
![[Suche]](../../../../../Bilder/suche.gif)
![[Hilfe]](../../../../../Bilder/hilfe.gif)
Universität - Fachbereiche und wiss. Einrichtungen
![]()
KATRIN IST DIE BESTE - ODER WIE PRÄSENTIEREN SICH DIE INSTITUTE GEGENÜBER DEM GEMEINEN VOLK - EIN VERGLEICH
Sibylle Gerhard
Urs Keller
Immer noch Volkskunde?
Gut ein viertel Jahrhundert ist seit der Falkensteiner Resolution vergangen. In diesen Zeitraum fallen eine ganze Reihe mehr oder weniger bedeutender Veränderungen für das Fach Volkskunde und seine Institutionen. Sie reichen von Umbenennungen, Neuanfängen, Vereinheitlichungen und Fortführungen einerseits bis zu Abschieden, Themenkonjunkturen, Tabuierungen, Neubesetzungen und Aufbrüchen andererseits. Auffallen muß jedoch gerade in den letzten Jahren das massierte Auftreten programmatischer Aufsätze. Das Engagement der AutorInnen, die Programmatik des Faches in den Aufsätzen zu erörtern, kann der persönlichen Positionierung dienen oder sich als Reaktion auf die (vermeintliche) Krise der Volkskunde zeigen. Ein weiterer Grund dafür mag sein, daß just in dieser Zeit große Mittelkürzungen und Diskussionen um universitäre Globalhaushalte publik wurden. Während nun allerorten nach Wegen und Zielen gesucht und um Inhalte gerungen wird, stellte sich uns die Frage, ob es möglich sein würde, an Hand einer in dieser Form noch nicht beachteten Quelle eine momentane Bestandsaufnahme zur Situation des Faches zu erstellen. Unser Augenmerk richtete sich zu diesem Zweck erstens darauf, wo sich Trennendes oder Verbindendes als Auslöser der fachinternen Diskurse erkennen ließe. Und unter Berücksichtigung der besonders für ein kleines Fach möglicherweise existenzbedrohenden Finanzierungslage zielte es zweitens auf die dadurch an Bedeutung gewinnende Frage nach der Selbstdarstellung der Institute nach außen. Dafür sollen gerade nicht die einschlägig bekannten, in Fachperiodika publizierten, programmatischen Aufsätze verglichen werden, sondern vielmehr die den StudienanfängerInnen und allen anderen Interessierten auf Anfrage zur Verfügung gestellten Informationsmittel der Institute. Diese bestehen in unterschiedlicher Form neben den aktuellen kommentierten Vorlesungsverzeichnissen (KVV) aus Leitfäden, 'Kurzinfos', Studienordnungen sowie zum Teil auch Publikationsverzeichnissen oder Fachdarstellungen. Unsere Aufmerksamkeit galt dem Vergleich der auf dieser Basis gesammelten Aussagen zu Selbstverständnissen, Ansprüchen, Definitionen und thematischen Schwerpunkten. Bewußt in Kauf genommen wurde die begrenzte Aussagekraft der Quellen bezüglich der Übertragbarkeit auf das jeweilige Institut als Ganzes. Allerdings zeigen die gewählten Ausschnitte, wo Prioritäten gesetzt, und wo aufschlußreiche Übereinstimmungen bzw. Gegensätze sichtbar werden. Die Wahl fiel auf die Institute in Basel, Berlin, Frankfurt/M., Hamburg, Marburg, München, Tübingen und Wien.
Ausschlaggebend für dieses Sample war in erster Linie nicht die Tatsache, daß die Hälfte der Institute unter anderer als der Bezeichnung 'Volkskunde' firmiert und somit a priori die größtmögliche Zahl von Unterschieden erwarten lassen könnte. Vielmehr ergaben sich die Auswahlkriterien aus der von uns den Instituten zugeschriebenen Öffentlichkeitswirksamkeit, dem Zwang zur Eingrenzung und nicht zuletzt aus unserem eigenen Interesse.
Wir werden zunächst die Unterlagen jedes einzelnen Instituts beschreiben und analysieren. Der Vergleichbarkeit und Anschaulichkeit zuliebe erfolgt dies nach einem nahezu ähnlichen Muster:
Der Vorstellung des Materials folgt jeweils die Betrachtung der Fachdefinition der Ausführungen zum Kulturbegriff sowie der Hinweise auf Methoden. Die Untersuchungen beschränken sich nicht nur auf die Qualität der Unterlagen selbst; auch äußere Formen der Präsentation, Hinweise auf Ausstellungen, Publikationen bis hin zum Informationsbezug über das Internet sollen Berücksichtigung finden. Institutsspezifische Besonderheiten wie die Einbeziehung von Berufsperspektiven, spannende Lehrangebote oder das Eingehen auf europäische Thematiken sollen ebenfalls zum Ausdruck kommen.
Abschließend wird es neben einer Zusammenfassung der Ergebnisse darum gehen, wichtige Aspekte auch im Kontext aller bearbeiteten Institute zu sehen. Damit können Aussagen in ihrer Gesamtheit bewertet und sowohl Differenzen als auch Konvergenzen aufgezeigt werden.
(Übrigens: 'Katrin ist die Beste' - eine TV-Serie auf SAT1, in der ein Volkskundeprofessor aus Tübingen eine tragende Nebenrolle spielt.)
Basel - klammheimlich mit Europa verbunden!
Das Basler Seminar für Volkskunde belieferte uns mit einer ganzen Menge an Materialien: Studienordnung, KVV und Auszüge aus Studienberatung und Studienführer. Viel Papier und ein wenig Verwirrung: Wie heißt das Fach denn nun eigentlich? "Volkskunde", wie der Institutsname sagt, oder "Volkskunde I Europäische Ethnologie", wie es z.B. in der Studienordnung genannt wird? Ist man sich noch nicht ganz sicher, oder schleicht sich da vielleicht eine neue Institutsbezeichnung ein?
Wer sich in der Studienberatung (Studienplatz Schweiz) über Volkskunde (sic) informieren will, erfährt nicht viel. Es wird schlichtweg nicht erklärt, was Volkskunde ist. Wer es dann mit dem Basler Studienführer, aus dem Jahre 1994, 10. Auflage, versucht, findet folgende Fachdefinition vor:
"Die Volkskunde (Europäische Ethnologie) beschäftigt sich mit den Trägern und Manifestationen überindividuel1er Verhaltensformen und Anschauungen in ihren Funktionen, sozialen Bedingungen und historischen Abläufen. Ihr Forschungsgebiet ist das kulturelle Verhalten der einfachen Leute, also Wohnen, Ernährung, Kleidung, verbreitete Vorstellungen und Anschauungen, Gewohnheiten im Alltag und zu Festzeiten, Sachkultur, populäre Musik, Volksliteratur und -kunst usw."
Formeln wie "das kulturelle Verhalten der einfachen Leute", die Gegenüberstellung von Alltag und Festtag oder die kanonische Aufzählung volkskundlicher Forschungsfelder erinnern in ihrer Diktion an die Volkskunde in den 70er Jahren. Hat sich nicht seitdem das Selbstverständnis unseres Faches konkretisiert und damit verändert? Bleibt noch ein Blick in die Studienordnung (auch 1994), die man sich im übrigen etwas ausführlicher hätte vorstellen können. Sie umreißt das Fachgebiet der Volkskunde / EE (sic) so:
"Gegenstand des Faches ist die historische und systematische Analyse und verstehende Interpretation kultureller Prozesse in europäischen Gesellschaften der Neuzeit. Sie sollen untersucht werden in ihren regionalen, zeit-, sozial-, geschlechts-, gruppen- und altersspezifischen Ausprägungen wie in ihren globalen Phänomenen, in Lebensstilen und Verhaltensweisen, Kommunikations-, Verweigerungs- Lind Konfliktstrategien, in den Wechselbeziehungen zwischen Menschen und den von ihnen geschaffenen Lind benützten Dingen und Symbolen. Das Schwergewicht liegt auf populären und alläglichen Bereichen. Die Forschungsperspektive ist die der exemplarischen (und das heißt auch vergleichenden) Nahsicht."
