(vokus.
volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber:
hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)
Seminarbericht: 1,95583 - Countdown Euro
Nicht nur die nahe liegend-bekannten 12 Staaten, sondern
insgesamt 24 Staaten und teils ferne Gebiete haben den EURO mit dem 1.1.2002
als gesetzliches Zahlungsmittel oder als offizielles Zahlungsmittel neben
anderen (Parallelwährung) eingeführt. Mayotte und Saint-Pierre-et-Miquelon,
Guadeloupe und Réunion, Martinique und Französisch-Guayana zählen
ebenso zur EURO-Zone wie Vatikanstaat, San Marino und Monaco, wie Andorra,
Montenegro und Kosovo.
Die Wirtschaftswissenschaften, ob Betriebs- oder Volkswirtschaft, die Politikwissenschaften
und die Geschichtswissenschaften haben sich innerhalb des Reigens der Disziplinen
ebenso mit der EURO-Einführung befasst wie etwa die Psychologie. Aus
fachspezifischen Perspektiven wurden hierbei die positiven oder negativen
Einstellungen der europäischen Bevölkerungen zu der von oben verordneten
EURO-Einführung mal stärker und mal nur als Nebensache in die Argumentation
einbezogen. Je nach Ansatz rückte aus diesem Blickwinkel bei der deutschen
Bevölkerung meist nur der »statistische-Mittel-Bürger«,
der Mensch »als solcher« oder oftmals nur der »historische«
Münzherr (frühere Herrschende oder jetzt die EZB und die nationalen
Notenbanken) in den Blick.
Das allgemeine und durchschnittliche (Nicht-)Hoffen auf und das (Nicht-)Vertrauen
in die neue Währung wurde hierbei vor allem in Deutschland gerne vor
dem Hintergrund des symbolischen Identitätsstifters »Deutsche Mark«
für das Selbst- und Nationalbewusstsein Nachkriegsdeutschlands interpretiert:
Der Abschied von der stabilen, erfolgreichen, guten, alten D-Mark wurde vor
der Erfahrungsgeschichte der Inflationen und Währungsreform als besonders
krisenhaft, und die Abneigung gegen die europäische Währung mit
ihrer Integration von schwachen Währungen wurde als besonders ausgeprägt
konstatiert - und beides bei Umfragen auch vielfach empirisch belegt.
Für die Volkskunde als Kulturwissenschaft ist das Thema EURO-Einführung
- respektive DM-Ausführung - ebenso vor diesen historischen Hintergründen
und ihrer Sedimentierung in den Lebensgeschichten zu lokalisieren. Geld ist
aber zudem so wie Sprache, Nahrung oder Kleidung, Technik und Medien ein tief
enkulturierter Bereich des alltäglichen Lebens - mit ihm verbinden sich
ebenso sehr Lebensgeschichten wie Lebensstile, bestimmte Riten (Geldgeschenke,
Trinkgeld) wie habitualisierte oder technisierte Umgangsformen (Sparen, Zahlweisen,
etc.). Geld ist dennoch bislang ein Stiefkind volkskundlicher Forschung.1
Mit dem Jahr 1999 und vor allem 2001/02 bot sich die Gelegenheit, den seltenen
Prozess eines großen »Geldwechselns« als ein alltagskulturelles
Phänomen der Gegenwart empirisch zu untersuchen und dabei den einzelnen
Menschen in seinen subjektiven Erfahrungen und individuellen Umgangsweisen
als Ausgangspunkt zu sehen. In diesem Winter waren so - mehr noch als bei
vorhergehenden ähnlichen Situationen in Deutschland2 - Beobachtungsmöglichkeiten direkt »vor Ort«
für ein Phänomen gegeben, das sonst nur aus dem Urlaub oder von
Auslandsreisen als vorübergehendes Erfahrung bekannt ist: Wie gehen einzelne
Menschen mit der Einführung des EURO um ? Wie stellen sie sich darauf
ein, bereiten sie sich vor ? Wie schwer ist es dann zur »Stunde null«
mit dem ungewohnten Geld umzugehen ? Wie schnell oder wie langsam wird der
Umgang mit dem EURO, dem neuen Bargeld erlernt ? Wie hoch oder niedrig ist
so etwas wie eine »Gewöhnungs-geschwindigkeit« ? Wie sind
die Wahrnehmungen verschiedener Altersgruppen oder Berufsgruppen ? Welche
Ähnlichkeiten und welche Unterschiede gibt es zwischen dem Umgang mit
fremden Währungen und dem mit einer noch fremden eigenen Währung
? Werden mit der EURO-Bargeld-Einführung tatsächlich die politisch
intendierten kulturellen Erfahrungen von neuen Wahrnehmungs- und Handlungsräumen
verbunden und reflektiert ? Welche Strategien des Umgangs und der Aneignung
werden sich mit dem Phänomen der EURO-Einführung und der DM-Ausführung
verbinden ? Wird de D-Mark nachgetrauert oder überwiegt die Freue am
Neuen ? All das sind Fragen, die die Teilnehmenden der Lehrveranstaltung »Countdown
EURO« stellten, theoretisch und dann praktisch im Rahmen von empirischen
Erhebungen.
