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Bücherherbst. Neuerscheinungen aus dem Institut für Volkskunde
Klaus Brake:
Lebenserinnerungen rußlanddeutscher Einwanderer. Zeitgeschichte und Narrativik. Berlin/Hamburg 1998 (=Lebensformen, 9), 504 Seiten, DM 58,-.Die Rußlanddeutschen aus der ehemaligen Sowjetunion bilden die größte Gruppe unter den Spätaussiedlern. Die alten Leute sprechen noch Deutsch als Muttersprache, die jüngeren müssen es zumeist neu erlernen, wenn sie nach Deutschland einwandern.
Die deutschstämmigen Einwanderer bringen jedoch nicht nur Hoffnung auf eine sichere Zukunft, sondern auch ihre Lebenserfahrungen mit - ein Aspekt, der in der Forschung bislang von Fragen der Integration und Assimilation überlagert wurde. Anhand erzählter Lebensgeschichten von Frauen und Männern der »Erlebnisgeneration« analysiert der Hamburger Volkskundler Klaus Brake individuelle Erzählinhalte und Erzählweisen und vermittelt wichtige Aufschlüsse über Erinnerung und Verarbeitung eigener und kollektiver Geschichte in der spezifischen Situation der Neuorientierung.
Der Kulturwandel der bäuerlichen Rußlanddeutschen im Stalinismus und Poststalinismus ist zentrales Thema aller Lebensgeschichten. Unter den nationalen Minderheiten der Sowjetunion, die in den 30er und 40er Jahren nach Westsibirien und Mittelasien umgesiedelt und zur Zwangsarbeit rekrutiert wurden, waren die Rußlanddeutschen die bevölkerungsstärkste. Umsiedlung, Verbannung und Zwangsarbeit - sehr oft in Arbeitslagern der staatlichen Lagerverwaltung GULag - haben sich nachhaltig auf ihre Kultur ausgewirkt. Wie dies heute erinnert und vermittelt wird, ist Gegenstand dieser Studie. Der Historiographie, die sich aufgrund mangelhafter Quellenzugänge in den heutigen GUS-Staaten nur langsam diesem Forschungsfeld nähert, wird damit eine individualhistorische Sichtweise zur Seite gestellt.
Methodologische Überlegungen zum Wert der Quellen erzählter Lebensgeschichten für die Kulturwissenschaft begleiten die erfahrungs- und zeitgeschichtliche Dokumentation. Besonderes Augenmerk legt der Autor auch auf Erzählweisen und -techniken. In der Art, wie der Erzähler seine Lebensgeschichte vermittelt, läßt sich ein für ihn gültiges Verständigungs-, Bewertungs- und Orientierungsmuster erkennen; denn wer als Einwanderer ein »neues Leben beginnt«, sieht auch seine Vergangenheit mit anderen Augen. Erzählend wird die Erinnerung zur Neuorientierung - für den Erzähler ebenso wie für den Zuhörer.
Brigitta Schmidt-Lauber:
»Die verkehrte Hautfarbe«. Ethnizität deutscher Namibier als Alltagspraxis. Berlin/Hamburg 1998 (=Lebensformen, 10), 477 Seiten, DM 58,-.In Namibia, der ehemaligen deutschen Kolonie »Südwestafrika«, leben noch immer Menschen, die sich als »Deutsche« definieren. Wer gehört zu dieser Gruppe? Wie begreifen sie sich selbst und ihre afrikanische Umgebung? Und wie leben »deutsche« Namibierinnen und Namibier?
In zwei Feldforschungsaufenthalten vor und nach der Unabhängigkeit des Landes (1988 und 1994) ist die Autorin dem ethnischen Selbstverständnis nachgegangen. Dabei gelingt es ihr, darzustellen, daß Ethnizität des »Vollzugs« bedarf, der permanenten Realisierung und Konstituierung im Alltag.
1990 erhielt Namibia - von 1884-1918 deutsche Kolonie - formal seine Unabhängigkeit als Staat. Seither sagen immer mehr Menschen, die sich als »Deutsche« bezeichnen, sie hätten die »verkehrte Hautfarbe«. Die Autorin beschreibt die Strategien, mit denen »deutsche« Namibier sich ihrer kulturellen Eigenständigkeit und Besonderheit gegenüber den anderen namibischen Bevölkerungsgruppen vergewissern.
Untersucht wird das Phänomen Ethnizität als Alltagspraxis auf vier Ebenen: als soziales Handeln im Alltag als diskursive Praxis und Rechtfertigungsrhetorik, als institutionelle und private Absicherung und anhand sogenannter Grenzfälle. »Schwarze Deutsche«, die nicht als Deutsche anerkannt und von der Gruppe ausgegrenzt werden, sowie »abtrünnige« Deutsche, die nicht aus dem Gruppenverband entlassen werden, sind Beleg für die Tatsache, daß Ethnizität in einem Prozeß permanenter Grenzziehung ausgehandelt wird.
