|
| UHH FB Kulturgeschichte und Kulturkunde Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie | Suche |
Klaus Brake
Zeitgeschichte und Narrativik
Autobiographische Untersuchungen
bei rußlanddeutschen Einwanderern
Spätaussiedler - so nennt man in Deutschland jene deutschstämmigen Einwanderer aus Osteuropa, die infolge des Zweiten Weltkriegs bis heute wegen ihrer deutschen Volkszugehörigkeit Vertreibungen, Repressionen oder Benachteiligungen hinnehmen mußten, und die aus diesem Grunde nach Deutschland auswandern. Die größte Gruppe unter den Spätaussiedlern sind heute die Rußlanddeutschen aus der ehemaligen Sowjetunion. Die Alten sprechen noch Deutsch als Muttersprache, die jüngeren müssen es zumeist neu erlernen, wenn sie nach Deutschland auswandern wollen. Diese deutschstämmigen Einwanderer bringen jedoch nicht nur Hoffnung auf eine sichere Zukunft, sondern auch ihre Lebenserfahrungen mit - ein Aspekt, der in der Forschung bislang zumeist von vermeintlich vordringlichen Fragen der Integration und Assimilation überschattet wurde. Die Erfahrungsgeschichte der Rußlanddeutschen untersucht der Hamburger Volkskundler Klaus Brake in seiner empirischen Studie Zeitgeschichte und Narrativik. Autobiographische Untersuchungen bei rußlanddeutschen Einwanderern. Anhand erzählter Lebensgeschichten von 54 rußlanddeutschen Frauen und Männern der 'Erlebnisgeneration' (der Generation, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat) analysiert er die Erfahrungsgeschichte dieser Minderheit in der Sowjetunion im Spiegel von Biographien.
Unter allen nationalen Minderheiten der Sowjetunion, die in den 40er und 5Oer Jahren nach Westsibirien und Mittelasien umgesiedelt und zur Zwangsarbeit rekrutiert wurden, war die der Rußlanddeutschen die bevölkerungsstärkste. Wie sich Umsiedlung, Verbannung und Zwangsarbeit - sehr oft in Arbeitslagern der staatlichen Lagerverwaltung GULag - nachhaltig auf die Kultur der Rußlanddeutschen ausgewirkt haben, und wie dies heute erinnert und vermittelt wird, wird erstmals für die Volkskunde untersucht. Der Historiographie, die sich aufgrund mangelhafter Quellenzugänge in den heutigen GUS-Staaten nur langsam diesem Forschungsfeld nähert, wird so eine individualhistorische Sichtweise zur Seite gestellt. Auch die Informanten selbst verstehen ihre Lebensgeschichten oft als repräsentativ für ihre Minderheit, und so wird das biographische Erinnern zugleich zur ethnisch-sozialen Orientierung. Die Informanten waren zum Zeitpunkt der Untersuchung zumeist erst vor wenigen Monaten eingewandert, und ihre Lebenserinnerungen sind stark durch den Einwanderungs- und Orientierungsprozeß beeinflußt.
Eingerahmt wird die erfahrungs- und zeitgeschichtliche Dokumentation durch methodologische Überle gungen, die den Quellenwert erzählter Lebensgeschichten für die Kulturwissenschaft zum Thema haben Besonderes Augenmerk wird auf die Erzählweisen und -techniken gelegt. In der Art, wie die Erzähler ihre Lebensgeschichten vermitteln, lassen sich für sie gültige Verständigungs-, Bewertungs- und Orientierungsmuster erkennen. Wer als Einwanderer ,ein neues Leben beginnt', so wird deutlich, sieht auch seine Vergangenheit mit anderen Augen. Erzählend wird die Erinnerung zur Neuorientierung - für die Erzähler selbst ebenso wie für die Zuhörer.
Der Autor: Klaus Brake, Dr. des., Jahrgang 1960, ist Volkskundler und Lehrbeauftragter an der Universität Hamburg. Veröffentlichungen zur Erzählforschung, Migrationsforschung und Begriffsgeschichte.
(Aus der veröffentlichten Sammlung von Zusammenfassungen der Promotionen zwischen Oktober 1988 bis September 1997 im Fachbereich Kulturgeschichte und Kulturkunde)
[an error occurred while processing this directive] 08 Mar 08
| Impressum | Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster |