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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)
Ein Jahr im Ausland - dann klappt´s auch mit dem EURO?Julia Grösch
Der EURO ist da. Manche Menschen wurden stetig an der Supermarktkasse von hinten angesprochen: »Na, ham`se schon gesehen? Der EURO...«. Andere rechnen fälschlicherweise 2,50 DM in 5 EURO um. Und wieder andere werden noch heute jedes Mal von Neuem schlagartig daran erinnert, wenn sie ihr Portemonnaie aufmachen: Der EURO ist da.
Fast täglich beschäftigen wir uns mit Münzen, Scheinen und Preisen, meist relativ unbewusst und selbstverständlich. Auf einmal, mit Einführung des EURO, achten wir ständig auf Preise, gucken ins Portemonnaie, ob sich darin vielleicht schon eine EURO-Münze aus Italien findet, und drehen jeden Cent dreimal um, bevor wir ihn ausgeben.
Wie aber läuft dieser Prozess ab, bis wir mit dem EURO genauso selbstverständlich umgehen wie mit Mark und Pfennig? Wie bauen wir die neue Währung nach und nach in unseren Alltag ein, gewöhnen uns an sie?
Und - was das Thema der folgenden Ausführungen ist - wie erleben dabei speziell diejenigen jungen Leute die EURO-Einführung, wenn sie sich vorher bereits einmal während eines längeren Auslandsaufenthaltes an die dortige Währung gewöhnt haben? Gibt es hierbei einerseits Parallelen im Gewöhnungsprozess, d.h. gehen sie auch jetzt schnell und sicher mit dem EURO um? Und auf der anderen Seite, als was lässt sich »Gewöhnung«
definieren, und wann kann man den Gewöhnungsprozess als abgeschlossen bezeichnen ?
Diesen Fragestellungen bin ich in meiner Feldforschung im Rahmen des Seminars »Countdown Euro - Menschen und Medien: Einstellungen und Umgang mit dem Euro in der Einführungsphase« in mehreren Interviews mit zwei Informantinnen nachgegangen. Beide waren vor bzw. während ihres Studiums für eine längere Zeit im Ausland. Birgit, Anfang 20, absolvierte nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr in Estland, und Ellen, Mitte 20, verbrachte während des Studiums ein Jahr in Kanada.
Die Interviews wurden vor dem Bargeld-Umtausch sowie knapp einen Monat nach der EURO-Einführung geführt. In dem ersten leitfadenorientierten Interview Mitte Dezember 2001 sollte es im Wesentlichen um die Erfahrungen der beiden Interviewten mit der jeweiligen Landeswährung sowie - in einer Art Ausblick - um ihre Erwartungen hinsichtlich des künftigen Umgangs mit dem EURO gehen.
Vom Umgang mit fremden Währungen
Im Gegensatz zur allgemeinen Stimmung kurz vor der EURO-Einführung, wo man durch fast hysterische Szenen in Banken das Gefühl bekam, ohne StarterKit und das vorherige Betrachten der Münzen nicht überleben zu können, verhält man sich vor einer Auslandsreise offenbar anders.
So hielten zwar beide vor Antritt ihrer Reise schon mal estnische Kronen bzw. kanadische Dollar in der Hand, allerdings nicht im Sinne einer geplanten Vorbereitung auf die fremde Währung. Birgit hatte während eines Skandinavienurlaubs bereits einen kurzen Abstecher nach Estland gemacht. Da sie schon hier gut mit dem Preisumrechnen und Sortieren der Geldstücke zurecht kam, ließ sie auch den längeren Aufenthalt einfach auf sich zukommen. Ellen erhielt bereits im Vorfeld der Reise Münzen von ihrer Mutter, die diese noch von einem früheren Aufenthalt übrig hatte. Allerdings beschäftigte auch sie sich nicht näher mit ihnen, da »man sowieso schon daran gewöhnt« sei, wenn man öfter im Ausland Urlaub mache.
Zudem hatte sie selbst bereits Auslandsaufenthalte bis zu einer Dauer von drei Monaten hinter sich gebracht.
In Estland selbst, so Birgit, habe sie die Münzen und Scheine ohne Probleme auseinander halten können. Was hier möglicherweise hilfreich war, ist die Tatsache, dass sie sich zumindest mit den Scheinen näher beschäftigte: »Ich fand das Geld sehr hübsch. [...] Ich fand`s sehr interessant, dass man dort auch ein bisschen über die estnische Kultur, über bestimmte Persönlichkeiten, die es in der Geschichte gegeben hatte, erfahren konnte. [...] Die Geldscheine sind ja auch immer Kulturträger.«
Ihre Motivation, mehr über das Land zu erfahren, zeigt sich auch beim Umrechnen der Preise: »Deswegen hab` ich mir wohl auch die Mühe gemacht, das umzurechnen [...] Ich wollte unheimlich viel über die ökonomische Situation im Allgemeinen erfahren und hab` das dann auch anhand meiner Alltagserfahrungen mit den Lebensmitteln [...] versucht, herauszufinden.«
Die Armut in ihrer sozialen Umgebung in Estland brachte sie dazu, also ebenfalls sparsam zu leben, sich den dortigen Verhältnissen anzupassen und auch verstärkt umzurechnen. Hier scheint demnach vor allem die häufige Beschäftigung mit dem Vergleichen von Preisen innerhalb Estlands und auch zu Deutschland zur Gewöhnung an die fremde Währung beigetragen zu haben. Ähnlich - so meine Vermutung - wird sie sich wohl auch hinsichtlich des EURO verhalten, denn im ersten Interview prognostiziert sie für ihren mutmaßlichen Umgang mit der neuen Währung: »Deswegen bin ich immer auch noch ein bisschen sparsam [...]. Deswegen werde ich wahrscheinlich dazu übergehen, umzurechnen.«
Etwas anders verhält es sich bei der Frage nach der Gewöhnung an die fremde bzw. neue Währung. Einen Punkt auszumachen, wo es genauso normal ist, mit der estnischen Krone wie mit der D-Mark umzugehen, wo Gewöhnung also als abgeschlossen bezeichnet werden könnte, erweist sich für Birgit als sehr schwierig. Einerseits musste sie zwar immer noch rechnen und die Preise durch »acht« teilen; sie habe sich »immer noch den Betrag im Kopf gedacht [...]. Bis zum Ende sozusagen.« Andererseits, so Birgit, habe sie sich nach einiger Zeit »ganz selten gesagt, das sind so-und-so viel Mark.« Eigentlich formuliert sie hier einen logischen Widerspruch. Doch handelt es sich bei den Preiswahrnehmungen schließlich teilweise um Produkte des täglichen Lebens, wo sich schon nach mehrmaligem Kauf ein Gefühl für den Preis bzw. den Wert einstellte. Darüber hinaus waren die Produkte meist auch unverzichtbar. Demnach spielte der Preis also eher eine untergeordnete Rolle.
Im Gegensatz dazu stehen dann Artikel, bei denen sie erst entscheiden wollte, ob sie sie sich leisten könnte bzw. ob der Preis angemessen war. Hier bemühte sie sich deshalb noch extra, genau umzurechnen.
Die individuelle Schwierigkeit, benennen zu können, ob oder wann die Gewöhnung abgeschlossen war, ließe sich daraus erklären, dass das Umrechnen dort »eben mit dazu gehört. [...] Da waren sowieso so viele Dinge, die neu waren, das war nur ein Teil der neuen Kultur.« Der Umgang mit der Währung hat also im Rahmen des umfassenden Kulturkontaktes nicht eine derart herausragende Rolle gespielt und wird dementsprechend schwer erinnert.
Andere Dinge erforderten mehr Aufmerksamkeit und drängten Münzen, Scheine und Preise in den Hintergrund der bewussten Wahrnehmung und dies vor allem da, wo sich schon eine gewisse Routine eingestellt hatte.
Bei der EURO-Einführung hingegen müsste bei Birgit allerdings - so meine Hypothese für die zweite Befragung im Anschluss an den Bargeld-Wechsel - eine größere Konzentration auf die neue Währung zu erwarten sein, da es hierbei ja keine weiteren allgemeinen Neuerungen hinsichtlich der Lebensumstände oder Umgebung wie bei einem Auslandsaufenthalt gibt.
Ähnlich wie bei Birgit verhält es sich mit Ellens Erfahrungen, die den
Umgang mit den kanadischen Dollar sowie das Bezahlen damit von Anfang an »nicht komisch« fand. Allerdings räumte sie ein, teilweise Schwierigkeiten gehabt zu haben, bestimmte Münzen zu unterscheiden. Im Gegensatz zu Birgit sah sie sich auch nie bewusst Scheine an, um mehr über Kanada zu erfahren: »Ich hab` mir das nie auf den DM-Scheinen angeguckt, geschweige denn auf den Dollar-Scheinen. [...] [Geld] ist halt nur ein Zahlungsmittel und nichts, was einen Wert an sich hat.«
In Bezug auf die Umrechnung von Preisen lassen sich Parallelen zwischen beiden Interviewten erkennen. Auch für Ellen scheint es nicht leicht zu sein, die Gewöhnung zu beschreiben, da sie »bis zum Schluss teilweise noch umgerechnet« habe. Hier aber unterscheidet auch sie zwischen dem täglichen Supermarkteinkauf und »größeren Sachen«.
Einen Zeitpunkt oder einen bewussten Prozess der Gewöhnung auszumachen, erweist sich aber als schwer möglich: »[...] vielleicht ist das auch einfach geschätzt von mir im Nachhinein, aber so nach zweieinhalb Monaten [...] oder vielleicht schon nach einem Monat« sei das Umrechnen im Supermarkt vorbei gewesen. Letztlich habe sie sich aber doch noch auf die D-Mark als Maßstab bezogen. Beim Aufenthalt selbst ist ihr allerdings kein Übergang aufgefallen bzw. hat sie dem keine derartige Aufmerksamkeit geschenkt, so dass sie heute noch ihre Erinnerung präzisieren könnte.
Es fällt deutlich auf, dass bei beiden die Schnelligkeit, sich zumindest an die Preise zu gewöhnen, stark vom jeweiligen Umrechnungskurs abhängt. Bei einem früherem Aufenthalt Ellens in Togo - bei einem Kurs von 1 zu 300 - war ein Gefühl für den Wert des Geldes erst spät entstanden, und sie musste stets auf ihre Ausgaben achten. Birgit profitierte von dem Kurs in Estland von 1 zu 8, so dass ihr das rechnerische Überschlagen im Kopf leicht fiel.
Probleme traten für sie, wenn auch nur bei einem Kurzaufenthalt in Lettland, hingegen auf, denn dort ist 1 DM ca. 0,32 Latt wert: »Das war wirklich eine unangenehme Erfahrung. Ich dachte, ich hab` ja nur so ein Fitzel Geld in der Hand [...]. Wenn man das dann noch «mal» einen Betrag nehmen muss, der dann auch noch krumm ist. Umgekehrt, das zu teilen, war irgendwie spaßvoller.« Hier kam also zum Umrechnen noch das ungute Gefühl hinzu, für sein Geld plötzlich weniger zu bekommen. Daher hatte sie ihren Aussagen zufolge stärker das Bedürfnis, auf die Preise zu achten und ihre Ausgaben zu prüfen, sowie die Aufmerksamkeit bewusst darauf zu lenken.
Einen »krummen« Kurs auch beim EURO berechnen zu müssen, fürchtet Birgit daher: »Ich würde es auch nur ganz, ganz grob überschlagen, ohne Kommastelle.« Und obwohl sie »nicht so fit« sei, wenn sie sonst umrechne, zeigt sich hier doch eine gewisse »Bedenkenlosigkeit« bezüglich der EURO-Einführung. So verzichtet sie etwa auf den Kauf eines EURO-Rechners oder das Beschaffen einer Umrechnungstabelle: »Da wäre ich wohl zu faul.« Das richtige Interesse - so meint sie - werde sich bei ihr wohl auch erst einstellen, wenn viele Leute den EURO benutzen. Im Gegensatz zu den Menschen, die für ihre »StarterKits« lange bei Banken anstanden, sei es bei ihr nicht so, dass »ich jetzt stolz wäre, ich besitze schon am ersten Tag der Ausgabe einen Euro.«
Zum Zeitpunkt des Interviews - also Mitte Dezember - bezeichnet Birgit sich noch als »wirklich ziemlich uninformiert«. Sie hat sich mit dem konkreten Aussehen der Münzen und Scheine noch nicht näher befasst. Selten habe sie neben den DM-Auszeichnungen auch die EURO-Preise beachtet, da es »so schneller geht bei der Entscheidungsfindung.« Demnach lässt Birgit alles auf sich zukommen, greift allerdings auch hier wieder den Aspekt des Geldes als »Kulturträger« auf: »Ein bisschen trauert man ja auch der Individualität der nationalen Währung nach [...] Weil durch die estnische Währung [...] habe ich ja auch etwas über das Land erfahren.« Bei den nationalen Symbolen auf der Rückseite der EURO-Münzen kommt es ihr demnach auch hauptsächlich darauf an, dass sie »Teile der jeweiligen differenzierten Kultur« sind und nicht nur »irgendwelche philosophischen Ideen über Europa«.
