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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 2, 2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)
Studierendentreffen in Berlin
Helle Meister
Es waren einmal, an einem ganz alltäglichen Freitag Ende Juni während der Fußball-Weltmeisterschaft, acht Volkskundestudierende aus Hamburg, die zum Studierendentreffen nach Berlin fuhren...Das Studierendentreffen fand naheliegenderweise unter dem Motto Großstadt- und Urbanitätsforschung statt, der verschiedene Gruppen auf unterschiedliche Art und Weise nachgingen. Zudem sollten sich Kulturwissenschaftler, Volkskundler, Kulturanthropologen und Europäische Ethnologen aus verschiedenen deutschen Städten sowie aus Wien ja auch mal kennenlernen...
Und so geschah es, dass sich so um die 100 Leute im Berliner Institut für Europäische Ethnologie am Schiffbauerdamm trafen und als erstes Wolfgang Kaschuba mündlich vernahmen, wie er über die Schwerpunkte des Berliner Instituts sprach, u.a. zur Multikulturalität sowie zum Verhältnis diverser Kulturen untereinander und natürlich zum Thema Großstadt, insbesondere zu Berlin und seinen vielen Gesichtern: Dem historischen Berlin, dem Mythos der Stadt, Berlin als Zentrum der Multikulturalität, Berlin für Touristen, Berlin-Ost und Berlin-West und Berlin als politische (Be)Haupt-(ungs)stadt.
Zu all diesen Facetten Berlins und den aktuellen Themen für die »Feldforschungsgruppen« hatten die Berliner auch einen Reader vorbereitet. Ob und wie dieser zum Einsatz kam, war, denke ich, von Person zu Person unterschiedlich.
Der Institutsabend, der das Berlin-Wochenende einläutete, fand nach meinem Empfinden in einer recht entspannten Atmosphäre statt, die auch den weiteren Verlauf der Zeit und den Umgang untereinander kennzeichnete. Dazu trug zunächst auch die gemütliche »Baracke« und der Innenhof des Instituts bei. Angesichts eines kleinen Bungalowhäuschens mit einem großen Raum, der von allerlei politischen und satirischen Anspielungen, Girlanden etc. geziert wurde, eingerichtet mit einer kleinen Bar und diversen Sitzecken (und leckerem Buffet), können wir Hamburger mit unserem »Fachschaftsraum« nur neidisch staunen... Vor der Baracke konnte man im Gras oder auf Sofas sitzen und netter Musik lauschen, Bier, Wein und Gespräch genießen bzw. sich erst einmal orientieren.
Schon am ersten Abend kristallisierte sich eine recht freie Organisation des Wochenendes heraus - je nach Lust und Laune blieb man im Institut oder zerstreute sich mit eigenen oder noch mehr oder weniger unbekannten Kommilitonen in der Stadt, ein wenig »automatischer Feldforscherblick« natürlich inklusive. Da gab es zum Beispiel die Fête de la Musiqe, was als grosses Spektakel angekündigt war (wir aber unterschiedlich beeindruckt erlebten), wärmeres und volleres Strassenkneipenleben, neue und alte Gesichter; und im Laufe der Nacht ein Eintreffen in der Jugendherberge, in der die meisten untergebracht waren.Der Feldforschungstag, also Samstag, gestaltete sich so, dass sich zunächst Gruppen in ihren gewählten Themen zusammenfanden. So gab es beispielsweise Gruppen für den gerade stattfindenden Christopher Street Day, den Stadtteil Marzahn, Kreuzberg, den öffentlichen Personennahverkehr Berlins, Potsdamer Platz und einige andere. In diesen Gruppen, seien sie eher institutsintern oder auch quer gewürfelt, verbrachten wir den Tag in der Atmosphäre Berlins, was sich ebenfalls als ein recht frei gestalteter Tag erwies. Ich persönlich fand es sehr nett, mit Europäischen Ethnologen oder Kulturwisenschaftlern durch die Stadt zu laufen...
Das beeindruckendste Erlebnis war für mich - wahrscheinlich unabhängig ob in Hamburg oder Berlin - auf jeden Fall die Stimmung nach dem Fußballspiel, das die Türkei gegen Senegal gewann. Zu dem Zeitpunkt
saßen einige meiner Gruppe auf dem Oranienburger Platz in Kreuzberg. Wir hielten von der drückenden Hitze eine Pause, als sich plötzlich ein Raunen, dann Schreien und Jubeln in die Mittagsruhe hinein um den Platz herum fortsetzte. Der Sieg der Türkei endete im spontanen Straßenfest, vermischt mit dem großem und kleinem Christopher Street Day, lärmenden Autos, türkischen Flaggen und singenden Türkinnen. Wahnsinn, wie sich so eine Dynamik entwickelte und vor allem Türken und Senegalesen sich in den Kneipen gegenseitig und friedlich befeierten. Es war ein einziger Ausnahmezustand voller Freude....Später gab´s wieder ein Treffen im Institut mit Pizza und anschließender Präsentation der Gruppenarbeiten.
Ich denke, jede/r hat auf seine Art (noch) einmal ein Gefühl für die Stadt Berlin entwickeln können und auf die eigene Weise auch die eigenen oder andere Kommiliton(inn)en neu oder besser kennengelernt oder einfach erlebt, und schon alleine dafür lohnt es sich, Studierendentreffen mitzumachen (das nächste soll übrigens »bei Herrn Bausinger« in Tübingen stattfinden...). Und selbst wer noch andere Dinge in Berlin zu tun hatte, war frei, es (fast) nach Belieben wahrzunehmen!
....und wenn sie nicht in Berlin geblieben, sind sie wohl zurückgekehrt in das so nette Volkskunde-Institut in der wunderschönen Stadt Hamburg...
| Impressum | Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster |