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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)
Wenn das Wörtchen wenn nicht wär. Zur Erforschung von Träumereien zwischen Anthropotechnik und wissenschaftlicher SpekulationAndreas Schmidt
Zwei Kulturen ?
Im Jahr 1959 hielt der Physiker, Literat und Politiker - in dieser Reihenfolge - Sir Charles Percy Snow in Cambridge einen Vortrag mit dem Titel »The Two Cultures and the Scientific Revolution«. Er entwickelte in diesem Vortrag die These, dass zwei Kulturen sich unvermittelbar gegenüberstünden: auf der einen Seite die Kultur der Naturwissenschaften und Technik, auf der anderen Seite die literarische und geisteswissenschaftliche Kultur. Spezialisierung auf beiden Seiten, aber auch die Ignoranz gegenüber den Arbeiten und Erkenntnissen der jeweils anderen Seite habe zu dieser Trennung geführt, die Snow als »selbstverschuldete Verarmung«1 ansah. So kenne der Literat nicht einmal die Basisgesetze, auf denen der naturwissenschaftliche Erkenntniszugewinn aufbaue, während der Naturwissenschaftler sich mal eben noch an Charles Dickens versuche. In der Folge, konstatierte Snow, sei das Einfühlungsvermögen der Naturwissenschaftler schwächer ausgebildet, als es sein könnte, während die Literaten und Geisteswissenschaftler in Unkenntnis der naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse vor sich hindämmerten. Die Trennung in zwei Kulturen, die Snow lediglich als ein vereinfachtes Modell verstanden wissen wollte und die sich bei ihm noch jeder Wertigkeit entzog - er entschied nicht, welche Kultur wohl besser sei, wenngleich er zur naturwissenschaftlichen Seite tendierte -, diese These von Snow führte in der Folgezeit zu zahlreichen Kommentaren - zunächst in England und Amerika, ab 1967 mit dem Erscheinen in Deutsch auch hierzulande -, die unter anderem auf die Moralität von Wissenschaften und Wissenschaftlern abzielten. So verwies die Dichterin Hilde Domin darauf, dass auch in einer Gesellschaft, die der Technik einen hohen Stellenwert einräumt, die Frage nach der Menschlichkeit nicht vernachlässigt werden dürfe. Ihre prägnante Formel lautete: »Menschsein ist keine Freizeitbeschäftigung.«2 Der Physiker Max Born sah die Naturwissenschaften als Zerstörer der Ethik an.3 Der Philologe Helmut Kreuzer sprach von einer Kunstverachtung der naturwissenschaftlichen Intelligenz4, die nach Ansicht des Biochemikers Michael Yudkin sogar so weit gehen werde, dass am Ende nur noch eine Kultur übrig bleibe. »Die Gefahr besteht, dass das Problem der >zwei Kulturen< allmählich verschwindet. Die Kluft zwischen ihnen wird sich nicht schließen, keine modernen Leonardos werden erscheinen, keine Wissenschaftler sich der Literatur verschreiben.«5 Stattdessen werde die traditionelle Kultur untergehen, in dem sie schrittweise von der naturwissenschaftlichen Kultur annektiert werde, und zwar nicht als Annexion von Territorien, sondern als Besetzung von Menschen. In Kürze werde deshalb nur noch eine einzige Kultur übrig bleiben, eben die naturwissenschaftlich-technische Kultur.
Die Macht der Naturwissenschaften
In der Zeit, in der diese Debatte geführt worden ist - von 1959 bis etwa 1970 -, hatte die naturwissenschaftliche Kultur - wenn man der Einteilung Snows folgen mag - nur eine geringe öffentliche Wirksamkeit, da die Naturwissenschaftler kaum für eine interessierte Öffentlichkeit publizierten. Erst allmählich, doch verstärkt in den 90er Jahren, möglicherweise ausgelöst durch Stephen Hawkings »Geschichte der Zeit« oder auch durch die Ausrufung der »Decade of the brain« durch den US-Kongress für die 90er Jahre, trat der Naturwissenschaftler durch seine Schriften in direkten Kontakt zur Öffentlichkeit. John Brockman, der einige herausragende Naturwissenschaftler zu dem Buchprojekt »The Third Culture« zusammenführte, nennt die Geisteswissenschaftler reaktionäre, traditionelle Intellektuelle, denen sich nun mit aller Macht die modernen Naturwissenschaftler entgegenstellten: »Die traditionellen Medien der Intellektuellen spielten ein senkrechtes Spiel: Journalisten schrieben von unten nach oben, und Professoren schrieben von oben nach unten. Die Vertreter der dritten Kultur versuchen heute, ihre tiefsten Gedanken so auszudrücken, dass sie jedem intelligenten Leser zugänglich sind.«6 Hierauf verwies auch Peter Sloterdijk in seiner Elmauer Rede »Regeln für den Menschenpark« aus dem Jahr 1999. Der Humanismus werde nach einem letzten Hoch in den 50er Jahren stetig zurückgedrängt. Er spricht von der Marginalisierung des Humanismus und dessen Medien, wobei es hier - doch immerhin - um eine Anthropodizee gehe, nämlich die »Bestimmung der Menschen angesichts seiner biologischen Offenheit und seiner moralischen Ambivalenz.« Laut Sloterdijk war der Humanismus schon immer für die Zähmung des Menschen verantwortlich. Wolle man sich den Herausforderungen der Naturwissenschaften nun stellen, so müsse man einen neuen Humanismus formulieren. Dieser neue Humanismus solle alle falsche Harmlosigkeit abstreifen und sich den Fragen und Problemen, die sich im Zusammenhang mit der Züchtung des Menschen ergeben, stellen. Die ganze Geschichte des Humanismus sei Anthropotechnik gewesen, die Herrichtung und Gestaltung des Menschen; nun müsse auch der nächste Schritt getan werden, den der Wiener Philo-soph Konrad Paul Liessmann als die »Transformation von Natur in Kunst, angewendet auf den Menschen selbst« bezeichnet hat, eben die philosophische Auseinandersetzung mit dem Eingriff des Menschen in sich selbst.
Ich möchte nun gar nicht weiter darauf eingehen, wie die genetische Manipulation zu bewerten ist. Entscheidend finde ich vielmehr die Frage nach der Rolle und Position, die Philosophie und Geisteswissenschaft allgemein hier einzunehmen haben. Dieser von Sloterdijk geforderte neue Humanismus unterscheidet sich ja von dem alten Humanismus wesentlich darin, dass der alte Humanismus nicht auf den technischen Möglichkeiten basierte, sondern auf den gesellschaftlich ausgehandelten Bedingungen des Seins. Der alte Humanismus gestaltete und veränderte sich aus sich selbst heraus. Jede Gesellschaft formt und erzieht sich ihre Mitglieder. Aber allein schon dadurch, dass wir leben, dass wir handeln und miteinander kommunizieren, verändern wir auch schon wieder die Gesellschaft. Die Zähmung, die im alten Humanismus Gegenstand und Ziel war, unterlag also stets ebenfalls Modifikationen, die sich aus dem gesellschaftlichen Leben ergaben. Dagegen setzt sich der neue Humanismus in Beziehung zu einer sehr selbstbewussten Naturwissenschaft, die sich selbst gerne bereit erklärt, die Aufgaben der Geisteswissenschaftler mit zu übernehmen. So gab Francis Crick, der 1953 die Doppelhelix der DNA entdeckt hatte, als Antwort auf die Frage, was die Seele sei, »nichts als ein Haufen Neuronen« und der Neurowissenschaftler Gerhard Roth formulierte 1996 »Geisteswissenschaft ist letztlich nichts anderes als Hirnwissenschaft«. Natürlich gibt es auch vorsichtiger argumentierende Naturwissenschaftler, aber Sloterdijk - so scheint mir - hat nur die extremen Positionen im Sinn, weil eben diese ihm zukunftsträchtig erscheinen. Und insofern treffen sich hier auch Neurologie und Genetik, zielen doch beide naturwissenschaftlichen Disziplinen auf die Entschlüsselung des Menschen. Dabei genügt ein Blick in die Geschichte der Naturwissenschaften, um festzustellen, dass auch diese Wissenschaften nicht ohne Gesellschaft funktionieren. Ihre Hypothesen, ihre Erklärungsmuster und auch ihre Prognosen sind eben nicht nur aus dem Stand der Forschung ableitbar, sondern basieren nicht zuletzt auf jeweils gültigen, gesellschaftlich sanktionierten Ideen. So spielt etwa - um ein historisches Beispiel anzuführen - der Magen im 18. Jahrhundert eine herausragende Rolle in der Erklärung des Systems Mensch. Der Wissenschaftstheoretiker Gaston Bachelard spricht gar in seinem Werk »Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes« von dem »Mythos der Verdauung«, der auf dem Materialismus fundiere, da jede Verdauung in der Tat Besitzergreifung sei. So werde der Magen als lebendige Mühle aufgefasst, »die ohne Lärm mahlt, die ohne Feuer schmilzt, die ohne Korrosion auflöst; und all dies vermöge einer Kraft, die ebenso überraschend wie einfach und sanft ist; denn wenn sie die Leistungsfähigkeit einer außergewöhnlichen Mühle übersteigt, so arbeitet sie noch nahezu unauffällig und ohne Gewalt und verursacht bei ihrer Bewegung keinen Schmerz.«7 Andere wiederum begriffen den menschlichen Körper als Backofen, den Magen als dessen Zentrum. Die Verdauung sei »ein kleiner Brand. (...) Die Nahrung (müsse, A.S.) ebenso nach der Aufnahmefähigkeit des Magens proportioniert sein wie das Holz nach der des Herdes.«8 Dieser Mythos der Verdauung, der sich u.a. auch niederschlägt in dem Gebrauch der Verdauung als Metapher für naturkundliche und gesellschaftliche Zusammenhänge, ist nach Bachelard durch die Wissenschaften in der Folge als Erkenntnishindernis erkannt und dadurch überwunden worden. Bachelard geht davon aus, dass das Problem der wissenschaftlichen Erkenntnis im Allgemeinen unter dem Begriff des Hindernisses angegangen werden müsse, da sich immer erst im Nachhinein zeige, was wirklich sei. »Im Rückblick auf eine Vergangenheit von Irrtümern findet man die Wahrheit in einer echten intellektuellen Reue.«9 Die Philosophie und Geisteswissenschaften hätten sich im Verbund mit den Naturwissenschaften zu denken. Wolf Lepenies vermerkt dazu im Vorwort des Buches von Bachelard: »Damit die Philosophie so beweglich bleibt wie die Wissenschaften, muss sie sich stets daran erinnern, dass das objektive Wissen auch das Ergebnis intersubjektiver Verständigung der Wissenschaftler einer bestimmten Epoche ist.« Und genau dies - so scheint mir - übersieht Sloterdijk in seinem Modell des neuen Humanismus. Die Naturwissenschaften vertreten solange ihre Thesen, bis sie diese falsifizieren können. Aber solange präsentieren und repräsentieren sie diese auch mit Nachdruck. So umfasst weder der Mythos des Gehirnes letztlich die Vorstellung am Endziel angekommen zu sein, nämlich der gültigen Erklärung des Daseins, noch wird die Reproduktion oder Züchtung des Menschen als ein Ziel der Naturwissenschaften begriffen. Der neue Humanismus als Teilhabe an der Anthropotechnik ist also keine Antwort auf die Entwicklungen in den Naturwissenschaften, sondern ein originärer Versuch einer Philosophie, die von Determiniertheit und Determinierung des Einzelnen ausgeht. Und in dem sie sich - nach Negt/Kluge - so »eng der Praxis assoziiert, wird sie zwangsläufig zur Legitimationsfassade, liefert Legitimationsprofile.«10 Solche Philosophie, solche Geisteswissenschaft ist ein Reflex auf die Gefahr, Luxuswissenschaft zu werden.
Wenn wir nun hinter die Fassade naturwissenschaftlicher Propaganda schauen, so sehen wir differenziertere Haltungen. Zwar wird das Gehirn vornehmlich als »Mind Machine«, als »Versteck des Geistes« behandelt, wie Günter Schulte im Untertitel seines Buches »Neuromythen«11 zum Ausdruck bringt, doch gibt die Erforschung des Gehirns nicht alle Antworten. Antonio R. Damasio bringt es in seinem Buch »Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins« auf den Punkt: »Wenn sie meine Gehirnaktivität betrachten, sehen sie nicht, was ich sehe. Sie sehen einen Teil der Aktivität, die in meinem Gehirn stattfindet, während ich sehe, was ich sehe.« Es gibt also einen Unterschied zwischen der Erklärung der Mechanismen, die einer Erfahrung zugrunde liegen, und dem Erlebnis dieser Erfahrung. Oder mit den Worten des Philosophen Thomas Nagel: Wenn jemand Schokolade isst und ich dabei seine Gehirnaktivität verfolge, könnte ich zwar eine Reihe neuronaler Korrelate für den Geschmack von Schokolade finden, aber wie Schokolade schmeckt, wäre stets meine eigene Empfindung, die nie deckungsgleich mit der einer anderen Person sein wird.12
Hier ist die Spannung greifbar zwischen Rationalität und Wissen auf der einen Seite und Emotionalität und Erfahrung auf der anderen Seite. Hier wird ausgesprochen, was in den Naturwissenschaften nicht (oder zumindest noch nicht) greifbar ist: die Imagination. »In der Imagination vollzieht sich (nach Henri Lefebvre) eine Verschiebung der Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt, eine Übertragung der Macht des Subjekts auf Objekte, eine Metamorphose des Sinns. In und kraft seiner Imagination überschreitet das Individuum das Unmittelbare und Gelebte; es ist das Individuum, das sich mit seinem Vermögen zur Erforschung des Möglichen und zur Reaktivierung des Vollendeten ausstattet.«13 Das Individuum bringt sich nach Lefebvre mit den ihm zur Verfügung stehenden Materialien, und das sind Sprache, Erinnerungen und Symbole, selbst zum Ausdruck- hierin geht die Imagination auf. Ein Gebäude nehme ich zunächst als solches wahr, als Wohnraum, als Fabrik, als Hochhaus. Dieses unmittelbare sinnliche Sehen verdichtet sich aber nun in einer bestimmten Stimmung, die sich als Interesse, Gleichgültigkeit etc. äußern kann.14 In jeder Äußerung über den betrachteten Raum wird diese Stimmung miteingehen. Die Einbildungskraft, die Phantasie ist letzten Endes ein nicht zu löschendes Merkmal menschlicher Existenz.
Imagination als Leistung
»Wenn das Wörtchen wenn nicht wär« - nach Lutz Röhrich lediglich ein Einwand, »wenn man am Gelingen eines Vorhabens berechtigte Zweifel hat.«15 Aber ist es nicht sehr viel mehr ? Es deutet doch gerade an, was mit der Trennung von Rationalität und Emotionalität gedacht ist. Es scheidet die beiden Welten voneinander und verleiht Wertigkeiten: die Welt des Verstandes, die ein gesichertes, antizipierbares Leben verspricht: eine vorhersehbare Eindimensionalität, und die Welt des Spiels mit Wünschen, die mit Realitätsferne assoziiert wird bis hin zur so genannten Lebensuntüchtigkeit. Klar zu unklar, mit Richtung zu ohne Richtung, mit dem Kopf zu aus dem Bauch heraus, mit Realitätssinn zu Träumerei, das sind die komplementären Paare, die hier auf die Bühne gebracht werden. Meines Erachtens vollkommen zu Recht hat der amerikanische Philosoph Charles Larmore im neuesten Heft der »Neuen Rundschau« den Begriff des Lebensplans einer Kritik unterzogen. Der Irrtum steckt wahrlich im Kern, nämlich in der grundlegenden Einstellung zum Leben, darin, dass das Leben etwas sei, das man zu führen habe und das man nicht einfach auf sich zukommen lassen sollte. Nicht eine einheitliche Konzeption »unserer übergreifenden Zwecke und der Einschätzung ihrer Verwirklichungschancen«16 entspricht der Faktizität des Lebens, sondern die Bereitschaft, sich jeweils neu zum Leben zu verhalten. Larmore sieht die Idee des Lebensplans als allzu vernunftgeleitet an, oder direkter - mit Larmore - ausgedrückt: »Diese Geisteshaltung zeugt von einer großen Furchtsamkeit vor der Macht der Erfahrung, unseren Sinn für das Wertvolle im Leben zu verändern.«17
Damit ist nicht gesagt, dass man sich keine Ziele setzen sollte, aber man sollte auch bereit sein, sich vom Leben überraschen zu lassen. »Lassen wir das Leben auf uns zukommen, zeigt sich immer, dass es reichhaltigere Möglichkeiten birgt als die Idee, die wir zu jenem Zeitpunkt von unserem Gedeihen hegten.«18 Jede Idee, jede Vorstellung, jede Träumerei scheint mir deshalb näher am Leben zu sein als die vernunftgesteuerte Realität, weil hierin auch Möglichkeiten des Lebens gedacht und gefühlt werden.
Zur Trennung von Emotion und Kognition
In den Sozial- und Kulturwissenschaften hat das Erbe der Aufklärung dem Wissen und Denken einen herausragenden Stellenwert geschaffen. Die zunehmende, alltäglich realisierte Affektkontrolle, die Norbert Elias in seinem zweibändigen Werk »Der Prozess der Zivilisation« beschrieb, vollzog sich ebenso wissenschaftsintern und beeinträchtigte den Blick auf die Emotionen. Wissenschaft und Alltag konstituierten hier also in gegenseitiger Beeinflussung die geringe Relevanz der Emotionen für wissenschaftliche Erklärungsmodelle und Alltagshandlungen. Gerade das 19. Jahrhundert fabrizierte einen abendländischen Menschen, in dem Körper und Geist, das Somatische vom Psychischen getrennt erscheint. Die Emotionen wurden - unausgesprochen - in Tugend und Moral kodifiziert und auf diese Weise der bürgerlichen Gesellschaft wieder zugänglich gemacht. In dieser Kodifizierung wurden sie aber zugleich rationalisiert, d.h. die Emotionen wurden über das Verstehen und Denken jedem Einzelnen zur Verfügung gestellt. Ich rechne hierzu etwa die so genannte »schwarze Pädagogik«, die auf der Unterdrückung und Kontrolle jeglicher Affekte und Triebe aufbaute und bis ins 20. Jahrhundert hinein ihr Unwesen trieb. Die Unterdrückung und Kontrolle der Triebe und Affekte, ob nun in der schwarzen Pädagogik oder in der kodifizierten Tugend und Moral hat nicht nur nachhaltig die gesellschaftliche Realität bestimmt, sondern ebenso nachhaltig die Repräsentationen der Gesellschaft, insbesondere die Wissenschaften. Gerade durch die Entwicklung der Psychologie, die in der Psychiatrisierung der US-amerikanischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert ihren Höhepunkt gefunden hatte, wurde für den Umgang mit Emotionen ein Separee eingerichtet. Und als legitimer Ausdruck der Emotionen wurde die Kunst gehandhabt, in der nun - als arbeitsteiligem Spezialgebiet der Gesellschaft - das aufgehoben und verwaltet wurde, was in der bürgerlichen Gesellschaft regressiv auftrat. Emotionen waren also deshalb vor allem Gegenstand der Kunstwissenschaften. Sie äußerten sich in der Phantasie und Einbildungskraft der Literaten, Musiker und bildenden Künstler. während sie »auf der Gegenstandsseite der Humanwissenschaften die Rolle eines niederen Erkenntnisvermögens (spielten, A.S.), das untrennbar mit dem Körper verbunden ist«, wie Dietmar Kamper in seiner »Geschichte der Einbildungskraft« formulierte.19 Im jüngsten Heft des »Merkurs« hat Willy Hochkeppel genau diesen Aspekt untersucht. Die Emotionen würden zusehends in die Literatur verschoben, während sich die Philosophie der Logik verschrieben habe.20 Die Verlagerung der Emotionen in die Kunstwissenschaften hatte auch Einfluss auf die Diskussionen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts um die wissenschaftliche Volkskunde geführt worden sind. Die Frage nach dem kulturproduzierenden Individuum, nach dem Ort und dem Stellenwert der Volksseele oder nach dem Verhältnis von Kultur- und Naturmensch lässt sich - auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner - als Frage nach dem Eigensinn des Einzelnen erfassen. Inwiefern existiert jeder in und für sich oder in einer kollektiven und zugleich fremdbestimmten Ordnung. Sehr schnell jedoch hat sich die kollektive Ordnung als zentraler Zugang verfestigt. Über die Idee des Volkes, der Gemeinschaft und Gesellschaft richtete sich das Interesse zunehmend auf die Sozialwissenschaften und deren Paradigma. Für die Soziologie waren aber die Emotionen des Einzelnen bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ein unbekanntes Land. Mit Ausnahme weniger Aufsätze Georg Simmels und des Buches »Wesen und Formen der Sympathie« von Max Scheler aus dem Jahr 1913 sind keine Schriften aus der Soziologie bekannt, die sich ausdrücklich - also systematisch - mit Emotionen beschäftigt haben. Erst in den 1970er Jahren begannen Wissenschaftler in der nordamerikanischen Soziologie die Emotionen als einen zentralen Gegenstandsbereich ihrer Forschungen festzulegen. Im Wesentlichen konkurrierten hier zwei Ansätze: der sozialstrukturelle Ansatz, der auf den Arbeiten von Theodore D. Kemper basierte, und der symbolisch-interaktionistische Ansatz. Der sozialstrukturelle Ansatz geht davon aus, dass die Emotionen im Individuum physiologische Zustände auslösen, dass die Emotionen also die Folge und das Ergebnis von Handlungen und Sozialbeziehungen darstellen. Kemper definiert hierzu Status und Macht als fundamentale Dimensionen des Sozialen, zu denen jeder Einzelne auf irgendeine Art und Weise sich verhalten müsse. Der Einzelne positioniere sich im sozialen Raum und deute seine Rolle im sozialen Raum, wodurch - in der Folge - Emotionen hervorgerufen würden. Kritik an der sozialstrukturellen Theorie Kempers wurde vor allem von symbolisch-interaktionistischer Seite vorgebracht. Besonders der statische Charakter des Macht-Status-Systems wurde betont, da ein automatischer Zusammenhang zwischen der Sozialstruktur und der Entstehung spezifischer Emotionen angenommen werde. Dagegen führte der symbolisch-interaktionistische Ansatz die Interpretationsleistungen der handelnden Individuen ins Feld, die wiederum von der Sozialisation abhängig sind. Der symbolisch-interaktionistische Ansatz möchte das Augenmerk also mehr auf die kulturelle Codierung von Emotionen gelenkt wissen.
Der sozialstrukturelle oder austauschtheoretische Ansatz Kempers wurde zwar durch den symbolisch-interaktionistischen Zugriff nachhaltig verdrängt, doch haben m.E. beide Ansätze, je nach Fragestellung und vorhandenem Untersuchungsmaterial durchaus ihre Berechtigung, wenngleich die Kempersche Theorie gerade in Hinblick auf die Eigenleistung der beteiligten Akteure erweitert werden müsste. So hat z.B. Wolf Lepenies in einer historischen Abhandlung über Melancholie und Gesellschaft eben aus dem Macht- und Statusverlust des Adels deren Resignation und Melancholie abgeleitet. Das Untersuchungsmaterial ist hier in der Regel reaktiv, es bezieht sich auf abgelaufene Sozialhandlungen. Es beschreibt, kommentiert und interpretiert diese, ohne dass Kommunikationen und damit Veränderungen in der emotionalen Lage stattfinden können. Hier werden Texte interpretiert. Nach Konrad Ehlich entstehen Texte nicht bereits in der Situation, im Gespräch, in der Kommunikation, sondern erst in der zitierten Kommunikation. Texte sind Ergebnis der so genannten »zerdehnten Situation« der Überlieferung, »bei der Teilnehmer durch einen räumlichen und/oder zeitlichen Abstand getrennt sind.«21 Dagegen setzt der symbolisch-interaktionistische Ansatz an den Handlungen selbst an und untersucht die »Emotionsarbeit«: »Emotionsarbeit« (- ein Begriff von Arlie Russell Hochschild -) meint den Versuch des Handelnden, in Antizipation und Kenntnis der Regeln des Fühlens, das eigene Empfinden und den Ausdruck von Gefühlen den geltenden Regeln des Fühlens anzupassen.«22 Jeder Einzelne reagiert und agiert also mit den gesellschaftlichen Regeln des Fühlens, indem er sich in Kommunikationen hinterfragt und positioniert. Wissenschaftlich lässt sich dies nur mit der genauen Beobachtung von Handlungsprozessen ermitteln - beispielhaft sind hier die Arbeiten von Erving Goffman zu nennen, aus denen zahlreiche Prozesse von Emotionsarbeit ermittelt werden könnten.
Bereits hier zeigt sich, dass die alltäglichen Emotionen kaum Gegenstand empirisch fundierter, sozialwissenschaftlicher Untersuchungen werden können, da sie sich mit den gängigen wissenschaftlichen Methoden nur schwer in Einklang bringen lassen. Entweder müssen audiovisuelle Aufnahmen als Quellenbasis herangezogen werden, oder schriftlich fixiertes Material, das aber nur eine eingeschränkte Deutung erlaubt. Es verwundert deshalb auch nicht, dass die Soziologie, die Emotionen thematisiert, die Nähe zur Philosophie sucht. So sind die zahlreichen Aufsätze und Bücher, die in den letzten Jahren über das Glück und besonders über die Lebenskunst erschienen sind, zumeist weniger soziologisch als philosophisch inspiriert, obwohl die Beschäftigung mit dem Glück des Menschen zunächst wieder von soziologischer Seite, nämlich von Alfred Bellebaum in Köln angeregt worden ist. Mit Hilfe der Philosophie haben die soziologischen Autoren auch versucht, den Subjektivismus zu beschreiben und zu überwinden, nämlich erstens im Erkennen von Regeln und Strukturen im sich verhaltenden Subjekt - hierfür steht in der Philosophie die »Neue Phänomenologie«, (die Heinrich Schmitz in Kiel begründet hat, und die besonders durch dessen Schüler - die Böhme-Brüder Hartmut und Gernot - bedeutsam wurde), und zweitens in der Überführung von individuellem Verhalten in gesellschaftliches Verhalten, hierfür stehen die zahlreichen moralphilosophischen Arbeiten, die in jüngster Zeit auch durch Bücher von Nachrichtensprechern angereichert werden.
Hier steckt das Problem. Lassen sich Emotionen überhaupt soziologisch und kulturwissenschaftlich untersuchen, ohne dass man sich den Vorwurf der reinen Spekulation einhandelt? Als besonders unglücklich erachte ich in diesem Zusammenhang die immer wieder gedachte und konstruierte Trennung von Emotion und Kognition, die dann in der Interpretation wieder versucht wird, aufzulösen. Ich glaube, dass die Kulturwissenschaften und die Soziologie gewinnen würde, wenn sie das zentrale Thema der Kunstwissenschaften, die Einbildungskraft, in ihre Untersuchungsfelder einführen könnte. Die Einbildungskraft, das Imaginäre, die Phantasie, die Träumerei definiere ich als Vermengung von Kognition und Emotion, die sich einerseits im kommunikativen Akt entäußern und andererseits im Traum verschließen kann, aber niemals auflösen lässt als Kognitionsbereich und Emotionsbereich. In dieser ständigen Spannung von gesellschaftlicher und psychischer Umwelt - Kommunikation und Traum - richtet sich der Einzelne ein. Die Kunstwissenschaften haben es hier einfach; die von ihnen untersuchten Texte, Musikstücke und Kunstwerke sind gewollt nach außen gerichtete Einbildungskraft. Das Selbstbewusstsein der Produzenten ist für das Öffentlichwerden ihrer Phantasien verantwortlich. Norbert Fries versteht die hierfür notwendigen Qualitäten - das sind die visuelle Vorstellungskraft, die Fähigkeit zur Musik und die Sprachfähigkeit -, als wesentliche Mittel zur Konstruktion symbolischer Repräsentationen - was hier sowohl auf die Produktion, als auch auf die Rezeption verweist.23 Dagegen wird der Einzelne in seinem alltäglichen Sein kaum als Produzent symbolischer Repräsentationen gesehen, sondern zumeist lediglich auf seine Haltungen und Meinungen reduziert wahrgenommen. Und falls doch einmal Gefühle Gegenstand des Interesses sind, so werden diese den Haltungen und Meinungen entgegengestellt oder zugeordnet.
Theorie der Affektlogik nach Ciompi
Eine sehr hilfreiche, wissenschaftliche Konstruktion zur Untersuchung der uns allen eigenen Einbildungskraft scheint mir die von dem Berner Psychiater Luc Ciompi entwickelte Theorie der fraktalen Affektlogik. Das Grundpostulat beinhaltet eine Verquickung von affektiven kognitiven und verhaltensmäßigen Elementen.24 Affekte definiert Ciompi als primär körperliches Umsetzen und Konkretisieren des Erlebten. Kognition bedeutet progressives Abstrahieren, Codieren und Synthetisieren. In den zwischenmenschlichen Beziehungen verkoppeln sich mit der Zeit affektive Qualitäten, bestimmte Kognitionen und Verhaltensweisen zu fixen Fühl-, Denk- und Verhaltensschienen. Diese fixen Fühl-, Denk- und Verhaltensschienen, die Ciompi wieder auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und so genannte Eigenwelten anlegt, lassen sich meines Erachtens auch mit Systemen der Phantasie korrelieren. Als solche Systeme der Phantasie fasse ich z.B. die Gegensatzpaare Heimweh - Fernweh, Behaustheit - Unbehaustheit, Rückwärtsgewandtheit - Zukunftsoffenheit. Und diese Systeme wiederum subsumieren zahlreiche Einzelphänomene der Phantasie als Konkretisierung von Affekten in Geschichten. Phantasie ist also eine in Sprache gebundene Affektlogik. Zugleich ist sie kulturell definiert und somit von gesellschaftlichen Wertsystemen geprägt.
Affekte haben bei Ciompi die Funktion, als Operatoren auf das Denken einzuwirken. Affekte sind die Motoren aller kognitiven Dynamik; sie bestimmen, wohin wir unsere Aufmerksamkeit lenken; sie wirken wie Schleusen und Pforten, die den Zugang zu unterschiedlichen Gedächtnisspeichern öffnen und schließen; sie schaffen Kontinuität, indem sie die kognitiven Elemente miteinander verbinden; sie bestimmen die Hierarchie der Denkinhalte und sind eminent wichtige Komplexitätsreduktoren.25 Alle diese Funktionen werden von der Grundbestimmung überlagert: dem »Postulat eines ständigen komplementären Zusammenwirkens eines umfassenden Affektsystems mit einem wesensverschiedenen Kognitionssystem.«26
Ciompi operiert im Folgenden mit dem Modell und den Begrifflichkeiten der Chaostheorie, mit Attraktoren, Repulsoren, Trajektorien und Fraktalität. Es handelt sich hierbei um höchst komplexe Zusammenhänge, die sich nicht eben mal in einem Vortrag rekapitulieren lassen. Aber ich will versuchen, wenigstens die Grundstruktur zu entwickeln. Zunächst zu den Begriffen: Ciompi setzt ein mit dem Bild eines Pendels, das einmal angestoßen, allmählich zum Stillstand kommt. Der Zustandsraum, also der Raum in dem die Aktion stattfindet, ist durch zwei Variablen gekennzeichnet, die Pendelgeschwindigkeit und die Richtung. Würde man jetzt das
Zusammenspiel der Variablen grafisch darstellen, so zeigte sich eine Spirale, die in einem Punkt (dem Stillstand des Pendels) endet. Das ist ein so genannter Punktattraktor. Attraktoren sind Bereiche im Zustandsraum, auf welche die Systemdynamik zutreibt, oder innerhalb derer sie sich abspielt. Je nachdem welche Faktoren und wie viele Dimensionen hier einwirken, wird das System immer komplexer. Am Ende stehen die so genannten seltsamen oder chaotischen Attraktoren. Diese füllen zwar einen genau umschreibbaren Bereich aus, die Verlaufswege, auch Trajektorien genannt, sind jedoch nicht mehr regelmäßig und im Einzelnen auch nicht vorhersehbar. Dass in den chaotischen Attraktoren keine Regelmäßigkeiten vorhanden sind, hat damit zu tun, dass selbst der kleinste Einfluss größte Folgen haben kann. Man nennt dies auch den Schmetterlingseffekt, nach dem Wetterforscher Eduard Lorenz. Nach Lorenz könnte der winzige Flügelschlag eines Schmetterlings in Japan, Monate später auf Hawaii einen Taifun auslösen. Die Attraktoren sind in ihrer Art nicht festgelegt. Wird Energie zugeführt, so können aus Punkt- und Kreisattraktoren schließlich seltsame Attraktoren werden. Ebenso können seltsame Attraktoren bei abnehmender Energiezufuhr sich zu Kreis- oder Punktattraktoren entspannen. Alle Attraktoren sind Energiesenken, also Zustände mit einem relativ geringen Energieaufwand im Vergleich zum Umfeld und im Gegensatz zu Repulsoren, die Zustandsräume mit einem hohen Energieaufwand beschreiben, von denen die Systemdynamik aus Gründen des geringsten Widerstands so schnell wie möglich wegstrebt. »Attraktorbereiche sind sowohl energiesparend wie auch relativ stabil, Repulsorbereiche dagegen energiekonsumierend und relativ instabil.«27 Attraktoren und Repulsoren sind jedoch nicht die einzigen Konstellationen in der Chaostheorie. Diese Energiesenken und Energiekuppen können alle möglichen Formen annehmen, die Übergänge können hoch kompliziert sein, lang gezogene Täler können das Netz von Attraktoren und Repulsoren durchziehen oder Scheidelinien können Attraktorbecken voneinander trennen, um nur einige Möglichkeiten anzudeuten. Man spricht dann von Potenziallandschaften. Zur Veranschaulichung der Dynamik: man stelle sich rollende Kugeln vor, die kurzfristig auf dem Gipfelpunkt fest gehalten, hinunterrollen, sich in einem Attraktorbecken stabilisieren, durch eine Talrinne auf ein anderes Attraktorbecken zurollen, mit Energiezufuhr einen Repulsorhügel ansteigen, auf dem Sattelpunkt kurz verweilen usw. Nun zum letzten, zu klärenden Begriff, der Fraktalität. Gemeint ist hiermit eine skalenunabhängige Selbstähnlichkeit, d.h. die kleinsten Strukturen finden sich auch in den größten Strukturen wieder. Ein Beispiel: Ein großes Eiskristall besteht aus zahlreichen kleinen Eiskristallen, die dem großen Eiskristall ähnlich sind.
Das Modell der Fraktalität ermöglicht es Ciompi u.a. den Weg von der individuellen Affektlogik zur kollektiven Affektlogik zu beschreiben.
Zwischen der Affektlogik des Einzelnen und der Affektlogik eines Staatsapparates etwa besteht eine Selbstähnlichkeit. Diese Beziehung ist also fraktal geregelt. Im weiteren entwirft er ein chaostheoretisch-affektlogisches Modell der Psyche. Er geht hierfür von fünf Logiken aus, die er Angstlogik, Wutlogik, Trauerlogik, Freudelogik und Alltagslogik nennt. Diese fünf Logiken beschreiben die fünf zentralen Fühl-, Denk- und Verhaltensmuster. Sie funktionieren als Attraktoren, ziehen sie doch, solange sie vorherrschen, alles Wahrnehmen und Denken in ihren Bann. Man kann sie auch als affektiv-kognitive Eigenwelt bezeichnen, auf die sich jedes Denken und Fühlen fast zwangsläufig hinbewegt. Diese Bewegung kann bereits durch einen ganz kleinen Anstoß ausgelöst werden. Der Effekt ist, dass einmal gebahnte Gedankengänge in ähnlichem Kontext und bei ähnlichem Affekt immer bevorzugt durchlaufen werden. Diese selbstähnlichen Fühl-, Denk- und Gedankenwege sind aber immer auch von äußeren Einflüssen abhängig, die eben diese Wege situationsgerecht abwandeln. Dann hat der Attraktor die Merkmale eines seltsamen oder chaotischen Attraktors. Nimmt man - statt eines einzigen Attraktors - die Gesamtheit aller Möglichkeiten in den Blick, alle möglichen Zustände und psychischen Bewegungen, so differenziert sich das Modell zu einer hochkomplexen Poten-ziallandschaft mit Senken und Kuppeln, Täler, Sätteln, usw. Legt man auf diese Landschaften noch die energetische Betrachtungsweise und geht davon aus, dass die Affekte die psychischen Energien tragen und damit das Denken in Bewegung bringen, so kann man, wenn man das Bild der rollenden Kugel wieder aufgreift, diese als das Denken fassen, die Energie, die die Kugel in Gang setzt, als Affekt. In der Konsequenz ist jedes Denken, ob alltägliches Denken, ob Ideologie oder hochwissenschaftliche Theorie durch affektive Faktoren mitbedingt. Die Alltagslogik beschreibt hierbei ein mittleres Basisniveau, in dem spannungserzeugende Reize möglichst ökonomisch neutralisiert werden.
Phantasien sind Subtexte, die in jeder Kommunikation enthalten sind. Sie liegen unter den geschriebenen und gesprochenen Texten und verfügen über eine eigene Erzähldynamik und eine eigene Erzählstruktur. Die Verbindung zwischen den Phantasien und den manifesten Texten erfolgt m.E. über die fraktale Affektlogik, die in beiden Texten zum tragen kommt und das wechselseitige Verhältnis ausmacht. Zugleich ist die Affektlogik durch Konventionen, Wertsysteme, gesellschaftliche Normen, individuelle Formen der Verarbeitung von Situationen etc. beeinflusst.
Anwendungen
Welche Möglichkeiten erschließen sich nun der Volkskunde aus der Thematisierung der je individuellen Phantasien und der Anwendung des Modells der fraktalen Affektlogik?
Ich möchte zum Abschluss auf drei Zugänge zu sprechen kommen: den historischen Zugang, der schriftlich fixiertes Quellenmaterial zur Basis hat, den Zugang zu Sachgütern und den auf Gegenwart oder unmittelbare Vergangenheit bezogenen Zugang, der die Quellenerhebung einschließt.
Der historische Zugang ist sicher der problematischste. Hierfür gibt es mehrere Gründe: zum einen sind die vorliegenden Texte - wie ich ja bereits ausführte - zitierte Kommunikationen. Die Verfasser haben das beschriebene Ereignis zumeist bereits affektlogisch verarbeitet und setzen sich nun - je nach Schreibanlass - reflektierend oder emotional damit auseinander. Die Trennung von Text und Subtext ist hier in der Regel nicht mehr vorhanden, sondern bereits in den zitierten Kommunikationen aufgegangen. Zumeist fehlen die Möglichkeiten, diese Trennung zu rekapitulieren. Auch liegen meist nur Texte vor, die lediglich Ausschnitte einer Existenz begleiten, so dass sich die individuellen Dimensionen, im Gegensatz zu den gesellschaftlichen und kulturellen Dimensionen, kaum erschließen lassen. In der Konsequenz muss ich einräumen, dass nicht alle historischen Quellen für eine Analyse des Imaginären, als eine durch fraktale Affektlogik verbundene Text-Subtext-Beziehung, in Frage kommen. Aber es gibt Quellen, die für eine solche Analyse tauglich sind. Ich denke hierbei etwa an Chroniken, Tagebücher, an Photographien und an Briefkonvolute. Entscheidend ist bei diesen Quellen, dass sie von einem Autor stammen. Ich möchte also die Quellenbasis individualisieren, um auf diese Weise auch Aussagen über die Bewältigung des Lebens - über das Leben des Lebens - treffen zu können. Insofern unterscheidet sich dieser Zugang auch von den seit einigen Jahren in der Geschichtswissenschaft betriebenen Forschungen zur Emotionalität, bei denen im Wesentlichen kollektive Gefühlswelten zu erschließen versucht werden. Das Imaginäre eröffnet sich aber nicht nur über das Individuum, sondern kann auch über einzelne Phänomene und Sachgüter zugänglich werden. Ich möchte hier an die schon fast 30 Jahre alte Arbeit von Roger Caillois über den Kraken erinnern, in welcher der Autor versucht, die Logik des Imaginativen aus den Phantasien über den Kraken zu entwickeln.28 Logik bedeutet hier, wie sich Vorstellungen herausbilden, auf welche Weise sie transportiert werden und wie sie behindert oder verstärkt werden können. Solche Phänomene, die von der Imagination tief geprägt sind, liefern ein sehr dichtes Netz an Interpretationsmaterial. Eine herausragende Stellung nimmt hier das Werk von Gaston Bachelard ein, der sich mit den Phantasien über die Elemente beschäftigt hat: Die Psychoanalyse des Feuers 1938, Das Wasser und die Träume 1942, Die Luft und die Träume 1943, Die Erde und die Träumereien vom Willen sowie Die Erde und die Träumereien von der Ruhe, beide 1948. Bachelard benutzt wissenschaftliche und poetische Texte als Quellen, um diese Phantasien in ihren Ausformungen und Entwicklungen zu beschreiben. Ich glaube, hier schlummern zahlreiche, höchst interessante empirische Forschungsprojekte, die auf die Imagination und die reale Sicht auf unsere
Wirklichkeit reflektieren, im Verhältnis von Subtext und Text zur Produktion einer lebensweltlichen Balance.
Darüber hinaus kann auch die emotionale Besetzung von Gegenständen ein höchst dankbares Thema abgeben, das sich vor allem in der musealen Praxis niederschlagen kann (und zum Teil auch schon tut). Die emotionale Besetzung von Gegenständen beschreibt ja zumeist einen sehr geschlossenen Subtext, der sich kaum sprachlich artikuliert. Ich denke etwa an die eigenartige Beziehung, die sich zu Werkzeugen herausbildet, die ja im täglichen Gebrauch verschleißen, aber für den Benutzer emotional immer bedeutsamer werden. (Vielleicht liefert man ja deshalb heute die Jeans mit Rissen und Löchern aus, dass die Gebrauchserfahrung erst gar nicht aufkommt.) Die Erschließung der Subtexte und die Herstellung von Korrelationen zur Alltagspraxis kann uns wiederum Erkenntnisse darüber liefern, wie sich Realität in den Köpfen der Einzelnen entlang der gesellschaftlichen und kulturellen Möglichkeiten organisiert. Die Erschießung dieser Subtexte erfolgt in der Regel über biographische Interviews, die selbst jedoch - im Text-Subtext-System - als Text fungieren. Der Subtext ergibt sich hier besonders aus der Beziehung von Text zu den außertextlichen Merkmalen, die eine gesonderte Notation verlangen. Ich fasse hierunter die Notation von Frequenz- und Tonhöhenmodulationen, Sprechtempoveränderungen, Variationen in der Lautstärke, gestische Ausdrucksweisen, Körperhaltungen und physiologische Begleitprozesse wie Erröten, Erblassen oder Schwitzen.29 Ich glaube, dass mit solchen Notationen die Interpretation der Quellen in Hinblick auf die Spannung von Realität zur Phantasie erst möglich wird.
Zum Abschluss greife ich wieder auf den Untertitel des Vortrags zurück: Anthropotechnik oder Spekulation ? Seit längerer Zeit ist es in den Kulturwissenschaften ein Allgemeinplatz, dass auch der Forscher als Subjekt sich im wissenschaftlichen Text aufhält. Objektive Wissenschaft kann es demnach nicht geben. Doch Subjektivität ist kein unvermeidbares Übel, sondern ist für die Analyse von eminenter Wichtigkeit. Insofern plädiere ich für die Spekulation. Aber für eine Spekulation, die es sich trotz allem zur Auflage macht, möglichst viele Dimensionen zu erkennen, um somit auch chaotische Verläufe beschreiben zu können.
1 Charles Percy Snow: Die zwei Kulturen. Rede Lecture, 1959. In: Helmut Kreuzer (Hg.): Die zwei Kulturen. Literarische und naturwissenschaftliche Intelligenz. C.P. Snows These in der Diskussion. München 1987, S. 29.
2 Hilde Domin: Eine Kultur oder keine Kultur - Der Zwei-Kulturen-Streit als Scheinkonflikt. In: Kreuzer (Hg.), wie Anm. 1, S. 181-194, hier S. 182.
3 Max Born: Die Zerstörung der Ethik durch die Naturwissenschaft - Überlegungen eines Physikers. In: Kreuzer (Hg.), wie Anm. 1, S. 254-261.
4 Helmut Kreuzer: Literarische und szientifische Intelligenz. In: Kreuzer (Hg.), wie Anm. 1, S. 202-216.
5 Michael Yudkin: Die »Rede Lecture« von Sir Charles Snow. In: Kreuzer (Hg.), wie Anm. 1, S. 97-104, hier S. 104.
6 John Brockman: Die dritte Kultur. Das Weltbild der modernen Naturwissenschaft. München 1996, S. 16f.
7 Gaston Bachelard: Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes. Beitrag zu einer Psychoanalyse der objektiven Erkenntnis. 2. Aufl. Frankfurt a.M. 1984, S. 254f. Nach einer literarischen Quelle aus dem Jahr 1712.
8 Ebd., S. 256. Nach einer Quelle aus dem 18. Jahrhundert.
9 Ebd., S. 46.
10 Oskar Negt / Alexander Kluge: Geschichte und Eigensinn, Frankfurt a.M. 1981, S. 486.
11 Günter Schulte: Neuromythen. Das Gehirn als Mind Machine und Versteck des Geistes. Frankfurt a.M. 2000.
12 Eva-Maria Engele / Martin Korte: Bewusstsein als Gefühl gesehen. Antonio R. Damasios Entschlüsselungsversuch. In: Merkur 633 (2002), S. 57-60, hier S. 60.
13 Henri Lefebvre: Einführung in die Modernität. Zwölf Präludien. Frankfurt a.M. 1978, S. 302.
14 Karel Kosík: Die Dialektik des Konkreten. Eine Studie zur Problematik des Menschen und der Welt. Frankfurt a.M. 1973, S. 23.
15 Lutz Röhrich: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Band 5. Freiburg / Basel / Wien 1994, S. 1717.
16 Charles Larmore: Der Begriff des Lebensplans. In: Neue Rundschau 1 (2002), S. 41-61, hier S. 42.
17 Ebd., S. 42.
18 Ebd., S. 59.
19 Dietmar Kamper: Zur Geschichte der Einbildungskraft. Reinbek bei Hamburg 1990, S. 87.
20 Willy Hochkeppel: Blumik und Logik. Vom gestörten Verhältnis zwischen Dichtern und Denkern. In: Merkur 634 (2002), S. 102-112.
21 Jan Assmann: Das Ende als Sinngenerator. Zur Kategorie der Resultativität im altägyptischen Denken. In: Cornelia Bohn / Herbert Willems (Hg.): Sinngeneratoren. Fremd- und Selbstthematisierung in soziologisch-historischer Perspektive. Konstanz 2001, S. 249-262, hier S. 260.
22 Jürgen Gerhards: Soziologie der Emotionen. Fragestellungen, Systematik und Perspektiven. Weinheim / München 1988, S. 174.
23 Norbert Fries: Sprache und Emotionen. Ausführungen zum besseren Verständnis. Anregungen zum Nachdenken. Bergisch Gladbach 2000, S. 40.
24 Luc Ciompi: Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Entwurf einer fraktalen Affekt-logik. 2. Aufl., Göttingen 1999, S. 78.
25 Ebd., S. 95-99.
26 Ebd., S. 121.
27 Ebd., S. 143.
28 Roger Caillois: Der Krake. Versuch über die Logik des Imaginativen. München / Wien 1986.
29 Vgl. Fries, wie Anm. 23, S. 67f.
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