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(Aus der veröffentlichten Sammlung von Zusammenfassungen der Promotionen zwischen Oktober 1988 bis September 1997 im Fachbereich Kulturgeschichte und Kulturkunde)



Zusammenfassung der Dissertation

»Die verkehrte Hautfarbe«. Ethnizität deutscher Namibier als Alltagspraxis

von Brigitta Schmidt-Lauber


Namibia ist seit 1990 ein unabhängiger Staat. Eine mehr als einhundertjährige Fremdherrschaft ging damit zu Ende: Das Land war von 1884 bis 1919 deutsche Kolonie, danach unterstand es südafrikanischer Herrschaft. Neben den Buren waren es vor allem die Nachkommen der deutschen Kolonialherren, die als privilegierte weiße Minderheit in Namibia lebten und noch heute dort leben. Von diesen deutschen Namibiern und Namibierinnen, genauer von den Strategien, mit denen sie sich ihrer kulturellen Eigenständigkeit und Besonderheit im Unterschied zu den anderen namibischen Bevölkerungsgruppen vergewissern, handelt diese volkskundliche Studie, die sich zugleich als Beitrag zur Rassismusforschung versteht.

Ausgangspunkt bildet die Beobachtung, daß die namibische Gesellschaft durch scheinbar starre und unüberbrückbare Grenzen zwischen ethnisch oder »rassisch« definierten Bevölkerungsgruppen geprägt ist. Manche deutsche Namibier sagen, daß »natürlich-vor-gegebene«, »objektive Unterschiede« sie von anderen Namibiern trennen. Gleichzeitig sind starke defensive Appelle von und an deutsche Namibier unübersehbar, ihre Kultur und Sprache zu bewahren, sich zu der ethnischen Herkunft und Gruppe zu bekennen. Dieses Nebeneinander von geglaubter »Naturgegebenheit« und bemühtem Erhalt führt zur Überlegung, daß Ethnizität auf aktiven Grenzziehungen und fortwährender Bestätigung des Bewußtseins dieser Differenz basiert. Die zentrale These lautet: Ethnizität bedarf des »Vollzugs«, der permanenten Realisierung und Konstituierung im Alltag.

Das kulturelle Phänomen Ethnizität wird deshalb als Alltagspraxis untersucht. Dieser Ansatz fordert eine Methodik, die bei den Lebensformen im Alltag und bei den (Welt)Anschauungen und Selbstentwürfen von Menschen ansetzt. Als Datenbasis wird nicht allein mit gedruckten Quellen gearbeitet, schwerpunktmäßig findet vielmehr eine Auseinandersetzung mit Interviewmaterial statt, das während zweier Feldforschungen am Vorabend der Unabhängigkeit (1988) sowie im dekolonisierten Staat 1994 erhoben wurde.

Das Material wird auf vier »Ebenen« analysiert, wozu eine idealtypische Isolierung von Prozessen erfolgt, die in Wirklichkeit ineinander verzahnt sind: Zunächst geht es um Ethnizität als soziale Interaktion zwischen deutschen und nichtdeutschen Namibiern im Haushalt, am Arbeitsplatz und im geselligen Kontakt, die durch (widersprüchliche) Grenzziehungen strukturiert ist. Sodann wird sie als diskursive Praxis erörtert, d.h. es kommen kommunikativ-narrative Muster der Rechtfertigung in den Blick, die die ethnischen Grenzen in jedweder Situation als zwingend erscheinen lassen. Weiter war die Strategie der Absicherung von Ethnizität nachzuweisen, die sich in den »ethnischen« Institutionen und Organisationen wie Kirche und Schule sowie in den sozialen Netzwerken innerhalb der deutschen »community« zeigt (ein deutscher Namibier darf nicht »verkaffern«, »verburen« oder so werden wie die Deutschen der Bundesrepublik). Und schließlich erhellen die »Grenzfälle« die Funktionsweise von Ethnizität. Es handelt sich dabei um von der Forschung bislang vernachlässigte »Grenzüberschreitungen«, einerseits um »schwarze Deutsche«, die nicht als Deutsche anerkannt und von der Gruppe ausgegrenzt werden, und um »abtrünnige Deutsche« andererseits, die nicht aus dem Gruppenverband entlassen werden. Die Grenze ist, so läßt sich festhalten, gesellschaftliche Tatsache, auf deren Einhaltung streng gewacht wird und die unabhängig von der Möglichkeit oder Unmöglichkeit ihrer objektiven Bestimmung existiert.

Die Untersuchung befaßt sich darüber hinaus mit gesellschaftlichen und politischen Perspektiven, wie sich also die geschilderten Grundlagen der Ethnizität im Rahmen des gesellschaftspolitischen Wandels ändern. Die sozialen Verkehrskreise unter deutschen Namibiern sind heute weit flexibler und offener als vor der Unabhängigkeit. Parallel hierzu hat aber auch das Einfordern von Loyalität zugenommen und werden mehr denn je »Wendehälse« diffamiert. Auch für die Gesellschaft insgesamt ist eine Ambivalenz zu erkennen, lassen sich einerseits Ansätze für neue Formen der Kommunikation, Begegnung und Identifikation jenseits bisheriger Gruppengrenzen feststellen - vor allem gilt dies für die Erfahrungen der jüngeren, der sogenannten Unabhängigkeitsgeneration. Andererseits ist die Tendenz unübersehbar, daß Ethnizität nach wie vor bei ökonomischen Verteilungskämpfen und für politische Interessen funktionalisiert wird. All diese Beobachtungen zeigen, daß eine Veränderung der ethnisch definierten Gesellschaftsordnung weniger als Resultat politischer Programme, sondern vor allem durch intensive Kommunikation und Begegnung im Alltag zu erwarten ist.

Bislang haben sich ethnische und »rassische« Zuordnungen in der Alltagspraxis zäh behauptet. Diese Beständigkeit gründet in der Flexibilität, mit der deutsche Namibier auf die alltäglichen Anforderungen und deren Wandel reagieren und selbst widersprüchliche Erfahrungen einbinden. Das Fazit der Studie lautet daher: Ethnizität ist eine flexible Alltagspraxis ausschließender sozialer Positionierungen.


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