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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)
Vom Entstehen und Verschwinden einer politischen SageMarkus Denkhaus
Einleitung
Während der Vorbereitung zu einer regionalgeschichtlichen Arbeit stieß ich bei Zeitzeugengesprächen wiederholt auf eine Geschichte über hingerichtete deutsche Soldaten am Ende des 2. Weltkriegs. Bei dieser Geschichte handelte es sich ursprünglich um eine Erzählung, die inzwischen die Form einer Sage annimmt. Im Folgendem soll die Erzählung selbst, ihre Ent-stehung und die Hintergründe, die Auswirkung dieser Erzählung und ihre Umdeutung dargestellt werden. Dabei ist die vorliegende Arbeit als Fall-studie für die Bedeutung des kulturellen Gedächtnisses zu betrachten.
Jan Assmann zufolge ist das »kulturelle Gedächtnis« zunächst ein Sammelbegriff für alles Wissen, das im spezifischen Interaktionsrahmen einer Gesellschaft Handeln und Erleben steuert und von Generation zu Generation zur wiederholten Einübung und Einweisung ansteht.1 Nach seiner Definition zeichnet sich das »kulturelle Gedächtnis« durch Alltagsferne im Sinne einer Alltagstranszendenz aus.
»Es stützt sich auf Fixpunkte, die gerade nicht mit der Gegenwart mitwandern, sondern als schicksalhaft und bedeutsam markiert werden und durch kulturelle Formung (Texte, Riten, Denkmäler) und institutionalisierte Kommunikation (Rezitation, Begehung, Betrachtung) wachgehalten werden«.2
Weitere Kennzeichen des »kulturellen Gedächtnisses« sind Identitäts-konkretheit und Rekonstruktivität. Identitätskonkretheit bedeutet, dass eine Personengruppe einen Wissensvorrat hat und dass dieser Wissensvorrat eine konstitutive Bedeutung für die Identität dieser Gruppe hat. Dass also aus einer Personengruppe eine »Wir-Gruppe« entsteht.3 Rekonstruktivität bedeutet, dass sich das Wissen der »Wir-Gruppe« auf die Gegenwart bezieht.
»Jan Assmann zufolge existiert das >kulturelle Gedächtnis< in zwei Modi, nämlich in der Potentialität des in Archiven, Bildern und Handlungsmustern gespeicherten Wissens, und als Aktualität, also in dem, was aus diesem unermesslichen Bestand nach Maßgabe von Gegenwartsinteressen verwendet wird. Als weitere Merkmale des >kulturellen Gedächtnisses< nennt Assmann seine Geformtheit - etwa durch Schrift, Bilder und Riten-, und seine Organisiertheit - durch Zeremonalisierung oder durch Spezialisierung von Erinnerungsexperten - und schließlich seine Verbindlichkeit, das heißt, es ist durch einen normativen Anspruch gekennzeichnet, der den kulturellen Wissensvorrat und Symbolhaushalt strukturiert.«4
Dem gegenüber ist das »kommunikative Gedächtnis« durch ein hohes Maß an Unspezialisiertheit, Rollenreziprozität, thematische Unfestgelegtheit und Unorganisiertheit gekennzeichnet. Es lebt in interaktiver Praxis im Spannungsfeld der Vergegenwärtigung von Vergangenem durch Individuen und Gruppen.5 Man könnte das »kommunikative Gedächtnis« als eigensinnige Verständigung der Gruppenmitglieder darüber, was sie für ihre partikulare Vergangenheit im Wechselspiel mit der identitätskonkreten Großerzählung der Wir-Gruppe halten und welche Bedeutung sie dieser beilegen, bezeichnen.6
»Kulturelles und kommunikatives Gedächtnis sind mithin nur analytisch zu trennen; in der Erinnerungspraxis der Individuen und sozialen Gruppen sind ihre Formen und Praktiken interdependent, weshalb sich die Gestalt des kulturellen Gedächtnisses auch - zumindest über längere Zeitabschnitte hinweg - wandelt, indem bestimmte Aspekte ab- und andere aufgewertet und wieder andere neu hinzugefügt werden. Ein gemeinsames Merkmal von »kulturellen« und »kommunikativen« Gedächtnis liegt darin, daß beide Gedächtnisformen vorwiegend intentional mit der Vergangenheit umgehen; es geht hier um bewußte oder zumindest bewußtseinsprägende Praktiken der Kommunikation und Formung von Vergangenheit.«7
Die Erzählung
Den Ausgangspunkt meines Interesses bildet das transkribierte Interview mit einem älteren Einwohner von Ehestorf.8 Die entscheidenden Passagen aus diesem Gespräch geben die Sage wieder, wie sie - zumindest bei den älteren Ortsbewohnern - noch bekannt ist bzw. zum Erzählgut gehört.
»Ja, mein Name ist X. Ich bin seit über 50 Jahren Bürgermeister. Ich persönlich war fünf Jahre im Krieg- nur im Osten- in Rußland und bin fünfmal verwundet und bin erst Ende, also im Spätherbst 1945 aus dem Lazarett entlassen wurden. Von Bayern nach Munster Lager und von dort aus nach Hause. Und ich bin seitdem also auch schwerbehindert.
Nach dem Kriege hat mir der frühere Bürgermeister, Herr Y aus Vahrendorf, der hat mir über die letzten Kriegstage hier in Ehestorf, Vahrendorf, Sottorf, hat er mir so Einiges erzählt, also auch von Mann zu Mann, und er selber war auch lange Zeit bei der Polizei eingesetzt hier in Harburg, so als Ordnungshüter, und er erzählte, ja, er hat also Etliches auch von den letzten Kriegstagen hier in Ehestorf, Vahrendorf, Sottorf mitbekommen.
Er erzählte mir unter anderem, dass bei den schweren Kampfhandlungen in den letzten Kriegstagen, wo die deutschen Einheiten, also meistens Hitlerjugend und auch ältere Soldaten stationiert waren, - an der Haake, da als Schutz war der Panzergraben - dann mehrfach dann zum Gegenangriff gestartet sind in den Raum von Vahrendorf bis nach Sottorf. Wo da denn die Engländer stationiert waren. Und da ist es dann zu Kampfhandlungen gekommen. Und er (der Bürgermeister von Vahrendorf) sagte mir, daß auch viele Ein- und Zweimannlöcher gegraben wurden, wo die Deutschen dann Schutz gesucht haben vor den Engländern, in Schützenlinie, weil die Engländer mit schweren Waffen, mit Artillerie und auch mit Panzern angegriffen haben und wo unsere dann zuletzt bei den Kampfhandlungen auch überhaupt nicht mehr rückwärts gehen konnten, überhaupt nicht mehr den Kopf hochhalten konnten aus dem Graben, sonst wären sie also sofort erledigt gewesen. Und dann haben sich die Deutschen ergeben müssen, weil sie also restlos unterlegen waren, praktisch nicht nur in der Materialschlacht, sondern auch in der Personenzahl, und dann soll ein englischer Feldwebel, der soll denn entlang auf dem freien Feld, hier zwischen Ehestorf Richtung Vahrendorf, längs marschiert sein, den Graben entlang, das war ungefähr dort, wo hier die Ehestorfer Kreisstraße ist Richtung Vahrendorf/Sottorf, also auf freien Feld. Und dann hat er, so hat er mir erzählt, da soll es Zeugen gegeben haben, mit einer Maschinenpistole hat er alle Deutschen die noch lebten, die hatten sich ja verschanzt, mit Genickschuß erledigt haben. Und diese gefallenen und erschossenen Soldaten, die sind nachher eingesammelt worden und die sind dann nachher später in das Bomben- also einige, die sind auch verwundet gewesen, die also vorher schon verwundet gewesen auch ins Krankenhaus nach Buchholz gekommen- und die anderen, die sind in das Bombenloch auf dem Wittschen Hof in Vahrendorf in ein großen Bombenloch hineingeworfen worden. Man hat ihnen die Kennzeichen abgebrochen, so hat er mir erzählt, und die wurden dann irgendwie mitgenommen. Die sollen später irgendwie wiederaufgetaucht sein und er sagte mir, einen Teil davon hat man an dem früheren Schützenhaus in Vahrendorf, auf dem Grundstück Erhorn hat man sie wiedergefunden, die Hälfte dieser abgebrochenen Kennzeichen mit den einzelnen Nummern.
Bei den weiteren Kämpfen, so sagte mir Herr Y, und das hat auch ihm ein alter Mann bestätigt, der auf dem Wittschen Hof in Vahrendorf nicht mehr praktisch fliehen konnte, weil er gebrechlich war, er konnte aber von oben von dem großen Wohnhaus beobachten, wie von den englischen Einheiten junge SS-Leute sind gefangen genommen worden und die sind in den ehemaligen Stallungen, heute ist das ein neuausgebautes Wohnhaus, sind die standrechtlich erschossen wurden. Und zwar immer in der Weise, daß immer einer sich da zum Erschießen zurechtmachen mußte und drei Schützen, drei Soldaten, mußten also auf Befehl, nicht einzeln, nicht im Kampf, sondern auf höheren Befehl, haben dann diese SS-Männer erschossen. Das ist später, so wie ich dann erfahren habe, auch von anderen Leuten, auch von einem ehemaligen SS-Mann, haben alle diese erschossenen Leute Brustschüsse erhalten, und zwar immer drei Schüsse waren zu sehen, auch bei diesen Knochenuntersuchungen, die auch eingeschickt wurden, und das soll auch in geheimen, daß hab' ich auch später in der Presse gelesen, also unabhängig voneinander, sollen diese Dokumente geheim aufbewahrt worden sein. Und das ist- also die Öffentlichkeit ist natürlich sehr vorsichtig, mit der Darlegung dieser Äußerung, und weil man eben praktisch so ein bißchen Angst hatte, wenn man nun den Engländern diese Greueltaten vorwirft. Aber nach alldem was ich so selber gehört habe aus verschiedenen Seiten, vor allen Dingen der Bürgermeister Y, der war ein ganz ehrlicher, korrekter Mann, ist auf jeden Fall etliches Wahres daran und vielleicht wird noch einmal die Zukunft, wenn diese geheimnisvollen Hinterlegungen mit den Gutachten der Erschießungen mit den drei Schüssen durch die Brust, doch irgendwie noch mal freigeben.
Also, das war erstmal so einiges, was ich also glaubhaft auch hier nachsagen darf. Diese Gefallenen, die in das Bombenloch geworfen worden sind, sind dann später auf dem Ehrenfriedhof in Vahrendorf beigesetzt worden. Und zwar der Bauer Witt, auf dessen Hof sich dieses Bombenloch befand, hat auch dieses Gelände für den Ehrenfriedhof auf diesem hohen Gelände zwischen Vahrendorf mit Sicht auf Sottorf gespendet. Einmal, weil er selbst ein überzeugter Mann war, der sich also für Deutschland eingesetzt hatte und sein Sohn war auch im Kriege selbst gefallen, und hatte sich dadurch ausbedungen, daß auch sein Sohn hier ein Gedenkstein bekommt. Und aus diesem Grunde hat er das ganze Gelände vom Ehrenfriedhof dann auch gespendet.
Das sind so meine Erinnerungen, die ich so von vielen Seiten, die mir zugetragen wurden, und zumindestens ist ein großer Teil der Ausführungen bestimmt in Wirklichkeit auch so geschehen«.
Von dieser Erzählung gibt es verschiedene Varianten. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Variationen.
Tod durch Genickschuss Tod durch Brustschuss Exekution im Graben (Variante a) x Exekution beim Wittschen Hof (Variante b) x Exekution beim Wittschen Hof (Variante c) x Exekutionen im Graben und beim Wittschen Hof (Variante d) x x Eine Variante beinhaltet nur den ersten Teil der obigen Erzählung. Demnach wurden deutsche Soldaten der Waffen-SS in ihrem Graben von einem britischen Feldwebel, nachdem sie sich ergeben hatten, durch Genickschuss getötet. Die zweite Version besagt, dass die deutschen Soldaten nach ihrer Gefangennahme von den Engländern zum Wittschen Hof geführt und dort durch Genickschüsse hingerichtet wurden. Die dritte Variante berichtet davon, dass die deutschen Soldaten beim Wittschen Hof von den Engländer durch Brustschüsse hingerichtet wurden. Die vierte Variante geht davon aus, dass einige deutsche Soldaten im Grabenstück von einem britischen Feldwebel durch Genickschuss und andere gefangen genommene Soldaten beim Wittschen Hof durch Brustschüsse exekutiert wurden.
Über diese angeblichen Geschehnisse berichtete auch die Presse, zunächst die seriöse Regionalpresse, später auch die rechtsextreme Presse, so etwa:
Versuch einer Rekonstruktion des Kriegsgeschehens vom 20.-27. April 1945 in den beiden Ortschaften
Die Tage bis zum 20. April 1945 waren in den beiden Ortschaften durch Tieffliegerangriffe bestimmt. In der Zeit zwischen dem 15. und 20. April 1945 begann sich die Bevölkerung auf die heranrückende Front vorzubereiten. Panzersperren wurden errichtet und als weitere Vorbereitungs-maßnahmen verpackten die Menschen Lebensmittel und Wertsachen in Milchkannen und vergruben sie in den Gärten. Die in den Ortschaften vorhandenen Luftschutzstollen wurden nochmals ausgebessert und verstärkt und Lebensmittel in den Kellern eingelagert.9
Am 20. April 1945 marschierten die britischen Soldaten zunächst in Sottorf ein. Am 19. April 1945 kündigte sich das Herannahen der Engländer durch Geschützdonner an, und einzelne deutsche Soldaten waren zu sehen, die in Richtung Harburg vor den heranrückenden Briten zurück wichen.10 Vereinzelt kam es zum Schusswechsel zwischen deutschen Soldaten, die sich vor dem Ort oder am Ortsrand verschanzt hatten und den britischen Panzern.11 Bei diesen Schusswechseln wurden in Sottorf zwei Häuser in Brand geschossen. Von dort aus rückten die Engländer am gleichen Tag weiter bis Vahrendorf und Alvesen vor.
Nach den übereinstimmenden Zeitzeugenaussagen erfolgte die Besetzung der Orte durch die Engländer immer nach dem gleichen Muster. Danach besetzten die Engländer die Orte und richteten auf bestimmten Gehöfen Gefechtsstände ein. Die Soldaten nahmen den Bewohnern die Uhren ab und holten sich Lebensmittel, die sie benötigten aus den Häusern. Alle Fahrräder, Ferngläser und Waffen mussten abgegeben werden. Diese wurden in den Gefechtsständen auf einen Haufen aufgeschichtet und anschließend von einem Panzers, der über diesen Haufen fuhr, zerstört.
In den darauffolgenden Tagen erhielt die Bevölkerung die Aufforderung, sich zum Abtransport aus der Kampfzone bereitzumachen. Die Engländer evakuierten die Bevölkerung mit Lastkraftwagen. Teilweise verließen die Bewohner die Orte auch mit Gespannen. Die Bewohner Sottorfs und Vahrendorfs wurden überwiegend mittels LKW-Transporte nach Buchholz gebracht. Die Alvesener verließen ihren Ort in Richtung Sieversen, Langrehm und Emsen. Ehestorf wurde zum Niemandsland. Die Bevölkerung dort blieb sich selbst überlassen. Vereinzelt waren deutsche Soldaten im Ort. Der Hauptteil der deutschen Verbände befand sich jedoch kurz hinter dem Ort, in den ausgebauten Stellungen am Panzergraben.
Zu dieser Zeit befanden sich im Gebiet um Ehestorf sogenannte Volkssturmeinheiten aus Hausbruch, Neugraben und Fischbek. Ihr Einsatzgebiet war die »Heideburg«. Von dort kamen sie nach Ehestorf und bauten sich Unterstände im Waldgebiet in der Nähe des Panzergrabens.12 Zu ihren Aufgaben gehörte es, am Bismarckturm Nachtwache zu halten.
Am 20. April 1945 um 04.00 Uhr fuhr ein deutscher LKW mit einem Offizier und acht Mannschaften vor. Sie brachten auf Tragbahren zwei Bomben zum Bismarckturm herauf und bereiteten die Sprengung für 11.00 Uhr vor. Am Morgen des Tages wurden die Einwohner Ehestorf-Alvensens von der bevorstehenden Sprengung unterrichtet. Am Vormittag wurde der Bismarckturm dann von einem Sprengkommando gesprengt.13 Der Sinn dieser Sprengung war es, den britischen Truppen einen möglichen Beobachtungsposten und Richtpunkt für ihre Artillerie vorzuenthalten.
Ungefähr bis zum Mittag / frühen Nachmittag des 20. April wurden die Kettengeräusche und das vereinzelte Schießen der heranrückenden britischen Panzer immer lauter. und die Bewohner Ehestorfs verbrachten die Nacht überwiegend in den Schutzräumen.
Als in den Tagen bis zum 26. April nichts weiter geschah, kehrten die evakuierten Einwohner teilweise zurück. Die Briten errichteten in den besetzten Orten Posten und zeigten mit dem Auffahren von Panzern ihre Präsenz. Markant in Erinnerung geblieben ist den Bewohnern das Auffahren der Panzer entlang des heutigen Knickwegs um den Kiekeberg herum.14 Nach wie vor wurde das Gebiet regelmäßig von Tieffliegern überflogen.
Die Kampfhandlungen am 26. April 1945
Die Hauptlast bei den Kämpfen trug auf deutscher Seite die 7. Kompanie des Ausbildungs- und Ersatzbataillions der 12. SS-Panzerdivision »Hitlerjugend«. Deswegen wird auf die Geschichte dieser Einheit näher eingegangen. Bei den Einheiten des Ausbildungs- und Ersatzbataillons 12 handelte es sich um die 7., die 4. und die Stammkompanie.
Aufgestellt wurde die Einheit zusammen mit der 12. SS-Panzerdivision »Hitlerjugend« am 1.5.1943 in Arnheim in den Niederlanden. Im August 1944 war das Bataillon in der Küstenverteidigung in den Niederlanden eingesetzt. Am 1.9.1944 wurde es in SS-Panzergrenadier Ausbildungs- und Ersatzbataillon 16 umbenannt und zum Ersatzbataillon der 16.
SS-Panzergrenadierdivision »Reichsführer SS«. In Kaiserslautern wurde dann am 1.9.1944 eine neues Ausbildungs- und Ersatzbataillon 12 aufgestellt. Am 15.11.1944 wurde es nach Nienburg / Weser verlegt. Dort lag die 12. SS-Panzerdivision.15 Diese wurde dann nach Ungarn verlegt, während das Ausbildungs- und Ersatzbataillon bis zum April 1945 im Raum Nienburg / Weser bleibt.16 Dorthin wurden im März 1945 die letzten Wehrpflichtigen eingezogen.
Anfang bis Mitte April 1945 sind Teile des Bataillons in Stolzenau und Essel an der Aller in Kämpfe mit den heranrückenden englischen Verbänden verwickelt. Am 18. April 1945 gerät der größte Teil des Bataillons bei Soltau in englische Gefangenschaft. Die Reste des Bataillons, unter ihnen auch die 7. Kompanie als letzte verbliebene vollständige Kompanie, ziehen sich über Maschen, Hittfeld und Dibbersen zum Harburger Haakewald, wo sich der Panzergraben mit den befestigten Stellungen befand, zurück.17 Dort trafen sie am 20. April 1945 ein und bildeten die »Kampfgruppen Panzerteufel«18, gemäß einer Weisung des »Oberkommandos der Wehrmacht« aus dem Jahre 1943, nach der Ausbildungs- und Ersatztruppenteil selbständig als »Kampfgruppe« zu operieren haben, wenn sie von ihren Einheiten abgeschnitten sind19. Nach den Kämpfen in Vahrendorf verlassen die Reste des Bataillons Hamburg und ziehen sich nach Bad Bramstedt zurück. In Brokeloh gehen sie dann am 3.5.1945 in Gefangenschaft.20
Der Nachtangriff
Der Angriff der deutschen Verbände gegen die Stellungen der Engländer in Vahrendorf und rund um den Kiekeberg mit Alvesen begann gegen 1 Uhr morgens mit Artilleriebeschuss durch die in HH-Wilhelmsburg stationierte Flak. Die Hauptlast des deutschen Angriffs trug die 7. Kompanie des
SS-Ausbildungs- und Ersatzbataillons 12. Diese war in drei Züge aufgeteilt und rückte vom Gebiet des Truppenübungsplatzes und des Staatsforstes vor. Der eine Zug sollte direkt nach Vahrendorf vorstoßen, während die beiden anderen Züge Vahrendorf südlich und nördlich umgehen sollten.21
Den deutschen Angreifern gelang es, die Engländer zu überraschen und in Vahrendorf einzudringen. Verschiedene Schusswechsel fanden bis zum Morgengrauen statt. Ein deutsches Sturmgeschütz wurde bei dem Angriff in Vahrendorf zerstört, die Besatzung verbrannte.
Die britischen Truppen zogen sich nach dem ersten Nachtgefecht aus Vahrendorf zurück und besetzten den Ort bis 07.00 morgens erneut, nachdem sie von Sottorf aus Verstärkung herangeführt hatten. In den nächsten Tagen drangen sie bis Ehestorf vor.
Auf deutscher Seite gab es ungefähr 45 Tote (auf dem Soldatenfriedhof in Vahrendorf gibt es 49 Grabstätten, davon ist Grab 48 eine Gedenkstätte für den gefallenen Sohn des Bauern Peter Witt, in Grab Nr. 2 und Grab Nr. 4 liegt eine Flugzeugbesatzung einer vermutlich am 17.4.1945 bei Eckel
abgestürzten deutschen Maschine, in Grab 23 liegt ein serbischer Kriegsgefangener, der durch Artilleriebeschuss am 20.4.1945 starb). Ungefähr 30 - 40 deutsche Soldaten wurden verwundet und/oder gerieten in Gefangenschaft. Die Zahl der toten britischen Soldaten wird mit ungefähr 9 Toten angegeben. Die Zahl der britischen Verluste, inklusive der Verwundeten und Gefangenen, liegt bei ungefähr 90.22
Die noch anwesende Bevölkerung verbrachte die Tage in den Kellern und im Schutzstollen. Nach dem Abschluss der Kämpfe wurde die Bevölkerung erneut von den Briten aus der Kampfzone evakuiert und kehrte erst nach der Kapitulation Hamburgs in ihre Häuser zurück.
Das letzte Mal, dass Ehetorf-Alvesen in Kampfhandlungen einbezogen wurde, war am 29. April 1945, als noch einmal Artilleriebeschuss auf die Ortschaften niederging. Von welcher Seite aus dieser Beschuss erfolgte, lässt sich nicht mehr feststellen. Ein Schaden entstand bei diesem Beschuss nicht. Am 27. April erfolgte die Kontaktaufnahme der Hamburger Parlamentäre mit den britischen Truppen, die zur kampflosen Übergabe Hamburgs am 3.Mai 1945 führte.
Versuch einer Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte der Sage
Einige Tage nach der Kapitulation Hamburgs kehrten die Bewohner in ihre Häuser zurück. Viele fanden ihre Gebäude zerstört und teilweise geplündert vor. Die britischen Truppen forderten die Bewohner auf, nach Gefallenen zu suchen und diese zu bestatten. Insgesamt 16 Tote wurden in einem Massengrab in der Nähe des heutigen Soldatenfriedhofs beerdigt. Daneben existierte noch eine weiteres Massengrab in einem ehemaligen Bombentrichter, mit 23 Toten auf Hof des Bauern Peter Witt in Vahrendorf. Von wem dieses Grab angelegt wurde, lässt sich nicht mehr eindeutig feststellen.
Im März 1946 bemühten sich drei ehemalige Angehörige der 7. Kompanie, Wolfgang Buchwald, Eberhard Köpke, Karlheinz Muhs und zeitgleich auch der bis 1946 tätige Bürgermeister Witt, auf dessen Hofgrundstück sich das Grab II befand, um eine würdige Beisetzung der Toten. Peter Witt stellte das Grundstück des heutigen Ehrenfriedhofs zur Verfügung und bat sich aus, auf dem Ehrenfriedhof auch ein Gedächtniskreuz für seinen 1944 in Russland gefallenen Sohn aufzustellen. Wolfgang Buchwald befand sich 1946 als Kriegsgefangener bei einer britischen Transportabteilung und erhielt die Erlaubnis den Friedhof anzulegen und mit Hilfe des Bestattungsunternehmers Albers aus Harburg die Toten zu exhumieren und umzubetten. Dazu stellten die Briten Transportfahrzeuge und schweres Gerät zur Verfügung. Dabei wurde festgestellt, dass die Soldaten keine Soldbücher und/oder Erkennungsmarken mehr hatten. Andere Erkennungsmarken sollen aus einem Nebenraum einer Gaststätte von Unbekannten gestohlen worden sein. Ostern 1946 wurde der Ehrenfriedhof dem Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge übergeben und am 27. April 1947 feierlich der Öffentlichkeit vorgestellt.23 Von 21 Toten konnte die Identität anfangs nicht mehr festgestellt werden.
An diesem Ort fanden nun jährlich drei Gedenktreffen statt. Einmal anlässlich des Volkstrauertages durch den Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge, zum zweiten anlässlich des Schützenfestes und drittens aus Anlass des Kameradentreffens der HIAG.24 Bei diesen Treffen wurden jeweils Kränze mit der Aufschrift »Ihre Ehre hieß Treue« niedergelegt. An diesen Treffen nahmen neben dem Publikum auch verschiedentlich politische Vertreter und die lokale Presse teil. Dadurch wurde der Friedhof in den folgenden Jahren zum »Hauptumschlagsplatz« für die Sage.
Der Ursprung der Geschichte
Der Ursprung der Geschichte ist eine von Wolfgang Buchwald gegebene Beschreibung, die angeblich von Friedrich Borowski, ebenfalls einem Teilnehmer an den Kämpfen, stammte.25 Dabei berief er sich auf eine Begegnung mit Borowski, die nach Kriegsende stattgefunden habe. Herr Borowski wurde bei diesen Kämpfen schwerverwundet und wohnte später in der DDR, was eine erneute Befragung erschwerte. Anhand der Unterlagen aus dem Militärarchiv Freiburg, in dem die Bestände der HIAG gelagert sind, ist feststellbar, dass Borowskis eigentliche Aussage lautete: »...dass der Engländer südlich von Vahrendorf alleine 17 Mann zusammengeschossen hatte.«
In einem Brief an den Bürgermeister vom 1. Juni 1946 führt Buchwald aus, dass deutsche Gefangene von Engländern erschossen worden und er darüber eidesstattliche Aussagen hätte.26 Derartige Erklärungen wurden jedoch niemals aufgefunden. In dem Brief soll zunächst auch nur die Rede davon gewesen sein, dass »... die Soldaten an der Hecke erschossen wären, bei der Gefangennahme.«27
Die Entstehungsgeschichte geht anhand der Unterlage aus dem Militärarchiv (siehe Fußnote 34) folgendermaßen weiter:
»Somit musste sich also noch ein zweites Massengrab irgendwo befinden. Die Suche verlief zuerst ergebnislos. Dann besuchte ein englischer Soldat, der in Vahrendorf gegen uns gekämpft hatte, ein Mädel im Dorf. Buchwald stellte ihn zur Rede und erfuhr, dass eine Anzahl Tote in einem Bombentrichter auf dem Hof des Bauern Witt liegen müssten. Diese unglaubliche Nachricht bewahrheitete sich, als man einen Unrathaufen, der jetzt über dem Trichter lag, beseitigte.« »...Eine Hausangestellte meldete Herrn Buchwald, dass sie in einer Regentonne eine Anzahl Papiere gefunden hätte. Nun wusste man die Namen von Gefallenen, wusste aber nicht, in welchen Gräbern man sie beigesetzt hatte. Ausserdem berichtet die Hausangestellte, dass auf einer Wiese drei Soldaten einen Tag nach den Kämpfen erschossen wurden. Es fanden sich tatsächlich drei Gräber, aber die Toten hatten keine Papiere bei sich...«
Wann das Erzählstück »Exekution« auftauchte, lässt sich nicht mehr genau feststellen. Die eine Version sagt, dass diese bei der ersten Umbettung im Jahre 1946 festgestellt wurden. Buchwald gibt jedoch an, erst bei der Trauerfeier am 27.4.1947 von Borowski unterrichtet worden zu sein.28
Auch der damalige Bürgermeister erklärte, dass er nur vom Hörensagen von diesen Vorgängen erfahren hätte29, gleichzeitig war er jedoch einer der wichtigsten Multiplikatoren der Geschichte. Diese Geschichte wurde dann weitererzählt an den Bürgermeister von Ehestorf-Alvesen und den damaligen Direktor des Helms-Museums in Harburg. Ebenso zog sie weitere Kreise bei ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS.
Bereits 1946/47 ist also die Erzählung entstanden. Aus der Aussage »...wurden Soldaten zusammengeschossen...« wurde nun »...wurden Soldaten bei ihrer Gefangennahme hingerichtet...«, später »wurden drei Soldaten nach ihrer Gefangennahme exekutiert...«.
Die weitere Entwicklung von der Erzählung zur Sage
Dies Geschichte wurde im Laufe der Zeit immer weiter ausgeschmückt. Eine wesentliche Erneuerung erfuhr die Erzählung durch ihre Literarisierung. Wann diese genau erfolgte, lässt sich nicht mehr feststellen. In einem Bericht des Hamburger Abendblattes vom 26./27. April 1957 wird berichtet, dass 16 deutsche Soldaten von den Engländern durch Genickschuss exekutiert worden seien.30
Wolfgang Buchwald, der eigentliche Urheber der Erzählung, verarbeitete sie in Form einer »Waffen-SS-Legende«. Diese Version erschien zunächst in verschiedenen Veteranen- und rechtsextremen Zeitschriften (Der Freiwillige, Wikingruf). Diese Version lautet wie folgt:
»...Borowski liegt an der Spitze. Als er sich eine bessere Deckung suchen will, wird ihm von einer MG-Garbe das linke Bein förmlich abgeschossen. Mit letzter Kraft erreicht er eine schützende Mulde. Zeitweise schwindet bei ihm das Bewußtsein. Doch er erkennt noch, wie sich von Sottorf 16 SPW nähern und die Besatzung an der Wegkreuzung absitzt. Ein hünenhafter Sergeant, der >John Bull< gerufen wird, marschiert an der Spitze. In der Hand hält er einen großen Colt. Aber keiner von den 19 Mann steht auf. Sie sind anscheinend schon tot oder schwerverwundet. Ab und zu hört Borowski einen Schuß. Die verwundeten Kameraden werden von ihren Schmerzen erlöst. Plötzlich springt der Gren. Schadow, der hinter Borowski liegt, auf und schreit um Hilfe. Er erhält einen Schuss in den Hoden und bricht zusammen. Uscha. Lindner wird von seinen Schmerzen erlöst. Borowski schwimmt in einer Blutlache. Er merkt noch, wie man ihm seine Uhr abnimmt, dann verliert er sein Bewusstsein. Auf einer engl. Tragbahre erwacht er wieder und findet auf dem Verbandsplatz seinen Kameraden Schadow. Die beiden sind die einzigen Überlebenden. Die 17 toten Kameraden aber liegen noch tagelang in dem Graben. Nach dem Kriege finden wir sie in einem zugeschütteten Bombentrichter wieder. Wir können nur wenige identifizieren.«31
Im Bericht des Hamburger Abendblattes vom 26./27. April 1975 wird der Bericht »des einzigen Überlebenden«, dessen Namen nicht mehr bekannt ist wörtlich zitiert. Darin wird berichtet, dass 16 Soldaten am Wittschen Hof durch Genickschuss hingerichtet wurden. Am 29. April 1975 nimmt das Hamburger Abendblatt noch einmal Bezug auf seinen eigenen vorhergehenden Bericht.
Ihren literarischen »Höhepunkt« erfährt die Sage in dem vom Hamburger Abendblatt herausgegebenen Buch von Erik Verg »Hamburg 1945. 20 Tage zwischen Tod und Leben«. Dort wird die Erzählung von Wolfgang Buchwald wiedergegeben und zu der Todesursache ist dort zu lesen: »Als sie später (die toten Soldaten) auf dem Ehrenfriedhof umgebettet werden (1946) stellt ein ehemaliger Stabsarzt bei den meisten Genickschüsse fest.« Tatsächlich war ein Stabsarzt jedoch gar nicht anwesend.
Die Macht der »Geschichte« und der Umgang mit ihr
Aufgrund der ungeklärten Todesursachen und der anhaltenden Geschichte über die Genickschüsse führte am 24. November 1964 eine Kommission des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge eine Graböffnung aus und untersuchte die Überreste der 21 unbekannten Soldaten nochmals auf
Erkennungsmerkmale. Dabei wurden auch alle 14 Toten aus dem Massengrab beim Wittschen Hof, in dem die Exekutierten angeblich begraben worden sein sollten, untersucht. In der Zeit vom 27.11.1964 bis zum 1.12.1964 wurde für jedes geöffnete Grab eine Umbettungskladde mit Skelettbild angefertigt. Insgesamt wurden fünf Tote aus dem ehemaligen Massengrab I, 14 Tote aus dem Massengrab II und 2 vormals Einzelbestattete untersucht.
Bei der Auswertung der angefertigten Skelettbilder nach Verletzungen ergibt sich folgender Sachverhalt:
Verletzungsbild nach den Umbettungskladden des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorger32
Kopfverletzungen Kopf- und Körperverletzungen Körperverletzungen 6 8 8 Auch aufgrund dieser Unterlagen lassen sich keine eindeutigen Aussagen mehr zum Wahrheitsgehalt der Erzählung treffen. Bei der Auswertung der Körper- und Kopfverletzungen ist jedoch feststellbar, dass es keine Häufung von gleichartigen Verletzungen gibt. So kann festgestellt werden, dass es keine Beweise für gezielte Exekutionen gibt. Andernfalls hätte es eine starke Häufung von gleichartigen Kopf- und Brustverletzungen geben müssen. Auffallend ist jedoch die hohe Anzahl an Kopfverletzungen bei den untersuchten Toten, da zu berücksichtigen ist, dass es sich bei dem Kampf um ein Nachtgefecht gehandelt hat.
Das »offizielle« Ende der Sage
So rasant sich die Sage ausbreiten konnte, so abrupt war auch ihr Ende. Im Jahre 1987 erschien das Buch »Der Soldatenfriedhof auf dem Krähenberg« von Siegfried Papst. In diesem Buch beschäftigte er sich mit dem Kriegsgeschehen, der Entstehung des Soldatenfriedhofes und mit dem Wahrheitsgehalt der Sage. Er kommt zu dem Ergebnis, dass aufgrund der Graböffnungsprotokolle des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge aus dem Jahre 1965 einwandfrei hervorgehe, »daß sie nicht durch Genickschuß getötet worden sind.«33
Sein Fazit lautet vielmehr:
»Aufgrund dieser Feststellungen läßt sich keinesfalls behaupten, daß es zu irgendwelchen Verbrechen gekommen ist. Im Gegenteil, die während des Nachtgefechts verwundeten und später gefangenen Beteiligten Zimare und Paetzold berichteten von ihrer Einlieferung ins Lazarett mit Hilfe englischer Soldaten. - Vom Soldaten Schadow ist bekannt, daß er durch Splitter im Rücken erheblich verwundet wurde. Eine andere Verwundung lag nicht vor.«34
Neben der mündlichen und schriftlichen Ausgestaltung der Erinnerung, erfolgte mit der Anlage des Soldatenfriedhofes auch eine bauliche Gestaltung der Erinnerung. Dem jeweiligen Anerkennen des »Wahrheitsgehalts« der Sage entsprechend, vollzogen sich die baulichen Umgestaltungen.
Bauliche Gestaltung der Erinnerung
Auf dem Gelände ruhen 46 deutsche Soldaten und ein jugoslawischer Kriegsgefangener. Bis 1956 wurde der Friedhof von einem großen Holzkreuz überragt. Die Einzelgräber hatten Holzkreuze, auf denen der Name des Toten oder die Bezeichnung »Unbekannter Soldat« eingeschnitzt war. 1956 wurden die Holzkreuze durch die vom Volksbund bestimmten Natursteingrabkreuze ersetzt und das große Holzkreuz wurde entfernt. Auf der Friedhofsmauer wurde ein gusseisernes Kreuz aufgestellt. Aus dem provisorischen »Waffen-SS Friedhof« wurde ein offizieller Soldatenfriedhof. Am Volkstrauertag 1956 wurde der neugestaltete Ehrenfriedhof eingeweiht. Wegen des Straßenbaues in Vahrendorf wurde Ende der 1950er Jahre das alte Kriegerdenkmal aus Vahrendorf auf dem Ehrenfriedhof neu errichtet, das heißt eine streng geometrische Klinkermauer mit Namenstafeln wurde errichtet und die alten Namenstafeln wurden wiederverwendet. Diese Gedenktafeln bilden den westlichen Abschluss des Friedhofs. Das Denkmal wurde zunächst im Jahre 1920/21 als Natursteinmauer zu Ehren der Gefallenen und Vermissten des 1. Weltkrieges der Schulgemeinde Vahrendorf errichtet. Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Gedenktafeln des 1. Weltkrieges erneuert und dem Denkmal weitere Gedenktafeln der Gefallenen und Vermissten des 2. Weltkrieges aus den drei Ortschaften hinzugefügt. Desweiteren kam ein Gedenkstein »Den Toten im Osten zum Gedenken« hinzu. 1995 (das Buch von Papst erschien zuerst 1987) fügte die Gemeinde Rosengarten einen Gedenkstein am unteren Ende des Gräberfeldes mit der Inschrift »Hier ruhen 46 deutsche Soldaten und ein jugoslawischer Kriegsgefangener. Wenige Tage vor der kampflosen Übergabe Hamburgs fanden hier - besonders in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1945 - zahlreiche junge deutsche und britische Soldaten den Tod. Ihr Sterben mahnt uns zum Frieden. Gemeinde Rosengarten« hinzu. Aus der »deutschen« Soldatengedenkstätte wurde eine »internationale« Gefallenengedenkstätte.
Anpassung der Erzählung an die ermittelten Tatsachen und Entstehung einer politischen Sage
Die Anpassung der Erzählung an die ermittelten Tatsachen erfolgte in mehreren Schritten und nahm zunehmend Elemente der Sage auf.
- Einfügen einer mythischen Gestalt: Aufgrund der Tatsache, dass es keinen richtigen Augenzeugen für die Exekutionen gibt, taucht in der Erzählung nun als Augenzeuge eine »Hausangestellte« bzw. ein »alter Mann« auf, der auf dem Boden des Hofes die Hinrichtungen sah.
- Aufgrund der Tatsache, dass in den Graböffnungsprotokollen keine eindeutigen Hinweise auf Genickschüsse gibt, wurden die Todesart variiert, (Wenn sich die eine Todesart nicht beweisen lässt, dann stimmt vielleicht eine, die sich sowieso nicht eindeutig beweisen lässt).
- Aufgrund der Tatsache, dass es keine Dokumente gibt, die den Wahrheitsgehalt dieser Erzählung eindeutig beweisen, tauchen nun »Geheimdokumente« auf, die nicht zugänglich sind, die aber den Wahrheitsgehalt der Erzählung beweisen würden, wenn sie zugänglich wären, (Einfügen eines mythischen Schatzes, den es zu finden gilt.) Diese Version mit den nichtzugänglichen Geheimdokumenten nahm die rechtsradikale »Deutsche Wochen-Zeitung« in ihrem Artikel vom 12. Januar 1990 unter der Überschrift »Ungesühnter >Befreiungs<-Terror« auf.
- Je weiter das Ereignis zurückliegt, desto »blutrünstiger« und martialischer wird das erzählte Geschehen.
Wandel der Erzählung und Wandel in der Struktur von Erzählern und Zuhörern
Nicht nur die Erzählung selbst, sondern auch der Generationenwechsel von Erzählern und Zuhörern bedingte Änderungen. Der vermeintliche Urheber der Erzählung ist mittlerweile gestorben, und auch von den »Urohrenzeugen« leben nur noch wenige. Diese »Urohrenzeugen« haben die Erzählung von den damaligen Respektspersonen der Dörfer vernommen und als wahr aufgenommen. Diese erzählten ihrerseits die Geschichte weiter, und »sagenhafte« Elemente wurden in die Erzählung aufgenommen.
Auch der Wahrheitsgehalt der Erzählung wird von der Bevölkerung unterschiedlich akzeptiert. In der Zeit vom 20.3. bis zum 19.5.1998 führte ich fünf Zeitzeugengespräche. Am ersten Gespräch beteiligten sich acht Personen, am zweiten Gespräch fünf Personen, das dritte war ein Einzelgespräch, am vierten Interview beteiligten sich fünf Personen und am fünften Zeitzeugengespräch waren noch mal sechs Personen beteiligt. Die interviewten Personen kamen aus den Dörfern Ehestorf, Vahrendorf, Alvesen und Sottorf. Bei diesen Gesprächen fragte ich nicht gezielt nach dieser Geschichte, sondern die Anwesenden kamen teilweise von sich aus darauf zurück. Da, wo die Geschichte nicht direkt Gegenstand der Interviews war, lenkte ich das Gespräch auf die Geschichte mit der Bemerkung »Ich habe gehört, da soll so etwas passiert sein«, um den Bekanntheitsgrad und die Akzeptanz des Wahrheitsgehalts dieser Erzählung festzustellen. Dabei stellte sich heraus, dass die Männer, die selbst als Soldaten eingezogen waren und folglich zum genannten Zeitpunkt gar nicht in ihren Dörfern waren, diese Geschichte als wahr empfinden. Die Frauen der Kriegsgeneration haben von sich aus die Geschichte nicht erzählt, betrachten die Geschichte aber als möglich. Ab dem Jahrgang 1928 wird die Geschichte von den einheimischen Frauen und Männern nicht mehr selbstverständlich als wahr angenommen. Ab dieser »jüngeren« Generation tritt nun ein Wandel in der Erzählung ein, indem man die Erzählung mit den Worten beginnen lässt: »Es wird gesagt/ Man erzählt sich, dass...« bzw. man beendet die Geschichte mit den Worten »Ob die Geschichte wahr ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Ich glaube es eigentlich nicht.« Mittels dieser Tradierung hat die Erzählung nun den Stand einer Sage erreicht. Für die Zukunft ist es nicht auszuschließen, dass diese Sage wieder verschwindet, wenn sich das Bewusstsein weiter in die Richtung hin entwickelt, dass es sich bei der Sage um eine »falsche« Geschichte handelt.
Bei dieser Bewertung dürfte auch die gewandelte politische Einstellung eine Rolle spielen. So genehm die Sage bis in die 1970er Jahre hinein gewesen sein mag, so passgenau war die »Falschheit« der Sage ab den 1980er Jahren. Aus den »Kameraden«, »jungen Soldaten« und »heldenmütige Kämpfern« wurden »Nazis«, »Verbrecher« und »ewig Gestrige«. Der »Nazispuk« am Friedhof sollte aufhören, auch deshalb wurde 1995 die neue Gedenktafel aufgestellt.
Die Funktion der Sage
Die Erzählung bzw. die jetzige Sage handelt im politischen/militärischen Bereich, das heißt es handelt sich im untersuchten Fall um eine sukzessiv entstandene politische Sage, deren Funktion vor allem eine identitäts-stiftende ist. Sie ist zunächst identitätsstiftend für die ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS und dem angegliederten rechtsradikalem Milieu. Sie hat bzw. hatte für die Angehörigen der Kriegsgeneration eine rechtfertigende Wirkung. »Nicht wir / oder nur wir waren Verbrecher, sondern die »Sieger« auch.
Vor allem aber auch für die örtliche Bevölkerung ist sie immer noch identitätsstiftend. Dadurch, dass die Erzählung/Sage bekannt ist und erzählt wird, ist man nicht mehr Außenstehender. Dadurch, dass die Sage erzählen von Ortsansässigen erzählt wird, bringt man zum Ausdruck, dass man Erzählenswertes hat und als »Geheimnisträger« zur örtlichen Gemeinschaft gehört. Sie trägt damit zur regionalen Identität bei und unterstützt den »dörflichen Eigensinn«.
Der mögliche Wahrheitsgehalt der Sage - eine Interpretation
Zunächst ist festzuhalten, dass es für keine der beiden Aussagen (»Soldaten wurden hingerichtet« oder »Alles frei erfunden«) eindeutige Beweise gibt. Trotzdem scheint eine Interpretation möglich zu sein. Diese sei im Folgendem dargestellt.