»Countdown EURO« - heißt, seit April 2001 wurde mit einer
zwei-semestrigen Lehrveranstaltung ein Jahr lang die »heiße Phase«
der Einführung des EURO-Bargeldes als neuer Alltags-Währung von
Studierenden beobachtet und analysiert.3 Es wurden im Sommer historische Hintergründe der Währungsgeschichte
und die politischen und wirtschaftlichen Diskurse der EURO-Einführung
analysiert, währungsrelevante und alltägliche Institutionen (Banken
ebenso wie Kneipen) und mediale und politische Mythen wurden durchleuchtet
und nach Verschiebungen und Überschneidungen der wesentlichen Diskurse
im Vorfeld der Euro-Einführung
gefragt, nach Interessenlagen in und Einflussfaktoren auf die sozialen und
kulturellen Diskussionsforen. Und im Winter 2001/2002 wurden InterviewpartnerInnen
auf ihre informationstechnische Vorbereitung, ihren ersten alltäglichen
Umgang mit dem ungewohnten Geld, auf ihre Disposition zur Gewöhnung an
etwas Neues, auf ihre Einstellung zur und ihre Kritik an der neuen Währung
hin befragt.
Die Ergebnisse dieser empirischen Erhebungen sind Gegenstand der nachfolgend
abgedruckten Artikel. Zuvor aber noch ein paar Anmerkungen zum historischen
Kontext.
In Deutschland verlief der Einführungsprozess des EURO-Bargeldes und
der damit parallel einhergehende Ausführungsprozess des DM-Bargeldes
viel problemloser als von vielen Geschäftsleuten und den Banken befürchtet.
An den relevanten Stichtagen (17.12.2001, 2.1.2002, 28.2.2002, etc.) gab es
zwar ungewohnt lange Schlangen an den Schaltern der Geldinstitute. Sonst aber
war - wie wir bei kleinen Stichproben in qualitativen Befragungen feststellten
- bereits nach 14 Tagen fast kaum noch DM-Bargeld im Umlauf. Nur wenige Befragte
hatten so viel Bargeld gehortet, dass sie fast bis zum Endtermin Ende Februar
noch in DM zahlen konnten. Durchaus nicht selten dagegen waren - und werden
es sicher noch bleiben -gelegentliche glückliche Kleingeldfunde an unerwarteten
Orten, die den alt-neuen Geldmix im Portemonnaie doch noch einmal herstellten...
Den schnellen logistischen Umschlag der alten und neuen Bargeld-Bestände
gegeneinander zeigen auch die statistischen Informationen der Bundesbank:
Waren am 1.1.2002 noch DM-Bargeldbestände im Gegenwert von 82,9 Mrd.
EURO im Umlauf, so waren dies am 1.2.2002 nurmehr DM-Bestände im Gegenwert
von 25,7 Mrd. EURO, am 26.2.2002 nur noch 16,5 Mrd. EURO. Wenn nun dieser
sehr schnelle und stetige Rückfluss der Deutschen Mark irgendwann ins
Stocken kommt, dann liegt das nicht zuletzt daran, dass das Geld versteckt,
verschollen, verbrannt oder in Hosen- und Manteltaschen (vorerst) vergessen
ist. Und in den Taschen und Kästchen der ausländischen Deutschlandurlauber
stecken sicher noch ebenso viele DM-Restbestände wie in unseren Schubladen
vielfältigste Schein- und Münzstückelungen aus den 12 offiziellen
EURO-Teilnahme-ländern Italien, Spanien, Portugal, Griechenland und Frankreich
oder Finnland, Irland, Belgien, Niederlande, Luxemburg und Österreich
lagern. Es sei denn, sie nicht schon den karitativen Spendenaufrufen folgend
dem »guten Zweck« zugewandert. Und nicht zu vergessen ist, wenn
über die Stagnation des DM-Rückflusses geredet wird: Fast jede und
jeder hat auch ein kleines »Souvenir« behalten, einen Pfennig
oder eine Mark, manche auch 10-Mark-Scheine und mehr. Als sentimental-historische
Erinnerungsgegenstände für die Zukunft, für sich selbst oder
für die Kinder und Enkelkinder, die sonst doch niemals eine echte »harte«
Deutsche Mark sehen und fühlen könnten.
