Logo der Universität Hamburg Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie 
  UHH  ›  FB Kulturgeschichte und Kulturkunde  ›  Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie   Suche  

(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 2, 2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



Eigener Zugang und Bedeutung
des FC St. Pauli


Daniel Bröckerhoff


In Hamburg zu wohnen, sich oft in der Schanze und auf dem Kiez herumzutreiben und dabei keinen Bezug zum FC St. Pauli zu entwickeln, ist beinahe eine Unmöglichkeit, die mir trotzdem fast zwei Jahre lang gelungen ist. Der Grund hierfür ist wohl eine bis vor kurzem existente völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem Fußballspiel und dessen Anhängern, die regelmäßig in Abscheu umschlug, wenn ich gezwungen war, am Wochenende mit der Bahn zu fahren und dabei grölenden, biertrinkenden Horden begegnete, die auf dem Weg zu einem Spiel waren. Einzige Ausnahme bildeten ab und an Länderspiele oder Weltmeisterschaften, die ich aber einzig und allein aus sportlicher Sicht interessant fand. Mich in ein Stadion zu begeben und mich dieser archaisch anmutenden Menschenmasse auszusetzen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Fußballfans waren in meinem Kopf bislang Proleten, Schläger, Alkoholiker, Rechte und andere Wahnsinnige, die ich als bedrohlich und beängstigend empfand und mit denen mich in meinen Augen nichts verband, außer dass sie genau wie ich die Bahn als Verkehrsmittel bevorzugten.

Die Fußballfans in meiner ehemaligen Stufe taten ihr übriges, um mein Bild zu komplettieren. Sie waren alles andere als nette, gebildete und intellektuelle Hornbrillenträger mit Tocotronic-Frisuren. Lieblingspausenbeschäftigung war Montags der tabellarische Vergleich, wieviel Liter Bier und Korn sie am Wochenende vertilgt hatten, um daraufhin mit Sprüchen wie »Boah, war ich wieder breit!« kundzutun, dass sie den alkoholischen
Potenzvergleich für sich als bestanden ansahen.1 Fußball, so schien es mir, war für sie nur eine Ausrede um möglichst viel Lärm und Ärger machen zu dürfen und möglichst viel Alkohol in möglichst kurzer Zeit zu unmöglichen Tageszeiten zu konsumieren.

»Schuld« an meinem nicht vorhandenen Zugang zu diesem wichtigen Teil der deutschen Kultur haben wohl meine Eltern, die weder Sport- noch Vereinsfreunde waren und vielleicht aus intellektueller Arroganz sich auch nie bemüht haben selber Zugang zu diesem »Proletensport« zu finden. Von daher wurde ich als Kind nicht zum Fußballtraining, sondern zum Klavier-unterricht geschickt; das Resultat war, dass ich zwar Bach spielen konnte, beim Sport aber oft genug versagte, um jegliches Interesse zu verlieren.

Als ich vor fast drei Jahren nach Hamburg zog, hatte ich von daher keine Ahnung von Fußball, Fußballkultur, geschweige denn dem Unterschied zwischen dem HSV und dem FC St. Pauli. Mit der Zeit bekam ich durch regelmäßige Kiezbesuche zwar mit, dass man dort für St. Pauli sein musste, wollte man nicht vollkommen anecken, und dass der HSV ein weitaus weniger cooles Image unter den meisten Jugendlichen genoss; doch reichte das nicht, um mich zu überzeugen mich näher mit Fußball zu beschäftigen. Mein Job in einer fußballverrückten Werbeagentur brachte mich dem Phänomen »Hamburg und seine Fußballclubs« zwar immer näher, doch erst die zufällige Begegnung mit meinem alten Bekannten Kristian schaffte es, mein Interesse zu wecken. Ich entdeckte durch ihn, dass die meisten St. Pauli Fans nicht meinem Image von biertrinkenden Hohlköpfen entsprachen, sondern freundliche, aufgeschlossene, oft etwas schräge Typen waren, die gerne laute Rockmusik hörten und für die der Stadtteil und der Verein untrennbar verwoben waren. Sie waren zwar wild, doch nicht unzivilisiert und weder brutal noch gewalttätig oder gar rechtsradikal. Erstaunlicherweise fand ich durch die Bekanntschaft mit Kristian und seinem Fanclub »Arschrock-Jugend St. Pauli« heraus, dass die meisten sogar ausgesprochen linker Gesinnung waren und dementsprechend politisch interessiert oder engagiert. Zwar ging meine Begeisterung für den Verein nicht so weit, dass ich den Einladungen zu Spielen zu gehen gefolgt wäre, jedoch schärfte sich mein Blick im Bezug auf das Verhältnis zwischen dem Stadtteil und dem Verein. Erst jetzt fiel mir die starke Präsenz des Vereins in St. Pauli auf, sei es durch Schilder in Bars und Kneipen oder die vielen Pullover, Shirts oder Aufnäher mit dem Totenkopf-Motiv, die ich vorher nicht mit dem Verein in Verbindung gesetzt hatte. Ich entwickelte ein positives Grundgefühl gegenüber dem »Underdog« der 1. Bundesliga, stand dem ganzen Phänomen »Fußball» jedoch immer noch recht hilflos gegenüber. Nach wie vor ist es für mich relativ schwer nachvollziehbar, wie eine so starke Identifikation mit einem Fußballverein entsteht und wie diese das ganze Leben zu beeinflussen vermag. Jedoch bin ich ausgesprochen neugierig, was die »Entdeckungsreisen« in dieses mir noch relativ fremde Terrain zu Tage befördern werden.



1 Auszug aus meinem Feldtagebuch, Eintrag vom 10.4.2002


  Impressum Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster Seitenanfang