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Universität - Fachbereiche und wiss. Einrichtungen - FB Kulturgeschichte und Kulturkunde

»Die Stadt, der Wald und das Fremde«.
Tage der Forschung 1997

Leonie Koch-Schwarzer

Der folgende kleine Rückblick ist den volkskundlichen Aktivitäten während der »Tage der Forschung 1997« gewidmet. Er stellt zugleich einen Ausblick auf die im Jahr 1998 seitens der Instituts für Volkskunde, Hamburg, organisierten bzw. geplanten Tagungen zu den Themen »Kulturwissenschaftliche Sichtweisen auf die Stadt« bzw. »Der Wald als kultureller Erfahrungs- und sozialer Handlungsraum« dar.

Am 24. und 25.11.1997 fanden - zum dritten Mal überhaupt an der Universität Hamburg - die »Tage der Forschung« statt. Nach den Naturwissenschaften Physik (1995) und Chemie (1996) präsentierte sich der Fachbereich Kulturgeschichte und Kulturkunde der Universität Hamburg der Öffentlichkeit. Die Forschungstage standen unter dem - aus laufenden Forschungsprojekten bzw. -schwerpunkten zusammengewürfelten - Oberthema »Die Stadt, der Wald und das Fremde«. Die Initiative zu dieser bundesweiten Veranstaltungsidee, die dazu dienen soll, die wissenschaftlichen Leistungen an ein breiteres Publikum zu vermitteln, war von der Hochschulrektorenkonferenz ausgegangen. Mit dieser Selbstdarstellung soll mehr Verständnis für Forschungsaufgaben und Forschungsleistungen der Universitäten in der Öffentlichkeit erreicht werden - nicht zuletzt auch Verständnis für die dafür notwendigen finanziellen Aufwendungen.

Doch zunächst zum äußeren Rahmen der Forschungstage. Sie gliederten sich wiederum in die Hamburger »Universitätstage«, d.h. die Informationstage und das Schnupper-Studium für SchülerInnen und angehende Studierende, ein.

Den Anfang machte deshalb die alljährliche - Einführungsveranstaltung zum Thema ›Studium der kulturwissenschaftlichen Fächer‹. Hier vertrat Brigitta Schmidt-Lauber - als neue Assitentin in Hamburg - die Volkskunde in würdiger Weise. Würdig, weil andere FächervertreterInnen durch knapp angebundenes Desinteresse oder verschwafeltes Monologisieren ›glänzten‹, das weniger der knappen Einführung in Studieninhalte und Studienbedingungen als der Selbstpräsentation diente.

Im Anschluß wurde eine - kleine - Ausstellung (Forschungsprojekt-Poster und wenige Vitrinen) eröffnet. Die zur Eröffnung dieser Ausstellungselemente allemal nicht in großer Zahl erschienene »Öffentlichkeit« (ich hatte den Eindruck, nur ›uni-internes‹ Publikum war anwesend) wurde zudem von äußerst mißglückten Eröffnungsreden des Vizepräsidenten und des Fachbereichsdekans nur mühsam »bei der Stange« gehalten. Mißglückt waren diese Reden übrigens nicht unbedingt wegen des Inhaltes, sondern primär wegen des Ambientes, denn es war hierfür ein wahrlich »öffentlicher« Raum gewählt worden: Das Treppenhaus des Universitäts-Hauptgebäudes. Sehr sinnvoll, um ein größeres Publikum anzusprechen, standen dort die Plakatstellwände und Vitrinen. Wenig sinnvoll war das Treppenhaus jedoch als Ort der Ansprachen, denn die Öffentlichkeit machte sich hier vor allem durch einen überbordenden Lärmpegel derjenigen bemerkbar, die mit allen möglichen Interessen (und Gesprächsthemen) Treppen und Flure eilenden Schrittes und anderen Zieles durchmaßen. - Ergo, von den Reden war kein Wort zu verstehen! Die Anwesenden widmeten sich schließlich erlöst dem schweigenden (oder dialogischen) Studium der Poster etc.