Die Einführung des EURO-Bargeldes hat trotz dieses reibungslosen Ablaufes
aus Sicht der Logistiker gleichwohl zu der ein oder anderen »Verwirrung«
im alltäglichen Zahlungsprozesse geführt, ja tut es bis heute noch.
Im Alltag des kleinen Zahlungsverkehrs etwa in Bäckereien wurden ganz
andere »Logiken« formuliert und in der Praxis gehandhabt, als
jenes flüssige Wechselritual, für das Angestellte in großen
Kaufhäusern wochenlang trainiert wurden. Diese Verwirrung bei kaufenden
wie verkaufenden Menschen jedenfalls ließ sich nicht nur in Hamburg
während des täglichen Einkaufs und für Deutschland vor allem
in den vielfältigen Presse- und Medienberichten verfolgen. Und diese
Verwirrung wird nur langsam abgelöst durch die Gewöhnung an das
neue Geld, d.h. an die über ganz EURO-Land einheitlichen Scheine bzw.
an die Vielfalt der nationalstaatliche Symbole tragenden Münzen.
Bei Zahlungsvorgängen lassen sich inzwischen zunehmend weniger, aber
doch nach wie vor Gespräche noch darüber verfolgen, wie schwer doch
das Erkennen der richtigen Münzen ist, wenn sie erst senkrecht im Portemonnaie
stecken und einfach nur sehr golden glänzen. Gold übrigens, das
laut metallistischem Geldmodell »natürliche« Geld, ist dennoch
für die deutsche Bevölkerung eine ganz ungewohnte Metallfarbe in
der Börse, eine Farbe, die den Prozess des noch nicht abgeschlossenen
Sich-Gewöhnens immer wieder plakativ-hochglänzend vor Augen hält.
Beim Bezahlen hört man jetzt öfter Gespräche über die
Ästhetik der Münzen, mal sind es die italienischen, mal die französischen,
die am schönsten sein sollen - hier hängt viel von den subjektiven
Vorlieben für bestimmte Landstriche in EURO-Land ab. Langsam wird es
zwar leichter, die Münzen auch in der Senkrechten zu unterscheiden (Rillen,
Riffeln und Grate zu »erkennen«), aber beim Ritual Trinkgeld herrscht
nach wie vor eine allgemeine Unsicherheit. Denn das an der DM habitualisierte
Aufrunden kann schnell teuer werden, also wird gerundet, wird gerechnet und
der gerundete Betrag mal zwei genommen, dann kontrolliert, und eventuell geht's
nun von vorne los - kurzum: ein nicht nur anstrengender, sondern stets wieder
irritierender Vorgang, der die noch geringe Sicherheit im
Umgang mit dem EURO signalisiert. Und auch für andere Bereiche gilt,
gerechnet wird allemal noch. Die Mehrheit der Deutschen, das zeigen statistische
Umfragen wie auch unsere qualitativen Erhebungen, rechnet immer noch die EURO-Preis
in DM-Beträge um nach der trügerischen Faustformel 1:2.
Die Gewöhnung, die unreflektierte Sicherheit im alltäglichen Umgang
mit dem Bargeld, die Aneignung der neuen Preisgefüge und die Verinnerlichung
von »Preisbildern«, d.h. Wertvorstellungen, die wir von bestimmten
Waren »ganz einfach« haben, - all das lässt noch weit gehend
auf sich warten.
Und das ist so, obwohl der EURO ja wirklich nicht erst seit Anfang diesen
Jahres Zeit hatte, sich in das Bewusstsein der einzelnen Menschen hineinzuarbeiten.
