die Texte Problemstellungen auch noch so prägnant benennen. Hieran schließt sich auch ein weiteres Argument Oksaars an: »Man spricht mit dem Mund, redet aber mit dem ganzen Körper.« Els Oksaar (wie Anm. 5), S.210, 213. Gerade bei Hip-Hop ist das körperliche Agieren (Tanz, Gebärden) von großer Wichtigkeit und provoziert die Aufmerksamkeit seiner Zuhörerschaft. Körperkommunikation wird somit neben Sprache zum bedeutsamen Kommunikationsmittel.

8 Wie Hip-Hop im Vergleich zu anderen Praktiken hierzu beiträgt, wird deutlich, betrachtet man die Stellungnahme Klaus Bades: »Die Erfahrungswelt des heute kulturell oft vielgestaltigen Berufsalltags bleibt im Vorfeld der multikulturellen Herausforderung; denn zum Teil werden kulturelle Diskrepanzen in multikulturell geprägten Organisationseinheiten schlicht als «gleichgültig» ignoriert, zum Teil werden sie aber auch im Zeitalter von Jet- und Multimedia-Kommunikation geradewegs übersprungen: die Dienstreise führt von irgendeinem Flughafen ins Hotel mit dem vertrauten, in der weltweiten Kette üblichen Interieur [...], erlebt wurde dabei weniger die Begegnung unterschiedlicher Kulturen als kulturell verschieden geprägter, aber doch wirtschaftlich und sozial nah verwandter Milieus im Dialog über gemeinsame oder konkurrierende Interessen.« Klaus Bade (wie Anm. 1). S.16. Hip-Hop aber leistet im Idealfall ebendies: die Begegnung unterschiedlicher Kulturen sowie den Dialog über das gemeinsame Interesse an der Musik. Dennoch erschließt sich dieses Medium wohl eher der jüngeren Generation, anstatt einen Dialog über die Generationsgrenzen hinaus zu erwirken.

9 Diese Verfahren schließen sich letztlich Oksaars Plädoyer für eine »Sowohl-als-Auch-Einstellung«, statt einer »Entweder-Oder-Mentalität« an. Els Oksaar (wie Anm.5), S.227. Sie spricht sich in ihrem Beitrag für Sprach- und Kulturkontakte aus sowie für die Möglichkeit für Entlehnungen aus anderen Sprachen und Kulturen als Bereicherung der eigenen.

10 Parallel zu dieser Unklarheit innerhalb des Alltags besteht eine Variationsbreite an Deutungsmöglichkeiten innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses, die sich innerhalb der letzten vierzig Jahre entwickelte. Ausgangspunkt bildete hierbei eine in den sechziger Jahren geläufige primordialistische Auffassung von Ethnizität, die heute noch größtenteils die alltagsweltliche Auffassung von Ethnizität prägt. Der Hauptschwerpunkt lag hierbei auf der Annahme, daß eine Gruppe eine einheitliche, feste Kultur besäße, auf welche sich die Mitglieder aufgrund eines psychischen oder genetischen Automatismus beziehen würden. Erstmals Kritik an diesem Ansatz übte 1970 der norwegische Anthropologe Fredrik Barth, der darauf hinwies, daß die Inhalte einer Kultur veränderlich seien, und das konstituierende Element bei der Gruppenbildung die Ausgrenzung zu anderen sei. Er führte hiermit eine dynamische Vorstellung von Kultur in den wissenschaftlichen Diskurs ein, der geschichtliche Entwicklung von Kultur berücksichtigt. Obwohl Barth bei diesem Ansatz Ethnizität als sozial konstruierte Größe annahm, sah er die Grenzen zwischen zwei Ethnien als stabil und nicht veränderbar an. Diese Nicht-Auflösbarkeit rückte seine Ausführungen wiederum in die Nähe des Primordialismus. Fredrik Barth: Ethnic Groups and Boundaries. The Social Organisation of Cultural Difference. Bergen/Oslo/London 1970. Dem Gegenüber steht ein situationalistischer Ansatz, der Ethnizität nicht als naturgegeben ansieht, sondern davon ausgeht, daß die Betonung von Ethnizität interessengeleitet ist. Der Forschungsschwerpunkt liegt hierbei auf der unterschiedlichen Intensität von Ethnizität. Der Unterschied zum Primordialismus liegt in der Frage, ob Ethnizität die soziale Praxis der Akteure bestimmt oder umgekehrt. Situationalistische Ansätze berücksichtigen nicht nur die rein kulturelle Ebene einer Gemeinschaft sondern schließen ökonomische und politische Faktoren mit ein. Eckhard Dietrich / A. Lentz: Die Fabrikation von Ethnizität- In: Reinhart Kößler / Tilman Schiel (Hrsg.): Nationalstaat und Ethnizität. Frankfurt a.M. 1994 (=Umbrüche der Moderne). Weist bereits Marshall Shalins 1976 mit dem Anstoß zur »structure-agency-Debatte« darauf hin, daß die Mitglieder einer Gemeinschaft nicht nur Träger sondern auch Gestalter einer Kultur sind , so erweitern Vertreter des Situationalismus diesen Ansatz um die Möglichkeit der Instrumentalisierung von Ethnizität durch Institutionen. Marshall Shalins, zit. nach Gisela Welz: Die soziale Organisation kultureller Differenz. In: Helmut Berding (Hrsg.): Nationales Bewußtsein und kollektive Identität. Frankfurt a.M. 1994, S.66-81, hier S.73.

11 Zur Ausbildung ethnischer Identität nennt Christina Knüllig in ihrer Magisterarbeit zwei aus der Sozialpsychologie stammende Grundansätze, den structual interactionist und den processual interactionist. Beim ersten Ansatz wird davon ausgegangen, daß Identität als eine verinnerlichte Rolle auftritt. Die Summe aller Rollen die ein Individuum besitzt, bilden seinen Status. Beim zweiten Ansatz wird davon ausgegangen, Identität als etwas prozessuales zu sehen, das in der jeweiligen Situation ausgehandelt wird. Die Identität variiert, indem in verschiedenen Situationen unterschiedliche Komponenten mobilisiert werden. Christina Knüllig: Multikulturelle Gesellschaft. Möglichkeiten und Grenzen eines Konzepts. Mscr. Hamburg 1992.

12 Zum methodischen Vorgehen: Der empirischen Feldforschung lagen zwei unterschiedliche Fragestellungen und technische Herangehensweisen zu Grunde. Zum einen, unter welchen Umständen ethnische Identität relevant wird. und zum anderen, welche Form sie annimmt, d.h. wie die befragten Personen sich selbst verstehen. Methodische Grundlagen waren Interviews, die sich in der Vorgehensweise unterschieden. Die Fragen zur Relevanz wurden mittels eines offenen Leitfadeninterviews ermittelt, während die Fragen zur Ausprägung von Ethnizität mittels teilstandardisierter Interviews ermittelt wurden. Hierbei wurden gezielt Fragen zu bestimmten Lebensbereichen der Forschungssubjekte gestellt. Diese waren: Familie ( dort insbesondere die Eltern ), Sprache, Schule, Jugend und Heimatland der Eltern ( dabei wurde vor allem nach den Kontakten gefragt ). Die von uns befragten Personen wurden nach folgenden Aspekten ausgewählt: 1. das Alter sollte über zwanzig Jahre sein, da hierbei eher von einem selbstreflexivem Umgang der Personen mit dem Fragegegenstand zu rechnen ist, 2. beide Elternteile sollten aus dem Ausland kommen und nach Deutschland immigriert sein, 3. der / die InterviewpartnerIn sollte in Deutschland geboren worden sein bzw. seit der Kindheit in Deutschland leben. Unabhängig von den unterschiedlichen Fragestellungen kamen wir zum gleichen Ergebnis, daß sowohl Relevanz wie Ausprägung von Ethnizität situationsabhängig ist. Dazu müssen auch diese Interviews gezählt werden. Auch wenn die Befragten sich im Moment des Interviews für oder gegen eine Kulturhinwendung aussprachen, muß festgehalten werden, daß die Antworten nur die momentane Haltung der Interviewpartner während des Interviews widerspiegelt. Trotzdem fiel auf, daß sie aufgrund ihres Bewußtseins von Ethnizität bzw. der von Außen auf sie übertragenen Ethnizität gezwungen waren, sich sehr intensiv mit ihrem Selbstverständnis auseinanderzusetzen und ihre Situation zu reflektieren.

