(vokus.
volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber:
hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)
Der EURO im Alltag - Nur ein Zahlungsmittel?
Linda Holzgreve und Johannes Müske
Ja, so lautet er, der Titel unseres Projektes, der übrigens
schon ziemlich früh feststand. Wir sind uns nicht einmal sicher, ob wir
uns eigentlich sehr viele Gedanken über ihn gemacht haben, oder ob er aus
praktischen Gründen gewählt wurde. Auf jeden Fall schien er uns passend,
und wie wir feststellen sollten, ist er es auch bis heute. Besonders das Fragezeichen
sitzt an der richtigen Stelle...
Wir hatten es uns zur Aufgabe gemacht, herauszufinden, mit welchen Gefühlen
die Menschen auf den EURO reagieren und wie sie zu der neuen Währung stehen.
Ausschlaggebend für die Entstehung des Projektes und unsere Zusammenarbeit
war also unser gemeinsames Interesse an der Meinung der Bevölkerung.
Die ursprüngliche Idee war, ca. 10-15 Interviews zu führen und darauf
zu achten, dass unter den Befragten auch Menschen sind, die aus beruflichen
Gründen mit dem EURO zu tun haben, also z.B. Bankangestellte, Verkäufer,
Gastronomen etc. Wir hofften, auf diese Weise ein einigermaßen repräsentatives
Ergebnis zu erzielen, welches uns einerseits Aufschluss geben kann über
die tatsächlichen Entwicklungen und andererseits aber auch den Empfindungen
der »Normalverbraucher« gerecht wird.
Wir mussten jedoch bald einsehen, dass wir zu zweit diesen Arbeitsaufwand nicht
innerhalb der Projektlaufzeit würden bewältigen können und gestalteten
daraufhin das Projektkonzept noch einmal um. Wir gingen nun dazu über,
statt der »EURO-Berufsprofis« Zeitungsartikel zu Rate zu ziehen,
die wir von November bis Februar sammelten, und gleichzeitig die Zahl der zu
führenden Interviews auf drei bis vier pro Forscher-Person zu reduzieren.
Da wir das Semester in verschiedenen Städten der Republik verbrachten,
nämlich in Hamburg und Potsdam, handelte es sich bei den Zeitungsartikeln
um Quellen aus dem Hamburger Abendblatt und den Potsdamer Neuesten Nachrichten.
Auch unsere Interviewpartner stammten jeweils aus den neuen und alten Bundesländern.
So konnten wir unsere Ergebnisse auch hinsichtlich dieses regionalen Aspektes
differenziert betrachten.
Unsere Zielhypothese bereitete uns Anfangs ein wenig Schwierigkeiten, deren
Ursache wir einfach einmal in unseren breit gefächerten Interessen vermuten...
Zu guter Letzt einigten wir uns auf vier Kernhypothesen:
Die Umgewöhnung von der DM auf den EURO wird in den Köpfen der Menschen
nicht von heute auf morgen abgeschlossen sein, sondern eine gewisse Zeit in
Anspruch nehmen.
Der »EURO-Hype«, der sich in den letzten Wochen vor seiner Einführung
plötzlich einstellte, wurzelt nicht in einer weit verbreiteten Akzeptanz
des neuen Zahlungsmittels, sondern in der Neugierde der Menschen bzw. in der
Freude der Menschen am Neuen »an sich«.
In den Medien wurde immer wieder davon berichtet, dass den Ostdeutschen der
Abschied von der D-Mark besonders schwer fallen würde, weil sie vierzig
Jahre unerreichtes Objekt der Begierde war. Wir vermuteten, dass hier keine
Unterschiede zwischen Ost und West bestehen.
Die Bürger stehen der politischen Beschwörung, Europa wachse durch
den EURO schneller zusammen, unterschiedlich gegenüber, auf jeden Fall
teilen nicht alle diese immer wieder beschworene Vision.
Im nächsten Schritt unseres Projekts planten wir die Interviews. Um unseren
eigenen Einfluss als Interviewer auf die Gespräche möglichst gering
zu halten und authentische Antworten zu bekommen, entschieden wir uns dazu,
offene Interviews zu führen, denen lediglich ein Leitfaden zu Grunde liegt.
Über die Interviews lässt sich bereits hier vorab sagen, dass grundsätzlich
sehr unterschiedliche Meinungen ans Tageslicht kamen. Trotzdem gab es auch Parallelen,
die z.B. darin bestanden, dass unsere Gesprächspartner bestimmte Themen,
die wir ansprachen, wichtiger fanden als andere. Diese wurden dann entsprechend
ausführlicher und tief gehender behandelt, während andere vernachlässigt
wurden. Um die Aussagen unserer Gesprächspartner in einen Kontext zu fügen,
griffen wir in Ermangelung themennaher volkskundlicher Literatur zu akuten Interferenzen
zwischen Handeln und Meinen auf psychologische Ansätze zurück.
Handlungen und Meinungsänderungen
Wir wollten mit den Interviews herausfinden, wie unsere Gesprächspartner
den EURO sehen oder vor der Umstellung gesehen haben. Deshalb möchten wir
hier kurz Überlegungen der Sozialpsychologen Elliot R. Smith und Diane
M. Mackie vorstellen, warum und wie Menschen ihre Meinung ändern. Die von
diesen Autoren beschriebenen anthropopsychologischen Konzepte zur Informationsverarbeitung
lassen sich nämlich auch mit Blick auf die Meinungsbildung beim EURO anwenden.
Als Menschen müssen wir uns oft in neuen unbekannten Situationen zurecht
finden, welche Reaktionen erfordern, die wir bisher nicht erlernt haben. Neue
Anforderungen verlangen neue Handlungen - diese beeinflussen wiederum unser
Denken. Die Meinung zu einem Sachverhalt (Objekt) setzt sich aus verschiedenen
Komponenten zusammen: Den Eigenschaften dieses Objekts, den Gefühlen und
den Erfahrungen darüber. Die Eigenschaften (cognitive information) sind
die Fakten, die man vom Objekt kennt oder glaubt zu wissen. Mit Gefühlen
(affective information) sind die Emotionen gemeint, die durch das Objekt hervorgerufen
werden. Darüber hinaus bestimmen auch die Erfahrungen und Interaktionen
(behavioral information), die wir mit dem Objekt bereits hatten, das Gesamtbild
der Meinung. Ändern sich die Interaktionen mit einem Objekt, so kann sich
im Resultat auch die Meinung zu diesem Betrachtungsgegenstand ändern.
Das Gehirn versucht, empfangene Informationen in Einklang mit bereits bestehenden
Kenntnissen zu bringen. Wird man mit Situationen konfrontiert, die man nicht
ändern kann und die entgegengesetzt zur ursprünglichen Meinung stehen,
so ändert sich mit der Zeit die Meinung zum Objekt, d.h. es gleichen sich
die Einstellungen den Handlungen an.
Eindrucksvoll wurde dies durch Versuche von Richard Petty und Gary Wells (1980)
bewiesen. Sie zeigten, wie bereits durch einfache Handlungen, durch Kopfbewegungen,
die Meinung beeinflusst wird. Probanden wurde gesagt, sie sollten Kopfhörer
beim Joggen oder Fahrrad Fahren testen. Um die Bewegungen des Radfahrens zu
imitieren, schüttelten sie den Kopf; das Joggen hingegen »bestand»
aus Kopfnicken. Im »Radio» lief währenddessen eine Sendung
über die Hebung, in der Vergleichsgruppe über die Senkung der College-Kosten.
Die Aktionen hatten Einfluss auf die Meinung: Es waren relativ mehr Nickende,
die mit den Meinungen im »Radio« übereinstimmten, währenddessen
mehr Kopfschüttelnde die dargelegten Argumente verneinten.
Leon Festinger, Sozialpsychologe, entwickelte bereits 1957 die Theorie der kognitiven
Dissonanz (theory of cognitive dissonance): Wenn offensichtlich freiwillige
Handlungen in Gegensatz zu einer Meinung stehen, so ergebe dies einen Konflikt,
dessen Gegensätze sehr unangenehm für das Individuum seien. Die Spannung
zwischen ausgeführter Handlung und Meinung schafft die Motivation, die
Meinung zu ändern, da die Handlung ja einen Sinn haben muss. Wieso sollte
man sie sonst begehen? Offenbar ändern Menschen die Meinung zu einem Gegenstand,
um ihre Handlungen zu rechtfertigen.
Theorie und Praxis
Den Interviewleitfaden arbeiteten wir unter der Vorstellung aus, wir seien
selbst die Untersuchten. Es entstand die Frage, wie im Interview in das Thema
eingestiegen werden könne. Der Leitfaden sollte über erste Ideen zum
Thema Geld hinführen auf die persönlichen Erlebnisse und Meinungen.
Wir wollten, dass es den Untersuchten leicht fiele, den Anfang zu finden und
Persönliches zu berichten.
Aber was uns selbst zunächst als einladend erschien, nämlich die Frage
nach »Assoziationen mit dem Begriff Geld«, führte in der Praxis
zu erstaunt hochgezogenen Augenbrauen: Es trat das Ereignis auf, dass die Probanden
sehr schwerfällig eigene Ideen äußerten, weil der Begriff »Assoziationen«
scheinbar zu abstrakt war. Die Vermutung, dass es einfacher sein würde
vom Allgemeinen zum Persönlichen zu kommen, erwies sich als »verkehrt«
- und zwar im Wortsinne. Nach Anregungen im Seminar stellten wir den Einstieg
dergestalt um, dass wir uns dem Thema über die persönlichen
Erlebnisse bzw. Erfahrungen näherten - es funktionierte. Auf diese Weise
bekam das Gespräch eine bessere Dynamik, weil der Interviewte am Anfang
den Schwerpunkt der Themen vorgab und über seine Erinnerung eine bessere
Möglichkeit bekam, »warm« zu werden.
Dem Interviewfaden, bei den ersten beiden Interviews von uns noch beachtet,
wurde für die restlichen Gespräche nicht mehr streng gefolgt. Schwierig
für die Vergleichbarkeit der Interviews untereinander ist daher, dass nicht
immer alle Fragen behandelt wurden, weil das Gespräch einfach anders verlief.
Vor allem Gewichtung und Reihenfolge der Fragen gestaltete sich in den Interviews
jeweils unterschiedlich.
Die Gesprächssituationen waren ähnlich: Man traf sich in der Wohnung
eines der beiden Gesprächspartner und unterhielt sich zunächst über
eher allgemeine Dinge. Dann besann man sich des »eigentlichen« Grundes,
warum man ein Diktiergerät in der Tasche hatte, und fing nach einer kurzen
Einführung mit dem Interview an. Ausnahmen bildeten hier zwei Telephoninterviews.
Manchmal gab es auch Tee oder Zigaretten, die eine gemütliche Atmosphäre
schufen.
Inhaltlich zeigte sich, dass die Interviewten sich bereits öfter mit dem
EURO als Thema in ihrem Alltag beschäftigt hatten. Dies fand aber nicht
auf abstrakter Ebene statt. Man realisierte zwar nicht erst im Januar, dass
alles teurer wurde und kannte auch die These der Politik, dass Europa mittels
der Währung zusammenwachsen werde. Darüber hinaus hatten sich die
Gesprächspartner jedoch kaum mit dem Thema beschäftigt. Es zeigte
sich im Gespräch auch, dass das Thema Währung bzw. Geld überhaupt
bei unseren Probanden lediglich eine untergeordnete Rolle spielt.
Insgesamt lässt sich jedoch sagen, dass die Interviewten auch ohne vorherige
Beschäftigung mit dem Thema wertvolle Ergebnisse lieferten: Sie stellen
einfach den Stand der Kenntnisse über den EURO dar, wie sie ihn persönlich
wahrnehmen. Da das Thema privat nicht tief gehend diskutiert wurde, sind die
Angaben der Probanden wenig verfälscht.
Die Untersuchungskriterien
Um herauszufinden, ob unsere oben aufgeführten Thesen zutreffen, mussten
wir Untersuchungskriterien festlegen, anhand derer wir die Gespräche verglichen.
Diese Kriterien spiegeln sich in den Fragen des Interviewleitfadens wider (siehe
Interviewleitfaden am Ende des Artikels).
