Logo der Universität Hamburg Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie 
  UHH  ›  FB Kulturgeschichte und Kulturkunde  ›  Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie   Suche  

(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 2003. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



»Wohin entwickelt sich die Technik?«
Denk- und Gefühls-Bilder im
Kontext biographischer Erfahrung

Hans Joachim Schröder


Empirische Voraussetzungen

Seit dem Jahr 1999 wird am Institut für Volkskunde der Universität Hamburg an einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt gearbeitet, das den Titel »Kultur, Alltag und Wandel der Technik im Spiegel biographischer Erfahrungen der Gegenwart« trägt. Etwas
einfacher formuliert lautet der Titel des Projekts »Technik als biographische Erfahrung«. Ziel der Forschungen ist es, differenzierte Aufschlüsse darüber zu gewinnen, wie die Technik sei es die Technik einfacher Werkzeuge und Geräte, sei es die Technik hoch entwickelter Maschinen das Bewusstsein, das Handeln und damit den Alltag heute lebender Individuen beeinflusst und bestimmt.

Dass die Technik in unser aller Leben und Handeln, dem Einzelnen oft gar nicht mehr bewusst, auf vielfältige Weise hineinwirkt, dass sie unsere Existenz förmlich durchdringt, wird kaum jemand bestreiten.1 Technik hat gerade in den Industriestaaten eine Wirkungsmacht entfaltet, deren nähere Kenntnis unerlässlich ist, wenn wir die Kultur, in der wir leben und die wir selber sind, angemessen verstehen wollen. Einige Kernfragen innerhalb unseres Projekts lauten: Wie sind die subjektiven und daraus abgeleitet die gesellschaftlichen Erfahrungen derjenigen beschaffen, die in biographischen Erzählungen ihren Umgang mit Technik rekapitulieren? Welche Erinnerungen und Vorstellungen verbindet der Einzelne mit der Technik, die ihn in unmittelbarer Nähe umgibt, mit der er oft täglichen Umgang hat? Welchen Stellenwert besitzen außerdem Vorstellungen von jener Technik, deren Existenz uns bekannt ist, die aber sozusagen in der Ferne funktioniert und die wir in vielem nicht durchschauen?

Was hier als der Rahmen unseres Erkenntnisinteresses in sehr allgemeinen Fragen angedeutet ist, wurde mit den Mitteln empirischer Forschung konturiert und konkretisiert. Bei der Strukturierung des Samples, dessen Beteiligte wir in themenzentrierten biographischen Interviews befragt haben, wurden folgende Merkmale zugrunde gelegt.2 Die Informanten leben fast ausnahmslos im Großraum Hamburg, sie gehören, sofern sie nicht noch Schüler und Studenten sind, dem Dienstleistungssektor an, also dem repräsentativsten Berufssektor innerhalb der Großstadtgesellschaft. Zu gleichen Teilen sind Frauen und Männer vertreten, und zwar in einer breiten, dabei gleichmäßigen Streuung zwischen den Geburtsjahrgängen 1924 und 1983. Was den Bildungsstatus der Befragten angeht, so waren wir bestrebt, auch hier eine breite Streuung zu erreichen. Allerdings erwies es sich, dass Gesprächspartner mit einfacher Schulbildung, also etwa Personen mit Grundschulabschluss, schwer zu finden waren; ein Umstand, der für die Bildungsstruktur innerhalb des Dienstleistungsbereichs vielleicht kein Zufall ist. In der Mehrzahl der Fälle haben die von uns Interviewten die Schule mit dem Abitur abgeschlossen. Insgesamt wurden 94 Interviews, davon zwei Gruppeninterviews erhoben, und zwar im Zeitraum zwischen Frühjahr 1999 und Frühjahr 2001. Die Gespräche dauerten im Schnitt zweieinviertel Stunden.

Da es, wie bereits erwähnt, um themenfokussierte Interviews ging, wurde ein ausführlicher Fragenkatalog ausgearbeitet. Dieser Katalog diente nicht als Leitfaden in dem Sinne, dass er in jedem Interview benutzt und abgearbeitet, gar abgefragt wurde. Er hatte vielmehr den Zweck, dem Interviewer ein Bewusstsein davon zu verschaffen, was alles zur Sprache kommen konnte, worauf gegebenenfalls die Aufmerksamkeit des Befragten zu lenken war in einem Gespräch, dessen Inhalte zuerst und vor allem vom Interviewten selbst bestimmt wurden. Die interessante methodische Frage, wie es sich im Detail mit der Gesprächslenkung einerseits und der Gesprächs-offenheit andererseits verhielt, soll hier nicht erörtert werden. Erläuterungen zur Technik so genannter weicher Interviewverfahren können wahrscheinlich nur in begrenztem Maß präzise und regelsicher bereitgestellt werden, weil es zu den Grundmerkmalen dieser Art von Interviews gehört, dass der Interviewer oft spontan reagieren muss, indem er sich, zumindest streckenweise, ganz auf das einlässt, was der Interviewte jeweils nicht selten überraschend zur Sprache bringt.3

Dabei ist es wichtig festzuhalten, dass es in unserem Katalog, wo es beispielsweise Fragen nach dem Umgang mit Kommunikationsmitteln (z. B. Telefon, Radio, Fernsehen, Computer) oder nach dem Umgang mit mobiler Technik, ferner z. B. nach dem Umgang mit Haushalts- oder Freizeit-Technik gibt dass also im Fragenkatalog auch ein Erfahrungsfeld berücksichtigt war, welches wir als »Technik im Fernbereich« umschrieben haben. Erfahrungen zur Technik im Fernbereich gewinnen sowohl die Interviewten als auch die Interviewer meistens nur durch Vermittlungsinstanzen, beispielsweise durch die Schule, durch Bücher, natürlich auch durch Diskussionen mit Angehörigen oder Bekannten, ferner, und dies vor allem, durch öffentliche Medien. Vielfach schlägt sich das Wissen über Technik im Fernbereich, etwa über Atomtechnik, in Ansichten und Anschauungen nieder. Diese Anschauungen wirken wiederum zurück auf das konkrete Alltagsleben der Menschen, sie beeinflussen oder beherrschen gar die Kommunikation mit den Mitmenschen, können oftmals handlungsleitende Bedeutung gewinnen, sind also auf elementare Weise bewusstseinsprägend.

Bevor ich erläutere, wie sich mit dem Wissen um die Technik im Fern- und z. T. auch im Nahbereich offensichtlich zwangsläufig die Frage nach der Entwicklung dieser Techniken verbindet, muss ich noch einmal daran erinnern, dass wir uns mit Technik nicht sozusagen um ihrer selbst willen beschäftigen, sondern dass wir untersuchen wollen, welche Spuren die Technik im biographischen Bewusstsein hinterlässt. Das Funktionieren von Technik für sich selbst interessiert uns allenfalls am Rande. Wohl aber interessiert es uns zum Beispiel, wie ein Interviewpartner über dieses Funktionieren spricht. Wie er sich darüber äußert, wenn er etwa einen Herstellungsvorgang sehr genau kennt; welche Nähe, welches Beteiligtsein er zum Herstellen offenbart, welche Befriedigung er daraus zieht oder auch, mit welchen Schwierigkeiten er zu kämpfen hat, wenn er einen Herstellungs- oder Bedienungsablauf nicht beherrscht. Im biographischen Erzählen wird der Umgang mit bestimmten Techniken konkret. Was wir allgemein als »Kultur der Technik« oder als die »Veralltäglichung im Umgang mit Technik« kennzeichnen, wird im Blick beispielsweise auf Erinnerungen an Gewalt-Technik im Zweiten Weltkrieg oder im Blick auf die Lust oder Unlust beim Bügeln konkret. Das Erfahrungsspektrum ist sehr breit, es kann entsprechend nicht »vollständig« oder »umfassend« erschlossen werden. Notwendigerweise vollzieht sich die Erforschung von autobiographischer Technikerfahrung in Annäherungen und Ausschnitten.4 Dazu muss man sagen, dass der kulturwissenschaftlich-biographische Frageansatz, wie er unseren Forschungen zugrunde liegt, durchaus Pioniercharakter besitzt. Wie im Einzelnen und zugleich im Ganzen die Menschen unserer Kultur sich an die Technik erinnern, die sie in der Nähe oder in der Ferne immer dichter umgibt: diese scheinbar so nahe liegende Frage ist noch kaum gestellt worden.5

Volkskundliche Biographieforschung als Zukunftsforschung

In unseren Interviews gibt es umfangreiches Material zu den Auffassungen, die von der Technik im Fernbereich und damit immer wieder auch von der Entwicklung bestimmter Techniken gewonnen worden sind. Die Frage nach der Entwicklung einzelner Techniken umschließt, das liegt auf der Hand, Fragen nach der Zukunft. Nur kurz sei darauf hingewiesen, dass die Dimension der Zukunft seit längerem zum Gegenstand volkskundlicher Forschung geworden ist, wenn auch nur, soweit ich das überblicke, in wenigen verstreuten Ansätzen. So erklärt etwa Albrecht Lehmann 1983 in seinen autobiographischen Untersuchungen »Erzählstruktur und Lebenslauf«:

»Daß Antizipationen zum Bestandteil lebensgeschichtlichen Erzählens gehören, braucht nicht zu verwundern, denn Zukunft ist eine Dimension von Zeit und Geschichtlichkeit und sowohl Bestandteil der Situation von Gruppen oder großen Kollektiven wie der Lebenssituation des einzelnen. Wir alle leben nicht nur in der Gegenwart und mit der Vergangenheit, sondern immer auch mit Vorstellungen von der Zukunft; genauer: mit Erwartungen, Wünschen, Befürchtungen, Hoffnungen und dem Willen, ein Ziel zu erreichen.«6

In einer unmittelbar auf unser Thema bezogenen Weise werden Zukunft und Technik in dem Buch »Wunschwelten« miteinander verknüpft, einem facettenreichen, dabei mit computerartigen »Links« ausgestatteten Band, an dessen Zustandekommen Thomas Hengartner und Gerrit Herlyn maßgeblich beteiligt waren. Gerade in dieser Geschichte der Wünsche offenbart sich, wie Vergangenheit und Zukunft in jeweiligen Gegenwarten miteinander verschränkt sind, oder anders gewendet: Erfahrung und Erwartung,7 oder nochmals anders gewendet: Hoffnung und Befürchtung.8 Schließlich sei noch auf den unlängst erschienenen Aufsatz »Die Trendforschung als Berufsfeld für Volkskundler« von Nicole Khuon aufmerksam gemacht, das Resümee einer Magisterarbeit, in dem es heißt:

»Volkskunde hat das Potenzial, sich innerhalb ihres eigenen Erkenntnisinteresses dem Thema Zukunft vermehrt zuzuwenden. Indem die Volkskunde gegenwartsbezogene Kulturforschung und Kulturanalyse betreibt, trägt sie bereits einen grundlegenden Teil dazu bei, auf Wandel und Entwicklungen hinzudeuten. Volkskundliche Bewusstseinsanalyse fragt nach der Wahrnehmung der Menschen. Hierbei werden Meinungen, Befürchtungen und Anschauungen offenbart, die erwünschte zukünftige Entwicklungen bzw. befürchtete Veränderungen spiegeln.«9

 Das Thema, das ich hier behandle, liegt an einer Schnittstelle oder, wenn man will, an einem Kreuzungs- und Brennpunkt verschiedenster volkskundlicher Forschungsbestrebungen: es fällt in das Gebiet der kulturwissenschaftlichen Technikforschung,10 es ist Teil der Biographie-forschung, der Erzählforschung, der volkskundlichen Zukunftsforschung, der Bewusstseinsanalyse im Sinne Albrecht Lehmanns,11 darüber hinaus der Emotionsforschung,12 schließlich aber auch, weil es immer wieder um durch Medien vermittelte Ansichten zur Technikentwicklung geht, der kulturwissenschaftlichen Medienforschung.13 Die Erkenntnisse all dieser Forschungsrichtungen kann oder sollte man im Blick haben, wenn man ein angemessenes Verständnis von den Denk- und Gefühlsbildern, die im Folgenden betrachtet werden, entwickeln will.14


»Sich Gedanken machen«

Bevor ich auf die Inhalte eingehe, die bei der Frage nach der Entwicklung einzelner Techniken zur Sprache kommen, will ich an zwei Beispielen verdeutlichen, dass es in unserem Sample auch Nicht-Reaktionen auf diese Frage gibt. Gegen Ende eines eher mühsamen Interviews mit einer Abiturientin (Jg. 1981), die auf keine Weise zu ausführlicheren Stellungnahmen zu bewegen war, wird auf die Frage, ob sie sich »auch mal Gedanken zum Beispiel über Militärtechnik« mache, mit einem bündigen »Nö« geantwortet. Die sichernde Nachfrage, ob sie sich darüber also überhaupt »keinen Kopf« mache, wird bestätigt mit einem »Wüsst ich so nicht«. Sehr ähnlich, allerdings mit einer aufschlussreichen Ergänzung, gestaltet sich das Frage-Ant-wort-Spiel zwischen dem Interviewer und der 1939 geborenen Rein-mache-frau Gerda Pierow.15 Nachdem sie bereits umfassend ihre Erzählfreudigkeit etwa im Blick auf Ärgernisse mit Autos, die immer wieder aufgebrochen werden, oder im Blick auf Lärmbedürfnisse und Lärmbelästigungen in einem Kleingarten unter Beweis gestellt hat, stellt sie selbst die Frage:

Pierow: Was könnt ich denn sonst noch erzählen?
Interviewer: Es gibt so'n anderen Bereich noch, das ist nun gar nicht so die Technik, mit der Sie selbst direkt zu tun haben. Sondern: Wieweit macht man sich denn auch Gedanken über technische Entwicklungen im allgemeinen?
Pierow: Hm. Ja. Also ich eigentlich, glaub ich, gar nicht.
I.: Atomtechnik zum Beispiel. Da zerbrechen Sie sich nicht den Kopf?
Pierow: Überhaupt nicht. Nee, gar nicht.
I.: Haben Sie auch keine Angst davor? Zum Beispiel, dass mal irgendwas explodieren könnte?
Pierow: Eigentlich nicht. Wenn's dann so ist, wahrscheinlich. Denk ich mal. Aber solange nix ist.
I.: Ach so, da kümmern Sie sich nicht drum.
Pierow: Gar nicht. [Pause.].16

Hier kommt durch die Nachfrage des Interviewers eine Einzelheit zum Vorschein, die für die gesamte Technik-Biographie Frau Pierows kennzeichnend ist: Sie würde reagieren und sich Gedanken machen, wenn tatsächlich etwas passiert wäre, das heißt wenn in den Medien, insbesondere im Fernsehen, davon die Rede wäre. Frau Pierow konsumiert eifrig das Fernsehen; über Unglücke, von denen berichtet wird, zerbricht sie sich oft tagelang den Kopf.

Die Frage, ob und wieweit sich jemand Gedanken über Technikentwicklungen macht, lässt sich jedoch nicht im Sinne eines Ja-Nein-Schemas beantworten. Die Aussagekraft biographischer Interviews erweist sich immer wieder gerade darin, dass sie zur Differenzierung zwingen, indem z. B. vereinfachende dualistische Betrachtungsweisen aufgelöst werden müssen. Aus dem Gespräch mit einer 1947 geborenen Frau, die ein Afrikanistikstudium abgebrochen und dann viele Jahre lang beim Rundfunk gearbeitet hat, geht hervor, wie sehr die Frage, ob man sich über einen Gegenstand Gedanken mache, von der persönlichen Selbsteinschätzung abhängig ist. Frau Vormann verbindet mit dem Ausdruck »Sich Gedanken machen« einen gewissen Anspruch in Bezug auf Reflektiertheit und Schlüssigkeit. Des-halb meint sie zunächst, sie mache sich »nicht besonders« Gedanken. Im folgenden Interviewausschnitt stellt der Interviewer seine Frage, nachdem ausführlich über den Umgang mit dem Computer gesprochen worden ist:

Interviewer: Machen Sie sich eigentlich überhaupt mal sag ich mal jetzt in etwas allgemeinerer oder globalerer Weise manchmal Gedanken über die Entwicklung von Technik zum Beispiel? Überlegt man sich das, oder überlegen Sie sich das? [Pause.]

Vormann: Also, nicht besonders; aber natürlich kommt man manchmal an Punkte. Ich bin nicht speziell 'n Mensch, der da super interessiert ist. Klar, ich meine, als es so anfing, die Überlegungen dann liest man im >Spiegel< mal was, und dann hat man 'n Artikel gelesen, hat man diskutiert mit Freunden oder irgendwie so. Oder ich hatte 'n Freund, der kam aus USA. An der Uni, da hatte er seine eigene E-Mail, und hier war das noch alles 'n bisschen rudimentär. (Konnte) schwärmen, und er konnte ohne nicht mehr sein. Das kriegt man dann mit, und dann kommt man 'n bisschen ins Gespräch. Aber sagen wir mal, nicht so ganz [tiefgehend].

Hier wird auf anschauliche Weise klar, über welche Vermittlungen die Beschäftigung mit Problemen der Technikentwicklung zustande kommt. Zugleich beweisen die Ausführungen von Frau Vormann unmittelbar im Anschluss an diesen Interviewausschnitt, dass sie über die gesellschaftliche Bedeutung der Computertechnik in reflektierter Form nachdenkt. Da sie sich viel mit den Verhältnissen in Afrika beschäftigt hat, sieht sie eine wachsende Diskrepanz der Entwicklungen einerseits zwischen Afrika und Europa, andererseits auch zwischen gut und schlecht verdienenden Schichten in Europa: »Ich denke mir, zumindest im Augenblick [also 1999] hat nicht jeder das Geld, sich 'n Computer zu Hause anzuschaffen. Es gibt `ne ganze Menge Familien, die haben überhaupt keinen. Es gibt ja noch Analphabeten, mehrere Millionen

Mit dieser Stellungnahme sind wir bereits mitten in die Auffassungen zum Thema Technikentwicklung hineingeraten. Bei den eben zitierten Aussagen handelt es sich um eine Ansicht ein Denk-Bild zur Kommunikationstechnik, also zu einem Bereich, den man nicht als »Technik in der Ferne« ansehen kann aber die Anschauungen, die zur Sprache kommen, zielen mit dem Blick auf zwei Kontinente durchaus ins Globale. Dabei ist dieser Blick in starkem Maß autobiographisch vermittelt: Frau Vormann hat sich jahrzehntelang mit dem afrikanischen Kontinent beschäftigt, beim Rundfunk hat sie in einer Afrika-Abteilung gearbeitet, und im Jahr 1997 hat sie ihr Afrikanistikstudium wieder aufgenommen, um es mit dem Magister abzuschließen.