13 Der Begriff »Rasse«, seit dem 13. Jahrhundert in romanischen Sprachen belegt, bezog sich bis zum 17. Jahrhundert nicht auf biologische, sondern auf soziale Kategorien. Rasse bezeichnete die Zugehörigkeit oder die Abstammung von einer Familie, einem »Haus« i.S. von »edlem Geschlecht« bis hin zum Synonym für »Herrscherhaus«. In den Entdeckungs- und Reiseberichten des 17. Jahrhunderts bezeichnet »Rasse« zusammen mit »genre«, »espèce«, »classe«, »kind« und »sort« unbekannte menschliche Populationen fremder Länder. Einer der frühesten Versuche, die auf den immer häufiger veranstalteten Forschungsreisen beobachtete Verschiedenheit menschlicher Erscheinungsformen zu systematisieren, stammt von dem französischen Arzt und Forschungsreisenden François Bernier, der die Erdbevölkerung, ausgehend von somatischen Kriterien, bes. des Gesichts in 4-5 Großgruppen unterteilte. Er bezeichnete diese Gruppen mit »espèce« oder »races«, forderte aber keine eigene Benennung, sondern nutzte die vorhandenen Namen der Erdteile. Im Vordergrund der zeitgenössischen Diskussion des 17. Jahrhunderts stand noch nicht das Problem der Untergliederung der menschlichen Spezies, sondern die geographische Untergliederung der Erde. Die menschliche Spezies wurde als Einheit gesehen und als »race« bezeichnet. Im 18. Jahrhundert wurde im Zuge der Aufklärung vermehrt versucht, den Standort des Menschen in der Natur zu definieren. 1735 erschien die erste Auflage der »systema naturae« Carl von Linnés. Carl von Linné, Systema naturae sive regna tria naturae systematice proposita per classes, ordines, genera et species, Leiden 1735. In diesem Werk wurden erstmals Menschen zusammen mit den Tieren in ein System gebracht, wobei Menschen die Spitze der ersten Ordnung, den Menschenähnlichen bildeten, vor den Affen und den Faultieren, die ebenfalls in die Kategorie der Menschenähnlichen fallen. Die Menschen selber bilden eine Spezies, die in vier Gruppen unterteilt werden kann. Trennendes Merkmal sind bei Linné geographische Verbreitung und Hautfarbe (Europaeus albescens, Americanus rubescens, Asiaticus fuscus und Africanus niger). Das Werk erschien in zahlreichen Auflagen und erfuhr mehrere Änderungen, was die Einteilung der Spezies Mensch angeht: In der sechsten Auflage 1748 versuchte Linné, außerhalb des Systems die Bereiche theologice, moraliter, physiologice, diaetice, pathologice und politice zu erfassen, in der zehnten Auflage 1758 wurden die unterscheidenden somatischen Kriterien vermehrt und geistig-kulturelle Eigenschaften gleichrangig aufgenommen. Linné entwickelte wertende Beschreibungen der von ihm definierten Varietäten. Am Ende des 18. Jahrhunderts versuchte die neu aufkommende Wissenschaft der Anthropologie, die unterschiedlichen Rassen in eine klar hierarchische Ordnung zu bringen. Die Annahme, daß Geist und Körper eine Einheit bilden und man deshalb vom Äußeren auf das Innere schließen könne, war eine Überzeugung der Zeit, die in Zukunft den Rassismus unterstützen sollte. Denn diese Einheit sollte sich angeblich ein einer Weise ausdrücken, die man vermessen und beobachten konnte, in Kategorien der Phrenologie (Schädeldeutung) und der Physiognomie (Gesichtsdeutung). Diese für die neuen Wissenschaften des 18. Jahrhunderts grundlegenden Beobachtungen, Messungen und Vergleiche waren mit Werturteilen verbunden, die ästhetischen, aus dem antiken Griechenland hergeleiteten Kriterien folgten. Was die Messungen auch ergaben, der Wert eines Menschen wurde durch die Ähnlichkeit mit der klassischen Schönheit bestimmt.

14 Seit dem Holocaust war der Gebrauch des Begriffes Rasse tabuisiert. Dies wurde durch die Aktivitäten der UNESCO noch verstärkt, deren Ziel es war, dem Begriff die Legitimität zu entziehen. Auf Einladung der UNESCO versammelten sich in den fünfziger und sechziger Jahren viermal Biologen, Genetiker und Sozialwissenschaftler von internationalem Rang. Sie wurden gebeten, die wissenschaftlichen Befunde über die Natur der Rasse zusammenzufassen. Es zeigte sich, daß die Rassenkonzeption, auf die sich die Barbarei der »Endlösung« gestützt hatte, wissenschaftlich unhaltbar war. Robert Miles: Rassismus, Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs. Hamburg/Berlin 1992.

15 Die Unterschiede zwischen den sogenannten Rassen (sind) nicht annähernd so groß wie die durchschnittlichen Unterschiede zwischen den Individuen innerhalb einer >Rasse< bezeichneten Gruppe. Mit anderen Worten: Die genetischen Unterschiede zwischen verglichenen Menschengruppen verschiedener Erdregionen sind gleitend und weisen keine größeren Brüche zwischen den Gruppen auf. Dagegen variieren die genetischen Merkmale der einzelnen Menschen innerhalb einer Gruppe vergleichsweise stark. Darüber hinaus sorgt nur ein verschwindender Anteil der menschlichen Gene für ein verschiedenes Äußeres, auf das sich der typologische Rassenbegriff bezieht: etwa 50 oder noch weniger von 60.000. Vgl. Ruth Stiansny, in: AG gegen Rassenkunde (Hrsg.): Deine Knochen - Deine Wirklichkeit. Texte gegen rassistische und sexistische Kontinuität in der Humanbiologie. Hamburg/ Münster, 1998. Ulrich Kattmann argumentiert, daß Unterteilungen von Menschen unterhalb der biologischen Art weder zwingend noch überhaupt zweckmäßig sind, da die menschlich-biologische Vielfalt innerhalb und zwischen den Großgruppen außerordentlich verschlungen ist. »Die Vielfalt der Menschen wird der Einfalt der Typen geopfert: Jede Rassenklassifikation simplifiziert die Vielfalt in unzulässiger Weise, indem sie ihre Betrachtung auf eine mehr oder weniger große Anzahl von Gruppen reduziert und dabei (kleine) Gruppenunterschiede höher bewertet als (größere) zwischen den Individuen ein und derselben Gruppe. Das Klassifizieren wird so - ohne Rücksicht auf die tatsächlich beobachtete Variation - zum Selbstzweck.« Damit ist auch der populationsgenetische Rassenbegriff obsolet. Der UNESCO-Workshop (1995 »Gegen Rassismus, Gewalt und Diskriminierung«) kommt zum gleichen Ergebnis. >Rassen< sind soziale Mythen, gewissermaßen >optische Täuschungen<, die durch >Überredung unserer Sinne< entstehen. Sie sind nicht naturgegeben, sondern wurden in einem bestimmten historischen Moment als naturwissenschaftliche Tatsache festgeschrieben, als es darum ging, die Herrschaft europäischer Eroberer und Ausbeuter über Kolonialvölker zu legitimieren wie auch die eigene nationale Überlegenheit hervorzuheben. >Rasse< ist ein Bündel gesellschaftlicher Vorstellungen über die Anderen und die eigene Gruppenzugehörigkeit, das in scheinbar exakte Naturkategorien transformiert wurde. Wesentlich ist, daß der Prozeß der Rassenkonstruktion untrennbar mit sozialer Hierarchisierung durch die Produktion von wertenden Bedeutungen, also der Zuschreibung kultureller und wesensmäßiger Kollektiv-Charakteristika, verbunden war und die unterworfene Gruppe letztlich stets als minderwertig kennzeichnete. >Rassen< sind keine biologischen Realitäten, sondern gesellschaftliche Konstrukte.

16 Die Kraniologie als klassifizierendes Meßverfahren wurde Mitte des 18. Jahrhunderts von Johann Friedrich Blumenbach, Professor der Medizin in Göttingen, in die Rassen-Anthropologie eingeführt. Johann Friedrich Blumenbach: Über die natürliche Verschiedenheit im Menschengeschlechte. Leipzig 1798.

