|
| UHH FB Kulturgeschichte und Kulturkunde Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie | Suche |
(vokus. volkskundlich-kulturwissenschaftliche schriften. heft 2, 10/1999. herausgeber: hamburger gesellschaft für volkskunde c/o institut für volkskunde)
Die Umfrage zum Bachelor
Janina Kriszio
Die Diskussion um neue Abschlüsse, effizienteres Studieren und die Einführung eines Bachelor-Abschlusses hat nun schon seit längerem Hochkonjunktur. Im Vokus 1/2000 gab es bereits einen Artikel zu diesem Thema. Wir berichteten über die Diskussion um die bevorstehende Einführung des B.A.s am Fachbereich 09 und kündigten eine Umfrage zu diesem
Thema an.
Vom Fachbereich gibt es bisher noch nichts Neues. Zwar wurde ein Entwurf für eine Prüfungsordnung zum Baccalaureat1 erarbeitet, doch Konkretes gibt es hier nicht zu berichten. Wann es möglich sein wird, einen BA in Volkskunde zu machen, steht noch nicht genau fest. Zwar erfährt die Einführung des BA größeres Interesse als andere Themen, doch sollte das Mahlen der Verwaltungsmühlen nicht unterschätzt werden. Erinnert sei an dieser Stelle an die letzte Änderung der Magisterprüfungsordnung, die sich letztlich über 12 Jahre hinzog...
Die erwähnte Umfrage liegt inzwischen schon mehr als ein halbes Jahr zurück. Sie wurde im August 2000 unter allen Hauptfachstudierenden am Institut für Volkskunde durchgeführt. Obwohl sich nur sehr wenige beteiligten, kamen interessante Vorschläge und sehr unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema zu tage.
Sinn und Zweck dieser Umfrage sollte es sein, den Nutzen eines solchen neuen Abschlusses aus studentischer Sicht zu erfahren. Halten die Studierenden einen B.A.-Abschluss in Volkskunde für sinnvoll? Würden sie ihn einem Magisterabschluß vorziehen? Wie sollte ein Bachelor-Studiengang in Volkskunde nach Meinung der Studierenden aussehen?
Bei der Ausarbeitung des Fragebogens wurde daher von der Lebenssituation »Studium« ausgegangen. Welche Anforderungen stellt das Studium an Studierende? Welche Ziele sollen erreicht werden, welche Umstände verlangt der Weg dorthin? - Erst mit diesem Hintergrund erschien es sinnvoll, die Frage zu stellen, ob ein neuer Abschluss wie der Bachelor die Situation der Studierenden erleichtern bzw. verbessern kann. Eine konkrete Stellungnahme zum Bachelor-Abschluss stand nicht an erster Stelle. Vielmehr sollte den Befragten Raum gelassen werden, die allgemeinen und individuellen Probleme und Vorteile des Volkskundestudium zu schildern. Dementsprechend zog sich der Fragenkatalog über vier Din A4 Seiten hin. Die Fragen betrafen 1. allgemeine Informationen zur Person, Semesteranzahl, Organisation von Studium und eventuellen Nebenjobs, 2. Einschätzung der aktuellen Studiensituation: Aufbau, Inhalte, Ausrichtung, Betreuung u.s.w. 3. Fragen speziell zum Bachelor und zum Magister und 4. Fragen zu Vorstellungen über die berufliche Zukunft.
