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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)



Intercambio com España
Studienaustausch mit Spanien. Antropología Social in Murcia studieren

Klaus Schriewer


Spanien ist in der Wahrnehmung der Nordeuropäer seit dem 19. Jahrhundert zum »romantischen Land par excellence«1 geworden. Don Quichote, Stierkampf, das arabisch geprägte Andalusien und Flamenco sind Eckpfeiler dieses Deutungsmusters, das bis in die Gegenwart reicht und im Tourismus fortgeschrieben wird. Doch Spanien ist auch ein Land, das sich nach der Diktatur und nach seinem Beitritt zur Europäischen Union 1986 in einem tiefgreifenden Transformationsprozess befindet. Die Wirtschaft hat in den letzten Jahren eine fulminante Entwicklung genommen, in Gesellschaft und Familie werden traditionelle Kulturmuster abgelöst.
Gerade auch für Deutschland ist Spanien ein wichtiger Partner geworden. Deutlich wird das unter anderem an den Entwicklungen in Migration und Tourismus. In den 1950er und 1960er Jahre kamen mehrere Hunderttausend Spanier als Gastarbeiter nach Deutschland. Ende der 1960er Jahre setzte der Massentourismus in Spanien ein. Die Zahl der Touristen überstieg in den 1980er Jahren gar die Zahl der Einwohner Spaniens.2 Neben dem Tourismus nimmt gegenwärtig die Auswanderung von deutschen Senioren in die Mittelmeerregionen an Bedeutung zu.
Nach und nach entdeckt auch die deutschsprachige Volkskunde - gern auch als Europäische Ethnologie bezeichnet - das südeuropäische Land. Dabei stehen zunächst traditionelle Themen auf dem Arbeitsplan. So hat der Marburger Volkskundler Karl Braun, in mehreren Studien versucht, das mit dem Stierkampf verbundene Klischee zu entschlüsseln.3 Es sind aber vor allem jüngere Volkskundler, die sich der Kultur Spaniens und den Relationen zu Deutschland widmen. In den letzten Jahren sind unter anderem Magisterarbeiten zur Situation der Frauen,4 zur religiösen Praxis,5 zu Deutschlandbildern von Spaniern6, zum kulturellen Wandel7 oder zum Aussteiger leben auf den Kanaren8 entstanden.
Auch am Hamburger Institut für Volkskunde wächst das Interesse an Spanien. Peter Lenhart hat das im Fernsehen verbreitete Mallorca-Bild
kritisch betrachtet,9 und einige Studierende haben in eigener Initiative ein Studienjahr in Spanien organisiert. Gegenwärtig nutze auch ich einen
Aufenthalt in Spanien, um die Kontakte zu verbessern und ein Forschungsprojekt vorzubereiten. Es thematisiert die Altersmigration nach Spanien. Dabei kooperiere ich mit Luis Álvarez Munárriz, Professor für Antropología Social an der Universität Murcia.
Dieses Projekt, das den Titel »Zweite Heimat Spanien« trägt, thematisiert die kulturelle Dimension der Migration, die Menschen nach ihrem aktiven Erwerbsleben von Deutschland nach Spanien führt. Untersucht wird, wie sich der Alltag für Senioren in den Residentenregionen an der spanischen Mittelmeerküste gestaltet und welche Möglichkeiten bzw. Schwierigkeiten für die Kommunikation zwischen den Nationalitäten und die Ausbildung einer europäischen Identität gegeben sind.
Über die Zusammenarbeit in der Forschung hinaus möchten die Institute in Murcia und Hamburg ihre Studierenden einladen, ein oder zwei Semester am Partnerinstitut zu studieren. Eine Zusammenarbeit im Rahmen des Sokrates-Erasmus-Programms wird zur Zeit vorbereitet. Interessierte Studierende aus Hamburg können sich an mich wenden (E-mail: schriewer@uni-hamburg.de).
An der Universität Murcia wurde das Fach Antropologia Social bislang als Bestandteil des Philosophiestudiums angeboten. Gegenwärtig wird der eigenständige Magisterstudiengang etabliert. Im Fachbereich Philosophie arbeiten zur Zeit drei Anthropologen: Luís Àlvarez Munarriz, Angel Montes del Castillo und als Assistentin Fina Anton Hurtado. Sie forschen über symbolische Anthropologie, kognitive Anthropologie (besonders auch zum Bewusstsein), über Strukturen der Familien in der Gegenwart. Ich habe sie gebeten, jeweils drei ihrer Publikationen zu nennen, die einen Eindruck von ihren Arbeitsschwerpunkten vermitteln. Luís Àlvarez nannte daraufhin seine in der spanischen Anthropologie gern als Lehrbuch verwendete Monographie »Theoretische Anthropologie«10 und die zwei Artikel »Klonen und Familie«11 sowie »Merkmale des kulturellen Wandels«12. Angel Montes del Castillo führt einerseits ihre Monographie »Symbolismus und Macht« an, eine Studie über lokale Herrschaftsstrukturen in einer Andengemeinde.13 Andererseits macht sie auf ihre Artikel »Anthropologie, Aktionsforschung und Sozialarbeit«14 und »Anthropologie der Entwicklung«15 aufmerksam. Fina Anton schließlich listet ihr Buch zum Marienkult »Von der Jungfrau de la Fuensanta zur Jungfrau Virgen de la Arrixaca«16 und ihre Artikel »Generation und Familie im Osten Spaniens«17 und »Die neuen religiösen Bewegungen als Produzenten des Gefühls«18. Schon diese kleine Liste zeigt das breite Spektrum der anthropologischen Arbeit an der Universität Murcia auf.
Die Antropología Social wird an allen Universitäten Spaniens als Studiengang im Hauptstudium angeboten, den die Studierenden nach dem Grundstudium in einem anderen Fach wie zum Beispiel Geographie oder Soziologie belegen können. Das Studium der Antropología Social ist im Vergleich zum Studium der Volkskunde straffer organisiert und strukturiert die Lehrveranstaltungen nach Jahrgängen. Ein fester Kanon an Pflicht- und Wahlfächern wird jedes Jahr angeboten. Es werden fast ausnahmslos Vorlesungen abgehalten, die der Wissensvermittlung dienen. Für Gaststudierende ist diese Art des Studierens meiner Einschätzung nach eine interessante Erfahrung und eine sinnvolle Ergänzung zu den in Deutschland gebräuchlichen Lehrformen.
Die spanischen Studierenden bewegen sich vor allem im Kreis ihres Studienjahrgangs. Ausländische Gaststudierende müssen entscheiden, ob sie Kurse in verschiedenen Jahrgangsstufen besuchen wollen und sich ausschließlich an den Veranstaltungsinhalten orientieren oder ob sie sich den Jahrgang auswählen, der ihren Interessen am ehesten entspricht und dann in einen Personenkreis kommen, in den sie schnell Eingang finden werden.
Die Stadt Murcia mit ihren 350.000 Einwohnern ist Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, die sich durch ein sehr mildes Klima auszeichnet - ein Studienaufenthalt im Winter ist deshalb besonders empfehlenswert. Wer Murcia nicht kennt, aber einen älteren Diercke-Weltatlas zur Hand hat, findet die Stadt mit ihrer näheren Umgebung auf einer Detailkarte.19 Sie zeigt das Bewässerungssystem in den Obstplantagen (der huerta), die die Stadt umgeben. Gern heben die Einheimischen hervor, dass dieses System aus der Zeit der arabischen Herrschaft stammt - und bestätigen damit ein Klischee. Die Karte im Diercke-Atlas zeigt Murcia allerdings in einer städtebaulichen Phase, die längst der Vergangenheit angehört. In den letzten 20 Jahren hat sich die Einwohnerzahl der Stadt verdoppelt.
Dass Murcia in Deutschland wenig bekannt ist, dürfte darauf zurück-zuführen sein, dass die Stadt bislang nicht in den Kanon touristischer Attraktionen Spaniens aufgenommen worden ist. Das dürfte unter anderem darauf zurückzuführen sein, dass sie nicht direkt am Meer liegt. Für einen Gastaufenthalt von Studierenden der Kulturwissenschaften bietet sich die Stadt an, weil hier der geschäftige Alltag einer südländischen Stadt erlebt und studiert werden kann. Wem es ausreicht, die Alhambra in Granada oder die Mesquita von Cordoba an einem Wochenende zu inspizieren und statt dessen die spanische Gesellschaft im Umbruch zu erleben, ist hier am richtigen Ort.
Grundlagenkenntnisse des Spanischen sind eine wichtige Voraussetzung für einen Gastaufenthalt. Der Erwerb erster Spanischkenntnisse in Deutschland ist notwendig. In Intensivkursen, die im Rahmen des Sokrates-Erasmus-Programms vor Ort in den ersten Monaten angeboten werden, lässt er sich ausbauen. Und bekanntlich erlernt sich eine Sprache am besten durch die Praxis.
Mit dem Erwerb der Sprachkompetenz lässt sich eine wichtige Voraussetzung für die Arbeit als Volkskundler erwerben. Das zeigt die Forderung der Göttinger Volkskundlerin Regina Bendix, in der universitären Lehre neben dem Deutschen andere Sprachen zu berücksichtigen.20 Sie
begründete das damit, dass die deutschsprachige Volkskunde Gefahr laufe, international in eine »intellektuelle Abkapselung« zu geraten. Ein Studienaufenthalt in Spanien ist eine Möglichkeit, dieser Isolierung entgegenzuwirken und sich einen großen Kulturkreis zu erschließen.
Europa ist nicht nur in Politik und Wirtschaft ein aktuelles Thema. Die europäische Integration betrifft auch die nationalen Kulturen, deren wechselseitige Bezüge sich intensivieren. Die Volkskunde wird dies in ihrer Arbeit verstärkt berücksichtigen müssen. Nachwuchsforschern ist deshalb zu empfehlen, sich schon während des Studiums andere Kulturkreise zu erschließen und so die Kompetenz für eine europäische Volkskunde zu erwerben. Ein Studienaufenthalt in Murcia ist einer der Möglichkeiten.


1 Friedrich Wolfzettel (Hg.): Spanische Wanderungen 1830 - 1930. Hamburg 1991, S. 11.
2 Dieter Nohlen / Andreas Hildenbrand: Spanien. Wirtschaft - Gesellschaft - Politik. Opladen 1992, S. 74ff.
3 Karl Braun: Der Tod des Stiers. Fest und Ritual in Spanien. München 1997. Karl Braun: Toro! Spanien und der Stier. Berlin 2000.
4 Britta Grohmann: >El autor de mi vida< - Cordobesische Frauen zwischen Tradition und Moderne. MA Frankfurt 1994.
5 Sabine Heidecke: Semana Santa in Sevilla. Katholische Bruderschaften als Übermittler lokaler Identität. MA Frankfurt 1995.
6 Andrea Montecon Ammann: Viva Alemania! Viva Alemania? Was Spanier über Deutschland und die Deutschen denken. MA Frankfurt 2000.
7 Andrea Bruhn: Sacramonte - zum sozialen und kulturellen Wandel eines Höhlendorfes in Spanien. MA Kiel 2000.
8 Julia Edith Elisabeth Heinecke: »Für uns ist das das Paradies«. Wunsch und Alltagswirklichkeit deutscher Aussteiger auf der Kanareninsel La Palma. MA Freiburg 2001.
9 Peter T. Lenhart: Mallorca in »Mallorca« - Suche nach dem Paradies<. Zu Reisebildern im Fernsehen, Fernsehbildern in der Volkskunde und einigen weiteren Verwirrungen. In: Christoph Köck (Hg.): Reisebilder. Produktion und Reproduktion touristischer Wahrnehmung. Münster 2001, S. 89-107.
10 Luis Àlvarez Munarriz: Anthropología theórica. Murcia 1990.
11 Luis Àlvarez Munarriz: Clonacion y familia.. In: Claves, 109/2001.
12 Luis Àlvarez Munarriz: Rasgos del cambio cultural. In: Estructura y cambio social. Madrid. 2001.
13 Angel Montes del Castillo: Simbolismo y Poder. Un estudio antropológico sobre Compadrazgo y Priostazgo en una comunidad andina. Barcelona 1989.
14 Angel Montes del Castillo: Antropología, Investigación Acción y Trabajo Social. In: Maria J. Martinez (Hg.): Para el Trabajo Social. Aportaciones Teóricas y Prácticas. Granada 2000.
15 Angel Montes del Castillo: Antropología del Desarrollo. In: Angel Montes (Hg.): Universidad y Cooperación al Desarrollo. Murcia 2001.
16 Fina Anton Hurtado: De la Virgen de la Fuensanta a la Virgen de la Arrixaca. Murcia. Universidad de Murcia. 1996
17 Fina Anton Hurtado: Género y familia en el levante español. In: Luis Àlvarez Muñarriz, Fina Anton Hurtado (Hg.): Antropología del Mediterráneo. Murcia 2001.
18 Fina Anton Hurtado: Los nuevos movimientos religiosos como productores de sentido. In: Juventud, creencias y sectas. Junio 2001.
19 Diercke Weltatlas. Braunschweig 1977, S. 75, Karte II: »Huerta von Murcia«.
20 Offener Brief vom 4.2.2002, veröffentlicht über die Mailing-Liste des Hamburger Instituts für Volkskunde. http://www.rrz.uni-hamburg.de/kultur/maillist/index.html#archiv (1.7.02).

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