Die »Öffentlichkeit« hatte aber ja noch andere Chancen, sich »zuhörend« zu informieren. Ein Programm zur Teilnahme an »Öffentlichen Lehrveranstaltungen« - auch in der Volkskunde - und verschiedene wissenschaftlich geleitete Stadtrundgänge boten vielfältige Möglichkeiten, sich ein Bild über die diversen Forschungsschwerpunkte des Fachbereichs zu machen.


Außerordentlich präsent war die Volkskunde mit vier Vorträgen in den verschiedenen Veranstaltungs-Reihen vertreten - ein Faktum, das in der Berichterstattung seitens der Pressestelle der Universität aber keinerlei Erwähnung fand. Sollte etwa der/die BerichterstatterIn - weniger engagiert als die Vortragenden - nur den ersten von vier Abendvorträgen am 24.11.1997 zum Thema »Wald« gehört haben (vgl. Uni-HH 1/98, S.29; - zumal der archäologische Vortrag unter dem gezwängelten Titel »Vom Wald zur Wüste« unter gänzlichem Mangel jeglichen Waldes selbst in der neolithischen Zentralsahara litt)?

Der Abend des 24.11. stand dann gleichwohl doch unter dem ›Sternzeichen‹ des Waldes - seitens der Volkskunde nämlich. Albrecht Lehmann und die Mitarbeiter Klaus Schriewer und Helga Stachow des DFG-Forschungsprojektes »Zur kulturellen Bedeutung des Waldes« berichteten über empirisch gewonnene Forschungsergebnisse.

Albrecht Lehmann (Vortragstitel: »Politische Sagenbildung - Hakenkreuzwälder«; letzteres Wort war im offiziellen Programm-Handout der »Universitätstage« signifikanterweise unterschlagen!) arbeitete anhand von biographischen Erzählungen über (ehemals) real-existierende Hakenkreuzwälder (farblich sich abhebende Baumpflanzungen in Hakenkreuzform, i.d.R. nur aus der Luft zu erkennen, und auch dies ggf. nur in bestimmten Jahreszeiten) und über fiktive, d.h. scheinbare, aber weder historisch noch forstwirtschaftlich belegbare Hakenkreuzwälder eine provokante These heraus: Die Erzählungen und narrativen Interpretationen über fiktive Hakenkreuzwälder stellten eine negative Identifikation mit dem ›Mythos des Bösen‹ dar. Lehmann vermutet als mögliche ›Auslöser‹ dieser relativ ›jungen‹ Erzähltraditionen gesellschaftliche Einflüsse, z.B. solche der (vergangenheitsbewältigenden) Bewegung »Geschichte von unten«, aber ebenso auch starke Einflüsse der ›investigativen‹ Medien.

Klaus Schriewer stellte einen Aspekt seines Habilitationsprojektes unter dem Titel »Freizeit im Wald« vor. Er befaßte sich mit den Stereotypen, den landläufigen Bildern und Vorstellungen über »den« Wald, die immer »Natur«-Bilder in Kontrastierung zu »Kulturlandschaft« verbalisierten. Er konnte aufzeigen, daß diese Bilder (z.B. die »lichtdurchfluteten Dome des Buchenwaldes« oder der »finstre Tannenwald«) nur wenig mit der historischen oder forstwirtschaftlichen Realität der Wälder gemein haben. Als kulturelle Konstrukte seien sie vielmehr geprägt durch ikonographische und literarische Traditionen der Romantik. Anschließend problematisierte er den Umschwung, der in der Forstwirtschaft vom »klassischen« Kahlschlag hin zur »naturnahen« Bewirtschaftung stattgefunden hat. Das moderne »Naturwaldbild« identifizierte er einerseits ebenfalls als kulturelles Muster, welches sich auf ein »naturwissenschaftliches Urwaldbild« beziehe. Andererseits löse diese Walderscheinung Irritationen und eine Wahrnehmungskrise in der Öffentlichkeit aus, da der Wald nun nicht mehr »sauber und ordentlich« sei.

Auch Helga Stachow trug aus ihrem Forschungsschwerpunkt vor. Der Vortrag »Prominente - Freunde - Pflegefälle. Bäume als Menschen« behandelte die anthropomorphisierende Deutung von Bäumen durch Menschen in der Großstadt. Anhand der sechs Kategorien Körper, Lebenslauf, Persönlichkeit, Geschlecht (Sex bzw. Gender), Sozialwesen und Tod zeigte sie anhand von verschiedenen Quellengruppen, daß und wie die Interpretation von Bäumen als Individuen erfolgt. Die Kategorien »Prominente«, »Freunde« und »Pflegefälle« deuten Bäume als »Beziehungstypen«. Erfahrungsgeschichtlich nach der kulturellen Be-Deutung von Bäumen fragend, identifizierte Stachow die Anthropomorphisierung als zeitgeschichtlich geprägte und sozial bedingte Deutung der Natur.

Thomas Hengartner nahm schließlich am 25.11.1997 als Gastreferent bei dem kunsthistorischen Graduiertenkolleg »Politische Ikonographie« - mit dem Vortrag »›Die Stadt im Kopf‹. Mentale Stadtbilder« an der Veranstaltung »Kulturwissenschaft im Warburg-Haus« teil. Er berichtete aus seinen langjährigen Forschungen, mittels des praktischen Verfahrens des »mental mappings« zur Theorie der Urbanität beizutragen. Während auf der Makroebene z.B. historische Stadtansichten Parameter der Urbanität, die heute auch wissenschaftliche Theorien beeinflußten, ikonographisch faßten, böten kognitive Stadtpläne einen Forschungszugang auf der Mikroebene. Als Textualisierungs-, Reduktions-/Abstraktions-, Selektions- und Symbolisierungsleistungen seien mittels der »mental maps« - quellenkritisch-methodisch ausgewertet - kulturgebundene Wahrnehmungsweisen von »Stadt« erschließbar.

 

Soweit zu den seitens der Volkskunde gehaltenen Vorträgen. Dieser Bericht kann aber nicht schließen ohne eine Kritik am medialen Umgang mit diesen »Tagen der Forschung«. Diese sollen, wie oben schon bemerkt, die Forschung aus der Universität heraus in die Stadt, in die Öffentlichkeit tragen. Sowenig wie bei der Ausstellungseröffnung war aber auch bei den Vorträgen »die Öffentlichkeit« in Form eines zahlreichen Publikums vorhanden. Eine solch löbliche Initiative wie die Forschungstage aber kommt ohne dezidierte PR, ohne umfassende Presseinformation, ohne gut aufbereitetes Informationsmaterial erst gar nicht in die Medien und »an's Volk«. Gerade die Aufforderung an die stets, v.a. in Hinsicht auf ihre Finanzierung, unter Legitimationsdruck stehenden Kulturwissenschaften, die 1997er Veranstaltung als Präsentationsforum zu gestalten, aber auch zu nutzen, hätte seitens der Organisatoren und ebenso seitens der Universität mehr Engagement für eine breitenwirksame Aufbereitung (und Nachbereitung) wünschen lassen. So aber hat der »Elfenbeinturm« seine Stabilität bewiesen, bleiben vermeintliche »Orchideenfächer« auch ebensolche - und zudem unterbudgetierte!


Wie man hier effektiver vorgehen kann, möchten die Ausrichter des vom 8. bis 10.5. 1998 im Warburg-Haus stattfindenden Rundgesprächs »Kulturwissenschaftliche Sichtweisen auf die Stadt« (vgl. folgende Seiten) zeigen. Ebenso Verantwortliche und MitarbeiterInnen des von der DFG geförderten Projekts »Lebensstichwort Wald«, das Ende August 1998 auslaufen wird. Zu dessen Abschluß ist für Dezember '98 eine interdisziplinäre Arbeitstagung unter dem Titel »Der Wald als kultureller Erfahrungs- und sozialer Handlungsraum« geplant. Ziel ist es, zum ersten Mal die volkskundliche Waldforschung mit forstwirtschaftlichen, kunstgeschichtlichen und historischen Zugängen zusammenzuführen und weitere Forschungsperspektiven zu entwickeln. Vom Gegenstand wie von den verwendeten Methoden ist das Symposium daher auch gedacht als ein erster Beitrag zum DGV-Kongreß 1999 »Kultur - Natur«.

 


Der Geschäftsführende Direktor des Instituts für Volkskunde, 19. April 1998. Impressum

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