17 Dabei machen sie sich das Prinzip der modernen Naturwissenschaften zunutze. Nach dem Siegeszug der Induktion gilt als wahr, was sensuell begründet wird. Ob ein Zusammenhang zwischen beobachteten Phänomen besteht oder sich auf eine allgemeine Regelhaftigkeit schließen läßt, wird zumeist nicht hinterfragt. Eine einmal hergestellte Kausalität mit einer Regelhaftigkeit setzt sich in den Köpfen fest und ist nur schwer wieder aufzubrechen. Es entsteht der Eindruck einer natürlichen, selbstverständlichen Ursache-Wirkung-Beziehung. »Der Mythos leugnet nicht die Dinge, seine Funktion besteht im Gegenteil darin, von ihnen zu sprechen. Er reinigt sie nur einfach, er macht sie unschuldig, er gründet sie als Natur und Ewigkeit, er gibt ihnen eine Klarheit, die nicht in der Erklärung ist, sondern in der Feststellung.« Roland Barthes: Mythen des Alltags. Frankfurt a.M. 1964, S.131. Die Beliebigkeit (»..., denn jede beliebige Materie kann willkürlich mit Bedeutung ausgestattet werden«, ebd., S.87) der Zusammenhangsherstellung erfordert oft eine »faktische« Korrektur, doch Phänomene und/bzw. Regel bleiben miteinander verbunden. Hinter mythischen Äußerungen verbirgt sich keine Welterklärung sondern eine Intention, laut Barthes die der Konservierung bestehender Verhältnisse. So wird gerne und häufig von der vordergründig verwirrenden politischen Situation in einem afrikanischen Land auf einen chaotischen Spielstil geschlossen. Oder umgekehrt die politische »Stabilität« Nigerias als Grund für den Erfolg der Mannschaft in Erwägung gezogen, ebenso wie das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft Kohls Regierungszeit beendet - tatsächlich wurde nicht von einem schlechten Omen gesprochen sondern vom Ende der Ära Kohl. Das Ausscheiden war also kein Symbol, sondern das Ende selbst. Wie Roland Barthes in »Mythen des Alltags« ausführt, stützen Mythen rassistisches, ethnizistisches und nationalistisches Gedankengut ebenso wie sie herrschende Zustände legitimieren (Alibi-Funktion). Da Mythen wesentlich zur kulturellen Identität einer Bevölkerung beitragen, ebenso wie sie durch kulturelle Traditionen geboren werden, sind Argumentationen, die als Stützen mythologisch basierter Einstellungen fungieren, besonders überzeugend. »Was dem Leser [dem Zeichenrezipient; S.F.] ermöglicht, den Mythos unschuldig zu konsumieren, ist, daß er in ihm kein semiologisches, sondern ein induktives System sieht. Dort, wo nur eine Äquivalenz besteht, sieht er einen kausalen Vorgang. Das Bedeutende und das Bedeutete haben in seinen Augen Naturbeziehungen. Man kann diese Verwirrung auch anders ausdrücken: jedes semiologische System ist ein System von Werten. Der Verbraucher faßt die Bedeutung als ein System von Fakten auf.« Ebd., S.115.

18 Im Sinne von Adornos Vorschlägen zu einer textimmanenten Literaturinterpretation. Theodor Wiesengrund Adorno: Noten zur Literatur. Frankfurt a.M. 1981.

19 Die Übertragung dieses Schlußverfahrens auf den Menschen bezeichnet Levi-Strauss als Urgrund aller Rassismen. Im 19. Jahrhundert wurde der biologische Rassebegriff verwendet, um unterschiedliche soziologische und psychologische Realitäten zu erklären. Physiologische Unterschiede wurden benutzt, um intellektuelle, soziologische, ästhetische, kulturelle etc. Verschiedenheit zu erklären und die Überlegenheit der »weißen Rasse« als naturgegeben festzustellen (ein Paradebeispiel für die Entstehung eines Mythos!). Dies stelle, so Lévi-Strauss den Anfang jeglicher Legitimation systematischer Diskriminierung und Ausbeutung dar, denn die Herstellung einer kausal biologischen Beziehung von Körper, Geist und Gesellschaft ist nicht zulässig. »Der Begriff der biologischen Evolution entspricht einer Hypothese die einen der höchsten Wahrscheinlichkeitskoeffizienten hat, die man im Bereich der Naturwissenschaft überhaupt antreffen kann, während der Begriff der gesellschaftlichen oder kulturellen Evolution höchstens ein zwar bestechendes, aber gefährlich bequemes Verfahren der Tatsachendarstellung [Ich würde lieber von Tatsachenherstellung sprechen, S.F.] ist.« Claude Lévi-Strauss: Strukturale Anthropologie II. Frankfurt a.M1975, S.372.

