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Im Dezember 1998 jährt sich der Todestag Christian Garves zum 200. Mal, ohne daß allerdings von Festveranstaltungen oder wissenschaftlichen Symposien viel zu bemerken wäre. Der seinerzeit sehr bekannte Popularphilosoph der deutschen Spätaufklärung ist heute aus dem kulturellen wie aus dem wissenschaftlichen Gedächtnis so gut wie entschwunden, - auch aus dem fachgeschichtlichen Gedächtnis der Volkskunde! Und zwar obwohl Christian Garves Interesse an den alltäglichen Lebenswelten aller sozialer Schichten der spätabsolutistischen Gesellschaft und den lebensweltlichen Einflüssen auf die mentalen Prägungen der verschiedenen Gesellschaftsschichten für die Wissenschaftsgeschichte der Volkskunde von Interesse ist. Seine Studien über »Charaktere« sind innerhalb derjenigen Diskurse am Ende des 18. Jahrhunderts zu lokalisieren, aus denen die Volkskunde als Wissenschaft entsteht. Nicht so sehr eine Rehabilitation der Popularphilosophie, als eine kritische Analyse der geisteshistorischen und der volkskundlich-fachspezifischen Bedingungen dieses ›Verlustes‹ unserer Fachgeschichte bildete die Fragestellung meiner Dissertation.
Die Analyse gilt dabei zunächst den historischen Bedingungen, die sich wie folgt zusammenfassen lassen: An Christian Garve und seiner Philosophie läßt sich zeigen, daß an dem durch Immanuel Kant eingeleiteten Paradigmenwechsel in der Moralphilosophie am Ende des 18. Jahrhunderts einer der zur Entstehung der Volkskunde als Wissenschaft beitragenden Traditionsstränge scheiterte. Die popularphilosophische Moralphilosophie der Spätaufklärung wurde diskreditiert und damit für die Wissenschaftsgeschichte der späteren Volkskunde »unsichtbar«.
Diese Feststellung soll hier im folgenden erläutert werden, - zum Schluß werde ich auf Fragen der fachhistoriographischen Rezeptionsvorgänge eingehen.
Der Ausgangspunkt war, aus der Perspektive der volkskundlichen Fachgeschichtsschreibung eine umfassende Betrachtung und plausible Zuordnung des schriftstellerischen Werks Christian Garves gemäß spezifischer wissenschaftlicher Gesichtspunkte zu unternehmen.
Vorausgesetzt wird, worin unsere Fachgeschichtsschreibung heute weitgehend übereinstimmt, daß die Anfänge der Volkskunde als Wissenschaft letztlich auf das späte 18. Jahrhundert zurückgehen, auch wenn die außeruniversitäre und akademische Institutionalisierung erst wesentlich später einsetzt. Und weiterhin, daß es damals bereits komplexe, ›interdisziplinär‹ arbeitende und gegenwartsorientierte Ansätze zur Erforschung der alltäglichen Lebensweisen des ›Volkes‹, also der Unterschichten, gab.
In diesem Rahmen war es ein Ziel, die Popularphilosophie als eine wichtige Traditionslinie der volkskundlichen Fachgeschichte nachzuweisen. Christian Garve ist insofern lediglich ein Repräsentant, allerdings auch ein Exponent der Gruppe der Popularphilosophen.
Für meine wissenschaftsgeschichtliche Analyse habe ich eine individuumsbezogene Herangehensweise gewählt, ohne lediglich eine Biographie schreiben zu wollen. Es kam darauf an, sich in der möglichst nüchternen Distanz der Fachhistorikerin einer Person und ihrer zeitspezifischen Lebensweise zu nähern, sowie ihren philosophischen Betrachtungsweisen. Diese Betrachtungsweisen äußern sich einmal in den publizierten Schriften, aber sie äußern sich auch in erhaltenen Handschriften Christian Garves. Der in Breslau befindliche Nachlaß und diverse kleinere Archivbestände aus Deutschland, Polen und den USA werden deshalb hier erstmals in einer Monographie über Garve systematisch ausgewertet. Das erstellte, chronologische Repertorium der Garve-Briefe und ihrer Verwahrungsorte und das differenziert dokumentierte Inventar der Nachlässe bieten nun auch anderen Forschern die bislang fehlende Grundlage für gezielte Recherchen.
Auf dieser, bis dato unausgewerteten Quellenbasis wurde zunächst die Lebensgeschichte nachgezeichnet. Die Darstellung der Biographie diente dabei auch zur Verdeutlichung, daß und wie äußere, sowohl lebensgeschichtliche wie überindividuelle Bedingungen, auf die schriftstellerische und philosophische Tätigkeit Garves einwirkten. Das will ich kurz andeuten: Christian Garve, 1742 in Breslau geboren, studierte in Frankfurt an der Oder, Halle und Leipzig Philosophie. Er promovierte 24-jährig und habilitierte sich drei Jahre später 1769. Im Jahr darauf wurde er außerordentlicher Professor der Philosophie in Leipzig, zog sich aber schon 1772 - im Alter von 30 Jahren - ins Privatleben zurück und war seitdem bis zu seinem Tod 1798, kurz vor seinem 57. Geburtstag, freier Schriftsteller. In seinem fachlichen und wissenschaftlichen Wirken war er stets beeinflußt von seiner Umwelt. In Leipzig, von Philosophen, Literaten und Verlegern umgeben, schrieb er über Philosophiegeschichte und Anthropologie und verfaßte Literaturkritiken. In Breslau später von Schulprofessoren, Beamten und Landwirten umgeben, schrieb er pädagogische und ökonomische Werke, griff Themen der Sozial- und Mentalitätsforschung auf. Aus finanziellen Gründen war Garve zur Übersetzertätigkeit gezwungen. Aber er übersetzte vor allem Moralphilosophen, die - wie er selbst - die Wechselbeziehung zwischen Individuum und Gesellschaft sowie die gewichtige Rolle der kulturellen Traditionen und der sozioökonomischen Voraussetzungen für die jeweilige Lebens- und Bewußtseinsweise unterstrichen.
Für die wissenschaftsgeschichtliche Betrachtung galt, daß sich in der Person Christian Garves und in seinen Schriften - wie in einem Knotenpunkt - vier Merkmale aufzeigen lassen, die hinreichend für die Konstituierung einer akademischen Disziplin Volkskunde im 18. Jahrhundert gewesen wären. Das sind: Gegenstandsbereich, Methode, Institution und fachspezifische Perspektive.
Das 1. Merkmal betrifft die Abgrenzung eines Gegenstandsbereiches. In ihren Themen befassen sich Garves Schriften mit der Entstehung von Sprache und Kultur sowie deren Tradierung und Wandel und mit der Ausformung differenzierter alltäglicher Lebens- und Bewußtseinsformen, - und zwar sowohl von Unterschichten und Randgruppen wie auch von mittleren und gehobenen Schichten. Da die Popularphilosophen sich selbst als sog. ›Philosophen für die Welt‹ verstanden, griffen sie gegenwartsbezogene Probleme und Aspekte aus ihrer Umwelt auf. Unter dem erkenntnisleitenden Begriff des Volks-, bzw. genauer dem des Standes-Charakters sind dies bei Christian Garve moralphilosophische Auseinandersetzungen mit den Fragen der ›äußeren‹ Sitten und Verhaltensweisen und der ›inneren‹ Sitte bzw. Sittlichkeit. Das heißt er zielt auf das Handeln und auf das Denken und Empfinden der Menschen, wobei Garve alldas in Abhängigkeit von enkulturierten Traditionen und sozioökonomischen Strukturen einerseits, der autonomen Persönlichkeit andererseits sah. Es sind also Betrachtungen über das Verhältnis zwischen gesellschaftlichen Bedingungen und subjektivem Bewußtsein, Haltungen, Einstellungen und Weltanschauungen.
Das 2. Merkmal führt zur Methode, denn diese Inhalte erfordern sowohl historische wie empirische Verfahrensweisen, die diese Differenzierungen der Lebenswelten vergleichend und qualifizierend zu beurteilen ermöglichen.
Das 3. Merkmal umfaßt den institutionellen Aspekt von Wissenschaft, es bezieht sich auf die Träger sowie die Orte und Medien der wissenschaftlichen Kommunikation und die Formen der Wissensvermittlung.
Und 4. ist der Aspekt der Wissenschaftssystematik zu nennen, der den Ort untersucht, den eine Disziplin im Kosmos der anderen Wissenschaften einnimmt und aus dem heraus sie ihre spezifische Fragestellung und Perspektive entwickelt und damit ihre wissenschaftliche Eigenständigkeit begründet.
