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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 2003. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)
Spanien ein FrühlingsmärchenJohannes Müske
Hoch über Hamburg, Donnerstag, 03. April, 10.45 pm:
Der Landeanflug von AB 9747 hat begonnen. Hamburg hat sich extra Festbeleuchtung und Wolkenfreiheit verordnet. Neben mir sagt eine ältere Stimme: »Das ist schon immer wieder beeindruckend, nicht wahr?« Die ganze Air-Berlin-Maschine, von Mallorca kommend, ist mit als Touristen getarnten Senioren auf dem Heimflug besetzt. Die ganze Maschine? Ein kleiner Teil der Gäste, fast unerkannt, Gestalten, deren Gesichtsfarbe sich kaum von der Kabinenwand unterscheidet, senkt den Altersdurchschnitt nicht unerheblich. Zeit, der Sache mal auf den Grund zu gehen.
Airport Fuhlsbüttel, Sonntag, 23. März, 5.00 pm:
Rückblende: Langsam sammelt sich im Terminal 1 eine Reisegruppe junger Menschen, die alle ein großes gemeinsames Ziel haben: Murcia! Nachdem die letzte Zähre des Abschieds vergossen, eine letzte Umarmung genossen, beginnt der Ernst des Lebens: Studienexkursion nach Spanien. Welch Anstrengungen das Leben doch bereithält, die man gern willig auf sich nimmt, um den Drang nach Wissen und Wahrheit zu stillen! Das weiß nur, wer dabei war. Einchecken: Ohne Zwischenfälle. Der Sicherheitsdienst registriert beunruhigt die Unmengen an Büchern, die sich im Gepäck der Studierenden befinden. Fast jeder muss wegen Überschreitungen des zulässigen Gesamtgewichts zuzahlen. Kurze Rücksprache mit dem Tower: Flug AB 7396 erhält trotzdem pünktlich Starterlaubnis nach Alicante. Tschüss, Hamburg.
Murcia, Montag, 24. März, 0.00 am:
Nach der Landung, Übergabe der Mietwagen und einer kurzen Fahrt an Murcia vorbei, machen sieben Kleinwagen Halt in einer Orangenplantage. Unsere Nasen trauen ihren Augen kaum. In Beniaján erwartet man uns schon es geht sofort über Serpentinen weiter nach Fuente de Columbares. Vorneweg nun: PD Dr. Klaus Schriewer, unser Dozent des Seminars »Spanien I Vorbereitung einer Exkursion«. Bis jetzt hat alles geklappt. Bis jetzt. Das Centro Medioambiental liegt inmitten einer Bergwildnis. Klaus Schriewer und unsere Kommilitonin Katharina, die schon in Murcia wohnt, haben bereits das Zeltlager für uns aufgebaut. Zehn Iglu-Zelte glitzern im fahlen Mondlicht. Die Bestürzung ist groß: Wie soll man hier schlafen? Die Wiese ist völlig nass. Und wo kommen diese seltsamen Geräusche her? Ach so, bloß der Wind in den Bäumen... Welche Bäume eigentlich? Es ist kalt. Enthielt nicht die letzte Mail unseres Dozenten »Grüße aus dem sonnigen Murcia«? Doch Dunkelheit, die Reisestrapazen und ein abgesperrter Gemeinschaftsraum, zu dem der Schlüssel fehlt, lassen die Studierenden sich schnell zur Nachtruhe betten.
Centro Medioambiental, Montag, 24. März, 07.30 am:
Die Sonne lacht heute nicht, noch versteckt sie sich verdrießlich hinter den Bergwolken. Als erste Gruppe dürfen wir das nagelneue Badhaus nutzen. Duschen. Kalt. Brrr... Später hören wir, dass ein ökologischer Verein das Centro betreibt, der sich den erneuerbaren Energien widmet: Das Wasser, zum Beispiel, wird von Solarstrom beheizt. Heute lernen wir auch Antonio kennen. Antonio kümmert sich um das Haus und erzählt uns später noch, dass er auch oft Führungen mit interessierten Gruppen durch das Gelände macht. Das beunruhigt uns nicht. Jetzt zeigt er uns erstmal, wie ein richtiges spanisches Frühstück aussieht: Zuerst wird Pan, also Weißbrot, in den Ofen getan, Salami und Käse geschnitten. Währenddessen hat man Zeit, Tomaten zu halbieren und das Mark in eine Schüssel zu reiben. In das »pan con tomato« kommt dann eine anständige Portion gehackter Knoblauch und etwas Olivenöl. Und schon sind auch die Brote knusprig! So gestärkt, sind wir fit für unser Tagesprogramm: Das maurische Erbe. Pedro, ein Archäologe aus Cieza, besucht mit uns ab 11 Uhr den »Jesus-Hügel« in Monteagudo. Vorher stand hier eine maurische Festung, die aber von den Christen geschleift wurde. Vor einigen Jahren stürzte ein Engländer direkt neben der riesigen Jesus-Statue vom unwegsamen Felsen ab. Deswegen wurden jetzt auch die unteren Treppenstufen zur Skulptur entfernt, damit das nicht noch mal passiert. Macht nichts, man kann ja klettern. Pedros Geschichte kann nicht davon abhalten, auch ohne Treppe unserem englischen Freund nachzueifern - glücklicherweise im Effekt erfolglos. Nach dem Mittagessen in der traditionellen Tapas-Bar »Marie Fuente« geht es weiter nach Cieza zur Ausgrabungsstätte eines versunkenen maurischen Bergdorfes. Aber was machen die Tapas im Bauch! Serrano-Schinken, Manchego-Käse, Tortillas, Salate bekannter und unbekannter Zusammensetzung, Bier (ja, auch Bier, sogar vino tinto) gehen ans Werk und verlangen nach Ruhe. Wir halten es aber lieber mit den tausend Schritten. Die Nachmittagssonne wirft hartes Licht über die alte Grabanlage, die Ruinen... die Schatten werden länger... Es geht weiter im Programm: Das Museo de Siyâsa wartet. Unscheinbar im Zentrum von Cieza gelegen aber innen geradezu verschwenderisch ausgestattet, erweckt es die eben gesehenen Ruinen zum Leben. Der Direktor persönlich führt durch die zwei tausendjährigen »Häuser im Haus«. Allerdings ist langsam der »Information Overkill« erreicht... Und wie klappt es mit der Sprache? Klaus Schriewer und Timon Bock, ein mitreisender Kommilitone, übersetzen.
Gegen 10.30 pm schlagen wir zu hause auf. Der anfängliche Ärger über die Unterbringung und die Anstrengungen der ersten zwei Tage wird anständig »verdünnt« und mit dem mittlerweile legendären Stuhltanz weggetanzt. Ach ja, die Autos: Die Zufahrt zum Haus darf zwar nicht befahren werden, aber die Musik ist stärker. Sie öffnet die Türen und den Kofferraum und verwandelt die Opels in open air discotheques. Und je später der Abend, desto poetischer die Stimmung: Sind wir in Spanien in der Nacht, dann feiern wir gleich durch bis acht!
Centro Medioambiental, Dienstag, 25. März, 9.00 am:Antonio ist sauer. Als Volkskundler fragen wir uns sofort: Haben wir kulturelle Unterschiede nicht erkannt? Was meinte er nur mit »Fühlt euch wie zu Hause«? Wie fühlt man sich in España zu Hause? Fehlte die obligatorische »Belehrung«, bekannt aus deutschen Landschulheimen, am Anfang? Was denkt Antonio nun von uns ordentlichen Deutschen? Unnötiger Stress, weil wir nicht aufgeräumt haben.
