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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



Seminarbericht: 1,95583 - Countdown Euro


Nicht nur die nahe liegend-bekannten 12 Staaten, sondern insgesamt 24 Staaten und teils ferne Gebiete haben den EURO mit dem 1.1.2002 als gesetzliches Zahlungsmittel oder als offizielles Zahlungsmittel neben anderen (Parallelwährung) eingeführt. Mayotte und Saint-Pierre-et-Miquelon, Guadeloupe und Réunion, Martinique und Französisch-Guayana zählen ebenso zur EURO-Zone wie Vatikanstaat, San Marino und Monaco, wie Andorra, Montenegro und Kosovo.
Die Wirtschaftswissenschaften, ob Betriebs- oder Volkswirtschaft, die Politikwissenschaften und die Geschichtswissenschaften haben sich innerhalb des Reigens der Disziplinen ebenso mit der EURO-Einführung befasst wie etwa die Psychologie. Aus fachspezifischen Perspektiven wurden hierbei die positiven oder negativen Einstellungen der europäischen Bevölkerungen zu der von oben verordneten EURO-Einführung mal stärker und mal nur als Nebensache in die Argumentation einbezogen. Je nach Ansatz rückte aus diesem Blickwinkel bei der deutschen Bevölkerung meist nur der »statistische-Mittel-Bürger«, der Mensch »als solcher« oder oftmals nur der »historische« Münzherr (frühere Herrschende oder jetzt die EZB und die nationalen Notenbanken) in den Blick.
Das allgemeine und durchschnittliche (Nicht-)Hoffen auf und das (Nicht-)Vertrauen in die neue Währung wurde hierbei vor allem in Deutschland gerne vor dem Hintergrund des symbolischen Identitätsstifters »Deutsche Mark« für das Selbst- und Nationalbewusstsein Nachkriegsdeutschlands interpretiert: Der Abschied von der stabilen, erfolgreichen, guten, alten D-Mark wurde vor der Erfahrungsgeschichte der Inflationen und Währungsreform als besonders krisenhaft, und die Abneigung gegen die europäische Währung mit ihrer Integration von schwachen Währungen wurde als besonders ausgeprägt konstatiert - und beides bei Umfragen auch vielfach empirisch belegt.
Für die Volkskunde als Kulturwissenschaft ist das Thema EURO-Einführung - respektive DM-Ausführung - ebenso vor diesen historischen Hintergründen und ihrer Sedimentierung in den Lebensgeschichten zu lokalisieren. Geld ist aber zudem so wie Sprache, Nahrung oder Kleidung, Technik und Medien ein tief enkulturierter Bereich des alltäglichen Lebens - mit ihm verbinden sich ebenso sehr Lebensgeschichten wie Lebensstile, bestimmte Riten (Geldgeschenke, Trinkgeld) wie habitualisierte oder technisierte Umgangsformen (Sparen, Zahlweisen, etc.). Geld ist dennoch bislang ein Stiefkind volkskundlicher Forschung.
1 Mit dem Jahr 1999 und vor allem 2001/02 bot sich die Gelegenheit, den seltenen Prozess eines großen »Geldwechselns« als ein alltagskulturelles Phänomen der Gegenwart empirisch zu untersuchen und dabei den einzelnen Menschen in seinen subjektiven Erfahrungen und individuellen Umgangsweisen als Ausgangspunkt zu sehen. In diesem Winter waren so - mehr noch als bei vorhergehenden ähnlichen Situationen in Deutschland2 - Beobachtungsmöglichkeiten direkt »vor Ort« für ein Phänomen gegeben, das sonst nur aus dem Urlaub oder von Auslandsreisen als vorübergehendes Erfahrung bekannt ist: Wie gehen einzelne Menschen mit der Einführung des EURO um ? Wie stellen sie sich darauf ein, bereiten sie sich vor ? Wie schwer ist es dann zur »Stunde null« mit dem ungewohnten Geld umzugehen ? Wie schnell oder wie langsam wird der Umgang mit dem EURO, dem neuen Bargeld erlernt ? Wie hoch oder niedrig ist so etwas wie eine »Gewöhnungs-geschwindigkeit« ? Wie sind die Wahrnehmungen verschiedener Altersgruppen oder Berufsgruppen ? Welche Ähnlichkeiten und welche Unterschiede gibt es zwischen dem Umgang mit fremden Währungen und dem mit einer noch fremden eigenen Währung ? Werden mit der EURO-Bargeld-Einführung tatsächlich die politisch intendierten kulturellen Erfahrungen von neuen Wahrnehmungs- und Handlungsräumen verbunden und reflektiert ? Welche Strategien des Umgangs und der Aneignung werden sich mit dem Phänomen der EURO-Einführung und der DM-Ausführung verbinden ? Wird de D-Mark nachgetrauert oder überwiegt die Freue am Neuen ? All das sind Fragen, die die Teilnehmenden der Lehrveranstaltung »Countdown EURO« stellten, theoretisch und dann praktisch im Rahmen von empirischen Erhebungen.

»Countdown EURO« - heißt, seit April 2001 wurde mit einer zwei-semestrigen Lehrveranstaltung ein Jahr lang die »heiße Phase« der Einführung des EURO-Bargeldes als neuer Alltags-Währung von Studierenden beobachtet und analysiert.
3 Es wurden im Sommer historische Hintergründe der Währungsgeschichte und die politischen und wirtschaftlichen Diskurse der EURO-Einführung analysiert, währungsrelevante und alltägliche Institutionen (Banken ebenso wie Kneipen) und mediale und politische Mythen wurden durchleuchtet und nach Verschiebungen und Überschneidungen der wesentlichen Diskurse im Vorfeld der Euro-Einführung
gefragt, nach Interessenlagen in und Einflussfaktoren auf die sozialen und kulturellen Diskussionsforen. Und im Winter 2001/2002 wurden InterviewpartnerInnen auf ihre informationstechnische Vorbereitung, ihren ersten alltäglichen Umgang mit dem ungewohnten Geld, auf ihre Disposition zur Gewöhnung an etwas Neues, auf ihre Einstellung zur und ihre Kritik an der neuen Währung hin befragt.
Die Ergebnisse dieser empirischen Erhebungen sind Gegenstand der nachfolgend abgedruckten Artikel. Zuvor aber noch ein paar Anmerkungen zum historischen Kontext.

In Deutschland verlief der Einführungsprozess des EURO-Bargeldes und der damit parallel einhergehende Ausführungsprozess des DM-Bargeldes viel problemloser als von vielen Geschäftsleuten und den Banken befürchtet. An den relevanten Stichtagen (17.12.2001, 2.1.2002, 28.2.2002, etc.) gab es zwar ungewohnt lange Schlangen an den Schaltern der Geldinstitute. Sonst aber war - wie wir bei kleinen Stichproben in qualitativen Befragungen feststellten - bereits nach 14 Tagen fast kaum noch DM-Bargeld im Umlauf. Nur wenige Befragte hatten so viel Bargeld gehortet, dass sie fast bis zum Endtermin Ende Februar noch in DM zahlen konnten. Durchaus nicht selten dagegen waren - und werden es sicher noch bleiben -gelegentliche glückliche Kleingeldfunde an unerwarteten Orten, die den alt-neuen Geldmix im Portemonnaie doch noch einmal herstellten...
Den schnellen logistischen Umschlag der alten und neuen Bargeld-Bestände gegeneinander zeigen auch die statistischen Informationen der Bundesbank: Waren am 1.1.2002 noch DM-Bargeldbestände im Gegenwert von 82,9 Mrd. EURO im Umlauf, so waren dies am 1.2.2002 nurmehr DM-Bestände im Gegenwert von 25,7 Mrd. EURO, am 26.2.2002 nur noch 16,5 Mrd. EURO. Wenn nun dieser sehr schnelle und stetige Rückfluss der Deutschen Mark irgendwann ins Stocken kommt, dann liegt das nicht zuletzt daran, dass das Geld versteckt, verschollen, verbrannt oder in Hosen- und Manteltaschen (vorerst) vergessen ist. Und in den Taschen und Kästchen der ausländischen Deutschlandurlauber stecken sicher noch ebenso viele DM-Restbestände wie in unseren Schubladen vielfältigste Schein- und Münzstückelungen aus den 12 offiziellen EURO-Teilnahme-ländern Italien, Spanien, Portugal, Griechenland und Frankreich oder Finnland, Irland, Belgien, Niederlande, Luxemburg und Österreich lagern. Es sei denn, sie nicht schon den karitativen Spendenaufrufen folgend dem »guten Zweck« zugewandert. Und nicht zu vergessen ist, wenn über die Stagnation des DM-Rückflusses geredet wird: Fast jede und jeder hat auch ein kleines »Souvenir« behalten, einen Pfennig oder eine Mark, manche auch 10-Mark-Scheine und mehr. Als sentimental-historische Erinnerungsgegenstände für die Zukunft, für sich selbst oder für die Kinder und Enkelkinder, die sonst doch niemals eine echte »harte« Deutsche Mark sehen und fühlen könnten.
Die Einführung des EURO-Bargeldes hat trotz dieses reibungslosen Ablaufes aus Sicht der Logistiker gleichwohl zu der ein oder anderen »Verwirrung« im alltäglichen Zahlungsprozesse geführt, ja tut es bis heute noch. Im Alltag des kleinen Zahlungsverkehrs etwa in Bäckereien wurden ganz andere »Logiken« formuliert und in der Praxis gehandhabt, als jenes flüssige Wechselritual, für das Angestellte in großen Kaufhäusern wochenlang trainiert wurden. Diese Verwirrung bei kaufenden wie verkaufenden Menschen jedenfalls ließ sich nicht nur in Hamburg während des täglichen Einkaufs und für Deutschland vor allem in den vielfältigen Presse- und Medienberichten verfolgen. Und diese Verwirrung wird nur langsam abgelöst durch die Gewöhnung an das neue Geld, d.h. an die über ganz EURO-Land einheitlichen Scheine bzw. an die Vielfalt der nationalstaatliche Symbole tragenden Münzen.
Bei Zahlungsvorgängen lassen sich inzwischen zunehmend weniger, aber doch nach wie vor Gespräche noch darüber verfolgen, wie schwer doch das Erkennen der richtigen Münzen ist, wenn sie erst senkrecht im Portemonnaie stecken und einfach nur sehr golden glänzen. Gold übrigens, das laut metallistischem Geldmodell »natürliche« Geld, ist dennoch für die deutsche Bevölkerung eine ganz ungewohnte Metallfarbe in der Börse, eine Farbe, die den Prozess des noch nicht abgeschlossenen Sich-Gewöhnens immer wieder plakativ-hochglänzend vor Augen hält.
Beim Bezahlen hört man jetzt öfter Gespräche über die Ästhetik der Münzen, mal sind es die italienischen, mal die französischen, die am schönsten sein sollen - hier hängt viel von den subjektiven Vorlieben für bestimmte Landstriche in EURO-Land ab. Langsam wird es zwar leichter, die Münzen auch in der Senkrechten zu unterscheiden (Rillen, Riffeln und Grate zu »erkennen«), aber beim Ritual Trinkgeld herrscht nach wie vor eine allgemeine Unsicherheit. Denn das an der DM habitualisierte Aufrunden kann schnell teuer werden, also wird gerundet, wird gerechnet und der gerundete Betrag mal zwei genommen, dann kontrolliert, und eventuell geht's nun von vorne los - kurzum: ein nicht nur anstrengender, sondern stets wieder irritierender Vorgang, der die noch geringe Sicherheit im
Umgang mit dem EURO signalisiert. Und auch für andere Bereiche gilt, gerechnet wird allemal noch. Die Mehrheit der Deutschen, das zeigen statistische Umfragen wie auch unsere qualitativen Erhebungen, rechnet immer noch die EURO-Preis in DM-Beträge um nach der trügerischen Faustformel 1:2.
Die Gewöhnung, die unreflektierte Sicherheit im alltäglichen Umgang mit dem Bargeld, die Aneignung der neuen Preisgefüge und die Verinnerlichung von »Preisbildern«, d.h. Wertvorstellungen, die wir von bestimmten Waren »ganz einfach« haben, - all das lässt noch weit gehend auf sich warten.
Und das ist so, obwohl der EURO ja wirklich nicht erst seit Anfang diesen Jahres Zeit hatte, sich in das Bewusstsein der einzelnen Menschen hineinzuarbeiten. Ein langsam wachsendes - stets jedoch besorgtes - Bewusstsein ließ sich tatsächlich etwa seit 1995 in Telefonaktionen des Bundesverbandes deutscher Banken registrieren.
4 Noch im Jahr 2000 waren allerdings trotzdem nach wie vor etwa zwei Drittel der Bundesbürger der Ansicht, der EURO werde regulär tatsächlich erst mit Beginn des Jahres 2002 eingeführt. Das Bewusstsein um die Ablösung der DM als Buchgeld bereits 1999 war also kaum vorhanden, und von einer positiven Einstellung zur EURO-Einführung war bei 58% der Befragten damals auch nicht die Rede.5 Diese Haltung - zwischen Desinteresse und selbstschützender Ignoranz, traditions- und emotionsgefütterter Ablehnung - gegen ein reales Phänomen lässt sich auch daran ablesen, dass von der Möglichkeit, den bargeldlosen Zahlungsverkehr bereits komplett auf EURO umzustellen bis zum August 2000 noch nicht einmal 1% der Bankkonten gefolgt waren6 - und auch hier kaum Änderungen dieses passiven Habitus bis zum Stichtag, denn nun wurde ja automatisch »umgestellt«.

Sporadisch seit dem Maastrichter Vertrag (7.2.1992) und intensiv seit 1998 und mit der Einführung des EURO als Giralgeld am 1.1.1999 habe ich kontinuierlich die politischen und öffentlichen Diskurse um die Währungsunion und die neue Währung verfolgt, habe Bedeutungen und Zuschreibungen, Visionen und Phobien beobachtet und die Wellen der Informationsüberschwemmung oder ihr Abebben in den Medien, zudem noch das Auf und Ab der Werbematerialien registriert. So lassen sich nicht erst seit 1998 politische Ambitionen im Diskurs verfolgen, etwa das gern verwendete und auch in das Alltagsbewusstsein der deutschen Bevölkerung eingedrungene Muster, das EURO und US-DOLLAR als freundlich bis feindlich, aber immer konkurrierende Währungen stilisiert. Auch der politische Diskurs der europäischen Integration und der Bildung einer europäischen Identität hat seine Wirkungsmacht entfaltet auf die individuellen Meinungen und Vorstellungen, wie die in den Artikeln noch folgenden Interviewauswertungen zeigen.
Es lassen sich weiterhin die divergierenden volkswirtschaftlichen Meinungsdarstellungen um Sinn und Unsinn großer Währungsräumen und um die supra-nationalökonomisch bedingten Schwankungen der Wechselkursverhältnisse beobachten. Letztere beleuchten in ihrer Mechanik der Argumentationen gern sämtliche Aspekte, warum doch die in den täglichen Nachrichtensendungen der mediennutzenden Bevölkerung systematisch oktroyierten und damit fast einzig allgemein rezipierten Informationen über Wechselkursverschiebungen gleichzeitig gar nicht so relevant sein sollen wie die innerwirtschaftsräumlichen Stabilitäten. Wie am Infusionsschlauch hängt aber »Otto Normalverbraucher« am Dax-Ticker der diversen Fernsehsender und ist außer Stande, sich der bildlichen Suggestivkraft des lange kontinuierlich sinkenden Wechselkursverhältnisses reflexiv zu entziehen. Das Resultat ist ebenso lange und darüber hinaus, dass sich das »Vertrauen« in die neuen Währung so recht nicht einstellen wollte - Vertrauen ist jedoch nach der historisch-organischen ebenso wie nach der subjektiv-systemischen Tradition der klassischen Geldtheorien ein zentraler Faktor neben Staat und Rechtsordnung und objektiven ökonomischen Prozessen.
7 Auch im Juni 1948 waren in diesem Sinne, wie die Allensbacher Demoskopen damals feststellten, angesichts der Währungsreform nur 12% der Bevölkerung von der künftigen Stabilität der neuen Währung »Deutsche Mark« überzeugt.8 Ein Wert, der sich dann von der Einführung der D-Mark in Westdeutschland am 20.6.1948 bis zur Jahrtausendwende deutlich ändern sollte, denn die D-Mark war nicht nur in Europa, sondern auch international die stabilste Währung der Nachkriegszeit. Welche Chance im Meinungsbild hat da bislang der EURO, dessen Wert in Relation zum Dollar vom 4.1.1999 von 1,1827 kontinuierliche verfiel und auch nach dem »historischen« Tiefstand um 0,84 doch heute erst wieder bei 0,89-0,90 pendelt, ohne sich doch so recht zur »Konkurrenzwährung« erholen zu können.

Es lassen sich neben diesen Informationsmedien - wie ein symbolischer Wechselkurs - die systolischen Schwankungen der Intensität der Informationsaufbereitung und Informationsverbreitung beobachten, mit denen Bundesregierung, Europäische Union, Europäische Zentralbank und die vielen, vielen Banken und Sparkassen für eine Sensibilisierung und ganz besonders für eine positive Einstellung gegenüber der neuen Währung EURO sorgen wollten. Einer Schwemme von Materialien zum Jahresbeginn 1999 folgte eine lange Flaute bis weit ins zweite Quartal des Jahres 2001. Allenfalls die KMU wurden als betriebswirtschaftlich Sorgen erregende Nachzügler der EURO-Umstellung ihres Rechnungswesens als Zielgruppe noch direkt angegangen.
Systematische empirische Erhebungen zur »Informationsdichte« an öffentlich der Bevölkerung zugänglichen Orten zeigten: Erst im Mai 2001, nicht einmal ein drei viertel Jahr vor dem Stichtag begann sukzessive sich steigernd für die Institutionen der »Countdown EURO« - ein Begriff, der fortan nicht nur die Lehrveranstaltung zierte, sondern im Spätsommer und Herbst auch zunehmend von den Medien aufgegriffen wurde. Neues Informationsmaterial wurde produziert, altes neu aufgelegt. Mitte des Jahres begannen die Vorzeichen der offiziellen Werbekampagnen der EZB sich (noch nur in der Fachpresse der Werbewirtschaft) zu zeigen, die sich bis Jahresende zunehmend steigerten, beginnend v.a. mit der »Euro-Zelt-Tour«. Erst Ende November 2001 sprang auch die Presse so richtig auf den Zug auf, und hier wurden die dem Interessierten längst bekannten Informationsmaterialien nun vielfach erneut quasi durch den Fleischwolf gedreht. Neue Erkenntnisse brachten hier allenfalls noch die immer neuen Umfragen, die mit zunehmender Näherung der Stichtages auch eine langsam wachsende »Akzeptanz« des EURO bei der deutschen Bevölkerung zeigten.

Bei der Textanalyse der privatwirtschaftlichen und offiziellen Werbematerialien lässt sich die Konstruktion eines »Mythos EURO« herausarbeiten, dessen Koordinatennetz sich in Begriffen kristallisiert wie Gemeinschaft, Union und Einheit oder Integration, Europäische Identität und Internationalität auf der einen Seite. Auf der anderen stehen Begriffe wie Sicherheit, Wachstum, Stabilität und Weltmarktstellung oder wie Vertrauen, Wohlstand und »Echte Werte«. Schließlich gehen Aufbruch, Modernität, Flexibilität und Fortschritt fast fließend über in die philosophischen Begriffe von Frieden und Freiheit. Ein internationaler Vergleich der entsprechenden Materialien der anderen EURO-Länder würde zeigen, wie stark dieses Mythos-Konstrukt von der deutschen Erfahrungsgeschichte mitgeprägt wurde respektive wie übernational verbreitbar diese Mythos-Element sind. Dieser Vergleich wurde bislang nicht durchgeführt. Eines allerdings war aufgrund von Recherchen in EURO-Land feststellbar - eine solche potenziell nutzbare Materialfülle wie sie den Deutschen angeboten wurde, war in den anderen Ländern bei weitem nicht zu eruieren. Mit stillem Vergnügen wurde dann auch aus deutscher Sicht das »Chaos« um den Bargeld-Tausch etwa in Italien via Medien mitvollzogen, derweil man von den Franzosen ja eine rationale und strukturierte Planung geradewegs erwartet hatte.
Eine wichtige Aufgabe, dies soll zum Abschluss gesagt werden, für die nähere und mittelfristige Zukunft sind aber weniger diese Beobachtungen vor der Folie tradierter Nationalstereotype. Vielmehr gilt es lokal zu verfolgen, wie der praxisbezogene Gewöhnungsprozess fortschreitet und aus bewusstem sukzessive wieder unbewusster, habitualisierter Geldumgang wird. Zudem gilt zu beobachten, wie sich die Alltagspraxen des Geldumgangs im übernationalen Währungsraum entwickeln, ob die »Privatökonomien« der Individuen tatsächlich auf die neue Vergleichbarkeit der Preise aktiv mit einem europäischen Einkaufsverhalten reagiert oder ob und wie sich das touristische Erleben auf Basis der einheitlichen Währung in EURO-Land wandelt. Zeitlich ferneren Beobachtungen muss vermutlich überlassen bleiben, ob der soziokulturellen Integration und der europäischen Identitätsstiftung via Währung reales Gewicht zuwächst. Die Dispositionen hierzu werden sicherlich von Mensch zu Mensch anders sein, wie auch der unten folgende Artikel von Julia Grösch divergierende Einstellungen zeigt zum Verhältnis zwischen Geld und Nationalsymbol Währung.

Der erste der nachfolgenden Artikel, die allesamt Feldforschungsergebnisse aus der Übergangszeit der Bargelder präsentieren, bezieht sich auf den Kontext der Werbeinformation unterschiedlichster Institutionen: Esther Hell und Heike Ramuschkat setzen sich darin mit einer Werbekampagne und ihrer Rezeption in verschiedenen Altersgruppen auseinander. Die Frage nach der Gewöhnung stand im Mittelpunkt der beiden anderen Feldforschungen. In beiden Texten wird nach diskursiven und pragmatischen Formen der Vorbereitung auf die EURO-Einführung gefragt. Während Julia Grösch einen Vergleich anstrebt, ob längere und/oder mehrfache kurze Auslandsaufenthalte zu einer schnelleren Gewöhnung an die neue Währung EURO führen, gelangen Linda Holzgreve und Johannes Müske zu Vergleichungen der Wahrnehmungen und der individuellen Aneignungsprozesse zwischen den Orten Hamburg und Potsdam - sowohl auf Interviewbasis wie aufgrund von Zeitungsanalysen.


1 Geld hat allerdings im Zuge der EURO-Einführung inzwischen doch einen gewissen Platz, in der Beobachtung zumindest, gewonnen. Das zeigen Sonderhefte zum Thema und auch Lehrveranstaltungen wie jetzt im Sommer 2002 in Wien, die sich jetzt ex-post, dem Thema zuwenden.
2 Erst am 1.7.1990 war dieser Prozess der Einführung der D-Mark ja im Rahmen der deutschen Vereinigung zu beobachten, kurz später und auf eine anderen Ebene zudem nochmals bei der Einführung der damals »neuen« Banknoten. Und - wer sich erinnert - erst 1975 waren die 5-DM-Silbermünzen als letzte Edelmetall-Münzen gegen »neue« 5-DM-Stücke getauscht worden.
3 Vorausgegangen war bereits im Sommersemester 1999 eine Lehrveranstaltung unter dem Titel »Die Farben des Geldes. Materialität und Be-Deutung von Währungen« unter meiner Leitung, die sich ausführlich mit Geldtheorien, Geldphilosophien etc. auseinander gesetzt hat. Vgl. auch die als Web-Präsentationen konzipierten Ergebnisse der studentischen Arbeiten unter www.rrz.uni-hamburg.de/GELD.
4 Thomas Schlüter / Bernd Sprenger: 20 Jahre Telefonaktionen des Bundesverbandes deutscher Banken. In: Die Bank, Zeitschrift für Bankpolitik und Bankpraxis, Nr. 6/1999, S.426-428; Bernd Sprenger: Das Geld der Deutschen. Geldgeschichte Deutschlands.Paderborn u.a. 20023, S. 260ff.
5 Vgl. Die Bank, Zeitschrift für Bankpolitik und Bankpraxis, Nr.10/2000, S.662.
6 whz: Der Euro kommt. In: Die Zeit, 3.8.2000, S.18.
7 Klassiker dieser historisch-organischen Theorie sind K. Helfferich: Das Geld. Leipzig 1903, 192310, und G. F.: Knapp: Staatliche Theorie des Geldes. München 1905, 19234. Die subjektiv-systemische Theorie, fundiert in einer naturwissenschaftlichen Epistemologie, zieht psychologische Modelle subjektiver Bewertung neben objektiven wirtschaftlichen Entwicklungen heran. Bekannter Autor dieser Richtung ist Schumpeter mit »Das Wesen des Geldes« (1971). Vgl. Michael Hutter: Wie setzen sich Theorien durch ? Zur Entwicklung deutschsprachiger Geldtheorien in der Zwischenkriegszeit. In: Christoph Buchheim / Michael Hutter / Harold James (Hg.): Zerrissene Zwischenkriegszeit. Baden-Baden 1994, S.123-155.
8 Renate Köcher: Eine neue Währung bekommt eine Vorschußlorbeeren. In: FAZ, 2.6.1998, S. B5.

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