|
| UHH FB Kulturgeschichte und Kulturkunde Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie | Suche |
(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 1, 1/2002. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)
Warum man nach Wien oder überhaupt ins Ausland gehen sollteKatrin Dardemann
»Warum gehst du denn gerade nach Wien?« Das ist die Frage, die mir bald gestellt wurde, wenn ich von meinen Plänen, ein Auslandssemester in Österreich einzulegen, berichtete. Als ich mich vor einem Jahr entschloss, das Wintersemester 2001/02 am Institut für Europäische Ethnologie in Wien zu verbringen, traf ich diese Entscheidung eigentlich mehr aus dem Bauch heraus. Da dieses Semester nun hinter mir liegt, kann ich diese Frage konkreter beantworten.
Ich will an dieser Stelle auch gar nicht erst damit beginnen, die Stadt an sich, ihr kulturelles Angebot, die Kneipen, das Essen, die Kaffeehäuser und die bevorzugte Lage des Instituts - zwischen Staatsoper und Hofburg mit direktem Blick auf Burggarten und Hofburg aus dem Seminarraum - zu rühmen. Wahrscheinlich würde ich kein Ende finden.
Vielmehr will ich hier ungehemmt dafür werben, ein oder zwei Semester im Ausland zu verbringen. Es ist einfach wahnsinnig interessant, andere Schwerpunkte und Sichtweisen der Volkskunde kennen zu lernen. In Wien liegt dies vor allem daran, dass dort das Fach in Richtung Europäische Ethnologie sehr forciert wird. So heißt die Studienrichtung zwar weiterhin Volkskunde mit dem Zusatz Ethnologia Europaea, das Institut wurde aber am 1. Januar 2000 in »Institut für Europäische Ethnologie« umbenannt. Diese neue Namensgebung spiegelt sich auch im Institutsalltag wider, und ich musste mich daran gewöhnen, »Europäische Ethnologie« an Stelle von »Volkskunde« zu sagen oder doch letzteres immer mit dem Schrägstrich-Zusatz »Europäische Ethnologie« zu versehen.
Sehr interessant war im Zusammenhang mit dem Studium in Wien auch die Tatsache, in einem Staat zu studieren, dessen derzeitige Regierung die Förderung der Volkskultur in sein Regierungsprogramm aufgenommen hat. So habe ich mich während dieses Semesters vor allem in dem Seminar »Volkskultur, Nationalismus und Politik« mit dem Begriff der Volkskultur kritisch auseinander gesetzt, bei dem ich bisher zwar immer erschauderte, mit dem ich mich aber nie wirklich befasst hatte. Dieser Begriff war dort am Institut viel präsenter als ich ihn in Hamburg erlebt hatte, vor allem auch dadurch, dass enge Kontakte zum Österreichischen Museum für Volkskunde und zum Österreichischen Volksliedwerk bestehen. Durch die Präsenz und die kritische Diskussion dieses Begriffs, mit dem ich zu Beginn wirklich Schwierigkeiten hatte, war ich quasi gezwungen, mich mit ihm zu befassen.
Weitere Themen in dem Seminar »Volkskultur, Nationalismus und Politik« bei Konrad Köstlin waren u.a. das Konzept der »public folklore« in den USA und die Funktion und Dekonstruktion nationaler und regionaler Narrative. Dabei spielte auch immer die Konstruktion des Eigenen vor dem Hintergrund der Globalisierung eine Rolle, womit das Thema »Identität« einen zentralen Stellenwert im Seminar erhielt.
Das Wiener Institut zeichnet sich weiterhin dadurch aus, dass es sowohl in praktischer als auch theoretischer Hinsicht sehr enge Verbindungen zur Museumsarbeit hat. Mehrere Mitarbeiter des Instituts zählen Museumswissenschaft zu einem ihrer Arbeitsschwerpunkte. Im vergangenen Semester nahm ich deshalb an einer Vorlesung und Übung »Museum und Objekt. Texte zu Dingverständnis und Museumstheorie« sowie an einer Exkursion in das Österreichische Museum für Volkskunde zu der Ausstellung »Istrien: Sichtweisen« teil. Bedingung für den Erwerb der Exkursionsbestätigung war das Schreiben einer Ausstellungskritik. Für mich war dies eine Möglichkeit, das im Rahmen der Vorlesung Diskutierte, auf die Beurteilung der Ausstellung praktisch anzuwenden.
