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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 2, 2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



Mit freundlichen Grüßen...
oder die Kunst des Bewerbens

Leonie Koch-Schwarzer


»Als Anlage übersende ich Ihnen meine ausführlichen Bewerbungsunterlagen. Ich freue mich sehr, wenn ich mit meinen bisherigen Berufserfahrungen und meinen Stärken Ihrem Anforderungsprofil entspreche und wir zu einem persönlichen Gespräch zusammentreffen.«

So oder so ähnlich lauten vielfach die Schlussformulierungen von Anschreiben, die auch von unsereins an potenzielle Arbeitgeber verfasst werden. Wir antworten mit solchen auf Anzeigen in Zeitungen, Zeitschriften, Fachorganen oder zunehmend auch in Internet-Jobbörsen. Und diese Worte stehen daher ebenso in Online-Bewerbungen, denn die Vor- und Einstellungsgespräche sind ja dann doch genauso von Mensch zu Mensch. Und daher freuen wir uns natürlich auch hier auf ein persönliches Treffen...

Als Anlagen zu unserer Interessenbekundung im Anschreiben fügen wir dann unser halbes »Leben« bei: Lebenslauf, Zeugnisse, Projekterfahrungen, Qualifikations-Profile, eventuell sogar Publikationslisten.


Die Kunst des Bewerbens

Nun, ob klassisch, online oder initiativ der Teufel sitzt am liebsten auch bei den Bewerbungen im Detail. Denn wir sind in der Universität zwar auf das Verfassen wissenschaftlicher Texte, aber so gar nicht auf das Verfertigen von Bewerbungsunterlagen trainiert worden.

Und das Bewerben ist wie sollte es auch anders sein eine Kunst bzw. ein Handwerk für sich. Auch hier gibt es »Tracht« und »Moden«, und vor
allem gibt es eine breite Varianz an symbolischen Zuschreibungen und eine blühende Vielfalt individueller Vorlieben auf beiden Seiten des Bewerbungsverfahrens.

Also heißt es Stellung zu nehmen zu folgenden Fragen: Kenne ich die letzte »hippe« Welle von Bewerbungsmappen schon? Darf es praktisch und einfach sein, oder soll`s doch lieber edel oder extravagant werden? Ist meine Zielgruppe (meine künftigen Arbeitgeber in Wirtschaft, Presse und Medien, öffentlichem Dienst, Museen oder Universitäten) eher traditionell oder innovativ (womit sticht man positiv-auffällig heraus, was ist gerade noch zumutbar)? Schicke ich meine Unterlagen vollständig oder treffe ich eine Auswahl nach dem Motto: das ganze oder doch eher nur das halbe »Leben«?

Und dann: Wie sehe ich eigentlich auf meinem Bewerbungsphoto aus, welche Signale sende ich da, was habe ich an? Und was ziehe ich dann zum Vorstellungsgespräch an, von wegen Kleider machen Leute: dasselbe Outfit oder doch etwas anderes (soll ja nicht aussehen, als hätte ich nichts
anderes)?

Und vor oder neben alledem: Rufe ich wirklich vorher an, wenn in der Anzeige eine Ansprechperson aufgeführt ist um ersten Kontakt
aufzunehmen, um ein Gefühl für den Tenor der Firma zu bekommen, um vielleicht sogar einen weiteren, wichtigen Namen erfahren, der näher am »Entscheidungshebel« sitzt ? Oder ist es je nach Fall etwa subjektiv eine bessere Entscheidung, doch nicht anzurufen vielleicht, um sich nicht von vornherein durch einen kurz angebundenen Ton entmutigen zu lassen?


Mit Immanuel Kant: Wer bin ich? Wo will ich hin?
Nehmen wir mal an:

Also: Wo ist das Problem?
Die oben angesprochenen Fragen im künstlerisch-handwerklichen Bereich der Bewerbungsmappen lassen sich vielleicht noch recht leicht beantworten. Das Bewerbungsgeschäft ist aber in erster Linie deshalb eine aufwändige Alltagsbeschäftigung, weil ich hierfür meine Ziele nochmals präzisieren und eingrenzen muss oder: Was genau will ich eigentlich wirklich machen, was ist eher zweite oder dritte Wahl. Weil ich mich selbst im Hinblick darauf noch einmal gründlich prüfen muss, benötige ich auch eine Analyse der Fähigkeiten und Erfahrungen die ich für meinen Zielberuf aufweisen kann und die ich mit konkreten Erzählungen über Arbeitserfahrungen auch »belegen« kann, wenn ich danach gefragt werde. Weil ich meine »marktgerechten« Strategien für meine »Zielgruppe« entwickeln muss, brauche ich zudem Branchenkenntnisse über aktuelle Bedürfnisse, Probleme und Entwicklungen in meinem Zielfeld: Wo geht dort der Weg hin, was kann ich zu dieser Entwicklung beitragen.

Erst in zweiter Linie ist das Bewerbungsgeschäft mühsam und eine Herausforderung wegen der auf dem aktuellen Arbeitsmarkt recht großen Konkurrenz. Und in dritter Linie ist es dann erst eine Frage wegen des Arbeitsmarktes als solchem aber wer hat denn je davon gehört, dass es auf dem volkskundlichen Arbeitsmarkt rosig aussieht? Hier war schon immer Kreativität und der Blick für Nischen gefragt...

Haben wir hier also unsere Aufgaben gründlich gemacht, dann kommt es hoffentlich zu einem Vorstellungsgespräch.

Meine Person auf dem Prüfstand: Das Bewerbungsgespräch

Entwickeln wir doch einmal folgende Fantasie:

Vor mir habe ich den »Personaler«, doch so einige Jahre älter ich, im grauen Anzug auf den ersten Blick ganz sympathisch. Deswegen war es keine Hürde, ihn schon beim Hereinkommen durch ein Kompliment über den netten und hilfsbereiten Empfangsmitarbeiter freundlich zu stimmen. Mir werden zunächst ein Sitzplatz und dann Kaffee oder kalte Getränke angeboten. Er fragt, ob ich gut hergefunden habe. Kurzum, das Gespräch plänkelt so los mit »small talk«, bis wir unsere Sitzposition für die nächste gute halbe Stunde eingenommen haben. Ich sitze wie es sich gehört in Bewerbungsgesprächen aufrecht und meinem Gegenüber kommunikativ zugewandt am Tisch, die Hände über (!) der Tischkante, er hat wie ein Spiegelbild eine ähnliche Position eingenommen. Freundlich lächelnd danke ich für ein Mineralwasser. Ein paar Unterlagen u.a. zuvor niedergeschriebenen Fragen, die ich im Laufe des Gesprächs gerne stellen möchte, habe ich auf den Tisch gelegt (aber Vorsicht: das ist eigentlich fremdes »Territorium«).

Ich weiß, ich bin gut präpariert. Ich habe Anzeige, Anschreiben und den Lebenslauf chronologisch und sachlich im Kopf parat (und in Kopie alle Unterlagen noch einmal dabei, falls etwas verloren gegangen sein sollte). Zuvor habe ich gründlich über die Firma meines Interesses recherchiert.

Spinnen wir die Fantasie weiter aus: Nachdem mein Atem jetzt wieder ruhig und tief geht, fühle ich jedoch langsam die Wärme eines Adrenalinschubs aufsteigen. Denn jetzt passiert etwas, womit ich nicht so ganz gerechnet habe: Ich werde gar nicht wie meinerseits erwartet und präpariert, vor allem aber: wie sonst eigentliche immer ! nach meinem Lebenslauf, meinem Berufsweg, meinen »Erfolgen« gefragt (»Erzählen Sie uns doch bitte Mal...«). Diese Standard-Frage zu Beginn des Gesprächs findet mein Gesprächspartner offenbar nicht wichtig, denn er hat die Unterlagen sehr intensiv gelesen, sogar die Zeugnisse gelesen (Er lobt mich für meine Qualifikationen. Sehr schmeichelhaft! Aber Grimms Märchen vom kreidefressenden Wolf kommt mir erst viel später in den Sinn...).