Die relative Statik des erstgenannten Fachverständnisses ist hier abgelöst durch eine prozeßhafte Einschätzung von Kultur. Was Kultur letztendlich ist, wird nicht gesagt, dennoch läßt sich aus der fast lückenlosen Auflistung kulturellen Verhaltens, wie wir sie hier vorfinden, eine Vorstellung entwickeln, wo nach ihr zu suchen sei. Die genannten "Wechselbeziehungen zwischen Menschen und Dingen" werden uns in ähnlicher Form in anderen Fachdefinitionen (z.B. Frankfurt oder Hamburg) wieder begegnen.
Ebenfalls neu ist in der zweiten Version die Ausweitung der volkskundlichen Forschung auf die europäischen Gesellschaften der Neuzeit, die in die vergleichende Forschungsperspektive einbezogen sind. Diese Formulierung kann als Teil der Definition Europäischer Ethnologie verstanden werden, und damit als Anspruch an das Fach, das sich manchmal so nennt, zurückgegeben werden. Die Veranstaltungen des Sommersemesters halten dieser Überprüfung stand, denn auch regionalbezogene Themen werden unter überregionalen Aspekten bearbeitet (z.B. Frömmigkeit oder jüdischer Alltag im 19. Jh.). Das "Exemplarische", nicht das "Typische" interessiert, wie es Thomas Antonietti ausgedrückt hat, der seine Gastdozentur in Basel einer sehr sinnvollen Einrichtung verdankt, dem sogenannten Lektorat. Das ist eine Basler Spezialität, die es auch nichtschweizerischen Fachpersönlichkeiten ermöglicht, vorübergehend in Basel zu lehren und vermutlich der Erweiterung des personellen und thematischen Angebots dienen soll: Das Basler Institut ist sehr klein, es konnte z.B. im Sommersemester nur acht Veranstaltungen anbieten, davon allein fünf unter der Leitung der "Seminarvorsteherin" Frau Burckhardt Seebass. Einen weiteren Ausgleich zu diesem 'Einfraubetrieb' (wie es scheint) bietet das sogenannte "Regio-Abkommen", das es den Studierenden ermöglicht, Lehrveranstaltungen in Deutschland (Freiburg i.Br.) und in Frankreich (Straßburg) zu besuchen und umgekehrt. Diese Form der trilateralen Kooperation kann als Vorbild für einen länderübergreifenden, lebendigen Austausch zwischen europäischen Ethnologlnnen angesehen werden. Soweit Basel also als Vorbild. Leider war, weniger vorbildlich, von einer Präsentation im Internet nichts zu sehen.
Kommen wir zu den Methoden. Wenn es um 'Ethnologien des Alters' geht oder um die Komplexität der Basler Fasnacht, stehen Beobachtung und Befragung an erster Stelle. Allerdings werden neben der Feldforschung als klassischer ethnologischer Methode auch Einführungskurse in historische Quellenkunde und in die Statistik empfohlen. Die Zugehörigkeit des Faches zur Historisch-Philosophischen Fakultät läßt sich nicht leugnen.
Es fiel in den Papieren angenehm auf, daß von den angehenden Studenten nicht nur die üblichen Fremdsprachenkenntnisse gefordert werden, sondern auch "Interesse an der eigenen Kultur, gute Beobachtungsgabe, Einfühlungsvermögen und Sinn für historische und soziale Zusammenhänge". Anlagen, die laut Studienordnung im Verlaufe des Studiums weiter ausgebildet werden sollen. Hier kommt endlich einmal zum Ausdruck, daß die ethnologischen Methoden Sensibilität und Schulung bedingen und nicht nach "Schema F" anwendbar sind.
Zum Schluß sei AUGUSTINE vorgestellt, eine gelungene Melange aus KVV und Institutszeitschrift, die neben den kommentierten Veranstaltungen Karikaturen, Interviews, kleine Aufsätze und institutsinterne Einladungen enthält. AUGUSTINE paßt gut ins Bild des "stimmungsvollen Altstadt-Instituts", wie es von den Baslern selbst charakterisiert wird.
Berlin: Primus inter pares?
Das Institut für Europäische Ethnologie der hauptstädtischen Humboldt Universität beglückte uns mit einer reichhaltigen Auswahl verschiedenster Unterlagen. Die kompakte und auch in englischer Sprache erhältliche Druckschrift "Studienleitfaden des Institutes für EE" bietet kompetent Orientierung und Überblick für Anfänger und Außenstehende. Abgesehen von der Studienordnung erhielten wir zusätzlich eine 'kleine Lose Blattsammlung' bestehend aus Veranstaltungsübersicht, KVV und einer Kopie mit "ergänzenden Informationen".
Die Begutachtung der Berliner Web-Seiten erbrachte (auch in Bezug auf Form und Übersichtlichkeit) ein positives Ergebnis. Neben dem uns schon bekannten "Studienleitfaden" und dem aktuellen KVV fanden sich Berichte zu Projekten und Publikationen des Instituts, Bibliotheks- und Fachschaftsmitteilungen sowie die komplette Antrittsvorlesung von Peter Niedermüller vom Januar diesen Jahres.
Erfreulicherweise beschränkt man sich in der Berliner Studienordnung im Kontrast zu den anderen Instituten bei der Fachdefinition auf das an dieser Stelle Notwendigste. Die EE interessiert sich demnach grob für das "Verhältnis von Kultur und Gesellschaft im europäischen Kontext". Der Studiengang gliedert sich deshalb schwerpunktartig in: Fachgeschichte/Wissenschaftstheorie, Kulturtheorie und -geschichte sowie empirische Methoden und Kulturanalyse.
Im "Studienleitfaden" findet sich die gleiche knappe Fachdefinition, allerdings erweitert durch eine umfangreiche Aufzählung verschiedener Themen und Problemfelder. Dabei entsteht nicht der Eindruck einer klassischen Auflistung des 'alten Kanons'. Stichworte, von "Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung, natürlicher Umwelt, technischer Zivilisation und politischem Handeln" bis "Diskurse [...] über die Schlagworte 'Postmoderne' und 'Multikultur' "weisen unmißverständlich auf zeitgenössische Interessensschwerpunkte hin. (Auf die 'Bedeutsamkeit des historischen Kontextes' wird selbstverständlich und nebenbei auch in Berlin hingewiesen).
Der in der Studienordnung gänzlich ausgeklammerte Kulturbegriff erfährt im "Studienleitfaden" (vermutlich von 1996) seine Würdigung. Kultur ist "in einem weiten Sinne", "als Prozeß" sowie "als Relation" zu verstehen: Dies ist soweit nichts fundamental Neues und mit ähnlicher Begrifflichkeit bei den anderen Instituten wiederfindbar.
Die Bemühung, einen zeitgemäßen, interessenweckenden (und andere damit nicht ausgrenzenden) Kulturbegriff zu proklamieren, kommt in der gleichen Quelle im Abschnitt "Studieninhalte und -ziele" zum Vorschein:
"Kultur bezeichnet [...] die Gesamtheit von Lebensformen und Wertvorstellungen, von Wahrnehmungs- und Handlungsmustern der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen- von kollektiven und individuellen Formen der Lebensgestaltung also, wie sie sich in Sprache und Sozialbeziehungen, in Arbeits- und Freizeitformen, im Umgang mit Politik und Medien, mit materiellen Gütern und ideellen Vorstellungen niederschlagen."
Die Suche nach methodologischen Äußerungen fördert im KVV die gesamte Bandbreite der volkskundlichen Möglichkeiten, von der Auswertung archivalischer Quellen bis zur, Teilnehmenden Beobachtung" zu Tage. Im "Studienleitfaden" findet sich zum Stichwort 'Methoden' nur ein Verweis auf den 'Vergleich'. Hierin einen klaren Hinweis für die Verwendung des Namens "Europäische Ethnologie" in Berlin zu sehen, wäre jedoch zu spekulativ.
Ein Manko sehen wir in dem mutmaßlich aus den Gesamtverzeichnis der Universität herauskopierten KVV. Es wirkt in dieser Form kaum ansprechend, geschweige denn übersichtlich. Zu bemängeln ist ebenso das mit Ausnahmen weitgehende Fehlen von Literaturvorschlägen bzw. -hinweisen. In den Veranstaltungsankündigungen stach uns auch die im Vergleich extrem häufige Bezugnahme auf 'Politik' und 'Politisches' ins Auge. Zusammen mit der zum Kulturbegriff gemachten Aussage, daß gerade das Verhältnis von gelebter, alltäglicher, zu institutionalisierter, 'legitimer' Kultur ein zentrales Untersuchungsfeld darstellt, wird hier eine Berliner Spezialität erkennbar: Der Mensch als homo politicus soll neben den bei allen Instituten üblichen sozialen und kulturellen Zuschreibungen ausdrücklich miteinbezogen und nicht ausgeklammert werden.
Damit wird zusätzlich ein weiterer hervorhebenswürdiger Punkt offenkundig: Interdisziplinäres Arbeiten gerät im Berlin sicherlich nicht in den Verdacht, sich nur auf die Hinzuziehung von Nachbarwissenschaften als volkskundliche 'Hilfs-Wissenschaften' zu beschränken. Unvoreingenommen soll je nach augenblicklicher Problemstellung der fachliche Rahmen ausgeweitet werden können: "Es ist [...] ein besonderes Anliegen von Forschung und Lehre, zu den sozialen und kulturellen Entwicklungen immer wieder interdisziplinäre Zugänge zu suchen"; in Berlin versteht man sich "ausdrücklich auch als Forum für den Kontakt verschiedener Wissenschaftskulturen".
Frankfurt/Main - Corporate Identity
Das Image der Stadt Frankfurt, so stellten wir auf unserer Städteexkursion 1994 fest, zeigte sich, vor allem in den Tourismusprospekten, als Konstruktion aus Professionalität und Geschäftstüchtigkeit. Mit den Broschüren, die das Frankfurter Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie präsentierte, erging es uns jetzt ähnlich: Hochglanz, Einheitlichkeit, Aktualität. In zwei Lieferungen kamen: Studienordnung, Institutsinformation, Gesamtverzeichnis der institutseigenen Publikationsreihe NOTIZEN und das KVV. Sogar die beigefügte Briefkarte gab sich weltoffen und begrüßte uns in drei Sprachen. Kleiner Makel: Die Fachbeschreibungen und erklärten Studienziele kommen teilweise, bei aller Korrektheit, so kompliziert daher, daß sich StudienanfängerInnen davon mehr überfordert als aufgeklärt fühlen könnten.
Zunächst fällt Abgrenzung auf. Gleich auf der ersten Seite des Infoheftes wird auf die Abkehr der Disziplin von "einer eher an der Erforschung von Kulturgütern orientierten Kulturwissenschaft" hingewiesen, was sieh, laut Selbstdarstellung, folgerichtig ergab, als Ina-Maria Greverus 1974 das Institut gründete und "das Interesse am kulturschaffenden Menschen, seinen Bedürfnissen und Handlungsstrategien in das Zentrum ihrer Arbeit stellte". Die Fokussierung auf den Menschen und die Auseinandersetzung mit seiner Umwelt ist folgerichtig prägender Bestandteil der Kulturdefinition, die der Studienordnung vorangestellt ist:
"Der Begriff Kultur beschreibt dabei ein prozeßhaftes Geschehen, das mit und um den Menschen in aktiver Auseinandersetzung mit seiner natürlichen und geschaffenen Umwelt stattfindet und gleichzeitig normativ für sein gesellschaftliches Handeln ist. Das kulturelle Handeln ist vielfältig und vollzieht sich sowohl in technischen, wirtschaftlichen, religiösen und sozialen Systemen als auch im Felde von Bedeutungen, Ideen und Wertungen."
Kultur wird auch hier als prozeßhaft verstanden. Ein Prozeß, der geprägt ist von "aktiver Auseinandersetzung", was sich bei den BaslerInnen als "Wechselbeziehung" liest, eine Bedeutungsnuance, die vermutlich deutlicher auf den Menschen als kulturschaffenden und kulturgeprägten hinweisen soll. Die diesem kulturellen Handeln zugewiesenen Räume befinden sich auf den unterschiedlichen Ebenen menschlichen Daseins, inklusive der ideellen. Das Kulturverständnis ist demnach so breit angelegt wie in vielen anderen volkskundlichen Kulturdefinitionen auch. Was ergibt sich daraus für die Forschungsarbeit?
"Der Ansatz des kulturanthropologisch-ethnologischen Studiums liegt bei der Analyse praktizierter Kultur. Ausgehend von universalen Kulturverhaltensbereichen und/oder kulturellen Einzelphänomenen und/oder sozialen Gruppen und/oder regionalen Einheiten soll eine Kulturanthropologie der komplexen Gesellschaften Europas entfaltet werden. Wesentlich dabei ist die Reflexion von Übereinstimmung und Widersprüchen zwischen Werten resp. Normensetzungen und aktuellem Verhalten, kulturellen Angeboten und Bedürfnissen, kulturellen Forderungen und Kompetenzen."
Abgesehen von der 'guten' Lesbarkeit der aneinandergereihten "und/oder" -Satzteile ist zunächst der Ansatz einer Nachfrage wert: Was bedeutet "praktizierte Kultur"? Und was wäre das Gegenteil? Nichtpraktizierte Kultur oder praktizierte Nichtkultur? Wir wissen natürlich 'irgendwie', was gemeint ist, aber es wird mal wieder offensichtlich, daß die Konkretisierung der tatsächlich zu leistenden Arbeit (wie bei allen anderen Instituten) auf Schwierigkeiten stößt. Am Ende ist eben wieder alles möglich.
Die Lektüre des Vorlesungsverzeichnisses ist erbaulich und macht neugierig, vielleicht, weil Frau Greverus und auch andere Institutsmitglieder die Gabe besitzen, ihre Arbeit als Abenteuer zu erleben. Der Anthropologe als "Mensch auf der Grenze", das Aufsuchen "fremder Alltagswelten", die 'face-to-face-' Begegnung", das "Verstehen des gemeinsamen und des Anderen", alle diese (Greverus)-Zitate aus dem KVV deuten auf einen beneidenswerten Unterschied zur herkömmlichen Volkskunde. Aber sind sie wirklich hinreichendes Merkmal einer Differenz oder lediglich ein aufregender Steckbrief für einen 'normalen' volkskundlich-ethnologischen Arbeitsalltag?
Ein unverwechselbares Gesicht hat das Institut trotzdem, nicht zuletzt wegen der methodischen und studientechnischen Neuerungen, die in Frankfurt als Modell des "forschenden Lernens" bezeichnet werden. Für alle Studierenden bildet ein mehrsemestriges Projekt den Mittelpunkt des Studiums, in dem sie an einer konkreten Fragestellung Methoden und Arbeitsweisen erproben können: (Standardisierte) Fragebögen, Befragungen in der Fußgängerzone, Experteninterviews, Lebensgeschichten, Mental Maps, Wahrnehmungsspaziergänge, (teilnehmende) Beobachtungen, Kartierungen, "Sicherung von Verhaltensspuren" usw. Emperie at it's best.
Noch ein Wort zur Zielsetzung des Frankfurter Institutes. Es ist entschlossen, die kulturanthropologische Arbeitsweise auf komplexe europäische Gesellschaften anzuwenden, ihr auf nationaler und europäischer Ebene ein neues Gesicht zu verschaffen und "Planungsmodelle kultureller Praxis" zu entwerfen, indem sie "prognostisches Vergleichsmaterial" zur Verfügung stellen. Zu dieser wichtigen Aufgabe gehört es, nach Frankfurter Einschätzung, an der "internationalen sozial- und kulturanthropologischen Theoriediskussion teilzuhaben", wobei die VerfasserInnen hier fragen, ob die nationale kulturwissenschaftliche Diskussion nicht auch ein ernstzunehmender Theorieschauplatz sein könnte.
Nicht aktuell ist in Frankfurt die Homepage im Internet und sowieso viel zu knapp. Das Institut wird personell kaum vorgestellt.
Hamburg - das Tor zur Welt?
Im Hamburger Institut für Volkskunde erhält ein neugieriger Mensch folgende Unterlagen: eine Studienordnung, ein KVV, zwei Broschüren zum Schwerpunktstudiengang Museumsmanagement und eine von Albrecht Lehmann verfaßte Fachdarstellung "Die Volkskunde", die als fester Bestandteil der Studieninformationen gehandhabt wird. Das zusammengeheftete Doppelblatt (warum nicht ein etwas stattlicheres Outfit?) ist in Büro und Bibliothek zu bekommen, wird aber auch bei der zentralen Studienberatung der Universität ausgegeben. Diese Fachbeschreibung bildet eine wichtige Ergänzung zur Studienordnung, da sie mehr über das Selbstverständnis der Hamburger Volkskunde erkennen läßt. Zunächst zur Studienordnung (1996), darin heißt es in § 2:
"Aufgabe der Volkskunde ist die Erforschung soziokultureller Zusammenhänge vornehmlich des eigenen Sprachgebiets. Dies erfordert den wissenschaftlichen Zugang von verschiedenen Seiten her und damit auch methodisch unterschiedliche Vorgehensweisen. Die in Hamburg bestehende Verbindung zu einem kulturhistorischen Museum (...) bedeutet keine Betonung eines bestimmten Akzents; Volkskunde wird die im Historischen, Sozialen und Wirtschaftlichen liegenden Bedingungen gleichgewichtig zu berücksichtigen haben."
Wer sich so behutsam ausdrückt, möchte sich vielleicht erstmal, was Zugang und Methode betrifft, noch nicht ganz festlegen, möchte keinesfalls zu sehr mit einem kulturhistorischen Museum identifiziert werden und möchte schließlich doch Wirkungsbereiche der sozio-kulturellen Zusammenhänge nennen: Geschichte, Gesellschaft, Wirtschaft. Diese Dreifaltigkeit bleibt im Weiteren im Dunkel, wird sie auch in § 6 desselben Papiers in 17 Themenkomplexe aufgegliedert. Eine alles-zu-erfassen-suchende Aufzählung empfohlener Studieninhalte, die von "Fach- und Forschungsgeschichte" über "Vermittlung und Kommunikation" bis zu "Sprache und sprachlicher Überlieferung" reicht und in ihrer Pauschalität den Studierenden keine Orientierung bieten kann. Indessen werden die dadurch vielleicht verunsicherten AnfängerInnen wenig später mit dem folgenden Satz wieder beruhigt, der entschiedene Hilfestellung im Studienalltag verspricht:
"Die Lehrveranstaltungen gelten neben der Behandlung von Fakten vor allem der Erreichung eines tieferen Einblicks in die Kulturproblematik einer komplexen Gesellschaft sowie der Förderung der Fähigkeiten, in diesem Feld selbst wissenschaftlich zu arbeiten."
Soviel zur Studienordnung. In der Fachbeschreibung "Die Volkskunde" (1995) klingt zunächst ein Fachverständnis an, das sich vor allem der."Alltagskultur" zuwendet:
"Das scheinbar Selbstverständliche unseres Lebens, wie wir unsere Zeit einteilen und dabei mit Sinn erfüllen, was wir zu bestimmten Anlässen als Nahrung genießen und als Kleidung tragen, wie wir unsere Wohnung einrichten, die Massenmedien und die Technik nutzen, die natürliche Umwelt und unseren eigenen Körper erfahren, wie wir uns grüßen, miteinander reden, feiern und streiten, all das unterliegt überindividuell gültigen Regelungen. Solche Lebensformen bestimmen unseren Alltag. Die Normen, Wissensbestände und Deutungsangebote, die den Menschen dabei helfen, ihr soziales Leben sinnvoll zu praktizieren, können als 'Alltagskultur' bezeichnet werden."
Im weiteren Verlauf des Papiers wird Kultur noch aus anderer Warte gesehen. Dabei ist wiederholt von Wandel, also von dem Prozeßhaften der Kultur die Rede, und es liegt besondere Betonung auf der Bedeutung des Individuums, das einerseits von der Kultur geschaffen wird und andererseits auf die kulturellen Objekte einwirkt. Das wird hier als "Doppelaspekt des Faches" beschrieben (in Frankfurt nennt man es "aktive Auseinandersetzung", in Basel "Wechelwirkung", in Tübingen und Marburg wird es uns als "Dialektik" begegnen). Um dieses komplizierte Verhältnis zwischen Mensch und Kultur zu erhellen, bedient man sich in Hamburg der "kulturwissenschaftlichen Bewußtseinsanalyse", für die ein breitgefächertes Methodeninstrumentarium eingesetzt wird (Beobachtungsverfahren und mündliche Befragungen neben archivalischer und Schachgüterforschung). Allerdings war von großer Methodenvielfalt in diesem Sommersemester weniger zu bemerken. Im Proseminar wurde das Einüben grundlegender Methoden und Verfahrensweisen angeboten, in einem anderen wurde archivalisch geforscht und schließlich stellte Norbert Fischer die interessante Frage, mit welcher Methode die subjektive Erfahrung von Landschaftsveränderung zu erforschen sei. (Hier ist übrigens anzumerken, daß Albrecht Lehmann ein Forschungsfreisemester hatte.)
Die eben erwähnten Lehrveranstaltungen präsentieren sich in einem großzügig und klar strukturierten 'Seminarinfo', das alle Semesterangebote ausführlich kommentiert, zusätzlich auf den ersten beiden Seiten sowohl wichtige Namen, Telefonnummern und Sprechzeiten nennt als auch die 'Neuen' auf die mehrtägige Orientierungseinheit hinweist. Dagegen wird schlecht informiert, wer sich auf die Institutsinformationen im Internet verläßt. Da wurden im Sommer immer noch die Veranstaltungen des Wintersemesters angeboten.
Eine Hamburger Besonderheit ist der Studiengang Museumsmanagement, der mit zwei gut gestalteten, inhaltsreichen Broschüren (allgemeine Informationen und Praktikumsbörse) den Hamburger Reigen der Institutspapiere bereichert. Der Studiengang läuft als Modellversuch bis 1999 und soll eine berufsorientierte Zusatzqualifikation vermitteln, die in allen kulturwissenschaftlichen Fächern studienbegleitend erworben werden kann.
Von der Namensgebung her hat das Hamburger Institut für Volkskunde nicht die Ambition, Europäische Ethnologie zu betreiben. Gleichwohl findet sich in der Selbstdarstellung eine deutliche Aussage dazu, die "kulturellen Entwicklungen in Europa und besonders in unserem Land forschend zu begleiten":
"Nach den politischen und sozialen Umbrüchen in Europa seit dem Jahre 1989 werden Fragen nach der ethnischen Zugehörigkeit, nach den sozialen Auswirkungen von kulturellen Bildern und Stereotypen für die Kultur- und Verhaltenswissenschaften in Europa wichtiger, als wir das vor 10 oder 15 Jahren erwartet hatten."
Schließlich wird Europa als ein Faktor genannt, mit dem sich in Hamburg die Volkskunde von der Völkerkunde abgrenzt, da sie das europäische Kulturgebiet nicht überschreitet. In der Gegenrichtung gibt es offensichtlich diese Abgrenzung nicht, die Hamburger Ethnologlnnen forschen durchaus in Europa, was zu einer weiteren Einschränkung für die Hamburger Volkskunde führt: Sie sollte...
" ... - in heuristischer Abgrenzung zur Ethnologie - ihr Erkenntnisinteresse vordringlich auf die Bewußtseinsformen richten, die in den sozialkulturellen Milieus der aus Deutschland stammenden Unterschichten verbreitet sind."
Wie auch immer Europa nun eingeschätzt wird in Hamburg; es war im vergangenen Sommersemester kein Thema.
Marburg: 'Ethnologisierung, Soziologisierung, Historisierung'
Von der Philipps-Universität Marburg erreichte uns ein Faltblatt mit Kurzinformationen der allgemeinen Studienberatung sowie eine auch unter Marburger Studierenden wegen ihrer Unleserlichkeit berüchtigte x-te Kopie einer Kopie der Studienordnung. Auf die Bitte nach einem KKV wurde auf die Web-Seiten des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften und Philosophie verwiesen, von wo aus die aktuelle Fassung heruntergeladen wurde. Es besteht keine Möglichkeit, über eine eigene Homepage des Instituts für Europäische Ethnologie und Kulturforschung an weitere Informationen zu gelangen. Allerdings findet sich neben einer Fachschaftsseite auch die gelungene Dokumentation der Ausstellung zum "Lippenstift". Mittels vieler eingescanter Fotografien kann man per Mausklick die Ausstellungsräume besuchen und auch einzelne Objekte aus der Nähe betrachten.
Der erste Blick in die Studienordnung (veröffentlicht im Amtsblatt des Hessischen Kultus- und Wissenschaftsministeriums 1984) läßt erkennen, daß neben allerorts üblichen Formalia auch in Marburg eine Definition des Faches und des Kulturbegriffes in Angriff genommen wird:
"Europäische Ethnologie beschäftigt sich in Marburg mit der Analyse von gruppenspezifischen Kulturprozessen europäischer - vornehmlich deutschsprachiger - Gesellschaften. Sie geht dabei von einem erweiterten Kulturbegriff aus, der die Wertorientierungen und Normensysteme verschiedener sozialer Gruppen in ihrer Zeitbezogenheit und in ihrem historischen Zusammenhang umfaßt. Europäische Ethnologie ist also eine Sozial- und Kulturwissenschaft auf historischer Grundlage mit dem Ziel, den dynamischen und dialektischen Ablauf von Kulturprozessen innerhalb von Gruppen und größeren Sozialsystemen zu verfolgen."
Auf den zweiten Blick könnte geschlossen werden, daß die Verwendung von Begriffen wie "Systeme" und "Gesellschaften" auf das Betonen der sozialwissenschaftlichen Ausrichtung des Instituts hindeutet. Die doppelten Verweise auf "historischen Bezug" oder "Prozeßhaftigkeit" widerlegen diese Annahme und verdeutlichen gleichzeitig, daß eine Ein- bzw. Abgrenzung vermieden werden soll.
Bei der genaueren Betrachtung des Kulturbegriffs muß allerdings auffallen, daß der gegenständliche Bereich keine Erwähnung findet. Im Verlauf der Studienordnung werden weitere, voneinander abweichende Kulturbegriffe verwendet. Erwähnung finden u.a. "freizeitorientierte kulturelle Bedürfnisse", "Kultur und Gesellschaft" oder "kulturelle Angebote (z.B. Theater, Oper)", wobei sicherlich jeweils ein anderes Verständnis von Kultur zugrunde liegt.
Das Faltblatt der Kurzinformationen richtet sich unseres Erachtens nur an Studieninteressentlnnen, also zur Erstinformation, da die fachbezogenen Aussagen nur eine stark verkürzte Version der Studienordnung darstellen. Neben den wichtigsten Adressen und Informationsangeboten wird besonders auf die späteren Arbeitsfelder der Absolventen hingewiesen, die, wie betont wird, auch den Schwerpunkt der Lehre bilden sollen.
Die Einbindung der Europäischen Ethnologie in den Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Philosophie und damit ein eher sozialwissenschaftliches Fachverständnis schimmert dennoch an verschiedenen Stellen der Unterlagen durch. So sind im Grundstudium alleine 3 Seminare zur empirischen Sozialforschung und Statistik vorgeschrieben. Diplomsoziologen bzw. Politikwissenschaftler können EE als ,.weiteres sozialwissenschaftliches" Prüfungsfach belegen. Außerdem ist die Anerkennung von EE- Scheinen als politikwissenschaftliche oder soziologische Studienleistung möglich.
Die ausschließliche Verwendung des Begriffes "Europäische Ethnologie" in allen untersuchten Unterlagen spiegelte sich nicht in den Seminarthemen des Sommersemester 1997 wider. Lediglich zum Elsaß wird eine Veranstaltung mit europäischem Touch angeboten, bei der ein deutlicher Bezug zur 'deutschen Heimat' nicht von der Hand zu weisen ist. Dort soll es z.B. um das Verhältnis von "deutschem Dialekt (Elsässisch) und deutscher und französischer Hochsprache" gehen, die Elsaßexkursion wird gemeinsam mit dem Fachbereich Germanistik durchgeführt.
Der diesjährige vom Marburger Institut ausgerichtete dgv-Kongreß zum Thema "Männlich."- "Weiblich." findet kaum Widerhall im Veranstaltungsangebot des Sommersemesters. Lediglich Jutta Buchner bietet ein Seminar zu "Technik und Geschlecht" an, ohne in der Vorankündigung einen Bezug zum Kongreß herzustellen. Auf dem Kongreß selbst hält Martin Scharfe den öffentlichen Abendvortrag, die Mitglieder des ausrichtenden Instituts halten sich bei den Sektionsvorträgen gänzlich zurück.
München: Modernes Volk
Die Beschaffung der Unterlagen des Instituts für Deutsche und Vergleichende Volkskunde gestaltete sich schwieriger als erwartet. Aus München erhielten wir zunächst ausschließlich die Unterlagen für den Nebenfachstudiengang Interkulturelle Kommunikation. Nach Rücksprache trafen nach und nach eine mehrseitige Studienordnung, ein Publikationsverzeichnis und das KVV in Form einer leider nicht ganz kompletten und aktuellen Ansammlung verschiedener Kopien in Hamburg ein.
Erst auf nachdrückliche Bitte wurde uns von der zentralen Studienberatung der Universität die zweiseitige Kurzinformation per Fax übermittelt, aus der dann aber fast alle wichtigen Stellungnahmen zum Fach selbst stammen.
Zum Stichwort 'Kultur' begnügt man sich hier mit dem Hinweis, daß "der Begriff Volkskultur [...] problematisch geworden [ist und ...] das Materialobjekt der Volkskunde heute besser (aber auch nicht ganz unproblematisch) mit Alltagskultur umschrieben" wird.
Weitaus umfänglicher zeigt sich an gleicher Stelle die Fachdefinition:
"Volkskunde ist eine Wissenschaft, die sich mit dem alltäglichen Leben breiter Bevölkerungskreise befaßt. Ihr Blick richtet sich auf deren kulturelle Äußerungen in Gegenwart und Vergangenheit. Sie fragt, warum das, was vielen ganz selbstverständlich erscheint, sich gerade so manifestiert: Wie die Menschen unseres Lebens- und Erfahrungsraums heute ihr Dasein gestalten und in den vor ausgegangenen Jahrhunderten gestaltet haben, Frauen und Männer, Arme und Reiche, werktags und sonntags, auf dem Lande und in den Städten, in schweren und guten Zeiten. Für was, wie und womit sie in unserer Zeit arbeiten, und wie sie früher gearbeitet haben, wie sie sich ernähren und kleiden, was sie erzählen und singen, wovon sie leben, wie sie wohnen, was sie glauben und wissen, wie sie mit Not und Gefahren fertig werden, wie sie feiern und wie ihr Zusammenleben funktioniert." (In: Kurzinformation der Zentralen Studienberatung der Ludwig-Maximilians Universität München, Stand: Juli 1996)
Diese Gegenstandsbeschreibung des Faches in München klingt zwar poetisch aber etwas veraltet. Der Eindruck einer modernen Kuturwissenschaft wird hiermit ebensowenig vermittelt, wie bei der Bestimmung der inhaltlichen Ziele im Hauptstudium durch die Aufteilung der Volkskunde in einen "materiellen und 'geistigen' Überlieferungsbereich".
Positiv muß hervorgehoben werden, daß in einem eigenen Abschnitt auf die Problematik der Verwendung des Wortes 'Volk' eingegangen wird. Andere Institute vernachlässigen dies komplett oder weisen z.B. unter Paragraph x der Studienordnung darauf hin, unter welchen weiteren Namen ihr Fach an anderen Hochschulen firmiert.
Ein Münchner Unikum stellt die 'Hauptseminaraufnahmeprüfung' dar, die trotz genau geregelter Zwischenprüfung zusätzlich als zweistündige Klausur abgelegt werden muß. Ebenso ist der Nachweis mindestens des 'Kleinen Latinums' in der Studienordnung zwingend vorgeschrieben, die Kenntnis zweier moderner Fremdsprachen wird demgegenüber nur als "wünschenswert" erachtet.
Weder in der Kurzinfomation der Zentralen Studienberatung noch im KVV wird 'Europa' in irgendeinem Zusammenhang erwähnt. Lediglich in der Studienordnung findet sich bezüglich der Studienziele die Feststellung, daß "das Studium der Volkskunde fundierte Kenntnisse im Bereich der Alltagskultur Europas, insbesondere Mitteleuropas, vermitteln" soll. Eine Begründung, warum sich der Schwerpunkt des geographischen Forschungsbereichs gegenüber vergangenen Epochen auf 'Mitteleuropa' ausgeweitet hat, bleibt aus, obwohl auf diese Weise im Zusammenhang mit der Aufführung des Adjektivs "deutsch" im Institutsnamen einige Verwirrung vermieden werden könnte.
Ein anderes Bild ergibt sich beim Blick auf den seit dem Wintersemester 1996/97 vom Institut für Volkskunde gemeinsam mit den Instituten für "Völkerkunde" und "Deutsch als Fremdsprache" durchgeführten Nebenfachstudiengang "Interkulturelle Kommunikation". Die Fachdarstellung schränkt das Forschungsgebiet nicht auf ein bestimmtes politisches Territorium ein, sondern hebt richtigerweise hervor, daß der "Gegenstand [...] das kommunikative interaktive Handeln von Menschen aus verschiedenen Kulturen und die aus der kulturellen Differenz entstehenden möglichen Kommunikationsprobleme in unterschiedlichen alltäglichen Zusammenhängen" ist. Im KVV wird dies voll bestätigt, wobei die besondere Gewichtung auf der Begegnung von 'Deutschen' mit anderen 'Europäern' zu liegen scheint.
Das Internet bietet keine Auskünfte oder Kontaktmöglichkeiten. Die bloße Existenz des Instituts kann digital lediglich über den namentlichen Hinweis auf der Institutsliste der Philosophischen Fakultät Altertumskunde und Kulturwissenschaften in Erfahrung gebracht werden.
Neben den Frankfurter Kulturanthropologlnnen zeigen sich die Münchner VolkskundlerInnen vorbildlich im Aspekt der Präsentation der veröffentlichten Arbeitsergebnisse. In einem gestalteten Publikationsverzeichnis wird die anfangs im Eigenverlag und mittlerweile bei einem renommierten Verlag erscheinende Reihe "Münchner Beiträge zur Volkskunde" ins rechte Licht gesetzt.
Zusammen mit dem Vorhaben die Ergebnisse des Proseminars "Kleidung als Zeichen" unter aktiver Beteiligung der Studierenden durch eine Ausstellung in der Volkskunde-Bibliothek vorzuzeigen, kommt durchaus Hoffnung auf, daß auch der kritisierte Teil der schriftlichen Außendarstellung eine Überarbeitung erfahren wird.
Zauberwort Kultur in Tübingen
Das Ludwig-Uhland- Institut (LUI) für empirische Kulturwissenschaft (KW) schickte einen fotokopierten Auszug aus einem fächerübergreifenden Vorlesungsverzeichnis und ein kleines, feines Informationsheft, welches einen detaillierten Studienplan, Merkblatt usw. enthält und mit diesem sowohl die essentiellen Inhalte des Faches als auch den nötigen Überblick vom ersten Semester bis zur Magisterprüfung vermittelt. Dem Studienplan, von der FBK im Juli 1973 beschlossen, ist anzumerken, daß das Fach nach seiner damaligen Umbenennung seine ganz eigenen Akzente setzen wollte. Mit sehr viel Gewissenhaftigkeit wird über die Rolle der Wissenschaft und die darin enthaltene Verantwortung der EKW für die Gesellschaft reflektiert. Den Studierenden wird rechtzeitig nahegelegt, sich "in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens möglichst rational zu verhalten" und der "Aufklärungspraxis der EKW" gerecht zu werden.
Kultur wird in Tübingen kurz als "die andere Seite von Gesellschaft" definiert, was eine enge fachliche Beziehung zur Soziologie mit sich bringt. Man sieht sich auch als Brückenbauer zwischen den sozialwissenschaftlich und geisteswissenschaftlich konstituierten Fächern und definiert sich so:
,Gegenstand der EKW [ist die] Erforschung kulturaler Objektivationen und der zugehörigen Haltung der Menschen (vor allem in den unteren Schichten) in ihren historischen Wandlungen. EKW rückt diese Ansätze konsequent in den sozialwissenschafilichen Horizont: sie analysiert kulturale Werte in ihrer dialektischen Beziehung zur ökonomischen Basis sowie die Vermittlung von kulturalen Werten (einschließlich der Ursachen und Begleitprozesse von Vermittlung) in Objektivationen (z.B. Gütern, Normen, Bräuchen) und Subjektivationen (z.B. Meinungen, Einstellungen, Glauben, Wissen)."
Der Einwand an dieser Stelle, diese Fachdefinition sei 24 Jahre alt und eventuell nicht mehr voll gültig, ist berechtigt, und tatsächlich drückt sich die halbseitige Kurzbeschreibung, die dem KVV vorangeschickt ist, weniger marxistisch, weniger komplex aus. Da ist nicht mehr von "dialektischer Beziehung zur ökonomischen Basis", nicht mehr von "Vermittlung kulturaler Werte", nicht mehr von "Objektivationen und Subjektivationen" die Rede:
"Empirische Kulurwissenschaft, aus Ansätzen des Faches Volkskunde entwickelt, hat die Erforschung kultureller Phänomene der Gegenwart und der Vergangenheit mit Hilfe sozialwissenschaftlicher Methoden zum Ziel. Im Gegensatz zu vielen speziellen Kulturwissenschaften konzentriert sie sich nicht auf die oberschichtliche Kultur, sondern auf Kultur und Lebensweise der breiten Massen. EKW betont die Alltagsperspektive."
Aus den "unteren Schichten" sind "die breiten Massen" geworden, und erhalten geblieben sind die "sozialwissenschaftlichen Methoden", die an keiner Stelle des Merkblattes ausführlicher benannt werden als: "verschiedene empirische Techniken" oder: "exakte empirische Methoden". Ob man die in den Kommentaren zu den Sommersemesterveranstaltungen genannten Methoden als 'exakt' bezeichnen kann? Wir fanden Feldforschung, das Studium von Archivalien und die Quellenanalyse von Reisetexten und Fotografien vor.
Eine gewisse Distanzierung zu den Kulturwissenschaften und zur Volkskunde, aus deren "Ansätzen" sich das Fach entwickelt hat, läßt sich aus der aktuelleren Fachbeschreibung durchaus herauslesen. Aber schon 1973 war da keine völlige Abkehr, man betonte, "die Fäden zur Vergangenheit des Faches" nicht durchschneiden zu wollen, nur die Fragestellungen zu verändern. In jüngerer Zeit haben sich diese Fäden von beiden Seiten aus wohl wieder enger verknüpft, denn erstens verstehen sich (mittlerweile) auch viele andere Institute als sozialwissenschaftlich, und zweitens enthält das Tübinger Programm in den Veranstaltungen des Sommersemesters viele ausgesprochen kulturwissenschaftliche Ansätze. Da werden zwei Veranstaltungen zu Kulturtheorien angeboten und Begriffe wie Ethnizität, "Cultural Turn", kulturelle Identität diskutiert, da plädiert Gottfried Korff für "Kulturthematisierung in den EKW", da wird die Kulturanthropologie als Deutungshilfe herangezogen usw. Es wird auch kritisch die Frage gestellt, ob "Kultur" in einer "Legitimationskrise der Geistes- und Sozialwissenschaften" zu einer "Zauberformel" gerate (Friedemann Schmoll).
Zwei Bereiche sind in Tübingen überhaupt kein Thema: Europa und eine Präsentation im Internet.
Und Wien bleibt Wien.
Das Institut für Volkskunde der Universität Wien beantwortete unsere Anfrage mit der Zusendung nur einer einzigen, dafür aber sechzig Seiten starken Publikation mit dem Titel: "Volkskunde. Ethnologia Europaea. Leitfaden für Studierende & Kommentiertes Vorlesungsverzeichnis. Sommersemester 1997". Diese semesterweise aktualisierte Broschüre beinhaltet neben dem KVV, den Studien- und Prüfungsordnungen noch zahlreiche Hinweise auf die Institutsmitglieder, Sprechstunden, Bibliotheken, Auslandsaufenthalte und Stipendien sowie Empfehlungen für Gaststudentlnnen.
Einer halbseitigen Darstellung der Fachgeschichte folgt eine allgemeingehaltene und unverfängliche Fachdefinition. Zwar wird auf Grund des sich mit anderen Disziplinen überlappenden Gegenstandsbereichs darauf verwiesen, daß das spezifisch Volkskundliche in den Methoden zu finden ist. Aber anstatt darauf genauer einzugehen, wird wenig konkret erklärt, daß VK
"ihre Aufgabe in der Beschreibung und Analyse der Kulturformen und Lebensstile breiter Bevölkerungsschichten in ihrem alltäglichen Zusammenhang in Vergangenheit und Gegenwart"
sieht.
Die anschließende Aussage zum Kulturbegriff vermeidet die schwer zu fassende Formulierung 'breiter Bevölkerungsschichten':
"Ein erweiterter Kulturbegriff der Volkskunde umfaßt dabei sämtliche Formen kultureller Praxis im gegenständlichen sowie im symbolischen Bereich".
Die in der knapp gehaltenen Fachdefinition nicht weiter erläuterten volkskundlichen Methoden sind dann aber in den Kommentaren des Vorlesungsverzeichnisses trotzdem häufig zu finden. So werden wider Erwarten bei den Vorankündigungen zu mindestens sieben Veranstaltungen beispielsweise "qualitative Interviews" oder "teilnehmende Beobachtung und narrative Interviews" explizit erwähnt. Positiv soll ebenfalls hervorgehoben werden, daß nur in Wien, neben Hamburg und Tübingen, eine Veranstaltung zur Vorbereitung des dgv-Kongresses in Marburg ausgeschrieben wurde. Zur Teilnahme an diesem Institutskolloquium sind ausdrücklich, neben den DozentInnen auch die Studierenden aller Semester aufgerufen; der Hinweis auf den jeweils im Anschluß stattfindenden "Stammtisch" ist selbstverständlich auch in das KVV aufgenommen.
Wiener Einigkeit ist bei der Namengebung des Faches und seiner Institutionen nicht auszumachen. Wird vom Institut gesprochen, so firmiert es unter der Bezeichnung Volkskunde, aber schon die Broschüre trägt den in Österreich nicht selten anzutreffenden Klammerzusatz "Ethnologia Europaea". Die im Studienplan verwendete Bezeichnung "europäische Volkskunde" (ebenso: "Volkskultur europäischer Regionen") bietet eine weitere Variante, aber wohl kaum eine ernstzunehmende Alternative, da die Übertragung eines schon seit einer Weile verabschiedeten Volksbegriffes auf ganz Europa nicht zeitgemäß erscheinen kann.
Das Institut für Volkskunde hat bislang darauf verzichtet sich auf dem WWW-Server der Universität Wien eine eigene Homepage einzurichten. Die VeranstaltungsTitel des laufenden Semesters lassen sich lediglich über das Online-Gesamtvorlesungsverzeichnis der Universität herausfinden. In der nicht-digitalen öffentlichen Präsentation sind hingegen größere Anstrengungen erkennbar. Dazu zählt beispielsweise die Photodokumentation des Proseminars zur "Volkskunde Österreichs", dem sich auch eine Ausstellung anschließen soll oder auch die angestrebte Publikation der Forschungsergebnisse des Seminars zur "Sargfabrik".
Insgesamt betrachtet bietet die vom Wiener Institut zur Verfügung gestellte Broschüre in erster Linie StudienanfängerInnen die Möglichkeit einer vorbehaltlosen Erstannäherung an das Fach, die im Detail soweit reichen kann, daß im hinteren Teil des Leitfadens schon die ermäßigte Mitgliedschaft im Verein für Volkskunde oder etwa die Teilnahme an der jedes dritte Jahr stattfindenden "Österreichischen Volkskundetagung" empfohlen wird. Einem möglichen Anspruch, auch für eine weitere Öffentlichkeit die Relevanz volkskundlichen Lehrens und Forschens plausibel zu erklären, wird dabei nicht nachgegangen.
Quo vadis, Katrin?
Auf den vorangegangenen Seiten haben wir die Eigenheiten der verschiedenen Institute benannt und auch mal ein bißchen 'auf die Schippe zu genommen', wenn es uns angemessen erschien. Zum Abschluß dieses Artikels wollen wir uns die herausgefundenen Unterschiedlichkeiten, aber vor allem die Gemeinsamkeiten in einer resümierenden Gesamtschau vergegenwärtigen. Zunächst einige Punkte, die bei den Einzelvorstellungen nicht, oder nur kurz, benannt wurden.
Ein Vergleich den Studienaufbau betreffend gab zu erkennen, daß sich bei allen Studienordnungen die Einteilung in Grund- und Hauptstudium mit den entsprechend zugeordneten Seminaren durchgesetzt hat. Dabei wird den Studierenden mal mehr und mal weniger Freiheit der Entscheidung zugebilligt oder zugemutet. Alle Institute weisen den ersten Semestern Einführungen in das Fach und Methodenübungen zu. Wo auf Projektstudium Wert gelegt wird, kann diese Phase den Übergang zwischen Grund- und Hauptstudium überlappen. Die vorgeschriebene Zwischenprüfung ist als Gespräch, mündliche Prüfung, Klausur oder Hausarbeit disponiert.
Berufsbilder und -chancen, wie sie den Interessierten dargestellt werden. unterscheiden sich in ihren Schwerpunkten, aber im wesentlichen orientieren sich alle Studiengänge an den bekannten Berufsfeldern: Medien, Museen, Forschung, Planung. Manchmal wird es etwas ausführlicher, dann werden Kunsthandel, Tourismus, Bibliotheken, Erwachsenenbildung oder öffentliche Kulturarbeit aufgezählt. In Frankfurt und Berlin denkt man an Siedlungs- und Regionalplanung, Entwicklungshilfe, Ausländerlnnenarbeit und Beratungstätigkeit in Unternehmen. Allen Instituten kann man unterstellen, daß sie die wesentlichen Kompetenzen für eine spätere Berufspraxis vermitteln wollen. Die einen, wie Basel, empfehlen dafür eine breitangelegte Ausbildung, andere, wie Marburg, schreiben neben dem allgemeinen Fachstudium ein Schwerpunktstudium vor. Die Chance eine Stelle zu bekommen, wird nirgends besonders rosig dargestellt, deshalb erstaunt es, daß Praktika, die einen wichtigen Anteil daran haben, einen Fuß in das Berufsleben zu bekommen, nur in Hamburg ausdrücklich als Teil der Studienordnung verlangt werden ("obligatorisch mit Arbeitsbericht"). Zwar reichen die Hinweise bei den anderen von "förderlich" bis "dringend empfohlen", aber es wird zumindest laut unseren Quellen keine Hilfe bei der Suche in Aussicht gestellt. (Aus gut informierten Kreisen wissen wir, daß Marburg sogar einen Praktikumsbeauftragten hat.)
