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ISCHERS FRITZE FISCHTE FRISCHE FISCHE. ELBTISCHEREI IM LANDKREIS HARBURG.
Nils Kagel
Grüne, von schnurgeraden Gräben durchzogene Weiden, die sich in die Ferne erstrecken; dazwischen kleine Dörfer, die sich an den Elbdeich schmiegen. Dieses Bild prägt die Winser Marsch. Wenn man Glück hat, erblickt man einen einzelnen Fischer bei seiner Arbeit auf dem Elbstrom. Kaum vorstellbar, daß dieses Gewerbe über Jahrhunderte hinweg hier vielen Menschen Arbeit und Brot verschaffte. Bis vor kurzem war auch für mich die Fischerei in dieser Region ein dunkler Fleck. Vor ein paar Jahren aber erwarb das Freilichtmuseum am Kiekeberg den Nachlaß eines Fischers aus Bullenhausen. Im Rahmen eines museologischen Seminars am IfVk, an dem auch ich teilnahm, wurde dieser Nachlaß inventarisiert. Damals wußte eigentlich keiner so recht, womit wir es zu tun hatten. Zwischen alten verotteten Fischernetzen, rostigen Angelhaken und verschlissenen Kleidungsstücken fanden sich Gegenstände, die uns zunächst Rätsel aufgaben. Die vielen unbekannten Dinge weckten mein Interesse, und im Laufe der folgenden Jahre ließ mich das Thema Elbfischerei nicht mehr los. Nun ist es zur Grundlage meiner Magisterarbeit geworden.
Bei meiner Suche nach Material für die Arbeit habe ich bald feststellen müssen, daß zwar über die Elbfischerei im Allgemeine und Finkenwerder im Speziellen recht viel geschrieben wurde. Was sich jedoch oberhalb Harburgs auf der Elbe abgespielt hatte, interessierte offenbar fast niemanden. Lediglich ein Artikel aus den 30er Jahren beschäftigte sich ausführlicher mit der Fischerei auf der Oberelbe. Hin und wieder finden sich auch in Orts- und Heimatchroniken einige Seiten über das Thema. Das ältere Quellenmaterial wurde in diesen Publikationen eigentlich schon recht ordentlich aufgearbeitet, während für das 19. und 20.Jh. noch erhebliche Lücken klaffen. Bedenkt man die Vielzahl an Fragen, die man bearbeiten könnte, dann mag dies nicht verwundern. Fragen gibt es nicht nur zur engeren Lebenswelt der Fischer (Fischereigeräte und -techniken, Wohnverhältnisse etc.), sondern auch zu ihrem sozialen Umfeld (Einordnung in die dörfliche Gemeinschaft. Beziehungen zu anderen Regionen, kulturlandschaftliche Sonderungen u.a.). Um die Verhältnisse, in denen die Fischer lebten, überhaupt verstehen zu können, sind außerdem rechtshistorische und territorialpolitische Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Da die bisher erschienenen Veröffentlichungen alle Fragen nur unzureichend beantworten, sich teilweise sogar widersprechen, ist mir Archivarbeit nicht erspart geblieben. Ich habe mich dabei auf die Zeit nach 1866, d.h. der Zeit, nachdem Hannover preußische Provinz wurde, beschränkt. Diese Eingrenzung hat das Quellenmaterial auf ein erträgliches Maß schrumpfen lassen.