Klaus Schriewer hat schon gestern das Programm für heute geklärt: Wir fahren zur universidad catolica. Es gibt auch eine Wegbeschreibung. Ach ja, die Fahrten. Als extrem unpraktisch hatte sich erwiesen, ohne Wegbeschreibung in Kolonne loszufahren. Immer wieder machen uns andere Autos und Ampeln einen Strich durch die Rechnung! Bis jetzt hatten wir es nie geschafft, auch nur einmal komplett am gleichen Ort anzukommen. Heute hält ein Professor der katholischen Uni in Murcia 11 Uhr für uns einen Vortrag über die Tourismusentwicklung der Region. Wenigstens heute müssen wir es mal pünktlich schaffen. Es klappt wieder nicht, aber souverän schaut der Referierende über die Zuspätkommer hinweg. Selbst ohne unsere beiden Chefübersetzer Klaus und Timon könnte man ihm hervorragend folgen wie macht er das bloß? Schon nach einer Stunde wissen wir alles über den sanften Tourismus und die riesigen Obstanbaugebiete. Übrigens: Deutsche sind in Spanien sehr angesehen und herzlich willkommen bis 8 Uhr abends. Dann werden sie laut und trinken Alkohol. Wie kommt es bloß, dass das Seminar plötzlich ganz unruhig wird? 13.30 Uhr treffen wir uns in der Stadt zum Essen in einem vegetarischen Bistro, sozusagen exemplarisch für neue kulinarische Richtungen in Südspanien. Auch hier: Es schmeckt (den meisten) hervorragend. Ein weiterer Termin zum arabischen Erbe wird geknickt. Stattdessen: 17 Uhr Lagebesprechung. Es ergab sich viel Gesprächsbedarf: TOP 1: Alles viel zu viel! Das gestrige Pensum sei mit einer Gruppe von 30 Leuten nicht zu bewerkstelligen, da man doch relativ unflexibel sei und alles länger dauert. Ständig sitzen wir nur im Auto! Und überhaupt: Wollten wir nicht die Autos und Autogruppen tauschen? Ein Auto ist kaputt. Einige haben kein Radio, da fühlt man sich partout nicht wohl... Also so etwas. Klaus Schriewer verspricht Besserung und ein entschleunigtes Programm, der erste Tag sei eben ein bisschen viel gewesen. TOP 2: Eine Auto- und Telefonliste für den Notfall und die Verfahrenen muss her. Was nicht besprochen wurde: Warum eigentlich hat das Seminar kontinuierlich mindestens eine halbe Stunde Verspätung? TOP 3: Antonio ist noch saurer geworden, als er die Badräume sah. Wegen der Gruppe, die er zu führen hatte, musste er das ganze Haus aufräumen, das Bad und teilweise die Wege sauber machen alleine! Also: Abwaschdienst einteilen! Der letzte macht das Bad sauber! TOP 4: Vorstellungsrunde! Und wie reden wir uns mit unserem Dozenten an? In Spanien duzen sich alle, nur wir sind uns nicht sicher, wie wir PD Dr. K. Schriewer anreden sollen. Einige duzen ihn einfach, einige siezen, auch er selbst ist unentschlossen. Eigentlich wollte er beim »Sie« bleiben. Weil »sich gezeigt hat, dass im Verlauf der Zusammenarbeit mit Studierenden sich Situationen ergeben können, in denen man sich lieber siezen sollte«. Aber was soll`s, wir passen uns den landestypischen Gepflogenheiten an! Na, dann stellen wir uns alle mal vor: Ich bin also Klaus! Und wer ist noch am Start? Katharina, unser Vorauskommando in Murcia, dann Hilde, Juliane, Timon, Annika, Sonja, Luise, Susanne, Wiebke, Nele, Anna, Katia, Tini, Franziska, Johannes, Philipp, Thorsten, Barbara, Jessica, Annemarie, Linus, noch ein Johannes, Janine, Inga, Sabrina, Falk, Kathrin, Miriam, Birger, Lena und, Verena. So, jetzt kennen wir uns alle. Der Rest des Tages ist zur freien Verfügung! Am Abend wird es wieder poetisch, heute sogar mit original Lagerfeuerromantik. Aber dann: Die ökologischen Nachtwassersprinkleranlagen gehen an! Alarm!
Murcia, Mittwoch, 26. März 2003, Zeitpunkt unbekannt.
Am Stadteingang von Murcia, direkt an der Ausfallstraße F-6 Richtung Fuente de Columbares, befindet sich der Eroski-Markt. Dieser Supermarkt mit dem Namen, den sich die Mehrzahl selbst nach einer Woche immer noch nicht gemerkt haben wird, hat die Größe einer Kleinstadt und rettet uns oft das Leben. Öffnungszeiten bis 22 Uhr. Komisch, selbst nach langen Exkursionen, wenn alle auf dem Heimweg längst nicht mehr wussten, wo die anderen waren: Bei Eroski traf man sich. Immer. Hier gab es neben Nachschub auch Tankstellen, Tabakautomaten, und Toiletten eigentlich alles, was man so braucht. Gemütlich.
