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Universität - Fachbereiche und wiss. Einrichtungen

TECHNIKEINSATZ IN MUSEUMSAUSSTELLUNGEN IN NORDOST-AMERIKA

Uwe Claassen


So ein Volkskundler ist ja auch im Urlaub nicht ganz ,,außer Dienst": Hier ist ein kleiner Bericht darüber, was mir zum Einsatz von technischem Gerät (Computer, Film etc.) in den Ausstellungen einiger Museen im Nordosten der USA und in Toronto aufgefallen ist.

Gleich vorweg: Vor meiner Reise hatte ich immer wieder gehört, daß, was den Einsatz von Technik angeht, die amerikanischen Museen den deutschen gegenüber weit voraus seien. Die Erzählungen erweckten den Eindruck, als wenn dort fast alle Museen Computer in den Ausstellungen hätten und bald jedes zweite halbwegs größere Museum eine CD-ROM zum Kauf anböte, auf der es sich und seine Bestände vorstellt. Dem ist nicht so. Computer für Besucher gab es nur wenige. In den riesigen Museums-Shops der großen Museen gab es einige CD-ROMs; das waren fast ausnahmslos Arbeiten von Künstlern. Die CD-ROM, mit der der Pariser Louvre sich vorstellt, gab es an einigen Stellen - aber nichts Vergleichbares von amerikanischen Museen. Nur für New York gab es einen Führer für kulturelle und touristische Attraktionen auf diesem Medium, in dem sich neben Theatern, Kinos, etc. auch eine ganze Reihe von Museen vorstellen. Wie in einem gedruckten Buch haben sich die Museen mit einem kurzen Text zu den Sammlungen und den Öffnungszeiten etc. dargestellt und dem z.T. einige Abbildungen von Ausstellungsräumen und einzelnen Objekten beigefügt. Der Unterschied zu einem Buch aus Papier ist nicht wesentlich. Vielleicht sind auf der CD-ROM einige Abbildungen mehr, als in den meisten Kulturführern üblich ist.

Im Museum of the City of New York war ich ein klein wenig überrascht, denn es gab weder eine Systematik in der Struktur des Museums noch eine ,,herkömmliche" Einführung in die Stadt durch Modelle oder Stadtpläne. Statt dessen gab es voneinander unabhängige Segmente zu Musicals auf dem Broadway, Möbel und Kunsthandwerk (Opulent Objects), Interieurs aus der Zeit der Holländer bis zu den Multimilliardären am Anfang unseres Jahrhunderts, zum Heiraten in New York (mit wunder-wunder schönen Kleidern), zur Feuerwehr und zu archälogischen Ausgrabungen in der Stadt, zum Bau des Empire-State-Buildings und einen 22 minütigen Videofilm zur Geschichte New Yorks von den Indianern bis heute, der alle halbe Stunde gezeigt wurde. Einerseits finde ich die Idee mit dem dem Film nicht schlecht, zumal sie von vielen Besuchern angenommen wurde: In relativ kurzer Zeit erfährt man die wichtigen Dinge, ohne viel lesen oder verstreut liegende Texte suchen zu müssen; wichtige Objekte, die nicht im Museum sind, und Luftaufnahmen aus dem Hubschrauber können eingebaut werden. Mit dem Museum hat der Film aber eigentlich nicht mehr viel zu tun, außer daß er hier gezeigt wird und die unterschiedlichen Abteilungen zusammenhält. Er könnte auch im Fernsehen zu sehen sein - ohne daß man in ihm etwas über das Museum erfährt. Und da setzt meine Kritik ein: Museen sind selber auch Medien, die mit der Sinnlichkeit der Objekte ein spezifisches Mittel besitzen, das Film und Buch nicht bieten können. Diese Möglichkeiten sollten - so meine ich - primär genutzt werden. Die Objekte stehen im Mittelpunkt und werden gegebenenfalls durch Filme, die gute didaktische Hilfsmittel und Ergänzungen sein können, erläutert und in bestimmte sinnvolle Zusammenhänge gestellt. Die Abteilung für die Entwicklung der Stadt wie hier durch einen Film zu ersetzen, der damit zum Dreh- und Angelpunkt des Museums wird, ohne allerdings die Objekte des Hauses in Beziehung zueinander zu setzen, halte ich deswegen für verfehlt.