Jetzt habe ich gar keine Zeit für solche fachspezifischen Nebengedanken, denn dieses Lob ist lediglich die freundliche Einleitung (Man erinnere sich: »Warum hast du denn so große Augen?«) für erste Fragen zu meinem Informationsstand über die Firma und zur Ernsthaftigkeit meines Interesses: Was mich denn veranlasst habe, mich genau auf diese Stelle zu bewerben? Warum ich mich gerade hier in dieser Firma bewerben würde? Ob ich die Geschäftsfelder kenne? Ob ich mich mit den Firmenzielen identifizieren könne? Wie ich mich zu den historisch gewachsenen Strukturen dieser Firma und zur Firmenkultur stellen würde? Diese Fragen kann ich aufgrund der Vorbereitung noch recht gut beantworten, das Gespräch verläuft in einigermaßen gleichgewichtiger Dialogform (aber nur vom Ton her, denn eigentlich werde ich hier auf mein Wissen und Sachkenntnisse geprüft).

Dann aber wird die Daumenschraube mit ein paar Umdrehungen kräftig angezogen (Man erinnere sich: »Warum hast du denn so große Zähne?«): Ob ich denn als »Studierte« nicht überqualifiziert sei bzw. mich auf der ausgeschriebenen Position alsbald unterfordert fühlen würde? Wohin ich mich in fünf Jahren entwickelt haben möchte? Was meine Ziele für die jetzige Position seien? Und noch eine kräftige Drehung weiter: Wer denn meine Vorbilder in beruflicher Hinsicht seien? Was denn an diesen Personen eventuell auch weniger vorbildlich sei? Was ich an Vorgesetzten besonders schätzen würde? Jetzt wird's richtig brenzlig, denn hinter diesen Fragen steht fast durchweg der Test auf Stabilität und Verlässlichkeit als Mitarbeiterin: Aber ich schaffe die Kurve, er glaubt mir, dass ich nicht »karrieresüchtiger« bin als der angestrebte z.B. Sachbearbeitungsposten es an Aufgaben hergibt und dass ich nicht bei nächstbester Gelegenheit die Chefin samt Sessel aus dem Büro heraus befördern werde.

Und ich werde für meine Antwortbereitschaft und die Richtung »belohnt«. Die »soft skills» kommen auf den Tisch (Man erinnere sich trotzdem an die Physiognomie des aufmerksamen Wolfes: »Warum hast du denn so große Ohren?«): Wie ich mit Menschen umgehe gerade im Team? Wie ich mit Stress-Situationen zurecht komme? Welche Strategien ich dort und für andere Bereiche entwickelt habe? Ob diese Lösungen transferierbar sind? Was denn mit Überstunden in hektischen Zeiten sei? Welches meine persönlichen Stärken seien? Wie meine Freunde mich beschreiben? Auch dies alles keine Fragen, die man so einfach und ganz »ehrlich« beantworten kann und soll, sondern bei denen ich mich gut verkaufen muss. Und daher zum Abschluss auch noch ein wenig wieder die Daumenschraube, wenngleich nicht wirklich enthusiastisch verfolgt: Meine Schwächen, welches sind die genau? Was ich gerade so mache (bloß nicht sagen nichts, irgend etwas tun Akademiker immer...)? Was ich von der Firma für mich erwarte und auch erhoffe ?

Leider fragt er gar nicht, warum ich denke, die Einzige, Wahre und Richtige, der sichere Glücksgriff für das Unternehmen zu sein für diese Frage hatte ich einen ganzen Blumenstrauß von selbstverständlich unschlagbaren Argumenten zusammengestellt, die ich aber jetzt nicht mehr an den Mann bringen kann. Statt dessen nur noch knapp die Gehaltsfrage und ob ich jetzt noch Fragen hätte ? Ja, die habe ich natürlich.

