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MittelseminarVom Tagebuch zum Weblog
Zum Wandel eines analogen Kulturmusters
Klaus Schönberger
Ort: Institut für Volkskunde, Raum 218
Zeit: 2-stündig, Mo. 18–20 h bzw. Mo. 16-20 Uhr
Veranstaltungsnummer: 09.104
Das Seminar wird die ersten zwei Termine zweistündig und dann an ausgewählten Terminen vierstündig durchgeführt.
10.4. 18-20 Uhr
24.4., 18-20 Uhr
8.5., 16-20 Uhr
15.5., 16-20 Uhr
22.5., 18-20 Uhr
29.5., 18-20 Uhr
19.6., 16-20 Uhr
26.6., 16-20 Uhr
3.7., 16-20 Uhr
Ein Weblog ist eine regelmäßig aktualisierte Internetseite, in der kontinuierlich oder gelegentlich Inhalte publiziert werden. Darin können entweder die Streifzüge durch das Internet als eine Chronik der jeweiligen Netzlektüre aufgezeichnet werden, indem zu den jeweiligen gefundenen Seiten ein Eintrag verfasst und mit einem Hyperlink verbunden wird. Oder aber, und das ist die gegenwärtige dominante Praxis, es werden persönliche Aufzeichnungen veröffentlicht. Als charakteristisch für dieses Medienformat gilt neben den Links die Kommentierung aktueller Ereignisse sowie die selektive und subjektive Darstellung eigener Gedanken und Ideen. Damit erinnern Weblogs von Beginn an sehr stark an das analoge Kulturmuster des Tagebuchschreibens.Die ersten Weblogs tauchten Mitte der neunziger Jahre auf. Besonders im englischen Sprachraum haben sie sich zu einem Massenphänomen mit mehreren Millionen Nutzerinnen und Nutzern entwickelt. Inzwischen werden allein für die USA mittlerweile über sieben Millionen Weblogs geschätzt und im Juli 2005 weltweit von speziellen Weblog-Indexen 13 Millionen gezählt. In Europa gilt Frankreich als führend. Während für Deutschland im Jahr 2005 eine Zahl zwischen 50.000 und 200.000-300.000 Weblogs geschätzt wird, werden für Frankreich gegenwärtig Nutzerzahlen über zwei Millionen gezählt.
Noch bei keinem anderen Medienformat des Internet zuvor war der Anteil weiblicher Nutzer zu Beginn seiner Diffusion derart hoch wie beim Weblog. Bei den unter 20 Jährigen bilden sie sogar die Mehrheit. In diesem Zusammenhang verspricht die historische Dimension der Nachfolgedisziplinen der Volkskunde Aufschluss, wenn etwa die überragende Bedeutung der Kategorie Geschlecht für das analoge Kulturmuster „Tagebuchschreiben“ untersucht wird.
Die Popularität von Weblogs ist aber nicht nur hinsichtlich der beachtlichen NutzerInnenzahlen bemerkenswert: Die „Erscheinung“ der Weblogs löste auch in der 'klassischen' Medienöffentlichkeit ein großes Interesse aus. Erstmals nach dem Ende der Internet-Euphorie ist wieder von einer Medienrevolution die Rede. Es hat den Anschein als ob im Rahmen der Diffusionen von Weblogs die Brechtsche Radiotheorie tatsächlich verwirklicht ist, wonach jede/r Weblognutzer/in mit Internetzugang nunmehr zu einem Sender avancieren kann.
Während die bisherige Forschung sich vor allem um den Zusammenhang zwischen Weblogs und Journalismus dreht, sollen hier Weblogs unter explizit ethnographisch-kulturanthropologischen Gesichtspunkten betrachtet bzw. aus der Perspektive der Kulturwissenschaftlichen Technikforschung diskutiert werden. Von besonderem Interesse für eine solche Perspektive sind dabei zum einen die zahlenmäßig überwiegenden tagebuchartigen persönlichen Online-Journale, zum anderen aber auch jene Weblogs, die etwa im politischen Kontext der globalen Protestbewegungen entstanden sind.
Weblogs sollen in diesem Seminar als Handlungs- und Kommunikationsmuster und im Zusammenhang des allgemeinen soziokulturellen Wandels betrachtet werden. In diesem Sinne wird das Seminar auch die Transformation des Verhältnisses zwischen privat und öffentlich thematisieren. Aus einer volkskundlich-kulturwissenschaftlichen Perspektive ist darüber hinaus jener Diskurs in den klassischen Medien als auch in der 'Blogosphäre' selbst von Interesse, der die Mehrzahl der persönlichen Online-Journale unter Trivialitäts- und Banalitätsverdacht stellt. Vergleicht man dies mit den Warnungen vor der „Lesewut“ im 19.Jahrhundert, so werden darin in ganz ähnlicher Weise Argumente in Stellung gebracht, die vor der „Schreibwut“ im 21. Jahrhundert warnen.
Literatur:
- Herring, Susan C., Scheidt, Lois Ann, Wright, Elijah, & Bonus, Sabrina (2005). Weblogs as a Bridging Genre. Information, Technology, & People, 18 (22), 142-171. Available from http://www.blogninja.com/it&p.final.pdf.
- Gurak, Laura, Antonijevic, Smiljana, Johnson, Laurie, Ratliff, Clancy & Reyman, Jessica (2004). „Introduction: Weblogs, Rethoric, Community and culture.” In: Into the blogosphere: Rhetoric, community, and culture of weblogs. Hrsg. von Laura Gurak, Smiljana Antonijevic, Laurie Johnson, Clancy Ratliff & Jessica Reyman Available from http://blog.lib.umn.edu/blogosphere/introduction.html.
- Schmidt, Jan: Webblogs. Eine kommunikationssoziologische Studie. Konstanz 2006. Erscheint Ende April. (Vorabversion im Seminarordner)
- Schmidt, Jan/Schönberger, Klaus/Stegbauer, Christian: Erkundungen von Weblog-Nutzungen. Anmerkungen zum Stand der Forschung. In: Schmidt, Jan/Schönberger, Klaus/Stegbauer, Christian (Hg.): Erkundungen des Bloggens. Sozialwissenschaftliche Ansätze und Perspektiven der Weblogforschung. Sonderausgabe von kommunikation@gesellschaft 2005, Jg. 6, S. 1-19. URL: http://www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/B4_2005_Schmidt_Schoenberger_Stegbauer.pdf. (Seminarordner)
- Schönberger, Klaus: Persistente und rekombinante Handlungs- und Kommunikationsmuster in der Weblog-Nutzung. Mediennutzung und soziokultureller Wandel. In: Schütz, Astrid/Habscheid, Stephan/Holly, Werner/Krems, Josef/Voß, Günther G. (Hg.): Neue Medien im Alltag. Befunde aus den Bereichen: Arbeit, Leben und Freizeit. Lengerich 2005, S. 276-294. (Seminarordner)
- Schönberger, Klaus: Weblogs: Persönliches Tagebuch, Wissensmanagement-Werkzeug und Publikationsorgan. In: Schlobinski, Peter (Hg.): Sprache und Kommunikation in den Neuen Medien. (DUDEN, Thema Deutsch, Bd. 7). Mannheim u. a. Erscheint 2006. (Seminarordner)
- Schmidt, Jan / Martin Wilbers (2006): Wie ich blogge?! Erste Ergebnisse der Weblogbefragung 2005. Berichte der Forschungsstelle "Neue Kommunikationsmedien", Nr. 06-01. Bamberg. Online verfügbar: http://www.fonk-bamberg.de/pdf/fonkbericht0601.pdf. (Seminarordner)
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