Ellen dagegen, die der Bezeichnung von Scheinen als Kulturträger nicht zustimmen konnte, hatte sich bei einem Mitbewohner bereits dessen StarterKit-Münzen angesehen, kam jedoch eher durch dessen Interesse und den »Wirbel« in Medien und Bevölkerung darauf, sie überhaupt näher zu betrachten: »Für mich ist das eigentlich gar nicht so wichtig, wie die aussehen [...]. Ich bin bei den Dollar nicht so drauf gekommen, da mal raufzugucken.« An anderer Stelle zeigt sich, dass bei ihr gleichwohl ein gewisses Interesse am Aussehen der Münzen und dem unterschiedlichen Design vorhanden ist: »Ich hab` es bei französischen [Münzen] mal so gemacht, weil ich die so schön fand, die innen eine andere Farbe hatten als außen. Das gibt`s ja bei dem EURO jetzt auch. So`was fällt auf, aber so kleinere Details [...]«.
Im Gegensatz zum ersten Kontakt mit den kanadischen Dollar, den Ellen als »normal« empfand, würde sie bei den EURO sogar der Bezeichnung »Spielgeld« zustimmen, »weil es so glitzerig war, die goldenen Münzen und es war eher so, dass es halt schön aussieht , aber es ist wirklich so eher zum Angucken. Nicht so zum Bezahlen sozusagen.«
Ellen vermutet allerdings auch, »dass da in einem Jahr oder so, niemand mehr drüber reden wird«, wie die Münzen entworfen seien. Mit Blick auf den Akt des Umrechnens räumt sie ein, dass es ebenfalls »noch `ne ganze Zeit« dauern wird, auch wenn sie erwartet, dass man es »automatisch«
machen werde; vor allem aufgrund des einfach zu rechnenden Wechselkurses von etwa 1 zu 2, den auch sie einem präzisen EURO-Rechner vorziehen will.
Ebenso wie Birgit hat Ellen die doppelten Preisauszeichnungen kaum beachtet. Bei ihr scheint dies damit zusammenzuhängen, dass sie - ihren Aussagen nach - generell nicht genau auf Preise achtet: »Beim Einkaufen im Supermarkt geb` ich einfach Geld aus und achte gar nicht so darauf, was die einzelnen Sachen kosten.« Trotz der Bedenken, dass sie einen Preisanstieg vielleicht nicht einmal bemerken würde, wird sie beim EURO aber wohl auch nicht bewusster auf die Auszeichnungen achten.
Diese Offenheit gegenüber dem EURO und die wenigen Bedenken
hinsichtlich des eigenen Umgangs mit ihm lässt sich für beide Interviewpartnerinnen damit erklären, dass sie sich emotional wenig an die D-Mark gebunden fühlen. Sie verbinden keine Begriffe wie »Stabilität« oder »Sicherheit«, die etwaige Abschieds- oder Verlustgefühle eher verstärken würden, mit der deutschen Währung.
Ellen: »Es gibt ja auch diese EURO-Werbung im Fernsehen, «Wir haben alle unsere Träume mit der D-Mark bezahlt.» Das finde ich halt ein bisschen albern, weil ich diesen Zusammenhang einfach so nicht sehe.« Im Allgemeinen scheint bei ihr also nationale oder lebensgeschichtliche Identität nicht über die Währungen vermittelt zu werden, was ihr auch ein Lösen von der alten deutschen Währung erleichtert, da ja so kein Stück der eigenen Identität mit verloren geht.
Solch eine Tendenz zeigt sich auch bei Birgit: »Ich trauer` nicht speziell der deutschen Währung nach, dass sie z.B. schöner ausgesehen haben soll. Da häng` ich emotional gar nicht dran.« Anscheinend hat sich hier jedoch in den letzten Jahren ihre Einstellung geändert, da sie als Kind Anfang der 1990er Jahre unbedingt einen der alten D-Mark-Geldscheine aufheben wollte und über deren Aussortierung traurig war. Ihre einzige Motivation, jetzt wiederum einige Exemplare von der D-Mark aufzuheben, liegt darin, diese später vielleicht ihren Kindern zeigen zu können. Der gleiche Grund, nicht alle DM in EURO umzutauschen, findet sich bei Ellen. Sie hat
allerdings für sich noch »nicht so realisiert, dass es einmal für immer ist«, die D-Mark also nicht wiederkommt.
Zumindest vom Gefühl her liegt hier ein gravierender Unterschied zum Urlaub, da es jetzt nicht um »einmal Tauschen und wieder zurück« gehe und dies schon ein komisches Gefühl verursache.
Ein weiterer Aspekt, den Birgit äußert, ist, dass bei der EURO-Einführung im eigenen Land schließlich jeder mit den EURO zurechtkommen muss: »Man kann nicht wieder nach Hause zurückkehren, dann wird alles leichter.« Auch sie beschäftigt demnach der Gedanke des endgültigen Abschieds von der DM. Einerseits erwartet sie beim EURO ein neu aufkommendes Solidaritätsgefühl, wenn sich alle den gleichen alltäglichen Problemen beim Münzen-Suchen und beim Umrechnen gegenüber sehen. Auf der anderen Seite werde jedoch das lange Herumkramen im Portemonnaie im Ausland noch eher entschuldigt als im eigenen Land, da man dort schließlich z.B. als Tourist nicht die Übung haben kann, hier aber schließlich ständig damit zurechtkommen muss und vielleicht erwartet wird, dass man sich um eine schnelle Gewöhnung im Umgang mit dem EURO bemüht.
Müssten beide Interviewpartnerinnen nun nicht eigentlich relativ wenig Bedenken in Bezug auf den Umgang mit neuen Münzen und Scheinen haben, da sie doch einen ähnlichen Prozess bereits einmal durchlebt haben ? Einen Vorteil, sich schneller umzustellen, räumt sich Birgit jedoch nur
bedingt ein. Vielleicht sei sie etwas »geschulter« darin.
Die Untersuchungshypothesen waren genau auf diese »Geübtheit« gerichtet, die eine schnellere Gewöhnung an den EURO vermuten ließ. Ob dies dann auch so sein würde, das sollten die Nachfolgeinterviews etwa drei Wochen nach der EURO-Einführung zeigen.
Der EURO ist da
Wie lief nun im Einzelnen der Umgang mit dem EURO bis Mitte Januar, dem Zeitpunkt des jeweils zweiten Interviews, ab ? Kann man bereits von Gewöhnung sprechen, und wann könnte man sie als abgeschlossen bezeichnen ?
Wie schon Mitte Dezember von beiden angekündigt, verzichteten
sowohl Birgit als auch Ellen tatsächlich auf eine »geplante« Vorbereitung. Die ersten EURO erhielten beide über Auszahlungen am Bankautomaten. Ellen bekam jedoch zu Weihnachten bereits ein StarterKit mit Münzen. Und sie stand an Silvester sogar mit Freunden auf deren Idee hin am Geldautomaten nach Scheinen an, die sie anschließend auch gleich ausgaben.
Es fällt auf, dass Ellen sich extra vorgenommen hatte, so schnell wie möglich alle noch vorhandenen DM einzutauschen und so etwaigen Problemen mit zwei Währungen gleichzeitig im Portemonnaie aus dem Weg zu gehen. Hier zeigt sich also doch eine gewisse Planung, diese war wohl intensiv von der Berichterstattung in den Medien beeinflusst, ein Umstand, der ja entfällt, wenn man lediglich ins Ausland fährt.
Weil in der Bank stets zu lange Wartezeiten waren, bezahlte Ellen dann doch »nochmal mit `nem 20-DM Schein [...] und von daher fand ich`s gar nicht gut.« Aufgrund der öffentlichen Diskussion, in der vielfach geäußert wurde, zwei Währungen gleichzeitig würden nur Probleme mit sich bringen, versuchte sie also möglichst schnell, sich auf den EURO umzustellen. Auch bei Birgit taucht die Rolle der Medien auf, die ihr durch die Sondersendungen und Umfragen in der Bevölkerung das Gefühl vermittelten,
»es müsste eine wirklich große Umstellung sein«, viel mehr Probleme mit sich bringen als es letztendlich dann waren.
Birgits erwartetes Solidaritätsgefühl in der Bevölkerung ist bei ihr inzwischen eher der Befürchtung gewichen, dass besonders Kassierer sich
»belästigt« fühlen oder gereizt reagieren könnten, wenn sie selbst zu lange braucht, passend zu zahlen oder noch DM nutzen möchte. Wäre sie sich über die richtige Höhe des Rückgelds unsicher, »hätte ich mich nicht
getraut, nachzufragen«, obwohl es auch »verständnisvolle Blicke von den Verkäufern« gab. Ein gewisses unsicheres Gefühl zeigt sich bei Birgit auch bei der Frage, ob 50 Cent, immerhin ca. 1,00 DM, ein angemessenes Trinkgeld im Cafe seien oder sich doch als zu »gering« erwiesen für die Kellner: »Ja, mir wäre es auch unangenehm. Vielleicht würde ich es einfach geben. [...] Ich würde eher versuchen, mit anderen zusammenzulegen [...], damit es nicht ganz so billig aussieht.«
Das Empfinden für den Wert des EURO scheint bei ihr nach ca. drei Wochen insgesamt noch nicht so vorhanden zu sein. Sie nimmt deutlich mehr Bargeld mit, weil zwar die Beträge nur auf halb so viel lauten, sie aber sonst fürchtet, nicht genug dabei zu haben. Demnach trifft sie also gewisse Vorsichtsmaßnahmen, um sich selbst sicherer zu fühlen. Bei bestimmten, öfter gekauften Produkten scheint sich dagegen bereits ein Gespür für den Wert bzw. den Preis eingestellt zu haben, so dass sie sagen kann, ob sie zu teuer sind.
Ähnlich schwierig jedoch wie bei Birgits Erzählungen aus Estland verhält es sich bei mit der Beurteilung, wie das Umrechnen in EURO verläuft. Aufgrund der Einfachheit, hier in Deutschland den Faktor »zwei« zu nutzen, lässt sich nicht klar sagen, ob ein wirkliches Rechnen vorliegt. Ganz ohne Vergleich zu DM-Beträgen gehe es allerdings noch nicht, so dass häufiger schnell der Preis überschlagen wird und seltener der Preisvergleich zu anderen EURO-Auszeichnungen stattfindet.
Beim Aussehen der Münzen zieht Birgit einen Vergleich zur DM, um die subjektive Wertigkeit zu beschreiben: »Ich hab` so den Eindruck, »Na ja,
50 Cent, was ist das schon [...]» Dabei ist das umgerechnet schon eine Mark. Aber weil sie diese Messingfarbe haben, nehm` ich sie nicht so ganz ernst. Wenn sie silbern wären, würden sie ernster genommen werden.«
Birgit räumt dem Umgewöhnungsprozess noch ca. ein Jahr Dauer ein, sieht sich selbst darin aber als schon »relativ weit vorne«. Auch wenn sie sich bereits eine gewisse Sicherheit im Umgang mit dem EURO zutraut, fehlen ihr noch die Routine wie z.B. das Erkennen der Scheine nach Farben und die Sicherheit im Unterscheiden der sich ähnelnden 1- und 2-EURO-Münzen. Ihrer Aussage nach ist aber genau diese unreflektierte Selbst-
verständlichkeit im Umgang mit dem neuen Geld entscheidend für eine vollständige Gewöhnung.
Diese Probleme werden von ihr aber dennoch nicht für derart gravierend gehalten, dass sie nicht zumindest für sich selbst die Gewöhnung als ziemlich weit fortgeschritten bezeichnen kann. Es überwiegt also bereits nach kurzer Zeit das subjektive Gefühl, mit dem Geld zurecht zu kommen, über die tatsächliche Normalität bzw. noch vorhandene Unsicherheit im realen Umgang.