Die Fragerichtung wechselt, meine Fragen werden positiv aufgenommen, es geht v.a. um Positionierung in den Strukturen und Kooperation mit anderen Fachabteilung. Ganz böse aufs Glatteis gerate ich, als ich doch noch einmal nach »Entwicklungsmöglichkeiten« frage, obwohl ich zuvor glaubhaft vermitteln konnte, dass ich mich ja in der ausgeschriebenen Position sicher auf lange Zeit angemessen beschäftigt fühlen werde... Aber letztlich signalisiere ich damit auch, dass ich informiert bin über die intern anschließenden und ggf. auch reizvollen Abteilungen. Also, ich zeige, dass ich echtes Interesse habe an einer dauerhaften Zusammenarbeit.

Das Gespräch endet mit einer Aussage darüber, bis wann ich über die bald folgende Entscheidung informiert werde. Freundliche Verabschiedung, Handschlag.

Ende der Fantasie: Ja, so könnte ein Vorstellungsgespräch aussehen ... und die angeführten Fragen werden tatsächlich auch gerne gestellt.

Allerdings ist es schon so, dass sich die Wirklichkeit nicht notwendig im Einklang befindet mit dieser Fantasie. Diese Fantasie ist so »professionell« ausgestaltet, wie in der Realität in dieser komprimierten Form kaum zu erleben. In der Realität sitzt man nicht konzentrierte etwa 30 Minuten, sondern gerne auch mal 2 Stunden im Gespräch. Wobei meine Gegenüber gerne und durchaus viel Zeit auf die Selbstpräsentation der mittels meines Interesses ja umworbenen Firma verwenden. Dabei gewinnt man je nachdem einen guten Eindruck über die Struktur der Firma, verliert aber über diese »Entscheidungshilfe« gerne das eigene Anliegen aus dem Auge, oder: Wie komme ich jetzt am besten zu Wort? Ganz anderes Szenario: Ich sitze in einem als »Informationsgespräch« getarnten Teilelement eines Assessment Centers gemeinsam mit 14 anderen Interessierten. Ich bekomme drei Minuten lang die Gelegenheit, mich und mein Interesse an der ausgeschriebenen Stelle kurz und knapp vorzustellen. Und dann habe ich genügend Zeit zu beobachten, welche Typen von »KonkurrentInnen« sonst so im Raum sind und welche Strategien der Selbstdarstellung sie nutzen, um in die chancenreichsten Startlöcher zu kommen.

An den nachfolgenden Reaktionen der Unternehmen kann ich dann leicht ablesen, ob ich wohl dem Bild der Wunschkandidatin entsprochen habe: Eine Absage ist meist ein Formbrief freundlicher Plattitüden, manchmal jedoch auch mit einigen persönlicheren Anmerkungen ausgestattet. Werde ich dagegen zum weiteren Gespräch an einem anderen Termin geladen, dann geschieht das meist in sehr zuvorkommender Weise und persönlich telefonisch.
Eines ist aber bereits vor dem ersten Vorstellungsgespräch sicher: Meine mit den Unterlagen nachweislich dargelegte Professionalität auf den für die ausgeschriebene Position relevanten Gebieten ist jedenfalls zunächst konform mit der Anforderungsprofil an die Wunschkandidatin. Sonst wäre ich ja nicht zum ersten Gespräch eingeladen worden...

Vom Märchen zur Realität richtig Bewerben lernen

Die schriftliche Selbstpräsentation in einer Bewerbungsmappe mittels Anschreiben und Lebenslauf, Schwerpunkttätigkeiten und Kompetenzprofil, Photo und angemessener und ansprechender Mappe, das ist das zentrale Thema professioneller Bewerbungstrainings. Bei welchem Anbieter von Bewerbungsseminaren auch immer, die schriftlichen Unterlagen sehen hinterher sicherlich nicht mehr so aus wie vorher.

Ob sie jetzt im Sinne einer Marketingstrategie für die eigene Person »professioneller« aufbereitet sind, darüber will ich hier nicht abschließend urteilen. Denn bei allen Anregungen, die einem ein Bewerbungs-Training gibt, sollte ein zentrales Kriterium für jeden geltend bleiben: Es sind immer noch die eigenen Unterlagen, also meine Inhalte, mein favorisiertes Design in Typographie und Layout, meine Ästhetik in Form und Farbe, denn ich muss dazu »stehen«, muss mich wohl und sicher damit fühlen auch wenn es noch so viele Möglichkeiten äußerlicher wie inhaltlicher Präsentation gibt: Ziel sollte sein, den eigenen Stil zu finden.