An einer anderen Stelle fand ich eine Einführung per Film- und Diashow angemessener: Die Stadt Lowell, etwas nördlich von Boston gelegen, war durch die Textilindustrie groß geworden. Mit dem Ende dieser Branche ging auch die Stadt durch eine lange und tiefe Talsohle. Erst mit der Computerindustrie ist Lowell seit einigen Jahren wieder zu einem Aufschwung gelangt. Die meisten der alten Fabriken um den inneren Stadtkern herum standen noch und wurden nicht genutzt. Hier wurden zu großen Teilen Museen und andere kulturelle Einrichtungen hineingebracht. Dazu gibt es die verschiedensten Stadtrundgänge und -touren per Bus und Boot. Diese Rundgänge können mit dem Besuch der ebenfalls etwa 20 minütigen Multi-Mediashow eingeleitet werden. Hier wird die Geschichte der Stadt und der Gebäude präsentiert, die später zur Besichtigung auf dem Weg liegen. Im Vorraum werden zudem Objekte aus dem Textil-Bereich und einige Dokumente und Karten zur Entwicklung der Stadt gezeigt. Sinnvollerweise enthält diese Einführung neben allgemeinem auch Informationen zu den Dingen, die auf den Rundgängen zu sehen sind.

Eine weitere Multi-Mediashow habe ich in der Plimoth Plantation (zwischen Boston und Cape Cod gelegen) gesehen. Der Mittelpunkt ist hier der Nachbau des Dorfes der ersten Siedler, die im 17. Jahrhundert nach Amerika gekommen sind, um auf Dauer zu bleiben. Schauspieler erwecken das Dorf zum Leben, und die Besucher können überall zusehen und mit den ,,Siedlern" und ,,Indianern" über alles mögliche reden, was das Leben im 17. Jahrhundert in Europa und Amerika ausgemacht hat. Eingeleitet wird der lohnenswerte Besuch in der Plimoth Plantation mit einem 15 minütigen Film. Das ist auch notwendig, denn die Besucher bekommen zwar einen Ortsplan und absolute Kurzbiographien der Siedler, denen sie begegnen werden (auch in deutsch) - im Dorf gibt es aber keine weiteren Texte aus Sicht unserer Zeit, und die Schauspieler halten ihre Rollen aus dem 17. Jahrhundert gut durch: Alles, was danach geschehen ist, wissen sie halt nicht. Abgerundet wird diese Attraktion für die ganze Familie durch ein Craft-Center mit Handwerksvorführungen und Kaufmöglichkeit, einen riesigen Shop mit Büchern, Andenken, Videos und und und ... und noch eine kleine Ausstellung. Und hier wird nun das Kontrastprogramm gefahren: Zwei Computer und eine Reihe von Videos alle paar Meter sollen die Besucher nach einem oft genug schon stundenlangen Besuch des Dorfes noch einmal mobilisieren. Zuerst kommt ein Computer-Programm zu den Biographien und Stammbäumen der Siedler und einiger Indianer. Ich habe nur einige Kinder gesehen, die sich auch bloß kurze Zeit daran zu schaffen machten. In der Tat gibt es nur wenig zu spielen, da es nicht viele Ebenen im Programm gibt und die Informationen sehr kurz und trocken sind. Aus einer Liste von Personen kann ausgewählt werden, wessen Stammbaum und tabellarische Kurzbiographie eingesehen werden soll. In einigen Fällen kann man dann zu Kindern oder Eltern weiterspringen. Eine weitere Ebene zeigt eine Landkarte, in der verzeichnet ist, wo sich diese Person in der neuen Welt aufgehalten hat. In der Ausstellung konnten die Videos bei Interesse über einen Knopf gestartet werden. Häufig sind Situationen aus dem Leben der Siedler und Indianer nachgestellt und erläutert. In den Vitrinen in der Nähe sind Objekte dazu vorhanden, wenn auch zum Teil nur Nachbildungen. Kurze Texte geben Erläuterungen. Leider sind die Videos so dicht beieinander, daß sie sich gegenseitig im Ton stören. Die sich überlappende Tonkulisse treibt die Besucher eher schnell wieder hinaus, als daß sie motivierend wirkt. Über das zweite Computerprogramm werden Filmsequenzen zu verschiedenen Fragen zum Vergleich zwischen dem Leben der Siedler und der Indianer gestartet. Aus Listen kann immer eine Frage ausgewählt werden, und dann noch, von wem sie beantwortet werden soll: aus Sicht der Indianer oder der Siedler. In kurzen Filmstücken, die auf dem Monitor und auf großen Bildschirmen in etwa zwei Metern Höhe für ein größeres Publikum zu sehen sind, beantwortete dann eine Person die Frage. Diese Informationsmöglichkeit fand ich sehr gut, kamen so doch noch eine ganze Reihe von interessanten Themen in den Sinn, an die man im Dorf gar nicht mehr gedacht hat, weil schon so viele andere Sachen zu sehen, zu hören, zu riechen und zu besprechen waren.

Sehr idyllisch am Blue Mountain Lake gelegen ist das Adirondack-Museum, das sich mit der gleichnamigen Berg- und Waldregion im Norden des Staates New York beschäftigt. Es hat bereits mehrere Museumspreise erhalten, und eine große amerikanische Zeitung schrieb, daß es wohl das beste Museum seiner Art sei. ,,High-technisiert" ist das Museum dennoch nicht. An verschiedenen Stellen werden über Videos historische Filmaufnahmen und der Transport von Häusern und eines Eisenbahnwagons in das Museum gezeigt. Ansonsten sind es herkömmliche Dinge, die den Besuchern das Verstehen erleichtern sollen: Lämpchen, die auf Knopfdruck aufleuchten und die Einzelteile des Pferdezaumzeugs markieren oder ein auf Knopfdruck rotierendes, halbfertig gebautes Kanu. Mit einem Modell, in dem eine Eisenbahn zum Bootsanleger fährt, das Boot über Seen und Kanäle zur nächsten Eisenbahn und diese zum Ferienort wird sehr anschaulich und spielerisch aufgezeigt, wie Touristen bereits im letzten Jahrhundert aus den großen Städten der Ostküste in die Berge reisten. Eine interessante Variante bot die Fotogalerie am Ende des Rundgangs: Die Besucher gehen nicht an den Bildern vorbei, sondern umgekehrt liegen Repros der Originalbilder auf einem langsam laufenden Band. Die Besucher können sich auf fest montierten Stühlen niederlassen und die Bilder an sich vorbeiziehen lassen.

Als letztes sei hier noch kurz über das Royal Ontario Museum, kurz ROM, in Toronto berichtet. Das ROM ist ein großes Museum (so daß ich nicht durch alle Abteilungen gehen konnte), dessen Sammlungen weltumfassend sind und sowohl die Kulturgeschichte als auch die Naturgeschichte einbeziehen. Der interessantere Einsatz von Technik ist im Eingangsbereich und in den naturkundlichen Bereichen vorgenommen worden. In der riesigen Halle sind in weiträumigen Abständen einige Vitrinengebirge aufgestellt, in denen die Abteilungen des Hauses durch ausgewählte Objekte und Computer vorgestellt werden. Eine sehr sinnvolle Angelegenheit für ein so großes Haus, die hier auch inhaltlich wie sinnlich sehr gut gemeistert ist. Im Bereich der Mineralien wurden einige Steine und ihre Nutzung für Schmuck über ein Touch-Screan Programm erläutert. Bei den Dinosauriern wurde gerade ein Computer-Programm vorbereitet. Hier wird ebenfalls mit hoch angebrachten, großen Monitoren gearbeitet werden, damit nicht nur wenige Leute etwas von dem Gerät haben. Die aufgestellten Dinosaurier-Skelette befinden sind in dioramaartigen Landschaften. Erklärt werden sie nicht über geschriebene Texte, sondern über Videos, die bei Interesse gestartet werden können. Informationen werden hier gesprochen und die Möglichkeiten des Mediums Film werden genutzt, indem z.B. das Leben der Dinos in Trickfilmen gezeigt wird. Leider sind auch hier wieder die Monitore zu dicht beieinander, so daß sich ihre Geräuschkulissen gegenseitig stören. Sehr schön fand ich auch die Fledermaus-Höhle, in der bei Durchschreiten einer Lichtschranke die Geräuschkulisse eines direkt über den Köpfen der Besucher fliegenden Schwarms ausgelöst wird. Ansonsten habe ich noch einen Videofilm gesehen, mit dem in der Abteilung Contemporary Culture ein Kanadischer Künstler vorstellt wurde. In einer anderen Sonderausstellung wurden japanische Einwanderer verschiedener Generationen und ihre Erfahrungen in Kanada vorgestellt. Hier konnten über Kopthörer Berichte und Interviews gehört werden.

Ein abschließendes Urteil mag ich mir nicht erlauben. Dafür hätte ich mehr Museen besuchen müssen. Dennoch kann vielleicht auch schon bei diesen wenigen Museen von einer Tendenz gesprochen werden: Das geschriebene Wort verliert in den Ausstellungsräumen an Bedeutung und wird von gesprochenen Texten in fest ablaufenden wie interaktiven Medien ersetzt. Einige gute Ideen und Anregungen für die inhaltliche und optische Gestaltung von Museumsausstellungen waren für mich auf jeden Fall dabei - genau wie einige Erfahrungen, die meines Erachtens besser zu vermeiden wären, wie sich überschneidende Geräuschkulissen oder ein "über-das-Ziel-Hinausschießen" wie beim Museum of the City of New York.

 


Der Geschäftsführende Direktor des Instituts für Volkskunde, 01. November 1997. Impressum.


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