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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 2003. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



Ein halbes Jahr nicht da. Aber wieder hin.

Marcel Viëtor


Während ich dies schreibe, sitze ich in einem Zug nach Moskau; es ist früh am Morgen, der Waggon erwacht langsam, und wir Passagiere kochen uns den ersten Tschai. Das Radio läuft schon und spielt gerade sogar Musik, die mir zusagt, was ja nicht immer der Fall ist beim Radio; meiner Meinung nach die richtige Zeit, ein paar Gedanken über das letzte halbe Jahr zu formulieren.

Gestern am Abend bin ich losgefahren, und noch liegen weitere elf Stunden gemütlicher Fahrt vor mir: durch Birken- und Kiefernwälder, vorbei an schneebedeckten Holzhausdörfern, durch kleinere und größere Städte bis in die russische Metropole, die mir sehr sicher einen ganz gehörigen Kulturschock versetzen wird.

Der Himmel ist so früh noch grau, wird aber ein bisschen später wieder strahlend blau werden. Das ist, obwohl der Winter offiziell ja erst in ein paar Tagen verabschiedet wird, Anfang März schon keine Selbstverständlichkeit mehr, denn es wird wieder wärmer und dadurch schmuddeliger. Dabei kommt mir in den Sinn, wie oft ich ungläubigen Freunden zu erklären versucht habe, dass trockene -40C bei Sonnenschein und Windstille hier in Russland mir angenehmer sind als +5C im Hamburger Frühjahr.

Das zweite Mal seit gestern Abend wird mir gerade erneut klar, dass ich halt seit fast einem halben Jahr nicht mehr so nah an Hamburg war, so weit im Westen....

In Moskau erwartet mich eine gute Freundin aus Hamburg, sozusagen eine »Vorbotin« aus meiner »alten Welt«. Und ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich sage, dass ich ziemlich gespannt bin auf dieses Wiedersehen.

In den letzten fünfeinhalb Monaten habe ich gelernt, wie teuer einem Telephongespräche mit Menschen aus der Heimat sein können, vor allem, da es nicht viele gab. Und das, obwohl wir sogar Telephon in der Wohnung hatten, was für die Verhältnisse hier beileibe keine Selbstverständlichkeit ist. So sagte man z. B. auch nicht: »Gib mir mal deine Handynummer«, vielmehr fragte man: »Hast du oder hat ein Nachbar von dir Telephon?«

Ebenso sehr haben mich die paar Briefe, Karten und die drei Päckchen zu Weihnachten gefreut, die mir zeigten, dass man daheim noch an mich denkt. (Die Geschenke habe ich übrigens auch am 24. Dezember geöffnet, obwohl der Geschenkeschenk- und Tannenbaumtag in Russland erst der Neujahrstag ist.)

Außerdem habe ich erfahren, wie gut es sein kann, ab und zu einen Internetzugang zu haben, da manche Freunde von Hand keine Briefe mehr schreiben wollen. Allerdings musste ich auch feststellen, dass es Menschen gibt, die den Kontakt nicht halten können, wenn man irgendwo im Ural keinen Handyempfang hat.

Und nun, wenige Tage vor meiner Rückreise nach Deutschland, wird es also ein erstes »Vortreffen« mit der »alten Welt« geben. Ich habe zwar ein gutes Gefühl dabei und freue mich auf das Wiedersehen; ich frage mich dennoch auch, wie es werden wird... Oh, vielleicht hört sich das zu sehr danach an, als würde ich nach zwanzig Jahren in der Fremde nicht wissen, ob mich meine Eltern bei der Heimkehr wiedererkennen werden. Ich weiß aber tatsächlich nicht, was sich wie und wie sehr geändert haben könnte.

Zum einen denke ich an das, worüber mir in manchen Mails und Briefen aus Deutschland berichtet wurde, ohne dass ich aber verstehen konnte, was dort passiert und was es für mich bedeuten wird: »Bambule in Hamburg«, »Dosenpfand«, »Regierungskrisen«, »dramatisch schlechte wirtschaftliche Gesamtsituation in Deutschland«. Themen, über die in starken Emotionen geschrieben wurde, die für mich aber nur inhaltsleere Begriffe geblieben sind.

Auf der anderen Seite: Was ist mit mir passiert? Wohl fühle ich, dass ich eigentlich der Alte geblieben sein dürfte, im Grunde zumindest. Ich denke aber auch, dass dieses halbe Jahr, das ich als Deutschlehrer in der gerade so noch europäischen Kleinstadt Krasnoufimsk, vier Busstunden westlich von Jekaterinburg, verbracht habe, mich doch irgendwie beeinflusst haben müsste.

Durch meine sechsmonatige Praxis kann ich den Allgemeinplatz bestätigen, dass man in verschiedenen Sprachen verschieden denkt, was ich selber weder im Schulunterricht, noch beim zweiwöchigen Schüleraustausch, noch in den Sprachkursen an der Uni habe erfahren können. Dafür war es unerlässlich, in der russischen Sprache zu denken und zu träumen, und dies bedarf eines längeren Auslandsaufenthaltes.

Da ich mich nicht für einen Menschen ohne ausgeprägte Klischeevorstellungen und Vorurteile halte, hoffe ich, dass es mir durch das »Einfühlen« in diese fremde Sprache aber vielleicht in Zukunft gelingen wird, ebenso die Gespräche meiner deutschsprachigen Mitmenschen etwas genauer zu verfolgen und mir so meine Meinung darüber vorsichtiger zu bilden.

Auch zu anderen Bereichen von Politik, über soziale Verhältnisse bis zu Alltäglichem wie der Kommunikation oder dem familiären Zusammenleben wird meine vorgefasste Meinung inzwischen wohl weniger fest sein, da ich für mich ganz neue, alternative Sichtweisen kennen gelernt habe: Sei es nun eine andere Einschätzung der Bedeutung der EU (als ein wichtiger politischer Akteur, aber eben nicht als der Raum, in dem man lebt), der Ehe (»Mit 23 solltest du schon langsam mal ans heiraten denken....!«), des Teetrinkens (mehrmals am Tag: »Du trinkst eine Tasse mit, oder?«) oder Geschenken (vielleicht käme ja auch ich mit weniger Geld auf derart geniale Geschenkideen?) um nur die ersten mir in den Kopf kommenden Beispiele zu nennen.

Es beschäftigt mich auch sehr, wie ich mich in Zukunft zu den Themen »Finanzielles« und «soziales Lebensniveau« verhalten werde. Werde ich, wenn man mir nach meiner Rückkehr (oder jetzt schon in Moskau) mit der ach so »schlechten wirtschaftlichen Gesamtsituation in Deutschland« kommt, mich zum Gerechten aufschwingen und dann von meinen Erfahrungen in Russland berichten, und dass man sich man nicht so haben sollte? Oder werde ich eher die (in Deutschland wohl kaum nachvollziehbare) Anekdote erzählen, wie sich ein russischer Rentner erzürnte, dass bei den ganzen Teuerungen die Rente nicht einmal um einen Euro angehoben wurde, und er dann die Antwort bekam, sie sei doch zumindest um einen Dollar gestiegen?

Wenn man mich den Dauerbrenner »Ihr habt doch bestimmt viel Wodka getrunken, oder?« fragen wird, werde ich dann das dazu berichten, was die meisten hören wollen, und ein oder zwei nette und auch wahre Geschichtchen zum Besten geben? Oder eher versuchen, differenzierender darzulegen, was so nicht ganz in die allgemeine Vorstellung passt und deswegen beim lustigen Erzählen nicht so gut ankommt? Zum Beispiel, dass Alkoholismus in Russland mit Sicherheit kein kleines Problem darstellt, man aber auch nicht vergessen sollte, dass es genauso in Deutschland Alkoholismus gibt, mit dem Unterschied, dass man ihn nicht so offen zu sehen bekommt. Und dass ich in meiner Familie in Krasnoufimsk so wenig getrunken habe wie in Deutschland seit vor dem Abitur nicht mehr, weil das dort einfach nicht so üblich war wie beispielsweise in meiner Hamburger WG?

Wahrscheinlich ist gerade all das mit dem Wort »Persönlichkeitsentwicklung« gemeint, einem Ausdruck, den ich bei den Vorbereitungen zu meiner Reise so oft in Ratgebern zu lesen bekam. Und gegen den ich recht bald eine starke Abneigung entwickelte, weil er mir derart steril Anspruch auf mein Ich zu erheben schien. Nun, da ich meine »Persönlichkeitsentwicklung« so über mich ergehen lassen habe, hat sich meine Einstellung zu diesem Wort ins Positive gewandelt, wahrscheinlich aufgrund guter Erfahrungen mit der Persönlichkeitsveränderung...

Die Erfahrungen aus den letzten Monaten werden mir, so denke ich, nun wie im Leben, so auch im Studium nützlich sein können vorausgesetzt, ich lasse mich nach meiner Ankunft nicht wieder einfach so ins komplette »Schema F« der alten Routinen und Bequemlichkeiten fallen. Was wird bleiben?

Jetzt freue ich mich jedenfalls erst einmal darauf, meine Eltern und Freunde wiederzusehen, wieder in Hamburg zu studieren, vertraute Orte zu besuchen und natürlich auf den Sommer. Und obwohl mich, meine Rückkehr betreffend, im Moment noch mehr Fragen als Gewissheiten beschäftigen, so weiß ich auf der anderen Seite doch auch ganz sicher, dass ich noch öfter in »der, die oder das Ural« (wie besagte Freundin aus Hamburg so gerne rät) fahren werde.

Dort werde ich meine »zweite« Familie und meine Studenten am College besuchen und mit ihnen über moderne deutsche Musik und Filme und über alles mögliche andere sprechen; vielleicht wieder mit den Schülern der umliegenden Dorfschulen deutsche Weihnachten feiern, ihnen im Gespräch zumindest zeigen, dass auch Ausländer ganz normale Menschen sind; mich in den Geschäften mit der dortigen Vorstellung von Höflichkeit arrangieren (»Hallo«? »Danke«? »Tschüss«?); im Winter hoffentlich wieder im Pferdeschlitten über die Dörfer fahren (wobei dies nicht die dort übliche Fortbewegungsweise ist, vielmehr ein besonderes Dankeschön an die seltenen ausländischen Gäste); meine besseren Manieren im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht auskramen (ihnen zum Beispiel beim Aussteigen aus dem Bus die Hand reichen); im Sommer im Boot auf Flüssen paddeln und durch die abwechslungsreiche Landschaft wandern, Beeren und Pilze
sammeln und Schaschliki am Lagerfeuer genießen; wieder auf Russisch denken; ein etwas langsameres Leben führen.

Wofür gibt es denn schließlich eine so lange vorlesungsfreie Zeit!


  Impressum Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster Seitenanfang