Ferner bot der Auslandsaufenthalt die Möglichkeit, nicht nur die institutsangehörigen Lehrenden kennen zu lernen. So las Christine Burckhardt-Seebass aus Basel als Gastprofessorin in Wien. Weiterhin besuchte ich eine Vorlesung von Dieter Kramer, der in Frankfurt in der öffentlichen Kulturarbeit und als Museumskustos tätig ist. In der Vorlesung »Prosperitätsgesellschaften. Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart« gingen wir weiter als die sonst »klassische« volkskundliche Zeit- und Raumgrenze zurück und behandelten Beispiele wie Wildbeutergesellschaft, Renaissance und das Japan der Tokugawa-Zeit, um unterschiedliche Formen des Umgangs mit Prosperität zu diskutieren und uns damit den gegenwärtigen Praktiken zu nähern. In diesem Zusammenhang ging es auch immer wieder um die Bedingungen für und die Beziehung zwischen Wirtschaftsformen und Kultur.
Ein organisatorischer Aspekt des Studiums in Wien, den ich für sehr wichtig halte, ist die verpflichtende Teilnahme an einem Proseminar zum Thema »Kulturtheorien« im ersten Studienabschnitt. Den Entschluss, dieses Proseminar zu besuchen, obwohl ich ja in Hamburg schon im zweiten Studienabschnitt bin, habe ich auf keinen Fall bereut, da es mir sehr geholfen hat, mein »Durcheinander« von Theorien und Namen zu strukturieren und zu ergänzen.
Neben den Vorlesungen und Seminaren hat weiterhin das Institutskolloquium dazu beigetragen, für mich neue und auch alte Aspekte der Volkskunde zu entdecken. Außerdem finden in Wien an so vielen unterschiedlichen Orten und Institutionen interessante Vorträge und Ausstellungen statt, dass ich manchmal gar nicht wusste, wo ich anfangen sollte und jetzt natürlich alles bereue, was ich an Möglichkeiten nicht wahrgenommen habe.
Ich kann nur allen empfehlen, ein oder mehrere Semester an einem anderen Institut zu studieren. Das Institut für Europäische Ethnologie in Wien ist zudem noch hilfsbereit und offen, besonders was GaststudentInnen betrifft. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt und nette Leute kennen gelernt. Besonders mit meiner Mitbewohnerin, die auch Volkskunde studiert, und einer Gaststudentin aus Kopenhagen habe ich viel und oft bis spät in die Nacht diskutiert. Ich denke, dass die Möglichkeit, sich mit vielen unterschiedlichen Leuten und damit auch differierenden Sichtweisen über das Fach und seine Themen auseinander setzen zu können, unabdingbar ist, um neue Ansätze und Ideen zu entwickeln und weiter zu denken...
Diese Möglichkeit bietet das Institut für Europäische Ethnologie in Wien vor allem dadurch, dass es sowohl in Bezug auf Lehrende als auch Studierende sehr international ausgerichtet ist. Weiterhin war dieses Semester, die Kontakte, die ich dadurch knüpfen konnte, sowie die vielen interessanten und neuen Begegnungen und Diskussionen ein hoher Motivationsfaktor für mich. Außerdem hält Wien natürlich jede Menge Spaß bereit. Also, lasst es euch gesagt sein: »Schaut mal über den Tellerrand und studiert an einem anderen Institut !« Vielleicht habe ich euch ja ein wenig Lust auf Wien gemacht. Das würde mich freuen. Und das Wiederkommen ist auch ein ziemlich gutes Gefühl.
| Impressum | Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster |