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Zusammenfassung
der volkskundlichen Dissertation aus dem Jahre 1992:
Iraner in Hamburg. Verhaltensmuster im Kulturkontakt
(Lebensformen Bd. 7), Berlin/Hamburg 1993
Dieser Dissertation ging ein elfjähriger Aufenthalt der Autorin in Iran voraus Gezielte empirische Untersuchungen (über 250 qualitative Interviews und Gespräche sowie teilnehmende Beobachtungen bei Festen, politischen Veranstaltungen, Familienfeiern) wurden in den Jahren 1988-1992 bei rückkehrorientierten politisch und gesellschaftlich verfolgten iranischen Flüchtlingen durchgeführt. In dieser Zeit lebten ca. 12.800 Iraner in Hamburg.
Die Arbeit ist so gegliedert, daß zunächst die iranische Kultur auf der Basis von Reise- und Erlebnisberichten (Pietro Della Valle, Adam Olearius, Engelbert Kaempfer, Jakob Eduard Polak, Hermann Vámbéry, Wipert von Blücher) und die religiösen und lebensweltlichen Traditionen des Islams dargestellt werden. Zentrale Kapitel gelten sodann den Wohnverhältnissen in Iran, der Funktion der Freigebigkeit (das Geschenk und die Gastlichkeit), Kommunikationsformen (Besuchsrituale, Personenbezeichnungen, kommunikative Muster) sowie der Bedeutung der Mahlzeiten und Speiserituale (Bewirtung) für das Fest- und Alltagsleben der Iraner in Iran und in Hamburg.
Bei diesen Kapiteln über die Kultur- und Lebensweise der Iraner wird jeweils so vorgegangen, daß zunächst die Verhältnisse in der Herkunftskultur ausführlich in ihrem historischen Kontext erörtert werden und daraufhin mit den im Hamburger Exil bei der deutschen Bevölkerung (aus Sicht der Iranerinnen und Iraner) vorgefundenen Lebensbedingungen und Verhaltensstilen verglichen werden. Dabei wird erkennbar, wie Iranerinnen und Iraner darum bemüht sind, durch Rückbesinnung auf die eigene Kultur - vor allem auf die der vorislamischen Epoche - ihre eigene kulturelle Identität zu erhalten und zu sichern. Allerdings wird zugleich offenkundig, daß eine Fülle der in der Herkunftsgesellschaft praktizierten Rituale und Muster des Alltags (Höflichkeitsmuster, z.B. Empfangs- und Verabschiedungsrituale, Ehrerbietungsformeln, Ehrenanreden, Abstammungstitel, Komplimente etc.) bei Begegnungen mit Deutschen und bei Behördengängen teilweise zu nicht unerheblichen interkulturellen Mißverständnissen und Konfusionen führen können.
Die Untersuchung steht im Zusammenhang mit volkskundlichen, pädagogischen und ethnologischen Forschungen zur interkulturellen Kommunikation. Im Gegensatz zu den meist gegenwartsorientierten Vorgehensweisen in diesem Forschungszweig werden die Muster und Rituale nicht allein im Kontext der Situationen alltäglicher Kommunikation gesehen, sondern in ihrer historischen und religiösen Dimension.
(Aus der veröffentlichten Sammlung von Zusammenfassungen der Promotionen zwischen Oktober 1988 bis September 1997 im Fachbereich Kulturgeschichte und Kulturkunde)
Karin Hesse-Lehnzann
Iraner in Hamburg
Verhaltensmuster im Kulturkontakt
(Lebensformen, Veröffentlichungen des
Instituts für Volkskunde der Universität
Hamburg, Band 7) Dietrich Reimer-Verlag
Berlin-Hamburg 1993, 252 S., DM 48,-DIE BRÜCKE 73 · SEPTEMBER-OKTOBER 1993/4. Redaktion MEDIEN-KULTUR-SCHAU:
Günthersburgallee 31, 60316 Frankfurt. Tel. 069/499 Ol 29, Fax 069/493 06 07Peter Schütt
In Hamburg leben derzeit rund 15.000 Iraner. Nach den Türken und Polen bilden die persischen Zuwanderer in der Hansestadt die drittgrößte nationale Minderheit. Manche Iraner sind als Flüchtlinge gekommen und werden möglicherweise in ihr Heimatland zurückkehren, wenn sich dort die politischen Verhältnisse ändern sollten. Aber viele haben sich durchaus auf Dauer eingerichtet und fühlen sich in ,,Klein-Teheran" allen Benachteiligungen zum Trotz doch halbwegs zuhause: Hamburg gilt für die rund 100.000 Iraner in Deutschland als die ,,persischste" Stadt in Mitteleuropa, zum einen dank ihrer Weltoffenheit und Toleranz, zum anderen, weil die persische Kolonie in der Hansestadt an die zweihundert Jahre alt ist. Mit dem Leben der Iraner in Hamburg befaßt sich eine bemerkenswerte kultursoziologische Darstellung der Hamburger Volkskundlerin Karin Hesse- Lehmann, die in der Reihe "Lebensformen" des Instituts für Volkskunde an der Hamburger Universität erschienen ist.
Die Autorin schreibt aus berufenem Munde. Sie ist studierte Volkskundlerin, spricht ebenso gut Persisch wie Deutsch und hat elf Jahre 1ang in Teheran in einer iranischen Familie gelebt. Sie ist ihrem Gastland frei von Vorurteilen und in einer bemerkenswerten Offenheit begegnet, hat die Kultur, Geschichte und Lebensformen des Iran gründlich studiert und sich umfassende Kenntnisse des schiitischen Islam, der in Persien prägenden Religion, angeeignet. Trotz dieser Annäherung hat sie sich einen eigenen und kritischen Standpunkt gegenüber iranischen Sitten und Moralvorstellungen wie auch gegenüber manchen ,,typisch deutschen" Verhaltensmustern bewahrt. Sie kann - für eine wissenschaftliche Autorin nicht eben selbstverständlich schreiben und legt bisweilen einen erstaunlichen Sinn für Humor und Situationskomik an den Tag. Trotzdem macht sie sich über die Sitten der anderen nie lustig. Sie versucht zu erklären - geschichtlich, soziologisch, religiös- und Verständnis für fremde Verhaltensweisen zu wecken.
Bei aller Bereitschaft, sich den deutschen Gewohnheiten anzupassen und die Vorzüge westlicher Lebensformen zu übernehmen, bilden die Iraner in Hamburg doch eine
Gemeinschaft für sich. Erstaunlich viele kennen einander, begrüßen sich gegenseitig und tratschen über sieh, als lebte man in einer Kleinstadt im Iran zusammen. Die Iraner haben ihre eigene Moschee, ihre eigene Feste und Feiertage, sogar einen eigenen Friedhof, sie haben ihre eigenen Geschäfte, Restaurants und Treffpunkte, sie haben ihre eigenen Verhaltensmuster, Gebräuche - zum Beispiel das Familienpicknick im Stadtpark -, Rezepte und Ansichten - auch über die Einheimischen. Die Deutschen gelten bei vielen Iranern als nicht sehr sauber - nach Karin Hesse-Lehmann eine Folge der radikalen Reinlichkeitsvorschriften im schiitischen Islam.
Die Autorin kennt sich aus, bei den Iranern in ihrem Heimatland wie in ihrem Hamburger Exil. Sie schildert das Alltagsleben der orientalischen Immigranten farbig und facettenreich. Sie studiert die Wohn- und Lebensformen der Hamburger Iraner, schaut ihnen gelegentlich sogar ins Schlafzimmer und in Bad und Toilette, sie beobachtet ihre Rituale der Gastfreundschaft, untersucht die Bedeutung der Gast- und Reisegeschenke, erläutert ihre Kommunikationsformen bei der Begrüßung von Gästen, bei der Anrede von Personen, beim Gebrauch von Höflichkeitsfloskeln und beim gemeinsamen Essen, und findet für fast alles, was dem deutschen Betrachter fremd erscheint, eine Erklärung in der jahrtausendealten Kultur-, Geistes- und Religionsgeschichte des Mittleren Orients. Dabei studiert sie nicht nur das Verhalten der Iraner unter sieh, sondern auch ihre Hemmungen und Bemühungen, mit deutschen Nachbarn und Kollegen in näheren Kontakt zu kommen.
Karin Hesse-Lehmann verzichtet in ihrer Untersuchung auf den erhobenen Zeigefinger. Sie theoretisiert nicht, stattdessen schaut und hört sie den Leuten zu, den Iranern wie den Deutschen. Ihr Buch ist geeignet, Vorurteile abzubauen, wie sie nicht zuletzt durch die millionenfach verbreitete Story der Betty Mahmoody gerade Iranern gegenüber verstärkt worden sind; es macht neugierig auf die Lebensweise der fremden Nachbarn und trägt zum gegenseitigen Verstehen der Völker und Kulturen bei.
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