Die beiden ersten Aspekte, der thematische und der methodische, liessen sich verfolgen anhand der aufklärerischen Diskurse, in die Garve involviert war und die ihn mit anderen »frühen Volkskundlern« verbinden. Die Einbindung Garves in diese Diskurse nachzuzeichnen, geschieht einerseits mittels einem Schwerpunktaspekt auf den Formen und Orten der Kommunikation als Ansätzen einer Institutionalisierung. Andererseits wird der besondere Beitrag Garves zu diesen human- und kulturwissenschaftlichen Diskursen analysiert mittels einer Bestimmung des wissenschaftssystematischen Ortes seiner popularen Moralphilosophie. Von diesem aus kann über den volkskundlichen Begriff bzw. das Konzept der »Sitte« der Rahmen gegeben und Grundlagen gelegt werden, nicht nur für eine künftige umfassendere Rezeption der Popularphilosophie seitens der Volkskunde. Vielmehr war von hier aus auch möglich zu zeigen, daß die populare Moralphilosophie Garve in der Fachgeschichte notwendig vergessen werden mußte!
Diese vier Aspekte, Wissenschaften zu betrachten, ermöglichen zudem in besonderer Weise, auf Persönlichkeiten und deren divergierende Interessen einzugehen, sowie auf wissenschaftsimmanente Entwicklungen, ohne dabei außerwissenschaftliche, soziale und politische Einflüsse zu vernachlässigen. Christian Garve - bei aller Individualität - wurde so in exemplarischer Weise untersucht. Die Biographie und der Überblick über die verschiedenen Phasen seiner schriftstellerischen Tätigkeit stellen die Basis für die diskurs-, kommunikations- und institutionengeschichtliche Perspektive dar.
Die Person Garves ist insofern der Brennpunkt für die diachrone und synchrone, räumliche wie soziale Darstellung der zeittypischen Institutionalisierungen der aufklärerischen Diskurse. Auf der Mikro- wie Makroebene werden diese mittels der alltäglichen Kommunikationssysteme erfaßt und analysiert, wobei Garves aktive Beteiligung an bzw. sogar die Gründung solcher Institutionen seinerseits, aber insbesondere auch seine kritischen Einstellungen gegenüber diesen Institutionalisierungen berücksichtigt werden. Genau heißt das, daß ich in diesem Teil meiner Arbeit verschiedenen kürzeren oder längeren Abschnitten, Garves Einbindung in die jeweiligen lokalen und ebenso in die überregional verbundenen Aufklärergruppen untersuche, anhand von Gesellschaften, Korrespondenzen, Reisen und Zeitschriftenwesen die persönliche wie literarische Vernetzung untersuche und die jeweils geführten Diskurse auf ihren human- und kulturwissenschaftlichen Gehalt prüfe.: Garve hatte nicht allein das zeitspezifische, sachbezogene Diskursideal erlernt, sondern war mit Niemann und Nicolai, mit Herder und mit Kant usw. in gegenseitigen Rezeptionen und Konflikten verbunden. Die kommunikative Vernetzung Garves mit anderen Aufklärern, die z.T. bereits aus unserer Fachgeschichte bekannt sind, kann auch als frühe, außeruniversitäre Form der Institutionalisierung unseres Faches angesprochen werden. Der ganz konkrete Kontakt ist nur die soziale und mediale Seite für die allen gemeinsamen Themenfelder: Anthropologische und psychologische Themen, philosophiegeschichtliche wie geschichtsphilosophische Debatten, sozioökonomische Kulturstufenmodelle und Klimatheorien, Auseinandersetzungen um Fragen der Volksaufklärung, gegenwartsbezogenen Charakter- und Sittenbeschreibungen, moralphilosophische Debatten, aber auch Methodenkritik an Reiseberichten und Fragen der Methodologie.
Die diskurs- und institutionengeschichtliche Perspektive erlaubte aber darüber hinaus, Hinweise auf die weitere Entwicklung dieses ›volkskundlichen‹ Diskurses herauszupräparieren. Die Einstellungen Garves zu den Diskursmedien zeigen nämlich einerseits, daß sich deren Bindungskraft für die Gelehrtenrepublik auf überregionaler Ebene langsam aber sicher auflöst. Die Ausdifferenzierung und Spezialisierung z.B. der Zeitschriftenprojekte offenbart, daß sich die verschiedenen Themenbereiche und wissenschaftsspezifischen Diskurse voneinander lösen, um sich bald einzelwissenschaftlich zu etablieren - oder zu regionalisieren. Zudem entstanden neue Diskursformen, die die Konkurrenzsituationen - und damit Diskontinuitäten - unterstrichen.
Ein aufschlußreiches Ergebnis sind deshalb andererseits gerade die Kontinuitäten, die sich auf der lokalen Mikroebene zeigen lassen, und zwar personelle wie programmatische Kontinuitäten. Verschiedene der für Breslau untersuchten Institutionen sind Nachfolgeorganisationen für obsolet gewordene erste Institutionalisierungen, aber Konzepte wie Mitglieder greifen ineinander über. Dabei zeichnet sich auch in Breslau nach der Wende zum 19. Jahrhundert ab, daß eine gewisse Professionalisierung einhergeht mit der für die Jahrhundertwende signifikanten Verengung des patriotischen zu einem nationalen Ansatz. Dies zeigt schon die Terminologie: Aus der Schlesischen Ökonomischen Gesellschaft wird so - nach einer Zwischenstation als Gesellschaft zur Beförderung der Naturkunde und Industrie in Schlesien - die Schlesische Gesellschaft für vaterländische Kultur.
Mein Fazit des diskurs- und institutionengeschichtlichen Schwerpunktes lautet deshalb zum einen: Diese fachhistorische Perspektive ermöglicht neue Ergebnisse für die Frage von Kontinuitäten und Diskontinuitäten angesichts des Übergangs von der Aufklärung zur Romantik. Zum anderen läßt sich die volkskundliche Relevanz vieler Schriften Garves nicht nur in persönlichen Neigungen, sondern auch auf der Ebene der wissenschaftlichen Kommunikationsstrukturen aufzeigen. Wenn Garve sich mit dem durch die Lebensweise beeinflußten »Charakter« der Menschen auseinandersetzte (einer ganz bestimmten Kombination von Auffassungen und Verhaltensweisen, die als solche den Charakter/Mentalität bildet), dann ist das kein rein persönliches Interesse. Vielmehr ist diese Perspektive sozial wie theoretisch nach verschiedenen Seiten hin eingebunden. So auch in den Diskurs um Inhalte, Schreibweise und Zwecksetzung einer popularen Philosophie, in den Diskurs um die Volksaufklärung und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Unterschichten, und in den um die Kantische Moralphilosophie.
Damit ist der zweite Schwerpunkt der Arbeit angesprochen. Hier dient der wissenschaftssystematische Ansatz, die disziplinäre Verwandtschaft zwischen Popularphilosophie und Volkskunde zu begründen. Zentral hierbei sind der Begriff der Popularität und die volkskundliche Diskussion um den Begriff der Sitte.
Die Popularphilosophie, um die Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden, definierte ihre Inhalte und Perspektiven als Philosophie über und für die Welt. Der Begriff der Popularität wurde verfolgt anhand einer zwischen Christian Garve und Immanuel Kant fast zwei Jahrzehnte dauernden Auseinandersetzung. In diesem Begriff der Popularität liegt die eine Seite der wesentlichen Differenz begründet, die zwischen der Popularphilosophie Garves und der Volksaufklärung besteht. Eine Differenz, die aber von unseren Fachhistorikern bislang oft verwischt wird, obwohl sie über den Unterschied zwischen einer allgemeinverständlichen und einer volkstümlichen Sprache und Darstellungsform weit hinausgeht. Denn die Popularphilosophie Garves und die Volksaufklärung z.B. eines Campe haben unterschiedliche Inhalte und Kommunikationsmedien, und sie verfolgen vor allem verschiedene sozialpolitische Modelle. Beides sind zwar Perspektiven, sich mit den Lebensweisen auch der Unterschichten auseinanderzusetzen, aber die Popularphilosophie ist eine eigenständige Perspektive, und - wie ich meine - der eigentlich wissenschaftliche, d.h. der im engeren Sinne »volkskundliche« Ansatz. Denn Garves Ansatz zielt nicht per se auf eine Erziehung und Disziplinierung der Unterschichten, macht diese nicht zum Objekt praktischer Politik und bürgerlicher Moral. Sondern sein Interesse galt zunächst dem Erfassen, Beschreiben und Analysieren sowie dem einfühlenden Verstehen der in sozialökonomischen Strukturen und historisch gewachsenen Gesellschaftsverhältnissen gegründeten »Volks«- bzw. Sozialcharaktere - d.h. dem Menschen um seiner selbst willen.
Da Garve sich selbst als Moralphilosoph verstand, der sich mit Fragen der
Sitte, Sitten und Sittlichkeit befaßt, wurde für die
wissenschaftssystematische Analyse der volkskundliche Sitte-Begriff
herangezogen, wie er v.a. von Gerhard Lutz in einem Modell herausgearbeitet
wurde. Volkskunde befaßt sich demnach nicht mit dem autonomen
Individuum und einer sich in diesem aktualisierenden Sittlichkeit. Sondern sie
analysiert unter dem leitenden Begriff der Sitte historisch
ausgeformte und regional wie sozial begrenzte Wert- und Normensysteme von
Gruppen oder Schichten. Die Ebene der Konkretisierung bilden in diesem
Modell die normierten, empirisch erfaßbaren Handlungs- oder
Ausdrucksweisen, die formalen Aspekte kultureller Ausdrucksformen und
-muster. Dieses Modell läßt sich auf den moralphilosophischen
Diskurs der Spätaufklärung übertragen.
Auch Christian Garves analytischer Blick ist auf die alltäglichen Ausdrucks- und Handlungsweisen und
die hinter diesen stehenden lebensweltlichen Erfahrungen sowie Wert- und Normgefüge gerichtet.
In seiner eigenen Wissenschaftssystematik ist diese Perspektive in der Moralphilosophie grundgelegt. Diese befaßt sich seiner Definition nach mit den »menschlichen Handlungen von Seiten der Moralität«
(Garve, Bd.6, Schreiben an Friedr. Nicolai, S.91), mit der »Untersuchung der Natur des Menschen überhaupt« und »ihren Verschiedenheiten«(Garve, Bd.8, Eigene Betrachtungen über die Sittenlehre, Vorrede, unpag.), und zwar in Hinsicht auf die konkreten »Verhältnisse, in denen [die Menschen] leben«(Garve, Bd.14, Anhang zur Übersetzung von Payley: Grundsätze der Moral und Politik, S.467). Das heißt, Moralphilosophie befaßt sich mit den Bedingungen, den Möglichkeiten und den Grenzen, ein humanes und glückliches Leben zu führen.
Ich möchte, um auf die Eingangs gemachte Feststellung über die versäumte Etablierung der Volkskunde zurückzukommen, das Ergebnis dieser wissenschaftssystematischen Analyse zusammenfassen: Seit 1780 gab es einen intensiv geführten Diskurs zwischen Christian Garve und Immanuel Kant; er ging um Inhalt und Fragestellung der Moralphilosophie. Auf der einen Seite steht die auf innerweltliche Glückseligkeit ausgerichtete Moralphilosophie Garves, auf der anderen Seite Kants auf den kategorischen Imperativ ausgerichtete Pflichten-Ethik. Dieser Diskurs ist im Sinne Thomas S. Kuhns Ausdruck eines Paradigmenwechsels. Der Forschungsansatz der praktischen Philosophie wird hier neu abgesteckt. Dabei wird die populare Moralphilosophie Garves an der Wende zum 19. Jahrhundert als ›unwissenschaftlich‹ deklassiert. Gleichzeitig damit wird aber seitens der Philosophie auch ein Gegenstandsbereich und eine Forschungsperspektive aufgegeben, mit denen die Popularphilosophie sich befaßte: Nämlich, die Erforschung der historisch gewachsenen Lebens- und Bewußtseinsweisen der verschiedenen früheren und gegenwärtigen Völker und der verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und Gruppen eines Volkes. Aufgegeben wurde auch die gesellschaftskritische Untersuchung der äußeren Bedingungen der Lebenswelt (Deprivationen bes. von Unterschichten) und die Erklärung der damit interdependenten Formen des Bewußtseins (Sozialcharakter), aufgegeben die Analyse des alltäglichen Lebens in seiner materiellen, habituellen und mentalen Prägung durch Tradition und Enkulturation, bzw. in seinen Chancen zur Individualität und Innovation: Aufgegeben von der Philosophie wurde also ein Forschungsbereich der Volkskunde. Dieser Bereich wurde zersplittert zwischen verschiedenen sich etablierenden historisch-hermeneutisch arbeitenden geisteswissenschaftlichen und den empirisch-quantitativ arbeitenden sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Provokant formuliert lautet deshalb meine Abschlußthese: An dem von Kant eingeleiteten Paradigmenwechsel in der Philosophie, durch den die Popularphilosophie unterdrückt wurde, ist die Entstehung der Volkskunde als einer umfassend konzipierten Kulturwissenschaft der alltäglichen Lebensweisen und der Bewußtseinsformen aller Gesellschaftsschichten gescheitert.
Von diesem Punkt aus lassen sich auch die Ursachen für das fachhistoriographische Vergessen bzw. Verdrängen der popularen Moralphilosophie Garves verfolgen. Ausgangspunkt ist zunächst die Analyse der Rezeptionsgeschichte der Philosophie Garves. Seit Beginn seiner Schriftstellerei haben sich die Garve-Bilder in Philosophie- und Literaturgeschichte zunehmend zum Negativen gewandelt und wurden erst Mitte der 1970er Jahre einer Revision unterzogen. Aus den Tendenzen und Topoi dieser Rezeptionsgeschichte, d.h. der Diffamierung des Konzeptes der Popularität und der lebensweltlichen Moralphilosophie, läßt sich begründen, warum dieser Teil der Aufklärungsbewegung bislang keine fachhistoriographische Beachtung in der Volkskunde finden konnte. Und zwar trotz des - wie ich meine - für unser Fach so ansprechenden Namens Popularphilosophie. Auch trotz der sozialwissenschaftlichen Wende unseres Faches in den 1970er Jahren, die eng mit einem Aufschwung des Forschungsinteresses an der aufklärerischen Fachgeschichte verbunden war (Diese Wende war allerdings auch - auf eine für die Popularphilosophie wiederum unglückliche Weise - mit einem bestimmten Begriff des Popularen/ Populären operierte).
Um dies näher zu begründen, wurden die Tendenzen der volkskundlichen Fachgeschichtsschreibung zum 18. Jahrhundert kritisch beleuchtet. Während - neben den Volksliedsammlungen - Statistik und Geographie seit den späten 1960er Jahren geradezu kanonisierte Fachtraditionen sind, sind andere Ansätze, z.B. philologische Altertumskunde, Kulturanthropologie/Geschichtsphilosophie, Volksaufklärung, nicht so stark im fachgeschichtlichen Selbstverständnis verankert. Aber zu allen bislang bekannten Traditionslinien der Volkskunde konnte die Nähe Garves z.T. auf der persönlichen Ebene (Niemann, Nicolai, Herder, Wolf, Campe, Zimmermann, Fülleborn) des Kontaktes, v.a. aber auf inhaltlicher und theoretischer Ebene festgestellt werden.
An Christian Garve kann deshalb in exemplarischer Weise gezeigt werden, von welchen selektiven Vorgängen die Wissenschaftsgeschichtsschreibung der Volkskunde geprägt ist: Selektionen, die zunächst geistesgeschichtlich und durch die romantischen Leitwissenschaften geprägt sind, d.h. durch die Rezeption der Popularphilosophie im 19. und 20. Jahrhundert. Daß Garve aber, trotz der Rehabilitation seiner Philosophie in anderen Disziplinen, in der Volkskunde auch heute noch keine Rolle spielt, liegt in spezifischen Entwicklungen innerhalb des Faches begründet. Diese wiederum wirkten prägend auf das erkenntnisleitende Interesse der Wissenschaftsgeschichtsschreibung. Dazu gehörte einerseits die späte, aber unvollständige Entdeckung und Aufwertung der Aufklärung in der Fachhistoriographie. Diese Rehabilitation der aufklärerischen Fachtraditionen fand andererseits in einer wissenschaftspolitischen Zeit statt, in der zugleich traditionale Ansätze - wie sie im Begriff der Sitte destilliert sind - ›verabschiedet‹ wurden. Diese widersprüchliche Lage war ausschlaggebend, daß die populare Moralphilosophie Christian Garves bislang keine Platz im fachgeschichtlichen Gedächtnis der Volkskunde finden konnte.
