|
| UHH FB Kulturgeschichte und Kulturkunde Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie | Suche |
Studiengang VolkskundeHier finden Sie die aktuellen Studien- und Prüfungsordnungen. Bitte beachten Sie auch die Informationen zum Auslaufen der Magisterstudiengänge.
Vom Verstehen des Selbstverständlichen
Fragestellungen und Methoden der Volkskunde
Albrecht Lehmann
(In: Die Standortpresse: Kulturwissenschaften in der Standortdiskussion.
Herausgegeben von Sopie Fetthauer/Ralf Grauel/Jens Matthiesen. Hamburg 1995, S. 87-91)Das scheinbar Selbstverständliche unseres Lebens, wie wir unsere Zeit einteilen und dabei mit Sinn erfüllen, was wir zu bestimmten Anlässen als Nahrung genießen und als Kleidung tragen, wie wir unsere Wohnung einrichten, die Massenmedien und die Technik nutzen, die natürliche Umwelt und unseren eigenen Körper erfahren, wie wir uns grüßen, miteinander reden, feiern und streiten, all das unterliegt überindividuell gültigen Regelungen. Solche Lebensformen bestimmen unseren Alltag. Die Normen, Wissensbestände und Deutungsangebote, die den Menschen dabei helfen, ihr soziales Leben sinnvoll zu praktizieren, können als Alltagskultur bezeichnet werden. In der wissenschaftlichen Problematisierung des Alltäglichen und in den Versuchen zu einer klärenden Analyse liegt heute das wichtigste Forschungsfeld der Wissenschaft Volkskunde (an anderen Universitäts-Instituten auch als Europäische Ethnologie oder als Empirische Kulturwissenschaft bezeichnet). Volkskunde ist ein Fach, welches sich als eine historische Sozialwissenschaft versteht. Diese intermediäre Stellung innerhalb verschiedener akademischer Disziplinen - vor allem der Soziologie, Sozialgeschichte und Ethnologie - ergibt sich aus der Spezifik der volkskundlichen Betrachtungsweise. Wir haben stets zu berücksichtigen, daß die Lebenswelt des Alltags sich im Laufe der Geschichte entwickelt hat, weiterhin im Wandel ist und in spezifischer Weise in den verschiedenen sozialen Schichten, Milieus, Altersgruppen und bei Frauen und Männern differiert. Die Erforschung der Kultur des Alltags ist von höchster Bedeutung für unsere Gesellschaft.
Konkrete Forschungsarbeiten von Volkskundlerinnen und Volkskundlern gelten also gleichermaßen den kulturellen und sozialen Verhältnissen in der Vergangeheit und in der Gegenwart. Entsprechend weit ausgefächert ist das Methodeninstrumentarium: Beobachtungsverfahren und mündliche Befragungen stehen neben archivalischen Forschungen und dem Studium von Bildquellen und Sachgütern aus dem Überlieferungsangebot der europäischen Volkskultur.
Gelungene - moderne - volkskundliche Studien sind bei all ihrer Vielfalt immer wieder übereinstimmend dadurch charakterisiert, daß in ihnen die einzelnen Menschen in ihrem sozialen und kulturellen Lebensumfeld als Individuen erkennbar bleiben und nicht hinter Organisationsstrukturen verschwinden oder sich als demographische Daten in die Anonymität verflüchtigen. Hier wird ein allgemeiner Doppelaspekt unseres Faches erkennbar: Einesteils werden die Objekte der geistigen und materiellen Kultur auf ihre Bedeutung für das Individuum befragt, zum andern geht es um die Einwirkung der Persönlichkeit auf diese kulturellen Objekte. Obwohl sich volkskundliche Arbeiten finden, in denen formale Aspekte, etwa die eines Genres der Erzählung, eines materiellen Gegenstandes, eines Musikstücks oder Liedes im Mittelpunkt einer Beschreibung und Analyse stehen, liegt der Schwerpunkt unserer wissenschaftlichen Interessen im Nachweis funktionaler Bezüge und Vermittlungsprozesse, d.h.: Wir fragen, welche Bedeutung die Objektivationen der Kultur des Alltags für die Menschen in ihrer jeweiligen historischen Situation haben, nach dem Sitz im Leben. Die Auswahl unserer Forschungsobjekte erfolgt dabei nicht primär (wie in der Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft) nach ästhetischen Kriterien.