20 Lévi-Strauss dazu: »Das Problem der Ungleichheit der Rassen kann also nicht dadurch gelöst werden, daß man ihre Existenz verneint, wenn man sich nicht gleichzeitig mit dem der Ungleichheit - oder Verschiedenheit - der Kulturen beschäftigt, die in der öffentlichen Meinung, wenn auch nicht theoretisch, so doch praktisch, eng mit jener zusammen hängt.« Lévi-Strauss (wie Anm. 19), S.365. So ist das eigentliche Problem die Feststellung einer Differenz zwischen sich und dem anderen. Doch genau diese Differenz ist dem modernen Denken verboten, denn durch eine tausendjährige Haltung der Xenophobie ist diese legitimiert und bleibt doch unvereinbar mit dem humanistischen Grundsatz der allgemeinen Gleichheit aller Menschen, die als ein »es muß sein« sich auf alle, auch die physiologischen, Lebensbereiche erstreckt. »Sobald es denkt, verletzt es, nähert es an oder entfernt es, bricht es oder dissoziiert es, verknüpft es oder verknüpft es erneut. Es kann nicht umhin entweder zu befreien oder zu versklaven. [...] An der Oberfläche kann man sagen, daß die Erkenntnis des Menschen im Unterschied zu den Wissenschaften der Natur stets (selbst in ihrer unentschiedensten Form) mit ethischen Theorien oder politischen Theorien verbunden ist. Noch grundlegender dringt das moderne Denken vor in jene Richtung, in der das Andere des Menschen das Gleiche werden muß, das er ist.« Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Frankfurt a.M. 1971, S.396. Hierauf gründet auch die Tyrannei der gutmeinenden Fremdenfreunde, die doch meist versuchen, im Fremden das Eigene zu erkennen, statt auch durch das Fremde das Fremde in sich anzuerkennen. Die Konsequenz daraus ist leider allzuhäufig, daß dem anderen Subjekt, ausgehend von der allgemeinen Gleichheit, eigene Bedürfnisse, ethische oder moralische Vorstellungen und Ziele aufoktroyiert werden, was m.E. im Widerspruch steht zu der ursprünglichen Gleichheitsforderung nach gleichem Recht für alle.

21 Diese eigentliche Bedeutung manifestiert sich auch in den »großen Erzählungen« oder, nach Gérard Genette, Protoerzählungen, wie z.B. der Kalten-Kriegs-Erzählung von den bösen Russen bzw. den bösen Amerikanern oder die des Siegeszuges des Kapitalismus. Ihnen ist gemeinsam, daß stereotype Konstellationen und gängige Klischees zu immer gleichen Variationen über das Protothema ausgeführt werden. Ebenso gehören sie in die Erläuterung sportlicher Großereignisse hinein, eben jene Erzählungen von den kulturellen Eigenarten einer Nation und deren Zusammenhang mit dem Sport. Das Prinzip der großen Erzählungen - in Ergänzung zur Darstellung des Mythos, der zwar mit den Erzählungen verbunden, indem sie Teile eines Mythos darstellen, aber nicht identisch ist - scheint mir ebenfalls geeignet, um den affirmativen Charakter der Kommentare zu erläutern. Ausführlicher stellt es Richard Rorty: Der Spiegel der Natur. Frankfurt a.M 1981, und ders., Contingency, irony and solidarity. New York 1989, dar.

22 Mit Honi Fern Haber ziehe ich den Begriff des Subjekts dem des Individuums vor, da sich das Verhältnis von der Freiheit des Einzelnen, deren Vorstellung im »Individuum« dominiert, hin zur Teilhabe an Gemeinschaften, deren Vorstellung im »Subjekt« vorherrscht, mit der Bevorzugung von »Subjekt« verschiebt. »I hold with the poststructuralist insight that the notion of the individual is correlative with the notion of the subject, and that since subjects are inscribed in language they are always cultural, historical, and social entities. This notion of the subject gives a place of privilege to community, for our interests are always the interests of some community or another.« Honi Fern Haber: Beyond postmodern politics. Lyotard, Rorty, Foucault. New York 1994, S.1.