Verschränkung von Vergangenheit und Zukunft

Bevor ich auf weitere Stellungnahmen zur Entwicklung der Kommunikationstechnik und dann auch zur Atomtechnik eingehe, möchte ich einen Interviewabschnitt zitieren, der auf sinnfällige Weise deutlich macht, wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich in der autobiographischen Rekapitulation förmlich unauflösbar ineinander verschränken können. Ausgewählt ist der Abschnitt aus dem Gespräch mit einem Studenten der Bibliothekswissenschaften; er heißt Markus Adloff und ist Jahrgang 1972. An der Hamburger Universität ist er im Jahr 1999 zugleich ein Fachmann des Rechenzentrums, der in den Seminarbibliotheken Computer einrichtet. Seine Mutter arbeitet seit langem in einer Bäckerei, der Vater ist Schneider und Allround-Handwerker, ein Mann, der wohl wesentlich dazu beigetragen hat, dass Markus Adloff, wie es im Protokoll zum Interview heißt, »eine technikbestimmte, technikdurchwirkte Lebenswelt sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen« hat. Hier der Interviewausschnitt:

Interviewer: Ich hab den Eindruck, als wenn Sie waren gleich mitten in der Technik drin, als Sie zur Welt kamen.
Adloff: Ich glaube auch, ja.
I.: Ja, ja. Da können Sie das im Grunde gar nicht sortieren. Wie war denn das zum Beispiel für Ihre Mutter in der Küche? Wie war die so ausgestattet?
Adloff: Die hatte ziemlich viel. Die hatte elektrische Knethaken. Die hab ich jetzt noch nicht. [Gelächter.]
I.: Elektrische Knethaken. Können Sie das noch so erinnern, was da in der Küche alles stand?
Adloff: Die Mikrowelle gab's noch nicht für den Massengebrauch; das gab's noch nicht. Es gab elektrische Knethaken. Herd, klar. 'n Wasserboiler; weil da die Heiz[ung] zentral na gut, zum Tee machen, klar. Diese Dings-Kocher, die man heute hat, diese Schnellkocher gab's auch noch gar nicht. Wir hatten halt immer 'n fest eingebauten Boiler. Jetzt hat man ja diese Geräte, wo man nur 'n Knopf drückt, und dann hat man das Wasser in der Hand; tragbar natürlich, ohne Kabel. Das gab's noch nicht. Was hatten die da alles? Ne Neonröhre gab's in der Küche, eine schreckliche Neonröhre.
I.: Aber Eisschrank zum Beispiel?
Adloff: Klar, alles gehabt. Sie hat mir nur mal erzählt, dass sie in der Gegend da wohl die ersten waren, die 'n Kühlschrank hatten.
I.: Wo sind Sie denn überhaupt geboren?
Adloff: Ich bin in Göttingen geboren und aufm Dorf aufgewachsen; ein kleines Dorf vor Rosdorf. Und da in der »Siedlungsweg«, das heißt, das ist die Siedlung. Da hat man irgendwann ich weiß nicht, vielleicht geht das noch auf die Nazis zurück , dort hat man außerhalb des eigentlichen Dorfkerns die ersten Neubauten angesetzt. Das ist so ne Straße, alles so, ich glaub, in'n dreißiger Jahren gemacht. Die hatten noch keine
Wasser[leitung]. Wasserklo gab's auch noch nicht, Wassertoiletten. Die hatten nur 'n Plumpsklo ursprünglich hinten. Und dann hatten sie
I.: Aber damit sind Sie ja nicht aufgewachsen.
Adloff: Nee, nee, ich nicht. Aber das waren so auch die Highlights, also diese Weiterentwicklung, dass man da mit dem Kühlschrank doch einer der ersten war. Die Eltern meiner Eltern, die wohnten im gleichen Haus, da fand das die Mutter völlig überflüssig. »Wir ham doch 'n Keller, ist doch kalt. Du brauchst doch keinen Kühlschrank. Total überflüssig.« Der Keller hatte auch kein Licht. Bis in die achtziger Jahre rein hatte der Keller kein Licht. (Die ist immer) mit der Kerze in'n Keller gegangen. Für sie selbstverständlich.
I.: Das ist ja erstaunlich. Wie war's denn mit Waschmaschine?
Adloff: Da waren wir auch ziemlich zeitig. Da hatten wir zeitig ne Waschmaschine.
I.: Die hat wahrscheinlich Ihre Mutter auch schon gehabt, als Sie zur Welt kamen?
Adloff: Ja ja, klar, sicher, das war alles schon da. Völlig selbstverständlich. Also interessanter [Interview-]Partner wäre mein Opa gewesen. Der ist leider gestorben vor einem Jahr, anderthalb Jahren. Der Mann ist Feinmechaniker, 1904 geboren, hat beide Weltkriege mitgemacht, war aber nie an der Front. Und hat als Feinmechaniker auch immer 'n gewissen Blick auf Technik gehabt. Mit dem konnt ich mich klasse unterhalten. Sein großer Traum war, 2000 noch erleben. Das hätte er gerne gemacht. Leider verfehlt um drei Jahre. Das war immer so: »Wie mag die Welt dann aussehen? Es geht ja nur immer bergauf!« Das war seine Aussage. Es geht immer nur bergauf. Ich mein, das muss man sich vorstellen. Im Ersten Weltkrieg die ersten Kampfflugzeuge. Oder überhaupt die
ersten Maschinen, also die Vereinfachung im feinmechanischen Bereich: Drehmaschine elektrisch, nicht mehr mit Dampf. Er hat noch mit nem Dampf, mit'm Treibriemen gearbeitet. Dass man ne Zapfwelle an der Decke hat und dann 'n Treibriemen auf die einzelnen Maschinen aufsetzt, einhängt, und dann daran arbeiten kann. Das war so sein Statement: Es ging immer bergauf.
I.: Aber das meinte er ja allgemein. Das meinte er nicht nur auf die Technik bezogen, oder?
Adloff: Technik. Dass sich Technik so weit [entwickelt], dass man übern Atlantik fliegen konnte. Solche Sachen, das waren für ihn echte Werte. Das waren für ihn echte Steigerungen.
I.: Echter Fortschritt.
Adloff: Ja ja. Er fragte auch immer: »Was kommt jetzt nach diesen Computern? Noch mehr Computer? Ja, was mag jetzt danach kommen? Jetzt hat man diese Computer, aber was mag danach kommen? Noch mehr Computer?

Die Beschreibungen und Erzählungen Adloffs enthalten so etwas wie eine spontan, sozusagen aus dem Stegreif vorgebrachte Entwicklungsgeschichte der Technik, mit einem Ausblick auf die Zukunft der Technik, wie er sich aus der Sicht eines offenbar zeitlebens von der Technik faszinierten alten Mannes darstellt. Autobiographisches, Regionalgeschichtliches und allgemein Bildungsgeschichtliches sind in einer Zusammenschau von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft so dicht ineinandergewoben, dass die Zerlegung der Elemente einige Mühe bereiten und den Reiz dieser Zusammenschau wahrscheinlich zerstören würde. Meines Erachtens sind die Schilderungen von Markus Adloff ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass die Sprunghaftigkeit und Lückenhaftigkeit, zugleich aber auch die Farbigkeit und der Assoziationsreichtum mündlichen autobiographischen Erzählens in ihrer ganzen Komplexität nur sichtbar gemacht werden können, indem man den Erzählbeleg wörtlich und in vollem Umfang wiedergibt.17

Im Folgenden werde ich eine Reihe solcher Belege zitieren, ohne ausführlich kommentierend auf sie einzugehen. Die Belege, so kann man sagen, sprechen für sich selbst. Sie enthalten Deutungen von technischen Entwicklungsprozessen, die für jeden, der sie hört oder liest, durchaus etwas Herausforderndes haben, indem sie uns vielleicht sogar im Zentrum unseres subjektiven Bewusstseins treffen. Zugleich jedoch betrachte ich das, was die Interviewten vorbringen, als Bilder oder auch als Figuren von Gedanken und Gefühlen, als Konstruktionen, über deren Plausibilität ich als Wissenschaftler nicht befinden muss. So wie die Befragten von ihrem Umgang mit Technik im Haushalt oder im Beruf erzählen, so berichten sie auch, welche Auffassungen sie von technischen Entwicklungen gewonnen haben, seien es solche in der Vergangenheit oder solche für die Zukunft. Dabei will ich mich auf die Bereiche Kommunikationstechnik und Atomtechnik konzentrieren. Notgedrungen, allein aus Zeitgründen, verzichte ich darauf, auch die sehr interessanten Stellungnahmen zur Gentechnik zu zitieren.


Ansichten zur Entwicklung der Kommunikationstechnik

Andeutungen einer Entwicklungsgeschichte der Technik, sehr direkt bezogen auf die Kommunikationstechnik, außerdem vorgebracht in einer
generalisierend-abstrahierenden Form, wie sie für das Denken an den Universitäten charakteristisch ist uns also sehr vertraut ,18 finden sich in den Erklärungen des Gymnasiallehrers Detlef Kirchner, Jahrgang 1941. Er unterrichtete 1999 mit reduzierter Stundenzahl, weil er zugleich mit der Bereitstellung von pädagogischen Internet-Materialien für einen Hamburger Bildungsserver beschäftigt war. Kirchner, promovierter Literaturwissenschaftler, zeigt eine unverkennbare Aufgeschlossenheit für die Technik; gleichwohl, so sagt er, habe es früher bei ihm förmlich eine »Technikfeindlichkeit« gegeben, die bis heute als »Technikskepsis« fortwirkt. Hier schließt der folgende Interviewbeleg an:

Interviewer: Wo kommt das her, diese Skepsis [gegenüber der modernen Kommunikations-technik]? Woran binden Sie das an, an welche Überlegungen und Erfahrungen?
Kirchner: Ich sag mal, so'n Grundgedanke ist den vertritt auch Baudrillard sehr stark , dass so ne gewisse Entwirklichung stattfindet. Man trennt sich von dem, worin man im Alltag eigentlich lebt, von der Kommunikation mit den Menschen, mit denen man im selben Haus lebt, mit denen man in der Nachbarschaft umgeht. Und ersetzt das man hat ja nur 'n gewisses Zeitbudget zur Verfügung , ersetzt das durch Kommunikation über dieses Medium. Ich schreibe mir elektronische Briefe mit Leuten, die hier und da leben. Das baut Kommunikationsbeziehungen auf, die das Andere ja irgendwie einschränken. Mit'm Telefon ist das eigentlich auch schon, obwohl man da noch die lebendige Stimme hat. Das ist in gewisser Weise noch 'n bisschen was anderes. Aber man überbrückt ja doch den Raum, in dem man lebt, mit dem Telefon. Und so ist das mit dem Internet genauso. Und zwar etwa in Lichtgeschwindigkeit. Man kann ja sofort mit jemandem in Australien kommunizieren. Während oft der Schritt zum Nachbarn viel mehr Zeit braucht. Diese Entwirklichung der eigenen sinnlichen Lebensumgebung, das ist, denk ich schon, ein sehr, sehr wesentliches Moment dabei. Die Frage ist auch, wie weit das zurückschlägt auf das Verhältnis zum eigenen Körper. Der [Hartmut] Böhme hier in Hamburg [hat] diesen Leitbegriff ja nochmal in die Diskussion gebracht: der Leib als Erfahrung. Der Körper als mehr mechanisches Gebilde im Sinne von Descartes aber diese Leibbeziehung, ob die nicht doch darunter leidet und eingeschränkt wird. Solche Überlegungen sind das bei mir jedenfalls, die da mit ne Rolle spielen. []
I.: Das Gegenüber, das körperliche Gegenüber, wie Sie das beschreiben, wird einfach völlig lahmgelegt. Das geht ja schon mit'm Fernsehen los.
Kirchner: Ja, sicher. Das Fernsehen ist der große Einbruch, denk ich. Also das Fernsehen in der Familie steuert ja ganz stark die Kommunikation. Auch durch die Themenvorgabe.
I.: Ja, auf jeden Fall.
Kirchner: Und dann einfach durch den elektronischen Einbruch in einen ja irgendwo doch bisher geschützten Raum. Die Welt [des Fernsehens] bricht ja wirklich ein mit einer sinnlichen Wucht. Diese Bilder, die sind nicht zu unterschätzen in ihrer Macht, die sie auf das Denken und Fühlen haben. Bricht ein in, ja, emotionale Beziehungen zwischen vier, fünf, sechs Menschen, in einem Raum.

