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(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 2, 10/1999. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)
Seminarbericht: "Der Weg zum anderen..." Mediale Formen der PartnerfindungVieles im Bereich der Organisation und Anbahnung von Paarbeziehungen scheint sich in den letzten Jahren aus dem privaten Bereich verabschiedet zu haben und enttabuisiert - von einer vielschichtigen Medienlandschaft aufgesogen worden zu sein. Neben den klassischen Printmedien hat sich ein breiter Markt zwischen Fernsehen, Radio und Internet etabliert, in dem von Single-Shows in Radio und Fernsehen bis zu Chatrooms und Kontaktanzeigenanbietern im Internet ein breites Angebot auf »dem Weg zum anderen« offeriert wird.
Die Zuhilfenahme eines Mediums zum Kennenlernen eines Partners ist keineswegs neu. So finden sich die ersten Heiratsannoncen bereits im 17. Jahrhundert in England.1 In den letzten Jahren hat sich der Umgang mit medialen Angeboten zur Partnerfindung stark gewandelt. So konnte die Soziologin Margot Berghaus etwa noch 1985 in einer der wenigen Studien, die die Sicht der Inserenten und Insrentinnen berücksichtigen und sich nicht auf die Kontaktanzeige als Quelle beschränken, feststellen, dass »mehr als zwei Drittel der Inserenten angeben, in irgendweiner Weise unter Einsamkeit und Kontaktmangel zu leiden. Das passt in die gängigen Vorstellungen, die man sich gemeinhin von Annoncierungen macht.«2 Eine Einschätzung, die der Kultursoziologe Jo Reichertz wenige Jahre später relativiert und in der eine Tendenz aufgezeigt wird, die sich mit dem Einbezug neuer, anderer Medien noch zu verstärken scheint. »Kontaktanzeigen in Stadtmagazinen oder die Suche nach dem anderen, den man nicht treffen will« lautet die im Titel anklingende These von der gewandelten Funktion von Kontaktanzeigen. Vorwiegend geht es nicht mehr um die ernsthafte
Suche nach einem Partner, sondern um die unterhaltende Wirkung, die sich im Spiel mit Möglichkeiten und Unbekannten erzielen lässt.3
Mit Blick auf Kommunikationsmedien liegt die Stärke des volkskundlichen Blicks darin, mit qualitativen Verfahren die Plastizität alltäglicher Erfahrungen sichtbar machen zu können. An verschiedenen Beispielen wurde im Seminar eine Perspektive gesucht, die auch darin bestand, wirkmächtigen Medienbildern eine Perspektive der Erfahrung gegenüberzustellen.
Im folgenden finden sich die gekürzten Essays, die im Seminar entstanden sind und Einblicke in verschiedene Themen und Medien der Partnersuche geben. »Singles 2000« ist der Titel einer täglich auf tm3 ausgestrahlten Sendung, in der jeweils zehn partneruchende Singles in kurzen Videoclips vorgestellt werden. Mit einer Analyse der Inszenierungsmethoden beschäftigt sich Kai Pioch. Wiebke Gentemann hat sich in ihrer Arbeit mit den in den Clips vermittelten Wert- und Wunschvorstellungen beschäftigt und diese nach geschlechtsspezifischen Charakteristika befragt.
Dass die in der Volkskunde sprichwörtlich gewordene Angst des Forschers vor dem Feld eine bemerkenswerte Metamophose durchlaufen kann, erfuhren Ina Katrin Orbitz und Katja Güttler als sie die Erfahrung machten, dass sich das Feld vor ihnen fluchtartig zurückzog. Die ethnographische Betrachtung einer Videobild-Agentur wurde so beinahe zum kulturwissenschaftlichen Kriminalstück.
Dem Boom des Internet auch als Medium für die Kontaktanbahnung spürte Helge Neu nach
1 Zur Kulturgeschichte der Kontakt- und Heiratsannonce vgl. etwa: Monika Kremer: Partnersuche und Partnerschaft im deutsch-französischen Vergleich 1913-1993. Eine empirische Analyse zum Wertewandel von Heirats- und Bekanntschaftsanzeigen. Münster u.a. 1998. (= Münchener Beiträge zur interkulturellen Kommunikation, Bd.5). S. 23f. Viola Riemann: Kontaktanzeigen im Wandel der Zeit. Opladen 1999.
2 Margot Berghaus: »Einsame Herzen« Die Zeitung als Vermittler von persönlichen Kontakten. In: Marianne Grewe-Partsch, Jo Groebel (Hg.): Mensch und Medien. Zum Stand von Wissenschaft und Praxis in nationaler und internationaler Perspektive. München u.a. 1987. S.166-180, hier S.167.
3 Jo Reichertz: Kontaktanzeigen in Stadtmagazinen oder die Suche nach dem anderen, den man nicht treffen will. In: Stefan Müller-Doohm, Klaus Neumann-Braun (Hg.): Öffentlichkeit Kultur Massenkommunikation. Oldenburg 1991. S.251-265, hier S.254.
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