Wir versuchten den Einstieg ins Thema mit der Frage nach den ersten persönlichen
Erinnerungen an den Umgang mit Geld. Wir fragten nach den ersten Erfahrungen
mit der Mark und erhielten unterschiedliche Ergebnisse: Erinnerungen an die
Reichs-Mark und Ost-Mark fielen (regional und altersabhängig) ebenso wie
an die D-Mark.
Die Frage, ob die Umgewöhnung leicht fiele oder schwer, sollte klären,
ob der- oder diejenige um die D-Mark trauert. In diese Richtung zielte auch
die Frage, ob man noch weiterhin umrechnen werde. In diesem Kontext trafen die
Probanden oft ohne eine explizite Frage Aussagen darüber, ob sie die Umstellung
insgesamt negativ oder positiv sähen. Ebenso konnte man erfahren, ob sie
Freude am neuen Geld haben oder nicht.
Anschließend gingen wir vom persönlichen Teil auf den etwas politischeren
Teil über. Hier fragten wir nach der Angst vor der Währungsumstellung
oder dem Vertrauen in das neue Geld und ob vielleicht sogar die Gefahr von Wertverlust
und Inflation gesehen werde. Auch fahndeten wir nach Prognosen, ob die viel
beschworene Angleichung / Verständigung zwischen den einzelnen europäischen
Ländern nun besser oder schneller verlaufe.
Die Frage nach der allgemeinen Rolle oder Assoziationen zum Thema Geld für
die jeweilige Person nahm - wie oben beschrieben - nun eine
geringere Stellung ein. Zuletzt fragten wir nach einem Fazit, in dem die Interviewpartner
noch einmal sagen konnten, was ihnen wichtig ist und was vielleicht im Gespräch
untergegangen sein könnte. Hier konnten sie auch ihr allgemeines Gefühl
zur Währungsumstellung darlegen.
Auswertung der Interviews
Wir wollten, gemäß der Hypothesen, unter anderem herausfinden,
ob regionale Unterschiede in der Meinung zum EURO zwischen Ost und West bestehen.
Deshalb teilen wir im Folgenden die Auswertung der Interviews und die Beschreibung
der Ergebnisse, um sie anschließend miteinander zu vergleichen. Die »West-Interviews«
führte Linda, während die »Ost-Interviews« von Johannes
geführt sind.
Auswertung der Interviews West
Die interviewten Personen aus den alten Bundesländern sind dreißig,
fünfzig und vierundachtzig Jahre alt. Die persönliche Einstellung
zum EURO war bei allen sehr verschieden. Unsere ursprüngliche Eingangsfrage
nach Assoziationen beziehungsweise ersten Erinnerungen und persönlicher
Bedeutung von Geld beantworteten alle etwas zögerlich, als wüssten
sie nicht so richtig, worauf wir hinaus wollten.
Im Großen und Ganzen gewann ich den Eindruck, Geld sei für sie mehr
Mittel zum Zweck als Symbolträger. Die einzige Ausnahme war meine älteste
Gesprächspartnerin, die mir sagte, sie hänge sehr an der D-Mark, da
diese für sie ein Symbol des Wohlstands sei. Nach dem Zweiten Weltkrieg
habe die D-Mark das Leben der Menschen verändert, der EURO hingegen habe
für sie nicht diesen symbolischen Wert. Sie fühle sich im Allgemeinen
jedoch nicht persönlich betroffen von dieser Währungsumstellung. Anders
als die 30-jährige Befragte drückte sie zu meinem Erstaunen keine
Angst um den Wert des Geldes aus. Diese jüngere Probandin äußerte,
sie habe in der D-Mark eine starke Währung gesehen, während sie dem
EURO in dieser Hinsicht nicht unbedingt vertraue.
Komplett auf den EURO bereits umgestellt schien mir mein 50-jähriger Gesprächspartner
zu sein, der als Einziger erklärte, er denke bereits nur noch in EURO und
vertraue aufgrund der Konvergenzkriterien auch seiner Stabilität. Seiner
Meinung nach gebe es keinen Grund, warum der EURO nicht genau so eine starke
Währung werden solle wie die D-Mark. Obwohl er sich also schnell umgestellt
hat, gab er doch zu, der D-Mark ein wenig hinterher zu trauern. Er findet, »die
alte Nostalgie« gehe nun verloren.
Diese Nostalgie für die D-Mark teilt er meiner Ansicht nach mit den anderen
beiden Interviewten. Die 84-Jährige verbindet, wie schon erwähnt,
mit der D-Mark eine Zeit, die ihr persönlich Wohlstand brachte, die 30-Jährige
erinnert sich lächelnd an bunte Tüten mit Süßigkeiten,
die in ihrer Kindheit für ein paar Pfennige am Kiosk zu haben waren.
Aber nun ist er da, der EURO, und alle haben sich bereits ein Bild vom ihm gemacht.
Der 50-Jährige erwähnte, dass seine erste Reaktion auf den EURO, nämlich
die Frage nach dem Grund für die Aufgabe der D-Mark, sich nun gewandelt
habe. Er sehe, dass eine gemeinsame Währung für Europa »von
Vorteil« ist. Allerdings betonte er, dass er die Entscheidung für
oder gegen den EURO ja nicht persönlich treffen konnte, da er nicht gefragt
worden sei. Er vermutete, dass er sich andernfalls für die D-Mark ausgesprochen
hätte. Meine 84-jährige Interviewpartnerin zeigte in einer für
mich erstaunlichen Weise eine fast uneingeschränkte Offenheit der neuen
Währung gegenüber. Die Tatsache, dass die Schweiz nicht in der EU
ist und deswegen natürlich auch an der Währungsunion nicht teilnimmt,
irritiert sie allerdings etwas. In ihren Augen hat die Schweiz schon immer Weitblick
bewiesen, sich z.B. auch an den Weltkriegen nicht beteiligt. »Die Schweiz
weiß, was sie tut«, sagte sie mir und drückte auf diese Weise
doch leise Zweifel aus.
Die 30-jährige Befragte empfindet den EURO in erster Linie als preistreibend
und hat deswegen eine eher negative Einstellung. Das einzig Positive sei, dass
man sein Geld nicht mehr umtauschen muss, wenn man in EURO-Land verreist. »Aber«,
schränkt sie gleich ein, »das war ja im Prinzip auch egal [...] man
konnte ja auch mit der ec-Karte einkaufen [...]«.