An verschiedenen Volkskunde-Instituten werden Aspekte des regionalen kulturellen Umfeldes gründlich erforscht, etwa die kulturelle Vielfalt der (z.B. bayerischen oder schwäbischen) Küche oder die Bräuche bestimmter Landschaften. Volkskunde kann mit diesen Forschungen zu einer Sozalgeschichte regionaler Kultur werden. Wenn sie, wie hier, den Blick nach innen richtet, arbeitet sich mit den Forschungsinstitutionen der Landesgeschichte zusammen. Berührungsflächen zur allgemeinen Sozialgeschichte ergeben sich in vielen Arbeitsfeldern, beispielsweise in der Familienforschung, Arbeiterkulturforschung, Geschlechterforschung. Die Erzählforschung, der Literaturwissenschaft benachbart, ist ein eigenes Arbeitsgebiet, welches sich gegenwärtig nicht allein mit den Formen und Funktionen der traditionellen Erzählstoffe - der Märchen und Sagen - befaßt, sondern zunehmend nach dem kulturellen Stellenwert, den sozialen und psychischen Funktionen der formalen Angebote des alltäglichen Erzählens fragt. Gegenüber der Ethnologie (Völkerkunde)grenzt sich die Volkskunde dadurch ab, daß sie in der Regel das europäische Kulturgebiet nicht überschreitet, während die zentralen Forschungsfelder der Ethnologie in den außereuropäischen Kulturen liegen. Grundsätzlich sollte es in den Wissenschaften freilich mehr um die Zusammenarbeit zwischen benachbarten Disziplinen gehen als um die sorgfältige Grenzziehung zwischen Experten-Herzogtümern.
Volkskunde in der GroßstadtDie Entwicklung des Gesamtfaches Volkskunde - von der altertumskundlichen Traditionsforschung (ein provinzieller Aspekt) - zur empirischen Kulturanalyse begann Mitte der 1960er Jahre. In der Metropole Hamburg ist sie besonders eindeutig und frühzeitig vollzogen worden. Die Hamburger Volkskunde hat ihren Schwerpunkt in der Erforschung der Kulturen und der Lebensverhältnisse der unteren sozialen Schichten im 19. und vor allem im 20. Jahrhundert gefunden. Das steht auch im Mittelpunkt der akademischen Lehre unseres Instituts. Als Themenbereiche seien exemplarisch aufgelistet:
- Fach- und Forschungsgeschichte des 18. Und 19. Jahrhunderts
- Großstadtforschung (Beispiele: Heimat-Begriff, Großstadtimages, Stadtteilkultur)
- Lebensverhältnisse und Kultur der Hamburger Unterschichten (Beispiele: Wilde Ehen in Hamburger Unterschichtenmilieus des 19. Jahrhunderts, Feste und Feiern der Sozialdemokratie, Kultur der Hamburger Puppenspieler, Handwerkerkultur)
- Prozesse sozialer Ausgrenzung abweichender Minderheiten (Beispiel: Prostitution, Gefängnis, Psychiatrie)
- Geschlechterforschung (Konstitution des kulturellen Bildes 'Mädchen' im 18 und 19. Jahrhundert)
- Interkulturelle Beziehungen und Prozesse der Ethnisierung (Iraner in Hamburg, interethnische Ehen, Ethnizität deutschsprachiger Namibier)
Die zentrale Frage der Hamburger Volkskunde liegt in der kulturwissenschaftlichen Bewußtseinsanalyse. Forschungen beziehen sich vor allem auf Themen der Gegenwartskultur und der zeitgeschichtlichen Mentalitätsforschung. Die daraus entstandenen Publikationen haben breite interdisziplinäre und internationale Anerkennung gefunden. Abgeschlossene Projekte, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziell gefördert wurden, galten der Konstitution der Lebensgeschichte von Hamburger Arbeitern, einer Militärgeschichte von unten - dem Erlebnis der Kasernenzeit, des Krieges und der Kriegsgefangenschaft - sowie Migrationsprozessen in der Nachkriegszeit in Westdeutschland. Im Jahre 1995 beginnt mit Mitarbeitern ein weiteres DFG-Projekt. Dabei sollen die Vorstellungen von Natur und das Naturerlebnis von Großstädtern untersucht werden.
Seit Jahrzehnten unterhält unser Institut für Volkskunde sehr fruchtbare wissenschaftliche Kontakte zu kulturhistorischen Museen (Museum für Hamburgische Geschichte, Altonaer Museum, Freilichtmuseum am Kiekeberg) der Hansestadt und ihres Umlandes. Immer wieder gelingt es, führende Museumswissenschaftler und - wissenschaftlerinnen für praxisorientierte Lehrveranstaltungen (z.B. zum Thema Jüdische Lebenswelten, zur Kleidungs- und Sachkulturforschung, zur Museumspädagogik und Ausstellungsplanung) zu gewinnen. So können die Studierenden Einblicke in ein wichtiges berufliches Arbeitsgebiet für Kulturwissenschaftler nehmen und an Austellungskonzepten und -projekten mitarbeiten. Die Kontakte zur Museumslandschaft können zukünftig noch um ein wichtiges Thema der Praxis ergänzt werden, um den berufsqualifizierenden Studienschwerpunkt Museumsmanagement. Er soll am Volkskunde-Institut angesiedelt sein und den Studierenden der Fächer des gesamten Fachbereiches Kulturgeschichte und Kulturkunde angeboten werden.
Zukünftige Aufgaben
Volkskunde ist als eine unter anderen Kulturwissenschaften damit befaßt, die kulturellen Entwicklungen in Europa und besonders in unserem Lande forschend zu begleiten und an der Lösung sozialer Probleme mitzuwirken. Nur drei Problembereiche will ich erwähnen, bei denen unsere Mitarbeit vonnöten ist:
Nach den politischen und sozialen Umbrüchen in Europa seit dem Jahre 1989 werden Fragen nach der ethnischen Zugehörigkeit, nach den sozialen Auswirkungen von kulturellen Bildern und Stereotypen für die Kultur- und Verhaltenswissenschaften in Europa wichtiger als wir das vor 10 oder 15 Jahren erwartet hatten. Mit diesen zentralen Fragen des Zusammenlebens in unseren europäischen Gesellschaften werden Erkenntnisinteressen einer kulturwissenschaftlichen Bewußtseinsanalyse angesprochen.
Weitere wichtige Forschungsfragen ergeben sich aus den Entwicklungen der Technik und dem Erlebnis des Wandels, des Verlustes und der Konstanz der sinnlich wahrnehmbaren Umwelt.
Und schließlich entstehen in Hamburg, wie in anderen großen Städten, unter dem Einfluß der wirtschaftlichen Entwicklungen und von Migrationsprozessen Problemzonen, teilweise mit Gettocharakter. Hier findet die Volkskunde ein sehr wichtiges Arbeitsgebiet. Dabei sollte sie - in heuristischer Abgrenzung zur Ethnologie - ihr Erkenntnisinteresse vordringlich auf die Bewußtseinsformen richten, die in den sozialkulturellen Milieus der aus Deutschland stammenden Unterschichten verbreitet sind.
Es gilt das methodische Prinzip: Bewußtseinsphänomene bedürfen vor ihrer wissenschaftlichen Einordnung stets der genauen Beschreibung. Die daran anschließende Kulturanalyse durch unsere Wissenschaft besteht darin, die Regeln, Muster, Intentionen, Erfahrungskonstellationen kennenzulernen, zu Typen zusammenzufassen, auf den Gesamtzusammenhang Kultur bezogen zu erörtern und das Ergebnis der Öffentlichkeit mitzuteilen. - Nur was wir kennen, können wir verändern.
| Impressum | Letzte Änderung: 14 Jul 11 webmaster |