Ein langsam wachsendes - stets jedoch besorgtes - Bewusstsein ließ sich
tatsächlich etwa seit 1995 in Telefonaktionen des Bundesverbandes deutscher
Banken registrieren.4 Noch im Jahr 2000 waren allerdings trotzdem nach wie vor etwa
zwei Drittel der Bundesbürger der Ansicht, der EURO werde regulär
tatsächlich erst mit Beginn des Jahres 2002 eingeführt. Das Bewusstsein
um die Ablösung der DM als Buchgeld bereits 1999 war also kaum vorhanden,
und von einer positiven Einstellung zur EURO-Einführung war bei 58% der
Befragten damals auch nicht die Rede.5
Diese Haltung - zwischen Desinteresse und selbstschützender Ignoranz,
traditions- und emotionsgefütterter Ablehnung - gegen ein reales Phänomen
lässt sich auch daran ablesen, dass von der Möglichkeit, den bargeldlosen
Zahlungsverkehr bereits komplett auf EURO umzustellen bis zum August 2000
noch nicht einmal 1% der Bankkonten gefolgt waren6
- und auch hier kaum Änderungen dieses passiven Habitus bis zum Stichtag,
denn nun wurde ja automatisch »umgestellt«.
Sporadisch seit dem Maastrichter Vertrag (7.2.1992) und intensiv seit 1998
und mit der Einführung des EURO als Giralgeld am 1.1.1999 habe ich kontinuierlich
die politischen und öffentlichen Diskurse um die Währungsunion und
die neue Währung verfolgt, habe Bedeutungen und Zuschreibungen, Visionen
und Phobien beobachtet und die Wellen der Informationsüberschwemmung
oder ihr Abebben in den Medien, zudem noch das Auf und Ab der Werbematerialien
registriert. So lassen sich nicht erst seit 1998 politische Ambitionen im
Diskurs verfolgen, etwa das gern verwendete und auch in das Alltagsbewusstsein
der deutschen Bevölkerung eingedrungene Muster, das EURO und US-DOLLAR
als freundlich bis feindlich, aber immer konkurrierende Währungen stilisiert.
Auch der politische Diskurs der europäischen Integration und der Bildung
einer europäischen Identität hat seine Wirkungsmacht entfaltet auf
die individuellen Meinungen und Vorstellungen, wie die in den Artikeln noch
folgenden Interviewauswertungen zeigen.
Es lassen sich weiterhin die divergierenden volkswirtschaftlichen Meinungsdarstellungen
um Sinn und Unsinn großer Währungsräumen und um die supra-nationalökonomisch
bedingten Schwankungen der Wechselkursverhältnisse beobachten. Letztere
beleuchten in ihrer Mechanik der Argumentationen gern sämtliche Aspekte,
warum doch die in den täglichen Nachrichtensendungen der mediennutzenden
Bevölkerung systematisch oktroyierten und damit fast einzig allgemein
rezipierten Informationen über Wechselkursverschiebungen gleichzeitig
gar nicht so relevant sein sollen wie die innerwirtschaftsräumlichen
Stabilitäten. Wie am Infusionsschlauch hängt aber »Otto Normalverbraucher«
am Dax-Ticker der diversen Fernsehsender und ist außer Stande, sich
der bildlichen Suggestivkraft des lange kontinuierlich sinkenden Wechselkursverhältnisses
reflexiv zu entziehen. Das Resultat ist ebenso lange und darüber hinaus,
dass sich das »Vertrauen« in die neuen Währung so recht nicht
einstellen wollte - Vertrauen ist jedoch nach der historisch-organischen ebenso
wie nach der subjektiv-systemischen Tradition der klassischen Geldtheorien
ein zentraler Faktor neben Staat und Rechtsordnung und objektiven ökonomischen
Prozessen.7 Auch im Juni 1948 waren in diesem
Sinne, wie die Allensbacher Demoskopen damals feststellten, angesichts der
Währungsreform nur 12% der Bevölkerung von der künftigen Stabilität
der neuen Währung »Deutsche Mark« überzeugt.8
Ein Wert, der sich dann von der Einführung der D-Mark in Westdeutschland
am 20.6.1948 bis zur Jahrtausendwende deutlich ändern sollte, denn die
D-Mark war nicht nur in Europa, sondern auch international die stabilste Währung
der Nachkriegszeit. Welche Chance im Meinungsbild hat da bislang der EURO,
dessen Wert in Relation zum Dollar vom 4.1.1999 von 1,1827 kontinuierliche
verfiel und auch nach dem »historischen« Tiefstand um 0,84 doch
heute erst wieder bei 0,89-0,90 pendelt, ohne sich doch so recht zur »Konkurrenzwährung«
erholen zu können.