Obwohl die Preiserhöhung den anderen beiden nicht so auffällig vorkam,
hatten doch alle konkrete Beispiele für teurer gewordene Waren parat. Ist
nun definitiv alles teurer geworden in Deutschland und ist der EURO in Wirklichkeit
ein »TEURO« oder ist das alles nur Panikmache ? Diese Frage gehörte
zu den am ausgiebigsten diskutierten Themen der Interviews, doch klären
konnte ich sie mit keiner der drei Personen.
Immerhin: Wenigstens an den Umrechnungswert zwischen EURO und D-Mark hatten
sich offensichtlich alle gewöhnt. Die These, dass die Gewöhnung an
eine neue Währung eine Zeit lang dauert, sehen wir hier bestätigt.
Zwar gaben die beiden Älteren an, für sie sei die Umstellung so gut
wie abgeschlossen, beziehungsweise gar nicht weiter von Bedeutung. Aber die
Tatsache, dass so lebhaft über eventuelle Preisveränderungen gesprochen
wurde, zeigte, dass der Vergleich zur D-Mark eben doch noch hergestellt wird.
Fakt ist, dass die D-Mark zumindest als »Recheneinheit« noch existiert.
Auch wenn der EURO im Allgemeinen wenig kritisiert wurde, ist von Euphorie doch
nichts zu spüren. Häufig zeigten die Befragten eine Mischung aus Einsicht
und Gleichgültigkeit nach dem Motte: »Ich habe mir die Währung
nicht ausgesucht, aber sie ist ja ganz nützlich.«
Im Zuge des Gesprächs über die aktuelle Preislage kamen wir auf das
Thema »Inflation« zu sprechen, und es stellte sich heraus, dass
nicht, wie von uns angenommen, nur für ältere Menschen ein Zusammenhang
besteht zwischen der Einführung einer neuen Währung und der Angst
vor einer möglichen Entwertung des Geldes. Meine jüngste Interviewpartnerin
sagte, sie nehme diesbezüglich eine »abwartende Haltung« ein.
Richtig konkret seien ihre Bedenken nicht, aber es mache ihr Sorgen, dass der
EURO im Vergleich zum US-Dollar so sehr an Wert verliere und dass so viele,
in ihren Augen wirtschaftlich schwache Länder in der Währungsunion
sind. Daher würde sie eine Erweiterung der Währungsunion begrüßen.
Sie fände es »auf jeden Fall ganz gut«, wenn Staaten mit stabiler
Währung, wie z.B. Großbritannien, zum Beitritt zu bewegen wären.
Ich hatte den Eindruck, sie hat das Gefühl, dass die wirtschaftlich starken
Länder der Währungsunion, also im Grunde Deutschland und Frankreich,
durch die schwächeren zusätzlich belastet werden und wünscht
sich deshalb, dass durch den Beitritt weiterer »starker« Länder
ein Ausgleich stattfindet. Sie glaubt allerdings nicht daran, dass sich an der
bisherigen Konstellation in absehbarer Zeit etwas ändern wird.
Längerfristig kann sie sich auch nicht vorstellen, dass die EURO-Länder
sich preislich so sehr angleichen, dass die Lebenshaltungskosten vergleichbar
wären. Also hofft sie, dass entweder die Gehälter in Deutschland dem
gestiegenen Preisniveau angepasst werden oder dass sich die Preislage wieder
entspannt, damit sich die finanzielle Situation der Menschen in den unteren
Einkommensschichten nicht verschlechtert. Im Gegensatz dazu glaubt der 50-jährige
Befragte an die Preisangleichung zwischen den Ländern der Währungsunion
und zwar in so starkem Ausmaß, dass man als deutscher Tourist in Zukunft
nicht mehr das Gefühl haben könne, im EURO-Land vergleichsweise »reich«
zu sein.
Die 84-jährige Befragte sieht den Schwerpunkt der europäischen Währungsunion
als Einzige nicht so sehr auf der wirtschaftlichen Ebene. Für sie geht
es eher um das Verhältnis zwischen den Kulturen. Sie ist zwar skeptisch,
und Deutschland profitiert ihrer Meinung nach vom EURO wirtschaftlich nicht,
sondern im Gegenteil, es macht eher Verluste. Aber sie hofft, dass die gemeinsame
Währung die Europäer näher zusammenbringen werde und dass es
dadurch weniger Gewalt und Konflikte geben werde. Sie hält dies für
sehr wichtig und die vereinende Idee daher für sehr gut.
Mir ist aufgefallen, dass sie die Einzige meiner Gesprächspartner war,
die den Aspekt der Einigung und Verständigung innerhalb Europas so konkret
benannte. Generell schien sie die »Europäische Idee«, die Politiker
besonders in letzter Zeit so sehr zu verbreiten versuchen, am meisten verinnerlicht
zu haben.
Unabhängig davon, ob sie der neuen Währung gegenüber nun tendenziell
offen oder aber eher misstrauisch waren - alle drei Interviewten hatten bestimmte
politische oder wirtschaftliche Erwartungen an den EURO. Den Vergleich zwischen
EURO und US-Dollar stellten immerhin zwei meiner Interviewpartner von selbst
auf und wagten vorsichtige Prognosen. Der 50-Jährige vertrat die Meinung,
er würde es als Vorteil empfinden, wenn der EURO langfristig ein Gegengewicht
zum Dollar bilden und eventuell weltweit als Zahlungsmittel fungieren würde.
Gegen Ende der Interviews fragten wir nach einem Fazit bzw. nach Dingen, die
wir möglicherweise vergessen haben anzusprechen. Wir wollten unseren Interviewpartnern
auf diese Weise Raum für Anmerkungen lassen, die vielleicht nicht in direktem
Zusammenhang mit unseren Fragen standen. Leider stellte sich heraus, dass diese
Gelegenheit nicht in dem Maße genutzt wurde, wie wir gehofft hatten. Es
stellte sich stattdessen oft wieder die Verlegenheit ein, die zu Beginn der
Gespräche gelegentlich zu spüren war.
Auswertung der Interviews Ost
Um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, waren Interviewte verschiedenen
Alters ausgewählt worden: Die Älteste war einundachtzig Jahre, Rentnerin;
ein Theaterregisseur, zweiundfünfzig Jahre, und zwei Studenten im Alter
von zweiundzwanzig (Psychologie) und dreiundzwanzig Jahren (Musik).
Unsere Eingangsfrage behandelte die ersten Erinnerungen an Geld. Das erste Taschengeld,
Lohn oder Ähnliches. Hier zeigte sich ein interessanter Unterschied zwischen
den Altersgruppen: Die beiden älteren Probanden sprechen vom ersten verdienten
Lohn als ihrem ersten Geld. Erst auf Nachfragen fällt ihnen auch Taschengeld
ein. Im Gegensatz dazu nannten die beiden jüngeren Befragten zuerst Taschengeld
bzw. Geldgeschenke ihr erstes eigenes Geld.
Die älteste Befragte nennt die Reichs-Mark als ihre erste Währung,
die anderen die Mark der DDR, im Folgenden Ost-Mark gegenüber D-Mark genannt.
Alle haben jedoch auch Erinnerungen an die D-Mark.
Ich hatte vermutet, dass speziell bei den Ostdeutschen Erinnerungen an die Währungsunion
auftauchen würden, allerdings trat das nicht ein. Die Erinnerungen waren
persönliche Erlebnisse: Die erste Rente in D-Mark oder kleine Geschenke
von Verwandten aus Westdeutschland. Die Intershops als Läden, mit denen
man in Ostdeutschland mit D-Mark einkaufen konnte (später Forum-Schecks).
Derweil konnte der Musikstudent aber eine spezielle Erinnerung an die D-Mark
»überhaupt nicht« anführen. Dies lässt darauf schließen,
dass die D-Mark nach 1990 als ganz normales Zahlungsmittel wahrgenommen wurde
- wenngleich »schon ein begehrtes Zahlungsmittel«.
Auch die spätere Frage nach der Trauer wurde von allen ostdeutschen Interviewten
verneint. Der Abschied von der D-Mark wurde als absolut nebensächlich wahrgenommen,
»ein bisschen überraschend« - zwei freuten sich sogar richtig
auf den EURO oder fanden ihn gut. Die beiden anderen nahmen die Umstellung sehr
neutral auf. Trauer um die D-Mark ist in keinem der Interviews ein Thema.
Die Seniorin betont, dass »mir der Abschied nicht schwer fiel, eigentlich
nie«, und erinnert sich gleich an die Währungsumstellungen nach dem
Krieg und nach der Wiedervereinigung - lässt aber nicht unerwähnt,
dass »wir glücklich waren, als wir die West-Mark hatten«. Nun
freue sie sich über den EURO.
In den anderen Interviews wird nicht explizit gesagt, dass man nicht der D-Mark
hinterher trauere, allerdings sind die Äußerungen sehr sachlich,
so dass die Vermutung nahe liegt, dass die Probanden überhaupt keiner Währung
nachtrauern würden. Der Psychologiestudent spricht lediglich davon, dass
ihm der Umgang mit dem Geld sehr vertraut war. Offenbar handelte es sich bei
allen Befragten nicht um Personen, die eine emotionale Bindung zu Geld aufbauen
können.
Hier stimmt das Bild vom Ostdeutschen, der in der D-Mark einen hohen Symbolgehalt
sieht, nicht mit der Realität überein. Wir vermuten, dass die Befragten
durch mehrmalige Währungsumstellungen bereits daran gewöhnt sind,
neue Scheine und Münzen zu begrüßen. Auch boten die vorangegangenen
Währungen entweder nicht die Substanz (Ost-Mark) oder die Zeit (D-Mark),
eine starke emotionale Bindung dazu aufzubauen. Man wuchs eben nicht damit auf
und kaufte sich sein erstes Auto mit D-Mark.
Die Umgewöhnung vom alten zum neuen Geld fiel den beiden älteren Personen
seltsamerweise leichter als den Studenten. Sowohl die Seniorin (»Ich rechne
nur in EURO. Man muss nur aufpassen mit den Cent.«) als auch der Zweiundfünfzigjährige
(»Dieses Gefühl für die Zahlen, das war relativ schwierig zu
entwickeln [...] hat sich aber schnell umgestellt.«) rechnen nach eigenen
Angaben nicht mehr um - und zwar schon von den ersten Tagen an. Demgegenüber
sagt der Psychologe, er »rechne immer alles mal zwei«, der Musiker
»denkt automatisch in DM-Beträgen«.
Dieses Ergebnis hat uns verblüfft, stimmt aber mit unseren eigenen Erfahrungen
überein: Auch die Autoren dieser Zeilen rechnen immer noch oft um. Warum
diese Umstellung für Jüngere offenbar schwieriger zu bewerkstelligen
ist, als für Ältere, können wir nicht erklären. Die These,
dass die Umgewöhnung längere Zeit brauchen würde, bestätigte
sich hier nur teilweise.
Wir wollten auch herausfinden, wie die Interviewpartner die Umstellung zum EURO
persönlich insgesamt sehen und ob sie sich freuten. Der Psychologe sagt,
er »finde ihn deswegen gut«, weil er Europa zusammenführe und
die Verständigung zwischen den Völkern fördere. Der Musiker meint,
dass Politiker und Banker »sich mehr mit der ganzen Sache auseinander
gesetzt haben als einfache Menschen«, sieht jedoch unmittelbar für
sich eher Nachteile durch die allgemeine Teuerung. Die Rentnerin sieht ȟberhaupt
keine Probleme« und ist »froh, dass wir den EURO haben«, beklagt
aber, dass der Einzelhandel versteckt die Preise angehoben habe. Am neutralsten
äußert sich der Theatermann, der im EURO lediglich »ein fremdes
Zahlungsmittel, mehr nicht«, sieht.
Hier war unsere These, dass die Freude am EURO eigentlich nur die Freude am
Neuen ist, nicht nachweisbar. Zwei Probanden äußerten sich deutlich
dazu, dass sie den EURO gut fänden oder sich freuten. Man darf nicht unterstellen,
dass das anders gemeint sein könnte. Die anderen beiden geben gar kein
Gesamtbild zu ihrer Einstellung ab. Hier liegen die Voraussetzungen der These
nicht vor.
Nähern wir uns dem etwas politischeren Teil. Auf die Frage, ob die Europäische
Einigung durch die Einführung einer gemeinsamen Währung schneller
erreicht werde, antworteten die Befragten höchst unterschiedlich. Regisseur
und Musiker sprachen dem EURO eine identitätsstiftende Wirkung eher ab.
Sie sahen zwar, dass das Reisen erleichtert werde, schrieben dem EURO aber insgesamt
für Europa und seine Integration eine eher geringe Wirkung zu: Der Ältere
meint, »dass der Effekt eher marginal ist». Der Jüngere vermutet,
dass die innereuropäische Verständigung tendenziell sogar leiden werde,
weil alle Preise und Löhne absolut vergleichbar werden. Die »Arbeitnehmer
werden nicht verstehen, weshalb irgendjemand weniger verdient für den gleichen
Job«, obwohl die Lebenshaltungskosten vergleichbar seien. Er führt
die deutsche Wiedervereinigung an, bei der »die gleichen Leute, mit dem
gleichen kulturellen Background seit zehn Jahren immer noch nicht richtig zusammen
sind«. Er meint, dass ein gesellschaftspolitischer Prozess nicht durch
eine Währung ausgelöst werden kann, dass das aber wahrscheinlich auch
nicht der Sinn des EURO gewesen sei. Nur langfristig, »in zwanzig oder
dreißig Jahren vielleicht«, hält er eine gemeinsame Identität
für möglich.
Demgegenüber schreibt der Psychologiestudent dem EURO »auf alle Fälle«
eine identitätsstiftende Wirkung für Europa zu. Außerdem würde
der Tourismus gefördert werden und dadurch »die verschiedenen Kulturen
zusammengeführt«. Auch wirtschaftlich würde die Kommunikation
besser funktionieren.
Die Antwort der Seniorin ist kurz und optimistisch: »Ja, das hat man doch
damit erreichen wollen, dass das zusammenwächst!« Drei der Befragten
äußern zudem die Hoffnung, dass der EURO ein weltweit anerkanntes
Zahlungsmittel als Gegengewicht zum Dollar wird. Der Zweiundfünfzigjährige
hegt Zweifel daran, ob der EURO in Osteuropa je die Stellung wieder erreichen
könne, die die D-Mark innehatte.
Hier bestätigt sich unsere These voll: Bereits in dieser kleinen Gruppe
sind vier verschiedene Meinungen vertreten: Herbe Kritik, Skepsis, Überzeugtheit
von den öffentlichen Argumenten bis hin zu einer Das-wird-schon-stimmen-Meinung.
Es zeigt sich, dass die Befragten sich über die Bedeutung des EURO für
Europa keineswegs einig sind.
Gleichwohl überwiegt hier die Skepsis: Wenn etwas immer und immer wiederholt
wird, »soll irgendwas abgeschwächt werden« (Musiker) - vielleicht
Kritik am neuen Geld ? In drei von vier Interviews - die beiden Studenten und
die Rentnerin - wird den Politikern und sonstigen EURO-Entscheidern finanzpolitische
Kompetenz eingeräumt. Obwohl man es selbst nicht so genau weiß, was
mit dem EURO wird, glaubt man, dass an den wichtigen Stellen mehr Wissen zur
Geldpolitik vorhanden ist und dass gute Gründe Europas Politik zu dieser
Währungsumstellung bewegt haben.
Zuletzt baten wir die Interviewten, in einem Fazit darzulegen, was ihnen noch
wichtig ist, aber vielleicht bisher nicht behandelt wurde. Auch hier fielen
die Statements verschieden aus. Zwei Probanden, Psychologiestudent und Regisseur,
sprechen zuerst die Preiserhöhungen an, die sie kritisieren. Der Student
ergänzt, er sei »generell aber froh, dass der EURO da ist«,
und er freue sich schon auf seinen nächsten Urlaub. Der Regisseur fügt
an, dass man »nicht jeden Mist kaufen« müsse und dass sich
durch »Kaufverzicht« Erhöhungen wieder regulieren würden.
Außerdem lobt er die Umstellung, die »gemessen an der Umstellung
von der Ost- auf D-Mark ziemlich glatt verlaufen« sei, geradezu »eigentlich
ein Kinderspiel«.
Ein anderes Fazit gibt die ältere Dame: »Ich freue mich über
den EURO, wirklich. Das Geld gefällt mir auch. Wenn`s noch mal so viel
wäre, wär`s natürlich schöner«. Dies ist das positivste
Fazit. Nachdenklichere Töne schlägt der Musikstudent an. Er hofft,
dass von »diesen ganzen Positiv- und Politikerreden vielleicht [...] was
für die ganzen Leute halt wahr wird. Denn das Schlechteste, was passieren
könnte, wäre tatsächlich ein wirtschaftlicher Abschwung.«
Großer Unmut herrscht darüber, dass die Preise angestiegen sind.
Dies wurde in allen Interviews gesagt, in zweien sogar im Schlusswort. Der Gesamteindruck
der Interviewpartner zur EURO-Einführung fällt in dieser Schlusssequenz
höchst unterschiedlich aus, was auf unterschiedliche Begeisterungsfähigkeit
aber auch auf unterschiedliche Beschäftigung mit dem Thema zurückzuführen
ist. Für einige ist bereits das Geld, was sie in ihren Händen halten,
der Beweis, dass der EURO eine gute Währung ist, andere warten in ihrer
Meinungseinstellung lieber ab, weil sie die Lage noch nicht beurteilen möchten.
Im Überblick über alle Interviews ergibt sich der Eindruck, dass die
EURO-Einführung privat für Unmut sorgt, weil die Preise erhöht
wurden, dass man allerdings die Notwendigkeit einer gemeinsamen Europäischen
Währung weder leugnen noch bestätigen kann. Hier traut man anderen
Entscheidungsträgern eine höhere Kompetenz zu, die man jedoch zugleich
skeptisch hinterfragt.
Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Erstaunlicherweise stellten wir bei unseren Gesprächspartnern fest,
dass sich die beiden Senioren und Fünfzigjährigen schneller an den
EURO gewöhnt haben als die Jüngeren. Die ersteren sagten von sich,
dass sie nicht mehr in D-Mark umrechnen. Hingegen die Jüngeren im Alter
von zweiundzwanzig bis dreißig Jahren sagten, dass sie oft D-Mark-Preise
im Kopf haben.
Bei den Erinnerungen und bei der Frage, ob man um die D-Mark trauere, traten
Unterschiede zwischen Ost und West auf. Zwei westdeutsche Gesprächspartner
sagten, sie fänden es »schade«, dass die D-Mark geht. Dies
war entgegen der öffentlichen Meinungsbilder bei keinem der Ostdeutschen
der Fall.
Die Mehrzahl der Interviewten konnte sich an Erlebnisse mit der D-Mark gut erinnern.
Bei den meisten handelte es sich um Kindheitserinnerungen, denn dies ist auch
die Phase, in der man zuerst mit Geld in Berührung kommt.
Fast alle Befragten hatten gemeinsam, dass sie den EURO skeptisch wahrnehmen.
Sie sehen - unabhängig von ihrer Herkunft - den Vorteil einer gemeinsamen
Währung für Europa. Allerdings hatten zwei Befragte aus den alten
Ländern Bedenken bezüglich des wirtschaftlichen Nutzens für die
Bundesrepublik. Lediglich die Seniorin aus Ostdeutschland hatte überhaupt
keine Angst vor der Umstellung.
Große Meinungsvielfalt herrschte in der Frage, ob Europa durch die EURO-Einführung
schneller zusammenfinden würde. Die beiden ältesten Befragten glauben,
dass der EURO für die innereuropäische Einigung sehr wichtig ist,
während die Jüngeren keine feste Aussage treffen wollen. Sie wägen
eher Für und Wider ab und rechnen frühestens in zwanzig oder dreißig
Jahren mit einer gemeinsamen Europäischen Identität. Ob der EURO bei
dieser Identitätsbildung eine große oder eine untergeordnete Rolle
spielt, darüber lagen verschiedene Meinungen vor.
Unter den Befragten aus den alten Bundesländern kam die Frage auf, ob sich
das Preisniveau in Europa angleichen würde oder die bisherigen Unterschiede
bestehen bleiben. Das spielte bei den Befragten Ost keine Rolle.
Jeweils zwei Befragte aus den Gruppen sprachen an, dass der EURO ein Gegengewicht
zum Dollar bilden könnte. Dies wurde jedoch unterschiedlich beurteilt:
Zur Hälfte waren die Befragten der Meinung, dass eine gemeinsame Europäische
Währung ebenso stark werden könne wie der Dollar (oder auch Yen),
die andere Hälfte bezweifelte, ob der EURO die Rolle der D-Mark übernehmen
oder sogar übertreffen könne. Dies gilt besonders im Hinblick auf
die osteuropäischen Länder, in denen die D-Mark stärker vertreten
war als der Dollar. Auch hier zeigten sich keine Unterschiede zwischen Ost und
West.
Im Fazit sprachen die Interviewten entweder gar nichts an, oder sie kamen (teilweise
wiederholt) auf die Preiserhöhungen zu sprechen.
Es lassen sich keine in unserem empirischen Material begründbaren Unterschiede
zwischen Ost und West feststellen, eher altersspezifische Differenzen. Die aufgezeigten
Unterschiede können ebenso aus der Tagesverfassung oder aus dem speziellen
Gesprächsverlauf resultieren. Allerdings ist die untersuchte Gruppe letztlich
auch zu klein, um verallgemeinernde Aussagen zu treffen.
Einziger kleiner Unterschied war, dass eher bei den Westdeutschen eine größere
Bindung zur D-Mark vorzufinden war. Dies zeigte sich darin, dass sie es zum
Teil schade fanden (im Gegensatz zu den Ostdeutschen), sich von der D-Mark zu
verabschieden.
Inhaltsanalyse Zeitungsartikel
Wir hatten, wie oben dargelegt, ursprünglich vor, EURO-Profis zum Euro
zu befragen. Da dies den Rahmen gesprengt hätte, haben wir uns dafür
entschieden, Zeitungsartikel als Repräsentanten der Meinung der »Öffentlichkeit«
zu untersuchen. Hier stellt sich natürlich die Frage, inwieweit Zeitungen
überhaupt Realität abbilden oder vielleicht eher konstruieren...
Nach einem halben Jahr fleißiger Lektüre des Hamburger Abendblattes
und der Potsdamer Neuesten Nachrichten lässt sich auch hier zumindest eins
mit Sicherheit sagen: In ihrer Berichterstattung über die Einführung
des EURO unterschieden beide Blätter sich nicht besonders. Es bot sich
uns eine Vielzahl von Artikeln, Meinungsumfragen und Checklisten. Die Artikel
reichten von kleinen Randnotizen (PNN 17.01.02 »Darf auch der Papst Euro-Münzen
prägen?« - Er darf, aber nur Münzen.) bis hin zu ausgedehnten
Berichten über die historischen Hintergründe Europas. Mal berichtete
der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, wie kompliziert der Weg von der
Konzeption des EURO bis zur Ausgabe des neuen Bargelds tatsächlich war,
mal kam die ältere Generation zu Wort, und der Leser erfuhr etwas über
die Ära der Reichs-Mark.
So interessant diese Auswahl und thematische Breite klingt, die Berichte waren
nach einem einfachen Prinzip gestrickt und leicht zu durchschauen. Den Machern
ging es offensichtlich darum, ein positives Bild des EURO zu konstruieren und
dem Leser auf diese Weise das Vertrauen in die Währung zu lehren. Die Autoren
erwiesen sich dabei als geschickte Grenzgänger, konnten doch weder die
»Liste der Preiserhöhungen« noch der »Euroschock«
ihrer überschwänglichen Euphorie etwas anhaben. Fröhlich verkündeten
sie, die Akzeptanz des Geldes nehme innerhalb der Bevölkerung immer mehr
zu, Hamburg etwa befinde sich in »Tausch-rausch«. Bei Gelegenheit
wurde dies mit dem Zitat eines Hamburgers dann auch gleich »bewiesen«.
Auch die neuen Sicherheitsmerkmale des Geldes wurden immer wieder aufgelistet
und Überschriften, wie zum Beispiel: »Die Rente in EURO
- ganz sicher«, oder »Wie können Blinde das neue Geld erkennen?«
(PNN, 30.11.01) sollten auch den Ängstlichsten beruhigen. Wem das nicht
ausreichte, der fand alle paar Tage eine neue Service-Telefonnummer, unter der
ein EURO-Experte Fragen beantwortete.
Vieles wiederholte sich einfach. Nachdem zum zehnten Mal darauf hingewiesen
wurde, dass die D-Mark noch bis zum 28. Februar diesen Jahres (2002) ihre offizielle
Kaufkraft als auslaufende Parallelwährung behalten würde, fingen wir
an, uns zu fragen, ob die Redakteure davon ausgingen, dass es niemanden gab,
der ihre Zeitung jeden Tag liest.
Bei der Zeitungsrecherche fiel uns auf, dass die Berichterstattung zum EURO
wohl vor allem zur Meinungsbildung »pro EURO« dienen sollte und
nicht immer Abbild der öffentlichen Meinung war. Besonders nach Neujahr
begann ein regelrechter medialer »EURO-Hype«, der von unseren Befragten
so nicht bestätigt werden konnte. Keiner hatte sich mit dem Thema derart
ausführlich beschäftigt, wie man es anhand der Artikelfülle vermuten
konnte. Selbst Leserbriefautoren zeigten sich genervt: So zitiert das Hamburger
Abendblatt am 04.01.2002 folgenden Brief: »Ich denke, eine Währungsumstellung
ist nichts, was man derart hochschaukeln sollte.« Doch saß das Abendblatt
am längeren Hebel: »Der EURO betrifft uns alle und ist sehr wichtig.«
Ergebnis
Das oben ausgeführte Modell im theoretischen Teil besagt, dass neue
Anforderungen an Menschen auch neue Handlungen verlangen. Die Handlungen haben
neben den Kenntnissen und dem Gefühl für einen Sachverhalt ebenfalls
Einfluss auf die Gesamtmeinung.
Es war auffällig, dass keine Extrem-Meinungen gegen oder für EURO
und D-Mark vorlagen. Die Interviews fanden alle nach der EURO-Einführung
statt. Wir können deswegen nicht sagen, ob bei unseren Befragten der bloße
Umgang mit dem neuen Geld einen Stimmungsumschwung hervorrief. In einem Interview
äußerte eine Befragte jedoch, dass sie vor der Einführung Angst
hatte, ob sich mit dem EURO alles verändert. Nach der Umstellung traten
jedoch keine großen Veränderungen ein,
außer, dass jetzt mit schönem neuen Geld die Geschäfte getätigt
wurden. Es könnte zu einem nicht geringen Teil auf den Umgang mit dem Geld
zurückgeführt werden, dass die Befragte den EURO plötzlich sehr
gut findet.
Bezüglich der Zeitungen und unseren Befragten stellten wir fest, dass ein
großer Unterschied in der Wahrnehmung bestand: Das Thema spielte privat
keine so große Rolle, wie man auf Grund der Berichterstattung hätte
annehmen können. Spielte es aber eine Rolle, dann keineswegs unkritisch.
Falls das Ziel der Presse jedoch war, durch positive Berichte die Menschen zu
beruhigen, so ist ihr das gelungen.
Wir beobachteten bei keinem der Gesprächspartner eine hohe Abneigung gegen
den EURO, obwohl teilweise Gefahren wie Inflation oder Wirtschaftsabschwung
gesehen wurden. Wir vermuten, dass durch den täglichen Gebrauch des EURO,
also durch die neu ausgeführten Handlungen, auch die Gesamtmeinung oder
vorher existierende Ängste gemäßigt wurden.
Literatur
Antonio Arez: Die Macht sozialer Gewohnheit. Hamburg 1995.
Dieter Baacke: Massenmedien. In: Flick, Uwe u.a. (Hg).: Handbuch Qualitative
Sozialforschung.
Oliver Driesen: Die Trennung tut sehr weh. Interview mit Michael Schütz.
In: Die Woche, vom 02.11.2001.
Michael Hampe: Im Netz der Gewohnheit: Ein philosophisches Lesebuch. Hamburg
1993.
Helmut Schmidt: Einer für alle. In: Die Zeit, Nr. 47, 2001.
Bigitta Schmidt-Lauber: Das qualitative Interview oder: Die Kunst des Reden-Lassens.
In: Silke Göttsch / Albrecht Lehmann (Hg.): Methoden der Volkskunde. Berlin
2001.
Elliot R. Smith / Diane M. Mackie: Social
Psycology. Santa Barbara Calif. 1995.
Dirk Wendt: Allgemeine Psychologie I. Kiel 1989.
Interviewleitfaden
Zuerst stehen objektbezogene Fragen, einerseits, um die Interviewsituation herzustellen,
andererseits zum Hineindenken in das Thema. Im zweiten Teil kommen die Fragen
nach der persönlichen Beziehung zu einer Währung und subjektiven Stellungnahmen.
Flexible Umstellungen im Interview waren möglich - situationsbezogen.
Könnten Sie uns spontane Assoziationen nennen, die Ihnen beim Thema »Geld«
einfallen ?
Ordnen Sie einige dieser Attribute einer der beiden Währungen DM oder EURO
zu ? Wenn ja, welche zu welcher ?
Wie lange gehen Sie schon mit Geld um ?
Würden Sie sagen, dass Sie sich an die DM gewöhnt haben ? Können
Sie bestimmte Beispiele nennen ?
Haben sich bei Ihnen bestimmte Kennziffern verankert, die Sie abrufen - zum
Beispiel beim Preisvergleich ?
Haben Sie bestimmte Erinnerungen an die DM, nostalgische Verbindungen oder spezielle
Szenen, die Ihnen einfallen ?
Kennen Sie bestimmte Schlagworte, die Sie mit der neuen Währung verbinden
?
Woher kennen Sie diese ?
Können Sie sich an bestimmte Werbeslogans aus TV oder Zeitungen / Zeitschriften
erinnern ? Wenn ja, welche ?
Haben Sie bestimmte Erwartungen oder Hoffnungen, die Sie an den EURO knüpfen
?
Haben Sie sogar Prognosen ?
Möchten Sie noch einmal ein zusammenfassendes Fazit geben ?