Von etwa 150 verschickten Fragebögen wurden nur 22 zurückgesandt. Dabei war sogar mit Unterstützung des AStA für Rückporto gesorgt worden. Eine äußerst schlappe Rücklaufquote! - Bei postalisch verschickten Fragebögen ist das allerdings nicht so selten.2 Im Rahmen des Vokus-online konnte der Fragebogen auch im Internet ausgefüllt werden. Zwar wurde die Seite häufig besucht, doch nutzte kaum jemand die Möglichkeit, auch hier Porto zu sparen!3
Eine solche Fragebogen-Aktion ist sicherlich immer eine Menge Arbeit und letztendlich nur bedingt aussagekräftig. Aber es kam doch ein Menge über die aktuellen und konkreten Probleme im Studienalltag ans Licht, was unbedingt in die Überlegungen zu einem neuen Abschluss miteinbezogen werden sollte. Umfragen zu Studienreformen und neuen Abschlüssen sind an verschiedenen Volkskunde-Instituten - zumeist von den Fachschaften organisiert - schon häufiger durchgeführt, allerdings nur im kleinen Rahmen veröffentlich worden. Umfassende, institutsübergreifende Umfragen zu Studienreformen und Studienalltag unter Studierenden in der Volkskunde gibt es eher selten. Häufiger sind sog. Verbleibstudien. Sie beschäftigen sich hauptsächlich mit der Frage nach dem Einstieg ins Berufsleben nach dem Volkskundestudium.4
Zum Umfrageergebnis5
Die/der durchschnittliche Befragte war in der Regel weiblich (14/6 - weiblich/männlich), 26,5 Jahre alt und im achten Semester. Die Befragten waren zwischen 21 und 50 Jahre alt. Bei der Semesteranzahl waren zwischen dem ersten und dem 18ten fast alle Jahrgänge gleichmäßig vertreten.
Eine einheitliche Stellungnahme zum Bachelor ergab sich nicht. Vielmehr spiegelten die Antworten das allgemeine, undurchschaubare Chaos der B.A.-Diskussion wider: Einigen war das Thema B.A. völlig neu. Andere haben bereits konkrete Berührung mit dem B.A. in ihren Nebenfächern gehabt. Eine grundsätzliche Trennung der Abschlüsse - ein auf breites, statt detailliertes Wissen angelegter, verschulter B.A.-Studiengang auf der einen Seite und auf der anderen Seite der Magisterstudiengang wie bisher, für die Leute, die auch nach dem Studium weiter wissenschaftlich arbeiten wollen - halten die meisten für richtig. »Der B.A. ist das was die deutschen Unis brauchen. Für all diejenigen, die nicht als Wissenschaftler arbeiten wollen, aber auch nicht den Weg der Berufsausbildung gewählt haben. Und das sind viele.« schreibt ein Studierender.
Es lässt sich sagen, dass die jüngeren Semester unter den Befragten tendenziell einem kompakteren Studiengang mit B.A.-Abschluss positiv gegenüberstehen. Die älteren Semester dagegen sehen den Bedarf einer derartigen Strukturreform nicht unbedingt und fürchten um momentane Qualitäten des Volkskundestudiums. Häufig fällt in diesem Zusammenhang das Schlagwort »Schmalspurstudiengang«. Immer wieder wird bezweifelt, dass Geisteswissenschaften überhaupt schnell und effektiv zu »erlernen« sind. Ein neuer Abschluss erscheint lediglich als weitere, chic verpackte Sparmaßnahme in der Hochschulpolitik.
Neben solchen hypothetischen Äußerung wurden in der Umfrage aber vor allem verschiedene handfeste Probleme im Studienalltag geschildert. Konkreter Kritikpunkt ist z.B. das Grundstudium. Eine stärkere Strukturierung am Anfang des Studiums würde nach Meinung der meisten Befragten von Vorteil sein. Vielen Befragten fehlt es offensichtlich an Vermittlung von einheitlichem Grundwissen, Überblick und Orientierung.
»Es fehlte die Grundlagenvermittlung, durch die man die einzelnen Themen noch besser hätte untersuchen können bzw. einen Bezug hätte herstellen können.« heißt es beispielsweise. »Das Ineinandergreifen von Theorie und Empirie wurde [im Grundstudium] nicht ausreichend vermittelt.« Vorschläge für mehr Struktur und Orientierung im Grundstudium lauten: »Deadlines für Hausarbeiten, einfacher zu erlangende Hausarbeiten.«, »Obligatorische Seminare, Klausuren wären gut, um sich über den eigenen Wissensstand bewusst zu sein.«, »Bei Mittelseminaren zusätzliche Tutorien, die als 2 SWS zählen. Schnellere Korrektur der Hausarbeiten, besser noch Klausuren, damit man seinen Wissensstand besser einschätzen kann und in den Ferien neben Hausarbeiten auch noch genügend Zeit für Praktika und Jobs hat.«, »Seminare mit ,Aufgaben` außerhalb des Seminarraumes - z.B. in Gruppen losgeschickt werden, um Feldforschung zu einem bestimmten ,Kurzaspekt` zu betreiben = mehr Arbeit draußen." Als grundsätzliches Problem wird häufig das geringe Angebot an Proseminaren und Vorlesungen genannt. »1 Proseminar/Semester ist zu dürftig. Nicht jeder kann den Zugang zum Fach finden ohne die Chance zur Wahl.«
Ein weiteres, spezifisch volkskundliches Problem ist die Debatte um Fachkonsens und Namensgebung des Faches. Was ist Volkskunde? Diese Frage trifft ja bekanntlich den wunden Punkt eines jeden Volkskundlers. Kaum etwas gibt das Fach mit seinen Qualitäten und Problemen in so bezeichnender Weise wider wie diese Diskussion, die sich um diese kleine doch elementare Frage rankt. Die Altgedienten des Faches verstricken sich gerne immer wieder mal in diesen Diskussionen. Es sollte aber auch klargemacht werden, welche Orientierungsschwierigkeiten dies gerade für Fachanfänger bedeuten kann. Studieren ja, aber was eigentlich...?
»[...] Manchmal wünscht man sich konkretere Ansagen, was den Fachkonsens betrifft. Was es aber nicht gibt, kann man nicht lehren.«
»Negativ: die Schwammigkeit bzw. allg. Uneinigkeit darüber, was nun eigentlich Volkskunde ist.«
Einige Bachelorstudiengänge zeichnen sich dadurch aus, dass neben Fachinhalten auch Zusatzqualifikationen wie EDV-Kenntnisse, Sprachen o.ä. verbindlich angeboten werden. Der Hauptteil der Befragten hält solche Zusatzausbildungen in Hinsicht auf den Arbeitsmarkt für sinnvoll und auch notwendig. Als problematisch wird jedoch die Verbindlichkeit bewertet. Volkskundliche Inhalte müssten in einem sechsemestrigen B.A.-Studiengang bereits stark komprimiert werden - Zusatzqualifikationen sollten hier keine weitere Verkürzung der Lehre verursachen. »[...] ein B.A. - Volkskunde soll eine Aussage über kulturwissenschaftliche Fähigkeiten machen, nicht über EDV-Kenntnisse.« Eine Möglichkeit wäre es z.B. Sprach- und EDV-Kurse fakultativ anzubieten.
Lange Studienzeiten erscheinen den meisten Befragten problematisch. Z.B. wird beklagt, dass durch die fehlende Struktur im Studium, das Niveau in den Seminaren zu heterogen sei. »Langzeitstudenten heben das Niveau in Pro + Mittelseminaren dermaßen an, dass man jede Sitzung völlig frustriert und voller Selbstzweifel verlässt. [...] Es fehlen Tutorien in den Mittelseminaren für Studienanfänger, die nach 2 Proseminaren ins kalte Wasser geschubst werden, weil das Niveau plötzlich zu hoch ist [...].«
Das Klischee vom Langzeitstudenten, der es sich in der sozialen Hängematte »Studium« bequem gemacht hat, lässt sich beim Lesen der Fragebögen jedoch nicht unbedingt wiederfinden. Die Befragten arbeiten am Studium im Durchschnitt 10,9 Stunden pro Woche, davon 6,4 Stunden für Volkskunde. Alle Befragten gehen irgendeiner Nebentätigkeit nach. Zwischen 10 und 20 Stunden werden in der Woche dafür verwand. Infolge dessen erledigt kaum jemand mehr als 2 Scheine pro Semester. Etwa die Hälfte der Befragten gibt an, dass der Nebenjob inhaltliche Parallelen zum Studium aufweist.
Der Bereich Nebenjob sollte in den Plänen zu Studienreformen nicht unterschätzt werden. Studierende als billige Arbeitskräfte sind vom Arbeitsmarkt nicht wegzudenken, erinnert man sich an die Aufregung um die letzte Reform der 630-Mark-Jobs. Warum nicht dieses Potential nutzen und den Bereich Nebenjob stärker in die Studienstruktur einbinden? Gerade im geisteswissenschaftlichen Studium ist ein allmählicher Übergang vom Studium ins Berufsleben heute Realität. Dem entgegen steht als Hürde die Magisterarbeit, die mit fast einem Jahr Arbeit am Schluss des Studiums oft eine abrupte Unterbrechung dieses fließenden Überganges bedeutet.
Neben aller Kritik wurden natürlich auch ganz klare Qualitäten genannt, die das Volkskundestudium ausmachen. Bei aller Diskussion um neue Abschlüsse und Strukturreformen sollten diese nicht unter den Tisch fallen!
»Freiheit in der Wahl des Forschungsgegenstandes.«
»Ich mag Volkskunde als historisch-aktuelle Sozialwissenschaft.«
»Das weitgefasste Themenfeld und das Einbeziehen verschiedener Wissenschaften.«
»Die beinahe unbegrenzte Themenvielfalt, die Nähe am Gegenstand, der kulturwissenschaftliche Blick.«
»Die Vielfalt der Themen, die Nähe zum Menschen, die Möglichkeit qualitativ zu arbeiten, konkrete alltagsbezogene Themen.«
»Die Möglichkeit, gesellschaftlich relevante Fragen zu untersuchen.«
»Menschen beobachten, darüber schreiben, Lesen, Theorien mit Selbst-Beobachtetem verknüpfen, kritisieren.«
»Die Möglichkeit, alle relevanten Gegebenheiten und Ereignisse der Gegenwart wissenschaftlich betrachten zu können.«
»Die Nähe zum erforschten Objekt.«
»Interdisziplinär...«
»Das kleine Institut mit familiärer Atmosphäre.«6
1 Zur Baccalaureatsprüfung könnte sich demnach anmelden, wer Zwischenprüfung im ersten Hauptfach bestanden und das Grundstudium in Nebenfach/-fächern erfolgreich abgeschlossen hat. Zusätzlich würde ein Hauptseminar benötigt, in dem eine schriftliche Arbeit zu verfassen ist. Die mündliche Prüfung - 45 Minuten im Hauptfach - sollte damit in der Regel nach 6 Semestern erfolgen. 2 Wiederholungen der Prüfung wären möglich. (Baccalaureatsprüfung des Fachbereichs Kulturgeschichte und Kulturkunde. Entwurf nach zweiter Beratung im Studienreformausschuß am 28. Juni 2000).
2 Viele Sozialforscher weisen darauf hin, dass die Rücklaufquote bei schriftlichen, postalisch verschickten Fragebogenaktionen normalerweise sehr gering ausfällt. Rücklaufquoten von unter 10% sind keine Seltenheit - Rücklaufquoten von über 20% können schon als gutes Ergebnis gewertet werden. Vgl. Jens Hoppe, Michael Schimek, Michael Simon (Hg.): Die Volkskunde auf dem Weg ins nächste Jahrtausend. Ergebnisse einer Bestandsaufnahme (=Münsteraner Schriften zur Volkskunde, Europäischen Ethnologie, Bd.1) Münster1998. S. 61.
3 Insgesamt wurde die Seite bis heute 320 Mal aufgerufen. Davon im August 2000 92 Mal. Damit lag die Seite auf Platz 9 der Besucherstatistik der Instituts-Homepage. (Sept.:49/Okt.: 38/Nov.: 42/Dez.: 36/Jan. 2001: 35/Feb.: 28.)
4 Als aktuelleres Beispiel sei hier die Verbleibstudie von Jens Meesenburg genannt, die im Auftrag des DGV 2000 allerdings lediglich auf Diskette veröffentlicht wurde und über den DGV angefordert werden kann.
5 Zitate aus den Fragebögen sind im folgenden kursiv gedruckt!
6 Die komplette Umfrage kann in der Bibliothek eingesehen werden.
| Impressum | Letzte Änderung: 08 Mar 08 webmaster |