23 Der Gebrauch fremdsprachlicher Wörter kann zweierlei Wirkung haben: Zum einen kann er die Nähe des Sprechers zur fremdsprachigen Gemeinschaft anzeigen, zum anderen seine Distanz. Wird nun ein fremdsprachliches Substantiv mit dem eigensprachlichen Artikel verbunden, ergibt sich ein Pathos der Distanz. Dieser trennt das sprechende Subjekt vom Besprochenen. Eine solche Distanzierung, in der Öffentlichkeit vorgenommen, bewirkt das Stigma des Fremden, Ausgegrenzten. Der Signifikant wird seinem objektsprachlichen Signifikat enthoben und erhält ein neues: er bedeutet nun das Fremde des Objekts. Konrad Ehlich / Jochen Rehbein: Muster und Institution. Untersuchungen zur schulischen Kommunikation. Tübingen 1986.(=Kommunikation und Institution, 15)

24 Ein dialektischer Mechanismus von Reduzierung und Entgrenzung setzt ein, der die Auflösung des Subjekts betreibt. Zur Reduzierung vgl. Foucault: » ... in der das Andere des Menschen das gleiche werden muß, daß er ist.« Foucault (wie Anm. 20), S.396. Die Entgrenzung ereignet sich durch den Übergang vom einzigartigen Schicksal (eines einzelnen Nationalspielers) zu einer im unterstellten Gleichartigkeit mit einer Gruppe, die das Subjekt niemals ist.

25 Um einen Nationalstaat dauerhaft zu legitimieren bedarf es der Bildung einer Pseudoethnie, denn kein Staat besteht aus nur einer Ethnie. Durch diese Tradition läßt sich jedoch die Vermischung der alltäglichen Vorstellungen von Volk, Ethnie und Rasse, die häufig ineinsgesetzt werden, erklären. Das Fremde wird in eben jenen Kategorien in einer Differenz zum Eigenen identifiziert und dient so auch der Selbstidentifikation mit der »eigenen« Gruppe. »Ich werde mein Augenmerk im folgenden also auf diese Differenz richten, auf die paradoxen Formen, die sie annehmen kann, damit besser begreiflich wird, was sich bei den meisten von mir angeführten Beispielen herausschält: daß der Rassismus nicht ein «Ausdruck» des Nationalismus ist, sondern eine Ergänzung des Nationalismus, die immer über ihn hinausschießt, für seine Konstituierung aber stets unerläßlich ist und nie ausreicht, um sein eigenes Projekt zu realisieren; so wie der Nationalismus unerläßlich ist und zugleich nie ausreicht, um die Bildung der Nation oder das Projekt der Nationalisierung der Gesellschaft zu realisieren.« Etienne Balibar: Rassismus und Nationalismus. In: Balibar/Wallerstein: Rasse, Klasse, Nation. Hamburg 1998.

26 Foucault (wie Anm. 20), S.389-Ende. Vgl. auch Marianne Schuller: Literarischer Prozess und Wissen. Basel / Frankfurt a.M. 1997, hier Kapitel 2: Wissen - Rassismus.

27 Diese Angst ist jedoch ein wesentliches Element der Xenophobie, da zunächst oft nicht unmittelbar klar ist, ob das Unbekannte Gutes oder Schlechtes für das eigene Leben bringt. Lévi-Strauss (wie Anm. 19).

28 Wie z.B. letztens durch den Versuch, das M.A.I. durchzusetzen, sichtbar wurde. Wenn nationale Regierungen schon selbst daran mitwirken, ihre Handlungsfähigkeit in puncto Wirtschaftsregulierung einzuschränken, ist dies der Vollzug einer Selbstaufgabe. Das eigentlich bemerkenswerte daran ist, daß Regierungen, d.h. Mächtige, dazu tendieren, sich erst aufzugeben, wenn sie bereits von jeder Instanz aufgegeben wurden. Die Macht geht sicherlich bei den M.A.I.-Bemühungen nicht vom Volke aus. Das Volk sollte die Vorstellung »mächtiger« Regierungen, die in seinem Sinne handeln, aufgeben.


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