Auch obige Fantasie über ein Vorstellungsgespräch ist Realität gewesen, die Realität im Rahmen eines Bewerbungstrainings, zu dem ich seitens der Arbeitsamtes aufgefordert wurde. Zwölf Augenpaare von aufmerksamen Beobachterinnen und Beobachtern konnte ich während meines ganzen Vorstellungsgespräches im Nacken fühlen. Zudem eine Videokamera und meinen Coach neben mir. Denn: Wir simulieren hier für zwei Tage Vorstellungsgespräche. Unser berufsgeschichtlicher Werdegang wird in diesen Simulationen auf Herz und Nieren getestet, und wir können die Präsentation unseres beruflichen Lebens und unseres Wollens erproben.

Ich kann im Gegenzug beobachten, wie meine Mitstreiterinnen und Mitstreiter sich präsentieren, wie sie mit verschiedenen »Personalern«
zurecht kommen. Ich beobachte, wie sich schließlich die diversen »Personaler«-Typen präsentieren, welchen persönlichen Stil sie fahren, was an welchem Stil mir liegen würde oder woran ich ordentlich zu »knacken« hätte. Und nach jeder Simulation erhält man Feed-back von den Personen, mit denen man gemeinsam daran arbeitet, sich professionell zu bewerben und zu präsentieren.

Das Ziel von Bewerbungstrainings ist im positiven Sinne ein gesteigertes Selbst-Bewusstsein, d.h. Sich-seiner-selbst-bewusst-sein: Die Aufgabe ist nämlich, sich nochmals so stark der eigenen Ausbildung und der beruflichen Vergangenheit zuzuwenden, dass Wissen, Kenntnisse, Fähigkeiten und persönliche Stärken und Schwächen zu einem nachvollziehbaren, tabellarisch leicht lesbaren sowie zudem erzählbaren Lebenslauf zusammengestellt werden. Ein Lebenslauf, der in sich einer logischen Argumentation folgt und deshalb auf der Seite des Gegenübers positiv ankommt.

Für Biographieforschende tut sich hierbei im Übrigen ein hinreißend lebendiges Beobachtungsfeld der Selbstrepräsentation, Berufs-Rekonstruk-tion und -Umkonstruktion sowie narrativer Verfestigungsetappen auf: Ein kunterbuntes Labor der Ich-(Er-)Findung. Manche meiner Kolleginnen und Kollegen bekommen so zum Beispiel die Chance, zwei Mal an einer solchen Vorstellungsgesprächs-Simulationen teilzunehmen: was zu verblüffenden Resultaten führt Dr. Jekyll und Mr. Hyde sind nichts dagegen!

Diese kriminalistische Suche nach den Antworten auf all die in der »Fantasie« angeführten Fragen wird unter bestimmten Voraussetzungen vom
Arbeitsamt bezahlt.

Was ein solches Bewerbungstraining im Idealfall bringt, ist, dass die Teilnehmenden sich deutlich klarer über ihre Ziele, das berufliche Zielfeld und den zeitlichen Horizont der Zielerreichung sind als zuvor. Und dass ihre Bewerbungsunterlagen zielgenauer auf diesen Bereich zugespitzt und strategisch ausgerichtet sind mit für die Personaler leicht und klar erfassbaren Leitlinien. All das kann die Chancen auf eine Einladung zum Vorstellungsgespräch erhöhen...

Uns in der »Hamburger Biographieforschung« Bewanderten kommt die Kenntnis des Begriffes »Leitlinie« bei einer solchen Hinwendugn zum eigenen Lebens- und Ausbildungsweg (und Berufsweg) sehr entgegen denn diese eine große Linie (oder mehrere davon, die ineinandergreifen) gilt es letztlich zu finden. Und mit Bezug auf »Bewerbung als Werbung« müssen die Leitlinie(n) nurmehr in einer nachvollziehbaren Weise konstruiert werden zielgruppengenau für ein spezifisches berufliches Zielfeld, das es damit zielstrebig zu erobern gilt, und zwar am besten mit einer zeitlichen Zielvorgabe (denn was ist das Ganze ohne Deadline?).


Bewerbungstrainings

Die oben geschilderte Simulation eines Bewerbungsgespräches ist damit nur ein Teil des Angebotes, das innerhalb eines Bewerbungstrainings begegnen kann. Die Basis für alle Anbieter solcher Trainings bilden allemal eingehende Auseinandersetzungen mit den bereits vorhandenen oder als erste Version zu erstellenden Bewerbungsunterlagen, sowohl inhaltlich wie der Form nach. Bei alledem wird die Perspektive auf sich selbst und die eigene Lebensgeschichte der eigene Blick wie der fremde der Trainer wie der Gruppe im Wechselspiel immer wieder geschärft. Da werden berufliche »Erfolge« gefunden und detailliert beschrieben. Da werden fachliche und übertragbare Fähigkeiten heraus gefiltert, und manches kann nun zu echten Stärken komprimiert werden. Da wollen Ziele reflektiert und definiert sein. Da ist es eine Herausforderung, das Selbstmarketing mit der Zielgruppe in Einklang zu bringen, d.h. eine Strategie zu entwickeln.

Kann man sich wirklich ohne Problem eine Stunde lang mit Form und Farbe von Bewerbungsmappen befassen? Ja, man kann obwohl man dann immer noch auf den eigenen Geschmack angewiesen ist. Auch der »fremde« Blick der Gruppe auf die Bewerbungsbilder kann einige Zeit in Anspruch nehmen: die Kommentare zu den Photos das Photo als volkskundliche Quelle, unzweifelhaft ein lohnendes Thema. Dann die nähere Analyse: Ich finde mein Photo immer noch gut, allerdings wird mir nun verklickert, was wohl so die »Personaler« als Spezies an sich darüber denken mögen oder als nicht dem Standard entsprechend bemängeln würden (Fazit: nichts wie hin zur Neuaufnahme...).

Sehr beliebt als Basis und ein einfaches, wenn auch durchaus aufwändiges Instrument zum »Warm-up« der Teilnehmendengruppe sind für solche Bewerbungstrainings im Übrigen die so genannten Assessment Center, d.h. Beurteilungszentren. Was das ist? Nun, Kleingruppen werden bei der Lösung verschiedener mal mehr mal weniger sinnvoll erscheinender Aufgaben von Außenstehenden beobachtet. Auch hier weiß der volkskundlich Gebildete um die methodischen Grenzen der Beobachtbarkeit, aber es wird i.d.R. bei Assessments nur auf 10-12 Merkmale (meist soft skills) geachtet. Die Beobachtung in entsprechenden Feldprotokollen fixiert zielt in diesem Fall vor allem auf soziale Kompetenzen wie integrative, kommunikative, moderierende oder auch kreative Fähigkeiten und wie jede Person diese im Team nutzt, um z.B. zielgerichtet vorzugehen, andere zu überzeugen, sich durchzusetzen, etc. Ziel der Übungen ist es, ein Urteil über die persönlichen Stärken zu gewinnen (nicht die persönlichen Schwächen als KO-Kriterium im Bewerbungsverfahren zu nutzen). Daher geht es auch um so harmlose wie eher harmonische Dinge wie »Führen Sie eine Diskussion über ein gemeinsam gewähltes Thema«, »Bauen Sie aus dem Karton einen schönen und hohen Turm«, »Postkorb«, »Erstellen Sie zunächst einen Kriterienkatalog und wählen dann die passende Person aus den Bewerbungen aus« etc. Im »echten« Assessment kann dann aber die Diskussion auch ein Streitgespräch um die Durchsetzungsfähigkeit werden, z.B. »Wer bekommt den Fensterplatz im Büro/das Firmenauto«. Das Nette am Assessment Center, wie es in Bewerbungstrainings geführt wird, ist das ausführliche und umfassende Lob und die Selbstbestätigung, das im nachfolgenden Coaching-Gespräch über einem ausgeschüttet wird (es sei denn, man hat sich wie die Axt im Walde benommen ...).