Ich will zunächst eine kurzen historischen Abriß geben, der vielleicht verdeutlicht, wie problematisch eine Aufarbeitung des Themas Fischerei für den Landkreis Harburg ist. Das Ganze beginnt im Mittelalter, als die Städte sich zu Zentren von Handel und Handwerk entwickelten und ihr Bedarf an landwirtschaftlichen Gütern stieg. Immer mehr Landbewohner in der Umgebung Hamburgs ergriffen deshalb die Chance im Fischereigewerbe, denn die Stadt bot ihnen einen sicheren Absatzmarkt. Die Elbe war damals ein sehr fischreiches Gewässer, doch bald kamen sich die zahlreichen Fischer gegenseitig ins Gehege. Die Landesherren teilten deshalb den Strom in eine Reihe von Fischereigerechtigkeiten, sogenannte Vorde, ein. Da die Vorde jedoch teilweise von den Territorialgrenzen durchschnitten wurden, führte dies zwangsläufig zu Streitigkeiten zwischen den Fischern hüben und drüben. Die Frage, wer wo wie fischen durfte, war lange Zeit ungeklärt, und es kam immer wieder zu manchmal bewaffneten Auseinandersetzungen. Einen solchen sowohl ökonomisch als auch territorialpolitisch begründeten Konflikt hatte es auch zwischen den lüneburgischen Fischern der Winser Marsch einerseits und den beiderstädtischen Fischern in den Vierlanden andererseits gegeben. Er wurde endgültig erst um 1900 beigelegt. Zu dieser Zeit waren allerdings schon ganz andere Probleme für die Elbfischer im Hamburger Umland aufgetreten. Wie auch anderswo gingen auf dem Gebiet des nachmaligen Landkreises Harburg die Fischbestände durch Strombaumaßnahmen, Wasserverschmutzung und die zunehmende Schiffahrt rapide zurück. In zahlreichen Schadensersatzprozessen, die die Fischer daraufhin gegen die Wasserbau- und Schiffahrtsbehörden führten, ist dies ausführlich dokumentiert. Vielen Fischern blieb nichts anderes übrig, als ein Nebengewerbe auszuüben oder auf andere Berufe umzusatteln. Manche schlossen sich am Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts in Genossenschaften zusammen und kauften sich Anteile an den Vorden dazu, um dem wirtschaftlichen Niedergang entgegenzuwirken. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg waren die Fischbestände jedoch soweit zurückgegangen, daß es kaum noch junge Leute gab, die den Beruf des Fischers ausüben wollten. Auch die Genossenschaften konnten diese Entwicklung nicht aufhalten. Nach dem Krieg schrumpfte die Zahl der Berufsfischer auf ein Minimum, und heute gibt es im Landkreis Harburg nur noch einen Fischer.
Daß die Fischerei heute kaum noch im Bewußtsein der im Landkreis Harburg ansässigen Bevölkerung existiert, mag daran liegen, daß es im Gegensatz zu Orten wie Finkenwerder nie eine Seefischerei gab. Die meisten der Elbfischer waren gleichzeitig Landwirte im Nebenerwerb. Es gibt deshalb auch keine ,,Fischerhäuser" im eigentlichen Sinne, die die örtliche Hauslandschaft prägen könnten. Zudem ist der Anteil von Fischern an der Gesamtbevölkerung niemals so hoch gewesen, als daß sie im Gemeindeleben eine herausragende Rolle hätten spielen können. Das Fischereiwesen ging sozusagen in seiner agrarisch ausgerichteten Umgebung auf. Es ist also kaum verwunderlich, daß das Gewerbe ohne literarische Nachwehen aus der Winser Marsch verschwinden konnte.
Der Erwerb eines Fischernachlasses und der Wiederaufbau einer als Fischerbehausung typischen Brinksitzerstelle im Freilichtmuseum am Kiekeberg hat nun die Möglichkeit erschlossen, die Geschichte eines wichtigen ländlichen Gewerbes in der Winser Marsch aufzuarbeiten. Obwohl eine vollständige Bearbeitung aller Aspekte der Elbfischerei im Landkreis Harburg in meiner Magisterarbeit wohl nicht möglich sein wird, kann zumindestens für die neuere Zeit eine Dokumentation der sozioökonomischen Vorgänge erfolgen.
Der Geschäftsführende Direktor des Instituts für Volkskunde, 01. November 1997. Impressum.