Dem diesjährigen Volkskundekongreß wurde in den Veranstaltungen des Sommersemesters nur bedingt Aufmerksamkeit geschenkt. Selbst Basel, das mit einer hochkarätigen Referentin auf dem Kongress vertreten ist und "frauenspezifische Fragestellungen" ausdrücklich als Forschungsschwerpunkt nennt, brachte nur einen kurzen Hinweis in der Institutszeitschrift, bot den Studierenden sonst keinerlei thematische Vorbereitung an. Auch Berlin, Frankfurt, München zeigten wenig Engagement. An übrigen Instituten dagegen wurden zur Vorbereitung Kolloquien oder Seminare angeboten, die den Begriff 'Geschlecht' zu allerlei Bereichen in Beziehung setzten, allerdings nicht immer einen Kongreßbezug herstellten.
Die historische Dimension, die Einbeziehung geschichtlicher Prozesse und Zusammenhänge in die aktuelle Forschung wird in den Grundsatzpapieren von allen Instituten für wesentlich erklärt, dennoch fiel überall, besonders in Frankfurt, eine ausgesprochene Gegenwartsbezogenheit auf. Das 'Forschen im Hier und Heute' könnte spekulative Rückschlüsse auf die Ansprüche zulassen, die die Fächer in Bezug auf gesellschaftspolitische Relevanz an sich selbst stellen. Es gibt aber auch einige explizite Aussagen zu dieser Frage: So will Frankfurt "Planungsmodelle kultureller Praxis" entwickeln; Hamburg gibt sich bescheidener und möchte an der Lösung sozialer Probleme mitwirken; Basel formuliert es noch vager, indem es sagt, der Bezug zur Praxis und zu aktuellen Problemen ergebe sich von selbst. Da klingen die Anstrengungen der BerlinerInnen noch am ehesten umsetzbar, die ihre Aufgabe darin sehen, durch interdisziplinäre Zugänge zu sozialen und kulturellen Entwicklungen übergreifende Perspektiven zu finden. Nur am Rand sei noch Wien erwähnt, das zu seinem Anspruch keine allgemeine Aussage macht, aber Dieter Kramer im Sommersemester die Frage stellen ließ, wie eine "zukunftsfähige Kultur" aussehen könnte.
Neben der 'Kultur', die sich in allen behandelten Fachbeschreibungen so oder so finden läßt, existiert ein weiteres Forschungsfeld, das alle Institute wunderbar vereint und keine Zweifel aufkommen läßt, daß wir dasselbe Fach meinen: der Alltag. Zusammengesetzt und abgewandelt, substantivisch und adjektivisch, in Gegensätzen und Ergänzungen - ER ist da. Während ihn die einen ostentativ in ihren Grundsatzpapieren benennen und ins Zentrum ihrer Forschungsarbeit rücken, wird er bei den anderen zunächst ausgeklammert, taucht dann aber doch, wie in Frankfurt und Marburg in den Veranstaltungskommentaren auf. Wir schließen daraus, daß bei aller definitorischen Unsicherheit des Alltagsbegriffes, er doch eine gemeinsame Forschungsperspektive impliziert.
Die Themen, um die man sich in diesem Sommersemester Gedanken machte, zeigen in ihrer Vielfalt, wo die Stärke unseres Faches liegt. Und sie lassen sich dennoch unter einer kleinen Anzahl gemeinsamer Überschriften zusammenfassen: Kulturtheorien, die Stadt und ihre Erscheinungen, der menschliche Körper, Natur und Landschaft, Museumsproblematiken. Auch wenn bei dieser groben Kategorisierung einige Einzelthemen herausfallen, eine Einheitlichkeit der Fragestellung von Berlin bis Basel, von Hamburg bis Wien ist nicht zu übersehen.
In der Präsentation ihrer wissenschaftlichen Ergebnisse differieren die Institute, wie wir zum Teil schon aufgezeigt haben. Während die einen "kontinuierliche Dokumentation von Forschungsergebnissen" zu ihrem Gründungsprofil zählen (Frankfurt) und institutseigene Schriftenreihen herausgeben (auch München und Berlin), erscheinen andere wesentlich zurückhaltender. Da gibt es dann nur versteckte Hinweise auf Publikationen, die nirgends zusammenhängend erwähnt, geschweige denn, als Reihe benannt werden (Hamburg, Tübingen). Da freut es denn um so mehr, daß sich aus vielen Veranstaltungskommentaren Vorhaben wie Buchpublikationen, Ausstellungen, Photodokumentationen oder sogar Filme erkennen lassen.
Das ist also der eine Aspekt: die Vermittlung von Arbeitsergebnissen. Der andere zeigte sich im Verlauf dieses Artikels immer wieder: die Visitenkarte des Institutes selbst. Wie einheitlich, verständlich, übersichtlich, lesbar oder widersprüchlich sind die Papiere? Wen sprechen sie an und wer fühlt sich informiert? Welches Selbstbild vermittelt ein Institut? Hierauf sind Antworten gegeben worden, die hier nicht wiederholt werden sollen. Nur eins: Äußerlichkeiten sind, auch in Zeiten digitaler Kommunikation, nicht gering zu bewerten. Von der gutgedruckten Broschüre bis hin zur Briefkarte mit Institutsadresse sahen wir nachahmenswerte Präsentationsformen. Auch der An- oder Abwesenheit im Internet, auf die wir jeweils hinwiesen, kommt Bedeutung zu. (In diesem Zusammenhang kam der Gedanke auf, ob die Studierenden eine Art 'elektronischen Marktplatz' einrichten könnten, um in der neuen Arbeitsform der 'nicht-lokal-gebundenen Gruppen' zusammenzuarbeiten.)
Fast alle Institute weisen in ihren Papieren auf Europa und Globalisierung hin, nennen folgerichtig Europa ihr Forschungsfeld. Zu diesem Verständnis der Europäischen Ethnologie möchten wir folgendes feststellen: Es ist doch nicht wirklich das ganze Europa als geografisches Gebiet, das uns zur Forschung anregt, sondern es sind die Phänomene unserer eigenen Lebenserfahrungen, die wir wahrnehmen und untersuchen. Unsere eigene Kultur wird erforscht und das damit Vergleichbare. Europäische Ethnologie sollte also eine vitale Zusammenarbeit verschiedener Kulturwissenschaftlerlnnen bedeuten, die sich in nicht-hierarchischen Netzwerken überregional und europäisch, vielleicht sogar global verständigen können. Diese Kooperation kann schon auf der studentischen Ebene beginnen, indem im Rahmen von Erasmus- bzw. Sokratesprogrammen internationaler Austausch gefördert wird. Diese wertvolle Aktivität wird bisher nur in Tübingen, Wien und Frankfurt ausdrücklich gefördert.
Zu guter Letzt sei gesagt: Wenn es auch einigen Instituten (zu Recht) um ihre Unverwechselbarkeit zu tun ist und von manchen SkeptikerInnen daraus auf eine Krise des Faches geschlossen wird, kann, wer die vorausgegangenen Kulturdefinitionen und Fachbeschreibungen gelesen und verglichen hat, nur zu dem Schluß kommen: Wirklich trennende Unterschiede im Fachverständnis gibt es nicht. Wohlan denn, Katrin!
Der Geschäftsführende Direktor des Instituts für Volkskunde, 01. November 1997. Impressum.