Caravaca de la Cruz, Donnerstag, den 27. März 2003, mittags.
Treffpunkt Uni, weiter nach Caravaca de la cruz, la ciudad santa, nach Anschauung der katholischen Kirche eine der 5 heiligen Stätten der Welt. Das Museum kann uns keine Führung geben; wahrscheinlich hatte es erst »mañana« mit uns gerechnet. Und Modesto (»Caravaca Attacka«), unser heutiger Stadtführer, hat die besten Geschichten auf Lager. Eine handelt von San Juan de la Cruz. Dieser war eigentlich Muslim, aber plötzlich konvertierte er, und wollte eine katholische Messe halten. Nur eins fehlte ihm dazu, ein Kreuz, »si claro!«. Glücklicherweise konnten ein paar Engel den Engpass mit einem »schlichten« Silberkreuz beheben. Wir besichtigen die Kathedrale mit dem Santa Vera Cruz.
Der Abend wird ausgelassen-fröhlich, wie man so sagt. Wir entern als komplette Gruppe das murcianische Nachtleben und ziehen von Kneipe zu Kneipe, ganz wie die Einheimischen. Eigentlich dürften wir also nicht auffallen. Oder etwa doch?
Region Murcia, Samstag, den 29. März 2003, den ganzen Tag.
Ein weiteres Highlight kündigt sich an. Heute ist Samstag, unser freier Tag! Den ganzen Freitag, besonders in der Nacht, haben wir schon überlegt und geplant. Wohin? Vamos a la playa! Aber halt, etwas fehlt! Wo ist denn nur das eine Auto hin? Das hat sich wohl jemand auf unbestimmte Zeit ausgeliehen... Wenn da mal nicht jemand auf Kneipentour gefahren ist! Sei`s drum, Not macht erfinderisch und so fahren wir eben zu sechst in jedem Wagen und hoffen, dass wir uns auf die Abwesenheit der Guardia Civil verlassen können.
Auch mit Antonio ist wieder alles klar und er verrät uns, wo der angesagteste Schuppen ganz Murcias ist, wie hieß er doch gleich? Egal, zu einem gelungenen Abend gehört immer ein wenig Amnesie dazu, jetzt wird getanzt! Antonio taucht erst auf als wir schon gegangen sind, aber wir haben wohl nach einer Woche unsere physischen Grenzen erreicht und gehen gegen halb drei. Natürlich ist im Camp der Tag noch lange nicht vorbei! Langsam wird es eigentlich Zeit, dass die erste Autobatterie schlapp macht.
... was sonst noch so geschah ...
Sonntag Vormittag ist unser Auto samt Ausreißer wohlbehalten wieder da. Dann können wir ja ganz beruhigt Klaus` Haus in der Orangenplantage besichtigen und das maurische Bewässerungssystem in seinem Garten.
Am Montag, den 31. März ist es soweit: Die erste Autobatterie hat schlapp gemacht. Wir schieben an und fahren zu Interviews mit deutschen Altersmigranten.
Alicante, Donnerstag, 03.April, 15.00 pm:Tag der Abreise. Dank Air Berlin wird ein Traum Wirklichkeit: Wir sehen uns auf »Malle!« Rückflug AB 6435 führt uns auf die Insel! Aber der Flug verläuft unruhig, einigen gefällt das Fliegen sowieso schon nicht, und dann auch noch das Rütteln!
Wir warten auf den Anschlussflug und haben noch kurz Zeit für ein
Fazit: Haben wir die Forschung voran gebracht? Wie ist eigentlich die Eigenwahrnehmung der Gruppe? Einige begaben sich am letzten Abend ohne Angst »ins Feld« und führten Kurzinterviews. Die Kommentare fallen höchst unterschiedlich aus, aber was gesagt wurde, bleibt unter uns, »pssst!«. Und am 15. Juni ist Nachbereitung mit Klaus in Hamburg.
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