Wo bei Birgit allerdings das Umrechnen »ganz automatisch« funktioniert, da bemüht sie sich doch bewusst bei eher geringen Beträgen, den Preis zu prüfen: »Wenn es so ein «Pfennigwelt«-Laden ist, in dem man erwartet, dass die Dinge besonders billig sind, da würde ich schon umrechnen. [...] Wenn es so Cent-Beträge sind, damit hätte ich schon Probleme, weil es eben unter 1 EURO ist.« Die von ihr für sich als typisch gekennzeichnete Sparsamkeit wird sich wohl auch fortsetzen, da sie auch bei eher billigen Produkten nicht einfach kauft, ohne zu vergleichen. Ellen hingegen, die sich auch DM-Auszeichnungen nicht besonders gut merken konnte, passt im Moment interessanterweise eher noch weniger auf Preise auf. Obwohl ihr dennoch schon oft Erhöhungen begegnet sind, gibt sie aber das Geld aus, weil »ich zum Beispiel denke, so `ne Suppe von 50 Cent ist ja total billig, und es ist ja eigentlich relativ normal, eine Suppe für eine Mark.« Auch bei ihr scheinen sich nach drei bis vier Wochen weder das Wertverhältnis noch die Unterscheidung der Münzen eingependelt zu
haben: »Also, ich verwechsel` immer die 5-Cent Stücke, weil ich denke, die müssten irgendwie gold sein wie die 10- und 20-Cent Stücke. Die 50-Cent gefallen mir auch nicht so wie sie sind, weil das ja die frühere Mark ist und ja auch häufig benutzt wird.«
Obwohl sich Ellen »immer noch so wenig an `ne Währung gebunden wie vorher« fühlt und Birgit sich keinen besonderen Bezug zur DM einräumt und sich selbst als »Mensch, der Dinge schnell so akzeptiert«,
bezeichnet, äußern doch beide die Ansicht, das 50-Cent Stück als Nachfolger der alten 1 DM könnte doch angemessener und repräsentativer aussehen. Birgits ursprünglich eher geringes Interesse am EURO ist z.B. über Plakate mit den Münzen der verschiedenen Teilnehmerländer inzwischen gestiegen. Damit wird ihre Auffassung des Geldes als »Kulturträger«
gestützt und daher sieht sie sich jetzt auch bewusster die Münzen an: »Bis jetzt hab` ich noch keinen EURO eines anderen Landes in den Händen
gehabt. Das fände ich sehr spannend, wenn es irgendwann so weit
vermischt wird.« Obwohl Ellen sich zuvor im ersten Interview nicht der Kennzeichnung des Geldes als »Kulturträger« anschloss und es ihr »mittlerweile egal« ist, dass die Motive der Münzen schöner sein könnten, sah sie sie sich doch näher an und hat sich auch vorgenommen, »so schnell wie möglich, irgendwelche ausländischen Münzen zu besorgen, die vielleicht hübscher sind.«
Ihr erstes Bezahlen mit EURO in der Mensa empfand Ellen zwar schon als »ganz normal«. Trotzdem rechnet sie noch um, »auf jeden Fall«, außer z.B. in der Mensa, wo sie jetzt nach öfteren Besuchen einfach zahlt, was anfällt. Der Umgewöhnung räumt sie noch eine Dauer von ca. 2-6 Monaten ein, was aber nicht heiße, dass sie im Einzelfall nicht auch danach noch umrechnen würde. Laut ihrer eigenen Definition von Gewöhnung bedeutet das, dass »man also vergisst, wie das mal mit der D-Mark war und wie die Preise waren. Und man es mit dem vergleicht, wie es jetzt letzte Woche oder vor einem Monat war.» Aber selbst dann wäre noch keine vollständige Gewöhnung eingetreten.
Resumee
Inwieweit ist das aber nun überhaupt miteinander vergleichbar: einerseits ein Aufenthalt im Ausland, wo das ungewohnte Geld nur ein Aspekt des »Neuen« unter vielen ist, und andererseits die EURO-Einführung in unserer vertrauten Umgebung, wo wir plötzlich für Produkte, die wir jahrelang gekauft haben, gänzlich andere Preise zahlen und darüber hinaus auch noch mit neuen Scheinen und Münzen zurecht kommen müssen ?