Am 26./27. April 1945 fanden tatsächlich in den Ortschaften Kämpfe statt. Die genannten deutschen Verbände waren dort tatsächlich im Einsatz. Bei diesen Kämpfen gab es auf beiden Seiten Tote und Verwundete. Bei diesen Kämpfen wurden deutsche Soldaten bei bzw. nach ihrer Gefangennahme erschossen. Diese Gefangenen hatten sich »zu spät« ergeben. Massenhinrichtungen oder systematische Erschießungen fanden nicht statt.
Für diese Interpretation sprechen folgende Beobachtungen:
Diese Berichte tauchen bei Erzählungen von Veteranen des 1.Weltkrieges, des 2. Weltkrieges, des Falklandkrieges und des Golfkrieges auf.
Zuletzt waren solche Szenen im Film »Der Soldat James Ryan« von Steve Spielberg für ein Millionenpublikum zu sehen. Die Szenen in diesem Film basierten wiederum auf Schilderungen von US-amerikanischen Veteranen. In diesen konnte man sehen, wie amerikanische Soldaten, die unmittelbar die Landung an der Normandie überlebt hatten, deutsche Soldaten, die sich in ihren überrannten Stellungen ergaben, erschossen.
Zusammenfassung
Im vorliegenden Fall ist es besonders interessant zu beobachten, wie die klassischen Merkmale der Sage im Rahmen einer ursprünglichen Erzählung auftauchen. Für die Erzählung gab es zunächst nur einen angeblichen Augen- bzw. Ohrenzeugen. Viele Randbegebenheiten entsprechen den historischen Tatsachen. Zum Beispiel wurde an den erwähnten Tagen tatsächlich gekämpft, wurden toten deutsche Soldaten ohne Erkennungsmarke aufgefunden, gab es tatsächlich Massengräber. Die eigentliche Kernaussage, dass gefangengenommene deutsche Soldaten von den britischen Soldaten systematisch hingerichtet wurden, lässt sich jedoch nicht bewiesen. Gleichwohl wird diese Geschichte weitererzählt, dabei den jeweils neusten Erkenntnissen angepasst, so dass eine politische Sage aus der ursprünglichen Erzählung geworden ist. Die Funktion dieser politischen Sage liegt dabei in ihrer identitätsstiftenden Wirkung. Dabei ist es besonders wichtig, dass die dörfliche Bevölkerung diese Sage benutzt, um »Insider-Wissen« weiterzugeben bzw. sich selbst als »Insider« erkennenzugeben.
Bei dieser politischen Sage könnte man demzufolge von einer politischen »Insider-Sage« sprechen. An den Umgang mit dieser Erzählung bzw. Sage (Weitererzählen, bauliche Gestaltung des Friedhofes bzw. jährlich wiederkehrende Gedenkveranstaltungen unter Einbezug der dörflichen Bevölkerung, Rezeption durch die Presse), lässt sich bemessen, welche - auch gestaltende Kraft - das Gedächtnis hatte, und welche kulturelle Bedeutung dem Gedächtnis zukommt.
Auch das »Glaubenwollen« der Sage passte sich den allgemeinen politischen Gegebenheiten an. Aus dem »Glaubenwollen« der Kriegsteilnehmergeneration wurde eine »Nichtglaubenwollen« der »nach 68er Generation«.
1 Harald Welzer: Das soziale Gedächtnis. In: Harald Welzer (Hg.): Das soziale Gedächtnis. Hamburg 2001, S.13.
2 Ebd., S. 14.
3 Ebd.
4 Ebd., S.14.
5 Ebd., S.13.
6 Ebd., S.15.
7 Ebd., S.15.
8 Das betreffende Gespräch habe ich am 28.4.1998 geführt und auf Tonband aufgezeichnet.
9 Zeitzeugenaussage im Interview vom 20.4.1998.
10 Schriftlicher Bericht einer Ortsansässigen. Original ist beim Verfasser.
11 Zeitzeugenaussage im Interview vom 19.5.1998.
12 Meine Gedanken zum Bismarckturm vor 40 Jahren. Berichte des ehemaligen Volkssturmmanns Karl Martens. Geschrieben am 8.8.1985. Bestand Ehestorf.
13 Ebd.
14 Zeitzeugenaussage im Interview vom 15.5.1998.
15 Georg Tessin: Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und Waffen SS im Zweiten Weltkrieg, Band 3, Osnabrück 1974, S. 258.
16 Militärarchiv Freiburg Bestand N 756 / 340.
17 Militärarchiv Freiburg Bestand N 756 / 340.
18 Siegfried Papst: Der Soldatenfriedhof auf dem Krähenberg. Rosengarten-Ehestorf 1987, S.39.
19 Militärarchiv Freiburg Bestand N 756 / 338.
20 Militärarchiv Freiburg Bestand N 756 / 340.
21 Vgl. Papst, wie Anm. 18.
22 Ebd., S. 12.
23 Ebd., S.1o
24 Die HIAG ist die Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS. Da die Waffen-SS nach dem Krieg als verbrecherische Organisation geführt wurde, standen deren Angehörigen keine Unterstützungsansprüche gegenüber dem Staat zu. Neben der individuellen Unterstützung ihrer Mitglieder, widmete sich die HIAG auch der Traditionspflege der Waffen-SS, da die Originalunterlagen der Waffen-SS noch in der Endphase des Krieges von der Waffen-SS vernichtet worden sind, damit sie nicht den eintreffenden Alliierten in die Hände fielen. Es existieren also keine Orignalunterlagen der eingesetzten Waffen-SS verbände mehr.
25 Papst, wie Anm. 18, S.41.
26 Ebd., S. 41.
27 »Ehrenfriedhof Vahrendorf«, Militärarchiv Freiburg, bestand N756/340.
28 Bericht über die Untersuchungen im Zusammenhang mit dem Ehrenfriedhof Vahrendorf und den Geschehnissen im Umfeld von Vahrendorf. Dieses ist ein Bericht eines ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS, der zusammen mit dem Journalisten Siegfried Papst, die Ereignisse um den Ehrenfriedhof im Zusammenhang mit der Entstehung des Buches von Papst untersuchte.
29 Papst, wie Anm. 18, S. 41.
30 Ebd., S. 43.
31 Der Freiwillige, HIAG Zeitschrift, ohne Jahr.
32 Quelle: Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge Kassel. Umbettungskladden Gemeinde Vahrendorf. Archiveinsicht des Autors, 2000.
33 Papst, wie Anm. 18, S. 43.
34 Ebd.
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