Es lassen sich neben diesen Informationsmedien - wie ein symbolischer Wechselkurs
- die systolischen Schwankungen der Intensität der Informationsaufbereitung
und Informationsverbreitung beobachten, mit denen Bundesregierung, Europäische
Union, Europäische Zentralbank und die vielen, vielen Banken und Sparkassen
für eine Sensibilisierung und ganz besonders für eine positive Einstellung
gegenüber der neuen Währung EURO sorgen wollten. Einer Schwemme
von Materialien zum Jahresbeginn 1999 folgte eine lange Flaute bis weit ins
zweite Quartal des Jahres 2001. Allenfalls die KMU wurden als betriebswirtschaftlich
Sorgen erregende Nachzügler der EURO-Umstellung ihres Rechnungswesens
als Zielgruppe noch direkt angegangen.
Systematische empirische Erhebungen zur »Informationsdichte« an
öffentlich der Bevölkerung zugänglichen Orten zeigten: Erst
im Mai 2001, nicht einmal ein drei viertel Jahr vor dem Stichtag begann sukzessive
sich steigernd für die Institutionen der »Countdown EURO«
- ein Begriff, der fortan nicht nur die Lehrveranstaltung zierte, sondern
im Spätsommer und Herbst auch zunehmend von den Medien aufgegriffen wurde.
Neues Informationsmaterial wurde produziert, altes neu aufgelegt. Mitte des
Jahres begannen die Vorzeichen der offiziellen Werbekampagnen der EZB sich
(noch nur in der Fachpresse der Werbewirtschaft) zu zeigen, die sich bis Jahresende
zunehmend steigerten, beginnend v.a. mit der »Euro-Zelt-Tour«.
Erst Ende November 2001 sprang auch die Presse so richtig auf den Zug auf,
und hier wurden die dem Interessierten längst bekannten Informationsmaterialien
nun vielfach erneut quasi durch den Fleischwolf gedreht. Neue Erkenntnisse
brachten hier allenfalls noch die immer neuen Umfragen, die mit zunehmender
Näherung der Stichtages auch eine langsam wachsende »Akzeptanz«
des EURO bei der deutschen Bevölkerung zeigten.
Bei der Textanalyse der privatwirtschaftlichen und offiziellen Werbematerialien
lässt sich die Konstruktion eines »Mythos EURO« herausarbeiten,
dessen Koordinatennetz sich in Begriffen kristallisiert wie Gemeinschaft,
Union und Einheit oder Integration, Europäische Identität und Internationalität
auf der einen Seite. Auf der anderen stehen Begriffe wie Sicherheit, Wachstum,
Stabilität und Weltmarktstellung oder wie Vertrauen, Wohlstand und »Echte
Werte«. Schließlich gehen Aufbruch, Modernität, Flexibilität
und Fortschritt fast fließend über in die philosophischen Begriffe
von Frieden und Freiheit. Ein internationaler Vergleich der entsprechenden
Materialien der anderen EURO-Länder würde zeigen, wie stark dieses
Mythos-Konstrukt von der deutschen Erfahrungsgeschichte mitgeprägt wurde
respektive wie übernational verbreitbar diese Mythos-Element sind. Dieser
Vergleich wurde bislang nicht durchgeführt. Eines allerdings war aufgrund
von Recherchen in EURO-Land feststellbar - eine solche potenziell nutzbare
Materialfülle wie sie den Deutschen angeboten wurde, war in den anderen
Ländern bei weitem nicht zu eruieren. Mit stillem Vergnügen wurde
dann auch aus deutscher Sicht das »Chaos« um den Bargeld-Tausch
etwa in Italien via Medien mitvollzogen, derweil man von den Franzosen ja
eine rationale und strukturierte Planung geradewegs erwartet hatte.
Eine wichtige Aufgabe, dies soll zum Abschluss gesagt werden, für die
nähere und mittelfristige Zukunft sind aber weniger diese Beobachtungen
vor der Folie tradierter Nationalstereotype. Vielmehr gilt es lokal zu verfolgen,
wie der praxisbezogene Gewöhnungsprozess fortschreitet und aus bewusstem
sukzessive wieder unbewusster, habitualisierter Geldumgang wird. Zudem gilt
zu beobachten, wie sich die Alltagspraxen des Geldumgangs im übernationalen
Währungsraum entwickeln, ob die »Privatökonomien« der
Individuen tatsächlich auf die neue Vergleichbarkeit der Preise aktiv
mit einem europäischen Einkaufsverhalten reagiert oder ob und wie sich
das touristische Erleben auf Basis der einheitlichen Währung in EURO-Land
wandelt. Zeitlich ferneren Beobachtungen muss vermutlich überlassen bleiben,
ob der soziokulturellen Integration und der europäischen Identitätsstiftung
via Währung reales Gewicht zuwächst. Die Dispositionen hierzu werden
sicherlich von Mensch zu Mensch anders sein, wie auch der unten folgende Artikel
von Julia Grösch divergierende Einstellungen zeigt zum Verhältnis
zwischen Geld und Nationalsymbol Währung.
Der erste der nachfolgenden Artikel, die allesamt Feldforschungsergebnisse
aus der Übergangszeit der Bargelder präsentieren, bezieht sich auf
den Kontext der Werbeinformation unterschiedlichster Institutionen: Esther
Hell und Heike Ramuschkat setzen sich darin mit einer Werbekampagne und ihrer
Rezeption in verschiedenen Altersgruppen auseinander. Die Frage nach der Gewöhnung
stand im Mittelpunkt der beiden anderen Feldforschungen. In beiden Texten
wird nach diskursiven und pragmatischen Formen der Vorbereitung auf die EURO-Einführung
gefragt. Während Julia Grösch einen Vergleich anstrebt, ob längere
und/oder mehrfache kurze Auslandsaufenthalte zu einer schnelleren Gewöhnung
an die neue Währung EURO führen, gelangen Linda Holzgreve und Johannes
Müske zu Vergleichungen der Wahrnehmungen und der individuellen Aneignungsprozesse
zwischen den Orten Hamburg und Potsdam - sowohl auf Interviewbasis wie aufgrund
von Zeitungsanalysen.
1
Geld hat allerdings im Zuge der EURO-Einführung inzwischen doch einen
gewissen Platz, in der Beobachtung zumindest, gewonnen. Das zeigen Sonderhefte
zum Thema und auch Lehrveranstaltungen wie jetzt im Sommer 2002 in Wien, die
sich jetzt ex-post, dem Thema zuwenden.
2 Erst am 1.7.1990 war
dieser Prozess der Einführung der D-Mark ja im Rahmen der deutschen Vereinigung
zu beobachten, kurz später und auf eine anderen Ebene zudem nochmals
bei der Einführung der damals »neuen« Banknoten. Und - wer
sich erinnert - erst 1975 waren die 5-DM-Silbermünzen als letzte Edelmetall-Münzen
gegen »neue« 5-DM-Stücke getauscht worden.
3 Vorausgegangen war bereits
im Sommersemester 1999 eine Lehrveranstaltung unter dem Titel »Die Farben
des Geldes. Materialität und Be-Deutung von Währungen« unter
meiner Leitung, die sich ausführlich mit Geldtheorien, Geldphilosophien
etc. auseinander gesetzt hat. Vgl. auch die als Web-Präsentationen konzipierten
Ergebnisse der studentischen Arbeiten unter www.rrz.uni-hamburg.de/GELD.
4 Thomas Schlüter
/ Bernd Sprenger: 20 Jahre Telefonaktionen
des Bundesverbandes deutscher Banken. In: Die Bank, Zeitschrift für Bankpolitik
und Bankpraxis, Nr. 6/1999, S.426-428; Bernd Sprenger: Das Geld der
Deutschen. Geldgeschichte Deutschlands.Paderborn u.a. 20023,
S. 260ff.
5 Vgl. Die Bank,
Zeitschrift für Bankpolitik und Bankpraxis, Nr.10/2000, S.662.
6 whz: Der Euro kommt. In: Die Zeit, 3.8.2000, S.18.
7 Klassiker dieser historisch-organischen
Theorie sind K. Helfferich: Das Geld. Leipzig 1903, 192310,
und G. F.: Knapp: Staatliche Theorie des Geldes. München 1905,
19234. Die subjektiv-systemische Theorie, fundiert in einer naturwissenschaftlichen
Epistemologie, zieht psychologische Modelle subjektiver Bewertung neben objektiven
wirtschaftlichen Entwicklungen heran. Bekannter Autor dieser Richtung ist
Schumpeter mit »Das Wesen des Geldes« (1971). Vgl. Michael
Hutter: Wie setzen sich Theorien durch ? Zur Entwicklung deutschsprachiger
Geldtheorien in der Zwischenkriegszeit. In: Christoph Buchheim / Michael Hutter
/ Harold James (Hg.): Zerrissene Zwischenkriegszeit. Baden-Baden 1994, S.123-155.
8 Renate Köcher: Eine neue Währung bekommt eine Vorschußlorbeeren.
In: FAZ, 2.6.1998, S. B5.