Was Kirchner vorbringt, könnte während einer akademischen Diskussion oder während eines Gesprächs unter Fachwissenschaftlern vorgebracht worden sein. Der Interviewte stützt sich auf Instanzen des akademischen Diskurses wie Jean Baudrillard und Hartmut Böhme. Die Erklärungen wirken jedoch, so scheint mir, nicht abgehoben oder völlig unpersönlich, auch wenn eine Verbindung zur Biographie oder zum Alltag des Befragten nicht ohne weiteres zu erkennen ist. Solche objektivierten oder stark versachlichten Denk-Bilder können für Menschen, die ein Studium absolviert haben, offensichtlich zu einer selbstverständlichen Form des Reflektierens und Kommunizierens werden.

Sehr viel eindeutiger aus der eigenen Biographie abgeleitet und dabei prononciert in die Zukunft gerichtet sind die Auffassungen, die der 1951 geborene Interviewte Fritz Leitgeb zur Sprache bringt. Leitgeb studierte neun Semester lang Visuelle Kommunikation, befasste sich anschließend, während er bereits Geld verdiente, sieben Jahre lang mit dem Studium der Psychologie und arbeitet etwa seit 1990 in fester Anstellung als Graphiker in einem großen Hamburger Verlag. Damit deutlich wird, wie sich das Gesagte tatsächlich aus Berufserfahrungen, also biographisch entwickelt, muss ich einen ziemlich langen Interviewausschnitt zitieren. Herr Leitgeb hat zunächst erläutert, welche Möglichkeiten es inzwischen also 1999 am Computer beim Gestalten von Fotos gibt (Fotocomposing). Für vieles, was früher aufwändig von Fotografen geleistet werden mußte, braucht man mittlerweile keine Fotografen mehr. Allerdings werden z. B. für die Präsentation von Modebildern, also für die Arbeit mit Models, bisher weiterhin Fotografen gebraucht.

Interviewer: Also die Fotografen haben noch nicht ausgedient?
Leitgeb: Nee, nee, auf keinen Fall. Aber einige werden sich böse umstellen müssen. Ihre Kreativität wird darunter natürlich leiden, weil sie weniger in der Realität produzieren als vielmehr digital was machen. [Pause.] Schrecklich.
I.: Sie empfinden das als schrecklich?
Leitgeb: Na ja, natürlich. Wir kennen unsere reale Welt kaum und bauen uns schon ne neue. Und fangen damit an, die echte damit stellt sich auch die Frage []: Was ist die Realität? Und das ist dann auch irgendwann `ne philosophische Frage. Was ist Projek-
tion, und was ist wahr? Oder was ist die Wahrheit?
I.: Ja [lacht], darauf gibt's keine Antwort.
Leitgeb: Ich denke mir, dass sie durch solche dummen Spiele wie diese digitale[n] Computer, diese computerisierte Welt, der Wahrheit immer näher kommen.
I.: Glauben Sie?
Leitgeb: Das glaub ich, ja. Ich meine, wenn sie sich die Frage stellen, was sind sie? Jetzt wenn sie das rein materiell betrachten. Dann sind sie neunzig Prozent Wasser, so'n Elektrolythaushalt, viele Mineralien, die durch ein System zusammengehalten, zusammengebaut, zusammengeklebt sind. Es gibt ja auch inzwischen schon, weiß ich nicht, Proteinmotoren oder so. Also dieser Übergang zwischen der organischen Welt und der digitalen Welt ich weiß das nicht mit der richtigen Terminologie zu beschreiben , aber das ist ja schon keine Zukunftsmusik.
I.: Da haben Sie recht, das wird immer fließender.
Leitgeb: Das fließt ineinander. Sie werden integriert irgendwie in eine Maschine Mensch, Mensch-Maschine.19 Alles deutet darauf hin. Die Wege, die wir machen, werden immer weniger. Sie bräuchten nicht mehr zur Bank. Sie brauchten nicht mehr einkaufen zu gehen. Die Einzelhändler haben zwar noch keine Leute, die ihnen das zustellen, es gibt noch logistische Probleme, denk ich mir. Aber das ist das Ziel.
I.: Ja, es gibt da Utopien, kann man sagen. Dass sie zum Beispiel winzige Prozessoren oder was in die Blutbahn reinsetzen
Leitgeb: Das ist keine Utopie mehr, die gibt's sogar schon, diese Eiweißmotoren.
I.: Ja, irgend sowas. Gut, das ging mal los mit den Herzschrittmachern, das waren noch ziemlich primitive Geräte im Vergleich dazu. Also diese Maschinisierung des Menschen, das kann ich mir sehr gut vorstellen, dass das fortschreitet.
Leitgeb: Es gab grad ne Konferenz, wo Physiker sich über die Quantentheorie ausgetauscht haben. Das Ziel ist, immer mehr Information auf kleinstem Raum zu platzieren. Daran arbeitet man und ist mit dem jetzigen Ergebnis noch nicht zufrieden. Und man ist noch lange nicht am Ende.
I.: Nee, nee. Solche Geschichten hab ich auch gelesen.
Leitgeb: Das ist nicht aufzuhalten. Ich glaube, dass es ne inhumane Entwicklung ist. Und ich kann mir vorstellen, dass das unser Ende ist. Wenn man das mal weiterspinnt, warum irgendwelche andern Zivilisationen ausgestorben sind, dann werden wir wahrscheinlich an unserem Autismus sterben. Aussterben, weil wir gar nicht mehr zueinander finden. Weil die Art der Vernetzung ist einfach ne andere. Sex können sie auch im Cyberspace irgendwo (machen) und nicht mehr real nachvollziehen. Also ich denk, dass einfach das Lustempfinden sich modifizieren wird, und Lustbefriedigung. Ich glaub, dass das in kleinen Schritten jetzt schon vor sich geht. Dass eben die junge Generation schon ne andere ist, dass sie Lustbefriedigung einfach auf anderm Wege schon empfindet. Ich bin früher nach Ibiza geflogen, erstmal, weil da was los war, aber weil da auch lustige Natur war. Heute fliegen die Leute da hin, machen drei Tage Party in irgendner Großraumdisco und wissen gar nicht, wo sie waren. Das ist im Grunde ganz egal.
I.: Ja, sicher, das gibt es alles.
Leitgeb: Das gibt es nicht nur, das ist die Mehrheit. Das nehmen ältere Leute wie Sie und ich gar nicht mehr wahr
I.: Ist möglich, ja.
Leitgeb: dass um uns herum sich ne ganz neue Welt aufbaut. Dass man unsere alte Form nur toleriert, weil diese Leute, die eigentlich die Welt jetzt bestimmen bestimmen werden, dabei sind, sie zu übernehmen , haben einfach noch nicht die materiellen Möglichkeiten, die Welt nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Also 'n bisschen Tradition ist noch geblieben, weil jetzt so diese ganzen Achtundsechziger noch das Sagen haben. Und die haben halt 'n bisschen andere Werte noch. Aber das wird sich ändern, das wird sich schnell ändern. Wenn ich sehe, was von meiner Geburt an sich verändert hat, als man noch irgendwelchen Schrott sammelte und Knochen sammelte, um daraus Seife zu machen. Wie primitiv das alles war, auch die Art zu produzieren, in rußigen, öligen, dunklen, lauten Fabrikhallen. Heute ist die Arbeitswelt ästhetisch. Ich weiß nicht, was passieren wird, aber diese Entwicklungsintervalle, diese Zyklen, werden immer kürzer. []
I.: Als ich Sie letzte Woche am Sonnabend kennenlernte, da hatten Sie ich hab das leider nicht mehr richtig im Kopf. Sie hatten, wie soll ich sagen, ne sehr kritische Einschätzung von irgendwelchen allgemeinen Weltentwicklungen. Worauf bezog sich das? Sie sagten jetzt auch nur: »Schrecklich.« Was ist das Schreckliche?
Leitgeb: Das Schreckliche ist, dass wir unsere reale Welt überhaupt gar nicht mehr würdigen. Sondern wir basteln uns einfach irgendwelche archaischen oberflächlichen Bilder. Wir haben einfach ne Projektion von Realität weiß ich nicht. Wir basteln uns eben ne digitale Kuh, weil die echte ist viel zu dreckig und riecht. So. Die Realität ist einfach nicht so schön wie das, was wir uns darunter vorstellen. Und so haben wir jetzt die Macht inzwischen und das Wissen, uns ne bessere Welt zu bauen. Die reale Welt, die uns eigentlich am Leben erhält, wird immer gleichgültiger.

Die Einleitung und den Schluss dieses Abschnitts bilden die Wörter »schrecklich« bzw. »das Schreckliche«. Innerhalb dieser Klammer entwickelt Leitgeb seine Vorstellungen, oft in sehr direktem Austausch mit dem Interviewer, sprunghaft, teilweise lückenhaft, sicherlich nicht durchweg schlüssig. Hauptgedanke ist das, was der Befragte Detlef Kirchner auf den Begriff »Entwirklichung« gebracht hat. Während Kirchner jedoch die Erfahrung der Entwirklichung ausgesprochen sachlich erläutert, also in meiner Terminologie als ein plausibles Denk-Bild entwirft, erfährt dieses Denk-Bild durch Leitgeb in zweierlei Hinsicht eine Art Aufladung. Zum einen wird es mit der Kennzeichnung »schrecklich« eindeutig zum Gefühls-Bild erweitert, zum anderen wird es mit der Aussage »Ich kann mir vorstellen, dass diese inhumane Entwicklung unser Ende ist« ins Pathetische, man kann sagen: ins Apokalyptische gesteigert.20 Leitgebs Kernaussage lässt sich zusammenfassen in dem Satz: Die Entwirklichungsmacht der modernen Kommunikationsmedien führt zu einem gesellschaftlichen Autismus und damit, so wäre zu ergänzen, zu einer Atomisierung, an der die Menschheit wahrscheinlich zugrunde gehen wird. Dieses düstere Pathos-Bild verteidigt Leitgeb mit Entschiedenheit gegen die Relativierungsversuche des Interviewers. Dessen abwiegelnde Bemerkungen, es gebe da Utopien, oder »Das gebe es alles«, kontert er förmlich zurechtweisend, indem er erklärt, ältere Leute wie der Interviewer und er, Leitgeb, nähmen diese Entwicklung gar nicht mehr wahr. Mit Argumenten zum Generationenvergleich,21 also zur Diskrepanz in der Wahrnehmung der Älteren einerseits und der Jüngeren andererseits, außerdem mit dem Hinweis auf den immer schnelleren Wandel der Zeiten, versucht er für die »Rückständigkeit« der Älteren Beweise zu liefern.

Würde man den Kontext der Erklärungen Leitgebs weiträumiger betrachten, so könnte anschaulich gezeigt werden, wie die pessimistischen Anschauungen des Interviewten sich zum einen aus seinem täglichen Umgang mit der Computertechnik, also aus der Berufserfahrung herausentwickeln. Zum anderen bezeichnet die Gesprächspause und das anschließende »Schrecklich« am Anfang des zitierten Belegs aber auch einen deutlichen Gedankensprung. Leitgeb wechselt hinüber in die Sphäre der Ansichten, die vielfach, losgelöst von der persönlichen konkreten Erfahrung, auf Mediennachrichten gestützt oder aus ihnen abgeleitet sind, beispielsweise im Hinblick auf eine Konferenz von Physikern, die sich mit der Quantentheorie beschäftigt haben. Die Ansichten Leitgebs zur Entwicklung der Kommunikationstechnik sind aus Bausteinen persönlicher und vermittelter Erfahrung zusammengesetzt.

Exkurs: Klimaveränderung, Umweltverschmutzung, Müll

Bevor ich mich den Auffassungen zuwende, die von den Interviewten in einem engeren Sinn zur Atomtechnik vertreten werden, möchte ich einen Abschnitt einschieben, in dem das Problem einer möglichen Klimaveränderung durch Umweltverschmutzung zur Sprache kommt, und in Verbindung damit auch das Problem der Müllbeseitigung. Die im Jahr 1957 geborene Zahnarzthelferin Hildegard Fiebig erklärt von vornherein, sie sei der Technik gegenüber im Grunde feindlich eingestellt. In früheren Jahren war sie in Bürgerinitiativen gegen Kernkraftwerke und für den Umweltschutz engagiert. Der Interviewer fragt:

Interviewer: [Gibt es bei Ihnen] Angst vor der Zukunft?
Fiebig: Nein. Ich denke, was sich da entwickelt, das entwickelt sich sowieso. Es ist für mich vieles möglich, was da draußen passieren kann. Ich glaube, dass die Natur das alleine regelt. Selbst wenn alle Menschen oder fast alle Viecher oder so ausgestorben wären, es würden Einzeller überleben. Und das reicht. Ich hab keine Angst davor. Das, was passieren soll, das wird passieren. Das werden wir nicht beeinflussen können. Die von Menschen gemachte Erderwärmung ja, ich denke mal, diese Winter, die sprechen für sich. Da braucht man nicht zu diskutieren, ob es wärmer wird durch die Autos oder Industrie oder nicht. Diese Winter sprechen einfach schon für sich. Was weiß ich, im Januar kommen die Frühblüher raus, die Hyazinthen sind da. Das ist kein Winter. Und diese Stürme, die jetzt immer häufiger sind, die deuten vielleicht auch auf irgend etwas hin, was vielleicht passieren kann. Ich bin kein Wissenschaftler und könnte nicht sagen, ja, Schleswig-Holstein wird im Wasser versinken, Holland wird im Wasser versinken. Aber für mich ist sowas theoretisch vorstellbar. Für mich ist auch vorstellbar, dass irgendwann, dass es 'n heftigen Kometeneinschlag gibt. Der vielleicht die Menschen mal angenommen, die Dinos sind so ausgestorben, könnt ich mir vorstellen, dass auch die Menschen so aussterben. Find ich nicht schlimm. Wenn das passiert, dann passiert das. Ich hab davor keine Angst.
I.: Ja. [Pause.] Wieso hat man Angst um die Menschheit? Wieso kommt es einem zynisch vor, wenn man sich vorstellt, dass die Menschheit irgendwann ausgelöscht wird? Wenn man das so sieht wie Sie, dann könnte man ja auch sagen, man kann ruhig drauflos wirtschaften.
Fiebig: Ja, das könnte man. Deshalb hab ich auch aufgehört, mit dem erhobenen Zeigefinger zu sagen: »Oh, oh, ihr müsst aber, weil sonst!« Entweder, die Leute erkennen das und machen was, oder sie tun's nicht. Jeder ist für sich selber verantwortlich, vor niemandem sonst. Mir ist keiner irgendwie Rechenschaft schuldig. Jeder muss mit seinem Gewissen vereinbaren, wie er leben kann und will. [] Gestern gab es irgendne Sendung gerade zu diesem Thema; war das »Plus Minus« oder war das »Panorama«, ich weiß nicht. Irgendeine dieser sehbaren Sendungen; die wenigen, die wir haben. Die hatten was zu diesem Thema »Computerschrott«.
I.: Schrott.
Fiebig: Ja. Elektronik. Die ganzen Abfälle, die jetzt entstehen. Die sind im Prinzip im Moment überhaupt nicht in der Lage, damit umzugehen. Es gibt zwar Firmen, die das trennen, die das sammeln und trennen, aber es wird erstmal alles deponiert. Und da fällt ja so viel an! Oh! Diese ganzen elektronischen Sachen, ob das jetzt 'n altes Radio ist schon mit Elektronik , ob das 'n kleiner Computer ist; es fängt bei den Kindern doch schon an mit ihrem Tamagotchi oder mit ihrem Gameboy oder was weiß ich.
I.: Ja, ja, das ist alles Elektronik.
Fiebig: Da ist schon so viel Müll entstanden innerhalb kürzester Zeit. Wirklich kürzester Zeit, weil auch diese Entwicklung unglaublich rapide geht, gerade im Computerbereich. Was man heute kauft, ist in drei oder fünf Jahren schon wieder völlig veraltet. Und da sind Giftstoffe drin, da träumen wir von. Schwermetalle en masse und und und. Wohin damit?
I.: Ich mein, wenn Sie das so sagen, Sie haben keine Angst davor, wie würden Sie selbst denn diese Haltung beschreiben? Ist das Resignation, Zynismus oder irgendwo sowas? Was ist denn das?
Fiebig: Nee [zögernd]. Ich glaube, es ist 'n Lernprozess, den ich durchgemacht hab. Ich hab ja jahrelang gestanden an Infotischen und Flugblätter verteilt. Alles mögliche gemacht, um die Welt zu verändern, zu verbessern, wie auch immer man das sehen will. Nee, Resignation ist es, glaub ich, nicht. Nee, ich bin einfach vielleicht man entwickelt sich ja, man ändert sich. Ist ja nicht so, dass man sagt, jetzt bin ich dreißig oder Mitte dreißig, jetzt hör ich auf, mich zu verändern.
I.: Nein, nein, man verändert sich immer weiter, klar.
Fiebig: Man entwickelt sich immer weiter, (das ist) interessant. Dann sieht man das vielleicht auch mit andern Augen. Ich weiß, ich bin eigentlich nur vor mir selber verantwortlich. Da bin ich hingekommen. Ich bin nicht mehr dafür zuständig, andere Leute aufzuklären oder ihnen was zu sagen. Und wenn ich mit denen untergehe, ja, ich bin ein Teil davon.

Versucht man, für die Anschauungen von Frau Fiebig einen Nenner zu bezeichnen, so kann man allgemein festhalten, dass die Zukunftsperspektive, die hier entworfen wird, in ihren einzelnen Möglichkeiten, die ausdrücklich als wahlweise angesehen werden, auf verschiedene Formen des Niedergangs bis hin zur Auslöschung der Menschheit hindeutet. Das Bild, das Frau Fiebig zeichnet, ist nicht optimistisch. Andererseits will sie ihre Haltung nicht als Resignation verstanden wissen, und sie betont auch, sie habe keine Angst. Bemerkenswert ist es, dass sie mit dem Hinweis auf Lernprozesse ein ausgesprochen biographisches Argument heranzieht, um den Wandel ihrer Lebenseinstellung zu kennzeichnen: Sie habe sich entwickelt, verändert, betrachte also die Dinge anders als vor zehn oder zwanzig Jahren. Nimmt man den Satz (wahrscheinlich ein Topos22) »Das, was passieren soll, das wird passieren« als Kernaussage, so kann man die Haltung von Frau Fiebig nicht resignativ, wohl aber fatalistisch nennen.


Ansichten zur Entwicklung der Atomtechnik I

Während die inzwischen zitierten Erklärungen von Detlef Kirchner, Fritz Leitgeb und Hildegard Fiebig in starkem Maß den Charakter von Stellungnahmen haben, also von Meinungsäußerungen ohne eine jederzeit erkennbare, unmittelbare Rückkopplung an die biographische Erfahrung, soll mit dem folgenden Beleg er führt nunmehr hinein in das Thema Atomtechnik veranschaulicht werden, wie Erinnerung einerseits und Meinungsbekundung andererseits miteinander verflochten sein können. Zugleich wird deutlich, dass bei der heuristischen Unterscheidung einer Technik im Nahbereich und einer Technik im Fernbereich die Übergänge zwischen beiden Bereichen oder das Ineinander-Übergehen nicht außer acht gelassen werden dürfen. Die Interviewpartnerin Nadine Cassau, die im Folgenden zu Wort kommt, ist Jahrgang 1982 und macht zum Zeitpunkt des Interviews im April 2001 gerade ihr Abitur.

Interviewer: Es gibt so'n andern Bereich von Technik, mit dem man selber persönlich nicht unbedingt zu tun hat, zum Beispiel Atomtechnik. Sind das Dinge, mit denen Sie sich auch mal beschäftigt haben?
Cassau: Wir haben mal ne Exkursion nach Krümmel gemacht mit'm Physikkurs. Und man lernt das ja auch in der Schule, so Atomtechnik. Ich find's schon interessant. Bei der Sendung mit der Maus gab's auch mal ne Sendung, dass ich schon von klein auf irgendwie in Kontakt damit getreten bin. Aber es ist so, dass man auch sehr früh mit der Herangehensweise an die Atomtechnik lernt oder gesagt bekommt, dass Atomtechnik gefährlich ist beziehungsweise mit Atomtechnik auch immer etwas sehr Negatives verbindet; also mit Energiegewinnung beziehungsweise mit der Atombombe. Abgesehen jetzt vom Aufbau des Atoms als Grundlage von allem (Wissen). Das sind so die Dinge, die man mitbekommt. Tschernobyl hab ich auch noch mitbekommen, da kann ich mich auch noch so halb dran erinnern.
I.: Was erinnern Sie denn da noch?
Cassau: Ich glaub, das war irgend 'n Bild von so'm zersprengten Reaktor im Fernsehen. Und dass meine Mutter sich wahnsinnig aufgeregt hat, weil die Kinderfrau an dem Tag mit uns spielen gegangen ist draußen in der Sandkiste. Daran kann ich mich noch erinnern. Ja, ich weiß nicht, dass danach irgendwas war, dass man keine Pilze mehr essen sollte und Ähnliches. Oder noch Jahre danach auch, Jahrzehnte danach.
I.: Wie sehen Sie denn das heute mit der Gefährlichkeit oder Nicht-Gefährlichkeit dieser Technik?
Cassau: Ich denke, man kann da schneller aussteigen, als man es tut. Und ich halte sie für, ja, nicht gefährlich im Hinblick darauf, dass 'n Atomkraftwerk unbedingt in die Luft gehen kann, in Europa; also wahrscheinlich in der EU. In Rumänien sind die ja noch schlechter zum Beispiel erhalten, als das damals war in Tschernobyl. Davon geht ne Gefahr aus. Aber ich denk eher, dass für mich die Gefahr davon ausgeht, ja, für die Zukunft, was wir den Kindern hinterlassen. Dass es einfach nicht geht, dass man strahlenden Müll mit ner wahnsinnig hohen Halbwertszeit hinterlässt. Weil es ja keine Zukunft hat.
I.: Das ist 'n ungelöstes Problem. Man weiß bis heute nicht, wie man mit dem Zeug richtig umgehen soll.
Cassau: Ich denk mal, es reicht nicht, das irgendwo unter der (Erde) zu verbuddeln; das ist wohl die einfachste Methode. Das macht auch ne Katze mit ihrem Häufchen, aber das verrottet wenigstens.

Die Einflüsse durch die Schule und durch das Fernsehen, die Frau Cassaus Bewusstsein von der Atomtechnik geprägt haben, werden in dieser Schilderung auf anschaulich-konkrete Weise greifbar. Auch die Erinnerung an Tschernobyl ist präsent. Zugleich behält das Wissen um die physikalisch-naturwissenschaftliche, sozusagen wertneutrale Dimension der Atomtechnik seinen Wert. In sachlicher Form wird aus diesen Erfahrungen das Fazit gezogen, man habe früh gelernt, Atomtechnik sei gefährlich, deshalb verbinde sich »immer etwas sehr Negatives« damit. Negativ ist die Bedrohung, die von rumänischen Kernkraftwerken ausgeht; demgegenüber fürchtet Frau Cassau nicht, in der Europäischen Union könnte ein Kernkraftwerk explodieren.23 Die schlimmste Gefahr für die Zukunft gehe jedoch von dem strahlenden Atommüll aus, dessen Entsorgung, wie der Interviewer sagt, ein ungelöstes Problem sei. Der Gedanke an den Atommüll oder auch an den Elektronik-Müll, an den Müll überhaupt kann als ein besonders wichtiges, vielleicht schlagendes, kaum zu widerlegendes Argument angesehen werden, das eine Begründung dafür liefert, weshalb es unter den von uns Interviewten so etwas wie einen ungetrübten Zukunftsoptimismus keinesfalls gibt.24

 
Ansichten zur Entwicklung der Atomtechnik II

Nacheinander will ich zwei weitere Stellungnahmen zitieren, in denen unter anderem die Problematik des Atommülls angesprochen wird. Zunächst die Äußerungen des Hals-Nasen-Ohren-Arztes Friedrich Preusler, Jahrgang 1941. Wiederum stellt der Interviewer die Frage, was der Gesprächspartner von einer Technik denke, die einen »in einem weiteren Umfeld« umgebe, zum Beispiel Atomtechnik.

Preusler: Das ist für mich wirklich 'n Problem. Ich bin ja Mitglied in dieser Gruppe Ärzte gegen Atomkrieg. Wo man sich nun nicht nur gegen den Atomkrieg gewendet hat, sondern auch gegen verschiedenste Dinge, die damit zusammenhängen. Meine Beziehung zur Atombombe, also zu Atomwaffen, die ist einfach nur: ich hab einfach nur Angst. Ich finde, dass das Ding überhaupt nicht die Atombombe ist so eine Sache, die eine Zeit lang uns alle ungeheuer bedroht hat. Und die mich persönlich immer noch bedroht. Wenn ich mir vorstelle, dass das außer Kontrolle gerät, oder auch, dass es willentlich außer Kontrolle gerät oder unwillentlich. Ich hab nicht so'n großes Zutrauen zur Technik, dass ich mir nicht vorstellen könnte, dass auch ohne, dass das jemand will, da eine ganz furchtbare Katastrophe passiert. Also ich hab schlicht und einfach Angst. Ich vertraue dieser Technik als Mittel der Bedrohung überhaupt nicht. []Und Kernkraftwerke, das seh ich auch mit größter Angst, weil ich nicht nur dieses Unglück von Tschernobyl vor Augen habe, sondern auch mir so viel technisches Gefühl hab ich, dass ich mir sehr gut vorstellen kann, dass zum Beispiel Stade, dass da irgend was passiert; und zwar kann ich mir verschiedene Szenarien vorstellen. Diese Art von Technik, die ist nach meiner tiefsten Überzeugung überhaupt nicht beherrschbar. Die ist nicht mehr beherrschbar. Technik, die nicht wirklich absolut beherrschbar ist, die ist für mich unheimlich. Das Gleiche bezieht sich auf diese ganzen einmal auf die Technologie bei der Gewinnung des Stromes. Ich glaube sogar, dass es keine sicheren Kraftwerke gibt. Davor hab ich schon Angst. Und dann aber auch die Frage: Was macht man mit den ganzen Abfällen? Das ist ja überhaupt nicht geklärt. Ich finde das einfach ganz schlimm. Dann fängt es bei mir an, ins Ethische zu gehen. Ich find es ganz schlimm, dass man solche Entscheidungen gefällt hat und zukünftigen Generationen einfach zumutet, damit fertigzuwerden. Ich weiß zwar, es gibt Leute, die sagen, die zukünftigen Generationen werden schon Wege finden. Aber das kann ich nicht.

In einem zweiten Beleg kommt der 1955 geborene Verfahrenstechniker Franz Voss von sich aus auf das Thema Atomtechnik zu sprechen, nachdem es zuvor um Schwierigkeiten beim Umgang mit dem Computer ging.

Voss: Was 'n viel stärkeres Problem ist, ist eigentlich, wenn man von Mensch und Technik spricht, für mich, sag ich mal, die moralische Entwicklung des Menschen. Die hinkt ja um einiges hinterher.25 Dass der Mensch gar nicht in der Lage ist, die Konsequenzen von Technik unter Umständen richtig einzuschätzen. Klassisches Beispiel für mich ist da immer die Kernenergie. Eigentlich auch was Faszinierendes und ne großartige Technik, nämlich so ne Art Sonne hier auf der Erde nachzustellen und da Energie draus zu gewinnen. Wunderbar, bin ich absolut dafür. Kein Problem. Was man nachher im Lauf der Zeit eben festgestellt hat, diese ganzen radioaktiven Stoffe, die natürlich zuerst alle geleugnet wurden, aber dann doch festgestellt wurden das entsprechend zu handhaben. Wenn man solche giftigen Stoffe hat, die diese Strahlung abgeben, und das über zehntausende, hunderttausende von Jahren teilweise wenn der Mensch noch nicht mal in der Lage ist, einigermaßen Frieden zu halten für'n paar Jahre, für'n paar Jahrzehnte: Wie soll da jemand die Verantwortung übernehmen, das sicher zu lagern, dass andere Menschen dadurch nicht zu Schaden kommen? Da ist für mich das große Problem bei der Kernenergie. Der Prozess an sich selber, das ist für mich eigentlich gut. Und aufgrund der Technik, zumindest gerad, was im europäischen Raum existiert, halt ich die auch für so sicher, wie man sowas überhaupt machen kann. Da wird auch nichts passieren.