Brigitta Schmidt-Lauber gibt Antwort auf die Frage, wie sich die Grundlagen der Ethnizität im Rahmen eines gesellschaftspolitischen Wandels ändern. Vor allem bei der jüngeren Generation lassen sich Ansätze neuer Formen der Kommunikation, Begegnung und Identifikation feststellen. Es ist jedoch unübersehbar, daß die ethnische Zugehörigkeit nach wie vor bei ökonomischen Verteilungskämpfen genauso wie für politische Interessen funktionalisiert wird. Eine Veränderung der ethnisch definierten Gesellschaftsordnung wird sich weniger aus politischen Programmen als durch Kommunikation und Begegnung im Alltag entwickeln.
Thomas Hengartner:
Forschungsfeld Stadt. Zur Geschichte der volkskundlichen Erforschung städtischer Lebensformen. Berlin/Hamburg 1999 (=Lebensformen, 11), 379 Seiten, DM 68,-.Die Beziehung der Volkskunde zur (Groß-)Stadt war langezeit problembeladen. Thomas Hengartner dokumentiert das langsame Vortasten dieser Wissenschaft von der bewußten Abwendung über die Suche nach Dörflichem in der Stadt bis hin zur aktuell sich abzeichnenden Etablierung der volkskundlichen Erforschung städtischer Kultur. Die Auseinandersetzung der Volkskunde mit den Themenfeldern Stadt und Urbanität hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Auch wenn sich an einzelnen Universitäten Schwerpunkte der Erforschung des städtischen Raumes und urbaner Kultur herausgebildet haben, hat bislang eine Überblicksdarstellung zu den Wegen volkskundlicher Stadtforschung gefehlt. Diese Lücke schließt das vorliegende Buch.
Die fachhistorische Perspektive wird ergänzt durch Seitenblicke auf sozialwissenschaftliche Sichtweisen, die die deutschsprachige Stadtforschung nachhaltig geprägt haben. Der Autor setzt sich mit Forschungsansätzen zur Stadt als belebtem und bewohntem Raum auseinander und zeigt neue Möglichkeiten und Wege zur aktuellen Untersuchung von Stadtkultur und Urbanität auf.
Paul Zinsli / Thomas Hengartner (Hrsg.):
Niklaus Manuel. Werke und Briefe. Vollständige Neuedition, unter Mitarbeit von Barbara Freiburghaus. Bern 1998. 792 Seiten, DM 90,- / CHF 70,-Die Bedeutung Niklaus Manuels (um 1484-1530) als Maler, Dichter und Staatsmann in der Zeit heftiger Konfessionspolemik und Glaubenskämpfe im Umfeld der Reformation ist unbestritten. Dennoch sind seine literarischen Werke und schriftlichen Zeugnisse vor über 120 Jahren zum letzten Mal ediert worden und seit langem nicht mehr greifbar. Die vorliegende Ausgabe schließt diese Lücke; damit erscheinen Niklaus Manuel und sein Werk - unter den Gesichtspunkten einer modernen Editionsphilologie herausgebracht - stellenweise in einem neuen Licht. Die Edition richtet sich sowohl an interessierte Laien als auch an wissenschaftliche Leser. Ausführliche Wort- und Sacherklärungen, ein reicher Variantenapparat sowie die sprachliche Charakteristik der einzelnen Drucke und Nachdrucke bieten sowohl für den Philologen als auch für den Historiker eine Fundgrube von weiter auswertbarem Material.
Thomas Hengartner / Johanna Rolshoven (Hrsg.):
Technik – Kultur. Formen der Veralltäglichung von Technik – Technisches als Alltag. Zürich 1998. 320 Seiten, DM 44,- / CHF 38,-Der Band vereinigt 11 Beiträge zu den Bereichen Technik und Alltag, in denen jüngere, kulturwissenschaftlich arbeitende FachvertreterInnen nicht nur bislang kaum erarbeitete Themenfelder, sondern auch methodisch vielversprechende Ansätze zur Diskussion stellen. Alle Arbeiten verbindet ein »weiter« Technikbegriff, wie er im einleitenden Beitrag »Technik – Kultur – Alltag« vor dem Hintergrund der Entwicklung einer volkskundlich-kulturwissenschaftlichen Herangehensweise an Fragen der Technik-Kultur ausgeführt wird.
Ziel des Bandes ist es, ein Spektrum an Themen und Zugangsweisen zur Technik-Kultur zu eröffnen, dabei bereits gesponnene Fäden aufzugreifen und weiterzuentwickeln, aber auch neue Sichtweisen zur Diskussion zu stellen. Nach zwei grundlegenden Beiträgen zur volkskundlichen Technikforschung (Thomas Hengartner/Johanna Rolshoven) und zur Problematik von Technik und Geschlecht (Jutta Buchner) folgen zu den Oberthemen Orte, Bewegungen und Kommunikation Beiträge zum »Nicht-Ort« Autobahnraststätte (Sibylle Obrecht), zum Personenaufzug als Verkehrsmittel (Sabine Oth), zum Asphalt als Metapher der Großstadt (Simone Wörner); zu Alltäglichkeit und Genuß von Automobilität (Uta Rosenfeld), zur Veralltäglichung der Fliegerei (Burkhard Fuhs), zur Straßenbahn als technischem und sozialem Raum (Johanna Rolshoven), zur Veralltäglichung der Telephonie (Thomas Hengartner), zum Verhältnis von Technik und Subjekt in Computerspielen (Marius Risi/Andri Sommerau/Daniel Suter/Beatrice Tobler) und zur frühen Rezeption des elektrischen Lichts (Kurt Stadelmann).
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