Hauptseminar
Kultur und Katastrophe. Der Schock als Katalysator des Wandels
Norbert Fischer
Ort: Institut für Volkskunde, Raum 015
Zeit: 2-stündig, Mi.14 16 h
Veranstaltungsnummer: 09.115
Wie die Geschichte lehrt, haben einzelne, als katastrophal empfundene Ereignisse
immer wieder fundamentale kulturell-gesellschaftliche Wandlungsprozesse eingeläutet.
Allein aus Hamburger Sicht gibt es mehrere signifikante Beispiele insbesondere
die Cholera-Epidemie 1892 veränderte die überholten Strukturen der
Stadt nachhaltig. Zwanzig Jahre später war es der Untergang der Titanic,
der der allgemeinen Fortschrittseuphorie des Industriezeitalters einen jähen
Schlag versetzte und in der Folge einen kritischeren Umgang mit Technik hervorrief.
Noch in näherer Vergangenheit erschütterten Katastrophen, wie die
Sturmflut 1962 oder der Tsunami 2004, auf ihre jeweils eigene Weise Kultur
und Gesellschaft. Die Betrachtung besonderer Katastrophensituationen, die
in den Alltag einschlagen wie ein Blitz in die Dunkelheit (Ranft/Selzer),
hilft darüber hinaus kulturelle Muster zu verdeutlichen, die sonst verdeckt
geblieben wären: der Schock der Katastrophe offenbart anachronistische
Strukturen ebenso wie gesellschaftliche Widersprüche. Die Lehrveranstaltung
will der katalysatorischen Wirkung unterschiedlicher Katastrophen nachgehen.
Auch soll überprüft werden, inwieweit
Katastrophen im kollektiven Gedächtnis verankert oder gar als Gedächtnislandschaften
vor Ort sichtbar geblieben sind (mit Exkursionen am Beispiel Hamburgs).
Literaturhinweise
- Breidert, Wolfgang (Hg.): Die Erschütterung der vollkommenen Welt
die Wirkung des Erdbebens von Lissabon im Spiegel europäischer
Zeitgenossen. Darmstadt 1994.
- Davies, Mike: Ökologie der Angst. Los Angeles und das Leben mit
der Katastrophe. München 1999.
- Evans, Richard: Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den
Cholera-Jahren 1820 1910. Reinbek 1990.
- Fischer, Norbert: Die hydrografische Gesellschaft und ihre
fünf Katastrophen: Kehdingen, Februarflut 1825. In: Ortwin Pelc (Hg.):
Katastrophen in Norddeutschland. Neumünster 2005 (im Druck).
- Gray, Peter/Kendrick, Oliver (Hg.): The Memory of Catastrophe.Manchester
2004.
- Groh, Dieter/Michael Kempe/Franz Mauelshagen (Hg.): Naturkatastrophen.
Beiträge zu ihrer Deutung, Wahrnehmung und Darstellung in Text und
Bild von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. Tübingen 2003.
- Jakubowski-Tiessen, Manfred (Hg.): Um Himmels willen. Religion in Katastrophenzeiten.
Göttingen 2003.
- Jankrift, Kay Peter: Brände, Stürme, Hungersnöte. Katastrophen
in der mittelalterlichen Lebenswelt. Sigmaringen 2003.
- Pfister, Christian (Hg.): Am Tag danach. Zur Bewältigung von Naturkatastrophen
in der Schweiz 1500 2000. Bern 2002.
- Ranft, Andreas/Selzer, Stephan (Hg.): Städte aus Trümmern
Katastrophenbewältigung zwischen Antike und Moderne. Göttingen
2004.
- Schmidt, Andreas: Wolken krachen Berge zittern, und die ganze Erde
weint
. Zur kulturellen Vermittlung von Naturkatastrophen in
Deutschland 1755 1855.München 1999.