Bei dem Interviewten Friedrich Preusler liegt es auf der Hand, dass sein Denk-Bild zur Atomtechnik zugleich ein Gefühls-Bild ist. Offen spricht er von seiner Angst vor Atomwaffen, und geradezu beschwörend gibt er seiner Überzeugung Ausdruck, die Atomtechnik sei »überhaupt nicht beherrschbar«. Aus dem Gesamtkontext des Interviews geht dabei eindeutig hervor, dass Preusler der Technik im Ganzen aufgeschlossen und positiv gegenübersteht.26 Diese Aufgeschlossenheit stößt allerdings angesichts der Atomtechnik, in Ansätzen auch bereits angesichts von Elektrizitätswerken, sehr klar an ihre Grenzen. Franz Voss geht in seiner Aufgeschlossenheit ein Stück weiter, er betont, die Atomtechnik sei an sich, vom Prinzip her, etwas Großartiges. Die Kernkraftwerke in Westeuropa hält er für sicher. Atomenergie hält er im Unterschied zu Preusler für beherrschbar, sie ist ihm nicht unheimlich.

Mit Preusler, mit Nadine Cassau und mit dem Interviewer ist Voss sich aber einig darin, dass die Art und Weise, wie mit dem Atommüll umgegangen wird, unverantwortlich ist. Er sieht zwischen der technischen und der moralischen Entwicklung des Menschen eine starke Differenz; im technischen Bereich sei man sehr weit gekommen, doch etwa in der Fähigkeit, Frieden zu halten, sei man ausgesprochen rückständig. Cassau, Preusler und Voss halten es für gefährlich und unvertretbar, dass die Probleme mit der Entsorgung des Atommülls einfach ungelöst gelassen und in die Zukunft verlagert werden.


Das Ineinander aus Überlegungen und Gefühlen

Von Friedrich Preusler wissen wir, er engagiert sich gegen die Missstände, die er sieht, in einer Ärzteinitiative gegen den Atomkrieg. Hildegard Fiebig hat erläutert, warum sie es aufgegeben hat, aktiv in Organisationen gegen Umweltverschmutzung mitzuarbeiten. Nadine Cassau macht sich, wie wir gehört haben, Gedanken zur Gefährlichkeit der Atomtechnik, aber sie
engagiert sich nicht aktiv gegen diese Technik, so wie zum Beispiel eine Mitschülerin. Die Frage, wie man sich zur Zukunft bestimmter Techniken oder auch zur Zukunft der Menschheit stellt, lässt sich, wenn wir unser
Interviewmaterial betrachten und sehr grob schematisieren, auf dreierlei Weise beantworten:

Dieses Schema, das bedarf wohl keiner näheren Begründung, ist im Blick auf die Interviews wenig aussagekräftig und daher unbefriedigend. Ich habe es entworfen, um anzudeuten, dass mit Generalisierungen dieser Art für das Verständnis von komplexen Aussagen in biographischen Interviews kaum etwas gewonnen ist. Aufschlussreich werden diese Aussagen erst, wenn man sich in das Ineinander, das Geschling aus Argumenten, Emotionen und auch Ungereimtheiten hineinbegibt und wenn akzeptiert wird, dass man bei der Analyse dieses Ineinanders nicht immer zu eindeutigen Ergebnissen gelangt. Die Komplexität aus Erfahrungen und Vermutungen, aus emotionalen und rationalen Reaktionen, aus Bestimmtheit und Unbestimmtheit in den Erklärungen soll abschließend noch einmal an einem Interviewbeispiel vorgeführt werden. Die Befragte Brigitte Tessner, Jahrgang 1963, ist Herstellungsleiterin in einem großen Verlag. Sie äußert sich im Folgenden nicht nur zur Atom-, sondern auch zur Gentechnik.

Interviewer: Machst du dir 'n Kopf über bestimmte technische Entwicklungen, mit denen du selbst gar nichts zu tun hast, auf die man aber dauernd durch Zeitungen und Nachrichten trifft? Beispiel: Gentechnologie.
Tessner: Doch, ja. Wenn du mich fragst, was ist in dem Sojadings drin, oder wenn sie Tomaten machen, die ne noch härtere Schale haben. Oder in Holland wollen sie jetzt wieder Geschmack in die Tomaten haben. Die sehen zwar wunderbar aus, aber schmecken nach nichts, oder sowas. Da geht ja mittlerweile viel oder es werden viele Experimente gemacht. Natürlich mach ich mir Gedanken darüber. Wobei grundsätzlich für mich das ne Frage ist, und das gilt für alle Disziplinen der Technik: dieses verantwortungsvolle Damit-Umgehen. Das fängt damit an, dass ich eben halt erklären kann, was ich machen kann; das ist die unterste Scheuerleiste. Und auf der andern Seite muss ich sehn, was kann ich damit anrichten, und wie geh ich damit um? Ich mein, das passt natürlich wunderbar auf die Gentechnologie. Also in der Beziehung bin ich, glaub ich, sehr moralisch.
I.: Ja, aber ich mein, die Entwicklungen sind ja so, dass einem das alles völlig davonläuft.
Tessner: Vor allen Dingen, wir erfahren auch nur noch 'n Bruchteil. Oder die Sprünge sind heut sehr viel schneller; und auch davon nur 'n Bruchteil. Ich mein, früher haben wir auch nicht
I.: Hat man auch vieles nicht erfahren, natürlich.
Tessner: Eva
[ gemeint ist Marie ] und Pierre Curie, das hat ja keiner verstanden, was die damals gemacht haben. Er hat 'n Unfall gehabt, und sie ist letztendlich an den Folgen des falschen Umgangs mit'm Radium gestorben; war völlig verstrahlt oder so. Was hat das lange gedauert, bis man da hingekommen ist, und was machen die heute innerhalb des gleichen Zeitraums? Das ist ziemlich fatal. Und okay, weil natürlich auf der andern Seite viele solche Entwicklungen mit einem irrsinnigen Aufwand und mit sehr viel Geld verbunden sind.
I.: Ja ja. Aber ist das zum Beispiel Militärtechnologie. Ist das ne Sache, die dir auch Sorgen macht, oder ist das doch ne Sache, mit der man sich wenig abgibt?
Tessner: Doch. Ich mach mir da schon Sorgen drüber, allein, wenn ich daran denke, was rottet in den östlichen Ländern vor sich hin. Wo das gar nicht ist, dass die Leute uns heute was Böses wollen, wie wir uns das vor zehn, zwanzig Jahren vorgestellt haben. Sondern einfach, weil die finanziellen Mittel und auch die weitere Ausbildung fehlen, da sicherzustellen, dass der Umgang in Ordnung ist. Ich mein, am Schwarzen Meer sitzen lauter eingerüstete atombetriebene U-Boote. Und dann geistert immer mal wieder durch die Zeitung, dass irgendwo eines gesunken ist, oder sonstwas. Erst, wenn der Schellfisch strahlt, werden wir wissen, dass das kein Gerücht ist. Insofern, da mach ich mir schon Gedanken drüber. Ich frag mich natürlich dann wiederum, was können wir im Einzelnen dagegen tun? Und muss dann immer feststellen, dass man das nicht kann. Das ist irgendwie auf der andern Seite denk ich, verdammt nochmal, das kann doch nicht die Antwort sein. Aber das ist sie wahrscheinlich. Ich kann Großmogul von Deutschland werden oder so'n Quatsch, aber
I.: Ja, ja, aber das wird man ja nicht, schafft man nicht.
Tessner: Realistisch eben halt, nee. Und das find ich sehr erschreckend wiederum. Das zeigt auf der andern Seite wieder, der Mensch kann Technik nicht beherrschen. Weil es auch ne Frage von äußeren Einflüssen ist, die er nicht bestimmen kann. [] Was ich [auch besonders] schlimm finde, sind diese Geschichten wie mit Atomkraft oder sonstwas. Man kann mir erzählen, was man will, ganz verdrängt man das doch nicht. Auf der andern Seite sag ich mir, okay, dann sitz ich hier, nahe an Krümmel und Brunsbüttel
I.: Meinst du, dass solche Dinger hochgehen können?
Tessner: Weiß man doch nicht.
I.: Theoretisch.
Tessner: Ja, [was] weiß ich. Wie gesagt, es gibt Sachen, da kann ich nicht die Hand für ins Feuer legen, weil ich's einfach nicht weiß. Weil das ne Technik ist, die mir nur ganz global bekannt ist. Aber was da im Einzelnen passiert, weiß ich nicht; und wo das Einfluss drauf nimmt. So. Aber da sag ich eben, ich kann es nicht beeinflussen. Sag ich mal, das ist das Schlimmste, was passieren kann. Dann hoff ich nur, dass ich nah genug dran bin, dass das vorbei ist. Ende der Durchsage. Ja nur, ich kann mir nicht den Kopf darüber zerbrechen! Das kann ich nur fatalistisch sehen und kann nicht den ganzen Tag
I.: Das ist das Verrückte, man kann sich zwar den Kopf drüber zerbrechen, aber
Tessner: es führt zu nichts.

Dazu nur noch wenige Bemerkungen. Wie in den Schilderungen von Markus Adloff, der von seinem technikbegeisterten Großvater erzählt, finden wir hier Verknüpfungen von Blicken in die Geschichte mit Blicken in die Zukunft. Frau Tessner verweist auf Marie und Pierre Curie, um letztlich wohl ein Beispiel für die Unkalkulierbarkeit und Unvorhersehbarkeit technischer Entwicklungen zu liefern. Was sie andeuten will, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Viele andere Erklärungen sind aber klar verständlich, wobei die Argumentation teilweise etwas sprunghaft wirkt. Wichtig für die Äußerungen von Brigitte Tessner scheint mir zu sein, dass Bewegung in ihrer Auseinandersetzung mit der Frage technischer Entwicklungen erkennbar und spürbar ist. Sie entwirft kein ruhiges, festes Bild, sondern eher eine Abfolge wechselnder, dynamisch aufeinander bezogener Bilder. Die Beschäftigung mit der Zukunft der Technik ist eine Beschäftigung mit der Zukunft ihrer selbst als Person, sie vollzieht sich prozesshaft in einem Reflektieren von verschiedenen Möglichkeiten des Stellung-Beziehens bzw. einem emotionalen Reagieren darauf. Schon dieser eine Interviewausschnitt offenbart, dass die Menschen im Umgang mit ihrer Zukunft nicht nur ein breites Spektrum verschiedenartigster Reaktionen zeigen, sondern dass die jeweiligen Reaktionen auch in sich einem Wandel unterworfen sein können. Diese beweglichen individuellen Muster sind uns zugleich allen sehr vertraut, sie kommen uns bekannt vor, besitzen also offensichtlich eine überindividuelle Reichweite. Sie ergeben, so kann man schließen, eine Vielzahl von Mustern, in denen sich Erwartungen, die wir am Ende des zweiten und zu Beginn des dritten Jahrtausends in unserer Kultur vorfinden, auf vielteilige Weise widerspiegeln. Möglicherweise ergibt die Zusammenschau der verschiedenen Muster ein für die Gegenwart Mitteleuropas charakteristisches Gesamtmuster.