Im Unterschied zu einem bloßen Urlaubsaufenthalt werde es, so Ellen, beim EURO doch länger dauern, weil «hier hab` ich immer mit D-Mark bezahlt [...], in der normalen Umgebung hat man da doch noch so`n bisschen mehr Bindung dazu«. Auch Birgit sieht das so: »Wenn man es hier umrechnet, ist es fast noch bedeutsamer, weil die Produkte die ganze Zeit dasselbe gekostet haben.« Ihr Aufenthalt in Estland verschaffe ihr dabei keinen Vorteil, sie sei nur vielleicht etwas trainierter, denke aber »nicht bewusst, es ist dieselbe Situation.« Hier fühlt sie sich noch bei jedem Bezahlen daran erinnert: »Oh, wir haben ja 'ne neue Währung.« Bei Ellen scheint der Unterschied eher darin zu liegen, dass sie es nicht allzu merkwürdig findet, neue Münzen zu sehen, und «dass ich es weniger spektakulär finde, diese Umstellung. Dass ich da weniger Bedürfnis habe, drüber zu reden.«
Zur Gewöhnung tragen nach Aussagen beider mehrere kurze Auslandsaufenthalte viel mehr bei als ein längerer Aufenthalt. Denn bei den kurzen
Reisen müsse man ständig mit anderen Kursen und Geldstücken zurecht kommen, also schneller neue Dinge auffassen bzw. man kann diesem Vorgang nichts «Außergewöhnliches« mehr beimessen.
Als schwierig erweist es sich für beide Interviewpartnerinnen, hinsichtlich des weiteren Umgangs mit dem EURO und der fortschreitenden Gewöhnung einen Ausblick zu geben. Da die jeweils zweiten Interviews aufgrund der Projektplanung für die Feldforschung bereits Mitte Januar stattfanden, waren nur Aussagen über den Umgang mit dem EURO während der ersten Wochen zu erhalten. Es kann jedoch bei beiden festgestellt werden, dass noch nicht einmal nach dem jeweiligen Jahr ihres Auslandsaufenthaltes vom Abschluss der Gewöhnung gesprochen werden konnte. Denn zumindest im Einzelfall wurde noch in D-Mark zurück gerechnet, auch wenn keine der beiden dies als problematisch empfand und sich durchaus als »eingewöhnt« wahrnahm.
Hier liegt ein Unterschied zwischen der »wirklichen« Gewöhnung, d.h. dem realen Umgang mit der neuen Währung in der Praxis, sowie dem Gefühl, sich bereits gewöhnt zu haben. Es scheint Differenzen zu geben zwischen Handlung und Wahrnehmung: Es wird angenommen, dass der Prozess schon weit fortgeschritten ist, man sich also sicherer fühlt, als es
eigentlich der Fall ist. Sowohl bei ihren Auslandsaufenthalten als auch bei der EURO-Einführung bezeichnen sich beide Interviewten als schon relativ sicher im Umgang, räumen eher geringe Probleme ein. Doch der Bezug zur D-Mark ist keineswegs verschwunden, und auch die von beiden selbst als notwendig definierten Fertigkeiten, wie z.B. absolute Sicherheit im Unterscheiden von Münzen und Scheinen, sind noch nicht vorhanden.
Abschließend lässt sich für meine beiden Interviewpartnerinnen feststellen, dass die Aufmerksamkeit auf Preise bzw. Münzen und Scheine zwar bereits abnahm und sich eine gewisse Routine einstellte. Aber von einer absoluten Verankerung der jeweiligen Auslandswährung bzw. des EURO und dem »Vergessen« des ursprünglich Gewöhnten, der D-Mark, kann noch nicht die Rede sein.
Hierbei kommt es offenbar darauf an, ob und wie man sich auf den Prozess überhaupt einlässt, ob man sich also schnell nur noch auf den EURO
bezieht bzw. sich darum bemüht: »Ich zum Beispiel«, sagt Birgit. »werde schon in EURO reden.« Oder ob man emotional-nostalgisch noch an der DM hängt, immer wieder den Vergleich zu ihr geradezu sucht und damit den sowieso schon lange dauernden Gewöhnungsprozess verbal oder mental immer wieder unterbricht.
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