Manche Anbieter von Bewerbungstrainings bieten über die Basics der Entwicklung von Bewerbungsunterlagen und der Angebote, ein Feed-back über sich zu bekommen noch mehr. Da werden z.B. Workshops eingebunden über Mitarbeiterführung, Konfliktmanagement, Teamarbeit oder
Moderation. Oder es werden EDV-Seminare zu Word, Excel, Powerpoint oder Internet-Recherche eingebunden.


Ich will hier abbrechen mit diesem kleinen Par-force-Ritt durch die mögliche Angebotswelt von Instituten, die aktuell die Bewerbungstrainings und so genannten Profiling-Maßnahmen für das Arbeitsamt durchführen und uns arbeitssuchende oder arbeitslose Akademiker mit sanften und doch fordernden Mitteln für die harte Welt der Bewerbung auffixen sollen. Wir sollen Profis im Bewerbungsmarathon werden, trainiert auf die Ausrichtung der Bewerbung auf so genannte professionelle Standards und auf professionelle »Personaler«.

Deshalb nur ein kleiner, mahnender Zwischenruf gegen die mögliche Tendenz einer windkanalmäßigen Zurichtung des Lebens(laufs): Was kann denn bitte in einem gültigen Sinne »professionell« daran sein, wenn ich als Subjekt mit einer individuellen Lebensgeschichte und mit meinen, für meinen Geschmack gut und ästhetisch aufbereiteten Bewerbungsunterlagen auf ein anderes Subjekt treffe, das seine subjektiven Einstellungen und Vorlieben mit einer je individuell spezifischen »Professionalität« im Selektieren verknüpft? Das beste Beispiel für diese nicht nur potenzielle, vielmehr potenzierte Subjektivität der Bewerberauswahl ist noch immer, dass nach wie vor das Bewerbungsphoto ein anerkannt großes Gewicht in der unweigerlich subjektiv-emotionalen Entscheidung hat. Nach dem Motto: »Wenn mir deine Nase passt, dann lad` ich dich auch ein!«


Von der Kunst zum Geschäft mein Recht als Kundin

Wer seitens des Arbeitsamtes ein Angebot oder eine Aufforderung zum
Bewerbungstraining erhält, sollte sich daher über die am Markt angebotenen Varianten informieren. Daher nun zum harten Kalkül und zum Profit dieser Bewerbungstrainings. Die Kunst der professionellen Bewerbung ist nicht erst inzwischen ein Geschäft für professionelle Trainingsinstitute geworden, und zwar ein gutes Geschäft.

Und dies nicht erst seit Einführung des »Job-Aktiv«-Gesetzes Anfang des Jahres 2002. Aber jetzt sind die Aussichten für die geschäftliche Zukunft noch besser! Weil die Business-Pläne der bestehenden und eventuell noch wie Pilze aus dem Boden schießenden Trainingsinstitute mit dem Skandal um das Arbeitsamt im Frühjahr und mit dem Hartz-Konzept im Herbst Wind in die Segel bekommen, muss ein kritischer Blick erlaubt sein. Denn es ist mit den zu erwartenden Reformen zunehmend wichtig, sich über die Qualität der verschiedenen Institutionen in diesem Sektor ein Bild zu machen.

Dabei mögen folgende Fragen bzw. Stichworte eine grobe Richtung angeben die individuelle Wahl kann man nur nach eigenen Präferenzen treffen.

Professionalität der Institution:

Maßnahme:

Räumlichkeiten:

Personal:


Zeitrahmen:


Auch der meist wöchentlich stattfindende Präsentationstermin der Institute, auf dem man die für einen selbst wesentlichen Fragen stellen kann, soweit sie nicht ggf. im Prospekt oder zuvor am Telefon geklärt sein sollten, hat Aussagekraft für die Qualität des Angebotes. Dabei geht es weniger um die Tagesform der oder des Präsentierenden bzw. ihre/seine Geübtheit. Vielmehr geht es darum, wie transparent und nachvollziehbar auf die gestellten Fragen reagiert wird.


  Impressum Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster Seitenanfang