1 Zum »Penetranzcharakter« der Technik siehe Martin Scharfe: Utopie und Physik. Zum Lebensstil der Moderne. In: Michael Dauskardt / Helge Gerndt (Hg.): Der industrialisierte Mensch. Vorträge des 28. Deutschen Volkskunde-Kongresses in Hagen vom 7. bis 11. Oktober 1991. Münster 1993, S. 73-90, hier S. 78f.
2 Siehe dazu auch die ausführlichen Erläuterungen bei Hans Joachim Schröder: Technik als biographische Erfahrung. Ansätze und Methoden eines Forschungsprojekts. In: Vokus 2003-1, 10 / 2000, S. 41-77, hier S. 57ff.
3 Siehe dazu wiederum Näheres bei Schröder, ebd. S. 66-75.
4 Die Einsicht, dass autobiographisches Erzählen immer ausschnitthaft bleibt, ist in der Biographieforschung fast banal. Vgl. dazu etwa Albrecht Lehmann: Zukunftserwartungen von Hamburger Arbeitern ausgangs der 1970er Jahre. In: Arno Herzig / Dieter Langewiesche / Arnold Sywottek (Hg.): Arbeiter in Hamburg. Unterschichten, Arbeiter und Arbeiterbewegung seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Hamburg 1983, S. 597-604, hier S. 597: »Erzählen von Lebensgeschichte ist wie übrigens auch die erinnernde Orientierung in ihr aus innerpsychischen Gründen, aber auch schon aus Gründen der Zeitökonomie stets selektiv.«
5 Zur volkskundlichen Technikforschung jenseits eines biographischen Ansatzes siehe im Überblick: Hans Joachim Schröder: Technikerfahrung im biographischen Erzählen. Projektbericht. In: BIOS 13 / 2000, S. 262-284, hier S. 263-269.
6 Albrecht Lehmann: Erzählstruktur und Lebenslauf. Autobiographische Untersuchungen. Frankfurt a.M., New York 1983, S. 270. Vgl. auch ders.: Volkskunde. In: Hans-Jürgen Goertz (Hg.): Geschichte. Ein Grundkurs. Reinbek b. Hamburg 1998, S. 456-472, hier
S. 461 heißt es, einen wesentlichen Aspekt jeglicher Kulturanalyse berühre »die für jede Kultur zentrale Frage nach der Lebensperspektive der Menschen.«
7 Zur Verschränkung von Erfahrung und Erwartung anknüpfend an Reinhart
Koselleck siehe Albrecht Lehmann: (wie Anm. 4), S. 598.
8 Wunschwelten. Geschichten und Bilder zu Kommunikation und Technik. Hg. v. Museum für Kommunikation (Bern). [Konzept:] Kurt Stadelmann, Rolf Wolfensberger. Zürich 2000. Dazu Gerrit Herlyn: Technik-Utopien als Zeitspiegel. In: Vokus 2003-1, 9 /1999,
S. 114-127.
9 Nicole Khuon: Die Trendforschung als Berufsfeld für Volkskundler. In: VOKUS 12 / 2002, S. 44-64, hier S. 64. Vgl. neuerdings auch Alexandra Hessler: Existenzgründer als Leitbild. Zum Umgang mit einem Erfolgsmodell der modernen Arbeitswelt. Hamburg 2003 (unveröff. Dissertation).
10 Dazu grundlegend: Hermann Bausinger: Volkskultur in der technischen Welt. Frankfurt a.M. / New York 1986 (zuerst 1961). Stefan Beck: Umgang mit Technik. Kulturelle Praxen und kulturwissenschaftliche Forschungskonzepte. Berlin: Akademie 1997. Thomas Hengartner / Johanna Rolshoven (Hg.): Technik Kultur. Formen der Veralltäglichung von Technik Technisches als Alltag. Zürich 1998.
11 Siehe Albrecht Lehmann: Bewußtseinsanalyse. In: Silke Göttsch / Albrecht Lehmann (Hg.): Methoden der Volkskunde. Positionen, Quellen, Arbeitsweisen der Europäischen Ethnologie. Berlin 2001, S. 233-249.
12 Vgl. dazu Brigitta Schmidt-Lauber: Eine kulturelle Grammatik der Gemütlichkeit. Zur Erfahrung und Erforschung einer alltäglichen Befindlichkeit. Hamburg 2002 (unveröffentl. Habilitationsschrift), insbesondere S. 19-22.
13 Dazu Ute Bechdolf: Kulturwissenschaftliche Medienforschung: Film und Fernsehen. In: Göttsch / Lehmann (Hg.), wie Anm. 11, S. 251-276.
14 Darüber hinaus könnte z.B. untersucht werden, ob und wieweit die im folgenden dokumentierten Reflexionen einer »popularen Philosophie« zuzuordnen sind, wie Warneken sie im Blick hat. Siehe Bernd Jürgen Warneken: Die Stunde der Laien. Eine Studie über populare Apokalyptik der Gegenwart. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde, 94 / 1998, S. 1-20, hier S. 2.
15 Die Eigennamen der Interviewpartner erscheinen im Pseudonym. Alle sonstigen Angaben zu den interviewten Personen gelten unverschlüsselt.
16 Zur Transkription: Vom Verfasser eingefügte Wörter sowie Hinweise auf nonverbale Merkmale sind in eckige Klammern gesetzt. Schwerverständliche, entschlüsselte Wörter erscheinen in runden Klammern. Vom Sprecher besonders betonte Wörter sind unterstrichen. Auslassungen sind durch eckige Klammern mit drei Punkten gekennzeichnet.
17 Es wäre näher zu begründen, warum Interviewausschnitte erst und vielleicht nur dann etwas Triftiges vom Selbstsein und Selbstdenken der Informanten aufzeigen, wenn sie »in einer gewissen Ausführlichkeit« zitiert werden. Bewusst tritt im folgenden der Wissenschaftler hinter die Quellen ein Stück weit zurück. Vgl. dazu eine Rezension von Doris L. Bergen zu einem von Reinhard Sieder 1999 herausgegebenen Buch mit dem Titel »Brüchiges Leben« (in: Historische Anthropologie, 9 / 2001, S. 152-154). Ebd. S. 153 kritisiert Bergen, in dem Buch »sprechen die Erzähler ihre Lebensgeschichten nur durch ihre Interpreten aus. [] Mir wäre es lieber, zuerst und mehr von den entsprechenden Personen zu hören und erst später und weniger von den Experten, deren Ideen und Interpretationen zudem von Lesern, die die Lebenserzählungen selbst nicht oder nur bruchstückweise kennen, nicht richtig bewertet werden können.«
18 Zur sozialen Diffundierung wissenschaftlichen Denkens vgl. Warneken, wie Anm. 14,
S. 12.
19 Zur »Mensch/Maschine-Symbiose« vgl. Harro Segeberg: Literatur im technischen Zeitalter. Von der Frühzeit der deutschen Aufklärung bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs. Darmstadt 1997, S. 64f., 249, 321.
20 Zum Problem der Apokalypse, insbesondere zu »einer traditionellen Neigung der Deutschen zu apokalyptischen Vorstellungen« vgl. Gabi Brodbeck / Monika Ebi: German Angst? In: Fehlalarm. Y2K und andere Apokalypsen. Begleitband zur Ausstellung im Tübinger Schloß vom 8. Dezember 2000 bis 14. Januar 2001. [Leitung: Bernd Jürgen Warneken.] Tübingen 2000, S. 11-17.
21 Zum »Vergleich« als Methode des praktischen Denkens und als Argumentationshilfe beim Erzählen siehe Lehmann, Erzählstruktur und Lebenslauf, wie Anm. 6, S. 72ff.
22 Vgl. dazu Hans Joachim Schröder: Die gestohlenen Jahre. Erzählgeschichten und Geschichtserzählung im Interview: Der Zweite Weltkrieg aus der Sicht ehemaliger Mannschaftssoldaten. Tübingen 1992, S. 227ff.
23 Vgl. dazu die Bemerkung eines 1959 geborenen Hausmeisters, der 1995 als Antwort auf einen Schreibaufruf u.a. meint: »Kerntechnisch ist der Osten ein Pulverfass.« Warneken, wie Anm. 14, S. 11.
24 Andererseits ist auch keinesfalls eine Lust an der Apokalypse zu beobachten, so wie sie z.B. Gert Mattenklott als ein typisches Charakteristikum der Deutschen beschreibt. Siehe Brodbeck / Ebi, wie Anm. 20, S. 11. Eher wird durch unser Material das Fazit (ebd. S. 14) bestätigt: »Zukunftsängste gibt es hierzulande natürlich, aber sie haben wenig Spektakuläres.«
25 Baudrillard erklärt es zur »bürgerlichen Fabel, [] daß die Technik nur fortschreitet und die Moral nur nachhinkt.« Jean Baudrillard: Das System der Dinge. Über unser Verhältnis zu den alltäglichen Gegenständen. Frankfurt a.M. / New York 1991, S. 162.
26 Auf die Frage des Interviewers, ob es bei Preusler einen Pessimismus gebe, antwortet dieser mit der Gegenfrage: »Sie meinen, dass ich an Weltuntergang denke oder so?« Anschließend begründet er, indem er sich auf die Chaostheorie beruft, warum er auch wenn er die Gefahren sieht immer zugleich auf »plötzliche Veränderungen« hofft, auf eine
Entschärfung der Lage.

  Impressum Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster Seitenanfang